Neue Freunde, neue Geheimnisse – 11-13. Firn 242 (Uldumstag)

Am Mirastag begleitete Mitras Kira auf dem Weg zum Matheunterricht, um dann zu Nathanael weiter zu fahren. Der Magus empfing ihn in seinem Anwesen, das gar nicht so weit weg war vom Anwesen di Pinzons entfernt lag. Es war aber im Vergleich zur Herzogsresidenz geradezu bescheiden, auf dem ersten Blick jedenfalls. Es war eins der Eckhäuser eines ganzen Wohnblocks, der am Rand des Adelsviertels errichtet worden war. Die Gebäude waren zweistöckig, wobei das Erdgeschoss ein bisschen höher gebaut war als die beiden darüber liegenden Geschosse. Außerdem war der ganze Block voll unterkellert. Nathanaels Eckhaus verfügte außerdem über einen Turm, der direkt an der Ecke des Hauses drei Geschosse empor ragte und im Dach ein kleines Observatorium beheimatete. Der Eingang zum Gebäude war wiederum im Fuß des Turmes. Anders als die rechteckigen und kleiner geschnittenen mittleren Elemente des Blocks waren die vier Eckgebäude quadratisch und verfügten auch über die größten Gärten. Der Turm war allerdings Nathanaels Alleinstellungsmerkmal. Die Astronomie war schon immer das Steckenpferd des Magus und soweit Mitras wusste gehörte ihm mehr als nur das Eckhaus von diesem Block. Der ganze Komplex war auch hochmodern, vollelektrisiert, mit perfekter Wasserversorgung und komplett neu. Mitras lebte bereits ein Jahr in seinem Haus, als er zum Einzug des Magus eingeladen worden war.

Mitras hatte nie herausgefunden, woher Nathanael so viel Geld hatte, um sich nicht nur eines dieser Anwesen zu leisten, sondern gleich mehrere, die er dann zu horrenden Summen an erfolgreiche Händler oder sehr vermögende Adelige vermietete. Mitras gab gerne mal mit seinem Geld an, aber selbst eines der kleineren Häuser in der Mitte zu kaufen, würde seine gesamten Mittel komplett aufbrauchen und ihn dann noch zwingen Kredite aufzunehmen. Nathanael verkaufte nichts, jedenfalls nichts von dem Mitras wusste, und auch wenn sein vorheriger Posten als Bibliothekar der Gilde durchaus viel Prestige inne hatte, so war die Besoldung doch eher bescheiden. Aber trotzdem ließ Nathanaels Reichtum Mitras geradezu arm aussehen. 

Der Butler, der Mitras die Tür öfnete, geleitete ihn in den zweiten Stock, wo Nathanael ihn bereits im Turmzimmer erwartete. Der Raum war nahezu kreisrund, bis auf die gerade Wand, die ihn von der Bibliothek davor abtrennte. Der Boden war von einem dicken dunkelgrünen Teppich bedeckt. Jede Wandfläche, die nicht aus einem Fenster bestand, war von Bücherregalen in Beschlag genommen worden. Hier standen Nathanaels Schätze und in einer kleinen Komode befand sich sein Whisky Vorrat. Mitras wusste, was für eine Ehre es war, dass neben den ganzen hochwertigen Sorten auch eine Flasche Rum stand. Oder stehen sollte, denn jetzt gerade befand sie sich auf einem kleinen Beistelltisch neben einem 25 jährigen besonders teuren Whisky, von dem Mitras wusste, dass es Nathanaels Lieblingstropfen war, den er aber nur in Momenten der Entspannung herausholte. Links und rechts des Tisches standen zwei sehr bequeme Ledersessel. Im Linken von der Tür ausgesehenen saß dann nun auch der Magus. „Ich grüße dich mein Freund.“ sprach er freundlich und prostete ihm mit seinem Whiskyglas zu. „Setz dich und bedien dich. Womit kann ich dir helfen?“ Mitras schenkte sich ein Glas von dem Rum ein, die Flasche war deutlich älter als Kira und wahrscheinlich teurer als sein halber Bestand an Rumsorten, und setzte sich. „Nun mein Freund, es sind zwei Sorgen die mich hertreiben, also neben der allgemeinen Freude dich mal wieder besuchen zu können.“ sagte er und prostete nun seinerseits Nathanael zu. „Zum einen das Dauerärgernis Secus und zum anderen einige Besonderheiten bezüglich meiner Schülerin.“ „Kira, richtig? Sie bereitet dir doch hoffentlich keine Probleme oder? Sie wirkte auf mich wie ein anständiges, talentiertes Mädchen.“ „Nun was den Anstand angeht, kommt sie ganz nach ihrem Mentor…“ „So schlimm?“ Unterbrach ihn Nathanael lachend. Gespielt entrüstet antwortete er: „Nein, so gut. Und nein, sie bereitet mir keine Probleme, aber sie weist diverse Besonderheiten auf, die ich so noch nicht erlebt habe. Ihr Potential ist jetzt bereits sehr groß, ihr gelingen mittlerweile Zauber aller Schulen, Hellsicht am besten. Sie hat mit einem einfachen Magie entdecken Zauber gut verborgene Spionagezauber in meinem Haus entdeckt.“ „Moment, was hat sie gefunden?!“ Nathanael beugte sich ruckartig vor. „Wie gesagt zwei Sorgen, aber da komme ich gleich drauf zurück. Nathanael kann es sein, dass ihre Begabung falsch eingeschätzt wurde?“ „Nun, die Artefakte, die wir für die Messung benutzen sind tatsächlich recht störungsanfällig, was keine der Schulen jemals offen zugeben würde, am wenigsten die Schule der Hellsicht, die sie erschafft. Aber mit der Kernbegabung liegen sie immer richtig. Und ja es ist extrem selten, dass ein Magier in allen vier Bereichen brilliert, aber es kommt vor.“ „Wirklich? Ich kenne keinen, bei dem das der Fall ist.“ Nathanael lachte abermals. „Doch, tust du. Mich. Und ja, ich hänge es nicht gerne an die große Glocke, ich glaube du bist der erste in den letzten zehn Jahren, dem ich das erzähle. Was Kira angeht, habe ich eine Vermutung. Erzähl mir mehr.“ Mitras sah seinen Freund und Mentor erstaunt an. Wenn das stimmte, war es ein enormer Vertrauensbeweis. Nathanael offenbarte seine Geheimnisse nicht leichtfertig.“Also, wie gesagt, ihr fallen alle Zauber leicht, meistens jedenfalls…“ Mitras berichtete von all seinen Beobachtungen in den letzten Wochen, wie Kira plötzlich trotz aller Übung auf der Bergstraße die Kontrolle verlor, wie sie ihre Magiesicht beschrieb, dass sie Probleme hatte in Räumen Magie zu sammeln, und diese anscheinend gezielt oder unbewusst entleerte und von physischen Hindernissen wie Wänden gehemmt wurde. Er berichtete von ihren intuitiven Fähigkeiten, die es ihr ermöglichten Zauber zu wirken, ohne deren konkrete Struktur zu kennen, auch wenn das nur sehr rudimentär zu klappen schien. Und er berichtete von dem Geist, der sie als Kind begleitet hatte. Nathanael hörte aufmerksam zu und nickte gelegentlich. Als Mitras endete, nahm er einen tiefen Schluck und antwortete: „Nun Mitras, deine Schülerin ist eindeutig eine Skirhexe, beziehungsweise ein Nachkomme einer ihrer Linien.“ „Ja, Nathanael, das vermute ich auch schon länger und darüber haben wir ja auch schon spekuliert.“ „Ja, aber Mitras, weißt du auch, was das heißt?“ Mitras sah ihn verwirrt an. „Wie, was das heißt? Nun ja, sie wird ein paar Besonderheiten aufweisen, ähnlich wie die Inuk.“ „Ah, du bist dem Geheimnis schon auf der Spur. Ich wusste gar nicht, dass du dich mit dem fahrenden Volk auskennst.“ „Naja, auskennen ist nicht der richtige Begriff, aber ich kenne eine ihrer Magierinnen, was aber auch schon mehr ist als ich dir eigentlich sagen dürfte.“ Nathanael lächelte wissend. „Schon gut, von mir droht ihr keine Gefahr. Mitras, was den Gildenmagiern des Reiches nicht bewusst ist, die Gildenmagie kratzt nur an der Oberfläche der magischen Möglichkeiten. Sowohl die Skir, als auch mein Ursprungsvolk haben eine deutlich tiefere Verbindung zur Magie als es die Erben der Rasenner haben. Ich weiß nicht, woran das liegt. Aber magiebegabte Skir und Astellianer sind deutlich mächtiger als die stärksten Gildenmagier. Sie kommen aber wohl auch seltener vor. Und Kira macht da keine Ausnahme. Sie ist aber nicht nur stärker, für sie funktioniert Magie anders als für dich. Und auch für mich. Ich kann nur aufgrund meiner eigenen Unterschiede spekulieren, wie es sich für sie auswirkt, die Skir sind mir auch fremd. Soweit ich vermute, haben die Skir ebenso wie ich eine stärkere Bindung an die Geister und die uns umgebende Natur. Wir können somit auch die Magie genauer sehen und punktueller beeinflussen – gleichzeitig wirken unsere Zauber aber, hmm… weiter in die allgemeine Umgebung hinein. Was die Unterschiede anbelangt – soweit ich weiß, ist es nicht im Wesen der Hexen, ihre Umgebung zu drangsalieren. Die Grausamkeiten, die man ihnen nachsagt, habe ich noch nie bestätigt gesehen, sie sind nicht grausamer als ein Wintersturm. Der kann durchaus gefährlich sein, aber er ist ein Teil der Natur und somit auch nicht in besonderem Maße grausam, wie es manche Menschen sind. Viele Skirhexen, denen ich begegnet bin – und das waren nicht besonders viele – hatten Tiere oder sogar Geister als ständige, loyale Begleiter, die ihnen, wenn ich das richtig vermute, aus einem Gefühl der Zuneigung und Liebe folgen. Das passt zu deinem Bericht über den unsichtbaren Freund.“ Mitras sah ihn sprachlos an. Er hatte gewusst, dass Nathanael aus dem Dschungelreich stammte, aber diese Enthüllung über seine und Kiras Herkunft überwarf vieles, was er über Magie wusste – er hatte stets geglaubt, alle Magier seien gleich. Kira würde ihn also schon bald überflügeln, zumindest was die Bandbreite ihrer Zauber anbelangte. Und Kraft würde  Das hatte er zwar schon vermutet, aber es knickte ihn nun doch ein bisschen. Aber gut, es gab Schlimmeres. Viel wichtiger war, konnte er der Lage noch Herr bleiben? „Nathanel, wenn das alles stimmt, wie soll ich dann als ihr Mentor genügen? Ich beherrsche nur die Hälfte der Magie, die ihr offen steht und ich werde dann auch schon bald nicht mehr fähig sein, sie bei Fehlern zu schützen. Verdammt, wenn Thadeus davon erfährt…“ „Wird er nicht!“, schnitt Nathanael ihm das Wort energisch ab. „Und mach dir keine Sorgen, du bist fähig genug für sie zu sorgen. Wenn ich es richtig entsinne, bezeichnete sie dich als Freund, richtig?“ Mitras nickte. „Nun, dann wirst du ihr ein Freund sein. Das braucht sie am meisten – gute Freunde und Partner, die sie stützen und auch leiten, wenn das zuviel an Macht einem zu Kopf steigt. Ich bin auch zuerst gildenmagisch ausgebildet worden, es schadet nicht. Man entdeckt die eigenen Besonderheiten nach und nach, und abgesehen davon, dass sie dir ab und zu mal was in die Luft heben wird – oder sprengen – wird nichts schlimmes passieren. Wir sind, soweit ich es erlebt habe, tief mit der Magie verbunden, der Wille zu überleben lässt da auch spontane Zauber zum eigenen Schutz zu. Und außerdem – du musst ihr gar nicht alles selber beibringen. Einen guten Elementarmagier werde ich wohl finden können, der sie unterrichtet, aber es genügt, wenn wir das angehen, sobald sie in der Schule ist, bis dahin sollten deine Fähigkeiten und die Bücher genügen. Und die Hellsicht – vielleicht kann deine Inuk da helfen?“ Mitras schwieg einen Moment. Die Zweifel ebten nur langsam ab. „Nun gut, ich gebe mein Bestes.“, sagte er schließlich mit einem Seufzen. „Und ich werde Hilfe annehmen. Aber ich werde auch versuchen mehr über ihre Herkunft heraus zu finden. Zu wissen, woher sie stammt und ob es da noch mehr Verwandte gibt, kann sicher helfen.“ „Gut, halte mich bitte auf dem Laufenden, was das angeht. Es könnte auch politisch irgendwann noch wichtig werden.“ Nathanael wiegte ein wenig den Kopf. „Aber es kann sein, dass du da gegen Mauern rennst – die Hexen sind nicht ohne Grund unbekannt bei uns. Sie schützen sich und die Ihren, indem sie uns im Unwissen lassen. Im Süden ist es im Übrigen das Gleiche. Es war nicht leicht für mich, mehr über meine Herkunft heraus zu finden.“ Nathanael nahm einen weiteren Schluck und blickte bedeutungsschwer in den Raum, ohne noch etwas zu dem Thema zu sagen. Mitras dachte daran, dass er die friedliche Haltung der Hexen als Unterschied bezeichnet hatte – bedeutete das, dass sie Astellanier und ihre Verbindung zur Natur es nicht waren? Doch er traute sich nicht, weiter zu fragen. Die Informationen, die er gerade erhalten hatte, waren der Geheimnisse genug für einen Tag, und er war dankbar für Nathanaels Vertrauen.

​“Gut, Mitras, du hast noch eine Sorge, die di Porrums? Sind die Spione von ihnen platziert worden?“ Mitras seufzte erneut. „Wenn ich das wüsste!“ Er beschrieb, dass die Nachforschungen von Titus am Mord seines Mitarbeiters gescheitert waren und berichtete anschließend detailliert über die Spione​​.​​ „Hmm, schade, dass du beide zerstört hast, aber es ist wohl besser so. Ich glaube aber nicht, dass sie dir irgendwie geschadet haben. Der Stein muss wieder eingesammelt werden und so wie die Vase stand wird sich darüber nichts wichtiges in Erfahrung bringen lassen. Außerdem glaube ich nicht, dass sie nach Außen übertragen hat. Du solltest dich aber gegen weitere Einbrüche wappnen. Wer auch immer dir den Stein untergejubelt hat, wird ihn auch wieder herausholen wollen. Und ja, so ein leichtsinniger Plan kann nur von den di Porrums kommen. Andere wären da subtiler. Ich habe nachher etwas für dich, du hast zwei Eingangstüren, oder?“ Mitras nickte verwirrt. „Gut, ich habe einige mit Konterzaubern versehene Artefakte, die sehr unauffällig sind und dich warnen, wenn nochmal so ein Spionagezauber auf diesem Wege in dein Haus kommt. Ich nutze sie selbst, und glaub mir sie funktionieren und sind notwendig. Ich werde mal meine eigenen Kontakte wachklopfen und sehen, ob ich herausfinde was Secus im Schilde führt. Aber genug jetzt davon. Lass uns den Rest des Nachmittags über angenehmeres plaudern.“  Es fiel Mitras zwar eine Weile noch schwer, aber letztendlich entspannte er sich und sie redeten über Nathanaels Pläne, ein weiteres Haus weiter die Straße hinauf zu kaufen, ebenso wie seine Überlegungen zum Frühlingsfest der Gilde und Mitras Forschungen zum Elektrum. Als er Kira abholen musste, hatte er die neuen Erkentnisse schon gut genug verarbeitet, um sich nichts mehr anmerken zu lassen, und so endete der Tag so gewöhnlich wie jeder andere Miras.

Nach dem Laden am Mafuristag schaffte Kira es kaum noch, einzuschlafen. Mitras Hände auf ihrer Haut und sein Anblick, als er elegant den Zauber wob, waren nach den Ereignissen am Silenz einfach zu verlockend geworden. Sie erwischte sich mehrfach dabei, wie sie darüber nachdachte, ob sie ihn einfach küssen sollte, und verwarf es dann ganz schnell wieder. Als sie dann endlich schlief, hatte sie wilde Träume, aus denen sie keuchend und voller Erregung aufwachte. Wie sollte das so weiter gehen? Sie fühlte sich einsam und hilflos. In Bispar hatte sie viele Probleme gehabt, aber nie solche. Sie hatte immer gewusst, wer sie war und was sie wollte. Sie erwartete ungeduldig den Nachmittag, um mit Sebastian sprechen zu können.

Er wartete bereits vor der Bibliothek auf sie. „Hallo, Kira!“, winkte er. „Hast du Lust, heute mal mit zu mir nach Hause zu kommen? Mir ist es einfach zu kalt und matschig heute hier draußen.“ „Musst du nicht arbeiten?“, fragte Kira erstaunt. Sebastian zuckte mit den Schultern und grinste sie an. „Ich habe meine Schicht getauscht, seitdem du jeden Uldum hier bist, komme ich eh nachmittags nicht genug zum Arbeiten.“ Kira wusste nicht, was sie sagen sollte. „Aber…“ Sebastian nahm ihren Arm und wischte ihren Widerstand beiseite. „Shh, wird meine beste Freundin wohl schweigen?“ Sie schwieg. Beste Freundin klang gut. „Also, gespannt auf meine Jungesellenbude?“ Sie lächelte und hakte sich richtig ein. „Natürlich!“ „Ist auch nicht weit weg.“ Sebastian führte sie zum äußeren Rand der Altstadt. Bei einem dreigeschoßigen Haus mit weißer Fassade blieb er stehen. „Tadaa! Naja, also, natürlich wohne ich nicht im ganzen Haus. Mir gehören oben ein paar Zimmer.“ Kira blickte das Haus hinauf. „Aber selbst das, dass du in der Altstadt wohnst, hätte ich nicht gedacht.“ Sebastian lächelte. „Meine Frau Mama lässt sich nicht lumpen, stimmt schon. Komm!“ Er führte sie durch das dunkle Treppenhaus nach oben. Tatsächlich hatte er mit ein „paar“ Zimmern recht – es waren nämlich zwei, wobei das Wohnzimmer ziemlich groß war, und eine kleine Küche enthielt. „Hast du gar keine Bediensteten?“, fragte Kira erstaunt, während sie sich im Wohnzimmer umsah. Neben einem großen Sofa gab es mehrere Sessel und einen kleinen Ofen. Eine Ecke war eindeutig zum Essen eingerichtet, dort stand ein großer Tisch mit vier Stühlen. Eine Vitrine war mit verschiedenen Mineralien und einigen ausgestopften Tieren gefüllt, die restlichen Wände waren hingegen mit Bücherregalen versehen. Es war ein wenig, als käme man in eine gemütliche Version einer Bibliothek. So, wie sie Sebastian von Anfang an gemocht hatte, mochte sie auch seine Wohnung. Er legte seinen Mantel ab und zuckte nachlässig mit den Schultern. „Meistens esse ich eh bei meinen Eltern oder im Restaurant, und zum putzen kommt die Haushälterin meiner Eltern einmal die Woche, das genügt.“ Interessiert betrachtete Kira das einzige Gemälde, dass über dem Sofa hing. Es zeigte eine Familie, aber ganz eindeutig nicht Sebastians, wie sie anhand der dreiblättrigen Blüten auf den Umhängen schloß – diese Art der Lilien durften nur Mitglieder des Königshauses tragen. Sebastian folgte ihrem Blick. „Hast du sie schonmal gesehen?“ Kira schüttelte den Kopf. Sebastian kletterte auf das Sofa, nachdem er seine Schuhe ausgezogen hatte, und zeigte auf die verschiedenen Personen. „König Elon di Leonidas, Königin Liliane, Kronprinz Aurel, Prinz Belisar, Prinzessin Kristina und…“, er stockte kurz, „Prinzessin Amelie.“ Neugierig sah Kira ihn an. Er war tatsächlich ein bisschen rot geworden. Sie blickte nocheinmal auf das Bild. Die beiden Prinzessinnen waren auf dem Bild etwa 13 oder 14. Sie sahen sich so ähnlich, dass Kira vermutete, dass sie Zwillinge waren. Ob eine von ihnen seine geheime Liebe war? Das würde dann allerdings zweierlei bedeuten: Erstens war seine Familie noch mächtiger, als sie vermutet hatte, denn Sebastian hatte mal angedeutet, dass er seine geheime Liebe schon als Kind gekannt hatte. Als Kind Kontakt zum Königshaus zu haben, war schon etwas. Und zweitens hatte er dann tatsächlich Recht damit, chancenlos zu sein als nichtmagischer Adeliger. Die Sprösslinge des Königshauses wurden stets magisch verheiratet, und diese Heiraten dienten mehr der Politik als der Liebe, soweit wusste Kira schon aus den Erzählungen von Sebastian, Abby und Tobey, die alle drei mit großer Freude alle Geschehnisse der oberen Adelshäuser verfolgten und, soweit Kira verstand, auch gerne darüber tratschten. Sie hatte sich bisher dafür nicht so interessiert, aber wenn ihre Vermutung stimmte, verstand sie plötzlich deutlich besser, warum Sebastian sich für solchen Klatsch so interessierte. Er mochte ihren Blick bemerkt haben, denn er fragte eilig: „Möchtest du was trinken?“ Kira nickte. Falls sie Recht hatte, würde er ihr es erzählen, wenn die Zeit reif war. Sie ließ sich aufs Sofa sinken. Liebe war so kompliziert! Sebastian, der mit zwei Gläsern Wasser wieder in den Raum kam, lachte sie an. „Du siehst völlig fertig aus. Hat unser guter Magister dich so hart schuften lassen?“ Kira lief bei der Erwähnung von Mitras sofort rot an. „Nein…“, sagte sie mit kläglicher Stimme. „Er ist zu gut zu mir…“ Sebastian lachte sie aus. Nein, eigentlich lachte er mit ihr, realisierte sie, als sie selbst von seinem Lachen angesteckt grinsen musste. Es war aber auch zu albern! Da saß sie hier, wurde mit Geld und Zuneigung und Spaß übergoßen und war immer noch nicht zufrieden. „Soso, was hat er denn getan, dein Angebeteter?“ Erst zögerlich, dann immer schneller werdend erzählte sie ihm vom Laden, vom Ausflug und der Umarmung, von der Eisfigur, von seinem Lächeln und von ihren Gedanken. Letzteres kostete sie einiges an Überwindung, aber Sebastian war ein aufmerksamer und rücksichtsvoller Zuhörer und der private Raum half ebenfalls. Letztendlich saß sie mit einer Mischung aus Schwärmen, Heulen und Verzweiflung auf seinem Sofa und schüttete alles aus, was sich in den letzten Wochen angesammelt hatte – von ihrer Unsicherheit im Umgang mit Herzog di Pinzon, der konstanten Angst, doch wieder heimgeschickt zu werden, Mitras Arroganz beim Treffen mit den di Porrums bis hin zu ihren Gedanken über Sex, die sie selbst so gar nicht einordnen konnte. Irgendwann hörte Sebastian auf, ihre Erzählung zu kommentieren und hörte still zu, nur als sie anfing zu weinen, reichte er ihr stumm ein Taschentuch. Als sie geendet hatte, öffnete er die Arme, und sie ließ sich gegen ihn sinken. Einen langen Moment saßen sie schweigen auf dem Sofa, dann befreite sich Kira vorsichtig aus der Umarmung und richtete sich etwas verlegen auf. „Tut mir leid. Das war vielleicht ein bisschen viel…“ Er schüttelte den Kopf. „Alles gut. Wir wollten Freunde sein, und Freunde hören auch einander zu.“ Kira schluckte. Freunde war ein so seltsames Wort für sie. „Danke. Ich weiß nicht genau, wie Freundschaft eigentlich funktioniert, aber ich bin dir sehr dankbar, dass ich endlich mal über all das sprechen konnte. Sonst habe ich ab und zu mit meinem Bruder gesprochen, er war mein Vertrauter, aber wenn man ehrlich ist, ist er eigentlich nur selten da und wenn er da ist, hat er wenig Zeit. Ich glaube, er mag mich, aber so wie du mir gerade zugehört hast, so haben mir bisher nur Geister und die Bäume zugehört.“ Sebastian strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute sie ernst an. „Dein Leben war wirklich nur halbschön, oder?“ Sie nickte. „Und mein neues Leben ist ein bisschen zu schön…“ Er lachte. „Ahja, aber dein Humor ist wieder da. Schau, was das Problem mit dem Sex anbelangt, ich habe nichts dagegen, dir einiges zu zeigen, als Freunde eben. Hier in der Stadt ist es nicht unüblich, dass Freunde auch körperliche Freuden miteinander teilen – wenn alle Beteiligten das wollen.“ Kiras Kopf rauschte. Von ihm Dinge gezeigt bekommen? Sebastian sah gut aus und war sicherlich sehr erfahren, aber die Vorstellung, mit ihm intim zu werden, ließ eher Alarmglocken als Vorfreude in ihr schrillen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann das nicht. Ich… ich will nur… nur dass er mich anfässt, niemand sonst.“ Sebastian war zu ihrer Erleichterung nicht beleidigt, sondern lächelte sie verständnisvoll an. „Das ist in Ordnung, du bestimmst, was du willst. Du bist eine freie Magierin, niemand kann dich zwingen – und das sollte meiner Meinung nach sowieso für jede Frau gelten.“ Dem konnte Kira vorbehaltlos zustimmen. Sie überlegte kurz, ob sie Sebastian von Johann erzählen sollte, ließ es dann aber. Persönliche Enthüllungen hatte sie heute genug gehabt. Sie schaute ihn von der Seite an, wie er auf dem Sofa saß, das Glas in der Hand. Die Strähne fiel schon wieder nach vorne, fast in die Augen. „Weißt du, dass du mich gerade ein wenig an meinen Bruder erinnerst? Wie eine bessere Version von ihm, mit mehr Zeit, mehr Fürsorge und mehr Geld.“ Sebastian lachte schallend. „Ist das jetzt ein Kompliment für mich oder eine Beleidigung für deinen Bruder?“ Sie grinste. „Eigentlich ein Kompliment für euch beide. Ich vermisse ihn oft. Wie gesagt, er war mein vertrautester Mensch in Bispar, und der netteste. Bruder Harras war eher mein Mentor, und er hat mich für die Lehrstunden auch durchaus viel arbeiten lassen, aber das ist ok. Ich vermisse die Fröhlichkeiten meines Bruders und die Wärme und Ruhe von Bruder Harras. Und die Wälder um Bispar, die sind etwas besonderes.“ Seufzend ließ sie sich tiefer aufs Sofa sinken. „Und dennoch bin ich unendlich froh, hier zu sein, mit einem tollen besten Freund, großartigen Chancen zum Lernen und einen viel zu gutaussehendem Mentor.“ Sebastian grinste. „Da du deine sexuellen Gelüste ja nicht anderswo ausleben möchtest, sollten wir dann wohl einen Plan schmieden, wie du ihn verführen kannst, nicht?“ Kira sprang fast vor Schreck auf. „Nein! Das geht nicht! Das kann ich doch nicht machen!“ Sebastian stellte das Glas ab, weil er zu sehr lachen musste. „Neeein?“, ahmte er sie nach. „Wieso denn nicht?“ „Weil… Weil er viel älter ist als ich. Weil er mein Mentor ist. Weil es seinem Ruf schaden würde. Und ich glaube, er will das auch gar nicht. Ich kann ihn doch nicht zu etwas bringen, was er nicht will. Und ich weiß ja selbst nicht mal, ob ich überhaupt Sex mit einem Mann haben will.“ Sebastian lachte immer noch. „Glaub mir, Kira, das willst du. Wenn der Mann es richtig macht, ist Sex auch für die Frau ein großes Vergnügen. Die Horrorgeschichten, die du da eben erzählt hast, sind möglicherweise wahr – aber nur, wenn die Männer einen Scheiß auf das Wohl ihrer Frauen geben.“ Kira blickte zu Boden und schwieg einen Moment. „Ja, kann sein. Ich bin aber irgendwie noch nicht so weit. Ich glaube, ich bräuchte da erstmal ein Buch zu oder so…“ „Wenn es weiter nichts ist, warte kurz. Es gibt kein Buch, dass Sebastian di Ferrus nicht hat. Oder so.“ Er stand auf und ging in den Nebenraum, was vermutlich das Schlafzimmer war. Kira spähte durch die Flügeltür und sah ein ausladendes Himmelbett im astellanischen Stil, eine Rarität. Vorhänge und Tücher schmückten die verschlungenen Pfeiler. Ein vermutlich ziemlich guter Ort für das, worüber sie eben gerade sprachen, schoß es ihr durch den Kopf, doch ehe sie darüber weiter nachdenken konnte, stand Sebastian bereits wieder vor ihr und hielt ihr ein schmales Buch in einem schlichten Ledereinband hin. „Bitte sehr, Bettlektüre.“ Kira nahm das Buch zögerlich entgegen und wollte es aufblättern, aber er hielt die Hand darüber. „Nein, pack es ein und ließ es zuhause in Ruhe. Mit abgeschlossener Zimmertür ist es meiner Erfahrung nach am besten. Und sei nicht scheu. Sex ist dafür da, uns zu entspannen und Freude zu genießen. Die Sache mit den Babys kann man zweitrangig sehen.“ Kira prustetete. „Das würde Bruder Harras auf jeden Fall anders sehen!“, sagte sie in Erinnerung an die endlosen Vorträge, die er ihr und allen anderen Mädchen im Dorf über die Erfüllung der mütterlichen Pflichten gehalten hatte, insbesondere, wenn er gerade mal wieder bei einer Geburt helfen durfte. „Dein Harras ist ja auch alt, Priester und vom Dorf, der muss das anders sehen.“ Sebastian sah auf die Uhr. „Musst du eigentlich zum Abendessen zuhause sein?“ Erschrocken blickte Kira selbst auf die Uhr. „Herrjeh, eigentlich schon!“ „Kein Problem, es gibt einen Kutschstand nicht weit von hier. Wasch dir eben in der Küche das Gesicht, du siehst ganz verheult aus, dann bringe ich dich eben rüber.“ Gehorsam stand Kira auf, konnte es sich aber nicht nehmen, ihn nochmal fest in den Arm zu nehmen, ehe sie aufbrachen. „Danke! Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag es nur.“ Sebastian nickte, aber Kira sah auch, dass er nicht glaubte, dass sie ihm bei irgendwas würde helfen können.

​​​​​​​Mitras hatte den ganzen Lunar durch nichts weiter von di Camino gehört, war nun aber von ihm zu einer Demonstration eingeladen worden. Während Kira zu ihrem freien Nachmittag aufbrach, machte Mitras sich auf den Weg zur Schule, wo der Professor ihn in einer kleinen Werkstadt erwartete. In dem Raum standen zwei Manequins mit Rüstungen. Die Linke war eindeutig aus Elektrum und der Magier, der sie geformt hatte, hatte all sein ganzes künstlerisches Talent in sie gelegt. Soweit Mitras es beurteilen konnte, war die zweiteilige Rüstung, bestehend aus einer Bauch bedeckenden Brustplatte und einem genauso langem Rückensegment, ungefähr einen Millimeter stark. Für eine Rüstung schon lächerlich dünn, aber bei diesem Material sollte es reichen. Verschiedene wie eingeätzt oder graviert wirkende Zierelemente ließen sie fast wie eine Paraderüstung wirken, aber Mitras wusste, dass sie mehr sein würde. Die andere, eine einfache Eisenrüstung gleicher Bauart, aber deutlich schlichter, war wohl rund drei Millimeter stark, also eine normale Infanterie Rüstung. Mitras schätzte, dass die Elektrumrüstung trotz der deutlich geringeren Stärke, trotzdem nur geringfügig leichter sein würde als ihr Gegenstück. Eisen war zwar schon schwer, aber das Elektrum übertraf bei gleichem Volumen selbst Blei. „Werter Magister di Venaris, ich grüße Sie!“ Di Camino kam auf ihn zu und schüttelte ihm überschwänglich die Hand. „Professor. Ich nehme an, dass dieses schöne Stück aus ihrer Fertigung ist?“ „Ist sie nicht vorzüglich gelungen? Stellen Sie sich nur vor, was das für eine Wirkung auf den Feind hat, wenn ein jeder Fußsoldat gerüstet wie ein König dem Feind gegenüber steht. Und erst die Festigkeit, sie überbietet jede Hoffnung meinerseits. Es hat, neben dem Lehrbetrieb nur leider eine ganze Weile gedauert, erst einmal alle Unterlagen zu sichten und mich mit dem Material genau vertraut zu machen. Ich habe meinerseits einen Bericht über meine Forschungen angefertigt, den Sie gleich mitnehmen können. Aber nun erst einmal sehen Sie hier. Harald! Fange mit der Eisenrüstung an, tu dein Schlimmstes!“ Harald, ein wahrer Hühne, trat aus der Ecke hervor. „Sehr wohl, Herr Professor.“ Er trug einen mächtigen Zweihänder in den Händen und schwang ihn mit ganzer Kraft gegen die Brustplatte aus Eisen. Die Holzfigur wurde von hinten mit massiven Eichenbalken gestützt und das war auch der einzige Grund, warum sie nicht an der Wand hinter ihr zerschellte. Die Platte wies eine deutliche Kerbe auf und der Träger würde jetzt mit gebrochenen Rippen am Boden liegen. Mitras konnte sich aber nicht vorstellen, dass dieser Schlag der Klinge sonderlich gut getan hatte. Dann stach Harald mit großer Wucht auf eine unbeschädigte Stelle auf der Brust ein und das Schwert, nun wahrscheinlich stumpf, drang in das Holz ein und blieb mit der Spitze stecken. Harald riss es wieder heraus und brachte das geschundene Großschwert zu einem Tisch, auf dem bereits ein zweites lag, dass er nun ergriff. Der Elektrumrüstung drohte nun die gleiche Behandlung. Doch als Harald das Schwert nach seinem Hieb hochhielt, war die Brustplatte unbeschädigt, die Klinge jedoch wies eine mehrere Zentimeter lange Kerbe auf. Der Soldat wäre sicher immer noch von der Wucht übel zugerichtet worden, aber er würde wohl kampffähig bleiben. Mitras wechselte auf magische Sicht und lächelte. „Beeindruckend Professor. Aber Sie haben etwas wichtiges vergessen.“ Mitras wirbelte herum und ließ den Ring an seinem rechten Arm zu einem Dolch werden und warf ihn auf die Rüstung. Gleichzeitig wirkte er einen einfachen Verformen Zauber auf diese und bevor der Dolch traf, öffnete sich die Rüstung genau dort, wo er einschlug, wie eine Blume. Der Dolch steckte in dem nun ungeschützten Holz der Figur und zitterte. „Ich hatte euch gesagt, dass das Material in Form gehalten werden muss. Wenn es nicht magisch geschützt wird, kann der Feind unsere Soldaten schneller entkleiden, als es die leichten Damen in einem Bordell vermögen.“ „Also wirklich Magister, ihr wisst wie ihr jemanden den Tag verderben könnt.“, sagte di Camino, sah dabei aber nicht besonders geknickt aus. „Ja, mir ist bewusst, dass die Rüstung versiegelt werden muss. Aber auch diese Zauber sind nicht von Dauer. Kommt mit. Hier diskutiert es sich nicht gut.“ Mitras trat noch an die Puppe heran und mit einem schnipsen floss der Dolch wieder um sein Handgelenk. Dann folgte er di Camino und sie gingen in dessen Büro.

Mitras setzte sich und blickte den Professor an. „Mit den Bindungszaubern habe ich noch nicht viel experimentiert, die Kinetik hat mich aus naheliegenden Gründen mehr interessiert. Sagt di Camino, wie lange wirkt ein normaler Formbindungszauber?“ „Zehn Tage. Deutlich länger als Zauber aller anderer Gattungen, aber letztendlich dissipiert auch hier die Magie. Aber es ist kein Abfließen wahrzunehmen, wieso verschwindet die Magie einfach so?“ „Das, werter Kollege, ist eine unserer wichtigsten Fragen, und leider bin ich genauso ratlos wie Sie. Ich habe das Phänomen umfangreich untersucht, konnte aber nichts darüber in Erfahrung bringen. Unsere Sinne und Geräte scheinen nicht fein genug zu sein, um den Magieabfluß zu sehen oder den Verbraucher wahrzunehmen. Aber sagt, die Rüstung, warum eine Infanterie Rüstung? Elektrum ist in der Herstellung enorm aufwändig und ein ganzes Regiment mit Harnischen auszustatten würde Unmengen an Material verschlingen. Wolltet ihr nicht eigentlich Kavallerie Rüstungen fertigen?“ Di Camino lachte: „Ja, und davon bin ich nicht abgerückt. Aber als ich letztens einen Gardeinfanteristen der königlichen Wache sah in dieser albernen pompösen Silberrüstung, da dachte ich mir, wäre es nicht viel sinnvoller, wenn sie eine dekorative und schützende Rüstung tragen würden? Außerdem experimentiert es sich mit den Puppen leichter. Ich kann so besser die Schadenswirkung beurteilen. Und Sie haben ja gesehen, was der gute Harald selbst einem Soldaten in Elektrumrüstung antun kann. Ich wollte dem König ein Geschenk machen und ihm so eine Rüstung anfertigen.“ „Eine lobenswerte Idee, der Harnisch würde zu dem Rapier passen, den er von mir erhalten hat. Ich habe ihn auch darauf aufmerksam gemacht, dass er das Schwert vor Gebrauch verzaubern muss. Ein Gegner muss diese Lücke natürlich erst erkennen, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Aber sagen Sie eine klassische zweiteilige Rüstung? Ist das nicht viel zu unflexibel? Sie können das Material in jede beliebige Form bringen. Erinnern Sie sich noch an die alten Bänderrüstungen aus dem Rasennareich? Nach heutigen Maßstäben wären sie viel zu lose und leicht mit einem Rapier oder Pfeil zu durchstoßen, aber da das Elektrum magisch geformt und nachjustiert werden kann, könnte eine ähnliche, aber deutlich sichere Rüstung gefertigt werden, die sich dann mit den Bewegungen des Trägers mit verformt und ihn so mehr Freiheit gibt.“ „Verdammt, Sie haben recht! Warum habe ich daran nicht gedacht? Ich war so von der künstlerischen Wirkung der Garderüstung fasziniert, dass ich keinen Gedanken an ihre Praktikabilität verschwendet habe. Danke di Venaris!“ „Nicht der Rede wert. Aber sagen Sie, was denkt der Dekan über ihre Fortschritte?“ „Ach, er jammert rum, dass das alles zu lange dauert, aber ich musste nun mal erst einmal Ihren Wissenstand einholen. Die Idee einer unbesiegbaren, gepanzerten Phalanx schien ihm aber zu gefallen. Merkwürdig nicht wahr? Aber was anderes Magister, ich muss sie noch einmal um eine Probe des Venariums bitten. In dem Stoff muss es einen Hinweis auf das Geheimnis der verschwundenen Magie geben.“ Mitras überlegte, das könnte in der Tat sein. Anfangs hatte er das Venarium sehr genau untersucht, aber da hatter er noch nichts über das Elektrum gewusst und würde das Venarium heute wahrscheinlich anders angehen. Aber wenn er dies nun an di Camino abtreten konnte, dann würde er die Grundlagenforschung geliefert bekommen, während er sich weiter auf anderes konzentrieren konnte und di Camino wäre von der Waffenforschung abgelenkt. „Also gut, Professor. Ich kann Ihnen aber nur einen Kilogramm überlassen. Mehr habe ich im Moment nicht auf Lager.“ Di Caminos Augen leuchteten auf, „Ich danke Ihnen, das sollte füs erste reichen. Nun gut, Sie haben sicher auch noch zu tun. Hier ist mein Bericht.“ „Vielen Dank, ich kenne einen vertrauensvollen Boten, den werde ich Morgen mit dem Venarium zu Ihnen schicken. Ich kann ihn nur empfehlen, falls Sie mal einen zuverlässigen Boten benötigen.“ „Ich werde ihn mir mal ansehen, danke für den Hinweis. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen Professor.“ Mitras verließ das Büro und machte ich auf den Heimweg. Was di Camino nicht wissen musste war, dass der Bote einer von Titus Männern war. Er war sicher vor den Kräften der Unterwelt, stand teilweise sogar unter deren Schutz. Und er würde Titus alles berichten, was er über di Camino in Erfahrung bringen konnte. Mitras war zufrieden.

Waldrauschen – 10. Firn 242 (Silenz)

Der Weg zog sich in kleinen Windungen erst durch die Hügel, dann steiler einen Hang hinauf. Kira nahm sich vor, eine gute ältere Schwester zu sein und erklärte Valencia, was für Bäume und Sträucher draußen standen, sofern sie selbst ihre Namen kannte. Die Landschaft war schön, auch wenn der Bewuchs sich merkbar von den flachen Gegenden in Burnias unterschied. Da auch der Schnee manches Bestimmen erschwerte, fragte sie auch Mitras öfters, doch dieser gab freimütig zu, von Pflanzen nicht so viel zu wissen, also versprach sie Valencia, sich das Aussehen dieser Bäume zu merken und in der Bibliothek später nachzuschlagen. Die Fahrt verging nun recht kurzweilig und sie fühlte sich nicht mehr so ausgeschlossen.

Der Hang endete in einer Anhöhe, auf der einige kleine Häuser standen. Sie schmiegten sich an die steile Felswand hinter sich, als würden sie dort vor Stürmen Zuflucht suchen wollen. Eines der Gebäude war ein Gasthaus, was leicht daran zu erkennen war, dass dort schon mehrere Kutschen standen. Als sie auf dem Platz ankamen und austiegen, entdeckte Kira auch, warum dies ganz offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel war: Die Aussicht war wirklich gut. Die Hügel zu ihren Füßen breiteten sich zu einer weiten Ebene aus, an deren östlichen Rand die Häuser von Uldum zu sehen waren, und ganz in der Ferne sah sie auch zwischen den Häusern den Avens bräunlich-grünlich heraus fließen und sich durch die verschneite Landschaft winden. Mitras trat hinter sie. „Warte nur, bis wir oben auf der richtigen Plattform sind, da sieht es noch besser aus!“ Der Kutscher einer nahebei stehenden Kutsche, der ihn wohl auch gehört hatte, mischte sich ein: „Gnädiger Herr, die Plattform oben ist nicht geräumt, deswegen kann man sie heute leider nicht besuchen.“

„Keine Sorge, das hält mich nicht auf, das Räumen übernehme ich selbst.“ Um seine Aussage zu unterstreichen, schob er mit einem Zauber ein bisschen Schnee am Straßenrand zusammen und formte in Windeseile einen kleinen Schneemann daraus. „Angeber.“, stichelte seine Schwester von der Seite, während die Kinder vergnügt quietschten. „Wie ihr meint, Herr.“, antwortete der Kutscher leicht ehrfürchtigt, aber auch weiterhin skeptisch. „Gut, wollen wir erst hochgehen, oder erst etwas essen?“ „Essen!“, sagte Julius. „Hochgehen!“, rief Valencia. „Nein, erst essen.“, entschied Frederieke. „Gut, wenn alles geklappt hat, ist ein Tisch für uns dort oben reserviert.“ Mitras zeigte auf das Fenster oben im ersten Stock des Gasthauses. Er ging vor und öffnete die Tür, hielt sie auf und wartete bis alle eingetreten waren. Eine Schankmaid nahm sie in Empfang. „Werter Herr, die Damen. Wir bieten Ihnen um diese Zeit warme Getränke und eine Auswahl an Erfrischungen an. Aber die Küche wird erst in den späten Nachmittagsstunden, wenn die Wanderer wiederkommen, eröffnet.“ „Kein Problem, wir haben etwas dabei. Ich hatte für unsere Rast aber auch reservieren lassen.“ „Der Herr di Venaris nehme ich an?“ „Jawohl.“ „Wir haben Sie bereits erwartet, folgen Sie mir bitte.“ Sie ging voran zur rechten Seite des großen Raumes, wo eine Wendeltreppe zu einer Galerie führte. Diese überspannte das vordere Drittel des Schankraumes und bot einer weiteren Garnitur aus Bänken und langen Tischen am Geländer, sowie einem Separe an der Frontwand Platz. In dieses leitete sie die Maid. Ein großes Fenster bot einen wunderbaren Ausblick und zwei Öfen links und rechts der Tür spendeten trotz der Scheibe genug Wärme.

Mitras, ganz der Gentleman bot seinen beiden Damen nacheinander Plätze an den Kopfenden des quer zum Fenster stehenden Tisches an und setzte sich mit den Kindern an die lange Seite, die dem Fenster zugewandt war. Valencia setzte sich dabei zu Kira, während sich Julius an seine Mutter hielt. „Für die Kinder je eine heiße Schokolade bitte.“ An Frederieke und Kira gewandt fragte er: „Und was hättet ihr gerne?“ „Ich nehme auch Schokolade.“, sagte Kira. „Tee, bitte, mit Milch und Zucker.“, sagte seine Schwester. „Gut, für mich auch eine Schokolade, aber mit einem kleinen Schuss Rum, vom Besten bitte.“ „Sehr wohl.“, antwortete die Kellnerin und verschwand. Mitras hiefte den ersten schweren Korb auf den Tisch. „Was hat William uns denn alles mitgegeben?“ Tatsächlich hatte sich William wohl schon einige Tage auf diese Picknickkörbe vorbereitet – er hatte kleine Pastetchen gebacken, die die Form verschiedener Tiere hatten, und winzige Kuchen mit verschiedenen Glasuren, dazu Fleischbällchen, zwei Salate und eine Schüssel vor geschnittenen Obst. Aus dem zweiten Korb tauchten belegte Brote und niedlich dekorierte Kekse, wieder in den Tierformen, auf. Sie aßen und Frederieke erzählte ihnen von den ersten Fortschritten, die Valencia in Mathematik machte, was diese auch durch das eifrige Abzählen der verbleibenden Kekstiere unterstrich. Julius kletterte irgendwann auf den Schoß seiner Mutter, und als alle fertig waren, war er bereits eingeschlafen. Auch Valencia rutschte gegen ihn und gähnte. „Na, so wird das nichts.“ sagte Frederieke resignierend. „Sonst geht ihr beide allein nach oben. Wenn die beiden mit ihrem Mittagsschlaf fertig sind, kommen wir noch nach.“ Mitras blickte fragend zu Kira herüber. „Bereit für den Aufstieg?“ Sie nickte. „Gut, dann brechen wir beide schon einmal auf. Ich räume dabei auch den Weg frei und sorge dafür, dass ihr sicher hinterher gehen könnt.“ Mitras und Kira halfen dabei die Reste wieder einzupacken und er nahm die beiden Körbe schon einmal mit zur Kutsche. Er zeigte nach oben die Klippe hinauf, weit oberhalb des Gasthauses. „Siehst du das Geländer dort oben, das ist unser Ziel.“ Auf der Uldum abgewandten Seite der kleinen Siedlung begann ein steiler Aufstieg, der sich einmal um den Berg herum wand. Mitras ging voran und wischte den Schnee zur Seite, solange unter ihnen nichts als die Natur war. Im oberen Drittel hingegen wischte er den Schnee zur Felswand und formte dort Klötze aus ihm. „Unter uns liegt bereits das Palastgelände und wenn ich den Schnee hier weiter so zur Seite schiebe, erschlägt er da unten noch jemanden.“ Kira beugte sich ehrfürchtig ein wenig über das Geländer und linste nach unten. Dann schaute sie zu den Klötzen. „Wie macht man das? Auch den Schneemann vorhin, ich habe versucht, es nachzumachen, aber bei mir fällt der Schnee gleich wieder auseinander…“ „Ich presse den Schnee magisch zusammen, verändere dann aber auch seine Struktur. Das ist dann kein Telekinese Zauber mehr, sondern einer aus der Schule der Veränderung. Wenn du dich sicher genug fühlst, können wir nächste Woche einen neuen Versuch starten, aber jetzt zerbrich dir darüber nicht den Kopf, wir sind gleich oben und die Aussicht ist gerade viel wichtiger als alle Sorgen, glaub mir.“ sagte er und zwinkerte ihr zu. Sie zog eine Schnute. „Zeig ihn mir wenigstens!“ „Nun gut, dann pass auf.“ Mitras nannte ihr den aus drei Worten bestehenden Spruch und demonstrierte ihr die Gesten. „Er ist ganz einfach, sobald wir deine Blockade überwunden haben, kannst du ihn auch sofort. Aber mit einem Trauma ist nicht zu spaßen, setz dich also nicht unter Druck.“ Sie nickte artig und er begann, weiter die Stufen hinauf zu steigen. Als er die Kante der Plattform erreichte, machte er einige Schritte, bei denen er den Schnee zu einem großen Haufen zusammenschob. Ehe er allerdings genug Magie sammeln konnte, um die Plattform mit einem Schwung reinigen zu können, traf ihn plötzlich von hinten ein Schneeball am Kragen. Kira stand hinter ihm und nickte, verschmitzt grinsend und herausfordernd, während bereits sechs Schneebälle um sie herumflogen. Mitras riss die Hände hoch, wirbelte eine Wolke auf und verpulverte sie, ehe er sich nach links fallen ließ und zwei der Bälle bereits an ihm vorbei flogen. Kira schrie fröhlich „Zum Angriff!“ und stürmte die letzten Stufen hinauf, den nächsten Ball ohne Magie werfend. „Na warte!“ Mitras formte gleichzeitig ein Duzend weicher Schneebälle und ließ sie nach oben, außer Sicht aufsteigen, dann wirbelte er seine Wolke zur Seite, um Kira mit drei weiteren Bällen zu attackieren. Sie wich diesen geschickt aus und hob Schnee für einen weiteren Ball auf, als sie der erste Ball von hinten traf. Aufkreischend rollte sie sich zur Seite weg, so dass die nächsten Bälle nur seinen vorher aufgetürmten Wall trafen. „Das ist mies! Von hinten!“ „Und von Oben!“ rief er zurück und ließ vier weitere Bälle auf sie herab sausen, während er gleichzeitig Magie sammelte um weitere Bälle zu formen. Einen Moment lang achtete er nicht auf sie. Im nächsten Moment traf ihn ein Ball so ins Gesicht, dass er die Konzentration verlor und statt seiner geplanten Schneekugeln nur eine weitere Wolke Schnee auffwirbelte. Auch über die verbliebenen Bälle in der Luft verlor er die Kontrolle. Wenigstens trafen zwei der herunterfallenden Kugeln Kira und lenkten sie lange genug ab, so dass er sich wieder sammeln konnte. Sie rappelte sich wieder auf und hechtete gleichzeitig in seine Richtung. Er spürte wie sie wieder Magie sammelte, setze aber schon selbst zu mehreren Zaubern an. Er ließ aus allen Richtungen lose Schneekugeln auf Kira zu fliegen, während er heimlich wieder ein kleines Arsenal sammelte. Sie ließ sich davon aber nicht aufhalten, riss die Arme hoch und schrie: „Attacke!“, während sie vor ihm eine Wand von Schnee magisch anhob. Im nächsten Moment traf ihn die Fuhre an der Brust, gefolgt von einem magisch verstärkten Windstoß, mit dem sie den Schnee hochgehoben hatte. Er taumelte, verlor aber nicht wieder die Kontrolle. Er ließ sich fallen, um ihr vorzumachen, dass sie ihn wieder überrascht hatte und wurde dann tatsächlich davon überrascht, dass sie sich mit voller Wucht auf hin fallen ließ. „Ok, du willst unfair spielen, das kann ich auch!“ rief er, hob sie magisch an, stellte sie vorsichtig ab und ließ dann gezielt seine immer noch kreisenden Bälle auf sie hernieder fahren. Sie kreischte, als der erste Ball sie im Kragen traf, und riss die Hände hoch. „Wah, kalt!“ Sie zog Magie in einem Tempo heran, dass er beinahe das Gefühl hatte, er würde einen Luftzug spüren, und wehrte die letzten fünf Bälle ab, indem sie einen Art Schild über sich erzeugte, an dem die Bälle abprallten. Er war beeindruckt, einen derartigen Zauber hatte er noch nicht bei ihr gesehen. Sie schüttelte sich den Schnee aus dem Kragen und schnaubte: „Du warst zuerst unfair!“ Er lachte: „So, so, wo war ich denn unfair?“ „Bälle von hinten! Und vor allem hast du deine Bälle nicht mit der Hand gemacht!“ Der Schnee hing in ihren Haaren, in ihrem Kragen, eigentlich war sie komplett in Schnee eingehüllt. Sogar an den Augenbrauen hingen Schneebröckchen. Sie sah unglaublich niedlich aus, und er hatte das Gefühl, kichern zu müssen. Er war schon lange nicht mehr so entspannt gewesen. „In einem magischen Schneeballduell muss man nunmal mit allem rechnen. Warte, halt kurz still. Ich kümmere mich um den Schnee.“ Ein weiterer Zauber befreite sie von Schnee und Nässe und hüllte sie kurz in eine Dampfwolke ein. „So, das sollte besser sein.“, sagte er und wiederholte die Prozedur bei sich selbst. „Bleib noch einen Moment stehen, ich kümmere mich um die Plattform.“ Sie schnaubte noch einmal, drehte sich um und stapfte trotz seiner Ansage zum Geländer. Er sammelte den Schnee mit Ausnahme einer kleinen Fläche um sie herum und schob alles in der von der Treppe abgewandten Ecke zusammen. Einem Impuls folgend begann er den Schnee zu formen.

Kira trat an die Kante des Geländers. Sie wusste nicht, ob sie wütend oder glücklich sein wollte. Mit Mitras eine Schneeballschlacht zu machen war fast so lustig wie mit Adrian, aber es war defintiv herausfordernder. Sie wünschte, sie könnte die Bälle so schnell formen, wie er es tat… sie müsste nur Verwandlungsmagie wirken. Ob sie es probieren sollte? Dann allerdings blickte sie herunter und vergaß die Überlegungen erstmal. Von links kam der Avens und glitzerte in der Sonne und unter ihr lag ein riesiger Bau samt Parkanlage. Der Schnee glitzerte auf den Dächern. Von hier oben wurde ihr das Ausmaß des Palastes erst richtig bewusst. Dahinter lagen die Dächer der Stadt, ebenso vom Schnee glitzernd. Feine Rauchfäden stiegen aus den vielen Schornsteinen empor. Ein wenig wirkte es, als breite sich die riesige Stadt bis zum Horizont aus. Erst als sie genauer hinsah, konnte sie die Grenzen der Stadt erkennen, die Klippen auf der anderen Seite, und ein wenig auch den Corvio. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Sie hatte nicht gehört, wie Mitras an sie herangetreten war und nickte ein wenig erschrocken. „Fast noch besser als die Nachtansicht.“ Da hatte er allerdings ihre Hand gehalten, und deswegen fand sie den Besuch dort immer noch besser. Sie schaute zu ihm hoch. Er sah ebenso wie sie über das Land. Vorsichtig stellte sie sich etwas näher an ihn heran und blickte wieder auf die Stadt. Das war ihre neue Heimat. Sie seufzte und fröstelte ein wenig, als ein kalter Windhauch die Klippe hoch strich. Ein bisschen vermisste sie Bispar… also eigentlich die Wälder und die Moore. Aber der Anblick hier war definitiv auch schön. „Du siehst aus, als wenn du frieren würdest. Komme her.“ sagte Mitras, öffnete seinen Mantel und hielt ihn für sie auf. Sie fror eigentlich gar nicht so, aber ihr Herz machte einen Sprung und sie schlüpfte flink unter seinen Arm und in den Mantel. Genüßlich legte sie den Kopf an seine Brust und atmete seinen Geruch ein, während sie durch die halb geschlossenen Augenlider das helle Licht des Schnees flimmern ließ. Jetzt war das eine bessere Plattform als die in der Stadt! Er legte den Arm um sie, reagierte aber nicht weiter. Einen scheinbar endlosen Moment lang standen sie so aneinander geschmiegt da. Kiras Hand lag um seine Hüfte und sie widerstand der Versuchung, sie ein wenig zu bewegen, zu fühlen, wie er sich anfühlte. Seine Nähe wirkte beinahe berauschend. „Heute ist ein schöner Tag, der beste seit langem. Und das verdanke ich auch dir. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Thadeus mir eine so wunderbare Schülerin, Assistentin und Freundin schickt.“ kicherte Mitras. Sie nickte. „Wer hätte gedacht, dass mein neues Leben so wunderbar ist… und ich einen so tollen Mentor habe… den besten.“ Und den schönsten. Und überhaupt einen perfekten Mann. Aber das traute sie sich nicht zu sagen. Stattdessen zog sich sich noch etwas näher an ihn heran. Am besten wäre es, wenn sie ihn nicht mehr loslassen musste. „Kleine Schmeichlerin. Ich wundere mich, wo Frederieke bleibt, ob sie wohl noch kommt?“ Sie konnte ruhig unten bleiben, dachte Kira.

Mitras war hin und hergerissen. Er genoß Kiras Nähe, wie sie sich so an ihn schmiegte, und er merkte sehr wohl, dass sie diese Gefühle erwiderte. Aber er war auch ihr Lehrer, dass er sie durch die Spiegel beobachtet hatte war schon schlimm, nun aber gingen seine Gedanken deutlich weiter. Aber wollte Kira wirklich das Gleiche wie er? War das nicht eher die Umarmung einer Tochter für ihren Vater oder Onkel? Für sie war er ja auch ihr großartiger Mentor, wie sie nicht müde wurde zu sagen. Verdammt, es war doch einfach zu lange her, dass er das letzte Mal mit einer Frau zusammen war. Seit Claudia gegangen war hatte er sich so in die Arbeit vergraben, dass dafür keine Zeit mehr geblieben war. Er hatte aber bisher auch einfach kein Interesse mehr gehabt und jetzt fühlte er sich wieder wie ein wolllüstiger Jüngling. Verdammt, wo blieb eigentlich seine Schwester? Als Kira erneut fröstelte, legte er seinen Arm etwas enger um sie und ließ subtil ein wenig Wärme in sie strömen. Ihr war definitiv auch kalt, sollten sie vielleicht doch schon wieder runtergehen? Aber nein, Frederieke liebte diesen Platz, wenn sie jetzt gehen würden, wäre sie ihm wahrscheinlich eine ganze Weile böse. Mitras atmete einmal tief durch und versenkte sich kurz in eine tiefe Meditation, so gut es jedenfalls ging. Er entspannte sich etwas und konnte sich nun darauf einlassen Kira so an sich geschmiegt zu spüren. Seine beste Freundin suchte einfach nur Wärme und genoß die Aussicht. Sie standen noch eine Weile so beieinander, als Mitras die Kinder auf der Treppe hörte. Kira schien sie auch bemerkt zu haben, denn sie schlüpfte aus seinem Mantel hinaus, stellte sich wieder neben ihn und begrüßte die drei, als sie um die letzte Biegung kamen.

Eine Weile beobachtete Kira einfach nur, wie Frederieke Julius daran hinterte, zu nah an die Klippe zu kommen und gleichzeitig selbst nah genug heran trat, um die Aussicht genießen zu können. Valencia ließ sich von Mitras erklären, welche Teile der Stadt man sehen konnte. Kira bemühte sich, ihren Herzschlag und Atmen wieder zu beruhigen. Sie dankte den vielen Meditationsstunden, die ihr geholfen hatten, ihre Gefühle nicht überdeutlich zu zeigen. In ihrem Bauch flogen immer noch tausende Schmetterlinge. Hier oben zu stehen, seine Wärme zu spüren – auch seine magische Wärme, sie hatte den Zauber wohl bemerkt – war ein neuer Höhepunkt in ihrem Leben. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so wohl, so geborgen und behütet gefühlt zu haben wie in diesem Moment. Auch wenn sie seine Familie mochte, als sie die Stimmen auf der Treppe gehört hatte, hätte sie sie am liebsten in die tiefsten Skirwälder gewünscht. Doch sie hatte sich selbst so über diesen Gedanken erschrocken, dass sie ihn sehr schnell wieder verworfen hatte. Niemals würde sie seiner Familie wieder etwas böses wünschen – schließlich war es diese Familie, die ihr diese neue Heimat schuf, sie willkommen geheißen hatte und ihr mehr Unterstützung zukommen ließ, als sie es bei ihrer eigentlichen Familie je erlebt hatte. Verglichen mit seiner Mutter und Schwester, die sie ja eigentlich kaum kannten, mit di Pinzon und ganz besonders Abby, Tobey, William und Mitras selber, waren selbst Bruder Harras und Adrian nicht so warm und unterstützend gewesen, realisierte sie. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch wichen einem warmen Gefühl von Zuneigung für alle diese neuen und lieben Menschen, und eine kleine Träne des Glücks ran über ihre Wange. Nachdenklich betrachtete sie die Skulptur, die Mitras aus dem Schnee der Plattform geformt hatte. Es sah aus wie ein Mensch, wie eine Frau, irgendwie vertraut. Neugierig trat sie näher. Es dauerte einen langen Moment, dann realisierte sie, wieso die Kinder ihren Namen und nicht den von Mitras gebrüllt hatten, als sie auf die Plattform gekommen war. Mitras hatte sie dargestellt, wie sie zum Sprung bereit auf dem Boden hockte, einen Schneeball in der Hand. Ihre Haare aus Eis ringelten sich und schienen mit dem Mantel fast zu wehen. Ehrfürchtig hob sie die Hand und berührte die Figur. Es war längst kein Schnee mehr an der Oberfläche, sondern wirklich hartes Eis. Kira sah sich selbst in das Eisgesicht. Das sah wie eine glückliche junge Frau aus, und obwohl es erkennbare Fehler gab, war die Ähnlichkeit doch frapprierend. Sah Mitras sie so? Als junge, lebendige Frau mit einem fröhlichen Lachen? War sie so? Bisher hatte sie sich selbst eher als des wilde Waldkind gesehen, die unbeliebte, komische Hexe, das Trollbiest, das Bücher und Pflanzen mehr mochte als Menschen… Die Tränen floßen nun noch mehr. Sie ließ sich gegenüber der Figur auf die Stufen sinken. „Alles in Ordnung? Gefällt sie dir nicht?“ Mitras stand plötzlich neben ihr. Kira schluckte und beeilte sich, den Kopf zu schütteln. „Nein, nein, sie ist wunderschön. Ach, Mitras…“ Hilflos blickte sie ihn von unten herauf an. Wie sollte sie ihm erklären, was für ein Segen er für sie bedeutete? Dass er ihr ein neues Leben gab, eine neue Sicht – und auch die Chance, sich selbst völlig neu zu entdecken, ihre Ängste abzulegen? Er reichte ihr eine Hand, zögerlich ergriff sie diese. Er zog sie hoch und nahm sie in die Arme. „Na, was ist es denn?“ fragte er behutsam. Sie umarmte ihn heftig und drückte sich an ihn. „Danke!“, flüsterte sie in sein Ohr. „Ich bin einfach so glücklich. Du machst mich so unglaublich glücklich, und stark… und ich sehe so schön aus, also, die Figur von mir…“ Sie schluchzte und drückte sich fest an ihn.

Und schon war sie wieder das verletzte Mädchen, dass er so unbeding beschützen wollte. Aber selbst darin sah er eine gewisse Stärke. Sie hatte sich bisher, so schien es, allein gegen die ganze Welt gestemmt. Mitras konnte sich gar nicht vorstellen, was das bedeutete, oder nachvollziehen wie wichtig es ihr war, dass sie nicht mehr allein war. Aber diese talentierte junge Frau verdiente es, jede nur mögliche Unterstützung zu erhalten. Mitras lachte kurz. „Nun, ich habe mich nur bemüht meine wilde Schülerin so abzubilden, wie ich sie eben gesehen habe, bevor ihr verzweifelter Widerstand an meiner Macht zerbrach. Wohl wissend, dass ich jeden Sieg bis zum letzten auskosten muss, solange ich noch kann. Irgendwann werden solche kleinen Duelle für mich ganz schön frustrierend enden.“ , versuchte er sie mit Humor wieder aufzubauen. Für einen Moment lang waren ihre Gesichter dicht beeineinander und er hatte fast das Gefühl, sie würde ihn gleich küssen. Dann hauchte sie erneut „Danke“ und ließ ihn los. „Was macht ihr hier?“, fragte Frederieke hinter ihm. Kiras Gesichtsfarbe rötete sich leicht. „Ich habe mich für die Skulptur bedankt.“, sagte sie. Und zu seiner Überraschung umarmte sie als nächstes auch seine Schwester und den kleinen Julius, den sie trug. „Danke euch auch! Danke, dass ich bei euch sein darf!“ Mitras lachte und trat von hinten an sie ran und legte ihr einen Arm auf die Schulter. „Nun streng genommen darfst du nicht, du musst. Aber ich denke es gibt schlimmeres.“ Seine Schwester sah erst Kira, dann ihn und dann nochmal die Statue an. „Angeber! Aber ernsthaft, Kira, wir haben dich gern bei uns. Du bist eine gute Frau. Mitras kann sich glücklich schätzen, endlich mal jemand gefunden zu haben, der ihn auch mit Schneebällen angreift, obwohl er Magie benutzt.“ Sie grinste beide an. „Das hat sie doch gemacht, oder? Du hast dir das nicht ausgedacht, so gut kannst du nicht formen.“ „Naja, ja. Sie hat mich kurz ein oder zweimal überrascht. Mehr aber auch nicht.“ gestand er. Seine Schwester musste Julius absetzen, so sehr lachte sie. Sie lachte ihn ganz erkennbar aus. Ihr Gelächter lockte sogar Valencia vom anderen Ende der Plattform zu ihnen. „Gut, der Tag wird nicht jünger. Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt wieder runtergehen, ich noch eine Runde Schokolade spendiere und wir wieder fahren. Ach und Frederieke…“ Er griff magisch nach ein bisschen Schnee von einem entfernten Ast eines Baumes, formte schnell einen Ball daraus und ließ ihn über das Geländer und direkt auf seine Schwester zu fliegen, nur um ihn kurz vor dem Aufschlag in eine pulvrige Wolke zu zerstäuben, die Frederieke einhüllte, was sie übelst schimpfen ließ. Lachend drehte er sich zur Treppe und wich wissend einem Ball aus, den er Kira eben schon zusammenklauben hatte sehen. „Nana, nochmal klappt das nicht.“, rief er lachend zurück und ging weiter. 

Frederieke griff Kiras Hand, als diese wieder in den Schnee griff. „Lass, nicht auf der Treppe. Sonst machen die Kinder das nur nach.“ Kira nickte und ließ die Hand sinken, obwohl es wirklich in ihr prickelte, die erneute Herausforderung anzunehmen. Wenn sie wie er den Schnee mittels Veränderungsmagie zu Bällen formen konnte… Dann würde er das vielleicht nicht sehen… Oh, wie sie ihn für dieses Spiel noch mehr liebte! Sie hatte vorhin wirklich kurz darüber nachgedacht, ob sie ihn für seine lieben Worte hätte küssen dürfen, aber sich dann doch nicht getraut. Irgendwann vielleicht auf die Wange, irgendwann würde sie ihn küssen, weil er so perfekt war. Sie ließ Frederieke mit den Kindern vorgehen und betrachtete einen kleinen Haufen Schnee, der auf einem Vorsprung neben ihr lag. Das Rauschen des Waldes erfüllte ihre Ohren, fast hatte sie das Gefühl, er würde sie ermutigen. Das waren nur drei Worte… und sie würde ihn nochmal überraschen können… sie atmete Magie ein. Für Mitras. Für mich. Der Geschmack von verbranntem Karamell in ihrem Mund. Für Mitras. Für seine Hände um mich, wie eben. Sie bewegte die Hände. Der Schnee bewegte sich, formte sich. Der Geschmack wich einem sanften Geschmack nach Sahnekaramell. Und dann lag da vor ihr ein Schneeball. Sie schlug sich die Hand auf den Mund, um ihr aufgeregtes Qietschen zu unterdrücken. Vorsichtig hob sie den Schneeball hoch. Naja, eigentlich war es eher eine sehr schiefe Schneekartoffel. „Kira?“, rief Mitras von weiter unten. „Jaja, ich komme!“ Ihre Stimme überschlug sich. Ehrfürchtig betrachtete sie nochmal den Schneeball. Ihre Schneekartoffel. Dann begann sie so rasch sie konnte, die Stufen hinab zu steigen, die Kartoffel vorsichtig vor sich her tragen. Ihr Herz raste und mehrfach rutschte sie beinahe aus, aber das tat dem unglaublichen Gefühl von Stolz und Freude in ihr gar keinen Abbruch. Sie hatte das Gefühl, vom Berg herunter zu schweben.

Mitras schaute besorgt zu, wie Kira die letzten Stufen mehr herunter sprang als ging. Er hatte wohl die Treppen vom Schnee befreit, aber glatt war es immer noch. Offenbar ging es ihr wirklich gut. Ihr Gesicht war hochrot und ihre Augen strahlten und funkelten vor Freude. Als sie nah genug heran war, sah er den Schneeball in ihrer Hand. „Na, noch einen Versuch?“ Er hob die Hände, bereit zur Verteidigung, doch sie machte keine Anstalten zu werfen. Statt dessen kam sie schliddernd vor ihm zum Stehen und hob den ziemlich zerknautscht aussehenden Schneeball unter seine Nase. „Ich hab ihn gemacht!“, platze es aus ihr heraus. „Hmm, das kannst du sonst doch besser?“  „Nein, ich meine, selbst gemacht, wie du!“ Dann fiel ihm die Struktur auf, er aktivierte seine magische Sicht und sah noch Spuren des Zaubers. „Moment, du hast ihn mit Magie geformt, der Zauber ist dir also geglückt? Kira, das ist großartig!“ Er strahlte sie freudig an, was sie ebenso strahlend erwiderte. Im nächsten Moment wurde ihm allerdings klar, was das bedeutete – sie hatte Veränderungsmagie gezaubert. „Dir ist aber bewusst, dass das durchaus auch schief gehen hätte können, oder? Aber gut, ich bin erleichtert, dass dir nichts passiert ist. Das ist ja dann tatsächlich ein wichtiger Durchbruch. Wir werden es heute Abend im Garten noch einmal probieren. Dann aber mit meiner Aufsicht und ein paar Messgeräten, nur zur Sicherheit.“  Ihr Lächeln schwand ein bisschen. „Ich musste es einfach probieren… und…“ Ihr Grinsen war plötzlich so breit, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Hinter ihm kreischten Valencia und Julius. „… der ist für Frederieke.“ Ein Schneeball traf seinen Hinterkopf. Kira schüttete sich vor Lachen aus und versprach zwischendurch immer wieder, dass sie es bis zu Hause nicht wieder machen würde. Frederieke und die Kinder lachten ebenso. Mitras ließ ihr den Erfolg, beseitigte aber den Schnee von seinen Sachen und ging Richtung Gasthaus. „Jaja, ist gut, ich schulde euch noch eine heiße Schokolade. Will noch wer was essen? Noch ist reichlich da und der Tisch ist den ganzen Tag reserviert.“ Die Kinder liefen voraus und Mitras folgte ihnen, innerlich sehr zufrieden über diesen wundervollen Silenz.

Als Kira am Abend des Silenz endlich ins Bett sank, hatte sie das Gefühl, von Bispar bis Sibirien gelaufen zu sein. Aber sie war so unglaublich glücklich! Mitras und sie hatten sich nach der Rückkehr tatsächlich noch eine Schneeballschlacht im Garten geliefert. Natürlich hatte sie wieder verloren, aber immerhin hatte sie mit zwei Bällen getroffen – und anders als beim Zick-Zack hatte er diesmal den Kampf abgebrochen. Sie hatte wie im Wald auch im Garten gar kein Problem, Magie zu greifen – im Gegenteil, es schien ihr dort sogar besonders leicht zu fallen. Mit magischer Sicht hatte sie gesehen, dass es einige Stellen gab, an denen die Magieflüsse beinahe aus dem Boden zu sprudeln schienen, wie kleine Büschel aus Schilfgras, besonders in der Nähe der hinteren Wand. Vermutlich war das auch der Grund, warum das Laden für sie kein Problem darstellte. Mitras war über ihre Beschreibung nicht wirklich erstaunt gewesen, hatte aber nicht weiter erklärt, warum es in seinem Garten so viel Magie gab, obwohl er es zu wissen schien. Interessiert hatte ihn nur ihre Beschreibung des grasartigen Aussehens, das er nach eigenen Angaben nicht sehen konnte. Eigentlich hatte auch nicht er den Kampf abgebrochen, sondern Abby, die sie zum Essen hineinrief. Danach waren sie zum Laden gegangen, und Kira war sich ziemlich sicher, dass Mitras ihre Verliebtheit und ihr Glück hatte spüren müssen, so voll war sie davon, während sie die Magie durch sich strömen ließ. Aber er hatte den Zauber so ruhig wie immer gewoben und sie hatte ihm wie immer dabei zugesehen und die Eleganz seiner Bewegungen genossen. Sie seufzte glücklich. Und dann war sie schon eingeschlafen, im Kopf noch das leichte Rauschen des Waldes, das ihr schon immer Glück bedeutet hatte.

Quatsch machen – 10. Firn 242 (Silenz)

Sebastian zeigte sich am nächsten Tag hinreichend beeindruckt von Kiras leisem Bericht, den sie ihm in einem kleinen Nebenraum des Lesesaals gab – natürlich nicht, ohne vorher den Raum nach magischen Spionen abgesucht zu haben. Gemeinsam lasen sie anschließend in ein paar historischen Büchern über die Skir, weiterhin auf der Suche nach Hinweisen zu den Hexen der Skir, aber außer schaurigen Kriegsmärchen fand Kira nur den Hinweis, dass Skirhexen wohl durchaus einige Spionagezauber konnten. „Sie reisen durch den Raum wie ein Geist“, schrieb einer der Autoren, „und willst du ihnen schaden, musst du ihren Körper finden. Aber dieser wird zumeist eifrig bewacht von ihrem Gemahl, der die Hexe mit Leichtigkeit selbst an den fernsten Orten erreichen kann.“ Wie genau dieser Zauber aber funktionierte, stand dort leider nicht weiter. Sebastian tröstete sie, indem er ihr von den magischen Versuchen in Grundlagen der Elementarmagie erzählte, die seine Schwester anscheinend gerade plagten, und ihr ein passendes Buch besorgte, das es in Mitras Bibliothek nicht gab. Bis zum Shengstag gelang es Kira damit sehr zu Mitras Bewunderung, einen winzigen Ball aus Wasser in ihrer Hand zu erzeugen. Nunja, eigentlich eher eine Pfütze, aber immerhin. Sie beschloß, passende Telekinesezauber zu üben, damit das Wasser bei ihr ebenso schön über der Hand in einer Kugel fließen konnte, wie es das bei Mitras tat, als er ihr vorführte, wie der Zauber aussehen konnte. Am Abend des Shengstages zog Mitras sich eine ganze Weile mit Stefania in sein Labor zurück, weshalb Kira erst überlegte, ob sie weiter in ihrem Zimmer üben sollte, es dann aber nach einigen Versuchen abbrach – erstens hatte sie auf den Teppich gekleckert und zweitens spürte sie auch hier wieder, dass es mühsam war, sehr lange viel Magie zu sich zu ziehen. Sie grübelte, warum Mitras das so leicht fiel und warum es beim Laden des Generators noch nie dazu gekommen war, dass sie das Gefühl gehabt hatte, der Raum sei leer. Allerdings brachte sie dieser Gedanke letztendlich zurück zu dem Anblick von Mitras, der das Wasser über seiner Hand hatte tanzen lassen, und sie seufzte verliebt und ließ sich auf den Tisch sinken, um sich dieser Erinnerung hinzugeben. Er hatte so gut ausgesehen, und das Wasser und seine Augenfarbe hatten so gut zusammen gepasst… Nach einer Weile des Schwärmens setzte sie sich entschlossen hin, holte ihre kürzlich gekauften Buntstifte hervor und begann, aus der Erinnerung ein Bild zu machen. Das würde sie gut versteckt immer bei sich haben können!

Am Morgen des Silenz wachte sie erholt und aufgeregt auf. Heute hatte Mitras ihr angekündigt, dass sie mit Frederieke und ihren beiden Kindern, Valencia und Julius, einen Ausflug zur Klippe oberhalb des Palastes unternehmen würden. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah dicke Flocken Schnee rieseln. Hoffentlich wurde der Ausflug nicht abgesagt! Rasch zog sie sich an und ging nach unten, wo William bereits dabei war, den Frühstückstisch zu decken.

„Guten Morgen, Kira!“, begrüßte er sie. „Na, hast du das Langschlafen wieder eingestellt?“ Kira nickte ein wenig verlegen. „Kann ich dir helfen?“ versuchte sie abzulenken. William schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich ist alles fertig, nur der Herr des Hauses fehlt. Magst du ihn wecken?“ Kira bejahte und ging nach oben, stand dann aber verlegen vor Mitras Zimmertür. Was sollte sie sagen? Sein Schlafzimmer hatte sie noch nie von innen gesehen. Sollte sie nur klopfen? Eigentlich war sie schon gespannt, wie dieser Raum aussah – ob er ihn ebenso gut ausgestattet hatte wie ihr eigenes Zimmer? Sie hob die Hand und klopfte. Nichts geschah. Etwas lauter klopfte sie erneut.​​​​​​​“Jaja, Abby, ich komme ja schon, hat William dich wieder hochgescheucht? Es ist doch noch genug Zeit bis Frederieke kommt, da muss er nicht so rumdrängeln!“ Kira zögerte. Was sollte sie sagen? Ehe sie sich sammeln konnte, ging die Tür auf und Mitras stand vor ihr. Er hatte eine schwarze, dicht gewebte Leinenhose an und sonst nur ein noch nicht zugeknöpftes Hemd, was ihr einen deutlichen Blick auf seine Brust gab. Sein Oberkörper war muskulöser als sie bei seiner Statur erwartet hatte. Erschrocken wich sie ein Stück zurück und blickte nach unten, was allerdings nur dazu führte, dass ihr Blick über seinen ebenso muskulösen Bauch wanderte. „Oh, guten Morgen Kira. Mit dir habe ich jetzt gar nicht gerechnet.“ Er wirkte plötzlich ein wenig verlegen und begann schnell das Hemd zuzuknöpfen. „Aber ich nehme mal an, dass ich deinen Besuch auch dieser frühmorgendlichen Nervensäge William verdanke, oder?“ Kira blickte angestrengt zu Boden und nickte heftig. „Tu…tut mir leid.“ Sie hatte das Gefühl, dass ihr Kopf rauschte. Vermutlich war sie fürchterlich rot. Sie linste ein wenig nach oben und bemerkte, dass ein Teil von ihr tatsächlich bedauerte, dass er gerade den letzten Knopf des Hemdes schloß. „Er sagte, ich solle dich zum Frühstück holen, alles andere sei schon fertig.“ Mitras lachte. „Gut, gut, sag ihm ich komme gleich, und kopf hoch, so schlimm sehe ich nun auch wieder nicht aus.“ sagte er mit einem schelmischen Grinsen und drehte sich wieder in sein Zimmer um. „Nein, gar nicht!“ platzte es aus ihr heraus, ehe sie darüber nachdachte. Dann schluckte sie. Oh, Geister, hatte sie das wirklich laut gesagt? Mitras reagierte nicht, und Kira ergriff die Flucht in ihr eigenes Zimmer, wo sie sich eine Weile in ihr Kopfkissen vergrub, bis das Rauschen des Blutes in ihren Ohren aufhörte und ihr Atmen wieder normal funktionierte. Wieso hatte sie ihr loses Mundwerk immer noch nicht im Griff, hatte ihr der ganze Ärger in Bispar nicht gereicht? Sie schimpfte mit sich selber und merkte dabei nicht, dass jemand in den Raum getreten war. Erst als Mitras sich hinter ihr räusperte, fuhr sie hoch. 

Mitras hatte das erste Klopfen gar nicht richtig mitbekommen, er war da noch mitten in seinen Übungen gewesen. Er war nach wie vor kein Morgenmensch, aber seit er den Regenerationszauber angewandt hatte, war er morgens deutlch fitter und früher auf den Beinen. Das nutzte er nun schon seit einigen Wochen, um sich auch körperlich wieder in Form zu bringen. Seine Bewegungen wurden langsam wieder fließender und geschmeidiger und er vermochte den Rapier nun schon fast wieder so künstlerisch zu führen wie früher. Nun war er gerade dabei sich vom Schweiß zu befreien und sich für das Frühstück fitt zu machen, als es klopfte. Als er die Tür öffnete und dann plötzlich Kira statt Abby vor ihm stand, überraschte ihn das doch sehr. Erst an ihrer Reaktion merkte er, dass er sich noch nicht weiter angezogen hatte, aber so viel Schüchternheit hatte er trotzdem nicht von ihr erwartet. Er war doch sicherlich nicht der erste Mann, den sie mit offenem Hemd sah. Sie sah gut aus, und selbst wenn es auf dem Dorf wahrscheinlich nur Deppen gab – einige noch idiotischer, wie er selbst hinzufügte – so nahm er doch an, dass sie schon sexuelle Erfahrungen gemacht haben musste. Kurz blitzte die Erinnerung an ihre Erzählung über den Angriff des Baronsbastards auf, und er korrigierte seine eigene Einschätzung. Sie hatte noch nie mit jemandem geschlafen, nun gut, aber es gab ja auch einiges, was man davor tun konnte. Warum sollte ein schönes Mädchen wie sie nicht auch ein paar nicht ganz so bescheuerte Verehrer gehabt haben? Auf jeden Fall war ihre Reaktion amüsant. Und dann erst ihre Verteidigung seines Aussehens! Süss von ihr, dachte er grinsend bei sich, und kam sich nochmal fünf Jahre jünger vor. Er drehte sich noch einmal zur Tür um, aber da war sie schon weg. Da er sie nicht die Treppe runtergehen hörte, war sie wohl nochmal in ihr Zimmer gegangen. Er zog sich schnell fertig an und trat auf den Flur. Ihre Tür war offen, dennoch klopfte er von außen einmal, erhielt jedoch keine Reaktion. Er zuckte mit den Schultern und trat ein. Sie lag auf dem Bett, den Kopf in die Kissen gedrückt, schluchste aber nicht. Einen Moment hatte er sich schon Sorgen gemacht, dass diese doch so harmlose Szene sie getroffen haben könnte, aber das war wohl nicht der Grund. Er räusperte sich laut, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie fuhr hoch, und ihre fahrigen Bewegungen erinnerten ihn so deutlich an ein Eichhörnchen, dass man dabei aufschreckte, wie es eine Nuss öffnete, dass er beinahe gelacht hätte. „Ich dachte ja nicht, dass du bei dem Anblick gleich wie ein erschrecktes Eichhörnchen vor dem Wolf ins Nest flüchtest.“ neckte er sie. „Komm, lass uns zusammen runter gehen. Jetzt warten sie bestimmt schon auf uns.“ Kira, deren Gesichtfarbe sich normalisiert hatte, lief wieder rot an. „Ich bin nicht…“ Sie brach ab. „Magst du Eichhörnchen?“ Die Frage überraschte ihn. „Ähm ja, doch sehr. Ich meine, wie kann man diese kleinen süßen Dinger nicht mögen.“ Nun merkte er, wie er leicht errötete. Er wusste selbst nicht, was er an diesen kleinen flauschigen Nagern so toll fand, aber eine Welt ohne sie fände er doch sehr traurig. Kaum etwas konnte ihm den Tag so sehr versüßen, wie einem roten Eichhörnchen zu begegnen. Kira schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie stand ganz auf, strich ihr Kleid glatt und ging an ihm vorbei. „Dann geht dein Eichhörnchen jetzt natürlich mit dir frühstücken.“, sagte sie, nicht besonders laut, aber er hatte es dennoch gehört, und er folgte ihr mit einem breiten Grinsen.

Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle und gerade, als Mitras aufstand, klingelte es an der Tür. Abby lief hinaus und nach wenigen Minuten hörte Kira ein lautes Kreischen. „Onkel Miiiiiitraaaas! Onkel Miiiitraaaas! Wir sim da!“ Kleine Füße trappelten und dann stürmte erst ein Mädchen zwischen 6 oder 7 und anschließend ein etwa halb so alter Junge ins Esszimmer. Die Kleine war eindeutig ein Kind der Familie Venaris, sie hatte lange braune Zöpfe und ebenso eisblaue Augen wie Mitras. Ihr Bruder hingegen, der noch eine Winterjacke und seine Mütze trug, hatte anscheinend deutlich hellere Haare und grünlich-dunkle Augen, kam also vermutlich mehr nach seinem Vater. Kira wusste schon, wie die beiden hießen: Valencia und Julius. Erstere sprang Mitras, der aufgestanden war, beinahe in die Arme, und er hob sie hoch in die Luft, was sie mit einem freudigen Lachen quittierte. „Is auch! Is auch!“, quengelte ihr kleiner Bruder, und Mitras ließ seine Schwester los, hob ihn locker hoch und schwang ihn herum, wobei er fast die Lampe über dem Tisch getroffen hätte. Kira musste unwillkürlich lachen. Schade, dass Mitras keine eigenen Kinder hatte, dachte sie, er wäre bestimmt ein guter Vater. „Bist du Onkel Mitras neue Frau?“, fragte Valencia, die nun plötzlich vor ihr stand. Kira blickte sie verblüfft an. „Äh, nein, ich bin… äh, seine Discipula.“, stammelte sie. Seine Frau zu sein war selbst für ihre verliebte Vorstellung gerade etwas zu viel. „Was ist eine Discipula?“ „Das ist jemand, der lernt, Magie zu benutzen. Und dein Onkel erklärt Kira, wie das geht. So wie deine Lehrer dir erklären, wie Lesen und Schreiben geht.“, antwortete Frederieke, die hinter den Kindern ins Zimmer getreten war und Kira blickte sie dankbar an. „Warum lernt Kira Magie? Ich will auch Magie lernen!“ Frederieke lächelte ihre Tochter an. „Nun, dazu muss man das Talent haben. Wir werden sehen, ob du das auch hast, aber noch bist du etwas zu jung dafür. Und jetzt erstmal Schluß mit Fragerei.“ Valencia zog eine Schnute, schwieg aber. Kira fand, dass die Fragerei eigentlich nur halb so schlimm war – immerhin war es wichtig, Fragen zu stellen. Mitras Nichte schien ausgesprochen neugierig zu sein, ein aufgewecktes Mädchen auf jeden Fall. Kira mochte sie – wobei, sie mochte eigentlich alle aus der Familie Venaris.

Nach einigen Worten der weiteren Begrüßung traten sie alle wieder in den Flur hinaus und zogen sich warm an. Kira nahm den neuen Mantel und erntete dafür begeistertes Lob von Frederieke, die erst Kiras Aussehen und dann Mitras Geschmack bei der Wahl lobte und anschließend feststellte, dass Mitras und Kira nun auch äußerlich gut zusammen passten, was Kira ein wenig rot anlaufen ließ und dazu führte, dass sie rasch als Erste vor die Tür trat. Es hatte aufgehört zu schneien, der ganze Garten lag von einer dichten Schicht Schnee bedeckt da, und zwischen den Wolken brach langsam die Sonne wieder hervor. Auf dem Platz vor dem Haus wartete bereits eine Kutsche, die Frederieke wohl mitgebracht hatte, und in die sie sich nun alle zusammen mit zwei großen Körben Essen, die William ihnen brachte, hineinquetschten. Dann brach die Kutsche auf und Abby winkte ihnen noch, während sie das große Tor in der Mauer hinter ihnen schloß.

Während der Fahrt diskutierten die beiden Kinder lautstark, wer auf welchem Bein von Onkel Mitras sitzen durfte und Frederieke lachte ihn gründlich dafür aus, dass er nun beide Kinder auf dem Schoß balancieren musste, während sie sich gemütlich ausstrecken konnte. Kira kam sich ein wenig fremd im Familienkreis vor, also rückte sie ans Fenster und sah hinaus. Solange sie innerhalb von Uldum waren, war der Schnee bereits festgetreten oder sogar schon geräumt, so dass sie gut vorankamen. Aber sobald sie die Stadtgrenze hinter sich hatten, wand sich der verschneite Weg über immer steiler werdende Hügel durch einen Wechsel von Büschen, freien Flächen und einzelnen Bäumen und die Pferde hatten ordentlich damit zu kämpfen, die Kutsche durch den Schnee zu ziehen. Bereits ein kleines Stück außerhalb der Stadt hielten sie darum an und der Kutscher bat Mitras um Hilfe, um statt der Räder vorbereitete Kufen anzubringen.

Mitras nickte bereitwillig, zögerte dann aber. „Habt ihr was dagegen, wenn meine Schülerin versucht, die Kutsche magisch anzuheben? Sie übt gerade solche Zauber.“ Der Kutscher rutschte vom Bock und schüttelte den Kopf. „Wie die Herrschaften es wünschen, ich muss nur die Kufen anschrauben können.“ , sagte er, und ging, um die Deichsel kurz zu lösen und die Pferde ein Stück beiseite zu führen. Begeistert rieb Mitras sich die Hände. „Frederieke, nimm mal die Kinder aus der Kutsche!“ , forderte er seine Schwester auf, die dem lachend Folge leistete. „Wasum?“ , fragte Julius. „Weil dein Onkel Quatsch vorhat. Komm, wir stellen uns da zu den Bäumen.“, antwortete seine Mutter kopfschüttelnd und grinsend, was Valencia dazu brachte, aufgeregt zu hüpfen und beinahe auszurutschen. „Jaaa, Quatsch! Onkel Mitras, mach Quatsch!“ Mitras schüttelte den Kopf. „Nein, keinen Quatsch. Kira, komm zu mir.“ Kira trat zögerlich zu ihm. Es war eine Sache, im Labor Zauber zu üben, aber eine ganz andere, hier vor Publikum einen ganz neuen Zauber auszuprobieren. Mitras musste ihr Zögern wahrnehmen, denn er lächelte ihr aufmunternd zu und sagte: „Den Zauber kennst du schon, das ist derselbe wie bei den Bällen. Du greifst einfach dort in der Mitte an und hebst die Kutsche nur ganz leicht auf dieser Seite an. Ich helfe, wenn nötig.“ Kira atmete tief ein, um die Nervosität zu überdecken. Dann schloss sie gehorsam die Augen und öffnete ihre magischen Sinne. Der ganze Wald um sie herum schwappte beinahe über vor Magie. Das hatte sie ja schon beim letzten Mal bemerkt, doch nun wurde es noch deutlicher. Sie hatte beinahe das Gefühl, auch ohne den passenden Zauber die ganze Magie um sich fühlen, fast sehen zu können. Mit derselben Leichtigkeit wie beim Laden zog sie Magie in sich hinein, öffnete dann die Augen und blickte die Kutsche an. Dort greifen, anheben, nicht umkippen. Sie bewegte die Hände langsam und vorsichtig, der Zauber sollte genau werden… die Kutsche wackelte. Mehr Kraft? Sie ließ mehr Kraft in die Verbindung fließen. Neben ihr hörte sie Mitras Stimme: „Oh, nicht so…“ Er brach ab, als die Kutsche mit einem Ruck nach oben schoß und ein Stück über ihren Kopf in der Luft hängen blieb. Kira spürte, wie er ebenfalls magisch nach dem Gefährt griff. Verblüfft schaute sie die Kutsche an. Sie hing etwas schräg, aber sie hing komplett in der Luft. Valencia und Julius quietschten begeistert. Der Kutscher, der mit den Kufen ein Stück neben ihnen stand, kratzte sich am Kopf und sagte: „Könnten Sie die etwas tiefer hängen, Mylady oder Mylord? Ich komme so ja nicht ran.“ Ehe Kira reagieren konnte, presste Mitras ein: „Aber nicht spontan loslassen!“ hervor. Sie nickte, war aber ein bisschen beleidigt. Was dachte er denn, dass sie eine Kutsche aus zwei Meter Höhe fallen lassen würde? Vorsichtig, wie beim Üben mit den Bällen, senkte sie die Hände ein wenig und die Kutsche folgte der Bewegung. Mitras seufzte leise und ließ seine Hände sinken. Er drehte sich zu ihr, aber Kira beachtete ihn nicht. Der Zufluss der Magie war hier draußen anscheinend wie im Generatorhaus gar kein Problem, aber die Kutsche stabil und ruhig zu halten, so dass der Kutscher die Kufen montieren konnte, war es durchaus. Aber sie blendete die Stimmen der Kinder aus, schaute nur auf die Kutsche und konzentrierte sich. Es gelang. Auch wenn sie einige Male etwas wackelte, es gelang. Mitras sprach die ganze Zeit nicht mehr, bis sie die Kutsche vorsichtig zu Boden gleiten ließ. Dann schaute sie einen langen Moment an, und Kira war sich nicht sicher, ob er schimpfen oder sie in den Arm nehmen wollte. Die Entscheidung wurde ihm aber von Valencia abgenommen, die wie von der Feder geschnellt auf Kira zugeschossen kam, sobald ihre Mutter sie losgelassen hatte und sie begeistert umarmte. „Das war so irre! Du bist riiiiichtig stark! Wenn Onkel Mitras dir alles beigebracht hat, bringst du es dann mir bei?“  Kira spürte, dass sie beinahe kichern musste. Sie war ungemein erleichtert, auch diese erneute Prüfung gemeistert zu haben. Und außerdem konnte sie eine Kutsche fliegen lassen, das war ein durchaus berauschendes Gefühl! Lächelnd sah sie Valencia an und antwortete diplomatisch: „Wenn du das Talent hast, werde ich noch keine Magistra sein, aber vielleicht zeigt dein Onkel es dir dann. Und wenn nicht, kannst du ja einfach lernen, eine Kutsche mit Mechanik anzuheben. Oder eine Flugmaschine zu bauen.“ Valencia klatschte begeistert in die Hände. „Ja, super!“ „Dafür muss man aber lesen und schreiben lernen.“, sagte Frederieke, die mit Julius auf dem Arm von hinten durch den Schnee heran stapfte. Valencias Gesicht verdunkelte sich kurz und nahm dann einen sehr ernsten Gesichtsausdruck an. „Dann werde ich das ab sofort lernen.“ Frederieke zog die Augenbrauen hoch und nickte zustimmend. Zu Mitras und Kira gewandt murmelte sie: „Danke! Davon versuche ich sie schon seit Wochen zu überzeugen!“

Mitras trat einen Schritt zurück, während die Kleine Kira weiter umschwärmte und überlegte, was da gerade passiert war. Der Zauber war nicht schwer und auch dafür geeignet große Lasten tragen, aber das erforderte Übung und vor allem viel Magie. Auf der anderen Seite hatte Kira ein großes Potential und beherrschte den Zauber schon sehr gut. Trotzdem, dass sie die Kutsche plötzlich so hoch geworfen hatte, das hatte ihn stark überrascht. Er hatte gesehen, dass sie am Anfang nachjustieren musste, was ja auch zu erwarten war, bisher hatte sie ja nur mit kleinen Gegenständen geübt. Wenigstens hatte sie letztendlich die Kutsche genug stabilisiert, so dass der Kutscher seine Arbeit machen konnte. Kira hatte die Höhe problemlos halten können, aber ihr fehlte die Übung auch alle anderen Faktoren unter Kontrolle zu halten, dass hatten die Bewegungen der Kutsche deutlich erkennen lassen. Der eigene Energiefluß, der Wind, bewegliche Teile der Ladung. Mitras hatte konstant einen Zauber zum Auffangen bereit gehalten, aber zu seinem Erstaunen hatte es schließlich geklappt, ohne dass er weiter eingreifen musste. Gerade der Magiefluß machte ihm aber Sorgen. Das hatte sie schon besser hinbekommen. Am Anfang hatte sie beim ersten nachjustieren beinahe die Kontrolle verloren, so viel Energie war plötzlich in ihren Zauber eingegangen. Er nahm sich vor sie später danach zu fragen, was da los war. Warum fiel es ihr hier draußen anscheinend wieder schwerer, die Magie genau zu dosieren? Und wieso stand ihr überhaupt so viel Energie so leicht zur Verfügung? Ein bisschen beängstigend war das schon. Wie sollte er sie gut schulen, wenn selbst kleine Übungen zu schwebenden Kutschen führen konnten?

​“Nun gut, ich denke es kann weiter gehen, oder?“ wandte er sich an den Kutscher. Dieser nickte, nachdem er gerade die Pferde wieder vor die Kutsche gespannt hatte​​​, und sich nun wieder auf den Kutschbock setzte. Er hielt den beiden Frauen die Tür auf, hob Valencia in den Wagen und stieg dann selbst ein. Valencia war immer noch ganz aufgeregt und kuschelte sich an Kira, die nun im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand. Julius war hingegen deutlich reservierter – ihm schien die Vorführung eher etwas Unbehagen bereitet zu haben. Er kam aber gleich wieder zu ihm und machte es sich auf seinem Schoß bequem. Immerhin ein Kind weniger, dachte er sich. So ließ sich das Gewicht aushalten.

Gegenspionage – 6. Firn 242 (Mafuristag)

Am Mirasmorgen ließ Kira sich von Abigail wecken, sobald diese ins Haus kam. Am Abend des Silenz war sie zwar eigentlich früh genug zuhause gewesen, aber an Mathematik zu denken war ihr angesichts dessen, was am Nachmittag passiert war, unmöglich gewesen. Erst dieser unsympathische Magier, Mitras Angeberei und Gezänke und dann, als Ausgleich, der Ausflug zur Plattform und das gemeinsame Laden danach. Es war defintiv der romantischste Moment in ihrem ganzen Leben gewesen, dort oben zu stehen, die Lichter nach und nach aufflammen zu sehen und dabei seine Hand zu halten. Wenn man ehrlich war, war es vermutlich der einzige romantische Moment, den sie bisher erlebt hatte, aber das machte es nur noch aufregender. Sie konnte lange nicht schlafen, und als sie letztendlich in einen unruhigen Schlaf hinüber glitt, träumte sie von Mitras, der unruhig durch das Haus lief und einen unsichtbaren Feind jagte, der mit der schmierigen Stimme des Grafen di Porrum rief: „Sie ist deine Schwäche!“ Entsprechend zerschlagen kroch sie am Miras morgens aus dem Bett, aber sie wollte weder Mitras noch den Herzog di Pinzon enttäuschen, also gab sie sich Mühe, die restlichen Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen, ehe sie zur Meditationsstunde und zum Frühstück ging. 

Pinzon war zwar nicht ganz zufrieden, aber er wertschätzte, dass sie sich erkennbar Mühe gegeben hatte, und hielt ihr einen neuen Vortrag samt neuen Aufgaben. Als sie an diesem Abend nach Hause kam, brummte ihr Kopf und sie fühlte sich, als sei ein ganzer Achtspänner über sie gefahren. Oder eine Eisenbahn. Auf jeden Fall etwas großes. Sie aß ein wenig der Reste vom Mittag und entschuldigte sich dann. Noch ehe die Uhr sieben zeigte, war sie eingeschlafen und schlief diesmal einen tiefen, festen Schlaf ohne Träume, aus dem Abigail sie diesmal nicht wecken brauchte, weil sie wie früher schon um halb sieben aufwachte. Erholter vergrub sie sich in das Buch zur Elementarmagie, um wenigstens ein bisschen auf die Lehrstunde mit Mitras vorbereitet zu sein.

Mitras trat auf dem Weg zum Frühstück auf den Flur und wäre beinahe in Kira gelaufen, die zur gleichen Zeit aus ihrem Zimmer kam. „Guten Morgen, da war ich wohl beinahe etwas zu schwungvoll unterwegs. Wie ich sehe, geht es dir heute besser. Ich hatte schon Sorge, dass ich dich mit dem Laden vorgestern Abend zu sehr beansprucht hatte, so zerschlagen wie du gestern Morgen ausgesehen hast.“ ​​​​​​Kira schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das übernimmt mich nicht, mach dir keine Sorgen. Ich habe nur schlecht geträumt.“ „Nun gut, allerdings sind Träume nichts was man als Magier auf die leichte Schulter nehmen sollte. Erst recht nicht, wenn man ein gewisses Talent zur Hellsicht hat. Heute Vormittag bringe ich dir einen der grundlegensten Zauber bei.“ Mitras stockte und lachte kurz. „Wobei beibringen vielleicht das flasche Wort ist. Gewirkt hast du ihn schon, aber ich werde dir zeigen, wie er richtig ausgeführt wird. Sehr viel mehr werde ich dir im Bereich Hellsicht aber nicht beibringen können, wenn du dort ähnlich begabt wie in der Telekinese bist, habe ich aber eine Idee, wen wir fragen könnten, um dich weiter zu schulen. Magst du mir von deinem Traum erzählen?“ Kira, die vor ihm die Treppe herunter ging, schwieg einen langen Moment. Unten blieb sie stehen, drehte sich zu ihm um und fragte unsicher: „Muss ich?“ „Nun, wenn du nicht möchtest, musst du natürlich auch nicht. Es kann aber sein, dass du hellseherische Träume hast, nicht jedes Mal natürlich. Ich weiß nicht, was diese Träume auslöst. Ich selbst hatte noch keinen, aber meine Begabungen liegen auch woanders, eher so im Bereich Berge versetzen.“ Mitras musste kichern, tatsächlich hatte er mal einen gewaltigen Findling bewegt, der bei einem größeren Steinschlag nördlich von Uldum eine größere Straße blockiert hatte. Nathanael hatte ihn dorthin geschickt, als er noch Gehilfe war. Er hatte ihn oft herum geschickt um Leuten mit seiner Magie zu helfen. Im Nachhinein betrachtete Mitras das als gute Übungen und außerdem hatte er so bei vielen Menschen einen guten Eindruck hinterlassen, da Nathanael selten Geld für seine Dienste nahm. Kira lief rot an und sagte: „Ja, in Ordnung. Aber ich glaube nicht, dass dieser hier wichtig war.“ Mitras vermutete, dass er es war – allein ihre Weigerung, davon zu erzählen, machte ihn neugierig. Was brachte seine Schülerin wohl um den Schlaf, war aber nicht für seine Ohren bestimmt? Er hoffte nur, dass die Begegnung mit di Porrum sie nicht so sehr wie ihn selber belastet hatte. Er hatte den Abend des Silenz bei einem guten Glas Rum verbracht, aber war aus dem Grübeln über die Begegnung kaum heraus gekommen. Es machte ihm wirklich Sorgen, Secus könnte seinen Schützling ins Visier nehmen, und allein die Tatsache, dass er sich Sorgen machte, machte ihn angreifbar, was ihn ärgerte. Und das wiederum ärgerte ihn noch mehr, dass es ein Wicht wie Secus schaffte, ihm seine Freude über seine wunderbare Schülerin zu schmälern!

Das Frühstück war entspannt und die Meditation ruhig verlaufen. „Gut Kira, du machst Fortschritte beim ruhig werden. Das wird dir in der Zukunft sicher helfen. Was dir auch helfen wird, ist das Magie sehen. Es zählt zwar offiziell zur Schule der Hellsicht, wobei einige Magier auch der Überzeugung sind, dass es ein temporärer Veränderungszauber ist, aber der Zauber ist so elementar und auch wichtig, dass ihn eigentlich jeder beherrscht. Er ist auch tatsächlich nicht sonderlich schwer.“ Kira nickte und Mitras begann ihr den kurzen Vers vorzusagen. Der Zauber war gestenlos und in der Regel konnten die meisten Schüler ihn recht bald auch ohne Vers ausführen. Auch das erklärte Mitras ihr. „Gut, wie du einen Zauber beendest weißt du ja, also versuche es erst einmal mit dem Spruch. Sobald du ihn gewirkt hast, siehst du dich hier im Labor um und nennst die magischen Artefakte, die du sehen kannst.“

Kira nickte. Sie stellte sich in die Mitte des Raumes, atmete ruhig ein, nahm Magie in sich auf und kanalisierte sie mit den Worten „Vimeo magico!“ mit geschlossenen Augen, so wie Mitras es erklärt hatte. Sie spürte ein Prickeln in den Augen, ähnlich dem beim Laden vor vier Tagen, und als sie die Augen öffnete, sah sie die Magie fließen. Mit Ausnahme eines kleinen Raumes direkt um sie selber war der Raum mit Magie gefüllt, als sei es eine Vase voller Nebel. An einigen Stellen lag der dünne Schleier etwas dichter, an anderen war kaum ein Glitzern zu erkennen. An den Wänden sah sie dasselbe Netz wie in der Generatorhalle, allerdings viel deutlicher und wesentlich engmaschiger, es schien, als sei die Wand selbst verzaubert, und am Fenster rieselte die Magie durch die Ritzen geradezu herein. Im Schrank und an den Wänden leuchteten nun plötzlich verschiedene der Gerätschaften auf, das mochten die Artefakte sein, die Mitras angesprochen hatte. Sie schaute zu ihm und sah dasselbe Glimmen, diesmal etwas schwächer als beim Laden. Das machte Sinn, Mitras wirkte ja auch gerade keinen Zauber. Während sie ihn ansah, bewegte sich der Nebel um ihn plötzlich, und sie realisierte, dass er die Magie zu sich zog. Im nächsten Moment leuchteten seine Augen heller auf. „Du hast einen Zauber gewirkt, denselben wie ich, oder?“, fragte sie. „Gut beobachet, ja das habe ich. Und was kannst du sonst noch entdecken?“ Sie schaute sich um. „Da, der Heizstein leuchtet jetzt etwas anders. Ich kann sehen, dass er Magie in sich trägt, sie ist in ihm wie eine kleine Flamme. Und dort, auf deinem Schreibtisch, steht ein Beutel, der glimmt wie du, fühlt sich nach deiner Magie an.“ Mitras nickte zufrieden. „In der Tat, in dem Beutel sind einige Talismane, die ich vorbereitet habe. Sie lösen Schutzzauber aus, wenn man verletzt wird, oder helfen, etwas schweres anzuheben.“ Kira blickte sich weiter um. „Im Schrank liegen Kräuter, die Magie in sich tragen.“ Mitras zog erstaunt eine Augenbraue hoch, was angesichts seiner leuchtenden Augen komisch aussah. „Stimmt. Wie kannst du sehen, dass es Kräuter sind?“ Kira schaute wieder zum Schrank. „Sie haben einen Stiel und Blüten?“ Mitras schwieg kurz und sagte dann leise: „Das kannst nur du sehen, gut gemacht. Ich kann Formen nicht so genau erkennen.“ Kira spürte, wie seine Worte sie etwas verlegen machten, also blickte sie erneut zum Schrank. Einer der Steine, die auf der Kante lagen, glomm ganz schwach. Sie ging einige Schritte darauf zu. Diese Magie wirkte anders. Während die Magie der Kräuter wie ein wirres Geflecht aussah und die Talismane ein konstantes Glimmen von sich gaben, überzog diesen Stein ein wabenförmiges Muster, dass nur schwach aufglomm und wieder verschwand. Sie hatte sogar das Gefühl, je genauer sie hinsah, desto weniger konnte sie die Magie sehen. „Was ist das hier?“, fragte sie und deutete auf den Stein. „Das?“ Mitras kam zu ihr heran. „Nein, das ist nichts, da ist keine Verzauberung drauf. Warum fragst du?“ Verunsichert betrachtete Kira den Stein. Hatte sie sich getäuscht? Gerade, als sie den Kopf drehte, um die Geräte im Zirkel stattdessen zu betrachten, glomm er erneut kurz auf. Sie drehte sich zurück. Doch, da war etwas. Sie nahm ihn in die Hand. Was war das? Es fühlte sich ungut an, löste das Gefühl aus, den Stein rasch wieder hinzulegen. Sie ließ ihn wieder los und schaute Mitras an. „Irgendwas ist aber mit dem. Haben Steine eine eigene Magie wie Kräuter?“ Mitras betrachtete den Stein ein langen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, sie können ein Heim für Geister sein, aber das sind sie eigentlich nicht, wenn man sie von ihrem Fundort entfernt. Und einen Geist würde ich auch sehen können.“ Wieder schwieg er einen Moment. „Bist du dir sicher, etwas zu sehen?“ Sie nickte. Sie hatte etwas gesehen. Würde Mitras es abtun wie alle anderen auch, wenn sie etwas ungewöhnliches gesehen hatte? So wie den Sturm? Sie hoffte, er würde ihr glauben, und spürte, dass sie Angst vor seiner Antwort hatte.

Mitras war beunruhigt. Der Stein war ein einfaches Mineral, er wusste nicht einmal mehr, wo er ihn her hatte. Er sammelte schon lange seltene Steine und bekam immer wieder welche geschenkt. Er nahm ihn und verstärkte den Zauber, konnte aber weiter nichts sehen. Aber seine Finger prickelten ganz leicht, etwas unangenehmes ging von dem Stein aus. Doch Mitras widerstand dem Drang den Stein einfach wegzulegen und betrachtete ihn genauer. Seine Wahrnehmung war wohl zu schwach. Er blickte zu Kira auf und nun wurde ihm auch klar, dass er ihrer Meinung hier trauen konnte. Ihre Augen leuchteten intensiv und allein der Anblick legte einen starken Karamellgeschmack auf seine Zunge. „Du hast recht, Kira. Irgendwas stimmt mit dem Stein hier nicht. Beschreibe mir bitte genau, was du siehst.“ Er legte den Stein ab, damit seine eigene Aura sie nicht ablenkte und wartete. Kira sah den Stein an, drehte einige Male den Kopf und kniff die Augen zusammen. Ihre Aura war mit einer Mischung aus roten und grünen Schlieren durchzogen, offenbar hatte sie ihre Emotionen beim Zaubern also immer noch nicht ganz unter Kontrolle. Das war jetzt aber erstmal nebensächlich. „Er ist ziemlich dunkel, also eigentlich, als ob Magie dort fehlen würde, die ist sonst ja eigentlich überall ein bisschen. Sieht eher so aus wie die Wand. Aber an der Oberfläche ist ein Muster, das glüht auf, wenn ich nicht direkt darauf schaue. Es ist wabenförmig und seine Farbe ist rötlich. Wenn ich den Stein anfasse, will ich ihn wieder weglegen, und…“ sie griff nach dem Stein. „… und ja, das Wabenmuster ist dann auch irgendwie hier auf meiner Hand, aber auch nur ganz kurz.“ Sie legte den Stein rasch wieder hin. Mitras griff hinter sich und ließ sich auf den Stuhl fallen. Bei den Geistern! Was sie da beschrieb, hatte er schonmal gelesen. Wabenmuster, die beim direkten Hinsehen verschwinden. Das war ein Zauber, um Magie zu verbergen, allerdings einer der höheren Klassen. Er selber hätte diese Art Magie niemals wirken können, aber er wusste, wo in seinem Haus es diesselbe Magie gab: Auf seinen Spiegeln. So verbarg man Artefakte, deren Ziel ist war, jemanden zu belauschen oder zu beobachten. „Verdammt, das ist ein Tarnzauber und in der Regel werden damit Spionagezauber maskiert.“ Mitras ärgerte sich über sich selbst, wie hatte ihm das nur passieren können. Wo kam dieser Stein überhaupt her? Er erinnerte sich einfach nicht mehr und das besorgte ihn nur noch mehr. Die Frage war nun, was hatte der Spion alles gesehen? Seine Experimente, Kiras Übungen? Die wichtigsten Sachen erledigte er aus Prinzip im Keller, aber die Experimente zu den Bezirken hatte er hier abgehalten. Und mit Kira übte er sowieso hier. Verdammt, was, wenn es noch mehr Spione gab? Hoffentlich reichten Kiras Fähigkeiten auch für diese. Aber dann würde sie  auch die Spiegel sehen. Und außerdem, wenn er jetzt mit ihr ganz offensichtlich das Haus absuchte und dabei vielleicht mit ihr sprach, würde die Person, die diesen Spion platziert hatte, möglicherweise noch mehr über Kiras Talent erfahren. Sie zu schützen war wichtig! Im Labor gab es Schutzzauber, natürlich, die Zauber von außen ebenso behindern sollten wie Zauber von innen daran hinderten, nach draußen zu gelangen. Diese Schutzwälle waren ein Standard bei magischen Laboren – zu oft hatten Magier versehentlich ihre Nachbarn getötet, weil ein Zauber herumsprang. Wenn er Glück hatte, war dieser Stein also gar nicht in der Lage gewesen, Gespräche aus diesem Raum nach draußen zu übertragen. „Ich werde etwas probieren.“, sagte er entschlossen. „Setz dich dort auf deinen Stuhl und behalte die magische Sicht aktiv. Du kannst zusehen. Ich werde versuchen, ob ich den Tarnzauber brechen kann.“ Kira nickte und setze sich. Mitras nahm den Stein, legte ihn in die Mitte des Zirkels und holte einige Utensilien aus dem Regal. Zunächst malte er sehr sorgfälltig mit Silberkreide einige weitere nötige Symbole hinzu. Als weitere Foki benötigte er drei, nein besser vier Goldwachskerzen. Gerade Symmetrien waren für diesen Zauber wichtig. Nebenbei erklärte er Kira, was er tat und was das für Materialien waren. Die Kreide war genau das, Kreide mit Silberstaub durchsetzt. Die Kerzen allerdings hatten keine Spur Gold in sich. Ihre Farbe erhielten sie von einer magischen Bienenart und sie verstärkten Magie. Ohne sie wäre er gar nicht in der Lage diesen Zauber zu wirken, aber so wurde er genug verstärkt. Er ergänzte den Aufbau um zwei Kraftfoki, einfache Magiespeicher, die man für Rituale vorbereiten konnte. Er hatte viele davon, da er früher viel mit ihnen experimentiert hatte. Leider war es nicht möglich die Energie eines Fokuses auf das Elektrum zu übertragen, aber jetzt gaben sie für ihn nützliche Batterien ab, mit denen er das Wirken beschleunigen konnte.

Als er alles zusammen hatte, begann er den Zauber. Die Formel war lang und kompliziert. 10 Verse, jeder mit anderen Gesten unterlegt. Er brauchte fast fünf Minuten für die Durchführung, dann begann die Magie zu wirken und es gab einen lauten Knall, als wenn ein schwerer Hammer auf den Stein gekracht wäre. Aber nachdem der dabei entstandene Rauch abgezogen war, war der Stein noch völlig intakt. Mitras erholte sich kurz und betrachtete ihn. Nun konnte er den Zauber klar erkennen. Es war ein Hellsichtzauber, in der Tat. Er wirkte ein paar Analysezauber, was ihn aufgrund ihrer Komplexität so sehr anstrengte, dass ihm der Schweiß die Stirn herunter lief. Zu seiner Erleichterung bestätigte sich seine Hoffnung. Es war ein Zauber, der über einen längeren Zeitraum aufnahm, aber er konnte nicht auf das vom Stein gesehene zugreifen, ohne den richtigen magischen Schlüssel zu kennen. Aber immerhin wusste er nun, dass auch die Gegenseite nicht an diesen Stein herankommen würde. Wer auch immer die Gegenseite war. Wer schaffte es diesen Stein bis in sein Labor zu bringen? Hatte er ihn vielleicht selbst hier her gebracht? Eigentlich war er sehr widerstandsfähig, aber wie sonst sollte der Stein hier herein gekommen sein? Es half nichts weiter zu grübeln. Er legte den Stein wieder in den Kreis und begann mit dem nächsten Zauber. Die Kerzen flammten kurz auf, brannten binnen kürzester Zeit auf ein Drittel ihrer Größe herunter und nach einem lautlosen Lichtblitz hörte der Stein auf zu existieren. „Das, Kira, hat nun nicht nur den Stein, sondern auch den Zauber darauf vernichtet. Es war die sicherste Methode alle gestohlenen Erkenntnisse, die hier gesammelt wurden, auszulöschen. Du hast mir gerade wieder einmal sehr geholfen. Aber ich fürchte wir müssen nun erst einmal das Haus durchsuchen. Ich kann das Risiko nicht eingehen, dass das nicht der einzige Spion war.“ Kira nickte. Mitras schaute sie einen Moment lang an. In diesem Raum war die Schutzwand, und wer auch immer versucht hatte, ihn auszuspionieren, hatte das vorher gewusst. Was aber, wenn in den anderen Räumen Gegenstände lagen, die direkt übertrugen? Und wie konnte er die Spiegel vor ihr verbergen? Er könnte die Spiegel deaktivieren, aber dafür brauchte er Zeit… „Ich befürchte, dass außerhalb dieses Labors Gegenstände sein könnten, die nicht nur aufzeichnen. Es wäre verdächtig, wenn du sie gezielt entdeckst. Darum schlage ich vor, dass du nun einmal durch die Küche, das Esszimmer und den Salon läufst und aufmerksam schaust. Merke dir, was du siehst, und berichte mir später davon. Dann kann ich entfernen, was dort vielleicht platziert wurde, ohne dass wir Aufmerksamkeit auf dein Talent ziehen.“ Kira nickte folgsam, stand auf und begann, langsam nocheinmal das Labor abzusuchen. Als sie fertig war, ging sie die Treppe herunter. Mitras ging, sobald sie durch die Tür im Salon verschwunden war, in sein Zimmer. Es würde ihn einiges an Magie kosten, die Spiegel später wieder zu aktivieren, aber angesichts dessen, was er darüber schon gesehen hatte, sollten sie doch besser sein Geheimnis bleiben…

Als Kira etwa eine dreiviertel Stunde später wieder im Labor vor ihm stand, konnte man ihr die Anstrengung deutlich ansehen. Sie setzte sich auf den Boden. „Uff. Einen Zauber so lange zu halten ist gar nicht so einfach. Ich habe einen weiteren Gegenstand gefunden, der dasselbe Wabenmuster zeigt – eine Vase unten im Schrank des Salons, dort, wo auch die anderen Vasen stehen.“ Mitras atmete erleichert auf. Der Schrank stand ziemlich in der Ecke und war recht dickwandig. Wenn er Glück hatte, hatte die Vase dort zwar gestanden, aber nichts hören können von dem, was am Tisch gesprochen worden war. Und vom Wintergarten, in dem Kira den Oleander so fulminant verzaubert hatte, war es auf jeden Fall weit genug weg! „Wie sieht sie aus?“ Kira beschrieb ihm die Vase und Mitras klingelte Abigail herein. Nach einer kurzen Erklärung einigten sie sich darauf, dass Abigail die Vase herausnehmen würde, einige Blumen hineinstellen würde und dann damit zum Gesindehaus gehen würde. Und – ganz aus Versehen – würde sie sie dabei fallen lassen. Dann konnte sie sie in den Kamin des Gesindehauses werfen. Mitras würde den Kamin später magisch reinigen und so jeglichen Zauber, der eventuell verblieben war, vernichten. Er beschloß, selbst einen Abhorchzauber auf eine andere Vase zu wirken zu lassen, um zu testen, wie gut man aus dem Schrank heraus Gespräche belauschen konnte und hoffte, damit seine Unruhe und Sorge etwas schmälern zu können. Stefania würde ihm sicher behilflich sein können. Da Kira sich immer wieder die Augen rieb, bot er ihr eine Pause an, was sie dankbar annahm, und während Abby die Vase heraus brachte, setzen die beiden sich einen Moment in den Wintergarten und tranken einen Tee. Anschließend bat er sie, nun auch die restlichen Räume zu durchsuchen. Sie fand zu seiner Beruhigung nichts.

Als sie im Keller vor der Geheimtür standen, hielt Kira allerdings inne. Sie schaute auf die Wand. Mitras schmunzelte. Er hätte sie sowieso gebeten, das Labor im Keller ebenfalls abzusuchen. „Nun, siehst du etwas?“, fragte er sie. Sie schaute ihn an und er hatte den Eindruck, sie sei ein wenig verlegen. Dann deutete sie zielgenau auf den magischen Schlüsselstein. „Da ist etwas. Aber es ist kein Wabenmuster.“ Mitras nickte und öffnete erst mit einem magischen Stoß das Schloss, dann entriegelte er den mechanischen Teil der Tür. Zu seiner Enttäuschung reagierte Kira nicht so überrascht, wie er erhofft hatte, aber nun, sie hatte ja auch den Schlüsselstein schon gesehen. Er führte sie in das Labor und war sehr erleichtert, dass sie auch dort keine weiteren Spione fand. Sie deaktivierte den Zauber und er nutzte die Gelegenheit, ihr das Labor und die Testgeneratoren zu zeigen. Anschließend aßen sie mit den anderen zu Abend, und natürlich rätselten sie alle, woher die beiden Spione stammten. Abby erinnerte sich, dass die Vase mit einem großen Gesteck anlässlich Mitras Geburtstag zusammen ins Haus gekommen war, aber sie wusste nicht mehr, wer es geschickt hatte. Vom Stein wusste niemand etwas. Mitras versuchte, Kira zur Erholung vom Laden zu befreien, aber sie bestand darauf, ihm helfen zu dürfen, und so beschloßen sie den Tag gemeinsam. Mitras spürte deutlich, dass sie stolz darauf war, ihm helfen zu können, es lag in ihrem Magiefluß, der außerdem keine Anzeichen der Erschöpfung anzeigte, die er nach der Suche deutlich bei ihr bemerkt hatte. Sie hatte Recht – das Laden, dass ihn über die Monate so ausgezehrt hatte, machte ihr kaum Schwierigkeiten, wohingegen das Aufrechterhalten des Sichtzaubers im Haus sie deutlich mehr mitgenommen hatte. Er musste wirklich dringend mit Nathanael reden, um diesem Mysterium auf die Spur kommen zu können. Warum überhaupt konnte Kira anscheinend alle Magieformen so gut, aber ausgerecht Verwandlungsmagie nicht? Diese hatte bei der Sondierung doch die stärksten Werte gezeigt. Lag es nur am Trauma? Zu welchen Höhen in der Verwandlungsmagie würde sie wohl in der Lage sein, wenn sie das Trauma überwand? Wenn Verwandlung wirklich ihr stärkstes Gebiet war, war dort einiges zu erwarten. Andererseits erschien es Mitras mittlerweise genauso möglich, dass die Sondierung sich geirrt haben könnte. Das allerdings war dann nur zu seinem Vorteil, anders hätte er sie wohl kaum als Schülerin bekommen, aber auch über die Zuverlässigkeit der Sondierung würde er mit Nathanael sprechen  – außerdem würde er ihm auch von den Spionen erzählen. Ob Titus etwas über die Spione wusste? Er würde sowieso auch mit Stefania reden müssen, denn alleine konnte er die Vase nicht verzaubern. So sehr er Kira vertraute – eine Expertin der Hellsicht war sie nicht. Am besten ließ er Stefania noch einmal die Räume durchsuchen, jetzt, wo die Spiegel sowieso ausgeschaltet waren. Bei der Gelegenheit konnte er sie dann auch gleich fragen, ob sie sich vorstellen könnte, Kiras Hellsichtfähigkeiten weiter zu schulen. Solche Fähigkeiten, das wusste er, führten selten dazu, dass man viele Freunde gewann, und er wünschte sich für Kira, dass sie ihre Schulzeit unbeschwert erleben konnte, also musste eine Hellsichtausbildung unbedingt im Geheimen erfolgen. Und auch, wenn nichts dieser Pläne seine Sorgen und seinen Ärger über die Spionageversuche mindern konnte, so merkte er doch, dass es ihm gut tat, Zukunftspläne dieser Art zu schmieden und sich um seine wunderbare neue Freundin, die ihm gerade an diesem Tag wieder bewiesen hatte, wie wertvoll sie sein konnte, zu kümmern.

Flater Orangentorte- 4. Firn 242 (Silenz)

 Mit dem neuen Oberteil mit dem feinen grünen und weißen Blütenmuster, dass Abby erst vor wenigen Tagen fertiggestellt hatte und dem passenden grünen Rock dazu, mit Hut und Handschuhen und natürlich den wundervollen Ohrringen, die Mitras ihr geschenkt hatte, fühlte sich Kira fast vornehm genug, um mit ihrem Magister ausgehen zu können. Einen Moment lang stand sie vor dem Spiegel und überlegte, dann setzte sich sich nocheinmal, holte ihre selten genutzten Schminksachen hervor und legte ein ganz wenig grüne Farbe auf ihre Augenlider. Ja, jetzt war es perfekt!

Mitras wartete bereits unten in der Halle auf sie und nickte ihr freundlich anerkennend zu. „Das Korsett steht dir! Hat Abby es erst die letzten Tagen fertig gestellt oder hebst du dir so schöne Stücke etwa für einen Ausflug mit deinem alten Mentor auf?“ Kira spürte, wie sie – mal wieder – rot anlief. „Es ist neu.“ sagte sie. „Und du bist gar nicht so alt.“ Mitras lächelte und bot ihr seinen Arm an. „Irgendwann werde ich neben meiner fleißigen und überaus begabten Schülerin aber ganz alt aussehen!“ Kira protestierte, während sie sich einhakte: „Mitras, du bist der jüngste Magister der letzten Jahrzehnte, erfolgreich, reich und gutaussehend. Ich bin nur ein Dorfkind mit roten Haaren, schlechten Mathekenntnissen und einem Talent für Pferde, ich werde dich niemals alt aussehen lassen.“ Mitras sah sie einen Moment still an, die Hand schon auf dem Türknauf, und Kira schaute in seine eisblauen Augen, bis ihr Herz raste. Dann hob er die Hand, legte sie auf ihre Schulter und sagte ernst: „Diese Sicht auf dich ist das, was ich meine Feinde gerne glauben lassen würde, denn es ist gut, unterschätzt zu werden, bis man wirklich stark ist. Aber du solltest niemals vergessen, dass ich in dir eine begabte …“, er stockte kurz, „eine begabte und schöne Frau sehe, die ein faszierendes Talent und geheimnisvolle Potentiale hat. Und ich freue mich, dabei sein zu dürfen und dir helfen zu können, diese Potentiale zu entfalten, auch wenn du mich dabei in mancherlei Bereichen sicherlich überflügeln wirst.“ Kira wusste nicht, was sie sagen sollte, also sagte sie nichts und senkte verlegen den Kopf, um nicht zu zeigen, wie rot sie wurde und wie sehr seine Worte sie mit Glück erfüllten. Später wusste sie nicht, wie sie zum Café gekommen waren, denn der Sturm aus tausend kleinen Faltern in ihr ließ ihr keine Ruhe, bis Mitras ihr vor einem etwas kleineren Haus zwischen höheren Wohnhäusern aus der Kutsche half und sie dann los ließ. Sie staunte darüber, dass es anscheinend mitten in der Stadt ein kleines Haus gab, dass aussah, als hätte es auch in der Nähe von Flate auf einem Hügel liegen können: Mit einem kleinen Vorgarten, in dem es zwischen Blumenbeeten einen gewundenen Gang und einige kleine runde Terrassen gab, auf denen abgedeckte Tische standen, einem Dach aus Schilf und einer Wand aus roten Ziegeln zwischen dicken Bohlen. Hinter dem Haus ragten zwei große Bäume hervor. Mitras war ihrem Blick gefolgt und schmunzelte. „Ja, tatsächlich ist es von Anfang an als Café geplant gewesen, und um Gäste anzulocken baute der Besitzer statt eines großen Hauses eine kleine Berger Kate. Dort drinnen gibt es Mittags den besten Fisch und nachmittags hervorragende Torten. Komm, ich habe einen Tisch reservieren lassen!“

Zu Kiras Belustigung bestellte Mitras eine Flater Orangentorte. Sie konnte ihm nicht erklären, warum sie darüber kichern musste, aber sie nahm sich fest vor, es Abby zu erzählen. Am Anfang hatte sie sich im Café etwas unwohl gefühlt – etliche Personen hatten sich nach ihr und Mitras umgedreht – aber er hatte einen Tisch bestellt, der etwas in einer Nische lag, und so konnte sie sich entspannen und ihr Stück Schokladentorte mit einer ihr unbekannten, rotlichen Fruchtmasse darin genießen. Die Süße der Schokolade in Kombination mit der Säure der Früchte schmeckte hervorragend, und sie schaute Mitras dabei an, während sie das Gefühl im Mund genoß, spürte, wie ihr Herz klopfte und stellte fest, dass heimliches Verliebtsein Ähnlichkeiten mit dieser Torte hatte. Es schmeckte gut, aber war auch ziemlich säuerlich. Naja, immerhin war es keine Orangentorte, obwohl die Variante, die Mitras da vor sich stehen hatte, wirklich viel Sahne beinhaltete.

Mitras war nicht entgangen, dass ihr die Blicke zu schaffen machten. Er war selbst auch nicht gerade erpicht darauf im Mittelpunkt zu stehen und hatte zu ihrer beider Glück eine der Nischen reserviert. Nun merkte er ihr an, dass sie sich entspannte. Er konnte sich nur keinen Reim darauf machen, was sie an der Tortenwahl so lustig fand. Sowohl für Uldumer als auch Burniaser Verhältnisse war Flater Orangentorte ein absoluter Exot. Normalerweise mochte Mitras sie auch nicht sonderlich, normalerweise jedenfalls. Das ursprüngliche Rezept war ihm zu bitter, aber hier hatten sie die Torte ein wenig abgewandelt, so dass sie süßer war. Christobal war ein großer Freund dieser Torte, die wohl durch seine Urgroßtante oder eine andere entfernte Verwandte in die Familie gebracht worden war. So hatte Mitras sie letztendlich auch kennen lernen müssen und Christobal ließ es auch nicht zu, dass jemand in diesem Backwerk etwas anderes sah, als ein Meisterwerk.

​“Warum denkst du, dass ich andere Magieformen probieren sollte, Magister? Und welche überhaupt?“, fragte Kira, als sie ihre Torte fast aufgegessen hatte.​​​​​​ „Weil du anscheinend schon unterbewusst Zugang zu den eher priesterlich angehauchten Varianten der Elementarmagie gefunden hast. Priester wirken Zauber ähnlich wie wir, nur dass sie zum einen nicht selbst Magie schöpfen, dafür brauchen sie die Hilfe von ihnen wohlgesonnenen Geistern, und zum anderen formen sie die Magie nicht durch Formeln, sondern durch Gebete oder Gesänge. Beides ist natürlich auch wieder eine Form von Formulierung, aber nicht so exakt wie in der Gildenmagie, was dann wiederum ausladendere Formulierungen nötig macht. Du selbst brauchst keine Hilfe von Geistern und hast deine eigene Magie genutzt. Wobei es hier seltsam wird. Normalerweise unterscheiden sich die reinen Magieströme von Priestern und Zauberen, was dazu führt, dass sie die Zauber der jeweils anderen Proffession nicht wirken können. Das scheint für dich aber nicht zu gelten, was wohl daran liegt, dass du so lange mit deinem Bruder Harras zusammen warst. Ich weiß nicht wie, aber unterbewusst hast du gelernt deine Magie für seine Zauber zu nutzen. Ich glaube, dass es dir dadurch auch leichter fallen könnte, verwandte Elementarzauber zu erlernen. Die Systematik der Magie hast du ja schon anhand der Telekinese erfahren. Deswegen glaube ich auch, dass du mich irgendwann überflügeln wirst. Natürlich nicht in der Verwandlung unbelebter Materie, aber Elementarmagie liegt mir selbst überhaupt nicht. Du scheinst da ein breiter aufgestelltes Talent zu haben. Das ist recht selten, aber auch nicht komplett ungewöhnlich. Nur dein Potential, das ist mir so noch nicht begegnet, wird für dich aber hoffentlich auch kein Problem sein.“ Kira schaute ihn aufmerksam an, ihre Wangen ein wenig gerötet, und ab und zu runzelte sie die Stirn oder wiegte den Kopf, wie sie es oft tat, wenn sie über seine Vorträge nachdachte. Mitras spürte wieder einmal, wie stolz er darauf war, eine solche Schülerin unterweisen zu können. „Deine Erzählung über deinen imaginären Freund deuten auch noch auf ein weiteres Talent hin. So wie du ihn beschrieben hast, würde ich eher auf einen Geist tippen, der sich bewusst an dich gehangen hatte, weil du ihn sehen kannst. Tatsächlich ist es vielen Kindern begrenzt möglich Geister zu sehen, wenn diese es denn wollen, aber die meisten verlieren diesen Kontakt dann schon im frühen Alter wieder. Bleibt der Kontakt länger bestehen als bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine hellseherische Begabung. Neben den Priestern sind es vor allem die Zauberer der Hellsicht Schule, die mit Geistern kommunizieren können. Wobei das natürlich nur ein Aspekt dieser Lehre ist. Du siehst also, deine Fähigkeiten sind breit aufgestellt. Du solltest dich in allen Schulen ein bisschen ausprobieren, damit sich die Magie immer natürlicher für dich anfühlt. Ich hoffe, dass sich dann auch irgendwann deine Angst vor der Verwandlungsmagie löst.“

Ja, das wäre tatsächlich gut. Aber jetzt gerade, in diesem vornehmen Café und Mitras Stimme lauschend, die ihr eine unglaublich Zukunft vorhersagte und sie ja geradezu mit Komplimenten überschüttete, hatte Kira nicht das Gefühl, dass sie sich noch vor igrendwas fürchtete – nicht mal mehr, von einem Mann angefasst zu werden. Sie würde jemanden wie Johann das nächste Mal einfach mit Magie umpusten. Sie grinste. Mitras erwiderte ihr Lächeln, doch dann wurde seine Minie plötzlich steif und verärgert. Sie drehte sich, um seinem Blick zu folgen und sah, wie der Kellner zwei Männer in Anzügen an einen Tisch nicht weit von ihnen geleitete. Der altere der beiden trug silberne Stickereien am Kragen und an den Ärmeln seines Jackets, war also ein Magier. Er blickte einmal durch den Raum, und offenbar erkannte er Mitras ebenso, wie Mitras ihn erkannt hatte. Etwas verschlagenes glitt über sein Gesicht und Kira wusste instinktiv, dass sie diesen Mann nicht mochte. Irgendwas an ihm erinnerte sie auch an Johann, und während er auf ihren Tisch zutrat, verschwand all ihr Hochgeühl schlagartig und wich einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend.

Kira nahm alles, was er sagte, gut auf, er konnte es förmlich sehen wie es in ihrem Kopf arbeitete und sie anfing Möglichkeiten wahrzunehmen. Kira bot auch für ihn Chancen, durch sie erfuhr er, dass es gar nicht so schlecht war Lehrer zu sein, vorausgesetzt der Schüler oder die Schülerin war so fähig wie Kira. Nach seinem Monolog blickte er sich kurz zufrieden um, es schien ein vollkommener Nachmittag zu werden. Er genoß die Zeit sehr, bis sein Blick auf zwei neue Gäste fiel, die gerade eingetreten waren und nun fast direkt auf sie zu geleitet wurden. Die Gebrüder di Porrum. Er riss sich stark zusammen, um sich nicht sofort seine komplette Abscheu anmerken zu lassen, aber es gab nichts, was ihn diesen Tag mehr verderben konnte als diese beiden. Während Cepus sich an den angewiesenen Tisch setzte, blickte ihn Secus direkt an und kam auf ihn zu. Unter dem Tisch glitten Mitras Hände unwillkürlich zu den Elektrumarmbändern. Er trug sonst keine Waffen, auch weil er Kira in der Stadt ein Gefühl von Sicherheit geben wollte. Außerdem war ein Rapier in einer Umgebung wie dieser doch unschicklich. Aber diese eigene Sicherheit hatte er gebraucht und es war den verschlungenen Bändern ja auch nicht anzusehen, dass sie innerhalb eines Augenblickes zu tödlichen, nahezu alles schneidenden Klingen werden konnten. „Ah Magister Mitras, hat es euch doch einmal aus der Alchimistenhöhle getrieben?“, begann Secus mit einem überaus höflichen Ton, der seine Beleidigung doch nicht verbergen konnte. „Und wer ist diese rothaarige Begleitung?“ „Nun Secus, als ehrenwerter Magister der Schule verbringe ich viel Zeit mit den wichtigen Forschungsaufträgen, ebenso mit den Aufträge des Königshauses und nun habe ich auch noch die Freude mich, in Vorbereitung auf meine weitere Gildenkarriere, als Lehrmeister zu profilieren. Diese werte Dame hier ist meine Schülerin Kira Silva. Kira, dies ist Graf Secus di Porrum. Ein früherer Schüler von Erzmagier di Hedera.“ Secus  deutete eine Verbeugung Kira gegenüber an und verbesserte: „Magister di Porrum. Sie haben mein Beileid.“ Kira schaute ihn kühl an und deutete mit einer leichten Kopfbewegung eine Verbeugung an, gerade genug, um den Regeln der Höflichkeit zu folgen. „Ich wüsste nicht, wofür man mich bedauern müsste, Graf di Porrum.“ Mitras musste sich zusammen reißen, nicht laut aufzulachen. Das war sein Mädchen! Mit nur einem Satz nahm sie das ganze Gehabe seines Gegners einfach auseinander. Secus runzelte die Stirn und sagte gehässig: „Nun, das kann ich mir bei Ihrer Herkunft lebhaft vorstellen.“ Zu Mitras gewandt ergänzte er: „Wenn es Sie dann zu sehr einnimmt, ein ehrenwerter Mentor zu sein, können Sie ja jederzeit auf mein Angebot zurückkommen. Aber ich werde den Preis, den ich bereit bin zu zahlen, verringern, wenn Sie noch lange warten.“ „Das wird nicht nötig sein. Ich habe bereits einen Vertrag mit der Schule der Verwandlung abgeschlossen. Der Erzmagier di Hedera hat mir den äußerst fähigen Erzmagier di Camino, ein ausgezeichneter Metallurge, zur Unterstützung zur Seite gestellt. Natürlich wird mich die Schule nur bei der Grundlagenforschung unterstützen, da ich bisher der einzige bin, der die Geheimnisse dieses neuen Stoffes wirklich zu meistern verstanden hat. Dafür wurde ich ja auch von der Gilde und dem König ausgezeichnet. Wenn Sie eine ähnliche Expertiese vorbringen könnten, dann würde ich Ihr Angebot ja in Betracht ziehen, aber so. Es tut mir leid. Ich fürchte, das würde Sie doch zu sehr fordern.“ Mitras war absichtlich ein wenig lauter geworden und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass sich bereits mehrere Leute in ihre Richtung umgedreht hatten und sicher auch genug vom Gespräch mitbekamen. Das wurde nun wohl auch Secus bewusst, der sich errötend und wütend kurz umsah.“Das wird dir noch leid tun!“, zischte er leise, ehe er sich umdrehte und zu seinem Bruder zurück ging, der am anderen Tisch stehen geblieben war. Er sagte kurz etwas und rauschte dann zur Tür hinaus, seinen Bruder hinter sich. Einen Moment lang war es still, dann begannen an allen Tischen die Gespräche wieder, als sei allen bewusst geworden, wie unhöflich die Stille war. Mitras atmete einige Mal bewusst ein und aus, um seine Gefühle zu kontrollieren, und schaute dann Kira an. Sie hatte das wunderbar gemacht, aber dennoch… ein unbestimmtes Gefühl von Sorge lag auf seiner Brust. Secus war nachtragend, er würde auch nicht vergessen, dass sie ihn hatte auflaufen lassen. Er hoffte inständig, dass er danach Secus selbst genug gereitzt hatte, um von Kira abzulenken. Er sollte ihr vielleicht nun auch ein paar Zauber zur Selbstverteidigung beibringen. Nur zur Sicherheit.

Kira aß schweigend ihre Torte auf. Sie schmeckte gar nicht mehr so gut, seitdem sie den Disput zwischen Mitras und diesem Graf di Porrum angehört hatte. Zu sehr fühlte sie sich an die Dispute ihrer Eltern erinnern, an Torges Gehässigkeit und an das Geschwätz der Dorfweiber, denen es ja doch immer nur darum ging, sich selbst besser dastehen zu lassen. Mitras war erfolgreich, aber dass er das so hervorhob, war ihr bisher nicht begegnet, und sie fand, dass es diesem schmierigen Mann gegenüber zwar wohl angemessen war, aber Mitras hätte dabei nicht so laut werden müssen. Kira mochte nicht, wenn jemand laut wurde, egal warum. Und jemanden anderen öffentlich bloßzustellen, und sollte er noch zu unsympathisch sein, hinterließ einen schalen Geschmack in ihrem Mund. Was, wenn Mitras sich so gegen sie richtete? Das würde sie vermutlich nicht aushalten, realisierte sie. Zu oft war sie selbst Ziel von Spott und Hohn gewesen. Von anderen würde sie es ertragen, aber der Ton, den sie eben an Mitras gehört hatte, machte ihr Angst. Vom ihm, unter allen Menschen, von ihm würde sie sowas nicht ertragen. Nachdenklich rührte sie in ihrem Tee herum und spürte, wie ihr das Herz wehtat bei dem Gedanken, nicht mehr in seiner Nähe sein zu können, von ihm abgelehnt zu werden. Was war nur in den letzten Wochen mit ihr passiert, dass ihr es plötzlich so wichtig war, was jemand anderes über sie dachte? Sie war doch immer frei gewesen, selbst ihre Mutter hatte sie nicht so getroffen, wie Mitras Stimme und auch nur der Gedanke daran, dass er sich gegen sie richten könnte, es jetzt gerade tat. Sie schaute ihn vorsichtig von unten herauf an. Er saß schweigend da und sah sie an, aber sie konnte keinerlei Ablehnung entdecken. Machte er sich Sorgen?

Mitras merkte, dass Kira nun besorgt und niedergeschlagen war. Dieser verfluchte Bastard hatte ihnen beiden den Nachmittag gehörig verdorben. Wie konnte Mitras das nur wieder richten? Mittlerweile fing es auch an zu dämmern. Von hier war der obere Teil des Avens nicht weit. Dort gab es einen leichten Hügel mit einer kleinen Aussichtsplattform. Vom Aristrokratenviertel konnte man von dort zwar nichts sehen, aber das Händlerviertel, die Altstadt, der Hafen, all das lag darunter ausgebreitet und auch die Gebiete im Norden konnte man sehen, wenn es nicht zu viel Nebel über dem Avens gab. Weit war es nicht. „Kira, ich möchte dir noch etwas zeigen. Der Tag soll auf einer besseren Note enden. Wenn du nichts dagegen hast, werden wir jetzt noch einen kleinen Spaziergang machen.“ Kira nickte. „Selbstverständlich, Magister.“ Die förmliche Rede stach ein bisschen, war aber hier in der Öffentlichkeit wahrscheinlich angebrachter als sein eigener vertraulicher Tonfall. „Gut.“ Er winkte einen der Kellner heran und beglich die Rechnung und ergänzte sie, mit einem Nicken auf den leeren Tisch, an dem die di Porrums sich hatten setzen wollen, um ein großzügiges Trinkgeld. Es ärgerte ihn, dass er nirgends vor den Übergriffen seiner Feinde sicher war, aber so konnte er sich wenigstens bei dem unnötig in Mitleidenschaft gezogenen Personal entschuldigen. Der Kellner nickte mit einem wissenden Blick und sagte dann zum Abschied: „Meine Dame, mein Herr, ich hoffe Sie bald wieder in unserem Haus begrüßen zu dürfen.“ Er verbeugte sich noch einmal tief. Mitras war nicht entgangen, dass er sehr darauf geachtet hatte, dass andere es mitbekamen, wer der Meinung des Personals nach der Störenfried gewesen war.

Mitras geleitete Kira aus dem Haus und die Straßen entlang zu der Plattform. Sie wirkte immer noch ziemlich niedergeschlagen und das bedrückte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Doch als sie auf der Plattform standen und unter ihnen in der lilanen Dämmerung die Lichter der Stadt nach und nach aufglühten, fand sie zu seiner Erleichterung zu ihrer üblichen Unbeschwertheit zurück und staunte über die Aussicht. Er unterdrückte den Implus, sie in den Arm zu nehmen, und fasste nur ein wenig ihre Hand, um sie zu drücken, und sagte: „Es freut mich, dass dir deine neue Heimat gefällt.“ Kira lächelte ihn scheu an, erwiederte den Druck aber und flüsterte, den Blick über die Stadt gleiten lassend: „Heimat. Danke, dass du mir eine gibst.“ Einen Moment lang standen sie schweigend, dann kamen von unten die Treppe herauf einige Leute und Mitras beeilte sich, ihre Hand loszulassen. Man war nirgendwo sicher, und derartige Vertrautheit sollte besser niemand wahrnehmen, dass war ihm nach dem heutigen Nachmittag nocheinmal deutlich bewusst geworden.

Exotische Magie – 4. Firn 242 (Silenz)

Einige Tage später, am Silenz, saß Kira im Wintergarten und beobachtete Tobey, der im Beet herum kroch und die Pflanzen versorgte. Sie hatte vor sich ein Notizbuch liegen, in das der Herzog di Pinzon ihr am Mirastag nach einem langen Vortrag über Gleichungen und die Möglichkeiten, sie durch Geometrie zu lösen, einige Aufgaben notiert hatte, und versuchte eher unmotiviert, die Linien für die letzte Aufgabe so so korrekt zu zeichnen, dass man die Lösungen ablesen konnte. Er hatte in seiner kleinen, sauberen Handschrift hinter jede Aufgabe auch die Lösung notiert und ihr deutlich gesagt, dass er nicht daran interessiert sei, ob sie diese raten könne, sondern ob sie sie begründen könne. Kira hatte Sebastian davon erzählt, allerdings nur flüsternd, der Herzog hatte ja deutlich gesagt, dass ihre Stunden bei ihm ein Geheimnis bleiben sollten. Sie fand aber, dass Sebastian eine Ausnahme von allem sein konnte – immerhin hatte sie ihm ja auch erzählt, dass sie ein wenig in ihren Mentor verliebt war, und mehr Geheimnis ging ja wohl schlecht. Sebastian hatte sich beinahe an seinem Tee verschluckt, so sehr hatte er lachen müssen, und ihr dann erzählt, dass Herzog Christobal di Pinzon durchaus auch Vorlesungen an den Akademien als Gastdozent hielt, und auch an der Universität für Nichtmagische Wissenschaft berühmt-berücht war für seine Vorträge. „Er ist ein Genie, glaube ich“, sagte Sebastian, „aber ein sehr schrulliger Mann manchmal.“ Er hatte ihr auch Hilfe bei den Hausaufgaben angeboten, aber Kira wollte sich nicht zu sehr helfen lassen, eigentlich war der Vortrag ganz verständlich gewesen, und seitdem die Mathematik mehr war als Kaufmannsaufgaben fand sie sie auch nicht mehr ganz so schlimm. Stattdessen hatte sie es vorgezogen, sich von Sebastian dabei helfen zu lassen, aus dem Theaterprogramm, dass ihr Guardia Engel hatte schicken lassen, ein Stück auszusuchen. „Julis und Roma“, hatte sie nämlich herausgefunden, war ein dramatisches Stück um zwei unglücklich Verliebte Adelige, die wegen eines Familienstreites nicht zusammen sein dürfen. So etwas romantisches fand Kira unpassend für einen Theaterbesuch mit einer alleinstehenden Witwe, also überlegten sie und Sebastian, dass sie lieber die in einigen Wochen beginnende Aufführung von „der gebrochene Teller“ ansehen könnte, da es ein lustiges Stück über eine „schändliche Tat und die Versuche, diesselbe zu verbergen“ sei. Kira war noch nie im Theater gewesen und Sebastian bestätigte, dass eine Komödie als Einstieg wohl besser geeinigt sei als eine Liebestragödie. Gemeinsam verfassten sie eine Antwort an die Großmutter von Maximilian Engel und Sebastian kümmerte sich sogar um einen Boten.

Tobey fluchte, als er in einige Dornen im Beet an der Hauswand griff. Kira spürte, wie eine Welle von Sehnsucht über sie rollte. Sie vermisste Bruder Harras. Er hatte auch immer an irgendwelchen Pflanzen herumgewuselt, während sie am Tisch saß und lernte. Ihr Bruder Adrian hatte auf ihren Brief geantwortet, er freue sich sehr, dass es ihr gut gehe. Zuhause sei alles wie gewohnt. Er wirkte ein wenig unbeholfen, wahrscheinlich hatten die anderen ihm ziemliche Schauergeschichten erzählt, aber sie war sehr erleichtert gewesen, dass er ihr überhaupt schrieb. Sie sollte wirklich auch Bruder Harras mal schreiben. Gedankenverloren streckte sie die Hand nach einem Blatt des Oleanders aus, das neben ihr über den Tisch ragte, und strich darüber. Es fühlte sich gut an. Sie dachte daran, wie Bruder Harras neben den Pflanzen gestanden hatte, sie gestreichelt hatte und gesungen. Er bat die Geister um Hilfe, das wusste sie, und von dem, was sie bis jetzt außerdem über Magie wusste, nahm sie an, dass er außerdem Magie kanalisiert hatte und die Pflanzen damit gefüttert hatte. Leise begann sie zu summen. „Hmmm…hmhmm.. Gäa, meine Mutter, Gäa, mein Vater, schenke uns allen, was uns soll gefallen… hmhm…“ Leise prickelte ein bisschen Magie in ihren Händen, und sie öffnete sich, ließ sie zu der Pflanze fließen. „Hhmmhmmm… was soll uns gefallen, was soll uns ernähren, kannst du uns gewähren…hmhmmm…“

Den Rest der Woche war Mitras zum Glück viel zu sehr von seiner Arbeit eingespannt gewesen und war Kira außer beim Essen, Laden und ihren Lehr- und Meditationsrunden nicht über den Weg gelaufen. Beim Essen lenkten ihn die anderen ab, und in ihrer Lehrstunde hatte der anstehende Stoff und die zeitliche Distanz geholfen. Aber die erste Meditation war schwer gewesen und das Laden danach erst…

Mitras wusste rückblickend nicht was ihn so sehr die Kontrolle hatte verlieren lassen. Ja, sie sah sehr gut aus und ja seine letzte Frau war sehr lange her. Aber sie war auch seine Schülerin und dann war da noch die Geschichte mit Johann. Wobei – das mit der Schülerin oder dem Schüler hielt diverse andere Mentoren auch nicht auf, aber trotzdem. Sie war noch jung und unerfahren, und die Begegnung mit diesem möchtegern adeligen Bastard hatte sicher Spuren hinterlassen. Er musste außerdem darauf achten insbesondere öffentlich nicht zu vertraut mit ihr umzugehen. Ihm war erst jetzt bewusst geworden, wie sehr das die Fasade von der nervigen Ablenkung, die er Thadeus gegenüber aufgebaut hatte, sonst zerbröckeln könnte. Und er wollte gar nicht erst daran denken, was die di Porrums ihr antun könnten, wenn sie zu früh feststellen sollten, dass sie ihm wichtig war.

All diese Gedanken liefen seinen eigentlichen Plänen für den Nachmittag komplett entgegen. Er hatte sich überlegt, vielleicht auch aus schlechtem Gewissen, sie in ein Café in der Nähe des Avens, auf der anderen Seite des Händlerviertels einzuladen. Aber gut, er war ja auch für ihre gesellschaftliche Bildung verantwortlich und da gehörte auch die Caféhauskultur der Hauptstadt dazu. Und außerdem hatte er den vorzüglichen Kuchen dort schon viel zu lange nicht mehr genoßen, und für Kira war es eine gute Belohnung für all die Leistungen, die sie in letzter Zeit vollbrachte.

Er kam nun gerade die Treppe herunter, nachdem er sie weder in ihrem Zimmer noch in der Bibliothek angetroffen hatte. Sie würde wohl im Wintergarten sein, soweit er wusste, war sie dort fast genauso häufig wie in der Bibliothek. Er öffnete die Tür und hörte sie schon beim Eintreten irgendwas halb summen halb singen. Er erkannte die Melodie aber nicht. Sie saß mit dem Rücken zu ihm am Oleanderstrauch. Ein Oleanderstrauch, der trotz des gleichmäßigen Klimas im Wintergarten üblicherweise seine gelben Blüten nur vom späten Frühling bis in den Herbst hinein zeigte und damit dann das Herzstück des mittleren Beetes war. Doch nun, mitten im Winter, von gestern auf heute, blühte er! Nur einige Blüten, aber sie leuchteten deutlich gelb zwischen dem Grün des Busches, und während Mitras verblüfft hinsah, öffnete sich vor seinen Augen eine weitere. Kira hatte ihn immer noch nicht bemerkt. Sie strich gedankenverloren über eins der Blätter und summte weiter. Einer Eingebung folgend beschwor Mitras seine magische Sicht herauf. Sie zauberte eindeutig, es war jedoch keine klar definierte Magie, aber auch kein chaotischer Ausbruch. Es sah am ehesten so aus wie die Magie eines Priesters, aber Mitras konnte keine Geister sehen, die aktiv halfen. Außerdem war es eine Magieform, die er bei ihr noch gar nicht beobachtet hatte. Auch wenn Priester ihre Magie von Geistern erhielten und sie in Form von Gebeten wirkten, so folgten sie doch den üblichen Regeln. Nur, dass sie aufgrund der Geisterbindung in der Regel nur Heilungsmagie und Elementarmagie wirken konnten. Nur wenige starke Priester hatten leichte hellseherische Fähigkeiten, die dann auch von den Geistern abhängig war, die sie umgaben.

Kira wirkte nun ganz beiläufig, was einem Priester Jahre der Übung gekostet hätte. Da fiel es Mitras wieder ein. Der Dorfpriester, sie hatte viel Zeit mit ihm verbracht. Sicher hatte sie sich einiges von ihm abgeschaut, nur dass sie keine Geister als Hilfe brauchte. Aber nach einer so langen Zeit konnte es gut sein, dass sie sich einige der Gebete oder Rituale abgeschaut oder intuitiv gelernt hatte. Nach ihren Erfolgen mit der Telekinese wirkte sie nun also auch Elementarzauber, wobei sie diese wohl schon länger kannte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie steckte weiterhin voller Überraschungen. Er trat leise an sie heran und blickte über ihre Schulter. „Na, meine zauberhafte Schülerin ist ganz versunken darin meinen Garten zu verzaubern?“  

Als Mitras Stimme plötzlich nah an ihrem Ohr erklang, riss Kira vor Schreck beinahe das Blatt ab. Sie sprang nach oben und zur Seite, und nur Mitras schneller Reaktion verdankten die beiden, dass sie nicht mit den Köpfen zusammen stießen. „Ich… äh… was?“ Sie schaute den Oleander an. Hatte er eben auch schon Blüten gehabt?

Mitras wich aus und hielt sie fest, damit sie sich nicht selbst umwarf und lachte. „Ruhig, wie ich sehe erwische ich dich an deinem freien Tag gleich bei zwei Sachen, die du heute nicht tun solltest. Ein bisschen spät für Mathehausaufgaben oder? Aber was mich wirklich interessiert, hast du bewusst die Pflanze verzaubert oder geschah das versehentlich?“

Kira spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. „Ich hab gestern schon angefangen!“, protestierte sie, dann wurde ihr bewusst, was er als zweites gesagt hatte. Gezaubert? Sie schaute auf den Oleander. Es war Winter, er hätte nicht blühen können. Obwohl, die Bougainvillea blühte ja auch, obwohl es Winter war. Verwirrt sah sie die Blüten an. Die waren gelb, und gelbenOleander hatte sie noch nie gesehen. Wenn er vorhin schon geblüht hätte, wäre ihr das doch aufgefallen! Hatte sie wie Bruder Harras ihn durch ihr Singen zum Blühen gebracht? Freude schwappte über sie hinweg und sie hob staunend die Hand, um eine Blüte zu berühren. Im nächsten Moment saß sie auf der Bank und heulte. Sie vermisste das Gartenhaus von Harras!

Was war denn nun los? War er zu grob gewesen? Nicht genau wissend, was er jetzt tun sollte, setzte er sich zu ihr: „Es ist schon gut, Kira. Solange den Pflanzen nichts passiert, kannst du sie gerne verzaubern.“ fing er unsicher an. „und nein, ich bin dir wegen der Mathehausaufgaben nicht böse, auch wenn du sie eigentlich schon erledigt haben solltest.“ Sie schniefte, griff sich dann in den Ausschnitt des Kleides und zog ein Taschentuch hervor. „Nein, nein, das ist es nicht!“ Eine Schniefer und Hickser folgten, und sie putzte sich die Nase. „Ich hab mich nur gefreut und ich vermisse Bruder Harras einfach… er war der einzige, der mir immer zugehört hat. Außer ihm hatte ich nur zwei richtige Freunde, meinen Bruder und Atlas, aber der war ja nicht echt.“ „Ein frühkindlicher imaginärer Freund?“ Sie schaute ihn an und zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Er war ein Hund und konnte mit mir sprechen, nennt man das dann einen imaginären Freund? Bruder Harras meinte, er könne ihn nicht sehen, und Atlas hat gekichert und gesagt, das solle er auch nicht, weil er erwachsen sei. Ich fand Atlas aber sehr real! Erst als meine Regelblutung eingesetzt hat, habe ich ihn nicht wieder gesehen.“ „Hm, es könnte sein, dass dein Freund sehr wohl real war.“ grübelte Mitras laut. Es gab viele Berichte über Kinder, bei denen später eine magische Begabung entdeckt wurde, die Geister sehen konnten. Oft nahm die Schule der Hellsicht solche Kinder auf, die diese Geistererscheinung lange und besonders intensiv sahen. Bis zum Einsetzen der Pubertät klang eigentlich recht intensiv, wenn er es sich recht überlegte. Eine intuitive Grundfähigkeit, auch Hellsicht zu wirken, würde ebenfalls erklären, warum sie vor einigen Tagen den Magiefluss hatte sehen können. Er fasste sich an den Kopf. Bei den Geistern, erst Elementarmagie mit Priestergesang, dann Hellsicht. Was steckte heute wohl noch in seinem kleinen Wundermädchen? „Kira, ich glaube, wir sollten wirklich andere Zauber probieren. Ich werde dir nachher zwei Bücher hinlegen, Einstiege zur Hellsicht und zur Elementarmagie. Und dann werden wir mal schauen, wie du dich da schlägst. Aber jetzt…“ er blickte sie so streng wie möglich an und deutete auf das Notizbuch. „…jetzt wirst du diese eine Aufgabe da meinetwegen beenden, und dann wirst du deine Sachen wegräumen und dir etwas feineres anziehen. Ich würde dir gern ein besonders gutes Café zeigen, sie machen tollen Kuchen.“

Andere Magie? Kira war gleichzeitig aufgeregt, nervös, glücklich, ängstlich, neugierig und … naja, hauptsächlich aufgeregt. Sie freute sich jetzt schon auf übermorgen, wenn sie Zeit zum Lesen hätte. Mathe würde sie heut abend zu Ende machen. Mit dem Tuch wischte sie sich die letzten Spuren der Tränen ab und nickte. Sie hatte Mitras zu ihrem Bedauern in der Woche gar nicht so oft gesehen und so vermischte sich in die Freude über die neue Magie noch viel mehr die Freude, Zeit mit ihm verbringen zu können und mehr von Uldum zu sehen. Rasch sammelte sie ihre Unterlagen zusammen, strahlte Mitras noch einmal an und huschte nach oben, um sich umzuziehen.

Bodenkontakt – 30. Lunar (Mafuristag)

Am Abend half Kira William in der Küche. Sie war mittags eine Weile im Garten gewesen, wo er sie aufgestöbert hatte. Aufstöbern war hierbei auch genau das richtige Wort angesicht der Mengen an Schnee, die derzeit vom Himmel fielen. Kira hatte es nicht bemerkt, weil sie sich darauf konzentriert hatte, Magie zu sich zu ziehen. Im Schnee fühlte sich die Magie wie die Luft etwas kälter an, aber hier draußen konnte sie keine Beschränkungen wie drinnen spüren. Es waren einfach die doofen Wände, durch Wände konnte nichts fließen und man konnte da auch nicht durchgreifen. Es frustrierte sie, dass Mitras so tat, als sei es das Einfachste der Welt, magisch durch eine Wand zu greifen. Es machte doch auch viel mehr Sinn, dass Wände Dinge beschränkten! Während sie darüber noch nachdachte, hatte plötzlich William neben ihr gestanden und sie gefragt, ob es Probleme gäbe, dass sie sich zuschneien ließe. Sie hatte ihm ihr Leid geklagt, und auch, wenn er nicht wirklich irgendwas davon zu verstehen schien, schlug er ihr vor, ihm abends lieber bei der Erstellung von Schneeflocken zu helfen, statt sich diese in den Kragen rieseln zu lassen. Also stand sie nun mit ihm in der Küche und füllte einen weißen, weichen und fluffigen Teig in kleine Förmchen, die aussahen wie Schneeflocken. Zumindest behauptete William, dass Schneeflocken, wenn man sie mit einer Linse anguckte, so sechseckig wären. Sie hatte den Nachmittag über über die Fauna des Landes gelesen und so unterhielten sie sich über die verschiedenen Tiere, die es rings um Uldum gab. William war auch schon viel im Land herumgekommen und hatte viele verschiedene Tiere, auch magische, gesehen, und Kira hörte ihm neugierig zu, während sie langsam ihre Sorgen über das schlechte Magiegreifen im Labor verdrängte.

„Was ist denn dein Lieblingstier?“, fragte William neugierig. Kira dachte nach. „Hmm, ich mag das Meer nicht so, aber Delphine sind schon ziemlich toll, sie können sogar mit nichtmagischen Menschen reden. Eulen finde ich auch spannend, die können nach hinten gucken. Hmm… aber ich glaube, meine Lieblingstiere sind Wölfe. Es gibt in Burnias einige Wolfsrudel, angeblich soll es sogar magische Wölfe weiter oben im Norden geben. Das sind so majestätische Tiere!“ William nickte. „Ja, aber auch gefährlich. Ich bin da lieber etwas harmloser, ich mag Pferde – das liegt wohl in der Familie, wir ziehen alle gern übers Land, das liegt eben im Blut, und Pferde sind die wichtigsten Begleiter der Inuk.“ Kira sah ihn neugierig an. Er hatte bisher noch nicht viel darüber erzählt, wo er herkam, auch wenn sie den Erzählungen von ihm und Mitras wohl entnommen hatte, dass er dem fahrenden Volk entstammte. Sie traute sich, ihn weiter danach zu fragen, und fragte stattdessen: „Und was ist mit Mitras?“ William dachte kurz nach. „Ich glaube, er mag Katzen, Frettchen und Angora-Drachen. Das ist die kleinste Drachenart überhaupt und die einzige Flug- und Elementardrachenart, die noch in von Menschen besiedelten Gebieten leben. Sie erinnern in ihrer Gestalt an Otter, sind aber noch ein bisschen größer. Je nach Unterart haben sie, wie alle Elementardrachen entweder einen Eisatem oder einen Feueratem, und Mitras ist wohl mal einem mit Eisatem begegnet. Die großen Drachen findet er aber auch sehr interessant. Und außerdem, aber erwähn das bloß nicht und erst recht nicht, dass du das von mir weißt, hat er eine Schwäche für Eichhörnchen. Diese pelzigen Nager versetzen ihn in regelrechte Verzückung, wenn er mal eins sieht. Das würde er aber nie zugeben.“ Kira spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoß und sie beugte sich tiefer über das Blech, damit William es nicht merkte. Er hatte sie nach einem seiner Lieblingstiere benannt? Eines, dass ihn in Verzückung versetzte? Die Erinnerung an seine Hand, die über ihren Nacken strich, kehrte schlagartig zurück, und sie zitterte ein wenig mit der Spritztüte. „Alles in Ordnung?“ „Ja, alles klar, ich hab nur gekleckert.“ Rasch holte sie einen Lappen. Reiß dich zusammen, Kira. Er ist dein Mentor. Und ein Mann. Hör auf, solche Gedanken zu haben!

Mitras hatte Kira beim Abendessen beobachtet, aber es schien ihr wieder gut zu gehen. Trotzdem fragte er sie wegen des Ladens: „Geht es dir wieder besser? Ich kann sonst auch allein laden, wenn du dich noch zu schwach fühlst.“ Kira schüttelte den Kopf. „Nein, alles gut. Ich hab draußen gesessen und es war gar kein Problem, Magie zu greifen. Es ist wirklich nur die doofe Wand im Labor, beim Generator hatte ich auch noch nie Probleme.“ „Gut, dann werden wir es versuchen, aber sobald du merkst, dass etwas nicht stimmt, unterbrechen wir.“ Sie nickte eifrig. Mitras nickte und öffnete ihr die Tür zum Garten. Der Schneefall hatte aufgehört und die beiden Monde standen klar am Himmel. Mit einer leichten Handbewegung wischte Mitras den lockeren Schnee auf dem Weg beiseite, während Kira sich ihren Mantel umlegte. Die verbliebenen Reste knirschten trotzdem deutlich unter ihren Füßen. Obwohl sie mitten in der Stadt waren, war es im Garten unheimlich ruhig, was Mitras aber deutlich mehr zusagte, als das geschäftige Rumoren um sein Elternhaus, das bis tief in die Nacht anhielt. Die starken Mauern um den Garten dienten nicht nur dem Schutz, sondern auch der Ruhe. Auf halber Strecke blieb er kurz stehen und atmete tief ein. Kira wäre fast in ihn hinein gelaufen und flüsterte erschrocken: „Huch, ist da was?“ „Entschuldige, ich merke nur gerade, wie selten ich in letzter Zeit draußen war. Und gerade jetzt ist die Luft so wunderbar klar. Das passiert hier in der Stadt nicht so häufig. Ich hoffe, dass der Generator uns allen langfristig bei diesem Problem helfen wird. Auch wenn dann immer noch die Gerber, Schmiede und die anderen, sagen wir nicht so wohlriechenden Gewerbe da sind.“ Kira atmete ebenfalls tief ein und nickte. „Du hast Recht.“ Sie schwieg kurz, während sie weiter gingen. An der Tür zum Generatorhaus drehte sie sich um und betrachtete einen Moment lang den Garten, der im Mondschein glitzerte. Leise, so leise, dass er sie kaum noch verstand, sagte sie: „Die klare Luft und den Wald und all das, das vermisse ich schon…“ Mitras hielt ihr stumm die Tür auf und nahm sich vor, sobald als möglich wieder einen Ausflug mit ihr zu unternehmen.

„Achte bitte gleich beim Laden einmal genau darauf wie sich das Magiesammeln anfühlt und wo du deiner Meinung nach die Magie herbekommst. Vielleicht gibt uns das ein paar Hinweise, wieso deine Magie so anders ist.“ Kira runzelte die Stirn, nickte aber gehorsam. „Ja, Magister, mache ich.“ Sie ließ sich auf ihren Platz auf den Kissen sinken, schob die Ärmel etwas hoch, sah ihn aber nicht an, sondern scheu auf den Boden. Mitras hatte es anscheinend wieder einmal etwas zu harsch formuliert und nahm sich vor sich später dafür zu entschuldigen. Aber ihre Magie war nun einmal mit nichts zu vergleichen, was er kannte, und er vermutete, dass es für Kira sehr gut war, dass sie bei ihm gelandet war. Einige würden in ihr eher ein Versuchsobjekt als eine Schülerin sehen. Er selbst war zwar auch gezwungen mit ihr zu experimentieren, aber nur damit ihr kein Schaden durch ihre Fähigkeiten entstand. Er setzte sich ihr gegenüber hin und ergriff ihre Arme: „Gut, fangen wir an.“

Die erste Berühung seiner Hände ließ sie fast zusammenzucken. Sie atmete tief ein und aus, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen, wie sie es in der Meditation geübt hatten. Dann umfasste sie seine Unterarme wie schon etliche Male zuvor, öffnete ihre Sinne und begann, die Magie zu sich zu bitten. Rasch erfüllte das Rauschen der Nadelbäume ihre Sinne, wie üblich. Sie versuchte, den Fluss der Magie zu fühlen. Wo kam er her? Ein wenig waberte die Magie einfach um sie… dann nahm es eher ein Gefühl von stetigem Fließen ein, durch die Kissen in ihren Unterleib und von dort in ihre Arme, wo Mitras sie übernahm. Beinahe wirkte die Magie erdig, da sie so aus der Erde kam, und während sie darüber nachdachte, hatte sie fast das Gefühl, Sand im Mund zu haben. Plötzlich, für einen kleinen Moment, war die Magie kälter, klarer, und im nächsten Moment spürte sie, wie ein ebenso kalter Windhauch durch den Raum ging, vermutlich von einer Windböe, die gegen die Tür gedrückt hatte. Die Magie war im Boden, in der Luft, um sie herum. Nur dort, wo der Generator stand und dort, wo die Wände des Gerätehauses waren, war keine Magie. Sie öffnete die Augen. Kann man Magie sehen? Mitras konnte das. Sie sah nichts und schloß die Augen wieder. Wenn sie sehen könnte, konnte sie ihm eine bessere Antwort geben… Einer Eingebung folgend nahm sie etwas von dem Fluß, den sie in sich spürte, und konzentrierte ihn auf ihre Augen. Sehen können…

Das Gefühl von Sand im Mund wich einer seltsamen Mischung als Karamell und Salzgebäck. Als sie die Augen wieder aufschlug, schimmerte der Raum in allen Farben des Regenbogens. Einen Moment lang waberte alles, dann schärfte sich das Bild und sie konnte sehen, die Magie und auch den Raum. Die Magie war ein Schimmern oder ein leichtes Leuchten. Über den Boden zogen sich helle Streifen wie kleine und große Rinnsale, die sich zu ihr hinwanden. An den Wänden war es dunkler, nur ein dünnes Netz lag über den Steinen. Unter der Kante der Tür wirbelte Magie hinein und verteilte sich zu einem Glitzern in der Luft, bildete Gitter und Netze, die aufglommen und wieder verloschen, zu ihr hin wirbelten und floßen. Kira blickte auf Mitras. Er war der hellste Punkt im Raum. Einen Moment lang überlegte sie, wie man das Leuchten, das ihn umgab, beschreiben konnte. Glimmen passte vermutlich am besten, mal heller, dann wieder schwächer, wie eine Glut, stetig, wärmend. Sie spürte, wie ein Schwall Zuneigung durch sie hindurch ging. Goldene Schlieren durchzogen für einen Moment den Raum zwischen ihnen und legten sich über ihre umgreifenden Arme. Sie schloß die Augen wieder und konzentrierte sich, die Magie wieder gleichmäßig fließen zu lassen. Hoffentlich hatte Mitras nicht zu viel bemerkt von ihren Gedanken!

Der Fluß der Magie von Kira zu ihm geriet erst ins Stocken, dann wurde er von einer Welle an Emotionen überrascht. Ihm brandete eine Welle tiefer Zuneigung entgegen, die sich eindeutig auf ihn bezog. Kira mochte ihn, deutlich mehr als ihm bewusst gewesen war. Im gleichen Moment schmeckte er das Karamellaroma viel stärker auf den Lippen und der Zunge, sie hatte also gerade gezaubert? Er konnte nicht sagen welcher Art der Zauber war, oder was sie überhaupt angestellt hatte, aber er hatte deutlich wahrgenommen, dass sie etwas getan hatte. Mit der bereits gesammelten Magie, auf die er sich konzentrieren musste, hatte er aber nicht mehr genügend Kraft, um sich auch darüber noch Gedanken zu machen. Das Ganze hatte ihn sowieso schon ins Schwanken gebracht und wäre die Menge schon größer gewesen, dann hätte er wahrscheinlich einiges verloren. Das konnte er später mit ihr klären, jetzt musste er sich erst einmal weiter konzentrieren. Die weitere Aufnahme verlief reibungslos. Als er genug gesammelt hatte signalisierte er Kira wie üblich, dass es reichte und stand auf. Er ging zum Generator und fing an die Formeln und Gesten vorzutragen. Schnell merkte er, dass die Magie noch widerspenstiger war, als es bisher sowieso schon der Fall gewesen war. Er hatte sich eigentlich schon daran gewöhnt, dass die Magie von Kira zwar potent, aber auch schwerer unter Kontrolle zu halten war, aber heute war sie regelrecht stürmisch. Er konnte es nicht anders beschreiben und hatte es so auch noch nie bei anderen erlebt. Nach rund zehn Minuten war er dann aber durch und kontrollierte den Stromfluss. Der Generator lief wieder ohne Probleme und die Bewegung des Zylinders war ruhig und gleichmäßig.

Er drehte sich zu Kira um. „So, dass hätten wir. Ich hatte allerdings relativ zu Anfang einige Probleme. Du hast irgendwie Magie gewirkt, was uns beide aus den Takt gebracht hat, oder?“ Kira drehte den Kopf zur Seite und sah auf den Boden. „Hmm, tut mir leid. Ich wollte nur sehen können, wo die Magie herkommt, weil du gefragt hast…“ Mitras setzte sich wieder zu ihr hin. „Du wolltest sehen? Aber du hast die entsprechenden Zauber doch noch gar nicht gelernt, oder habe ich da was verpasst?“ Kira blickte ihn an, feuerrot im Gesicht. „Weiß nicht.“, sagte sie leise. „Aber ich habe gesehen, dass sie aus dem Boden kam. Und du … glimmst…“ Ihre Stimme brach und sie blickte wieder verlegen auf den Boden. Ihr musste bewusst geworden sein, dass er nicht nur den Zauber, sondern auch ihre Emotionen gesehen hatte. Allerdings interessierte er sich jetzt gerade nur für den Zauber, da das doch etwas wichtiger war. „Kira, das sollte kein Vorwurf sein. Aber du hast gerade Magie gewirkt, die du bei deinem Kenntnisstand noch gar nicht wirken können solltest. Ich versuche zu verstehen, was du getan hast, um dir beim weiteren Erlernen der Magie zu helfen. Es ist mir mittlerweile klar, dass du etwas besonderes bist, und dass du dich nicht klar mit den akademischen Begriffen und Erfahrungen abdecken lässt.“ Sie blickte auf und versuchte den Ansatz eines Lächelns. „Ich weiß, dass du mir helfen willst, Mitras. Du bist mein Freund.“ Sie griff nach seiner Hand und drückte sie leicht. „Ich weiß wirklich nicht, was ich gemacht habe. Ich wollte die Magie sehen können, und dann habe ich sie gesehen. So wie ich früher wollte, dass ein Schneeball hart wird oder ich unsichtbar oder der Tee sauer oder was auch immer, wenn ich es wirklich wollte, ist es eben passiert…“ Er ergriff ihre Hand auch mit der anderen, erwiderte den Druck leicht und lächelte sie ebenfalls an. „Das ist interessant, intuitive Magie ist ein Erkennungsmerkmal für junge Magier, aber ich habe noch nie von einem Fall gehört, bei dem es so deutlich war. Normalerweise gibt es einzelne zufällige Momente, die meistens mit starken Emotionen verbunden sind, weniger mit bewusstem, oder zumindest unterbewusstem Wollen. Aber auf der anderen Seite müssen auch alle anderen Schüler ihre Magie erst mühsam und mit vielen Übungen aktivieren. Bei dir scheint das auf jeden Fall kein Problem zu sein.“ Erst jetzt fiel ihm wieder ein, was sie eben gesagt hatte. „Du meintest, dass die Magie aus dem Boden kommt. In meiner Wahrnehmung ist der Magiefluß, außer in der Nähe von Kraftlinien, gleichmäßig. Ich kann aus einem beliebig großen Bereich Magie ziehen, wobei, beliebig ist nicht ganz richtig. Desto weiter ich greife, desto schwieriger wird es. Aber generell kann ich ohne Probleme Magie durch Wände hindurch greifen und normalerweise ist das auch nichts, was man extra lernen müsste. Für dich scheint sich der Magiefluß aber anders darzustellen, weniger homogen und wenn ich das richtig verstehe, dann auch deutlich komplexer und in festeren Bahnen, als ich ihn wahrnehme und greifen kann. Umgekehrt kannst du den Magiefluß deutlich leichter nutzen. Schon jetzt ist dein Potential sehr dicht an meinem dran.“ Kiras Gesichtsfarbe, die sich zwischenzeitlich normalisiert hatte, rötete sich wieder. „Das klingt irgendwie gut, wenn du sagst, ich sei etwas besonderes.“ Ihr Lächeln war irgendwo zwischen Stolz und Schmerz. „Normalerweise ist besonders sein nichts vorteilhaftes…“ Sie blickte ihn an. Eigentlich himmelte sie ihn an, oder bildete er sich das ein? Spontan nahm er sie in den Arm, gar nicht so genau wissend warum eigentlich, und sagte mit dem väterlichsten, fürsorglichsten Ton, den er hinbekam: „Kira, es ist auch nichts vorteilhaftes, also doch schon, weil deine Fähigkeiten weit über dem Durchschnitt liegen. Aber andere könnten in dir weniger eine talentierte Schülerin und mehr ein interessantes Studienobjekt sehen.“ Sie schmiegte sich an ihn und zog eine ausgesprochen niedliche, aber eindeutig gespielte Schnute. „Die anderen sind doof, das weiß ich schon, seitdem ich krabbeln kann. Aber du bist ja da und beschützt mich, nicht wahr, mächtiger Magister?“ Sie sah ihn von unten herauf mit ihren unglaublich grünen Augen an und drückte sich an ihn. Ein Schwall Zuneigung und Fürsorge erfasste ihn, diesmal aus seinem eigenen Herzen kommend. „Ja, das werde ich, so gut ich kann. Und das gleiche wird für Nathanael und auch für Sebastians Familie gelten. In jedem von uns wirst du wichtige Freunde und Verbündete finden.“ Während er sie so, in seinen Armen liegend, betrachtete kamen ihn langsam ziemlich unväterliche Gedanken. Jetzt gerade war sie ihm viel zu nahe und er merkte deutlich, wie lang es schon her war, dass er das letzte Mal eine Frau so in den Armen gehalten hatte. Sie zu küssen würde sich vermutlich gut anfühlen… Ehe er es recht wusste, hatte er sich ein Stück zu ihr herunter gebeugt, näher an ihr Gesicht, so dass er ihren Atem kurz auf seiner Wange spüren konnte. Dann riss er sich zusammen und ließ sie los. „Ähm, wir sollten dann aber wohl besser schlafen gehen.“, sagte er und stand auf. „Ja.“, hauchte sie und drehte den Kopf wieder verlegen zur Seite. Schweigend liefen sie gemeinsam zum Haus. Im Flur blieb sie stehen und drehte sich dann zum Bad. „Ich glaube, ich muss aber nocheinmal vorher in die Wanne. Wenn es dich nicht stört?“ Ihn stören? Ihm fielen einige Dinge ein, die ihn gerade mehr stören würden als seine hübsche Schülerin nackt in der Badewanne. Er räusperte sich, um seiner Stimme nichts von diesen Gedanken anmerken zu lassen und sagte: „Nein, keineswegs. Genieß den Abend und schlaf gut!“ Dann wandte er sich rasch nach oben, in seine Gemächer. Bloß nicht daran denken!

Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sich Kira dagegen und sank langsam zu Boden. Oh, meine Güte, fast hätte ich ihn geküsst. Ich hätte fast meinen Mentor geküsst. Wie peinlich! Wie … aufregend? Sie legte ihre Hand an ihre glühende Wange, wünschte sich, es wäre seine gewesen und spürte, wie die Erregung erneut von ihr Besitz ergriff. War es das, verliebt zu sein? Dass jede Berührung kribbelte? Dass sie sich wünschte, er hätte sie wirklich geküsst? Dass sie, auch wenn sie es kaum zugeben wollte, wissen wollte, wie es sich anfühlte, von ihm berührt zu werden? Überall?
Sie rappelte sich auf und begann sich auszuziehen, drehte die Hähne auf und ließ sich einen Moment lang von der Faszination ablenken, dass hier wirklich selbst so spät am Abend heißes Wasser aus der Leitung kam. Dann glitt sie ins warme Wasser, ließ sich seufzend nach hinten sinken und betrachtete kritisch, wie sich ihre Haare um ihre Brüste ringelten. Sie war zwar schon 17, aber wirklich große Brüste waren das nicht. Mitras war schon deutlich älter, bestimmt hatte er einiges an Erfahrung mit Frauen. Bestimmt hatte er schon mit vielen geschlafen, er sah gut aus und stammte aus einer reichen Familie. Wenn sie William richtig verstanden hatte, war er früher auch ein fröhlicher Draufgänger gewesen… Frustriert tauchte sie ins Wasser ab und blubberte einige Blasen nach oben. Warum war sie nicht älter? Hätte sie nicht seine Klassenkameradin sein können? Warum musste sie seine Schülerin sein? Wenn sie nicht so viel jünger wäre… vielleicht hätte er sie geküsst…

Mitras ging in die Bibliothek und schenkte sich aus seinem speziellen Vorrat einen besonders guten und teuren Rum ein. Dieser Genuß würde ihn sicher genug ablenken. Er wechselte den Raum und blieb vor seinem eigenen Bücherregal stehen. Hier befand sich zum einen sein verschlossener und mehrfach gesicherter Giftschrank, in dem er die weniger brisanten Werke unter seinen größten Kostbarkeiten verwahrte. Und außerdem seine private Sammlung an Romanen, Gedichtsbändern, Kurzgeschichten und Zeitschriften. Alles sah nach reiner Unterhaltung aus, auch um vom Safe abzulenken, der im unteren Teil des Schranks eingelassen war. Sein Blick schweifte über die Werke und er überlegte ob er nicht mal wieder eines von ihnen lesen sollte. Sein Blick blieb an einem Buchrücken hängen. Lady Novalis, er konnte sich gar nicht mehr erinnern, woher er es hatte, warum wusste er hingegen noch sehr genau. Er hatte die Familie di Ferrus durch seinen Vater kennen gelernt. Marcellus war derart wichtig für Cornelius, Sebastians Vater, dass sie auch einige Male auf das Gut in der Baronie eingeladen worden waren. Damals hatte er sich auch mit Marcus angefreundet. Auch als er schon ein Schüler der Magie war, hatte er das Gut noch einige Male besucht. Und irgendwann war ihm aufgefallen, wie gut Marcus Mutter eigentlich aussah. Der junge Mitras Venaris hatte sich in die Mutter eines seiner besten Freunde verliebt. Irgendwann in dieser Zeit war er dann über dieses Buch gestolpert. In ihm ging es um genau so eine Liebe, nur dass sie nicht unerwidert blieb. Die Lady Novalis, eine adlige Witwe, just in Lady di Ferrus Alter, verguckte sich in einen Jungen aus dem Dorf, in dem ihr Anwesen lag. Sie verführte diesen, der zufällig in Mitras damaligen Alter war, und schaffte es, dass aus seinem Verlangen nach ihr mehr wurde. Zum Glück war Mitras damals in einem recht offenen Freundeskreis, in dem alle sehr experimentierfreudig waren, so dass er bald Ablenkung in den Armen zweier Schwestern fand, die wirklich alles teilten. Bei der Erinnerung lachte Mitras kurz auf, ja er hatte es schon wild getrieben in seiner Jugend. Verliebt in die gutaussehende Tante, aber gleichzeitig in der Schule wild experimentierend. 

Hoffentlich kam Kira mit den auch heute noch sehr lockeren Sitten in der Schule zurecht. Kaum ein Schüler oder eine Schülerin schaffte es durch diese Zeit ohne seine oder ihre Unschuld zu verlieren. Und sie war dabei doch so vorbelastet. Er hatte ja schon gesehen, wie schwer sie sich tat. Unwilkürlich war er zum Spiegel getreten. Er stellte das Glas ab und stellte fest, dass es leer war. Er konnte sich gar nicht daran erinnern getrunken zu haben, so sehr war er in Gedanken versunken. Unruhig aktivierte er den Spiegel, gar nicht so recht wissend wieso. Sie war im Bad und er hatte sich fest vorgenommen sie in solchen Situationen nicht mehr zu beobachten, aber es ließ ihn einfach keine Ruhe. Ein Teil von ihm hoffte auch, sie noch im Wasser zu erwischen. Sie musste mittlerweile schon eine halbe Stunde dort drinnen sein. Nein, dachte er, wahrscheinlich ist sie bereits fertig und ich blicke nur in den leeren Raum. Er aktivierte die Rune für das Bad.

Kira schwebte im warmen Wasser und strich sich gedankenverloren über die Brüste, während sie sich mit geschlossen Augen vorstellte, wie Mitras sich über sie gebeugt hatte. Nicht mal die Vorstellung, seine Hände würden so wie ihre über ihre Brüste streichen, bereitete ihr noch Schrecken. Da war eigentlich nur der Wunsch, er wäre jetzt hier…

Sie war noch im Wasser. Die Wanne war fast voll und sie schwebte regelrecht im Wasser. Im schaumfreien Wasser, wie er feststellte. Und sie war komplett zu ihm hin ausgerichtet. Mitras schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Bei den Geistern, was für ein schöner Körper, mach den Spiegel aus, was tust du hier bloß, streichelt sie sich gerade selbst, was denkt sie da gerade nur, wie wahnsinnig schön sehen ihre Haare doch aus, wie sie ihren Körper so einrahmen… Mitras sah sie gebannt an.

Fast hatte sie wieder das Gefühl, seine hellblauen Augen schauten sie an, als durchzöge der Geschmack von Nougat ihren Mund. Sie ließ ihre Hand langsam nach unten gleiten, über ihren Bauch und reckte sich, um mit der anderen Hand die Kante des Beckens zu umfassen, um nicht unterzugehen, während sie sich sanft über den Mondhügel strich und die kleinen Schauer der Erregung genoß, die es in ihr auslöste.

Mitras schaffte es gerade wieder einen klaren Gedanken zu fassen, als ihre Hände zu wandern begannen. Während sie sich mit einer Hand festhielt, glitt die andere, Mitras Aufmerksamkeit deutlich stärker bindende Hand über ihren Bauch und strich sanft über die rotgoldenen Härchen. Nach einem für ihn scheinbar endlos langem Moment öffneten sich ihre Schenkel und einer ihrer Finger verschwand zwischen den Haaren und sank noch tiefer. Ihre Hand schob sich langsam vor und zurück. Eigentlich wollte er aufhören, sie nicht schon wieder in so einem intimen Moment belästigen, aber es war schon so lange her, wurde ihm bewusst, und sie würde es ja auch nicht erfahren. Erschrocken stellte er fest, dass seine eigenen Hände ebenfalls gewandert waren und seine Hose geöffnet hatten.

Sie ließ den Kopf ganz nach hinten sinken und genoß das Gefühl, wie die Wellen leicht gegen ihre Schenkel schlugen, während sie ihre Hand vor und zurück bewegte. Ob es sich so anfühlte, wenn eine fremde Hand die Schenkel berührten? Mitras Hand? Sie hatte in der Bibliothek neulich einen Roman gefunden, indem beschrieben war, dass der Mann die Frau dort sogar küsste… Küssen wäre für den Anfang auf jeden Fall gut… Sie ließ den Beckenrand los, um sich selbst die zweite Hand auf den Mund zu legen. Kein Geräusch, leise sein, niemand bemerkt mich…

Mitras konnte nicht mehr widerstehen, zu sehr erregte ihn, was er sah. Seine Linke legte sich um seinen Penis. Zu aufgewühlt, um noch einen einzigen Gedanken an Reue oder Scham zu verschwenden, genoß er nun vollkommen ihren Anblick, wie sie sich selbst verwöhnte, und tat es ihr gleich. Rythmisch fuhr seine Hand auf und ab und sein Atem wurde schneller. Ihre Beine waren weit geöffnet, während sich ihre kleinen, festen, wunderschönen Brüste nach oben wölbten, als sie den Rücken durchdrückte. Keuchend schnappte sie nach Luft, als ihre Hand wieder zwischen ihre Schenkel glitt und ein Finger ganz in ihr verschwand.

Mit einem langezogenen Stöhnen schwappte der Orgasmus über sie wie die Wellen, die über sie schwappten, als sie sich anschließend nach unten sinken ließ. Wenn sich Sex mit einem Mann…mit Mitras… auch nur halb so gut anfühlte, war es das defintiv wert. Sie tauchte wieder auf und schnappte nach Luft, dann rieb sie sich noch ein wenig über die Vulva, um die letzten prickelnden Wellen zu genießen und sich selbst zu reinigen. Dann drehte sie sich um und legte den Kopf auf die Kante, betrachtete sich verträumt im Spiegel, während sich die Entspannung in ihrem Körper ausbreitete. Hoffentlich würde sie das nicht jedes Mal machen müssen, um schlafen zu können, wenn sie vorher mit ihm geladen hatte…

​Mitras sah ihren Höhepunkt kommen. Immer wilder wurden ihre Bewegungen und seine folgten ihrem Beispiel. Als sie dann kam, gab es auch für ihn kein Halten mehr. Stöhnend sank er in sich zusammen, während sie an den Beckenrand krabbelte und sich ausruhte. Sie blickte wohl in den Spiegel, aber Mitras kam es so vor, als sehe sie ihn direkt an. Das war dann doch zu viel für ihn, von Schuldgefühlen übermannt dea​​​​​​ktivierte er hastig den Spiegel. Was war nur in ihn gefahren? Also außer diesem absolut unwiderstehliche Anblick, der ihn wahrscheinlich noch etliche Tage verfolgen würde, schlimmer noch als beim letzten Mal vor mehr als einem Monat. Zum Glück sah man ihm seine Gefühle nicht so leicht an wie Kira. Ein kleines, böses Stimmlein in ihm fragte sich, wie sehr sie wohl erröten würde, wenn sie wüsste, dass er sie gerade gesehen hatte, dass er alles gesehen hatte. Dieser Gedanke brachte ihn zum Schmunzeln, doch dann sanken seine Mundwinkel rasch wieder, als er daran dachte, wie viel Zuneigung sie ihm heute Abend entgegen gebracht hatte – und wie er es ihr gedankt hatte. Er würde ihr defintiv etwas Gutes in den nächsten Tagen zukommen lassen! Ermuntert von diesem Gedanken stand er auf, um sich zu reinigen und ins Bett zu gehen.

Zick-Zack – 30. Lunar 242 (Mafuristag)

Da Kira am vorigen Abend sich nicht mehr von Christobals Überschwang, und seinem Cider, erholt hatte, wartete Mitras mit dem Frühstück auf sie. Während er in letzter Zeit immer häufiger früh aufstand, wurde sie immer später. Und auch wenn es nach dem gestrigen Nachmittag absolut begründet war, so machte er sich doch ein bisschen sorgen. Sie war ein Mädchen vom Land und war das früh Aufstehen gewohnt. Auf der anderen Seite hatte er ihr auch gesagt, dass es völlig reichte, wenn sie gegen 9 Uhr begann. Gegen halb neun kam sie in die Küche. Ihre Haare wirkten so, als wenn sie den Kampf mit ihnen aufgegeben hatte und die Ringe unter ihren Augen sprachen Bände. Der Herzog war berühmt, oder besser berüchtigt, für seine Fruchtweine und Brände. Sein Herzogtum war eine der großen Obstkammern des Reiches und der Boden um den Olfiat sorgte immer für eine gute Ernte. Das zuckersüße Obst eignete sich hervorragend um besonders gehaltvolle Tropfen hervor zu bringen, die aber trotzdem noch lieblich süss waren. Halbstarke, die auch nur Anstalten machten sich auf den Feiern des Herzogs daneben zu benehmen, bekamen eine besondere Behandlung. Sie wurden vom Herzog persönlich mit einer Flasche, oder zweien, unterhalten. Meist blamierten sie sich nicht einmal eine halbe Stunde später so sehr, dass sie sich das nächste Jahr auf keinem, wie auch immer gearteten kulturellen Ereignis blicken lassen konnten.

„Guten Morgen Kira, setz dich und trinke erstmal diesen Tee. Du siehst so aus, als wenn du ihn brauchen könntest.“ Sie blickte auf und wurde sich wohl erst jetzt bewusst, dass ihr der gestrige Abend noch immer gut anzusehen war. Sie errötete sofort. Und Mitras ahnte schon, dass sie gleich die Flucht ergreifen würde. „Bitte, setz dich.“ sagte er mit soviel Autorität, wie er sich zutraute, ohne sie damit zu verletzen und fügte weicher hinzu: „Der Tee wird dir helfen. Du hast dich gestern gut geschlagen.“ Mit rauer Stimme und so schüchtern wie seit einem Monat nicht mehr antwortete sie: „Ja, danke.“ und setzte sich. Mitras hatte den Tee die ganze Zeit auf einer perfekten Temperatur gehalten und ihn vorher noch verzaubert, was ihn einiges an Zeit in der Küche gekostet hatte und William zu einem Kommentar über seine väterliche Fürsorge hingerissen hatte, die Mitras veranlasste, seinen Koch ausnahmsweise aus der Küche zu werfen. Außerdem war es eine gute Kräutermischung, die allein schon helfen würde. Mitras war sich sicher, dass Kira schon Erfahrung mit Alkohol hatte, aber dieser Rausch war überraschend gekommen und die Tropfen von Christobal konnten durchaus auch mal heftige Kopfschmerzen auslösen. Kira trank und ihre Miene hellte sich sofort auf. „Ich sagte ja, der Tee wird dir helfen. Christobals Fähigkeit in der Mathematik wird nur noch von seiner Trinkfestigkeit übertroffen. Und auch da hast du dich gut geschlagen. Christobal hatte aber auch keine bösen Absichten. Er vergisst nur sehr gern, dass nicht jeder seinen Cider so gut verträgt wie er. Insbesondere wenn er begeistert ist. Er hält dich im übrigen für grottenschlecht, aber sehr einfallsreich. Und letzteres ist es worauf es ihn ankommt. Er wird dich jeden Mirastag von 12 bis 16 Uhr unterrichten. Er wird schimpfen und fluchen, aber auch geduldig alles fünfmal erklären. Nimm es dir also bitte nicht zu Herzen, wenn er verbal grob werden sollte.“ „Ja, Magister. Der Tee ist gut. Der ist aber auch magisch, oder?“ Mitras lachte, „Ja, gut erkannt. Ich habe den Tee verzaubert. In ein paar Minuten solltest du von dem Kater nichts mehr merken. Es wird sicher nicht dein letzter Umtrunk gewesen sein und da ist auch überhaupt nichts schlimmes dran, solang du es nicht übertreibst. Sollte dir der Kopf am nächsten Morgen wieder einmal schwer sein, frag mich nach dem Tee, wenn ich ihn dir nicht auch schon gemacht habe. Der Zauber ist nicht ganz ohne, es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du ihn lernen kannst. Es ist einer der Vorzüge eines Verwandlungsmagiers.“ Kira zuckte bei dem letzten Satz zusammen. Mitras hatte geredet ohne nachzudenken und bereute es sofort. „Keine Sorge, du bist bereits eine Magierin, auch die Verwandlungsmagie wird dir schon noch gelingen.“ Niedergeschlagen erwiederte sie ein genuscheltes: „Na, wenn du meinst.“ „Ja, Kira, das meine ich und ich werde dir dabei helfen wo und wie ich nur kann. Deine Telekinesezauber gelingen dir ja auch immer besser. Mit der Verwandlungsmagie verbindest du starke negative Emotionen. Wir werden von nun an jeden Tag mit einer Meditationsstunde beginnen. Außerdem habe ich deinen Lehrplan noch etwas überarbeitet, keine Sorge du behältst deine Freiheiten, warum auch nicht, du machst ja auch große Fortschritte. Wir treffen uns gleich im Labor, erst meditieren wir und dann gehen wir den neuen Plan durch.“

Kira hatte sich schnell umgezogen und mit neuem Elan den Kampf gegen ihre Haare wieder aufgenommen und diese nun auch gebändigt. Sie schämte sich ein wenig dafür, dass sie so zerzaust zum Frühstück gegegangen war – aber sie hatte ja schon wieder verschlafen! Sie würde Abby tatsächlich bitten müssen, sie zu wecken, irgendwie wachte sie nicht mehr von alleine auf. Sie war Mitras für seinen Tee außerordentlich dankbar. Tatsächlich hatte sie keine Ahnung, wie sie ins Bett gekommen war, wahrscheinlich hatte Mitras sie dort hingebracht. Aber ihr Herz beschleunigte immer noch, wenn sie an die Fahrt in der Kutsche dachte. Sein warmer Arm um sie und sein Geruch und das kibbelige Gefühl des Alkohols in ihrem Bauch, kombiniert mit dem berauschenden Gefühl des Erfolges bei Christiobal hatten sie innerlich schweben lassen. Wenn sie nicht so müde gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich versucht, ihn zu küssen, und daher war sie heute morgen ausgesprochen dankbar, dass sie einfach eingeschlafen war. Nicht auszudenken, wenn sie das wirklich gemacht hätte, worüber sie da im Wegdämmern nachgedacht hatte! Jetzt saß sie vor dem Spiegel und seufzte schwer. Die Haare sahen nun ordentlich aus, auch die Schatten unter den Augen waren verschwunden. Kein Grund mehr, hier sitzen zu bleiben. Wie sollte sie jetzt mit Mitras meditieren, ohne dass er die ganzen Schmetterlinge in ihrem Bauch bemerkte? Sie atmete Magie ein und drehte sich dann zu ihrem Schreibtisch um. Mit einem Blick umfasste sie die zwei Stapel Bücher, die dort lagen, ließ sie mit einer Handbewegung abheben und konzentrierte sich einige Minuten darauf, sie in einem komplizierten Kreismuster umeinander schweben zu lassen, ohne dass sie sich aufblätterten. Ihre Übungen der Telekinese hatten sich nämlich als recht hilfreich erwiesen. Wenn sie sich ausreichend auf etwas konzentrieren musste und dabei viel Magie verbrauchte, sank ihre Anspannung, wie sie vor einer Weile herausgefunden hatte. Also hatte sie diesen Büchertanz erfunden, den sie öfters nutzte, ehe sie mit Mitras den Generator laden ging, um ihre Aufregung abflauen zu lassen. Die Bücher nicht aufblättern zu lassen war das wirklich schwierige daran, dafür hatte sie fast eine Woche gebraucht, ehe es geklappt hatte. Mit einem tiefen Luftzug ließ sie alle Bücher wieder geordnet auf den Tisch sinken, stand auf und ging ins Labor. Eigentlich war es ein ziemliches Luxus, lächelte sie in sich hinein, wenn das relevanteste Problem war, wie man die eigenen Verliebtheit vor dem Mentor verbarg, während man in Reichtum schwelgen und Magie lernen darf!

Mitras saß bereits an seinem Schreibtisch und hielt einen Zettel in der Hand. Er lächelte ihr freundlich zu und sagte: „Hier, ich habe den Plan schon aufgeschrieben, du brauchst nicht mitschreiben. Falls du etwas ändern willst, sag es ruhig.“ Er wartete einen Moment, bis sie sich gesetzt hatte, und las dann vor: „Gut, wir treffen uns also jeden Morgen von 9 bis 10 hier, um zu meditieren, natürlich außer am Silenz. Du solltest vorher gefrühstückt haben. Von Mafuris bis Schengs machen wir direkt im Anschluß Übungen zu Telekinese – gern auch anderes, wenn du möchtest – entweder gemeinsam oder du übst hier im Raum alleine, während ich arbeite. Ich habe deine Übungen zu selten beobachtet, das soll sich nun ändern. Am Mirastag hast du nach dem Meditieren Pause und dann von 12 bis 16 Uhr Mathematik bei Christobal. Lass dich nicht jedes Mal vom ihm anschließend zu einem Schnaps bequatschen.“ Kira lief rot an. Nein, das würde sie bestimmt nicht. Das wäre zu gefährlich für ihre, hmm, Integrität. Mitras lächelte und Kira war dankbar, dass er nicht gut genug in Hellsicht war, um ihre Gedanken lesen zu können. Er fuhr fort: „Mafuris, Ingas und Schengs wirst du nachmittags von 13 bis 17 Uhr Zeit haben, dich weiter in die nichtmagischen Themen einzuarbeiten. Am Mafuris und Ingastag sind wir Abends mit Laden beschäftigt, da ich aber auch einen Überblick über deine sonstigen Studien haben möchte, treffen wir uns am Schengstag, sofern ich da bin, nach dem Abendessen für zwei Stunden, in denen du deine Ergebnisse der Woche präsentierst. Am Uldumstag möchtest du dich vermutlich mit Sebastian treffen oder in die Bibliothek gehen, das bleibt dein freier Tag, du kannst machen, was du magst. Und Silenz hast du frei und wenn du dort liest, dann nur aus der Abteilung der schönen Literatur in unserer Sammlung, verstanden?“ Er blickte sie mit einer Mischung aus Strenge und Fürsorge an, die ihren gerade beruhigten Herzschlag wieder springen ließ. Unsere Sammlung – hatte er gerade seine Bibliothek als ihre gemeinsame Sammlung bezeichnet? War sie wirklich schon so sehr Mitglied seines Haushaltes? Sie fühlte sich willkommen, obwohl eine kleine Stimme in ihrem Kopf deutlich moserte, dass die Formulierung von Mitras vermutlich nicht so gemeint war. Sie nickte. „Danke, Magister. Ich habe keine Veränderungswünsche.“ Mitras reichte ihr das Papier. „In Ordnung. Dann beginnen wir jetzt mit der Meditation und dann bin ich gespannt, welche Zauber du dir aus dem Telekinesebuch schon herausgenommen hast.“

​Für Mitras ging die Meditation wie im Flug vorbei. Ihm tat es  gut, sich einmal am Tag ​​​​​​etwas Ruhe zu gönnen, auch wenn seine Forschungen dadurch noch langsamer vorankamen, als sie es nun sowieso schon taten. Aber Zeit in Kira zu investieren hatte sich als lohnend herausgestellt, wenn man bedachte, wie viel besser es ihm nun emotional und körperlich nun ging. Selbst zu seinem alten Mentor hatte er nun wieder Kontakt. Selbst wenn ihn die Forschungen immer noch mit Sorgen erfüllten, Zeit mit ihr gab ihm das Gefühl, nicht mehr nur davon zerfressen zu werden, was seine Erfindung anrichten könnte. Er unterdrückte den Impuls, sich die Lippen abzulecken, um mehr vom Karamellgeschmack zu bekommen, der nach dem Meditieren oft im Raum lag. Ihm war klar, dass es von ihr kam und eine Nebenwirkung des ruhigen Magieströmens war, aber der Impuls war zeitweilig sehr deutlich. Er kannte es von niemandem anderen, dass der Geschmack der Magie den Raum erfüllte, wenn die Person meditierte, aber Kira war eben etwas besonderes. Gespannt setzte er sich auf seinen Stuhl, lächelte sie an und sagte: „Dann lass mich mal sehen, was du geübt hast. Brauchst du etwas, die Kugeln?“ Kira stand in der Mitte des Kreises und lächelte ihn an. Sie sah nun entspannter aus und strahlte regelrecht. Ihre Augen wirkten nun klar und das Grün leuchtete regelrecht mit ihren roten Haaren um die Wette. Er schluckte, nun da es ihm wieder besser ging, wurde ihm auch immer stärker bewusst wie gut sie aussah. Nicht nur ihr bildhübsches Gesicht, auch ihre Figur war hinreißend. Er schüttelte kurz den Kopf, was sie dazu veranlasste ihn verunsichert und fragend anzusehen. „Es ist alles gut Kira. Mir kam nur gerade ein Gedanke, der mich zu sehr abgelenkt hatte.“ Ihre Miene änderte sich in neugierig. Doch den Geistern sei Dank traute sie sich nicht zu fragen. Stattdessen atmete sie ein, um Magie an sich zu ziehen. Mitras beeilte sich, die magische Sicht zu aktivieren. Sie schimmerte merkbar heller als zu Beginn ihrer Übungen, was bewies, dass sie wirklich regelmäßig geübt haben musste. Ihm kam der Gedanke, dass das Magie-Transferieren beim Laden vielleicht auch dazu beitrug, dass sie mehr Magie halten konnte und er machte sich innerlich eine Notiz, auch selbst wieder mit Übungen zur Steigerung des eigenen Magieniveaus zu beginnen. Nicht, dass seine Schülerin ihn schon vor Antritt der Akademie übertraf! Das würde Thadeus sicher zum Lachen bringen, wenn er wüsste, was Mitras gerade dachte. Grimmig lächelnd wandte Mitras wieder seine Aufmerksamkeit zu Kira. Es würde Thadeus nämlich auch gehörig schlucken lassen, wenn er wüsste, wie hell seine neue Schülerin gerade leuchtete, während sie mit Leichtigkeit mehrere Kugeln um sich kreisen ließ. Moment, Kugeln? Das eine war gar keine Kugel, das war eines seiner Magiebücher, das eben noch hinter ihm auf dem Schreibtisch gelegen hatte! Kaum hatte er den Gedanken beendet, flog auch schon ein weiteres an ihm vorbei. Kira jonglierte nun mit den drei Kugeln, die eine Acht über ihrer linken Hand bildeten und den beiden Büchern, die sie mit der rechten dirigierte. An ihren Lippen konnte er ablesen, dass sie bereits einen weiteren Zauber vorbereitete. Ihre Linke bewegte sie zur Formung des Zaubers, während die Kugeln einfach weiter ihre Acht flogen, nun frei im Raum. Eines der Bücher löste sich aus dem Kreis, in dem es sie umflogen hatte, schwebte vor sie und öffnete sich durch einen leichten Wink ihrer Hand. Sie neigte den Kopf und die Seiten blätterten weiter. Mitras stand neben seinem Stuhl, ohne sich bewusst zu sein, wie er aufgestanden war. Natürlich hatte er derartiges schon gesehen, jeder Kirmesmagier beherrschte solche Jonglage, aber doch nicht nach nur ein paar Wochen Übung! Und sie sprach die Formeln nicht mal laut! Bei den Geistern, Thadeus würde ausrasten, wenn er das wüsste. Kira kam zum Ende und legte die Bücher wieder genau da ab, wo sie sie aufgelesen hatte. Die Kugeln hingegen verblieben in der Acht. Mitras sah, dass sie einen Aufrechterhaltungszauber gewirkt hatte und dieser würde wohl auch noch eine ganze Weile wirken. 

Im Kopf überschlug er die Zauber, die sie gewirkt hatte. Sie hatte mit den Kugeln begonnen, ein einfacher Trick, der die Kugeln in einem bestimmten Muster fliegen ließ. Einfache geometrische Formen so in Bewegung zu versetzen war leicht und eigentlich auch alles was er erwartet hatte. Dann kamen die Bücher hinzu. Sie hatte sie eins nach dem anderen mit einem Greif-und-Hol Zauber zu sich gebracht, davon gab es in ihren Büchern mehrere und er konnte nicht sagen, welchen sie gewählt hatte. Was ihn erstaunte, war, dass sie zu dem Zeitpunkt die Jonglage noch direkt aufrecht erhalten hatte. Dann hatte sie den Zauber auch auf die Bücher angewandt, diese dabei mit einem Bindungszauber geschlossen gehalten. Diese Zauber musste man einzelnd auf jedes Ziel werfen. Diese Zauber waren die ersten, die sie mit einem Aufrechterhaltungszauber gewirkt hatte. Dann hatte sie den Bewegungszauber so verlagert, dass die Bücher hinter ihr flogen. Sie brauchte also keinen Sichtkontakt mehr, um den Zauber aufrecht zu halten, zumindest wenn sie selbst das Zentrum der Bewegung war. Erst jetzt hatte sie die Acht autark gemacht und auch an diesen Zauber eine Aufrechterhaltung angebunden, um anschließend das eine Buch zu sich zu holen und es aufzublättern. Sie hatte also mehr oder minder gleichzeitig vier Zauber gewirkt, einige mehrmals. Diese hatte sie teilweise direkt und andere nachträglich modifiziert. Mitras merkte erst jetzt, dass sein Mund offen stand. „Verdammt Kira, weißt du was du da gerade alles gemacht hast?“ Er brauchte einen Moment, um aus seiner Verblüffung wieder herauszukommen, und lachte auf. „Bei den Geistern Kira, mit der Darbietung wärst du jetzt Schülerin der Schule der Kinetik und hättest die Prüfung wahrscheinlich sogar als Beste bestanden. Die Zauber selbst sind zwar simpel und andere Schüler würden sicher mit komplizierteren kommen, aber die Komposition…“ Er stockte kurz. Kira stand etwas außer Atem vor ihm und wurde gerade bis zu den Ohrspitzen rot. „Derartige Verknüpfungen und auch das nachträgliche Modifizieren eines bereits gewirkten Zaubers, das ist alles Stoff, den du erst in der Schule lernen solltest. Ach, Kira!“ Er lachte erneut auf und entspannte sich. Was hatte er für eine Schülerin! Mit wenigen Schritten stand er vor ihr, umfasste ihre Hüfte und wirbelte sie umher, wie er es oft mit seiner Schwester tat, wenn er sich freute. „Du bist die beste Schülerin, die sich ein Magister wünschen kann!“

Kira schwindelte, während sie versuchte, seine Worte in sich aufzunehmen. Beste Schülerin? Sie klammerte sich mit den Händen an seinen Oberarmen fest, während er sie langsam wieder herunterließ und fühlte die Hitze seines Körpers nah an ihrem, selbst durch beide Roben hindurch. Ihr Gesicht glühte. Es gefiel ihm, das Üben hatte sich gelohnt. Und dabei war das eben gar nicht so schwierig gewesen – sie hatte nur gezeigt, was sie schon sicher konnte. Freude und Glück und sein Geruch verstärkten das Gefühl von Schwindel und sie griff mit den Armen um ihn, um sich an ihn zu drücken und nicht umzukippen. „Danke.“, flüsterte sie.

Immer noch komplett berauscht und von Euphorie erfüllt erwiederte Mitras ihre Umarmung und strich ihr väterlich über die Haare und die Schultern. Sie hatte kaum einen Monat gebraucht, um so weit zu kommen. Gut, sie hatte ein enormes magisches Potential, welches aufzubauen für die meisten Schüler sonst schon das erste große Problem war, aber auch das sichere Erlernen der Sprüche und Gesten. Und Verknüpfungen waren noch viel schwerer. Sie hatte sogar begonnen, Gesten und Sprüche zu minimieren. Dabei kam ihm eine Idee. Er schob sie ein Stück von sich weg und schaute sie verschmitzt lächelnd an. „Was meinst du, bist du bereit für ein kleines magisches Telekinese-Duell mit deinem alten Magister?“

Kira hatte noch das Gefühl seiner Hand auf ihren Haaren und in ihrem Nacken. Seine sanfte Berührung hatte ihr alle Härchen auf den Armen aufrecht stehen lassen und als sein Finger wie versehentlich hinter ihrem Ohr längstgestrichen war, hatte es sich angefühlt, als seien tausend Blitze durch ihren Körper gefahren. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, was er gesagt hatte. „Ein Duell?“, wiederholte sie, mehr um von ihrem eigenen Zustand abzulenken. Sie war tatsächlich erregt, verdammt. Mitras schien nichts bemerkt zu haben, den Geistern sei dank. „Na ja, es ist eher ein Spiel, um das schnelle Wirken von Sprüchen zu üben. Wir nehmen einen kleinen, weichen Ball.“ Er holte kurz aus und ein ziemlich staubiger Ball kam aus einem der hinteren Regale angeflogen. Er klopfte ihn kurz ab, bevor er fortfuhr. „Und schleudern ihn hin und her. Ziel ist es ein magisches Netz hinter dem Gegner zu erreichen. Wenn ich den Ball mit Magie werfe, musst du ihn fangen und zurück werfen, bevor er das Netz berührt.“ Das klang nach einem Spiel, dass sie auch ohne Magie kannte, die anderen Jugendlichen hatten es öfters auf dem Dorfplatz gespielt, und Adrian manchmal mit ihr auf dem Hof. „Wie Zick-Zack?“ Mitras nickte. „Ja, magisches Zick-Zack. Der Ball darf nicht die Hände oder den Körper der Mitspielenden berühren.“ Er hob die Hände und ein Geruch nach Nougat begleitete die Zauber, mit denen er den Raum in ein Spielfeld verwandelte. Als Kira sich drehte, konnte sie das Netz sogar etwas außerhalb des ganzen Kreis erahnen, es schimmerte leicht in der Luft. Mitras ging einige Schritte zurück, lächelte sie an und fragte: „Bereit?“ Ein Ballspiel wie mit Adrian, aber diesmal mit Magie. Und wie sie bereit war! Sie hob die Hände und atmete Magie ein, so viel wie sie halten konnte. „Bereit!“

Mitras fing an und warf den Ball in die Luft wo er auf der Höhe, die Mitras haben wollte, stehen blieb. „Gut, ich fange an.“ Mitras stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen einen halben Meter vor seinem Netz und war äußerlich völlig unbeweglich. Der Ball flog los, von einem schnellen Gedanken angestoßen. Er prallte in der Mitte zwischen ihnen auf und flog auf Kira zu, die ihn mit einer Handbewegung in seine Richtung in der Luft stoppen ließ. „Mova!“, rief sie, und der Ball schoß zurück zu Mitras, der ihn ohne eine Bewegung stoppte und ebenso schnell zurück schnellen ließ. Eine Weile hörte man nur noch Kiras Atmen und ihre Bewegungen, da sie ab dem zweiten Wurf nur noch die Lippen bewegte. Mitras hatte schon lange nicht mehr gespielt, und beim fünften Wurf lenkte ihn kurz ein Blick auf ihre nackten Beine ab, als sie sprang, um den Ball noch zu erwischen, und sich die Robe aufbauschte. Mit einem Pfeifgeräusch knallte der Ball in das Netz hinter ihm und blieb in der Luft hängen. „Jaaaaaaa!“ Kira sprang in die Luft und jubelte. Er ärgerte sich kurz, sie hatte eine Lücke ausgenutzt, an der er selbst schuld war. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. „Nicht schlecht.“ Der Ball schnellte auf die Position zurück, an der er am Anfang des Spiels in der Luft gehangen hatte und zischte sofort in Kiras Richtung. Mitras hatte ihm einen leichten Spinn versetzt und als der Ball den Boden berührte, flog er in eine komplett andere Richtung weg, als Kira anhand des Winkels erwartet hatte. Sie keuchte, schrie „Silente!“, riß die rechte Hand hoch und stoppte ihn knapp vor ihrem Netz. Einen Moment sammelte sie sich, dann drehte sie sich zu Mitras um und ihre Augen funkelten. „Wie macht man das?“ Mitras lächelte selbstzufrieden „Ich habe dem Ball zwei Stöße gegeben. Der erste greift im Zentrum des Balls an und der zweite gleichzeitig am Rand.“ Sie runzelte die Stirn, dachte einen Moment nach, blickte dann auf den Ball und sagte: „Mova!“ Gleichzeitig bewegte sie die rechte Hand, als würde sie werfen. Der Ball prallte in der Mitte auf und sprang in einem gespiegelten Winkel nach oben, direkt auf Mitras Gesicht zu. Er stoppte ihn kurz vor seinen Augen. Sie hatte keine zwei Zauber gewirkt wie er. Warum hatte der Ball dennoch die Richtung geändert? Er erinnerte sich an William früher. Sie hatten das Spiel durchaus gemeinsam gespielt, Magier gegen Nicht-Magier. Und der konnte Bälle auch so springen lassen. Hatte sie die Handbewegung nachgeahmt und auf den Ball übertragen? Sie stand breitbeinig vor ihm, bereit für den nächsten Wurf und grinste ihn herausfordernd an. Er grinste ebenfalls. Dieser kleinen Trickserin würde er schon zeigen, dass er mehr Übung hatte! Er versetze dem Ball, während er ihn noch festhielt, mehrere Stöße und brachte ihn in eine komplizierte Drehung, ehe er ihn sehr weit nach links schoß. Der Ball traf auf den Boden auf und flog nach rechts, begann aber sofort einen Bogen und flog letztendlich wieder links an Kiras Kopf vorbei und traf ins Netz, was den Treffer mit einem lauten Pfeifen quittierte. „Ah!“, kreischte sie, dann griff sie sich magisch den Ball und schleuderte ihn rasch zurück, wieder mit einem leichten Dreh. In Folge erwischte sie zwei seiner gedrehten Bälle, aber dann trafen die nächsten drei das Netz. Sie keuchte heftig und er sah, dass der Schweiß ihr Gesicht herunter lief. Nach dem dritten Treffer von ihm drehte sich ihr Ball nicht mehr, und nachdem er das vierte Mal ihr Netz getroffen hatte, griff sie nach dem Ball, der nun aber mit einem leichten „Pflopp“ zu Boden fiel. Keuchend ließ sie sich neben den Ball fallen. „Uff, Magister, ich kann nicht mehr! Da ist einfach keine Magie mehr über!“ Mitras sah sie verwirrt an. „Wieso keine Magie mehr?“ Er aktivierte den Analysezauber wieder, betrachtete sie eingehend und sah, dass ihre Aura schon recht schwach war. Sie hatte kaum noch Magie in sich und konnte anscheinend auch keine mehr sammeln. Erschrocken wob er einen zweiten Zauber, um den Fluß der Magie betrachten zu können. Er hatte genug Magie, warum war sie plötzlich so leer? Ihr Potential war doch nicht so weit unter seinem und um sie herum war doch eigentlich genug Magie! Die Farben verschwammen kurz vor seinen Augen und er sah, dass innerhalb des Labors keine greifbare Magie mehr übrig war. Er selbst konnte wie alle Magier über die physischen Grenzen des Raumes hinausgreifen und dort war das Level nur unwesentlich niedriger als normal. Dort sah es so aus, als wenn ein Magier gerade eine Reihe von kleinen Zaubern gewirkt hatte. Aber innerhalb des Raumes waren die Magieflüsse völlig ausgedünnt. Während er schaute, floß auch langsam wieder Magie in den Raum, auch wenn er nicht genau sagen konnte, woher sie kam. Ein wenig mehr kam vom Fenster, das machte Sinn, da es nicht ganz dicht war und dort auch Luft eindrang. Es war faszinierend. Er wusste, dass man Gebiete leeren konnte, aber Räume? Mit einem schnellen Zauber öffnete er das Fenster. Schneeflocken stoben herein. „Versuche bitte etwas Magie zu sammeln.“ Angestrengt griff sie wieder in den Strom und konnte diesmal wieder Magie sammeln. Mitras sah das deutliche Band, das vom Fenster zu ihr ging. „Kira, du lässt die Wände dich blockieren. Ich weiß nicht wieso, aber du hast den Raum komplett geleert, ohne die Magie außerhalb überhaupt anzurühren. Versuche bitte, dir vorzustellen, dass die Wände gar nicht da sind, greif durch sie hindurch.“ Er schloß das Fenster wieder und wartete ab, was passierte.

​​​​​​Kira fühlte sich, wie nach einem Hochflug plötzlich auf dem Boden aufgeschlagen. Der Mangel an Magie tat beinahe in der Magengrube weh, sie hatte während des Spiels nicht gemerkt, wie sie alles aufgebracht hatte. Das kleine bisschen von eben half, aber jetzt war der Raum irgendwie wieder stickig. Sich vorstellen, die Wand wäre nicht da? Das sagte er so leicht. Sie starrte auf die Wand. Ja, sie konnte spüren, dass dahinter Magie war, aber sie konnte nicht hindurch. Das war… unnatürlich. Ihr Kopf rauschte. Sie hatte das Gefühl, ihr würde schlecht werden. Da war nicht genug. Das ging doch nicht! Erschöpft ließ sie sich ganz zu Boden sinken. Da hatte ihr Magister ihr aber gut gezeigt, dass sie noch viel zu lernen hatte. Sie wusste nicht, ob sie sich ärgern sollte. Das Hochgefühl des Spiels hing doch noch ein wenig in ihr, und ihr Verstand realisierte auch, dass er sie nicht kritisiert hatte, sondern sie einfach nur unterrichtete. Auf dem Boden liegend, starrte sie weiter die Wand an. Blöde Wand! Da müsste doch nur ein kleines Loch drin sein, dann könnte die Magie doch mit der Luft hinein. Frustriert schloß sie die Augen, zu müde, um noch mehr zu machen.

Mitras sah wie sie sich bemühte. Aber sie bekam die Magie nicht zu fassen, es war als wenn die Wand sie komplett abschirmte. Es gab Verzauberungen und auch Materialien, die dafür sorgen konnten, dass der Magiefluß unterbrochen wurde, aber nichts davon war beim Bau dieses Hauses zum Einsatz gekommen und er selbst konnte ja auch ohne Probleme in einem weiten Radius Magie sammeln. „Lass gut sein Kira, ich weiß nicht was dich blockiert, aber anscheinend kannst du nicht so wie ich durch die Wände hindurch Magie sammeln. Für mich sind die Wände gar nicht richtig da, wenn ich nach Magie greife. Ich kann sie sehen, aber ich ziehe die Magie eben hindurch. Warte kurz.“ Er öffnete das Fenster wieder, kalte Luft und Schneeflocken ignorierend. „Greif nicht aktiv danach, das könnte gerade zu viel für dich sein. Aber du solltest dich gleich erstmal in den Garten setzen oder einen kurzen Spaziergang machen.“ Mitras hatte so etwas noch nie gesehen. Konnte das mit ihrem hohen Potential zu tun haben? Er würde so bald wie möglich mit Nathanael darüber reden müssen. Er war der einzige von dem Mitras aufgrund seines Wissens Antworten erwarten konnte und dem er auch weit genug vertraute. Sie nickte und rappelte sich langsam auf. „Geht schon wieder.“ Besorgt blickte er ihr nach, wie sie den Raum verließ. Sie war eine hervorragende Schülerin, eine ganz besondere Frau, und die Geheimnisse um sie waren im gleichen Maße faszinierend und besorgniserregend.

Eichhörnchen – 29. Lunar 242 (Mirastag)

Nachdem sie von Herzog di Pinzon wieder zuhause waren, eröffnete Mitras ihr, dass sie von ihm Mathematikunterricht bekommen würde. Schon übermorgen stehe eine Probestunde an. Mitras sagte zwar, er habe großes Zutrauen in sie, aber Kira saß abends im Bett, streichelte den neuen Mantel und grübelte verzweifelt darüber, wie sie sich am besten darauf vorbereiten konnte, von einem Proffessor in Mathematik unterrichtet zu werden. Sie durfte auf keinen Fall Mitras enttäuschen. Natürlich war sie in den letzten Wochen durch das ständige Training mit Abby besser geworden, aber würde sie einen Proffessor davon überzeugen können, dass er mehr als diese eine Probestunde opferte? Mitras hatte gesagt, dass Christobal sie prüfen würde… Herrjeh. Eine Prüfung in Mathe. Und das schon in zwei Tagen. Letztendlich kuschelte sie sich ganz in den Mantel und zwang sich zur Ruhe. Sie würde schlafen, essen und dann den Silenz nutzen, um sich in die weiteren Themen des Mathematik-Lehrbuchs zumindest ein wenig einzulesen. Aber sie würde nicht denselben Fehler nochmal machen, sich vor Stress bis zur Erschöpfung zu verausgaben. Mitras glaubte an sie…. ein kleines bisschen flatterte es in ihrer Magengegend bei diesem Gedanken und sie gab sich diesem Gefühl hin, die eine Hand fest in ihrem wundervollen Mantel ihres wundervollen Mentors verkrallt, die andere um den Achat um ihren Hals gelegt. Ihr wundervoller, reicher, großzügiger, schlauer Mentor glaubte an sie. Es dauerte nicht lange, bis sie in einen traumlosen Schlaf hinüberglitt.

Am Morgen des Miras wurde Kira von Mitras selbst geweckt. Er hatte am Abend mit ihr gemeinsam geladen und sie hatte ihn zu den gelesenen Themen ausgefragt, bis er verblüfft gefragt hatte, woher sie all diese Begriffe kannte und sie freundlich gerügt hatte, als sie erzählt hatte, dass sie den Tag mit lernen verbracht hatte. Kira fand, dass sogar sein Rügen ausgesprochen angenehm war, und musste sich sehr bemühen, ihre Emotionen so verschlossen zu halten, dass sie beim Kanalisieren ihm nicht auffielen. Er hatte sie anschließend ins Bett gebracht und einen Moment an ihrem Bett gesessen, um sicher zu gehen, dass sie nicht wieder aufstand. Kira fand das ein bisschen albern – sie war ja keine fünf mehr – aber auch sehr schön. Am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt, aber das hatte sie sich nicht getraut. Auf jeden Fall hatte es sehr geholfen, nicht mehr über Mathematik nachzudenken. Umsehr dachte sie jetzt darüber nach, während sie sich anzog und zum Frühstück nach unten ging.

Mitras stellte fest, dass Kira nicht mehr so früh wach wurde wie früher. Im besten Fall hatte sie sich einfach nur an das Leben in der Stadt gewöhnt oder aber das Laden setzte ihr nun auch zu. Er würde das im Auge behalten müssen. Da heute ihr großer Tag war, wollte er sie lieber persönlich wecken. Er klopfte an ihre Tür, erhielt aber keine Antwort. Ohne direkt zum Bett zu sehen, öffnete er die Tür langsam und steckte den Kopf hindurch. „Guten Morgen Kira, es ist Zeit aufzustehen. Hast du das Laden gut überstanden?“ Vom Bett kam zunächst ein Rascheln und Wühlen, dann eine verschlafene und verunsicherte Antwort: „Guten Morgen… Wie spät ist es? Habe ich schlimm verschlafen?“ Mitras lachte. „Nein, alles gut. Es ist gerade acht Uhr und Zeit für das Frühstück. Ich wollte nur nach dir sehen und dir sagen, dass du dir erstmal was bequemes anziehen sollst. Ich möchte nach dem Frühstück noch eine Meditationsübung mit dir machen.“ Mehr Verunsicherung lag in ihrer Stimme, als sie antwortete: „Ich zieh mich an, ja, ich komme gleich.“ Mitras warf einen flüchtigen Blick auf Kira. Sie wirkte noch sehr verschlafen und ihre Haare verteilten sich in wilden, roten Locken rund um ihren Kopf. Es war ein unglaublich niedliches Bild, das sie abgab. Vorsichtig schloß er die Tür wieder, ging wieder nach unten und nahm sich eine Tasse Tee, die William in der Zwischenzeit fertig gemacht hatte. Die anderen waren mit dem Frühstück schon fertig und bis auf William schon gegangen, bis Kira kam. Sie trug ihre Robe und hatte ihre Haare gebändigt und zu einem Zopf verflochten, wie Mitras bedauernd feststellte. Er mochte es, wenn sie die Haare offen trug, mit zerzauster Mähne sah sie geradezu umwerfend niedlich aus. Aber mit dem anstehenden Besuch bei Christobal war ihre Frisur so besser. Sie setzte sich und blickte scheu auf:  „Entschuldigt die Verspätung, ich habe wohl zu fest geschlafen.“ „Auch wenn die anderen durch ihre Geschäftigkeit und Abwesenheit gerade etwas anderes sugerieren, es ist vollkommen in Ordnung um acht Uhr aufzustehen, insbesondere nachdem wir geladen haben. Bei den Geistern, ehe ich deine Hilfe hatte, habe ich nach dem Laden erst um neun geschlafen! Ich hatte mich eh schon gefragt, wann es anfangen würde an dir zu zehren. Vielleicht sollte ich dich nicht zu hart in Beschlag nehmen. Das wichtigste für dich ist die Ausbildung und nicht deinem Mentor seine Pflichten abzunehmen.“ „Nein, nein das geht schon. Ich habe nur nicht so gut geschlafen wegen.. naja wegen Mathe und der Prüfung.“ gestand sie rot werdend. Er konnte sich nicht erinnern, wann er eine Frau so anziehend fand. Mitras schüttelte sich. Was dachte er da? Sie war immerhin seine Schülerin und auch viel zu jung, als dass er solche Gedanken haben sollte. „Keine Sorge Kira, es ist weniger eine Prüfung als vielmehr ein Versuch herauszufinden, wie weit du bist und wo er ansetzen sollte. Wir werden gleich aber erstmal eine Stunde zusammen meditieren. Mir ist aufgefallen, dass du immer noch Probleme damit hast deine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Auch gestern Abend habe ich wieder gemerkt, wie es in dir tobt. Ich weiß, dass ich dir mit dem Laden eine ganze Menge abverlange und auch wenn du das sehr gut machst und es beeindruckend ist, welche Mengen an Magie du bereits kontrollieren kannst, durch deine Emotionen besteht dabei auch immer ein Risiko für dich. Ich habe deswegen beschlossen, dass wir nun erst einmal jeden Morgen zusammen eine Stunde meditieren.“ „Ja.“ antwortete Kira verlegen. „Kopf hoch, kleines Eichhörnchen, du bist viel weiter als alle Discipuli vor dir. Auch was das Lernen angeht, die eine Stunde wird dich nicht zurückwerfen und dir langfristig helfen noch besser im Zaubern zu werden.“ Verdammt, hatte er das gerade laut gesagt? William war gerade in der Küche. Mitras blickte kurz auf, Kira war feuerrot, er konnte aber nicht abschätzen, ob sie es überhaupt gehört hatte. Sie blickte ruckartig nach unten, als ihre Blicke sich trafen, nahm das Brot und biss hinein, scheinbar ganz auf das Essen konzentriert.

Mitras hatte es in wenigen Sätzen geschafft, sie ihre Sorgen über die Mathematik-Prüfung vergessen zu lassen. Er hatte ihre Gefühle bemerkt. Wie unsäglich peinlich! Und während sie noch darüber grübelte, wie sie ihm weiter würde helfen können – sie WOLLTE ihm helfen, immerhin war er derjenige, für den sie so ziemlich fast alles tun würde – sagte er: „Kopf hoch, kleines Eichhörnchen.“ Eichhörnchen? Sie fühlte, wie ihr die Farbe ins Gesicht schoß. Er hatte einen Kosenamen für sie benutzt? Oder war das Hohn? Sie blickte ihn an. Er guckte ein bisschen erschrocken. Nicht höhnisch. Kira senkte rasch den Blick und versuchte, sich aufs Atmen und Essen zu konzentrieren. Hatte Sebastian Recht? War es vielleicht gar nicht so abwegig, dass er sie mochte? Eichhörnchen klang ganz niedlich. Bestimmt wegen ihrer Haare. Ohje, was sollte sie jetzt sagen? Am besten nichts, dann sagst du auch nichts falsches. War das ein Kosename für ein Kind oder für eine Frau? Was dachte er über sie? Sie musste sich doch heute auf Mathe konzentrieren… Atmen. Ganz ruhig atmen. Meditieren war vermutlich eine ganz gute Idee, aber mit Mitras? Atmen. Geht wieder. Sie sollte sich nicht so viele Gedanken machen. Atmen. Eichhörnchen. Der Gedanke prickelte durch sie hindurch. Eichhörnchen gefiel ihr. Sie holte tief Luft und schaute wieder hoch.

Mitras scholt sich innerlich selbst. Er wollte sie beruhigen nicht durcheinander bringen oder gar verärgern. Er wusste doch wie verletztlich sie auf ihre Haarfarbe und vermeintliche Skirherkunft reagierte. Und jetzt nannte er sie Eichhörnchen. Was war nur los mit ihm? Erst war er gestern einfach an ihrem Bett geblieben und hatte sich beherrschen müssen, sie nicht in den Arm zu nehmen, dann heute morgen ihre Haarmähne und jetzt das. Eigentlich ging es ihm nun seit dem Regenerationszauber deutlich besser und er war eigentlich auch deutlich fokussierter, aber irgendwie geriet dies in Kiras Nähe immer wieder ins Wanken. Mitras aß schweigend auf, eine tiefe Meditation würde ihm nun auch gut tun. 

Als wäre nichts gewesen, stand er auf und wandte sich an Kira: „Gut, lass uns gleich nach oben gehen. Jetzt eine Stunde meditieren und zur Ruhe kommen und dann klappt es nachher auch mit der Mathematik.“  Er ging voran zum Labor hoch und sie folgte ihm, immer noch ein bisschen rot. Mitras hoffte, dass sie nicht wütend auf ihn war. Er holte die Kissen von ihrem Lagerplatz und drapierte sie am Kreis. Dieser war für die Übung zwar nicht nötig, aber es fühlte sich einfach richtig an, sie am Kreis anzuordnen. „Gut, setz dich. Ich werde dich nun leiten.“

Während Kira Mitras Stimme lauschte, schloß sie die Augen. Sie kannte die Anweisungen – ruhig atmen, schwer werden, locker werden – aber es war etwas anderes, seine warme, weiche und männliche Stimme zu hören, als es sich selbst vorzusprechen. Sie hatte das Gefühl, seine Wörter seien wie eine Schnur, der sie folgen konnte, und es fiel ihr wirklich leichter, loszulassen und ihre Gefühle langsam wegzuatmen. Beinahe war es wie beim Laden, als würde sie schweben, und sie hatte auch ein wenig den Eindruck, das Rauschen von Tannen zu hören. Mitras Stimme verklang, einen langen Moment lang saßen sie einfach still voreinander, und Kira hatte das Bedürfnis, seine Stimme wieder zu finden, nicht allein zu sein. Sie öffnete die Augen und sah ihn an, wie er da saß, seinen Kopf gesenkt, den Rücken gerade, ein schöner Mann, falls es das gab… im Augenwinkel hatte sie das Gefühl, goldene Schlieren würden durch den Raum wabern, und das Geräusch des Windes in den Tannen verstärkte sich. Dann blinzelte sie, und alles war wie vorher, ruhig und entspannt. Sie atmete tief ein und aus. Keine Gefühle würden sie bei der Prüfung heute stören. Sie würde das schon hinbekommen. Und vielleicht, vielleicht mochte Mitras sein kleines Eichhörnchen sogar genug, dass sie selbst dann dableiben durfte, wenn Herzog di Pinzon sie nicht unterrichten wollte…

Ganz nach Protokoll – 27. Lunar 242

Am Schengstag scheuchte Abigail Kira schon früh herum, um sie zu baden und ihr die Haare zu bürsten. Kira war nervös, aber wie beim Besuch von Nathanael war die Haushälterin noch deutlich nervöser als sie selbst. Nach ein paar Stunden kam Kira sich wie ein gestriegeltes Pferd vor, herausgeputzt zur Vorführung. Sie sah allerdings wirklich gut aus, sogar ihre Locken hatte Abigail kunstvoll hochgesteckt. Dazu trug sie einen grünen Rock mit vielen gerafften Falten und ein seidenes Oberteil mit Korsett, auf dem auf grünem Stoff hauchdünn silbrige Blätter abgedruckt waren. Die Kette und die Ohrringe passten perfekt dazu, ebenso der hellgrüne Hut mit den weißen und silbrigen Bändern, den Abigail aus ihrem eigenen Kleiderschrank herbei zauberte. Selbst die Schuhe waren neu und passten mit einem leichten Grünton im weichen Leder zu den restlichen Sachen. Woher Abby sie hatte und warum sie Kira perfekt passten, verriet sie nicht, aber Kira vermutete, dass entweder sie selbst oder Mitras da entsprechend vorgesorgt hatten und fühlte sich wie eine Prinzessin. Als Abby fertig war, betrachtete sie Kira eine Weile und sagte dann zufrieden mehr zu sich selbst: „Ja, eine magische Adelige, aber nicht zu aufällig, richtig für einen Mittagsbrunch am Schengstag, und das Grün steht dir ganz ausgezeichnet und der Hut ist auch richtig für diese Saison.“ Kira lächelte sie an und bedankte sich mit einem Knicks, was Abby lächeln und begeistert klatschen ließ. „Ja! Du wirst uns keine Schande machen.“ Kira freute sich über das Lob, holte sich ihren Mantel und trat mit neuem Mut aus dem Haus, wo Mitras bereits bei einer Kutsche wartete. Er trug seine übliche schwarze Hose und dazu eine grünliche Weste mit aufwendigen silbernen Stickereien über einem weißen Hemd. Sein Mantel war ebenso wie ihrer am Kragen mit Pelz besetzt, nur dass er offenbar mehr Geld dafür ausgegeben hatte, denn der Pelz war hellweiß. Vielleicht ein weißer Fuchs? Kira kannte kaum Tiere, die einen so weißen Pelz hatten. Ob er die Grundfarbe seiner Weste passend zu ihrem Kleid ausgesucht hatte? Auf jeden Fall passten sie gut zusammen.

Mitras hatte sich gerade ein wenig mit dem Kutscher Julius unterhalten und diesen beiläufig über die Situation in der Stadt ausgefragt. Anscheinend wurde es auf der anderen Seite des Corvius im Hafenviertel immer unruhiger. Julius selbst, der meistens Adelige oder reiche Händler fuhr, wollte die Brücken seit einigen Tagen nicht mehr passieren, er gab zu, dass er schon entsprechende Aufträge abgelehnt hatte, und meinte, dass bereits einige seiner Kollegen dort drüben überfallen worden waren. Mitras konnte sich kaum vorstellen, dass die Wache so etwas zu ließ, aber ehe er sich noch weiter Gedanken darüber machen konnte, kam Kira aus dem Haus. Sie hatte den Mantel noch offen und er konnte das Kleid sehen, das sie trug. Abby hatte sich einmal mehr selbst übertroffen. Es passte perfekt zu Kira und betonte ihre natürliche Schönheit. Das Kleid und auch die Frisur ließen Kiras alten Mantel nur um so älter und unscheinbarer wirken. Es war kein schlechtes Stück, aber es passte nun wirklich nicht mehr zu ihrer Gaderobe, jedenfalls nicht zu solchen Anlässen. Auch wenn sie in dem Kleid die richtige Wirkung erzielen würde, konnte er sie mit diesem Mantel so nicht vorführen. Christobal würde sie sicher sehen, bevor die Dienerschaft ihr den Mantel abgenommen hätten, und er würde sicher Anstoß daran nehmen. William, der sich durchaus auch zu kleiden wusste, war als Jugendlicher grundsätzlich irgendwo herumgeklettert – so waren sie ja auch in di Pinzons Garten gelangt, allerdings zum Preis eines Hosenbeins von William. Der hatte sich die Kleidung der beiden genau angeschaut. Mitras war sich wohl bewusst, dass er seine Förderung durch den Herzog nicht nur, aber durchaus zu wesentlichen Teilen der Tatsache verdankte, dass er an diesem Tag bessere Kleidung als ein durchschnittlicher auf den Straßen spielender Junge getragen hatte. Di Pinzon war traditionell, und als traditioneller Adeliger achtete er auch auf Statussymbole. Mitras griff in seine Westentasche und zog eine silberne Uhr hervor, ein Geschenk von Christobal selbst zu seiner Magisterprüfung. Die Zeit reichte noch. „Hallo Kira, du siehst umwerfend aus. Allerdings müssen wir dir noch einen neuen Mantel besorgen. Für einen Spaziergang in der Stadt ist er mehr als gut genug, aber wir sind auf dem Weg zu einem Essen mit einem Herzog und Ehrenprofessor der Universität zu Uldum. Auch wenn er ein Freund von mir ist, so ist er doch ein sehr standesbewusster Mann.“ Kira, die zu Beginn bei seinem Lob zu strahlen begonnen hatte, sah ihn verunsichert an und zupfte am Kragen ihres Mantels. „Noch ein Geschenk?“, fragte sie verlegen. „Mehr eine Notwendigkeit. Vergiss nicht, es ist meine Aufgabe dich vorzubereiten und auszustatten. Und wenn ich dich dabei vielleicht ein bisschen besser ausstatte, als nötig, dann ist das nur deinen bisschen besseren Leistungen geschuldet.“ Kira lief rot an. „Danke.“ hauchte sie, und er hatte fast den Eindruck, sie würde ihn dabei anhimmeln, aber das bildete er sich vermutlich nur ein.

Eine Stunde später standen sie vor dem Anwesen Christobals. Kira trug nun einen Mantel aus feinster Wolle, verziert mit weißen Stickereien und einem ebenso weißen Pelz, wie er trug. Der Hermelin war selten – nur wenige Händler trauten sich über das Binnenmeer, um ihn zu horrenden Preisen von den Skir zu erwerben. Also hatte auch der Mantel einige Goldmünzen gekostet, und Kira war immer noch feuerrot im Gesicht, ein Zustand, den sie seit dem Zeitpunkt hatte, als Mitras seine Börse herausgeholt hatte. Er wandte sich zu ihr, nachdem Julius losgefahren war. „Kira? Versuch mal, etwas ruhig zu atmen, so wie bei den Meditationsübungen.“ Er musste zugeben, dass er ihre sprachlose Freude, gemischt mit Verlegenheit und Scheu, sehr niedlich und erfreulich fand, aber jetzt wäre es wohl besser, wenn sie sich etwas sammeln würde. Sie blickte ihn einen Moment an, dann nickte sie, straffte die Schultern und richtete sich mit dem Einatmen auf, wie sie es bei der Meditation gelernt hatte. Es dauerte einen Moment, aber ihre Gesichtsfarbe normalisierte sich und die Scheu verschwand aus ihrer Haltung. Nun war sie die umwerfende junge Magierin, die di Pinzon beeindrucken würde – genug, dass er ihr Unterricht geben würde, hoffte Mitras. Er musste aber zugeben – egal wie dieses Essen und das Gespräch danach ausgehen würde, er war jetzt schon wahnsinnig stolz auf sie und ihre Entwcklung im letzten Monat.

Er wandte sich zu dem großen Tor, das genau in diesem Moment aufschwang, als er darauf zutrat. Zwei Wächter standen seitlich hinter der Mauer, einer der beiden bediente die Winde, die das Tor öffnete, der zweite grüßte die beiden mit einer tiefen Verbeugung. Mitras nickte ihm zu. Sicher wurden sie bereits vom Haupthaus beobachtet, irgendein Bote würde losgelaufen sein, sobald Julius vor dem Tor gehalten hatte. Er reichte Kira seinen Arm und führte sie über den breiten Sandweg auf das prunkvolle Gebäude zu, dessen Kern Pinzons Großvater wohl einst als vorrübergehende Resizenz hatte errichten lassen, wenn ihn die gesellschaftlichen Verpflichtungen aus seinem Herzogtum in Sybergia nach Uldum gerufen hatten. Damals war das Bauland westlich des Avens noch nicht so begehrt gewesen, da der neue Palast noch nicht auf dem Hügel gewesen war und nur einige Händler und Handwerker hier bauten. Dementsprechend großzügig war die Anlage. Christobals Vater hatte das ursprüngliche Gebäude zu einem wahren Palast ausgebaut, was einen nicht kleinen Teil des Reichtums der Familie gefressen hatte. Einen Reichtum, der unter den alten Adelshäusern seinesgleichen suchte. Neben den Einnahmen aus ihrem fruchtbaren Lehen kontrollierten die di Pinzons eine der wichtigsten Handelrouten nach Norden und hatten auch schon zu Zeiten, als das Land jenseits des Flusses noch den Skir gehörte und das Rasenna Reich noch bestand, viel Handel dorthin betrieben. Auch heute noch unterhielt der Herzog noch wichtige Handelsbeziehungen in den Norden und konnte sich so sein auschweifendes Leben hier leicht finanzieren, wo andere Adlige hinter ihrer Fassade aus Pomp, ausschweifenden Festen und teuren Schmuck Berge von Schulden verbargen. Nach den Baumaßnahmen seines Vaters hatte Christobal sich selbst den Luxus gegönnt, einen Teil des Gartens nachträglich mit einem Ballhaus zu bebauen, und dennoch gab es noch einen kleinen Garten mit verschiedenen Obstbäumen und einer erlesenen Auswahl an Blumen. Es gab Gerüchte, dass Christobals Frau, die früh bei einem Überfall ums Leben kam, die Blumen geliebt hatte, und ihr zu Ehren pflegte der alte Herr sie immer noch selbst. Christobal sprach allerdings selten von seiner Frau oder seiner Familie – auch seine Schwester war bei diesem Überfall gestorben und sein ungeborenes Kind – also wusste Mitras nicht genau, ob das Gerücht stimmte oder nur eine ausgedachte Geschichte war, um das manchmal wohl etwas schrullige Verhalten des Herzogs zu erklären.

Mitras hatte einiges vom Umgang mit Geld von seinem Mentor übernommen, auch wenn er in der Außenwahrnehmung deutlich bescheidener geblieben war. Aber di Pinzon protze nicht nur, er war auch äußerst wohltätig. Mehrere Knabenschulen, Suppenküchen, Hospizen und andere soziale Einrichtungen hatte er gegründet. Er sagte immer, dass es die Pflicht des Adels sei die Armen und Schwachen zu beschützen, nur das die Bedrohungen heute andere seien als in den fernen Tagen, als das erste Reich gegründet worden war. Er war also im Großen und Ganzen ein gütiger und großherziger Mann, nur seine Verbohrtheit über die Rolle der Frau in der Gesellschaft hatte zu regelmäßigen, teils hitzigen Diskussionen zwischen ihnen geführt. Zum Glück hatten sie sich darüber nicht zerstritten, wie es bei Christobal und Felicia di Ferrus, Sebastians Mutter, der Fall war. Mitras stimmte es immer wieder traurig, dass die beiden, die sich doch in so vielen Ansichten ähnlich waren, sich so wenig leiden konnten. Er wusste aber auch, dass Christobal sehr verbohrt war und auch Felicia einen gewaltigen Dickschädel hatte. 

Mitras bot ihr nun den Arm dar, damit sie sich bei ihm unterhaken konnte. Sie zögerte nur kurz und hakte ihren Arm dann in der korrekten Weise ein, was er mit einem kurzen Lächeln und einem Nicken quittierte und ging dann los auf den Haupteingang des Hauses zu. Das Gebäude ragte aus einem steileren Hang heraus, was dazu führte, dass die dreigeschößige Vorderfront mehr als 16 Meter in die Höhe ragte, währen das gut 20 Meter weiter hinten liegende Ende des Gebäudes nur noch zwei Geschoße überhalb der Erde hatte. In zwei doppelten Bögen führten Treppen zu einer kleinen Terrasse vor der Tür. Genau in der Sekunde als Mitras und Kira die letzte Stufe hinter sich ließen schwang die Tür auf und ein Diener in der Lifre des Herzogtums stand seitlich versetzt und verbeugte sich vor ihnen. „Guten Tag Herr di Venaris, Mylady. Herzog di Pinzon erwartet sie bereits.“ Vermutlich gab es im ganzen Reich kein förmlicheres, ja schon versnobtes Wesen wie Christobals obersten Buttler David Mordomo. „Guten Tag David. Dürfte ich Sie wohl darum bitten unsere Mäntel zu nehmen?“ „Jawohl, mein Herr. Ich werde sie Ihnen umgehend abnehmen.“ Er wandte sich zunächst zur Tür und schloss diese, ehe er sich zu Kira umwandte, „Gestatten, Mylady?“ Kira, schon wieder leicht errötend, drehte ihm galant den Rücken zu und ließ den Mantel ein wenig runter rutschen, nur so weit, dass er ihn ihr ohne weiteres abnehmen konnte. „Ja, bitte.“ Mitras war erstaunt über die Akkuratheit ihrer Gesten und wie sie korrekt auf den Diener reagierte. Sie musste den Niggel wesentlich intensiver durchgearbeitet haben, als er dachte. Das würde nun sehr viel wert sein, da Christobal bereits in seiner üblichen Spähecke auf der Galerie im ersten Stock stand. Er war dort gut verborgen und konnte gleichzeitig seine Gäste beobachten und sich ein Bild von ihnen machen. Nur weil Mitras wusste, worauf er achten musste, konnte er feststellen, dass sie bereits beobachtet wurden.

Kira spürte, wie ihr Herz immer noch zu schnell schlug. Mit Mitras einzukaufen war, obwohl sie die ersten Geschäfte in Uldum ja schon mit Abigail und Sebastian erlebt hatte, eine wirklich zugleich wunderschöne und erschreckende Erfahrung. Er war zielstrebig zu einem Laden in der Altstadt gegangen, der in einer kleinen Gasse verborgen lag. Dort hatte es verschiedene Mäntel gegeben, doch der Verkäufer hatte Mitras nur gesehen, sich tief verbeugt und die beiden anschließend direkt in ein Hinterzimmer geführt, als seien sie Mitglieder in einem Geheimbund. Nachdem er erfahren hatte, für wen ein Mantel gesucht wurde, hatte er sie kurz allein gelassen und war anschließend mit drei Mänteln zurückgekehrt, einer edler als der andere. Kira hatte noch nie so edle Pelzmäntel gesehen. Mitras hatte sie alle drei anprobieren lassen und sie gefragt, welcher ihr gefiele. Sie wusste nicht, was der Mantel gekostet hatte, für den sie sich letztendlich zögerlich entschieden hatte, aber er war unglaublich. Außen bestand er aus einer feinen, eng gewobenen Wolle, doch innen lag ein weiches, helles Fell von einem Tier, das sie nicht kannte – und sie hatte sich die ganzen Beschreibungen, die der Händler heruntergerasselt hatte, auch nicht merken können – und am Kragen und an der Kapuze hatte er einen ebenso weißen Pelzbesatz wie Mitras Mantel. Hermelin hieß das, soweit hatte sie zuhören können, und sie hatte auch schonmal davon gehört, ihr Vater hatte einmal damit geprahlt, so ein Fell erstanden und zu einem sehr guten Gewinn weiter verkauft zu haben. Als Mitras den Händler letztendlich bezahlte, hatte er gar nicht erst zu Silber gegriffen. Kira hatte sehr wohl gesehen, dass es mehrere – auf jeden Fall mehr als drei – Goldmünzen gewesen sein mussten, die er dem Händler gab, und seitdem wusste sie nicht, ob sie ihm um den Hals fallen oder sich schuldig fühlen sollte, weil er ihretwegen so viel Geld ausgeben musste. Mitras hatte sie angelächelt, als sie wieder zur Kutsche gegangen waren, und gesagt, dass sie „sehr hübsch“ aussähe, und das hatte wirklich nicht geholfen, ihren Puls zu beruhigen. Erst die Atemübungen, die er ihr angeordnet hatte, und ihre jahrelange Übung darin, den Anschein von Normalität zu wahren, hatten bewirkt, dass sie nicht mehr so rot im Gesicht war und wahrnehmen konnte, zu was für einem beeindruckenden Anwesen sie gefahren waren. Vom riesigen Tor über den wundervoll angelegten Garten mit Rosenstöcken und verschiedenen Arten von Büschen, die selbst im Schneematsch gut aussahen, bis hin zum großen, hoch aufragenden Gebäude sagte alles hier, dass der Besitzer sowohl reich als auch mächtig war – aber auch geschmackvoll, wie sie feststellte.

Sie dankte sich selbst, den Niggel weiter durchgearbeitet zu haben und mit Sebastian vor einer Weile schon im Café das korrekte Empfangen geübt zu haben, als ihr der Butler den schönen Mantel abnahm. Mitras blickte nervös zur Galerie hin, die oberhalb des großen Raumes verlief. Hatte er nicht gesagt, Christobal di Pinzon sei sein Mentor gewesen? Offenbar hatten die beiden kein so entspanntes Verhältnis, wie Mitras es mit dem Herzog di Blanca pflegte, denn soweit Kira Mitras schon kannte – so nervös hatte sie ihn noch nicht gesehen. Sie schaute sich neugierig um. Die Empfangshalle war deutlich größer als die bei Mitras, und an ihrem Ende gab es in der Mitte eine riesige Treppe, die hinauf zur Galerie führte. An den Wänden waren verschiedene Gemälde und elektrische Leuchter, an der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, der das Licht in glitzrigen Kristallspittern auffing und den Raum so ein wenig funkeln ließ. Der Boden war mit einem bläulichen, dicken Teppich bedeckt.

„Mitras di Venaris, ich freue mich, dich wieder begrüßen zu dürfen!“ Erstaunt blickte Kira zur Treppe, auf der nun plötzlich ein mittelgroßer Mann mit weißen Haaren und einem sorgfältig geschnittenen weißen Bart stand. Sie konnte sein Alter schwer schätzen, seine Haare sprachen für älter als 60, aber seine Hände, seine Haut und seine Bewegungen wirkten jünger. Kira überlegte kurz, ob er auch diesen Verjüngungszauber genutzt hatte, der Mitras hatte jünger und frischer aussehen lassen. Mitras verbeugte sich, nicht besonders tief, aber deutlich respektvoll und Kira beeilte sich, ebenfalls eine Verbeugung zu machen – sie achtete darauf, dass sie dabei angemessen knickste, wie es sich für eine junge Dame von niedrigem Adel gehörte, und verbeugte sich auch tiefer als Mitras. Immerhin war er durch seinen Magistertitel wie ein Graf, und sie hatte ja eigentlich gar keinen Titel. Sie beobachtete, wie Mitras ihrem Gastgeber die Hand schüttelte, und revidierte ihre Einschätzung über die Vertrautheit des Verhältnisses. Obwohl beide sich sehr genau an das Protokoll hielten, war Wärme und Zuneigung aus ihren Bewegungen und Berührungen zu lesen. Nach einigen kurzen Sätzen drehte sich Mitras halb zu ihr, zog sie ein Stück näher und sagte: „Christobal, ich stelle dir Kira Silva vor, meine Discipula. Kira, dies ist Proffessor Herzog Christobal di Pinzon, mein Mentor.“ Kira knickste erneut und grüßte den Herzog: „Es ist mir eine Ehre, in eurem Haus zu Gast sein zu dürfen, geschätzter Herzog di Pinzon.“ Der Herzog zog mit einer Mischung aus Erstaunen und Anerkennung eine Augenbraue hoch, während er schmunzelnd mit der formell korrekten, aber merkbar auch ehrlich gemeinten Floskel antwortete: „Die Ehre ist ganz meinerseits.“ Dann wandte er sich an Mitras: „Ich sehe, meine Erziehung hat Früchte getragen, dass du auch ein Kind vom Dorfe gut schulen konntest. Gut gemacht, mein Junge!“ Dabei klopfte er ihm leicht auf die Schulter, nickte Kira nocheinmal zu und wandte sich ab, um die beiden ins Haus hinein zu führen. Kira blickte Mitras an, dieser lachte, während er di Pinzon folgte: „Nein, nein, Christobal, bei mir ist, wie du ja so schön sagtest, Hopfen und Malz verloren. Für ihre guten Manieren ist die junge Dame selbst verantwortlich. Kira ist eine außergewöhnlich talentierte und fleißige Schülerin.“ Kira spürte, wie sie schon wieder rot wurde. Di Pinzon blieb stehen und drehte sich erst zu Mitras, dann zu ihr um. Er betrachtete sie einen Moment, dann blickte er wieder zu Mitras. „So, so.“, sagte er. „Also ausnahmweise mal eine fleißige Frau?“ „Ja, ja. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Wobei ich für diesen Fund Thadeus dankbar sein muss.“ Der Herzog lachte und drehte sich wieder zum Gehen. „Siehst du, Thadeus ist nicht der Böse, als den du ihn immer darstellen willst. Er leitet die Schule mit Verstand.“ Kira folgte den beiden und überlegte wieder einmal, dass Christobal damit durchaus Recht haben konnte. Mitras gegrummelte Antwort hatte sie nicht verstanden, aber sie hatte den älteren Mann erneut zum Lachen gebracht. Abgesehen vom etwas steifen Verhalten fand sie den Herzog symphatisch. Er wirkte ein wenig großväterlich auf sie und erinnerte sie auch entfernt an ihre Großmutter in Flate – obwohl di Pinzon wesentlich netter wirkte.

Das Essen verlief ruhig. Mitras und Christobal tauschten alte und neue Geschichten aus, der Herzog fragte Kira freundlich, aber oberflächlich nach ihrem Leben aus und der Braten war ganz ausgezeichnet. Ein interessanter Zufall war, dass auch Christobals Großmutter aus Flate kam, aber der Herzog war noch nie in Flate gewesen und so vertieften sie diesen Gesprächspunkt nicht weiter. Kira schlug sich gut. Sie antwortete flüssig und passend auf Christobals Fragen und Kommentare, machte kaum Fehler beim Besteck – nur ihren Löffel legte sie falsch ab – und war dabei auch noch hübsch anzusehen. Mitras war sehr zufrieden und fand, dass sich die Investion in den Mantel allein dadurch schon gelohnt hatte. Sie verdiente ihn auf jeden Fall. Nach dem Essen winkte Christobal eine der vielen Bediensteten heran, die die ganze Zeit um sie herum schwirrten. „Nina, sei so gut, wir gehen in den Salon. Vielleicht kannst du Lady Silva etwas Gesellschaft leisten, ihr könnt in das Musikzimmer gehen.“ Die junge Angestellte knickste höflich und wandte sich dann zu Kira. „Mylady, würden Sie mit mir gehen? Wenn Sie mögen, kann ich Ihnen etwas vorspielen, während die Herren ihren Absacker zu sich nehmen?“ Kira schaute kurz zu Mitras, der ihr zunickte. Er hatte damit gerechnet, dass Christobal auf die klassische geschlechtergetrennte Zeit nach dem Essen bestehen würde und hatte sich schon gefragt, wie Kira diese Zeit allein verbringen sollte. Aber er hatte seinen Mentor mal wieder unterschätzt. Natürlich hatte er Vorkehrungen getroffen. Kira verabschiedete sich mit einem höflichen Knicks, nachdem sie sich – ganz dem Protokoll folgend – für das Essen bedankt hatte, und folgte der jungen Frau. Auch di Pinzon stand auf und gemeinsam gingen sie in den nahegelegenen Salon, indem schon auf einem kleinen Tisch der typische Kräuterschnaps bereit stand, den die Herren nach dem Essen zu sich nahmen. Mitras ließ sich in einen der Sessel gleiten, nahm das kleine Glas und prostete Christobal zu. „Auf den besten Lehrer in allen gesellschaftlichen Belangen des Adels und der Mathematik!“ Der Herzog lachte, hob ebenfalls sein Glas und trank. „So, so. Was soll ich für dich tun, dass du so schmeichelst?“  Mitras lehnte sich zurück. „Ich kann es nicht leugnen, ich möchte tatsächlich zwei Dinge von dir. Du hast gesehen, Kira ist eine gute Discipula, fleißig und lernwillig, mit guten Manieren. Das ist allerdings eine Information, die ich zunächst nicht weit verbreiten möchte. Auch wenn du es nicht glauben magst, ich glaube nicht, dass Thadeus sie mir aus Freundlichkeit zugewiesen hat. Ihre magische Entdeckung war problematisch, er vermutete wohl eher einen anderen Charakter und wollte mir damit Schwierigkeiten machen. Ich bitte dich also, dein Wissen über sie mit niemandem zu teilen.“ Christobal schwieg einen langen Moment, dann setzte er sich in den Sessel ihm gegenüber und nickte. „Thadeus mag bürgerliche Magier nicht, dass weiß ich selbst. Und dir eine Frau zu geben, ist auch nicht gerade ein Zeichen von Hochachtung. Du willst ihn am Ende des Jahres überraschen?“ „Ja, das würde ich gerne.“, bestätigte Mitras, obwohl „überraschen“ nicht ganz das Wort gewesen wäre, dass er gewählt hätte. „Blamieren“ traf es wohl eher. „Danke für dein Vertrauen.“, sagte di Pinzon. „Ich werde dein Geheimnis bewahren. Und das zweite?“ Mitras kratzte sich ein wenig verlegen am Kopf. „Ja, das ist das etwas schwierigere. Kira hat eine sehr gute Grundausbildung in fast allen Bereichen, sie liest flüssig und lernt schnell, aber in Mathematik ist sie leider gar nicht gut ausgebildet worden. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht…“ Er schaute Christobal erwartungsvoll an. Diese schaute zunächst verblüfft, dann verärgert. „Eine Frau unterrichten? Mitras, du weißt, dass ich das noch nie getan habe!“ Mitras nickte. Er hatte so eine Reaktion befürchtet und war daher vorbereitet. „Christobal, ja, das weiß ich. Aber sei ehrlich, wenn eine Frau es wert wäre, von einem Meister wie dir unterrichtet zu werden, dann eine wie sie: Fleißig, lernwillig, klug und magisch.“ Christobal schwieg einen Moment. „Ein Meister bin ich, ja?“ „Natürlich. Du hast mich ausgebildet, und du hast mir beigebracht, stets nur das Beste zu wollen und das Beste zu nehmen. Ich brauche einen Mathematiklehrer für sie, und ich halte mich an deinen Rat – ich möchte den Besten, und das bist du.“ Wieder schwieg Christobal einen langen Moment, doch Mitras konnte deutlich sehen, dass seine Mundwinkel zu einem leichten Schmunzeln zuckten. Schließlich seufzte er und sagte mit einem Lächeln: „Ich habe dich auf jeden Fall gut darin ausgebildet, die richtigen Wörter zu finden, um jemanden zu überzeugen. In Ordnung. Sie kann zu einer Probestunde kommen, am nächsten Miras. Aber nur, weil ich nicht gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen will und du Recht damit hast, dass ich der Beste bin. Wenn sie mich im Unterricht überzeugt, dass sie etwas lernen kann von der schönen Mathematik, obwohl sie eine Frau ist, kann ich sie an jedem Miras unterrichten, aber wir werden Stillschweigen darüber bewahren. Die anderen Mitglieder des Psi-Clubs würden mich glatt auslachen, wenn sie wüssten, dass ich eine Frau unterrichte.“  Der Psi-Club war eine der elitären Clubs, die sich im Umfeld der Universität gebildet hatte, und soweit Mitras wusste, ließ er nur männliche Mitglieder zu. Er seufzte erleichtert und reichte seinem Mentor die Hand. „Abgemacht. Die Geheimhaltung ist sicherlich für uns beide passend. Ich denke nicht, dass sie dich enttäuschen wird.“ Christobal schüttelte seine Hand. „So überzeugt? Vielleicht solltest du sie heiraten, wenn du ihr so zugetan bist.“ Mitras spürte, wie eine Mischung aus Belustigung und Genervtheit in ihm aufstieg. Warum schlugen ihm alle vor, sie zu heiraten? Sie war doch noch so jung, und außerdem hatte er den Plan, irgendwann zu heiraten, aufgegeben, als Claudia ihm damals so deutlich gesagt hatte, dass er als Ehemann und Partner für keine Frau mit Geist und Ehre zu gebrauchen sei. Er seufzte. „Ich werde sie bestimmt nicht heiraten, sie ist meine Discipula.“ Christobal schmunzelte, nun wieder der vergnügte ältere Mann, als der er die meiste Zeit wirkte. „Das wäre ja nun kein Hinderungsgrund, denk an di Filnos, der hat sogar seine 15jährige Discipula noch in ihrem ersten Jahr geheiratet und nun bekommt sie schon das dritte Kind.“ „Ja! Aber einen Schulabschluss hat sie nicht bekommen. Er hätte sich durchaus etwas Zeit lassen können.“, fuhr Mitras auf. „Wir sagen stets, dass alle magischen Menschen ausgebildet werden sollen, aber wenn dann eine schwanger wird, ist es mit der Ausbildung nicht mehr weit her.“ Di Pinzon machte eine wegwerfende Handbewegung, die Mitras zu gut kannte. „Sie wurde ja ausgebildet, sie wird keinen Schaden anrichten. Frauen brauchen keine Kampfmagie, da kennst du meine Meinung ja, eine gute Frau ist eine gute Ehefrau, und die hat di Filnos in seiner Discipula sicher gefunden. Aber schon gut, ich weiß, dass dich solche Wahrheiten aufregen, lassen wir das Thema. Deine Discipula bekommt ja nun vielleicht Unterricht, da kannst du dich ja nicht beschweren.“ Mitras schluckte mit dem letzten Rest des Schnapses aus dem Glas seinen Ärger mit herunter. Christobal hatte in einem Recht: Da er Mitras Anfrage positiv beantwortet hatte, konnte Mitras sich nicht beschweren, und am Besten war es, dieses Thema einfach zu meiden, um den Herzog nicht zu verärgern.