Forschungsfragen – 13. Lunet 242 (Uldumstag)

Nachdem er das Frühstück beendet hatte, war er schlafen gegangen, doch heute war ihm keine Ruhe vergönnt. Gegen Elf Uhr wurde er von William geweckt. Er hatte Besuch, Magister Grimaldus di Scuti, der Verantwortliche Magier für die Auswertung und Nutzbarmachung des Elektrums der Generalität, war gekommen, um ihn zu sprechen. So etwas geschah normalerweise mit Ankündigung, umgekehrt war es nun auch schon vier Tage her, dass er seinen Brief an die Generalität abgeschickt hatte. Er legte seinen besten Anzug an und dachte auch an das nötige Ornat. Das wichtigste Stück war jedoch das königliche Siegel, dass er dank Nathanaels Wirken tragen durfte. Es gab ihm keine wirkliche Macht, zeichnete ihn aber als Günstling des Königs aus und war ein unsagbar gutes Druckmittel gegenüber allen Beamten, egal welcher Institution. Es wurde für besondere Verdienste gegenüber der Krone verliehen und öffnete so manche Tür. Gleichzeitig war es auch der einzige Orden, der Zivilisten verliehen wurde.

Er traf di Scuti im Saal, wo dieser in einer der Ecken auf einen Sessel saß und gerade eine Tasse Tee, die William serviert hatte, trank. „Ich grüße Sie, Magister di Scuti. Ich nehme an, Sie wollen mit mir über die neueste Entdeckung bezüglich des Elektrums sprechen?“, begrüßte Mitras ihn höflich. „In der Tat, Magister. Ihr Bericht war höchst alamierend und ich hoffe doch sehr, dass Sie bereits an einer Lösung arbeiten?“ erwiderte dieser kühl, den Namen dabei missachtend weglassend. Mitras setzte sich ihm gegenüber hin, gerade als William mit einer Tasse für ihn eintrat. Er ignorierte die versteckte Beleidigung der unvollständigen Anrede, nahm die Tasse entgegen, dankte William und entließ ihn mit einem Nicken. „Tatsächlich ist das Problem deutlich komplexer als gedacht. Eine Versuchsreihe hat gezeigt, dass Zauber, die nur auf einen Bereich oder gar einen Punkt im Material gewirkt werden anfangen zu, nun ja, wandern. Wird die Verzauberung jedoch auf das ganze Objekt gewirkt, so ist der Zauber stabil. Die Formung der Elektrumwaffen ist also nicht betroffen und auch ihre Feuerschwerter sind nicht gefährdet.“ Mitras trank einen Schluck und fuhr fort: „Was die partielle Verzauberung angeht, da kann ich Ihnen bisher nur sagen, dass die Bewegung diskret erfolgt.“ „Mir ist egal, ob sie sich versteckt oder sonstwie unauffällig verhält.“, blaffte di Scuti dazwischen. „Entschuldigen Sie, wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, ich meine mathematisch diskret. Die Bewegung ist sprunghaft direkt, nicht fließend. Der Zauber springt quasi von Punkt zu Punkt. Das Material hat eine innere Kristallstruktur, wie sie bei Metallen so noch nicht beobachtet wurde. Die Struktur ist aber nicht gleichmäßig über den gesamten Objektkörper ausgedehnt. Vielmehr unterteilt sie sich in kleine Bezirke und der jeweilige Zauber springt von Bezirk zu Bezirk. Ich habe allerdings noch nicht herausgefunden, nach welchem Muster dies geschieht.“, erläuterte Mitras in einem leicht belehrenden, herablassenden Tonfall. Di Scruti zischte: „Nun, wie dem auch sei. Derzeit sind Sie der einzige, der an diesem Material Grundlagenforschung betreibt. Da Ihr Patent ja eine weitere Erforschung durch uns ausschließt, hat die Generalität die Schule der Verwandlung ersucht, sich ebenfalls an der Untersuchung zu beteiligen, natürlich unter Wahrung des Patentsgeheimnisses und im Austausch mit Ihnen. Professor di Hedera stimmt natürlich zu. Nur leider hat er zwar über die Gilde streng kontrollierten Zugriff auf ihre Ergebnisse, nicht jedoch auf das Material selbst. Die Generalität fordert Sie hiermit auf, der Schule eine viertel Tonne zur Unterstützung der dortigen Forschung zur Verfügung zu stellen.“ Mitras musste sich beherrschen, sich den Schreck über die große Forderung nicht anmerken zu lassen, doch es schien ihm zu gelingen, denn di Scuti fuhr etwas aggressiver, vermutlich enttäuscht von der mangelnden Reaktion, fort: „Unentgeldlich versteht sich, die Forschung wird ja auch Ihnen zugute kommen. Und natürlich muss diese Lieferung bald erfolgen. Diese neue Entdeckung stellt doch ein beträchtliches Risiko dar. Alternativ könnten Sie natürlich uns auch ein Herstellungspatent erteilen, dann versorgen wir die Schule und Sie erhalten regelmäßige Tantiemen, je erzeugten Kilogramm Material natürlich. Ich denke unter unseren Partnern wird sich jemand finden, der mit dem Patent verantwortungsvoll umgeht und die nötigen Mittel hat, größere Mengen schnell zu erzeugen.“ 

Die Menge entsprach seiner halben Jahresproduktion, jedenfalls aus Sicht der Generalität und Mitras war schlagartig klar, was di Scuti zu erreichen hoffte. Er hatte bisher stets beteuert, dass er unter der Geheimhaltung seiner Methoden nicht mehr liefern könne. Der Vertrag verpflichtete ihn nun also zu genau dieser Menge, aufgeteilt in eine Lieferung von 250 Kilogramm je Halbjahr. Sollte er nun die Schule binnen einiger Wochen beliefern können, war klar, dass er zumindest mittlerweile mehr erzeugen konnte. Die Generalität würde sofort darauf bestehen, dass er mehr erzeugen solle. Alternativ würde er eine Lizenz an die Generalität abtreten müssen, die es dieser gestattete, selbstständig Elektrum zu erschaffen. Und letzteres war definitiv die schlechtere Variante, denn Mitras wusste genau, wer der Partner von di Scuti war. Er und Secus di Porrum waren seit langem beste Freunde und hinzu kam, dass die di Porrums die wichtigsten Waffenlieferanten der Generalität waren. Ihm blieb keine andere Wahl, als die Vergrößerung seiner Produktionskapazitäten einzugestehen. Sollte er nicht liefern können, würde di Scuti das als neuen Hebel benutzen, um das Patent zu annullieren, da ja die Sicherheit des Reiches auf dem Spiel stand. Letztendlich würde das zwar scheitern, aber man würde ihn zwingen, die Lizenz an die Partner der Generalität zu geben und das konnte nur ein bestimmter Verwandlungsmagier mit eigener Waffenfertigung sein: „Wenn Sie die di Porrums meinen, so werde ich Ihnen schon allein um meiner eigenen Sicherheit und der aller Bürger Uldums keine Lizenz gewähren. Sie sollten wissen, dass ihr Freund Secus in der Gilde in Ungnade gefallen ist. Aufgrund seiner Unfähigkeit versteht sich. Die Gildenstatuten und das Gesetz verbieten es, einen einmal anerkannten Titel wieder abzunehmen, aber mehr als Magister wird er nicht mehr werden. Nein, diesem Stümper etwas so wichtiges zu überlassen, wäre eine Beleidigung ihrer Majestät. Der König hat mich nicht mit diesem Siegel belohnt, damit ich das Material nun solchen Diletanten zur Verfügung stelle.“ sagte Mitras und hob das Siegel, das an einer Spange an seiner linken Brust haftete, demonstrativ an. Er fuhr fort, ehe di Scuti ihn unterbrechen konnte: „Nein, ich werde die Schule selbst beliefern. Die Erzeugung einer so großen Menge ist natürlich zeitaufwändig und wird die Forschung für eine Weile zum Erliegen bringen, aber dafür wird das Ganze im Anschluss sicherlich beschleunigt werden. Ich bin sicher, dass mein alter Meister Thadeus nur die sorgfältigsten Forscher mit diesem Auftrag betreuen wird.“ 

Di Scuti war aschfahl geworden und musste sichtlich an sich halten, um ob solcher Beleidigungen nicht aufzuspringen. Sichtlich bemüht und mit knirschenden Zähnen antwortete er dann doch kontrolliert: „Gut, Sie haben das Mengenproblem also behoben? Oder wollen Sie mich nun ob der Menge, die der Generalität zusteht, verprellen? Das wäre Vertragsbruch und hätte entsprechende Konsequenzen.“ „Tatsächlich konnte ich meine Kapazitäten kürzlich vergrößern. Natürlich nur geringfügig. Diese Formel und die Fertigung unterliegen auch der Sicherheit des Reiches wegen strengster Geheimhaltung. Stellt euch vor, was die Teufelsanbeter im Süden damit machen würden. Was, wenn sie statt ihrer magischen Vulkanglaswaffen mit deutlich potenteren und widerstandsfähigeren Elektrumwaffen daherkämen, um ihre alten Länder von den Rasenna Erben zurück zu fordern? Oder wenn die Hexen der Klans das Geheimnis aufdecken. Ihr wisst, wozu sie fähig sind, oder?“ antwortete Mitras mit Nachdruck. „Aber die Versorgung der Schule wird mich über die Vertragserfüllung hinaus voll auslasten, wir können also erst im Sommer neu über die Liefermenge verhandeln. Wegen der Öffnung meiner Forschung werde ich sobald möglich Erzmagier di Hedera kontaktieren.“

Mitras setzte die mittlerweile leere Teetasse wieder ab und sagte: „Wenn das jetzt alles wäre, ich bin derzeit sehr beschäftigt, wie Sie sich ja sicher denken können. Oh, und richten Sie ihren Freund einen Gruß von mir aus. Die Duellregeln verlangen klar einen Ort und eine Zeit, das eine nach Wahl des Fordernden und das andere nach Wahl des Geforderten. Die Straße ist dafür sicher nicht der richtige Ort. Wir wollen uns doch wie zivilisierte Menschen verhalten, nicht wahr?“  Er stand auf und reichte di Scuti die Hand. Diesem blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls aufzustehen und die Geste zu erwidern. Mitras hatte so genug Zeit für einen kleinen Verstärkungszauber. Er ergriff die Hand und packte zu, nicht so stark, dass er seinem Gegenüber die Hand brechen würde, aber der Gesichtsausdruck seines Gegenübers, der weder klein noch schwächlich war, befriedigte ihn doch für dieses unangenehme Gespräch. Die Militärs, zu denen nunmal auch Di Scuti gehörte, blickten oft etwas verächtlich auf die Verwandlungsmagier herab. Waren diese in ihren Augen doch nur Ärzte, deren einziger Nutzen es war, die Kämpfer möglichst schnell wieder kampffähig zu bekommen. Keiner von ihnen erwartete einen kräftigen Händedruck von einem Forscher oder Heiler. Ohne seine Hand los zu lassen fuhr Mitras fort: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag und ich versichere Ihnen noch einmal, dass die Zauber wie das Flammenschwert, das war doch Ihre Idee? … weiter funktionieren werden.“ Er schüttelte ihm noch einmal die Hand und ließ dann los, was seinem Gegenüber ein sichtlich erleichtertes Keuchen entlockte. Der vom Händedruck völlig überrumpelte di Scuti ließ sich von ihm ohne Widerworte zur Tür geleiten und verabschiedete sich immer noch leicht keuchend und sich die Hand haltend.

Kaum war die Tür zu und di Scuti außer Hörweite, fluchte Mitras lautstark. William kam sofort um die Ecke. „Ha, na bist ihn endlich los geworden? Hast ihm da drinnen ja ganz schön den Marsch geblasen.“ „Ja, habe ich, gewonnen hat trotzdem er. Mehr als Ehrenrettung war für mich nicht drin. Er hatte mich von Anfang an im Sack. Ich werde die Menge erhöhen müssen. Das ist zwar kein Problem, aber so ziemlich das Letzte, was ich wollte.“ erwiderte Mitras. “ Ja, aber sollte das nicht auch deine Einkünfte vergrößern? Und die Menge ist dann ja immer noch nicht groß oder?“ fragte William. Mitras antwortete: „Sie werden auf eine Verdoppelung bestehen, was ihnen völlig neue Möglichkeiten in der Forschung bietet. Wenigstens sind bisher nur die Magier der Generalität daran beteiligt und von denen auch nur eine kleine Gruppe um di Scuti. Alles Elementarmagier. Nichts gegen die, aber das sind lausige Wissenschaftler und die, die sich dem Militär angeschlossen haben, sind noch schlechter. Auf dem Feld wissen die sicher zu glänzen, aber wir haben Frieden und da werden sie am wenigsten gebraucht. Desto schneller di Scuti an große Mengen Elektrum kommen kann und desto bessere Waffen er damit bauen kann, desto eher werden er und seine Bundesgenossen auf eine neue Expansion drängen.“ William guckte ein bisschen geknickt und sagte: „Ja, das hört sich wirklich schlecht an. Aber immerhin hast du noch bis Sommer Zeit und wenn Thadeus, der alte Hund, die Forschung nun mit unterstützt, kannst du dir ja sicher sein, dass er den militärischen Nutzen so gering wie nur möglich einstufen wird.“ „Ja, er wird jegliches noch so kleines Risiko ausgraben, um eine weitere Nutzung des Elektrums, egal auf welchem Gebiet zu unterdrücken oder zumindest strickt unter Limitierung setzen – und das schließt leider meine friedlichen Varianten mit ein. Nathanael wird sicher einiges davon einfangen können, aber grundsätzlich wird er mir eher mehr Steine in den Weg rollen, als mich zu unterstützen. Danke jedenfalls für den Tee, magst du mir bitte gleich noch eine zweite Tasse bringen? Ich werde gleich die Nachricht an Thadeus aufsetzen und mich für den Ingastag zur weiteren Besprechung ankündigen.“ William sah ihn mitfühlend an und sagte: „Nur ein Tee oder doch lieber mit Schuss?“ „Tee reicht“, sagte Mitras kurz auflachend, bevor sich seine Miene wieder verfinsterte und er nach oben ging.

Kira fand die Bibliothek leicht wieder. Der große Platz im Händlerviertel war eine gute Orientierungshilfe. Sie grüßte den Bibliothekar an der Ausgabe höflich, gab ihren Mantel an der Gaderobe ab und schlüpfte dann in den großen Saal. Beim letzten Mal hatte sie ja speziell ein Buch gesucht, diesmal nahm sie sich mehr Zeit und schaute sich die beiden Abteilungen mit Sachbüchern genauer an. In der Abteilung zur Magie fand sie einen interessanten Titel: „Von Hexen, Dämonen und der rechten Magie. Ein Streifzug durch internationale Magieanwendungen.“ Sie zog es heraus, ging zum Ende des Saales und entdeckte, dass es dort neben den Tischen auch gemütliche Sitzecken gab. Ein paar andere Frauen und Männer saßen dort schon, einige lasen alleine, andere flüsterten leise, gemeinsam über einen Text gebeugt. Kira schaute sich suchend um, aber der junge di Ferrus war nirgendwo zu sehen, also wählte sie sich einen kleinen, grau-grünen Sessel in einer Ecke des Saales, setzte sich hin und begann zu lesen.

Die Magie wird nicht überall auf die gleiche Weise verstanden und ausgeführt wie in unserem großartigen Reich Albion oder dem kultivierten Riga. In Rhorestadia hat sich eine der unseren ähnliche gildenmagische Tradition gebildet, die im Vergleich aber noch sehr rückständig ist. Darüber hinaus wissen wir von Skir und einigen Angshire sowohl in Rhorestadia als auch in der Republik Reave jenseits des Meeres, dass sie in Zirkeln von Hexen und Druiden die bei ihnen seltener auftretende magische Begabung zu formen wissen und sich dabei an die natürlichen Gesetze von Gäa halten, ohne eine rechte Wissenschaft zu betreiben. Unsere südlichen Nachbarn in Astelia haben sich hingegen seit Jahrhunderten der tiefgründigen Erforschung der Magie gewidmet. Die Magie ist ihnen zugleich auch Religion, und so sind die Voodoopriester in den Dschungeln mächtige Herrscher. Die Gier nach Macht hat hier aber über die Jahrhunderte ihren Preis gefordert: So unterscheiden die Priester nicht mehr zwischen Geistern und den Ausgeburten der Äthersphären, die wir Dämonen nennen, und kommunizieren mit beiden gleichermaßen. Es kommt sogar vor, dass sie den Weisungen der Dämonen Folge leisten und in ihrem Namen Schrecken und Terror selbst unter den eigenen Gefolgsleuten verbreiten. Könnte man dies in Einzelfällen noch verstehen, so erreichten uns mit der Ankunft der Angshire, die vor dem Reiche Zendri fliehen mussten, Geschichten von noch weitaus schrecklicherem Gräuel – anscheinend haben die Krieger dieser Lande eine Methode gefunden, mit den Toten nicht nur zu kommunizieren, sondern sie sogar wieder beleben zu können und zu scheußlichen Kriegswaffen zu formen. Dieses Werk soll nun über alle Formen der Magieanwendung einen so gut als möglichen Überblick geben, begonnen bei der kultivierten Erforschung über die Naturmagie der Hexen und Druiden, den Voodoopriestern des Südens, bis hin zu den Untaten wider der Natur der Zendri. Lesern schwachen Gemütes sei empfohlen, die letzten Kapitel auszulassen, da wir uns auch hier bemüht haben, wie im restlichen Buche, unsere Schilderungen durch allerlei lebhafte Zeichnungen ergänzen zu lassen, die in diesem Falle aber zumindest für zarte Frauenzimmer nicht empfohlen werden. Dem mutigen Herz jedoch möge es als Anregung dienen, den rechten Weg nicht zu verlieren und sich zu wappnen gegen das Böse, das uns stets bedroht.

„Madame Silva?“ Kira drehte den Kopf. Hinter ihr stand der junge Sebastian di Ferrus und lächelte sie erfreut an. Sie erwiderte sein Lächeln. „Baron di Ferrus. Welche Freude, Sie zu sehen!“, antwortete sie leise. Sebastian winkte ab. „Nichts Baron, ich bin nur Bibliothekar mit Leib und Seele. Mein alter Herr ist der Baron von Mutters Gnaden und bleibt es hoffentlich noch lange.“ Er schaute sich das Buch an, in dem sie gelesen hatte und nickte wissend. „Das habe ich auch gelesen. Die Zeichnungen sind reißerisch, aber es ist gut recherchiert. Sie haben einen guten Geschmack.“ Kira spürte, wie sie ein wenig rot wurde. „Danke.“ Einen Moment lang schwiegen sie, dann beugte sich Sebastian vor und fragte sie leise: „Wären Sie vielleicht bereit, mich zu einer Tasse Tee in einem Cafe zu begleiten? Ich habe gleich Pause, und man könnte etwas lauter sprechen.“ Kira spürte, dass ihr Herz einen kleinen Sprung machte. War das eine Art Rendezvous? Doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Der junge Mann war ihr sympathisch, eigentlich war sie ja hauptsächlich seinetwegen in die Bibliothek gekommen, und er hatte Recht, hier konnte man sich nicht gut unterhalten. Der Vorschlag war einfach nur praktisch. Sie stimmte also freundlich lächelnd zu und lies sich von ihm in ein nahe gelegendes Cafe führen.

„Ich freue mich sehr, mehr mit Ihnen reden zu können“, eröffnete Sebastian das Gespräch wieder. „Es kommt nicht jeden Tag vor, dass hübsche junge Magierinnen unsere Bibliothek beehren.“ Kira wurde feuerrot. „Es wird ja wohl einige hübsche Magierinnen an den Akademien geben, oder?“, wehrte sie ab. Sebastian grinste breit. „Aber die kenne ich ja schon!“ Kira musste lachen. „Also sind Sie eigentlich einfach nur neugierig auf die Neuen?“ Sebastian lachte ebenfalls. Er lehnte sich zurück und sagte: „Sie haben mich ertappt. Ich bin ungemein neugierig. Mein alter Herr ist so gnädig, mich in der Bibliothek arbeiten zu lassen. Stellen Sie sich vor, was für eine Klatschtante ich wäre, wenn ich diese ständige Neugierde nicht regelmäßig durch Bücher füttern könnte.“ Kira kicherte. Sie vermutete, dass Sebastian trotzdem eine Klatschtante war. „Haben Sie kein magisches Talent? Dann würden Sie doch auch zur Akademie gehen und müssten dort lernen, oder?“, fragte sie. Sebastian schüttelte den Kopf. „Nein, der Kelch ist an mir vorbei gegangen und hat meinen Bruder und meine kleine Schwester erwischt. Sie ist jetzt 16 und im ersten Schuljahr, und wenn ich sehe, wie viel sie arbeiten muss, bin ich ganz froh, nur Bücher herumzutragen und meinem Vater und meinem zweiten Bruder ab und zu bei den Geschäften zu helfen. So hat man viel mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben.“ Kira betrachtete ihn interessiert. „Ich bin ja neu hier, welche schönen Dinge gibt es denn hier in Uldum?“ „Sie zum Beispiel“, erwiderte der junge Mann galant. „Und natürlich gibt es gute Feiern, viele gute Bücher und die Jagd. Ich reite sehr gerne und kann ganz passabel schießen. Können Sie reiten?“ Kira beschloß, das Kompliment zu ignorieren und nickte. Sein Leben klang unglaublich sorgenfrei und entspannt. Waren alle Kinder adeliger Familien so oder lag das daran, dass seine Familie ja vermutlich ziemlich reich war? „Ja, ich kann reiten. Allerdings habe ich noch nie auf einem Pferd gesessen, dass schneller als ein Zugpferd laufen konnte, insofern könnte es sein, dass meine Künste sich nicht ganz mit Ihren messen können.“ Wieder zeigte Sebastian ein breites, einnehmdes Grinsen. „Wenn sie es mal probieren wollen, lade ich sie auf das Gestüt eines Freundes ein, sobald der Boden aufgetaut ist. Er züchtet ganz edle Rennpferde – schnell, aber von ruhigem Charakter.“ Kira wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Ob Mitras ihr soetwas erlauben würde? Sebastian führte noch einiges zu den Pferden aus und schloss dann: „Wo kommen Sie denn her?“ Kira spielte ein wenig scheu mit einer ihrer Locken. Ob er dachte, sie könnte aus dem Ausland kommen? Aus Skirgrad? Aber nein, dann würde sie ja nicht hier ausgebildet werden. Sie sollte wirklich aufhören, ständig darüber nachzudenken, was andere über ihr Aussehen und die Skir dachten, scholt sie sich selber. Das hatte sie doch gestern eigentlich schon gelernt. „Aus Burnias, aus einem kleinen Dorf names Bispar.“ Sebastian dachte einen Moment nach. „Uhm, Norden, irgendwo in den Mooren?“, fragte er. Sie nickte, etwas verblüfft über seine Kenntnis der Provinz. Andererseits könnte er auch einfach nur gut geraten haben. Der Großteil von Burnias war moorig gewesen, und ihr Großvater hatte noch dabei geholfen, einige der Moore trocken zu legen. Ehe die Bewohner der Provinz selbst vom Ackerbau leben konnten, hatten sie das Torf gestochen und verkauft, das wusste sie aus Erzählungen ihres Vaters über den Großvater. „Und nun sind sie ganz bis nach Uldum gekommen? Wo sind Sie denn untergekommen?“ Kira dachte kurz nach. Ob es schlau war, ihm zu sagen, wer ihr Magister war? Andererseits hatte auch er von seinen Verhältnissen freimütig erzählt, also war sie etwas Ehrlichkeit schuldig. „Magister Mitras di Venaris hat mich aufgenommen. Ich bin seine Discipula.“ „Venaris!“ Sebastian grinste. „Die kenne ich. Also, nicht den Magister so richtig, aber die Familie. Mein alter Herr ist mit dem Herrn Venaris bekannt, ich würde sagen, sogar befreundet. Die beiden handeln oft zusammen und sie treffen sich bei uns öfters zu einer Partie Schach „um der guten alten Tage wegen“, wie mein Vater sagt.“ Er ahmte dabei einen zittrigen Greis nach und schüttelte die Teetasse so sehr, dass ein wenig Tee über seine Hand schwappte und er sie leise fluchend absetzte, um die Hand an seinem Hemd zu trocknen. Kira lachte. Der junge di Ferrus war witzig. Sorglos und wild, weniger steif als sie es von einem Adeligen gedacht hatte. „Ich bin tatsächlich froh, bei ihm zu sein, ja. Er ist nett und fürsorglich und kümmert sich sorgfältig um meine Ausbildung“, sagte sie. Sebastian blickte sie an und verdrehte spielerisch die Augen. „Sagen Sie bloß jetzt nicht auch noch, er sähe gut aus, dann fühle ich mich ja gleich ganz unnütz hier.“ Kira grinste schalkhaft. „Aber er sieht gut aus!“ Sebastian griff sich gespielt ans Herz, was sie anspornte, noch weiter zu reden: „Seine Statur ist so männlich und seine eisblauen Augen funkeln wie die Sterne in einer klaren Nacht und …“ „Schon gut, schon gut!“ Übertrieben ächzend ließ sich Sebastian auf dem Stuhl nach hinten sinken. „Ich sehe, ich habe verloren. Da bin ich nun, ich junger Tor, und bin so einsam wie zuvor.“ Kira schaute ihn lächelnd an. Er war wirklich witzig. Wahrscheinlich war das das längste Gespräch mit einem gleichaltrigen Mann, das sie bisher geführt hatte, ohne sich dabei unwohl oder angegafft zu fühlen, und das, obwohl er ihr tatsächlich Avancen gemacht hatte! Sie hatte allerdings auch das Gefühl, dass Sebastian jede Frau ähnlich mit Komplimenten überhäufen würde. Er war so geübt darin, vermutlich war das einfach seine Art. Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis ihr Blick aus dem Fenster fiel und sie erschrak. „Meine Güte, es ist ja schon fast dunkel! Wie spät ist es denn?“ Sebastian fischte eine aufwendig verzierte Uhr aus der Tasche, die Kiras Vermutung über seinen Reichtum bestätigte und überhaupt nicht zu der schlichten Bibliotheksuniform passte. „Uhm, gleich halb sechs.“ „Ach herrjeh! Ich muss dringend los. Abby hat gesagt, ich solle nicht zu spät heimkommen.“ Sebastian nickte. „Wer auch immer Abby ist, sie hat Recht. Es ist nicht sicher für eine Dame allein zu später Stunde. Würden Sie gestatten, dass ich Sie nach Hause begleite, wenn ich sie nun schon so lange vom Heimgehen abgehalten habe?“ Kira errötete nun doch wieder. „Das ist nicht nötig“, wehrte sie ab. „Ich bestehe darauf. Sie sind neu hier. Später mögen Sie wissen, wie man richtig reagiert, doch für’s erste lassen Sie mich wenigstens eine vertrauenswürdige Droschke auswählen.“ Kira wollte protestieren, doch er hatte sich abgewandt und winkte dem Kellner zu, damit dieser die Rechnung brachte. Sebastian beglich sie, ohne sie Kira zu zeigen. „Lord di Ferrus, wollen Sie mir nicht sagen, wie viel ich Ihnen schulde?“, fragte sie und versuchte, die Rechnung zu erhaschen. Sebastian zog sie ihr elegant weg und steckte sie in die Tasche. „Mylady, Sie schulden mir gar nichts, ich habe sie eingeladen. Beleidigen Sie mich nicht. Und wären Sie so freundlich, meinen Vornamen zu nutzen?“ Er stand auf und bot ihr den Arm an. „Sebastian. Sonst nichts. Wir sind gleich alt und von gleichem Stand, und ich wäre sehr erfreut, wenn Sie sich diese kleine Vetraulichkeit erlauben würden. Ich fand unser Gespräch nämlich äußerst angenehm.“ Kira lief rot an und stand auf, ohne den angebotenen Arm anzunehmen. „Sebastian. Danke, Sebastian“, murmelte sie etwas scheu. „Ich bin Kira.“ Sebastian ließ den Arm sinken und blickte sie mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Faszination und Amüsiertheit an. „Das freut mich, Kira.“ Er begleitete sie zum Droschkenstand, wo Kira rasch Julius Droschke anhand des Pferdes ausmachte. „Sebastian, die Droschke werde ich nehmen. Ich bin schon heute morgen mit ihm gefahren, er wurde mir empfohlen.“ Sebastian nickte. „Dann werde ich Sie der fähigen Empfehlung überlassen. Ich hoffe, wir sehen uns wieder?“ Kira nickte etwas zögerlich. „Ja, das wäre schön. Ich komme bestimmt wieder in die Bibliothek. Mein Buch ist ja nun auch dort geblieben.“ „Ah, ja, die Bücher. Was habe ich für ein Glück, dass die guten Frauen von ihnen angezogen werden.“ Sebastian half ihr in die Kutsche, sprach noch kurz mit Julius, reichte ihm einige Münzen und verabschiedete sich dann mit einer Verbeugung.

Erwartungsgemäß weigerte Julius sich, Geld von ihr zu nehmen, als er sie vor der Haustür absetzte. „Lord di Ferrus hat mich großzügig bezahlt, Mylady.“ Kira dankte in Gedanken Sebastian und dann laut Julius, ehe sie aufs Haus zulief. Ihr war ein wenig mulmig. Es war in der Zwischenzeit dunkel, also bestimmt schon sechs. Hoffentlich war sie nicht zu spät. Abby hat ja keine konkrete Zeit genannt… Als sie das Haus betrat, riss William die Tür der Küche auf, schaute kurz in den Flur und rief dann hinter sich: „Du kannst aufhören, den Teppich kaputt zu laufen, sie ist hier.“ Die Tür des Esszimmers ging auf und Abby kam eilig auf sie zu. „Kira! Den Geistern sei Dank, dir ist nichts passiert! Ich hatte schon Sorge.“ Verlegen schaute Kira zu Boden. „Entschuldigt. Ich habe in der Bibliothek einfach die Zeit vergessen.“ Und außerdem bin ich es nicht gewohnt, dass man mich vermisst, fügte sie in Gedanken hinzu, schob diesen Gedanken aber rasch beseite. Er passte nicht zu diesem wundervollen und aufregenden Tag. William grinste durch die Küchentür. „Hab ich dir doch gesagt!“ „Sie hat keine Kinder, worüber soll sie sonst glucken?“, klang Tobeys Stimme vom Esszimmer her. William grinste noch breiter. „Das ist aber auch dein Job, nicht unserer! Vielleicht solltest du mal was gegen die Kinderlosigkeit tun!“, rief er zum Wohnzimmer hin. Abby holte aus und deutete eine Ohrfeige in seine Richtung an. „William! Untersteh dich! Glaub bloß nicht, ich hätte nicht gern Kinder gehabt.“ William duckte sich und floh lachend Richtung Küche. Kira gluckste leise. Abby, die zum Esszimmer zurück ging, sah tatsächlich etwas traurig aus, aber das ganze Chaos hatte sie auch davon abgelenkt, Kira zu viele Vorwürfe zu machen, und dafür war Kira William und Tobey dankbar.

„Die Bibliothek ist durchaus ein gefährlicher Ort“, sagte Mitras möglichst streng klingend, als er, angelockt von dem kleinen Tumult, die Treppe herunter kam. „Jedenfalls für schwer beschäftigte Menschen.“, fügte er lächelnd hinzu. Auch wenn er es unfair von William fand, Abby mit ihrer Kinderlosigkeit aufzuziehen, hatte das Geplänkel ihn doch amüsiert und seine Stimmung etwas gebessert. „Ich hoffe, Sie haben Ihren Nachmittag dort genießen können. Ich für meinen Teil habe dort schon allzu viele Stunden verbracht und so manches Mal die Zeit vergessen.“ Kira blickte ihn schuldbewusst an. „Keine Sorge, Sie sind spät, aber nicht zu spät. Bis zum Abendessen dauert es noch eine Weile und ich habe auch das Bedürfnis nach etwas Zerstreuung. Hätten Sie Lust auf eine weitere Partie Dame?“ Kira sah ihn kurz verblüfft an, dann nickte sie. „Heute scheint wohl mein Tag der Einladungen zu sein. Ich würde aber gern mich erst frisch machen, wenn das geht.“ Mitras zog eine Augenbraue hoch. „Aha, ist der erste Verehrer bei Ihnen vorstellig geworden?“, fragte er neckend. Kira lief sofort tiefrot an, er hatte also ins Schwarze getroffen. „Nein, ich bin nur auf einen Tee eingeladen worden. Kein Verehrer.“ „Soso.“ Amüsiert und etwas besorgt betrachtete Mitras sie. Es konnte natürlich Zufall sein, aber er musste vorsichtig sein. Immerhin konnten die di Porrums oder andere von ihr erfahren haben und sich bemühen, mithilfe eines galanten Jünglings an sie und somit an seine Geheimnisse zu gelangen. „Ich bin neugierig, wer war denn der spendable Herr?“ Immer noch tiefrot – sogar ihre Ohrenspitzen wurden rot, bemerkte er fasziniert- sagte sie: „Sebastian di Ferrus.“ Er atmete innerlich auf. Sebastian war zwar, nach allem was er gehört hatte, ein kleiner Schwerenöter, aber komplett harmlos und ein guter Junge. Jedenfalls ging von ihm keinerlei Gefahr aus. „Ah, Cornelius jüngster Sohn. Er müsste in Ihrem Alter sein, wenn ich mich recht erinnere. Sein Vater und meiner sind alte Geschäftsfreunde und für mich und seinen Bruder Marcus, den 2. Sohn der Familie, gilt das gleiche. Anständige Menschen sind das, die di Ferrus.“ Kira atmete hörbar erleichtert aus und ließ ihre angespannten Schultern sinken. Ihre Ohren nahmen wieder eine normale Farbe an. Interessant, realisierte Mitras, sie hat sich also Sorgen darüber gemacht, mit wem sie spricht. „Sie haben also einen ersten Freund gefunden, das freut mich. Aber seien sie weiterhin vorsichtig, mit wem sie sich einlassen.“ Kira nickte. „Gut, ich bin im Wintergarten und bereite das Spiel vor, bis gleich.“

Er ging und holte das Spiel aus dem Speisezimmer, wo Abby gerade mit dem Tisch beschäftigt war. Ihre Miene war immer noch leicht säuerlich, Tobey versteckte sich demonstrativ hinter einer Zeitung. Er kürzte durch die Küche ab und ermahnte William, dass er sich diesmal vielleicht doch bei Abigail entschuldigen sollte. Der Spaß war doch etwas zu weit gegangen. Dieser ließ schuldbewusst die Schultern hängen. „Tobey hat angefangen, aber ja, wahrscheinlich hast du recht. Ich warte einen ruhigen Moment ab.“ Mitras ging in den Saal und bog in den Wintergarten ab. Er hatte das Spiel gerade fertig aufgebaut, als Kira gerade auf der anderen Seite den Raum betrat. „Sie kommen genau richtig, ich bin gerade fertig geworden.“ Er blickte auf und sah, dass sie das Kleid gewechselt hatte. Sie trug nun ein burgunderfarbenes Kleid mit goldenen Bordüren, dass zwar ihre Taille nicht betonte, weil es nicht geschnürt war, dafür aber einen Teil der Schultern frei ließ und ihre Oberweite hervorhob. Ihre Haare hatte sie locker nach oben gesteckt. Sie sah wie eine elegante, junge Dame aus, die zu einer entspannten Abendgesellschaft kam, nur der Schmuck fehlte. Wenig war noch von dem schüchternen Mädchen über, die vor etwa einer Woche hier das Haus betreten hatte. Er bewunderte ihre rasche Wandlung. Wie ein nicht geschliffener Stein, der nur das richtige Licht brauchte, um zu funkeln, dachte er. Mit einer flüssigen Armbewegung schob er ihr den Stuhl zurück, und sie setzte sich mit einem eleganten Kopfnicken als Dank. Mitras ließ sich ihr gegenüber auf die Bankreihe sinken und schob ihr das Spielbrett hin, um sie eröffnen zu lassen. Wenn wir sie noch etwas schleifen, dachte er, wird sie ein funkelnder, wundervoller Diamant.

Später am Abend saß Mitras allein in seinen Gemächern und sann mit einem Glas Wein über die letzten Entwicklungen nach. Kiras Erscheinen hatte zwar einiges durcheinander gewirbelt, stellte sich aber als Bereicherung für den Haushalt dar. Das Spiel mit ihr war genau die Ablenkung, die er gebraucht hatte und er bekam langsam das Gefühl, dass sie sich ihm gegenüber öffnete. Er hatte ihr ein bisschen über Sebastians Familie erzählt. Die di Ferrus waren eine der magischen Dynastien Albions und konnten ihre Linie bis ins alte Reich verfolgen. Für albionische Verhältnisse war ihre derzeitige Generation aber doch etwas auffallender. Nicht etwa Cornelius trug urprünglich den Titel des Barons, sondern seine Frau. Er selbst war bürgerlicher Herkunft und kannte wiederum Mitras Vater schon seit Ewigkeiten. Die beiden waren Geschäftspartner und enge Freunde. Die beiden hatten sich damals zu einer Kooperation zusammengeschlossen, um eine neue Edelsteinmine in Ferrus zu erschließen. Dabei hatte Cornelius es hinbekommen, sich unsterblich in die junge Baronin Felicia di Ferrus zu verlieben und noch außergewöhnlicher, sie erwiderte diese Gefühle auch noch. Sie war die letzte der Linie di Ferrus und hatte ihre Eltern schon früh an eine Seuche verloren. Mitras hatte sie immer bewundert. Sie hatte es nicht nur geschafft ihre Baronie zu halten, sie war auch zu einer sehr kompetenten Magierin geworden, eine durchweg starke Frau, die nun ihre Position und ihr Vermögen, dass ihr tüchtiger Mann stetig mehrte, einsetzte, um sich für die Rechte der Frauen im Reich einzusetzen. Mitras hatte diese Ungleichheit nie verstanden. In seinen Augen gab es, mal abgesehen von einigen physiologischen Unterschieden, keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Gerade Magierinnen wie Felicia zeigten doch, dass sie ihren männlichen Kollegen in nichts nachstanden und doch hatten gerade die Traditionalisten wie Thadeus nichts als Verachtung für sie übrig. Unter den Progressiven hingegen genoß sie einen außergewöhnlich guten Ruf. Sie war gut mit Nathanael befreundet und zählte ebenfalls zu Mitras Unterstützern, auch wenn sie als Elementarmagierin wenig Einfluß in der Gilde der Veränderung, Verwandlung und Heilung hatte. Aber genauso wie Nathanael genoß sie die Gunst des Königs und auch in der Generalität hörte man auf sie. War es doch ihr Eisen, dass die Armee bewaffnete.

Mittlerweile hatte sich die Anzahl der di Ferrus auch wieder vergrößert. Vier Kinder hatten die beiden bekommen, der Älteste war älter als Mitras und wie seine Mutter Elementarmagier. Sohn Nummer zwei, Marcus, kam ganz nach dem Vater und würde dessen Handelshaus und die Verwaltung der Baronie übernehmen, wenn ihr Vater sich zur Ruhe setzte. Er war genauso alt wie Mitras und die beiden verstanden sich prächtig. Sebastian und seine junge Schwester Kersten kannte Mitras hingegen kaum trotz der Tatsache, dass sie auch der Schule der Verwandlung angehörte. Wäre sie zwei oder drei Jahre jünger, hätte Nathanael es sicher so gedreht, dass sie seine erste Discipula geworden wäre. Aber so war er noch nicht mal Magister gewesen, als ihr Talent entdeckt worden war. Und mit Kira hatte er es nun auch nicht schechter getroffen.

Als seine Gedanken wieder auf seine Schülerin zurück kamen, beschloß er noch einmal nach ihr zu sehen und ging zum Spiegel. Leicht benebelt vom Wein wischte er den Gedanken beiseite, dass dieser Eingriff in ihre Privatsphäre unangemessen sei. Er wolle ja nur sicher gehen, dass sie nicht wieder bis tief in die Nacht lernte, sagte er sich selbst. Tatsächlich lag sie aber schon im Bett und schlief tief und fest. Ihr Gesicht war zum Spiegel gewandt und völlig entspannt. Eine Woge der Zuneigung stieg in ihm auf, väterlicher Stolz, dachte er sich. Geistesabwesend betrachtete er sie eine Weile und dachte so vor sich hin, dass es ihm gar nicht so recht war, wenn ein Frauenheld wie Sebastian sich an seine Kira heranmachte, sei er auch noch so ein guter Kerl. Sie sah einfach zu hübsch aus… Der Gedanke, jemand könnte ihr zu nahe kommen, sie verletzen, versetzte ihm einen scharfen Stich.

Von diesem kurzen Gefühl hochgeschreckt, sammelte Mitras sich wieder und deaktivierte den Spiegel. Sebastian hatte einen gewissen Ruf weg, aber er war wirklich kein schlechter Mensch. Er wusste das Wort nein richtig aufzufassen und soweit Mitras wusste, gab es bisher nie Beschwerden über ihn. Und was Kira anging, so hatte er ihr im Zuge des Spiels auch erklärt, dass sie vorsichtig mit allzu freundlichen Menschen sein musste, da seine Feinde sicher früher oder später versuchen würden, über sie an ihn heran zu kommen. Sie war nicht dumm und hatte seine Sorgen sofort verstanden. Vielleicht war er auch einfach nur zu empfindlich. Ja, sie war seine erste Schülerin und ja, seine Lage war außergewöhnlich, aber deswegen musste er ja nicht ihre Kontakte einschränken. Er sollte nicht so paranoid sein, dachte er sich.

Uldums Gassen – 13. Lunet 242 (Uldumstag)

Kira erwachte völlig zerschlagen. Sie war in ihrer gesamten Kleidung eingeschlafen, hatte sich in den Schlaf geweint, und nun waren ihre Augen verquollen, sie hatte Kopfweh und fühlte sich elendig dreckig. Sie sammelte sich einen Moment und spähte dann zur Uhr. Es war erst sieben. Ehe sie erneut in die schwermütigen Gedanken von gestern abend versinken konnte, beschloß sie, das Bad auszunutzen. Immerhin war es ja auch schon 5 Tage her, seitdem sie sich das letzte Mal komplett gewaschen hatte. Sie nahm sich ein neues Keid aus dem Schrank, zog das alte aus und warf es in den Korb und hüllte sich dann in ein Handtuch, um über die Flure herunter zu huschen. Im Haus war alles still, nur aus der Küche hörte sie ein leises Klappern, also war William vermutlich schon wach. Sie ließ sich warmes Wasser ein, stieg ins Becken und ließ sich eine Weile entspannt treiben. Dann wusch sie sich und ihre Haare, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Danach ging es ihr besser. Sie reinigte das Becken und die Umgebung und ging dann zum Esszimmer.

Die Tür zur Küche stand offen und Abby war damit beschäftigt, den Tisch zu decken. Sie lächelte freundlich, als sie Kira sah, die ein wenig verlegen in der Tür stehen geblieben war. „Guten Morgen! Geht es dir wieder ein bisschen besser?“ Kira nickte stumm. „War ein bisschen viel gestern für dich, oder?“ Wieder nickte Kira. Abby kam auf sie zu und umarmte sie. „Mach dir keine Sorgen. Was vergangen ist, ist vergangen. Und für jeden von uns ist es aufregend und erschütternd, wenn wir unsere Heimat verlassen und neues lernen.“ „Danke.“ Kira drückte sich einen Moment an Abby und genoß das weiche, warme Gefühl ihres Körpers neben sich. „Na komm. Du kannst mit uns frühstücken, vielleicht kommt sogar Mitras gleich noch dazu, dann hätten wir mal ein seltenes großes Frühstück.“ Kira nickte wieder. Auf dem Tisch war bereits alles gedeckt. An ihrem und Mitras Platz lagen die Tabletts, die sie sonst stäter immer gefüllt vorfanden, diesmal allerdings noch nicht gefüllt. Tobey und William kamen mit Kaffee und Tee aus der Küche, und sie setzen sich zum Essen hin. Als Kira gerade beim zweiten Brot war, kam Mitras durch die Glastür herein, obwohl es erst kurz vor acht war. Er grüßte alle und setzte sich zu ihnen.

Mitras hatte sich beeilt, um nach den Ereignissen vom gestrigen Abend auch beim Frühstück zu sein, da er vermutet hatte, dass Kira ihm sonst ausweichen würde, aber er wollte nach ihr sehen. Abby hatte ihn gestern Abend davon abgehalten, zu ihr zu gehen, und auch abgelehnt, selber sie zu trösten. Das muss sie selber mit sich klären, hatte sie gesagt. Er war ein paar Risiken beim Kanalisieren eingegangen, hatte aber die Balance halten können und war so fast eine Stunde früher fertig geworden. Nun saßen alle beisammen und er gesellte sich dazu. Kira sah besser aus, als er erwartet hätte, gemessen an der Dauer, die er ihr leises Weinen noch gehört hatte. Ihre Haare waren noch ein wenig feucht, also hatte sie wohl ein Bad genommen. Sie wirkte immer noch etwas niedergeschlagen, aber klarer als gestern Abend. Er war sich unischer, ob er das Abby zu verdanken hatte oder ob ihr selbst ein paar Sachen deutlich geworden waren. Mitras selbst hatte gestern Abend noch kurz mit William gesprochen. Dieser kannte sich besser aus und hatte ihm bestätigt, dass in den Nordprovinzen tatsächlich, obwohl sie eigentlich von der skirgardischen Kultur geprägt waren, eine offene Abneigung gegenüber den Skir besonders bei der einfacheren Landbevölkerung vorherrschte. Die Siedler, die auf königlichen Geheiß oder aus freien Stücken dorthin nach Burnias siedelten, waren wie vermutet oft aus den Gebieten gekommen, die jahrhunderlang beliebte Beutegebiete der östlichen Skir gewesen waren. Insgesamt waren es wohl nur drei Klans, diese überfielen das Reich aber regelmäßig. Letzendlich hatten einige Adelige ohne Zustimmung des Königshauses begonnen, nördlich des Olfiat Siedlungen „zurückzuerobern“, wie sie es nannten. Das führte erst zur Besetzung Burnias und in Folge dessen zum Anschluss Schwyras. Der dort lebende Klan war der kleinste der dreien und wurde Ziel eines gewaltigen Vergeltungsschlags des Reiches, da sich das Königshaus dem erfolgreich verlaufenden Krieg angeschlossen hatte und eine Machtdemonstration brauchte, um die eigenmächtig agierenden Adeligen innerpolitisch zu schwächen. Die Stadt Mynstar wurde komplett ausgelöscht. Die Reste des Klans, die in und um die reiche Seehandelstadt Libekke lebten, ergaben sich und gliederten sich trotz dieser Tat in den folgenden Jahrzehnten gut in Albion ein, wohl auch, weil Mynstar und Libekke zuvor nur wenig verband. Sie waren wohl eher als Konkurrenten innerhalb des Klans aufgetreten. So gab es wenig Anlässe zu Blutfehden und ähnlichen Rachezügen, zumal die Skir in Libekke als weniger kriegerisch galten. Die verbliebenen Klans schworen nun aber Vergeltung am Reich und Rache an den Verrätern und überfielen die neuen Provinzen nun immer häufiger und weitaus brutaler als in den Kaperfahrten zuvor. Das Reich marschierte daraufhin in die Gebiete westlich und nördlich von Libekke ein, was die restlichen Klans dazu bewegte, mal wieder einen Hochkönig zu wählen und ihren Brüdern im Süden beizustehen. Letztendlich gewann Albion und drängte die Skir bis hinter den Fluß Bliktad zurück, auch, weil sie mit der Gründung Niuw-Mynstars ein Zeichen der kuturellen Überlgenheit und des Frieden setzen konnten. Im Jahr 142 wurde dann auch dort der Frieden ausgehandelt und der gewählte Hochkönig schwor alle Häuptlinge darauf ein, das Königreich nie mehr unprovoziert anzugreifen. Natürlich hatten der Rat und die Generalität die Gelegenheit genutzt, die neu eroberten Gebiete mit ihren treuen Gefolgsleuten zu bevölkern, und nach Williams Aussage schickten sie auch einige Magier, Schulmeister und andere gebildete Menschen in die Provinzen, um sicherzustellen, dass in einigen Jahrzehnten sich auch der Glaube an Hexenzirkel, Naturgötter und ähnliches verlaufen würde, wie die Skir, die aus den Gebieten zumeist nach Norden geflohen waren.

Mitras konnte verstehen, dass die Leute in Burnias schlecht auf Skir zu sprechen waren. Aber der Krieg lag nun schon fast ein Jahrhundert zurück und seit dem Frieden gab es keine Angriffe mehr. Laut William war es dort allerdings nach wie vor am schlimmsten, während die anderen nördlichen Provinzen eher gemäßigt mit Skir umgingen, ja, sogar ihre Kultur teilweise in die eigenen Bräuche integrierten. Doch in Burnias saßen die Erinnerungen an die Vergeltungstaten der Skir nach dem Brand von Mynstar wohl zu tief. Alles, was nach Skir aussah, wurde verachtet oder gleich zerstört. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was das für Kira bedeutet hatte. Laut Abigail konnte Kiras Mutter es kaum erwarten sie endlich und möglichst gewinnbringend los zu werden. Soviel Kaltherzigkeit dem eigenen Kind gegenüber machte ihn wütend.

Er setzte sich neben sie und wandte sich ihr zu. „Kira, ich muss gestehen, ich wusste bisher noch nicht viel über die nördlichen Provinzen und noch weniger über Burnias. Ich finde, Sie sollten sehen, dass Uldum anders ist. Wir pflegen hier einen weltoffenen, toleranten Umgang miteinander. Da Sie heute eh frei haben, schlage ich vor, dass Sie Uldum noch besser kennenlernen und sich selbst ein Bild davon machen. Abigail und Tobey hatten heute eh vor in die Stadt zu fahren und ein paar Besorgungen zu machen. Ich spendiere Ihnen eine Hafenbesichtigung dazu.“ Er schaute zu Tobey. „Wenn das in Ordnung ist.“ Tobey nickte, und Abby sagte begeistert: „Eine hervorragende Idee! Das machen wir gerne!“ „Gut.“ Kira saß einen Moment still auf ihrem Platz, dann lächelte sie ihn etwas bemüht an. „Danke, Magister. Ich werde die Gelegenheit nutzen. Ihr habt Recht. Alles ist anders hier.“ Sie schwieg einen Moment und setzte dann leise hinzu, während ihre Wangen sich röteten: „Anders, aber viel besser. Ich bin Ihnen allen sehr dankbar.“ Abby grinste. „Naa, wart ab bis zum Sommerfest. Dann überhäufen wir dich mit Geschenken und unserer unerschüttlichen Familienliebe, da wirst du gar nicht wissen, wo dir der Kopf steht.“ Kira wurde nun feuerrot. Sie öffnete den Mund, als ob sie etwas entgegnen wollte, schaute dann kurz traurig und schloß ihn wieder, lächelte dann aber und sagte: „Ich werde mich dann angemessen rächen.“ Abigail, Tobey und William brachen in Gelächter aus, was die Anspannung am Tisch klärte. Mitras fand, dass Abigail gar nicht so unrecht hatte. Kira war ein liebreizendes Geschöpf und nicht auf den Mund gefallen, sie hatte es verdient, gut behandelt zu werden. Und auch wenn er ihr sicher nicht Vater oder Mutter ersetzen konnte, so würde er doch ein guter Mentor sein und dafür sorgen, dass es ihr gut gehen würde in den Jahren bei ihm – und vielleicht auch danach, wenn es passte und sie es wollte.

Abby und Tobey trafen sich nach dem Frühstück mit Kira vor der Tür und zeigten ihr den Weg zum Kutschenstand. Abby stellte ihr Julius vor, einen etwas älteren, sehr gemütlichen Droschkenfahrer. „Wenn du jemals alleine eine Kutsche ordern willst und Julius da ist, fahre mit ihm.“, schärfte sie ihr ein. „Er ist vertrauenswürdig.“ Julius, der ihre Worte hörte, knetete verlegen seine Mütze und stotterte: „Ma…Ma..Madame, wir bemühen uns alle, vertrauenswü..wü..würdig zu sein.“ Tobey schlug ihm auf die Schulter. „Aber nicht alle sind es, altes Haus. Komm, heute gibt es eine gute Tour für dich: Der Herr wünscht, dass wir seiner Schülerin die ganze Stadt zeigen. Mit Hafenrundfahrt. Und die Wartezeit kriegst du auch bezahlt.“ Julius lächelte breit. Ihm fehlten etliche Zähne, fiel Kira auf. Er sah sonst einigermaßen gepflegt aus, aber seine Kleidung war oft geflickt und an den Händen erkannte sie trotz der Tatsache, dass er erst 30 sein mochte, erste Anzeichen von Gicht. Das Leben auf dem Kutschbock war nicht einfach, das wusste sie auch von denen, die in Burnias die Waren fuhren und bei ihren Eltern oft übernachtet hatten, wie es üblich war. Kaufleute und Fuhrleute halfen einander. Sie stiegen in die Droschke und Abigail begann, wie schon bei ihrer ersten Fahrt in die Stadt, Kira zu erklären, was zu sehen war.

„Hier an dieser Kreuzung siehst du die Grenze zwischen drei Bezirken der Stadt. Links von uns das Viertel der Aristrokraten. Es zieht sich weit die Hügel hinauf, aber etwa zwei Straßenzüge von hier beginnt die wirkliche Riege der Adelshäuser, dort sind auch die Schulen und noch ein ganzes Stück bergan der neue Palast. Und hinter uns ist das Gebiet der Handwerker, was du letztes Mal ja schon gesehen hast.“ Sie beugte sich vor und wies Julius an, zum Palast zu fahren. „Hier rechts von uns ist das Viertel der Händler. Mitras Eltern wohnen zum Beispiel dort.“ Der gegenüberliegende Straßenzug unterschied sich kaum von dem Bereich des Aristrokratenviertels, aus dem sie gerade gekommen waren. Teilweise standen die drei- bis viergeschoßigen Häuser eng beieinander, teilweise gab es kleine Gärten um sie. „Weiter zum Fluss hin gibt es auch einige richtige Villen der Händler“, ergänzte Tobey. „Die sind wirklich fast wie Paläste. Man kann heutzutage doch ganz gut Geld machen, besonders, wenn man Manufakturware verkauft, das produziert sich einfach schneller.“ Sie fuhren die Straße hinauf, die beidseitig von nun kahlen Bäumen gesäumt war. An Seite der Händler wurden die Gebäude nach einer Weile etwas höher, Mietshäuser, wie Abby auf Kiras Frage erklärte, dort konnte man sich einmieten, wenn man genug verdiente, aber nicht genug für ein ganzes Haus hatte. Ab einer etwas breiteren Straße zur rechten Seite wichen die Mietshäuser dann erst einfachen, dann immer pompöseren Adelshäusern, die hinter der Bahnlinie lagen, die sich an der Straße entlang wand. Auch zur linken Hand waren die Adelshäuser pompöser, die Mauern höher, die Gärtern größer geworden. Sie bogen nach rechts ab, überquerten die Bahnstrecke und gelangten auf eine breite Straße, eher eine Promenade, die offenbar die Stadtgrenze darstellte und die auf einem großen Platz endete, an dessen westlichem Ende sich offenbar das Palastgelände erhob. Kira konnte nicht umhin, dem Archtiketen Bewunderung zu zollen: Anmutig und doch beeindruckend erhob sich das weiße Gebäude auf einem länglichen Hügel über die umliegenden Häuser, geschickt hervorgehoben durch die natürliche Umgebung. Hinter dem weit verzeigten Gebäude lag eine steile Klippe, die es nach hinten abriegelte und es wie auf einer Leinwand präsentierte. Nach Norden hin konnte sie den Avens erahnen. Abby erzählte ihr, dass die Wand der Klippe magisch verformt worden sei, so dass niemand daran herunterklettern konnte. Vor dem Gebäude und auch darum konnte Kira eine weitläufige Parkanlage erkennen, sofern zumindest die umgebende Mauer den Blick freigab. „Das ist das Wohngebäude der königlichen Familie, gebaut von Phillipos di Leonidas. Manchmal gibt es hier auch Feste für den höheren Adel. Aber für offizielle Anlässe nutzt das Könighaus Leonidas immer noch das alte Königshaus im Stadtkern. Da fahren wir als nächstes hin.“ Sie fuhren auf einem anderen Weg durch das Aristrokratenviertel zurück, so dass Kira ausreichend Gelegenheit hatte, die Paläste und Wohngebäude, teilweise aufwendig verziert, teilweise aber auch schlicht und elegant waren, zu bewundern. Sie erkannte, dass Mitras, obwohl er ja nicht arm war, ein verhältnismäßig kleines Haus hatte, nur sein Garten war doch größer als die der meisten anderen Adelshäuser. Vielleicht lag es daran, dass er keine Familie hatte und daher kein so großes Haus brauchte?

Am Bahnhof vorbei kamen sie in das Händlerviertel, und Kira sah, dass es hier nicht nur die Wohnungen der Händler gab, sondern auch Kontore, mehr verschiedene Mietshäuser und auch Läden. Oftmals war es so, wie sie es aus Lührenburg kannte: Oberhalb von Kontor und Laden lagen die Wohnungen der Familie. Hier allerdings war die Wohnung teilweise mehrgeschoßig. Abby erklärte ihr, dass reiche Handelsfamilien sich von den Adeligen abgeschaut hatten, besonders viele Bedienstete zu haben, und dass daher in den oberen Geschoßen oft die Zimmer der Dienerschaft lagen. Kira staunte, wie viele Menschen es in Uldum gab. So viele Menschen auf eigentlich so wenig Platz!

Sie kamen an die große Straße, auf der sie begonnen hatten, und durchquerten das Viertel der Handwerker, das Kira bereits kannte. Hier standen die Häuser etwas enger, oft waren die Werkstätten direkt in die Wohnhäuser gebaut, an einigen Stellen waren auch schon Manufakturen zu sehen, zu erkennen an den Schornsteinen, aus den grauer Qualm aufstieg, der sich auf den Fassaden und Dächern der ganzen Stadt absetzte und Kira schon am ersten Tag das Gefühl gegeben hatte, die ganze Stadt sei dreckig. Tatsächlich, stellte sie verblüfft fest, fand sie es jetzt gar nicht mehr so schlimm. Sie hatte sich vermutlich an den ständig rauchigen Geruch der Luft gewöhnt. Tobey erzählte, dass die wirklich reichen Manufakturbesitzer längst auf der anderen Seite der großen Straße, die einfach nur „die Chaussee“ genannt wurde, im Händlerviertel wohnten. „Dort ist die Luft besser.“ Vom Kutschbock ergänzte Julius mit einem zahnlosen Grinsen: „Und, nech, die Konkurrenz sieht man auch nich mehr immer, da muss man sich nich so ansehn, wie die zugrunde geht.“ „Schaden die Manufakturen den anderen Handwerkern?“, fragte Kira. Tobey nickte nachdenklich. „Einige machen ihr Glück damit, und insgesamt ist es natürlich gut, alle können sich die Stoffe leisten. Und die Minen im Osten arbeiten auch viel damit, es gibt viel mehr Sicherheit und eine bessere Produktion. Aber die, die Stoffe handweben, naja, die kommen jetzt halt nicht mehr so recht an Geld, und die Minenarbeiter… du wirst es sehen, wenn wir im Hafenviertel sind.“ Kira nickte. Es gab in den Nordprovinzen kaum solche Manufakturen, in Lührenburg gab es eine Mühle, die mit Dampf betrieben wurde, und die wurde stets als große Errungenschaft gefeiert, da nun viel mehr und viel zuverlässiger gemahlen werden konnte, niemand musste mehr warten, es half bei der Versorgung der ganzen Gegend sehr. Aber das, was Tobey sagte, machte schon Sinn. Sie dachte an die Kinder, die sie beim ersten Ausflug gesehen hatte. Uldum war reich, viel reicher als Flate, Lührenburg oder gar Bispar, und dennoch gab es hungernde Kinder hier – vermutlich, weil ihre Eltern nicht mehr genug verdienten. Sie überquerten wieder die Brücke, die Kira schon kannte, und Abby zeigte ihr noch einmal kurz den alten Palast, dessen sternförmige, klobige Mauern den Kutschenparkplatz vor der Altstadt begrenzten. „Die Altstadt kennst du ja schon.“ Kira nickte. Also fuhren sie über den Platz und auf der gegenüberliegenden Seite wieder aus der Altstadt heraus über den Corvio, dessen Wasser blau glitzernd unter ihnen längs floß, anders als das braune Wasser des Avens, den sie zuerst überquert hatten. Hier war das Ufer etwas flacher, und, wie Abigail erklärte, ehemals auch sumpfig gewesen. Man hatte es trocken gelegt, um hinter dem Hafen Lagerhallen, Kontore und Mietskasernen für die Hafenarbeiter zu bauen. Jetzt war der Sumpf einige Kilometer weiter vom Fluß weggedrängt worden. Julius lenkte die Kutsche zu einem kleinen Anleger. Dank seiner Vermittlung konnten die drei rasch einen Fährschiffer finden, der sie durch den Hafen rudern würde. Kira betrachtete sein kleines Boot mit mulmigem Gefühl, doch Tobey beruhigte sie. „Keine Sorge. Der Corvio ist ein lebhafter Fluss, aber der Avens ist ruhig und träge. Und hier, wo sie zusammentreffen, färbt eindeutig das ruhige Wesen auf den kleinen Jungspund hier ab.“ Kira nickte. Sie konnte schwimmen, sogar ziemlich gut. Etwas anderes blieb einem auch nicht übrig, wenn man in einer Gegend voller Moorseen aufwuchs. Dennoch fand sie seit ihrer Erlebnisse in Flate Bootsfahren nicht unbedingt erstrebenswert. Die Aussicht, den Hafen Uldums von der Wasserseite aus zu sehen, machte dieses Unbehagen allerdings auch wieder wett. Der Schiffer, ein aufgeweckter junger Mann, erzählte ihnen einiges, während er sie umherruderte. Erst gab es einige kleinere Anleger für die Schiffe, die den Corvio herunter kamen, um kleinere Waren zu bringen, und für private Schiffe. Kira staunte über einige kleine Jollen, die dort vor Anker lagen. Eine hatte den Schiffsnamen „Morgentau“ sogar in Goldbuchstaben am Bug stehen. Kurz vor Zusammenfluss der beiden Flüsse gab es dann einige große Piere, an denen die Schiffe anlegten, die das Eisen und andere Materialien aus den Minen bei Ferrum nach Uldum brachten. Kira dachte an Sebastian. Sebastian di Ferrus – ob seiner Familie die Gegend um Ferrum gehörte? Oder war das nur Zufall? Falls ja, mussten sie irre reich sein – Eisen war ja für die ganzen neuen Maschinen in großen Mengen nötig. 

Dort, wo die Flüsse zusammenflossen, waren beide Ufer gut befestigt. Der Schiffer erklärte, dass sich im Kreuzgebiet manchmal Wassergeister zeigten, wohl angeregt durch den Zusammenfluss der vom Wesen so unterschiedlichen Flüsse. Deswegen baute dort niemand nah am Wasser. Nix mit „ruhigem Wesen“, dachte Kira, doch sie war Tobey nicht böse. Ein Stück weiter flussabwärts lag der richtige Hafen, ein Gewirr aus Pieren und Schiffen, größer als das, was Kira in Flate erlebt hatte. Sie manövierten vorsichtig hindurch und der Schiffer ließ sie wie vorher verabredet an einem kleinen Seitensteg aussteigen. Tobey bezahlte ihn, und an der Anzahl seiner Verbeugungen trotz des wackeligen Bootes vermutete Kira, dass es großzügig gewesen war. Sie schlenderten die Kaimauer entlang und beobachteten, wie ein großes Handelsschiff mit einer Rigaer Flagge entladen wurde. Es war kleiner, als die, die Kira kannte, doch Tobey erklärte ihr, dass die Schiffe, die auf Flüssen fuhren, immer kleiner sein mussten als die, die das Meer unter sich hatten. „Man hat halt viel schneller mal ne flache Stelle, verstehst du?“ Kira nickte. Bei allem, was Technik betraf, schien Tobey richtig aufzublühen, und er erklärte ihr ausführlich alles über die Binnenschifffahrt, das er wusste. Und das war tatsächlich gar nicht so wenig. Kira bemühte sich, sich alles zu merken, aber sie erkannte schnell, dass sie wohl doch besser einen Block und einen Bleistift hätte mitbringen sollen. Nach einer Weile erlöste Abby sie, indem sie ihren Mann sanft ermahnte, Kira nicht zu sehr in Beschlag zu nehmen, sie solle ja auch noch etwas sehen können von der Stadt. Kira sah sich um. Hier im Hafen war Uldum eindeutig dreckiger als am Westufer. Unrat lag in den Ecken, und an einigen Stellen sah sie trotz des helllichten Tages Ratten in den Ecken huschen. Es stank auch, nach einer Mischung aus Öl, Maschinen, Menschen, Müll und Kohle. Sie liefen durch ein paar enge Gassen zwischen den Kontoren hindurch und gelangten auf einen Platz, an dem Julius samt Droschke auf sie wartete. Abby wies ihn an, sie zum Stadtpark zu bringen.

Sie fuhren noch durch einige Gassen, dann öffnete sich der Blick nach Südosten und Kira blickte auf eine etwas abfallende Ebene voller kleiner, zusammengeflickter Häuser. Wobei, Häuser konnte man das eigentlich nicht nennen, eher Behausungen. Tobey nickte herüber. „Das ist die unschöne Ecke von Uldum. Geh nie alleine dort hinein.“ „Warum baut man keine richtigen Häuser?“, fragte Kira. Abigail schnaubte. „Dazu müsste das Könighaus erstmal alle verteiben, Und dann das Land darunter trocken legen. Und dann befestigen. Nein, dass ist den hohen Herren eindeutig zu aufwendig. Und wenn sie es tun würden, dann müssten die Bewohner ja auch hinterher Miete zahlen. Aber die, die da wohnen, die können keine Miete zahlen.“ „Die Minenarbeiter, weißt du?“, ergänzte Tobey. „Sie haben dank der Maschinen in den Minen oft keine Arbeit mehr. Die di Ferrus bemühen sich, aber andere Baronien weiter im Süden, die ebenfalls Erze fördern, haben weniger soziale Programme aufgesetzt, und so strömen jeden Tag mehr Arbeiter hier her, um sich in den Manufakturen zu verdingen. Dazu kommen noch die ehemaligen Weber, Schmiede und noch alle anderen, die nun eben nicht mehr so gebraucht werden. Es gibt auch genug Arbeit, aber weil es seit einigen Jahren auch wirklich genug Arbeiter sind, fallen die Löhne. Irgendjemand macht es doch immer für einen Schilling weniger.“ Kira blickte traurig auf die Hütten, die nun hinter einem kleinen Hügel verschwanden. Sie fuhren durch eine Ansammlung von Mietshäusern, die teilweise bis zu sechs Stockwerke hoch waren. Einge sahen gut gepflegt aus, bei anderen hatte man das Gefühl, sie würden nur dadurch zusammengehalten, dass sie sich an den Nachbarshäusern festhielten. Dann realisierte sie, dass sie mit ihrer Vermutung über Sebastian Recht gehabt hatte. Di Ferrus. Wieso arbeitet der Sohn eines Barons, der zudem vermutlich auch noch deutlich reicher als Mitras war, in der Bibliothek? Sie würde ihn fragen müssen.

Über eine weitere Brücke gelangten sie zurück in die Altstadt, nun allerdings an der nördlichen Grenze. Hier lagen die ehemaligen Befestigungsanlagen, eine Mauer mit sternförmigen Zacken, die die Altstadt gegen Angriffe aus dem Norden geschützt hatte. Nun waren die Wälle zu einem länglichen Park ausgebaut worden, und Abby besorgte von einigen Händlern Brote, Kuchen, Käse und Wurst, während Tobey in ein nahe gelegendes Teehaus ging und mit einer Kanne voll dampfenden Tee zurück kam. Sie wischten eine Bank trocken und setzten sich trotz des kalten Wetters in den Park und aßen gemeinsam. Abby bestand sogar darauf, dass der Kutscher Julius etwas vom Essen abbekam, aber sie konnte ihn nicht dazu bringen, sich zu ihnen zu setzen. Der Ständeunterschied ist zu groß, realisierte Kira, und dass, obwohl Abigail und Tobey ja eigentlich auch nur Bedienstete waren. Sie genoß es, draußen bleiben zu können, statt in ein Restaurant zu gehen. Sie hatte oft so gegessen – nun ja, ohne warmen Tee und mit weniger warmen Decken – aber es erinnerte sie an lange Streifzüge durch die Moore, von denen sie Abby und Tobey nun erzählte. „Kann ich noch in die Bibliothek gehen?“, fragte sie, als Abby die Essensreste zusammenpackte. Diese nickte. „Es ist dein freier Tag, hat Mitras gesagt. Aber pass auf und komm nicht so spät nach Hause.“ Kira nickte und versprach, Julius Droschke zu nehmen, sofern sie ihn später am Platz vor dem alten Palast sehen würde. Dann verabschiedete sie sich vom Ehepaar und ging zu Fuß durch die Stadtmauer zur Bibliothek.

Lichtblitze – 11.+12. Lunet 242 (Mirastag/Mafuristag)

 Kira wachte am nächsten Tag wieder gegen sieben Uhr dreißig auf. Offenbar hatte sich ihr Körper an diese etwas spätere Uhrzeit nun gewöhnt. Sie zog ihr Hauskleid aus Bispar an, kuschelte sich in den Sessel und las das Kapitel zu Familienbeziehungen zu Ende, dass sie gestern nicht ganz geschafft hatte. Demnach war die Familie Venaris aber auf jeden Fall sehr ungezwungen. Niggel führte zwar aus, dass Liebe und Wärme die Familie prägen sollten, aber er legte auch dar, dass Respekt und die nötige Distanz wichtige Tugenden seien, da man sein Vertrauen nur wenigen Personen schenken solle, und diese selten in der Familie zu finden seien. Schließlich gäbe es zahlreiche Beispiele, wo selbst die Kinder die Eltern betrogen haben oder umgekehrt. Kira stimmte ihm zu, in ihrer Familie galt das auf jeden Fall, aber die Venaris schienen all diese Regeln auf erfrischende und angenehme Art und Weise ausgesetzt zu haben. Wenn ich mal heirate, möchte ich auch so eine Familie, dachte Kira. Dann allerdings scholt sie sich selber für den Gedanken. Warum sollte sie heiraten wollen? Sie war ja jetzt frei. Und wenn sie doch jemals jemanden würde heiraten müssen, dann müsste es jetzt schon jemand sein wie Magister Mitras – gutaussehend und erfolgreich und fürsorglich und mächtig. Sie grinste. Luftschlösser bauen konnte sie immer schon gut. Vermutlich würde niemand vom Kaliber eines Magisters wie Mitras sie auch nur zur Kenntnis nehmen. Und sie wollte ja auch gar nicht, dass Männer sie besonders zur Kenntnis nahmen. Da kam nur Mist bei raus, sagte ihr die bisherigen Erfahrungen. Beleidigungen, Angriffe und, naja, die Sache mit Johann. Sie schaute auf die Uhr. Bald viertel vor neun. Zeit, zum Frühstück zu gehen.

Mitras saß bereits am Tisch. Er sah wieder müde und abgeschlagen aus. Kira verspürte einen Hauch von Mitleid. Dieser Generator, den er da betrieb, was ziemlich aufwendig, dass er jede zweite Nacht dafür arbeiten musste. Warum machte er es überhaupt nachts? Sie grüßte ihn freundlich und holte sich ihr Essen. „Magister?“ Mitras schaute sie an. „Abby hat mir gesagt, dass Sie sich um den Generator kümmern. Was ist das für ein Generator und warum müssen Sie die Nacht durch an ihm arbeiten?“ „So, hat sie das? Na ja, früher oder später hätte ich Sie sowieso mit meiner Forschung vertraut gemacht. Aber jetzt gibt es nur die Kurzfassung, da ich unbedingt etwas Schlaf nachholen muss. Mein Reichtum basiert auf einem Element, genauer einer Legierung, die ich auf magischen Wege mithilfe einer verloren geglaubten alchemistischen Formel erschaffen konnte. Diese verbindet magische und ferromagnetische Eigenschaften miteinander und bietet so viele neue Möglichkeiten. Eine davon ist es einen Stromgenerator mit Magie zu betreiben. Meine Forschungen drehen sich nun darum, wie ich diesen Prozess vereinfachen kann und vor allem wie ich das ewige Laden optimieren kann. Ich zeige es Ihnen heute Abend etwas ausführlicher, wenn sie möchten.“ Kira nickte. „Ja, sehr gerne!“ „Gut, damit wir alles schaffen sollten Sie dann schon um 17:30 Uhr kommen. Es macht nichts, wenn Sie sich dafür im Politikteil etwas kürzer fassen. Sie haben ja schon in Geschichte bewiesen, dass Sie eine schnelle Auffassungsgabe für sozialwissenschaftliche Themen haben.“ Kira freute sich, allerdings fand sie seine Aussage zum „kürzer fassen“ auch reichlich unnötig. Es war 9 Uhr, bis 17 Uhr blieb ihr genug Zeit, das erste Kapitel des heutigen Buches, „Von Krieg und Staaten“ zu lesen und mit Abby Mathematik zu üben. Sie nickte und begann zu essen. Mitras beendete sein Frühstück, verabschiedete sich und ging nach oben. Kira folgte ihm, nachdem sie das Geschirr weggeräumt hatte, und stand dann einen Moment unschlüssig im Flur herum. So, ihr Magister schlief jetzt? Das heißt, er würde sicher nicht mitbekommen, was sie jetzt tat. Das mit dem Geschirr hatte er auch schon nicht bemerkt, obwohl sie damit angefangen hatte, als er noch in der Tür war. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Aber erst Mathematik. Nicht, dass sie  sich davon wieder ablenken ließ!

Sie setzte sich also an den Schreibtisch und rechnete motiviert die restlichen Aufgaben des Kapitels zum Dreisatz zuende. Nachdem sie nun verstanden hatte, worauf sie achten musste, waren zwar einige Aufgaben immer noch schwer zu verstehen und bei zweien hatte sie wohl auch einen Fehler gemacht – die Ergebnisse machten einfach logisch keinen Sinn – aber sie kam doch deutlich besser voran als zuvor. Nach etwa zwei Stunden waren alle Aufgaben erledigt. Sie packte die Sachen zusammen und sammelte dann ihre Unterwäsche der letzten Tage und das Kleid, dass sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, zusammen in einen Korb, den Abby ihr dafür bereit gestellt hatte. Vorsichtig lugte sie aus der Tür, doch im Flur war alles ruhig. Sie schlich zu Mitras Tür und lauschte. Ja, er schlief auf jeden Fall, wie das leise Schnarchen anzeigte. Sie grinste. Es war natürlich völlig albern, aber sie fand, dass ein paar Geheimnisse zu haben und sich nicht an alles zu halten, was ihr vorgepredigt wurde, ihr bisher im Leben weitaus mehr geholfen hatte als alle anderen Angewohnheiten. Also hatte sie nicht vor, sich das hier nehmen zu lassen, und wenn es nur um etwas kleines wie Wäsche waschen als adelige Dame ging. Sie holte den Wäschekorb und ihre Mathesachen und suchte Abby. Diese war unten im Salon dabei, wieder alles herzurichten und zu putzen, was gestern beim Essen verdreckt worden war. „Abby, kannst du mir zeigen, wie das mit dem Wäschewaschen hier geht?“ Abby schaute sie einen Moment verwundert an. „Aber…“ Dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ach, du wolltest mir ja helfen. Hast du auch Mathe gemacht?“ Kira nickte. „Du musst mir nicht helfen, Kindchen. Mitras hat schon zusätzlich bezahlt heute morgen, er sagte, er wollte dir eh einen Mathelehrer suchen und erstmal sei es gut, wenn ich das mache.“ Kira zog eine Schmolllippe. Dieser dämliche Magister schaffte es echt, ihr selbst ein kleines bisschen Freiheit und Spaß zu verderben! „Aber wenn ich es will? Wir erzählen einfach niemandem davon! Ich hab zuhause immer die Wäsche gemacht.“ Abby blickte sie einen Moment nachdenklich an, dann schmunzelte sie und zuckte mit den Schultern. „Ok, ich schau mit die Aufgaben an und dann zeig dir die Waschküche.“ Rasch breitete Kira ihre Rechnungen aus, und Abby prüfte sie. Mit ihrer Hilfe gelang es Kira, auch die letzten beiden Aufgaben zu verstehen, und sie freute sich, als Abby sie für ihre gute Arbeit lobte. Gemeinsam gingen sie anschließend in den Keller. Kira schaute auf die Wand links von der Treppe, doch selbst im Schein der elektrischen Lampe konnte sie nichts erkennen, was darauf hindeutete, dass diese Wand eine Tür war. Sie folgte Abby nach rechts in den Gang, von dem zwei Türen abgingen. Der hintere der beiden Räume entpuppte sich als Heizungsraum, indem auch ein kleiner Herd zum Erhitzen des Wassers und etliche Bottiche standen, in denen man Wäsche waschen konnte. Unter der Decke waren Schnüre angebracht, an denen bereits einige Wäschestücke hingen, die Abby nun prüfend befühlte. „Du kannst die hier abnehmen und in den Korb da legen, ich hole sie mir später.“ Kira nickte. Abby ging wieder nach oben, und die nächsten beiden Stunden war Kira damit beschäftigt, ihre Wäsche zu waschen, auszuwringen und zum Trocken aufzuhängen. Sie lauschte dabei immer wieder, ob ja niemand die Kellertreppe herunter kam, aber es blieb alles still. Schließlich hing alles gut auf der Leine, und sie ging die Treppe wieder nach oben, lugte vorsichtig durch die Tür und schlüpfte dann thriumphierend in den Flur. Nicht erwischt worden zu sein bei etwas, was man nicht tun durfte, aber niemand schadete, war einfach wundervoll. Das war definitiv das beste Wäschewaschen meines Lebens, grinste in sich hinein. Fröhlich öffnete sie die Küchentür, aus der bereits ein leckerer Duft drang. William war dabei, die Bratenreste des Vortages aufzuwärmen. „Hallo, William!“, strahlte sie ihn an. „Oh, unsere junge Schülerin! Wo kommst du denn her?“ „Ich, hmm… von der Arbeit?“, gab Kira zurück. „Arbeit? Und die macht dir so viel Spaß, dass du mich mit einem so umwerfenden Lächeln beglücken kannst?“ „Äh…“ Kira dachte kurz nach. Auch wenn sie durchaus gerne Streiche spielte und sich nicht immer an Anweisungen und Regeln hielt, log sie doch recht ungern. William schaute sie grinsend an. Er deutete auf ihre Hände. „Hast du dich unserem werten Magister etwa widersetzt und doch deine Wäsche gewaschen?“ Kira spürte, wie sie feuerrot anlief und versteckte rasch ihre Hände, die tatsächlich vom Wasser aufgequollen waren, hinter dem Rücken. „Darf man hier nicht mal einfach so lächeln?“, versuchte sie abzulenken. William lachte schallend. „Kira! Ernsthaft? Hättest du nicht wenigstens einen anständigen Streich spielen können, wenn du dich schon an ihm austoben willst? Warum überhaupt?“ Kira ließ sich von dem Lachen anstecken und gab sich geschlagen. „Ich hab mich geärgert, weil er mich so wegen Mathematik angepflaumt hat. Ist halt n schwieriges Thema in meiner Familie… naja, auf jeden Fall hat Abby vorgeschlagen, ich könne ihr bei der Wäsche helfen, wenn sie mir bei Mathe hilft, und ich fand, das sei ein guter Weg. Bitte sag Mitras nichts, ja?“ Sie blickte ihn mit ihrem Bettelblick an, der bei Adrian stets half. „Ha, meine Güte, schau mich nicht so an. Für wen hälst du mich? Ich habe viel schlimmere Streiche von Mitras gedeckt, ich werde dich bestimmt nicht fürs Wäschewaschen verpetzen!“ Kira setzte sich auf einen Stuhl, der zuvor in der Ecke gestanden hatte, und angelte sich etwas kalten Braten. „Was für Streiche denn?“ William grinste. „Das solltest du mal seine Schwester fragen. Sobald er wusste, wie man gezielt Magie so einsetzt, dass man einen Stoff festkleben lassen kann, hat er es ein paar mal eingesetzt, um sie auf irgendwelchen Stühlen kleben zu lassen. Einmal sogar in der Oper, wo sie ja noch nicht mal schimpfen konnte! Und da war er ja schon älter und reifer und Thadeus hatte ihm schon ganz schön zugesetzt. Rate mal, zu was er die Erde in Christobals Garten verformt hatte!“ Kira zuckte mit den Schultern. „Einer Frau?“ William schüttelte sich vor Lachen. „Einem Penis! Wir haben einen richtig schönen, hüfthohen Penis vor seiner Terrasse geformt, und Mitras hat ihn ungeplanter Weise magisch fest werden lassen.“ Kira lachte, bis ihr die Tränen kamen. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass der ernste, würdevolle Mitras mit William heimlich an einer Penisskulptur aus Erde herumklopfte, und das auch noch im Garten eines Adeligen!

Der Rest des Tages verging wie im Fluge. Sie aß mit William zu Mittag, der sie dabei mit einigen weiteren Geschichten aus Mitras Jugend erheiterte, etwa, wie sie Obst aus Christobals Garten geklaut hatten und letztendlich darin endeten, sich um den Garten zu kümmern, der ohne Gärtner eher vor sich hin verwilderte. Die Sache mit dem Penis war aber auf jeden Fall unangefochtene Spitze, fand Kira, und sie spürte, wie ein großer Teil ihrer Scheu, die sie in Mitras Gegenwart trotz allen Nettigkeiten und trotz aller Wärme verspürt hatte, dahin schmolz. Sie waren sich gar nicht so unähnlich, Mitras und sie, auch wenn Mitras offenbar aus einer viel netteren und viel reicheren Familie stammte. Aber zumindest der jüngere Mitras, den William da beschrieb, hatte eine ähnliche Vorliebe für kleine Streiche gehabt, hatte auch den Ruf gehabt, zu wild zu sein, hatte Grenzen überschritten, ohne dabei böse zu sein. Obwohl Thadeus von William nicht positiv beschrieben worden war, erschien es ihr, als sei der Schulleiter ein sehr weiser Mann, dass er sie genau diesem Hause zugewiesen hatte. Ein Magister, der in den Adel hingeboren worden war, hätte sich vermutlich weniger in Kiras Lage hineinversetzen können, wäre weniger nachsichtig gewesen, und auch, wenn sie sich in einem anderen Haushalt genauso angestrengt hätte – genauso glücklich wie hier wäre sie vermutlich nirgendwo geworden.

Sie stellte den Nachmittag über eine Übersicht über das Königshaus Leonidas zusammen, dass seit 142 die Könige von Albion stellte und etliche Reformen umgesetzt, sowie die Gebiete im Norden und Osten erorbert hatten. Insbesondere hatten sie dem Parlament direkte Verfügungsgewalten entzogen. Nun konnte der König Albion quasi alleine regieren – der Staat gehörte dem Königshaus, und was der König sagte, galt als Gesetz. Nur die Tatsache, dass einige der Distrikte, insbesondere Lingusia und Sybergia, unter der Verwaltung des Parlamentes standen, sicherte diesem ein wenig Macht über die Lehen und die dortige Politik zu. Jeder Distrikt entstandte je nach Größe eine feste Anzahl Personen, die den Distrikt im Parlament vertraten. Das Parlament verwaltete dann den Haushalt des Reiches und die ihm zugewiesenden Lehen. Es setzte sich aus je 10 Vertretern der 4 Gilden, 20 Vertretern der „großen Familien“ und den 100 Vertretern der Distrikte zusammen. Parlamentarier zu werden, war ein hoher Rang und sicherte ein fürstliches Gehalt, aber eigentlich, dachte Kira bei sich, ist das auch nur eine Methode, den Adel beschäftigt zu halten und sich die Geldverwaltung vom Hals zu halten, wenn letztendlich eh der König die Gesetze beschließt, die Richter ernennt und das Militär befehligt. Die Methode war aber recht erfolgreich. Immerhin hatte es seit der Regenschaft der Leonidas kein weiterer Adeliger mehr geschafft, durch spontane Alleingänge einen Krieg zu starten, wie es im Jahr 99 geschehen war, als eine Gruppe Adeligen die Nordkriege auslösten, indem sie begannen, nördlich des Olfiat Siedlungen anzugreifen. Die Ostkriege waren, soweit sie es aus landläufigen Erzählungen wusste, von den Angshire selbst ausgelöst worden. Das Buch wies allerdings darauf hin, dass Timothy di Leonidas, der zur Zeit der Ostkriege regierte, diese „freudig annahm“. Dazu gab es später noch ein Kapitel. Sie war gespannt und markierte sich das Kapitel mit einem Lesezeichen. Dann schaute sie auf die Uhr. Es war 17:20. Gerade noch Zeit, sich etwas frisch zu machen. Pünktlich um 17:30 klopfte sie, gut vorbereitet und noch besser gelaunt, an die Labortür. Mitras öffnete ihr und bat sie herein. Sie schaute ihn an. Er trug wieder die schwarze Hose, das weiße Hemd und die schwarze Weste, wie fast immer, und wirkte deutlich erholter als am Morgen. Sie stellte sich vor, dass dieser elegante, gutaussehende Mann als junger Magier eine Penisskulptur geformt hatte und musste dann sehr darum kämpfen, nicht laut zu lachen. Mühsam unterdrückte sie ihr Grinsen und setzte sich auf den Stuhl vor ihm, bereit für die Erklärungen und Prüfungen des Tages.

Mitras ging, nachdem er ein paar Stunden Schlaf nachgeholt hatte, in sein Labor, um die Geräte, die den Wärmezauber überwacht hatten, zu untersuchen. Mit einigen einfachen Zaubern konnte er die Bewegung des Zaubers auf ein Blatt Papier übertragen und stellte dabei fest, dass der Zauber deutlich schneller erloschen war, als erwartet. Es war schon relativ spät, so dass er keine Zeit hatte, sich das alles genau anzusehen, also begnügte er sich damit, alles zu dokumentieren und die einzelnen Drucke in zeitlicher Abfolge zu ordnen. So konnte er noch kein Muster erkennen, aber das ergab sich ja vielleicht Morgen bei genauerer Analyse.

Gegen viertel nach fünf hatte er soweit alles fertig und verstaute die Mappe mit den Aufzeichnungen erst einmal in seinem Schreibtisch und bereitete sich auf Kira vor. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sie wieder auf die Minute pünktlich war. Er stand kurz auf und bat sie herein. Sie trat ein, begrüßte ihn und blickte ihn kurz, irgendwie vergnügt an, bevor sie wieder etwas ernster wurde, sich setzte und ihre Unterlagen ordnete. Mitras wunderte sich über diesen Anflug von Heiterkeit, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Sie saß vor ihm und unterdrückte offenbar ein Grinsen, was in ihrem Gesicht kleine Grübchen in den Wangen zur Folge hatte. Warum auch immer sie so gut gelaunt war, es sah auf jeden Fall sehr niedlich aus. Mitras räusperte sich, um sich konzentrieren zu können, und fragte: „Heute reden wir also über Politik?“ Kira nickte. „Gut, dann fassen Sie einmal zusammen, was Sie an dem Lehrbuch besonders interessiert hat.“ Sie schilderte ihm, was sie über die Organisation der Distrikte, den Aufstieg des Hauses Leonidas erarbeitet hatte und wie es die Könige der Linie schafften, ihre Macht immer mehr zu festigen. Wie immer war ihr Vortrag sowohl detailreich als auch unterhaltsam, ohne dabei vom Wesentlichen zu sehr abzuschweifen. Er korrigierte ein wenig ihre Vorstellung von den Lehnspflichten eines Adeligen – zwar waren Magier immer zum Kriegsdienst verpflichtet, aber ansonsten gehörte dieser Dienst nicht mehr standardmäßig zu den Plichten eines Lehnsherrens, man konnte sich auch mit Geld oder Waren davon befreien. Und da viele Adelige gar kein Lehen besaßen, war es noch weniger so, dass alle Adeligen im Kriegfalle zur Armee eingezogen wurden. Danach wandten sie sich der Mathematik zu. Wie von ihm vermutet hatte Abigail mit ihr das erste Kapitel durchgearbeitet und die Aufgaben bereits besprochen. Er prüfte, ob sie das Grundprinzip besser verstanden hatte, indem er ihr einige Aufgaben vorlegte, die er sich selbst ausgedacht hatte. Sie brauchte zwar merkbar Zeit zum Rechnen, doch es gelang ihr, alle richtig zu lösen. Er war positiv überrascht. Sie hatte sich binnen zwei Tagen signifikant verbessert. Anscheinend hatte Abigail es geschafft ihren Widerwillen der Mathematik gegenüber zu überwinden. Sie musste wahrscheinlich immer noch einiges aufholen, aber ihre Lösungen und ihre Überlegungen, die sie beim Rechnen verbalisierte, entsprachen nun schon eher dem Niveau, mit dem er gerechnet hatte. „Gut. Sie haben es anscheinend geschafft, ihr Verständnis deutlich zu verbessern. Lernen sie weiter mit Abigail und versuchen Sie sich auch ruhig an den folgenden Kapiteln. Konzentrieren Sie sich aber zunächst auf die anderen Lehrbücher, so wie wir es besprochen haben, und lernen sie Mathematik in kleinen Häppchen.“, lobte er sie sichtlich zufrieden. Sie strahlte ihn an, zunächst offenbar erfreut über sein Lob, dann stahl sich etwas anderes, schalkhaftes in ihre Augen, während sie ihn ansah, und sich biss sich ein wenig auf die Lippen, um ihre Erheiterung zu unterdrücken. Mitras fand es schade, dass sie sich anscheinend der Freude nicht ganz hingeben konnte, aber es erinnerte ihn auch an sich selber. Auch er neigte ja dazu, seine Gefühle nur selten offen zu zeigen und er hatte sich schon des Öfteren selbst dabei erwischt, wie er ein Lächeln aus Freude über ein Lob unterdrückt hatte, um dem Gegenüber nicht zu zeigen, dass es ihm etwas bedeutete. Hoffentlich wird sie mir irgendwann mehr vertrauen als ich meinen Mentoren je vertraut habe, dachte er. Das war defintiv etwas, was er Thadeus zuschreiben konnte – vor seiner Lehre bei ihm war er nicht so misstrauisch gewesen, eher ein wilder, sorgloser Junge. Manchmal vermisste er die alten Tage, an denen er mit William durch die Viertel gezogen war. Er seufzte und lächelte sie dann freundlich an, damit sie nicht dachte, das Seufzen gelte ihr. „Nun denn, ich hatte Ihnen einen Einblick in meine Forschungen versprochen. Kommen Sie mit.“, sagte er, stand auf und ging in den hinteren Teil des Labors. Er nahm das Tuch vom Elektrumzylinder, stellte kurz einige der empfindlicheren Geräte zur Seite und blickte sich zu ihr um. „Sehen Sie sich diesen Zylinder an. Können Sie mir sagen aus welchem Material er besteht?“ Sie kam näher und betrachtete die Probe ausführlich. „Nur zu fassen Sie ihn ruhig an. Es ist nichts gefährliches daran.“ ermutigte er sie. Sie streckte die Hand aus und strich über den unterarmlangen, handtellerbreiten Zylinder. „Ein Metall? Es ist glatt und kühl und die Farbe ist silbrig, also kann es kein Gold sein, aber für Silber ist es auch zu bläulich… und andere Metalle außer Silber, die silbrig sind, kenne ich nicht.“ Er lächelte ein wenig schelmisch und mit Stolz in der Stimme antwortete er ihr: „Nun, es hätte mich auch schwer schockiert, wenn Sie das Metall identifiziert hätten. Was Sie da vor sich haben ist eine recht komplexe Legierung, die ich Elektrum getauft habe. Es besteht zu einem Teil aus Silber, zu einem Teil aus Cadmium und aus einem neuen Stoff, den ich Venarium genannt habe. Ergänzt wird das Ganze dann noch durch einen Teil Titan. Diesen neuen Stoff und die Legierung habe ich vor einigen Jahren bei der Erforschung alter alchemistischer Werke entdeckt. Eigentlich sollte dabei unter Zuhilfenahme von Magie ein Material entstehen, das der Stein der Weisen genannt wird und als Schlüssel die Transmutation unedler Metalle hin zu Gold ermöglichen sollte. Tja, den Stein der Weisen habe ich nicht entdeckt, dafür aber ein Material, dass selbst Stahl in allen Punkten überlegen ist und das anders als Stahl oder einfaches Eisen einen Vorteil bietet. Es reagiert auf Magie.“ Er wandte sich kurz um und ging zu einem der Schränke hinter dem Versuchsaufbau. Er kramte kurz darin herum und zog zwei Schwerter heraus, die er dann Kira zeigte. Das Schwert, dass er in der rechten trug war, ein normales Infanterieschwert aus Stahl, nur, dass es nicht geschliffen war und zahlreiche Scharten aufwies. Das Rechte war ein Rapier. Die Klinge und der Griff wirkten wie aus einem einzigen Stück geformt und es sah sehr scharf aus. Es gab keinerlei Nähte oder sonstige Bearbeitungsspuren. „Was Sie hier sehen, ist ein normales Langschwert aus Stahl und mein erstes Erzeugnis aus dem Elektrum. Ich brauchte damals Geld, um meine Forschungen weiter zu treiben. Also bin ich bei der Generalität vorstellig geworden, nachdem ich ein Patent beantragt hatte. Ich demonstrierte den Nutzen meines neuen Materials, indem ich mit diesem Rapier hier das Langschwert so zugerichtet habe. Die Klinge des Schwertes ist aus bestem mehrfach gefalteten Waffenstahl und ich habe sie mit einem Duzend Schlägen einer deutlich dünneren Klinge fast schon unbrauchbar gemacht. Einer Klinge, die ich mithilfe von Magie binnen eines halben Tages geformt hatte. Ich hatte gehofft, dass mir die Generalität größere Mengen abkauft und ich so meine Forschungen weiter treiben konnte. Waffen waren jedenfalls nie meine direkte Intention. Dummerweise sah man in der Generalität noch viel mehr Potential zum Kriegseinsatz eines solchen Materials, als nur harte Rapiere damit zu erzeugen. Wissen Sie, ich habe Kontakte zum Königshaus und die musste ich damals völlig ausreizen, sonst hätte man mir meine Forschungen damals schon weg genommen. Nun habe ich ein Geheimpatent und einen Lieferauftrag. Das einzig Gute daran ist, dass die Generalität nun nochmal deutlich mehr pro Gramm zahlt als ich erwartet hatte. Und ich muss die Schwerter nicht selber formen. “ Er kicherte zynisch in sich hinein. „Es gibt im Militärhaushalt wahrscheinlich einen eigenen Buchungspunkt mit Namen Mitras di Venaris.“ Er räusperte sich und blickte wieder zu ihr. „Mein eigentliches Ziel ist es einen elektrischen Generator zu entwickeln. Alle ferromagnetischen Stoffe, die wir kennen, und auch Kupfer sind antimagisch. Warum weiß keiner, auch weil es auf dem ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen Kupfer und den Ferromagneten gibt. Das Elektrum ist aber auch ferromagnetisch, obwohl es magisch ist. Nicht nur das, es ist ein äußerst potentes Material, dessen magische Eigenschaften enorm sind. Sie gehen über alles Bekannte hinaus. Wie ich kürzlich feststellen musste sogar noch mehr, als ich mir vorstellen konnte – die Zauber scheinen durch das Material wandern zu können. Ist Ihnen das Prinzip eines elektrischen Generators überhaupt geläufig?“ Kira schüttelte den Kopf. „Es ist eigentlich recht einfach. Wird ein Eisenmagnet durch eine Kupferschlaufe geführt, dann erzeugt das in ihr einen Strom. Viele Windungen sorgen dabei für mehr Strom. Der fließt aber nur, wenn sich der Magnet bewegt. Bisher arbeiten Generatoren entweder mit Verbrennungsöfen durch Dampfantrieb oder durch Wasser- oder Windkraft. Mein Ziel ist es einen Generator zu entwickeln, der einen Elektrummagneten nutzt, der durch Magie bewegt wird. Der Zylinder hier ist so ein Elektrumkern. Er kann leicht magnetisiert werden. Das Problem ist nur, dass er, soweit ich es bisher erforscht habe, diese Größe haben muss, um einigermaßen produktiv Strom zu erzeugen. Der Zauber, den ich derzeit für die Bewegung nutze, erfordert große Mengen an Magie und wirkt dann nur zwei Tage. Ich bin also noch weit von einem praktischen Nutzen entfernt. Und frustrierender Weise sind meine jüngsten Ansätze, die Dauer zu verlängern oder einen alternativen Zauber zu finden, gescheitert.“ Kira schaute ihn nachdenklich an. „Gibt es in der Magie auch eine Art „Energieerhaltungssatz“ wie in der Physik?“ „Ja, zumindest wird das vermutet. Allerdings wissen wir nicht genau, wie magische Energie und physikalische Energie zusammenhängen. Manchmal meditiert man eine ganze Nacht, um einen Block zwei Tage in Bewegung zu halten, und dann kommt ein Telekinetiker und schleudert mal eben einen zwei Tonnen Block nach kurzem Kanalisieren über eine Stadtmauer.“ Kira wirkte nachdenklich. Ihre Miene war völlig ernst geworden. „Man verbindet sich mit der Magie wie mit den Geistern, oder? Vielleicht ist es eine Frage der Tiefe dieser Verbindung…“  Mitras zog kurz eine Augenbraue hoch. Der Gedanke war nicht abwegig, aber es überraschte ihn, dass eine völlig ungelernte und unerfahrene Schülerin ihn äußerte.“Ich habe mich nie sonderlich tief mit der Verbindung der Priester mit der Geisterwelt beschäftigt, aber die astralen Lebewesen und die Magie kommen, soweit wir das heute sagen können, aus derselben Quelle. Woher wissen Sie von den Verbindungen? Wieder ihr Priester?“ Kira nickte. „Wir haben uns manchmal darüber unterhalten. Er hat mir versucht zu erklären, wie es sich anfühlt, zu den Geistern Kontakt aufzunehmen, und wenn es mir sehr schlecht ging, habe ich auch versucht, zu ihnen zu sprechen. Keine Ahnung, ob sie mich erhört haben, aber manchmal gab es schon seltsame Dinge, die dann passiert sind… deswegen habe ich davon geträumt, Priesterin werden zu können, wenn ich die Matura geschafft hätte.“ Mitras sah sie ein bisschen mitleidig an. „Nun, aus diesem Traum wäre nichts geworden. Bei Ihrem ersten Gespräch im Priesterseminar oder wo auch immer Sie für eine Ausbildung hin gegangen wären, hätte man Ihre Begabung erkannt und Sie wären dann auch an einer Magierschule gelandet. Auch die Zeichen und Ereignisse, die Sie beobachtet haben, gehen wohl eher auf das Konto Ihrer eigenen Fähigkeiten, als auf das der Geister.“ Kira schaute zu Boden. „Kann es denn nicht auch sein, dass man magisch begabt ist und dennoch mit den Geistern sprechen kann?“ „Das ist schon möglich, ich glaube, im Bereich der Hellsicht wird es auch manchmal probiert. Aber wer magisch begabt ist, muss geschult werden, sonst können diese Kräfte dem Träger und anderen schaden – und ich vermute, dass wissen Sie sehr genau.“ Kira zuckte zusammen und nickte. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich verurteile Sie nicht für das was da vorgefallen ist. Sie hatten in dem Moment keine Kontrolle über Ihre Kräfte.“ Kira schaute ihn an. Für einen Moment sah er in ihrem unglaublich traurigen Gesicht ein Lächeln aufblitzen, das dort gar nicht hinpasste. Sie setze an, etwas zu sagen, brach dann aber ab und wurde wieder traurig. „Aber ich wollte ihm wehtun. Denken Sie nicht auch, dass mich das zu einem schlechten Menschen macht? Bruder Harras hat gesagt, der Wunsch hätte sich in dem Zauber manifestiert. Ich wollte seinen Arm verdrehen.“ Mitras dachte an Vorgestern, sowohl an die di Porrums, als auch an die Kneipe. „Dass Sie ihm weh tun wollten allein, macht Sie noch nicht zu einem bösen Menschen. Der Grund dafür entscheidet.“ Und Mitras wusste, dass er am Hafen nur knapp am falschen Grund vorbei gekommen war. „Hmhm.“ Kira schien mit den Tränen zu kämpfen. Sie wischte sich über die Augen. „Warum laden Sie den Generator eigentlich nachts?“, wechselte sie das Thema. Mitras ließ die Frage nach dem Grund auf sich beruhen und beantwortete ihre Frage: „Aus zwei Gründen, der Generator ist noch nicht kommerziell einsatzbereit und ich möchte meine Forschung solange möglichst geheim halten, bis ich das ändern kann. Der andere Grund ist wesentlich trivialer, ich muss eine große Menge Magie kanalisieren, was Stunden dauert und in dieser Zeit muss ich ungestört bleiben. Da bietet es sich nunmal an Nachts zu arbeiten, auch wenn das fürchterliche Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden hat.“ Er lächelte müde und gähnte beim letzten Satz theatralisch. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon fast Zeit für das Abendessen war. „Gut, das reicht erst einmal. Wenn Sie noch Fragen zu meiner Forschung haben, nur zu, aber jetzt geht es erstmal zum Abendessen.“ Kira nickte. „Ich bringe meine Sachen weg.“ Mitras sah ihr nach, wie sie aus der Tür verschwand. Was war der Grund gewesen? Warum weinte sie beinahe, aber traute sich nicht, ihn zu nennen? Und was hatte sie in ihren Erinnerungen trotz allem erheitert? Während Mitras noch voller Sorge über seine Schülerin und ihre Vergangenheit nachdachte, verstaute er die Schwerter und deckte den Zylinder wieder ab.

Kira lief in ihr Zimmer. Der Grund. Der Grund entscheidet. Ob Magister Mitras ihr den Grund glauben würde? Dass sie Johann nicht angegriffen hatte, um ihm zu schaden, sondern um sich zu verteidigen? Aber wer glaubte einer jungen Magierin, die eh immer nur dadurch aufgefallen war, dass sie sich nicht an Regeln hielt? Vor allem, wenn der, der die andere Geschichte erzählte, ein Adeliger war und sie nur ein Dorfmädchen? Sie verfluchte sich selbst ein wenig. Sich nicht an Regeln zu halten, hatte ihr Freiheiten ermöglicht, und kleine, glückliche Momente. Diese Selbstzweifel hatte sie schon in den drei Tagen überwunden, die ihre Eltern sie in ihrem Zimmer eingesperrt hatten. Aber wenn… wenn sie doch etwas weniger Streiche gespielt hätte. Etwas weniger oft… anders… gewesen wäre. Ein bisschen weniger. Vielleicht hätte ihre Mutter sich dann angehört, was sie zu sagen hatte? Vielleicht hätte man ihr dann geglaubt? Vielleicht glaubte Mitras ihn dann jetzt? Sie seufzte schwer. Ja, an dieser Stelle war sie schon einige Male gewesen in den drei Tagen Gefangenschaft. Aber wenn sie ehrlich war, hätte ihre Mutter ihr vermutlich nie geglaubt – dazu hatte sie auch vor dem Vorfall schon zu sehr gewollt, Kira wäre gar nicht erst geboren worden. Und wie damals sprach auch jetzt die Erinnerung an die warme Stimme von Bruder Harras zu ihr: Sie hatte stets getan, was richtig war. Warnungen ausgesprochen. Unrecht gerächt. Sie hatte Spaß daran gehabt, andere hinter das Licht zu führen, aber sie war nicht bösartig. Und deswegen hatte sie sich auch nichts vorzuwerfen. Sie war, wie sie war. Und es war nicht ihre Schuld, dass die Dorfbewohner, ja selbst ihre eigenen Eltern, sie nicht als das sehen konnten, was sie war – eine kluge Frau, die ihren eigenen Weg ging. Kira seufzte erneut. Sie vermisste den Trost und die warmen Umarmungen ihres Ersatz-Opas, wie sie ihn manchmal liebevoll genannt hatte. Vielleicht sollte ich ihm auch einen Brief schreiben und ihn fragen, ob ich Mitras sagen sollte, was vorgefallen ist? Irgendwann findet er es ja vermutlich eh heraus. Hoffentlich. Ich will nicht, dass er mich für bösartig hält. Aber ich habe ja nicht mal Harras gesag, was wirklich passiert ist. Er hat auch gar nicht gefragt, fiel ihr auf. Hatte er von sich aus angenommen, sie habe einen guten Grund gehabt? Immerhin hatte er in den drei Tagen immer wieder nach ihr geschaut, mit ihr gesprochen, sie hatte sogar das Gefühl gehabt, noch im Traum mit ihm zu sprechen, allerdings mehr über Pflanzen als über die Verletzungen, die sie Johann zugefügt hatte. Ist Verteidigung ein Grund, jemanden zu verletzen? War es überhaupt richtig gewesen, sich zu verteidigen? Hätte sie nicht einfach nachgeben sollen? Johann hatte ja gesagt, ihr Aussehen wäre schuld gewesen, weil sie sich nicht richtig bewegt und angezogen hatte… war sie selber schuld? Gedankenverloren schaute sie auf ihre Bücher und Materialien in ihrer Hand. Sie musste zum Abendessen. Sie war jetzt hier. Es machte keinen Sinn, sich über die Vergangenheit jetzt den Kopf zu zerbrechen. „Das macht nur unnötig Sorgenfalten!“, klang die Stimme von Adrian in ihrem Kopf. Sie lächelte ein wenig. Langsam legte sie die Bücher weg, lief zum Waschbecken und wusch sich die Tränen vom Gesicht, ehe sie nach unten ging.

Nach dem Abendessen blieben William und Mitras im Esszimmer sitzen und spielten eine Partie Dame. Kira sah interessiert zu, und spielte dann zunächst eine Runde gegen William und anschließend gegen Mitras, verlor aber beide Runden. Es war ihr egal. Sie wollte nicht allein oben im Zimmer sein und war dankbar, mit den beiden Männern zusammensitzen zu können. Nachdem sie drei weitere Spiele beobachtet hatte, gewann sie eines gegen Mitras, der ihr mit einem Lächeln gratulierte, das Kira das Gefühl gab, ihr Herz wüde kurz einen Schlag aussetzen. Meistens sah ihr Mentor ernst und nachdenklich aus, oder müde und abgekämpft, doch wenn er lächelte, schien sogar in seinen eisblauen Augen ein kleines bisschen Sonne zu funkeln. Kira räumte den Spielplatz und beobachtete Mitras, wie er die nächste Runde mit William spielte. Er hatte ein feines Gesicht mit kantigen, aber nicht zu rauen Konturen, fand sie. Um den Mund herum gab es kleine Stoppeln, die ihr bisher nicht aufgefallen waren, vermutlich rasierte er sich täglich. Seine Haare waren braun, teilweise schwarz, etwa einen halben Finger lang und sorgfältig geschnitten. Eine kleine, etwas längere Strähne an der rechten Schläfe schien sich nicht an die allgemeine Ordnung halten zu wollen und rutsche ihm immer wieder in die Stirn, von wo er sie ab und zu mit einer flüchtigen Bewegung wieder nach oben schob. Kira überlegte, wie alt er sein mochte. Er sah gut aus, nicht eine weiße Strähne war zu sehen, also konnte er nicht viel älter als 45 sein. Er sah aber mehr wie 35 aus. Schade, dass er so selten lächelt, dachte sie. Mit diesem Lächeln könnte er bestimmt einige Frauen erobern. Warum war er eigentlich nicht verheiratet? Sie legte den Kopf auf den Tisch und beobachtete ihn von schräg unten, wie er konzentriert das Spielfeld betrachtete. Er war schlau, und ehrgeizig. Dass er den Einsatz des Elektrums als Waffe ablehnte, sprach dafür, dass er einen guten Charakter hatte und vernünftig war. Nur Narren wünschen sich Krieg, hatte ihr Vater stets gesagt, und in diesem Punkt hatte er sicher Recht gehabt. Sie dachte über die Beziehungen zum Könighaus nach. Ob sie auch irgendwann einmal den Palast von innen würde sehen können? Das würde ihr doch nie jemand in Bispar glauben. Veträumt lächelte sie vor sich hin. Die würden sowieso allerhand nicht glauben… Penisskulpturen. Sie grinste in sich hinein. William und Mitras spielten neben ihr, der Raum war warm, ruhig und friedlich. Langsam döste sie ein.

Am nächsten Tag setzte Mitras seine Forschungen fort. Kira war gestern Abend einfach am Esstisch eingeschlafen und ließ sich auch nicht mehr wecken. Mitras konnte ihr das auch nicht verübeln. Er hatte Abigail noch einmal gerufen und sie gebeten, ihm dabei zu helfen, Kira ins Bett zu bringen. Sie hochzubringen, war kein Problem. Er hob sie einfach mit einem Zauber an und brachte sie hoch. Der delikate Teil war es, sie in ihr Nachtzeug zu stecken. Mitras wollte sie nicht einfach in ihren normalen Kleidern schlafen legen. Er hielt sie waagerecht in der Luft und drehte sich um, während Abby sie umzog, damit auf keinen Fall der falsche Eindruck entstand. Obwohl er zugeben musste, dass der Anblick ihre Rückens im Spiegel hübsch gewesen war… Doch dass er so dachte, sollte niemand wissen. Seine Feinde würden Kira sicher gern als Angriffsfläche nutzen – entweder, um seinen Ruf durch den Schmutz zu ziehen oder indem sie ihr direkt Schaden zufügen. Nein, er konnte es sich nicht leisten, eine Frau interessant zu finden. Als Abby fertig war, legte er Kira im Bett ab und seine Haushälterin deckte sie zu. 

Nun war bereits der halbe Tag vergangen. Nachdem er beim letzten Versuch mit Wärme gearbeitet hatte, war heute Veränderungsmagie dran. Telekinese hatte er durch den zerstörten Generator bereits beobachten können und er legte keinen Wert darauf, das zu wiederholen. Um keinen Schaden anzurichten, hatte er sich etwas einfaches ausgesucht. Ertastete man das Material magisch, konnte man kleine, einzelne Zellen im Material entdecken. Das war ihm beim Wandern der Wärme aufgefallen. Nun brachte er ganz bewusst einen Bereich am Mantel zum leuchten. Ein kleiner Lichtpunkt tauchte auf und strahlte weißes Licht ab.

Den restlichen Nachmittag behielt er den Zylinder im Auge, während er Notizen anfertigte und mit seinem Bericht anfing. Nach einer Weile fing das Licht an zu wandern, oder vielmehr zu springen. Innerhalb eines Lidschlages erlosch es an der einen Stelle und tauchte an einer Benachbarten auf. Nach ein paar Sprüngen wechselte es plötzlich die Farbe, statt weiß leuchtete es nun gelb und während der nächsten Stunden sprang es weiter und wechselte immer wieder die Farbe. Zeitweise verschwand es auch ganz, aber ein Magie erkennen Zauber zeigte, dass es nur ins Innere gesprungen war.

Wie immer erschien Kira pünktlich und auch, wenn sie zwischendurch vom Zylinder abgelenkt wurde, war ihr Vortrag zur Physik wieder gut. Jedenfalls, was das allgemeine Verständnis anging. Sie konnte noch nicht mit Variablen rechnen, aber das hatte er schon erwartet. Er konnte ihr aber ansehen, dass sie das sehr belastete. „Machen Sie sich keine Sorgen, den Umgang mit mathematischen Formeln und wie wir damit Sachen in der Physik und auch in der magischen Forschung darstellen, werden Sie schon noch lernen.“, sagte er in einem möglichst aufmunterndem Tonfall. Ihre Rechenergebnisse bei den linearen Aufgaben waren wieder besser geworden und das Lob, dass er ihr dafür gab, baute sie sichtlich wieder auf. Gegen Ende konnte sie dann auch ihre Neugier nicht mehr unterdrücken und fragte nach dem Lichtpunkt. „Ich habe einen Punkt auf der Oberfläche zum Leuchten gebracht und nun wandert der Punkt durch so nicht sichtbare Strukturen im Material.“, antwortete er ihr. „Wenn Sie einen kleineren Zylinder oder eine andere Form verwenden und mehr als nur einen Punkt darauf leuchten lassen könnten Sie Schmuck daraus fertigen.“, schlug sie vor. Er lachte und antwortete: „Ja, das ist keine schlechte Idee. Der Zauber wirkt allerdings nur ein paar Stunden und müsste eigentlich schon längst erloschen sein. Das Elektrum scheint auch nicht geeignet zu sein, dauerhafte Verzauberungen zu halten, leider. Nur Zauber die auf die Form wirken, die funktionieren seltsamerweise fast ohne Begrenzung. Aber alle anderen Verzauberungen verlöschen irgendwann.“ Und wie auf Kommando erlosch das Licht und ließ sich auch im Inneren des Materials nicht mehr erkennen. „Hmm, interessant, Telekinesezauber wirken kürzer als erwartet. Verwandlungsmagie dafür länger. Der Wärmezauber lag ungefähr im Rahmen.“, grübelte Mitras. „Was hat das zu bedeuten, Magister?“ „Das kann ich noch nicht sagen, aber es ist eine interessante Entdeckung. Gut, aber nun geht es erst einmal zum Essen und dann geht es für mich zum Generator.“

Kira folgte ihm zum Essen. Als sie heute morgen aufgewacht war, hatte sie sich zu ihrer Verwunderung im Bett wiedergefunden, sogar in Schlafsachen. William hatte ihr auf ihre Nachfrage, als sie um acht herunter ging, sich Frühstück zu holen, erklärt, was passiert war. Abby hatte unter Kichern hinzugefügt, wie verschämt sich Mitras umgedreht hatte. Kira hatte eine Weile dadürber nachgedacht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte. Es war ziemlich gut, dass Mitras ganz offensichtlich viel Anstand und Manieren hatte, und sich bemühte, ihr nicht zu nahe zu treten. Sehr proffesionell, und es gab ihr auch ein Gefühl von Sicherheit, stellte sie fest. Obwohl Mitras ein attraktiver Mann war, war er ja immer noch ein Mann, und vielleicht hätte sie ihn durch etwas zu lose Bekleidung ebenfalls zu sehr reizen können. Sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Da war aber auch ein Funken Bedauern in ihr. Sie war sich nicht sicher, ob sie Mitras ablehnen würde. Dieser Gedanke hatte sie zunächst ziemlich erschreckt und dann eine Weile vom Lernen abgehalten. Männer waren grob und gefährlich und nach allem, was sie über Sex wusste, war das für Männer eine angenehme und auch recht notwendige Angelegenheit. Bei Frauen hingegen hatte sie etliche Horrorgeschichten gehört – wenn man ehrlich war, eher belauscht – und nur einige gute Varianten. Ihre Mutter selbst hatte nie mit ihr über Sex gesprochen, nur ihr Vater, und der war dabei recht unsicher gewesen. Selbst die Lehrer in der Volksschule waren weniger am stottern gewesen. Kira amüsierte sich in der Erinnerung stets darüber. Sie hatte kein besonders intensives Verhältnis zu ihrem Vater, er war oft weg, und wenn er wiederkam, hörte er stets erst die Geschichten seiner Frau über sein „unmögliches Trollbalg“, ehe er mit ihr selber sprach. Außerdem nutzte er für ihr Verständnis den Stock oder einen Gürtel zu oft als Erziehungsmittel. Kira wusste, dass er sie durchaus manchmal verteidigte, dass auch die Tatsache, dass sie weiter zur Schule hatte gehen dürfen, auf dem Eingreifen des Vaters beruhte, aber herzlich konnte man das Verhältnis wirklich nicht nennen. Er war als Mann eben seinen Söhnen mehr zugetan, zumal diesen ja auch gesellschaftlich mehr Wert zugemessen wurde als einer Tochter, insbesondere einer, die aussah, wie die allgemein verhassten Skir.
Kira betrachtete Mitras, Abby, Tobey und William, wie sie beim Essen saßen und sich unterhielten. Sie hatte sich bereits heute vormittag gefragt, ob ihre Vorstellung, alle Menschen in Albion würden die Skir hassen, vielleicht gar nicht richtig war. Keiner der drei und auch niemand sonst in der Hauptstadt wie die Händler oder Rieke hatte bisher dieselbe Misstrauen oder gar Abneigung gezeigt, dass ihr sonst entgegen schlug. Die Händler hatten ihr Haar ja sogar gelobt! Woran das wohl lag? Als alle mit dem Essen fertig waren, nahm sie ihren Mut zusammen und wandte sie sich an Mitras: „Magister, ich habe eine Frage.“ Mitras schaute sie neugierig an und nickte, auch die anderen wandten sich ihr zu. „In Burnias werden Skir oft angespuckt oder verachtet. Es gibt dort auch wenige mit solchem Aussehen… also, wie ich… zumindest nicht in den Dörfern um Lührenburg, erst in Libekke oder so, habe ich gehört. Hier in Uldum werde ich zwar angesehen, aber es ist weniger verächtlich. Ihr habt nicht mal gezuckt, als ihr meine Haare gesehen habt. Kennt man die Skir hier nicht?“ Eine Weile herrschte verblüfftes Schweigen am Tisch. Dann redeten sowohl Abigail als auch Mitras gleichzeitig. „Warum sollte man die Skir hassen?“, fragte Abby, während Mitras empört sagte: „Jemanden wegen seines Aussehens zu verachten, ist falsch!“ Kira war verblüfft und beschloß, auf Abbys Frage zu antworten: „Na, weil sie uns überfallen und uns das Land wegnehmen, grausam und brutal sind.“ Mitras schaute sie scharf an. „Kira, wenn man ganz ehrlich ist, haben WIR den Skir ihr Land weggenommen, nicht umgekehrt. Das, was Sie da sagen, klingt für mich nach ziemlichen Vorurteilen, die einer Dame eigentlich nicht gut anstehen.“ Kira öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Natürlich wusste sie, dass das in den Nordkriegen eroberte Land den Skir gehört hatte. In Libekke gab es auch noch viele Skirfamilien, aber sie war selbst noch nie dort gewesen. Aber das restliche Land, besonders das, was nun zum Distrikt Burnias gehörte, war vorher kaum besiedelt gewesen. Die Skir waren eben unzivilisierte Jäger, die mit dem fruchtbaren Land wenig anfangen konnten, oder etwa nicht? Sie dachte nach. War das, was sie in der Schule und im Dorf gehört hatte, vielleicht falsch? Zumindest nicht ganz richtig, erkannte sie. Es musste Skir in Burnias gegeben haben, sonst wäre das Gebiet nicht „in den Nordkriegen erobert“ worden. Wo waren die vor 150 Jahren geblieben? Sie hatte sich das nie gefragt. Skir waren die Feinde, und sie sah einfach aus wie der Feind, so war es ihr ganzes Leben gewesen. Sie schaute Mitras an. „Entschuldigt, Magister. Ich wollte nicht unangemessen sein. Es ist nur… ich habe bisher nie erlebt, dass viele Menschen die Skir anders sehen.“ Oder mich, fügte sie in Gedanken hinzu. Eigentlich waren Bruder Harras, ihr Bruder Adrian und ein bisschen ihr Vater die einzigen gewesen, sie sie nicht als Feind betrachtet hatten. Also hatte sie die Skir als Feinde betrachtet, als diejenigen, weswegen sie leiden musste. Sie schaute zu Boden. Etwas in ihr bröckelte. War es falsch gewesen? Die Reaktion von Abby und Mitras zeigte ihr ja deutlich, dass die Sicht auf die Skir als verachtete Feinde hier zumindest nicht üblich war. „Die Gegenden im Norden sind oft von Siedlern aus Berg und der restlichen Ostküste besiedelt worden, die seit Jahrhunderten unter einzelnen Skirangriffen leiden „, sagte William versöhnlich. Mitras nickte und ergänzte: „Lesen Sie mehr darüber, wenn Sie das nächste Mal Geschichte lernen. Ich habe in unserer Hausbibliothek auch einige Werke speziell zu Handel und Krieg mit den Skir, glaube ich. Es wäre verständlich, dass in den nördlichen Provinzen die Skir oft als Feinde dargestellt werden, es ist sogar vielleicht politisch gewollt. Aber die Menschen vergessen zu schnell, dass auf einen Überfall auch immer zehn gute, Reichtum bringende Handelsfahrten kamen, egal ob es um Rhodestaria, Skir oder Astellia geht.“ Geschichte wird von den Siegern geschrieben, fiel Kira die Aussage von Harras wieder ein, und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, diese Aussage ein bisschen zu verstehen. Sie schaute auf ihre Hände, die sie unbewusst im Schoß verkrampft hatte. Hieß das auch, dass all die Beleidigungen, all die Missgunst, die die anderen sie hatten erleben lassen, gar nicht natürlich war, sondern ein Fehler, ein Vorurteil? Sie hatte das Gefühl, etwas in ihrem Inneren würde gleich reißen. Die Skir waren nicht immer böse. Sie war nicht der Feind. Sie war nicht … wirklich nicht schuld? In ihr tobte ein Sturm an Gefühlen, Wut, Verzweiflung, Unglaube, Ärger, Ärger über sich selber… warum hatte sie so einen Gedanken nicht vorher gehabt? Wenn sie nun darüber nachdachte, hatte Bruder Harras sogar öfters Dinge gesagt, die eigentlich dasselbe andeuteten – weder war Kira böse, noch waren es die Skir. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schoßen. Was war sie nur für ein dummes Dorfkind. Scham mischte sich in das Gefühlschaos. Sie schluckte. „Wenn ihr mich entschuldigen würdet…“ Sie stand auf, knickste kurz und ging hinaus, eilte fast in ihr Zimmer und vergrub sich unter den Decken. Dann kamen die Tränen. Erst langsam, dann immer mehr. Sie weinte, weinte über ihre Herkunft, ihr Aussehen, über diese andere Welt hier, die ihr die Fehler der alten Welt so klar vor Augen hielt, weinte über sich und ihre eigene Dummheit, weinte vor Erleichterung, vor Wut, vor Trauer.  Später hörte sie Abby und Mitras auf dem Flur sprechen und vergrub sich noch tiefer in den Kissen, wollte nicht mit ihnen reden oder sich erklären, aber es kam niemand herein, und sie war dankbar dafür.  ​

Familienbande – 10. Lunet 242 (Silenz)

 Kira wachte um halb sieben auf, wie sie feststellen konnte, sobald die Lampe hell genug leuchtete. Draußen war es stockfinster und es trommelte Schneeregen gegen das Fenster. Im Gegensatz zu gestern fühlte sie sich gar nicht erholt, ihre Stimmung passte zum Wetter. Ihr Kopf tat immer noch leicht weh, und sie erinnerte sich an wirre Träume, in denen sie ihren Vater gesehen hatte, der seinen Stock holte, um sie mal wieder für etwas zu betrafen, Johanns Hände, die nach ihr griffen und dazwischen immer wieder Mitras blaue Augen, die sie anblitzten und seine Stimme, die sagte: „Sie werden packen.“ Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und seufzte. Die Angst der Traumfetzen hing noch in ihr, und sie brauchte einen Moment, um Mut zu sammeln, sich diesem Tag zu stellen, ehe sie die Decke beseite schob und sich Wasser holte, um sich zu waschen. Dass es regnete, bedeutet, dass es wohl wieder wärmer geworden war, aber hier drinnen war es dank der Heizsteine wohlig warm wie immer. Sie wusch sich, zog eines ihrer guten alten Kleider ohne bauschigen Rock an und angelte sich das Mathebuch. Von nichts kommt nichts. Und wenn man einen Fehler macht, muss man ihn beheben. Sie seufzte noch einmal. Schade, dass sie viel mehr schlaue Sprüche als Matheformeln kannte. Sie schlug das erste Kapitel auf und begann, die Erklärungen Satz für Satz zu lesen. Was sie verstand, übertrug sie sich ins Heft, was sie nicht verstand (und das waren etliche Sätze), markierte sie mit Bleistift und notierte sich auf einem losen Blatt, was genau sie Abby dazu fragen wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie so den ersten Abschnitt des Buches zum Thema „Regula Detri“, also in neuerer Sprache Dreisatz, durchgearbeitet. Das Buch war anscheinend nicht mehr ganz das neueste. Oder es wurde immer erweitert. Sie blätterte kurz um und sah ihre zweite These bestätigt: Auch die Schriftart wechselte hinten im Buch, ebenso wohl der Sprachgebrauch und die Art, Formeln zu notieren. Sie schaute auf die Uhr. Erst viertel nach acht. Nachdenklich betrachtete sie ihre Notizen und dachte an Adrian, der ihr beigebracht hatte, wie man alleine mit Büchern arbeiten kann, um den Fernunterricht zu schaffen. Ob er manchmal an sie dachte? Sie spürte, wie die Traurigkeit und die Sehnsucht nach seinem Lachen, seinen beschützenden Armen in ihr aufstieg, und einige Tränen kullerten über ihre Wangen. Ob er die Lügen glaubte, die Johann und wohl auch ihre Mutter nun über sie erzählten? Sie würde ihm schreiben müssen… und da sie auf das Frühstück ja noch warten musste, konnte sie ja auch gleich damit beginnen. Immerhin hatte sie sich ja jetzt nicht vor Mathematik gedrückt.

Sie fischte sich ein leeres, sauberes Blatt aus dem Schreibtisch und begann zu schreiben.

Lieber Adrian,
ich vermisse dich sehr. Nie war ich so weit von dir, selbst dann nicht, als du die ganze Küste herunter gereist bist, um Vaters Geschäfte zu lernen. Denn damals habe ich immer gewusst, dass wir uns wieder sehen werden, und dass du mich hochnehmen und herumwirbeln wirst, sobald du den Raum betrittst. Jetzt bin ich mir so unsicher…
Egal was die anderen sagen, bitte glaube mir, ich habe Johann nicht angegriffen oder ihm schaden wollen. Er hat versucht, mich zu bedrängen, und ich bin einfach so wütend geworden, und dann war alles komisch um mich… ich kann es noch gar nicht beschreiben. Auf jeden Fall hat Mutter seitdem nicht mehr mit mir gesprochen, seitdem sie weiß, dass ihr kleines Trollbalg magisch begabt ist. Ich glaube, sie hat jetzt Angst vor mir. Hatte sie das nicht vorher auch schon? Hast du Angst? Ich würde euch nie etwas tun, wirklich nicht!
Man hat mich hier in Uldum einem jungen Magister zugewiesen, der wirklich sehr nett …

Kira hielt inne. War Mitras nett? Bis gestern hatte sie das zumindest gedacht. Und wenn sie ehrlich war, hatte er sie noch nicht mal besonders schlimm beschimpft. Er hatte nur gesagt, dass sie ohne Mathematik an der Akademie nicht würde bestehen können, und das war ja vermutlich nicht mal eine Beschimpfung, sondern die Wahrheit. Und dass sie sich – wie auch in all den Jahren zuhause – vor Mathematik gedrückt hatte, war ja nun eindeutig ihr Fehler gewesen. Als Mentor musste Mitras sie dafür rügen. Er hatte sie nicht mal geschlagen, stellte sie verblüfft fest. Entschlossen schrieb sie weiter.

… ist. Und er wohnt in einem total luxuriösem Haus, es gibt sogar ein Bad mit einer riesigen, kreisrunden Wanne hier, und ich darf es jederzeit benutzen! Stell dir vor, deine kleine Schwester wird vornehm.

Sie hielt wieder inne und kicherte in sich hinein. Vornehm und Kira Silva, das passte wirklich nicht. Draußen auf dem Flur klackte eine Tür. Sie schaute auf die Uhr. Schon fünf vor neun. Mitras ging wohl zum Frühstück, also sollte sie auch gehen. Ihre Laune hatte sich deutlich gebessert. Sie hauchte einen Kuss auf das Papier und versteckte den Brief, nachdem die Tinte trocken genug war, in der untersten Schublade des Schreibtisches. Dann ging sie nach unten.

Mitras saß tatsächlich am Esstisch. Sie grüßte ihn: „Guten Morgen, Magister.“ Er blickte kurz auf und nickte, sagte aber nichts. Seine Haare sahen ein wenig zerstrubbelt aus, und er hatte Ringe unter den Augen. Kira erinnerte sich, dass er wohl Schwierigkeiten mit dem Generator hatte, dass hatte Abby ja gestern gesagt. Wo er wohl gestern gewesen war? Sie öffnete die Küchentür und schaute in die Küche, wo William gerade leise summend Kartoffeln schälte. „Guten Morgen, William!“ „Mylady, wie schön, du bist wach!“ William winkte ihr freundlich zu. „Dein Frühstück steht da schon.“ Kira bedankte sich und nahm das Tablett. Sie versuchte, die Tür hinter sich mit dem Fuß zu schließen, schaffte es aber nicht, und William rief: „Lass, die kann auch offen bleiben.“ Mitras runzelte die Stirn und blickte mit leicht zusammengekniffenen Augen an ihr vorbei in die Küche, aber da er nichts sagte, ließ Kira die Tür einfach halb offen stehen und setze sich auf Tobeys Platz, gegenüber von Mitras. Dieser stocherte mehr in seinem Essen herum, als das er ass. Kira hingegen hatte Hunger, also gab sie sich Mühe, ruhig und anständig zu essen, um Mitras nicht weiter zu verärgern, ass aber mit Appetit das belegte Brot und die Schale mit Obst leer, die William für sie vorbereitet hatte. Zwischendurch linste sie ab und zu zu Mitras, doch dieser schwieg und schien eine dunkle Wolke um sich zu sammeln, die eindeutig sagte, dass man ihn besser nicht ansprach. Verlegen senkte Kira den Kopf wieder zu ihrem Essen. Vermutlich war er immer noch ziemlich enttäuscht von ihr. Zu Recht, piepste eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Du hast dich wirklich zu sehr gehen lassen gestern! Heute nicht, brachte Kira die Stimme zum Schweigen. Heute nicht. Sie räusperte sich. „Magister? Gibt es heute Termine, zu denen Sie mich brauchen?“ Mitras blickte sie einen Moment abwesend an, als nähme er erst jetzt war, nicht allein im Raum zu sein. Dann verdunkelte sich seine Mine noch etwas weiter, sofern das möglich war. „Nein.“ Kira hatte fast das Gefühl, das Wort wäre eine kleine Ohrfeige. Sie schluckte und stand auf, nahm das Tablett und stellte es zurück in die Küche. Dann verbeugte sie sich kurz und höflich vor Mitras und ging zurück in den Flur. Draußen lehnte sie sich einen Moment gegen die Wand und beruhigte ihren Atem wieder. Heute nicht. Heute nicht, sagte sie sich. Er ist nicht nur deinetwegen so wütend, ergänzte sie. Trotzdem verletzte sein abweisendes Verhalten. Nach einer Weile schüttelte sie sich und ging nach oben, um ihre Mathesachen zu holen. Wie sollte sie an Mitras vorbei kommen, um zu Abby ins Gesindehaus zu gehen? Eine Weile grübelte sie, auf der Galerie stehend, über diese Frage nach, als sich die Tür des Esszimmers öffnete und Mitras wortlos an ihr vorbei ins Labor rauschte. Sie seufzte. Ok. Wenigstens löste sich so das Problem, wie sie herüber gehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden, von alleine. Sie holte ihre Materialien und ihren Mantel und stapfte durch den Schneematsch herüber zum Gesindehaus.

Mitras hatte schlecht geschlafen und seine Laune war auf dem Tiefpunkt. Es entsetze ihn immer noch, dass er letzte Nacht kurz davor gewesen war sich mit dem besoffenen Trottel zu prügeln. Er war noch nicht einmal betrunken gewesen. Es war einfach nur die Wut, die ihn geleitet hatte. Er hatte sich prügeln wollen und wahrscheinlich hätte er die gesamte Kneipe zerlegt, wenn Titus die Lage nicht entschärft hätte. Die Scham darüber hatte ihn nun voll im Griff. Selbst wenn Kira bei der Prüfung nächstes Jahr ein Totalausfall gewesen wäre, hätte ihm das nicht so sehr geschadet wie die Entgleisung, in die er da beinahe hineingeschliddert wäre. Den ganzen Morgen brütete er nun schon darüber und konnte sich einfach nicht auf seine Arbeit konzentrieren, obwohl die doch gerade jetzt so wichtig war, dass er sogar das Treffen mit Rieke dafür abgesagt hatte.

Es klopfte an der Tür, doch er ignorierte es. Egal was es war, er wollte sich jetzt nicht damit auseinander setzen, doch da schob sich die Klinke nach unten. Mitras setzte zu Protest an, doch dann stand William bereits vor ihm und unterbrach ihn vor der ersten Silbe mit einer Handbewegung. „Nein, du verkriechst dich jetzt nicht, du hörst jetzt zu. Und dann sagst mir, was das eben sollte! Erst stauchst du Kira über alle Stränge zusammen, dann zerhaust du fast die Kneipe und dann watschst du sie mit deinem kalten Verhalten heute Morgen noch einmal ab! Ich dachte eigentlich, du wolltest es besser machen als Thadeus und jetzt bist du keinen Deut besser – du lässt deine Wut an anderen aus und bist über Tage ungenießbar!“ Williams Triade traf ihn noch härter als die Selbstvorwürfe, die er sich eh schon gemacht hatte. Und da war es wieder, das schlechte Gewissen. In all seinen Problemen hatte er Kira beinahe ausgeblendet. Ihre Leistung hatte ihn geärgert, aber durch Williams Vorwurf wurde ihm erst richtig bewusst, wie sehr er sie angefahren hatte – ja, selbst heute morgen hatte er sie noch ignoriert, obwohl sie sich nichts weiter zu Schulden hatte kommen lassen, als schlecht in Mathematik zu sein. Ja, ihre Aufgabe hatte klar gezeigt, dass sie selbst mit den Grundlagen Probleme hatte, aber war er nicht vorher schon besorgt gewesen, ob es in ihrer Familie nicht doch irgendwelche Probleme gab? Hatte sie nicht in allen anderen Bereichen gezeigt, dass sie überragend gut war? Er selbst hatte ihr ja sogar gesagt, sie solle mal Pausen machen, und dann warf er ihr genau das vor. An dieser Stelle fühlte sich die Reue fast wie körperlicher Schmerz an der Stelle an, an der er am Rücken die Narbe von Thadeus schlimmster Prügelattacke übrig behalten hatte, und er rieb sich mit leicht verzogenem Gesicht den Rücken. „He, willst du mich jetzt auch wohl mit Schweigen strafen, oder was?“ blaffte William und riss ihn so aus seinen Gedanken. „Nein, entschuldige, die letzten zwei Tage haben mir enorm zugesetzt und mich ausgelaugt. Du hast recht, ich war zu hart zu ihr.“ gestand er resignierend ein. „Ha, zu hart ist gut und was war das da gestern abend? Ich habe doch genau gesehen, dass du einen Zauber vorbereitet hast. Ich kenne die Gesten, du warst auf Streit aus!“, fuhr William etwas weniger hitzig fort. „Ja, auch da hast du recht und glaube mir, das nagt nun nur noch stärker an mir. Ich war kurz davor die Beherrschung zu verlieren.“ „Kurz davor? Du warst schon Meilenweit dran vorbei und selbst Titus hat das gemerkt!“, fiel William ihm ins Wort. „Wäre er nicht so geistesgegenwärtig gewesen und hätte die Situation an sich gerissen, hättest du eine Katastrophe vom Zaun gebrochen. Das sind doch nicht nur die Frustrationen von ein paar Tagen? Was ist los mit dir?“ Williams Triade ließ mit jedem Wort mehr Sorge um seinen Freund durchklingen. „Was los ist?“ antwortete Mitras erschöpft. „Meine Erfindung droht mir zu entgleiten. Die di Porrums gehen mich nun schon in aller Öffentlichkeit an, meine Experimente mit dem Generator scheitern schneller, als ich mir neue Lösungen ausdenken kann und di Accipiteris von der Generalität versucht den König dazu zu bewegen, mehr Elektrum von mir zu fordern. Ich habe neulich ihr neuestes Spielzeug gesehen. Ein Schwert aus Elektrum mit einem Feuerzauber versehen. Das Ding schnitt durch Stahl, als wäre es ein warmes Brotmessser, das durch Butter fährt. Das hebt den Schutz, den Eisen oder Stahlrüstungen gegen Magie im Nahkampf geben, komplett auf. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das in der Schlacht bedeutet. Noch können sie es nicht so machen, dass ein Nichtmagischer das Schwert führen kann und außerdem entlädt sich die Magie beim ersten Schlag auf die Eisenrüstung, aber die Hitze bleibt ja da. Verstehst du, sie sammeln Ideen für Waffen, um in den Krieg ziehen zu können. Klar, das mag im ersten Moment die absolute Überlegenheit unserer Truppen garantieren, aber was halten diese Wilden aus dem Süden für geheime Schrecken bereit, die sie sich bisher nicht getraut haben einzusetzen? Und wissen wir, welche zendrischen Schrecken die Angshire mit über das Meer gebracht haben oder noch holen können? Zu viele Stimmen im Rat raunen vom Krieg, der Frieden sei zu lang gewesen. Und ich, geblendet vom Reichtum, habe ihnen nun ein Mittel dafür gegeben. Und wer weiß, was sie sich noch alles ausdenken, wenn ich den Blick auf das Elektrum nicht bald auf eine zivile Nutzung lenke.“ Erst jetzt merkte er wie sehr ihn diese Sorgen auffraßen, aber es tat auch ein wenig gut, es nun endlich alles gesagt zu haben. „Ha, ja, das sind in der Tat kolossale Sorgen, aber was hat das mit Kira zu tun? Ich sag’s dir, vor lauter Frust hast du sie als Blitzableiter benutzt. Hat sie es wirklich verdient als dein Prügelknabe herzuhalten, nur weil sie in Mathe hinterher hinkt?“, entgegnete William. „Nein, das hat sie nicht, ich habe über die Stränge geschlagen“, gab Mitras niedergeschlagen zu. „Hm, gut, und was gedenkst du deswegen zu tun?“ fragte William nun deutlich ruhiger. Sie hatte durchaus eine Entschuldigung für den angeschlagenen Ton und auch für sein Verhalten heute Morgen verdient. Er musste nur an sich halten, dass er sie trotzdem wegen der Mathematik weiter ermahnte. Sie musste ihre Leistung verbessern, sonst würde sie nicht weit kommen. Aber es gab sicher bessere Wege als die alte Thadeusschule aus anschreien, demütigen und Schlägen. „Ich werde mich in unserer Stunde Morgen wegen des Tons bei ihr entschuldigen und dann sehen, wie wir das Matheproblem zusammen lösen können.“, antwortete er. „Ha, und was ist wohl mit heute Abend?“, gab William zurück. Mitras seufzte. „Meine Schwester wird mich wahrscheinlich schneller durchschauen als du gerade. Und sie wird Kira verteidigen wie eine Berglöwin, immerhin fand sie Mathematik auch immer fürchterlich.“ William nickte grinsend. „Oh, bei den Geistern.“ Frustriert vergrub Mitras den Kopf in seinen Händen. „In Ordnung. Ich entschuldige mich beim Mittag bei Kira und lobe ihre Kekse. Dann braucht Rieke nichts von dem Ärger hier mitzubekommen und wird mich nicht auch noch zusammenfalten.“ William nickte, diesmal sichtlich zufrieden mit den Folgen seiner Erziehung. „Das mit den Keksen wird aber schwierig, es sind nur noch wenige da, Tobey hat sich einen ganzen Beutel heute morgen mitgenommen, weil er heute bei gleich drei der Stromkunden irgendwas flicken wollte und erst zum Abendessen wieder da ist.“ Mitras stöhnte. „Würdest du mir dann BITTE, liebster William, ein paar Kekse zurücklegen, damit ich sie wenigsten probieren kann, ehe ich sie lobe?“ William knickste höflich und grinste ihn unverschämt an. „Natürlich, mein Herr.“ Dann wurde er schlagartig wieder ernst und ergänzte: „Wegen der anderen Sorgen, nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen. Wenn die Herrschaften Krieg wollen, gibt es Krieg, das weißt du doch. Und unser Elos – die Geister mögen dem König gnädig sein – hat sich bisher nicht als großer Schlachtenfreund hervorgetan, dafür beschäftigt er sich zu oft mit den schönen Künsten und den schönen Frauen.“ Mitras nickte. Sein Kopf tat weh und er erinnerte sich noch zu gut an sein Entsetzen bei der Vorführung des neuen Schwertes, um sich von Williams beschwichtigenden Worten beruhigen zu lassen. „Und selbst wenn es Krieg geben sollte, „, fuhr William fort, „ist das nicht deine Schuld. Du hast ja keine Waffe gesucht, das haben andere daraus gemacht.“ Mitras seufzte noch einmal. William hatte gut reden, er war ja nicht derjenige, der einmal im Monat in der Schmiede stand und die Zauber wob, die dem alchimistischen Prozess als Katalysator dienten. Manchmal verfluchte er sich selbst dafür, das alte Rezept versehentlich in genau in diese Richtung abgewandelt zu haben. Hätte ihm das Schicksal nicht einen etwas weniger gefährlichen Stoff zuspielen können? William nickte ihm nochmal zu und ging dann aus dem Labor, einen nicht mehr ganz so unklaren, aber dafür deutlich besorgteren und reumütigeren Mitras zurücklassend. Er sann noch eine Weile über Williams letzte Worte nach und betrachtete dabei das Elektrum in seiner Hand. Dann legte er es in den Kreis, der auf dem Boden angebracht war, um den magisch abgeschirmten Bereich zu kennzeichnen. „Das haben andere aus dir gemacht….“, murmelte er. „Was kann man denn wohl noch aus dir machen?“ Er hatte sich bisher bei seinen Untersuchungen auf die Leitfähigkeit konzentriert, weil Elektrizität ihm als der beste Anwendungsbereich erschienen war. Die Generalität hingegen hatte sofort eine Waffe gesehen. Was konnte das Elektrum noch sein? Er beschloß, die üblichen Zauberbereiche der Reihe nach systematisch durchzugehen und zu beobachten, wie das Elektrum jeweils reagierte. Und da Elementarzauber nicht wirklich seine Stärke waren, würde er mit denen anfangen. Er holte sich ein Buch mit passenden Sprüchen und begann mit der Forschung.

Abby begrüßte Kira im Wohnzimmer, wo sie anscheinend an dem neuen Kleid gearbeitet hatte. Sie räumte den Stoff beiseite und Kira zeigte ihr, was sie vorbereitet hatte. Abby las einen Moment und lächelte sie dann freundlich an: „Da warst du aber schon fleißig.“ Kira schaute verlegen zu Boden. „Ich versuch ja, meine Fehler nicht zu oft zu wiederholen.“ Abby nickte. „Gute Einstellung. Aber gräm dich nicht zu sehr,  wenn du Fehler doch wiederholst. Laufen lernt man auch nicht beim ersten Sturz.“ Kira fand, dass man das nicht so Recht vergleichen konnte, doch sie nickte zustimmend. Abby fuhr fort: „Und denk ja nicht, die Tatsache, dass du dich gestern Mal mit Keksen statt lernen beschäftigt hast, wäre ein Fehler. Mitras hat einfach schlechte Laune. Du musst nicht jeden Tag perfekt sein und ständig lernen. Du bist jung, dein Leben sollte auch Spaß machen.“ Kira blickte sie zweifelnd an. Bisher hat mein Leben eigentlich nie Spaß gemacht, wenn ich gerade in einem Haus sein musste, dachte sie. Aber sie verkniff sich die Aussage. Wenn man ehrlich war, war es vielleicht auch etwas übertrieben, denn Lesen und Lernen machte man ja auch drinnen, und das machte ihr Spaß. Wenn es nicht gerade Mathematik sein musste. Abby hatte ihren Gesichtsausdruck entweder nicht bemerkt oder irgnorierte ihn, denn sie zog sich einen Stuhl heran und deutete auf den Platz neben sich. „Dann setz dich mal hin. Wollen doch sehen, ob die alte Abby dir nicht ein wenig helfen kann.“ Kira setzte sich zu ihr, und sie gingen der Reihe nach die Fragen durch. Das Buch stellte die Rechnungen anders dar, als Kira es gelernt hatte, sie nutzen eine Art Tabelle, und Abby erklärte ihr, dass viele Dinge in der Welt gleichmäßig zusammenhingen. Wenn man also eine Größe etwa verdopple, dann verdopple sich die zweite Größe auch. Kira beobachtete, wie sie verschiedene Beispiele vorrechnete. Das ergab gleich vielmehr Sinn. Warum stand das nicht einfach so im Buch drin? Und warum hatte ihr alter Lehrer ihr diese seltsame Kreuzschreibweise erklärt, wenn man auch einfach multiplizieren und divideren konnte? „Hier, jetzt rechne nochmal dein Beispiel von gestern!“, forderte Abby sie auf. „Denk daran: Erst die Tabelle hinschreiben und sortieren, welche Größe auf welche Seite kommen soll. Und in der Mitte Schritte frei lassen.“ Kira rechnete: „Zu 24 Ellen links gehören 2 Silber rechts. Und ich suche den Preis für 14 Ellen, die schreibe ich links hin. Und weil jetzt links eine Lücke ist, schreibe ich da eine eins rein und dann rechne ich durch 24 und mal 14.“ Sie schrieb alles hin und schaute dann Abby fragend an. „Aber wie kann man denn 2 durch 24 rechnen?“ Abby schmunzelte. „Du kannst es in Schilling umrechnen. Oder du schreibst es als Bruch. Sowas wie ein Halbes oder ein Viertel, das kennst du, oder?“ Kira runzelte die Stirn und nickte. Einfache Brüche kannte sie, und dunkel erinnerte sie sich, dass man eigentlich alles in Brüchen schreiben konnte. Aber sie hatte es meistens dann einfach so „in etwa“ ausgerechnet. Sie schrieb an die Kante des Blattes „200 durch 24“ und dachte kurz nach. „Das müssen ungefähr 8 Schilling sein.“ Abby erhob gespielt empört den Finger: „Willst du dich selbst etwa reinlegen? Wenn du 8 Schilling für eine Elle nimmst, dann kaufe ich 24 Ellen für 1 Silber und 92 Schilling, da fehlen dir dann ja 8 Schilling!“ Kira seufzte. „Siehst du, deswegen mag ich Mathe nicht!“ „Ach, Kindchen. Nicht so schnell aufgeben!“ Abby erklärte ihr, dass man den Preis für eine Elle auch kleiner als Schilling sehen könne, und versuchte ihr eine Weile, das Rechnen mit Brüchen schmackhaft zu machen, wobei sie aber eher nicht so viel Erfolg hatte. Sie einigten sich auf 8,33 Schilling für eine Elle und 117 Schilling für 14 Ellen und Kira verstand plötzlich, wieso das exakte Rechnen hilfreich sein konnte: Sie hatte ja nun für die 14 Ellen ein kleines bisschen mehr bekommen, als der faire Preis gewesen wäre. Wenn man das jedes Mal so machte, konnte man bestimmt gute Preistafeln und ähnliches machen, die die Kunden in den Laden lockten, und dann konnte man immer ein bisschen draufschlagen, weniger als ein Schilling eben… und man würde quasi nebenbei reich werden. Sie stellte Abby ihre Beobachtung vor, und diese lachte herzlich, bestätigte ihr aber, dass man so natürlich Geld dazu verdiene. „Nur um damit reich zu werden, musst du sehr, sehr viele Geschäfte machen.“, setzte sie augenzwinkernd hinzu. Kira lachte. Dann wurde sie ernst. „Danke, Abby. Ich habe das Gefühl, wirklich etwas verstanden zu haben. Und ich hatte noch nie so viel Spaß mit Mathematik… Bei uns zuhause gab es eigentlich immer nur Streit, wenn es um Zahlen ging. Egal was.“ Abby schaute sie prüfend an: „Deine Eltern und Geschwister sind doch Händler, oder? War Mathematik da nicht ein häufiges Thema?“ Kira lachte bitter. „Geld. Es ging immer alles um Geld. Das wir zuwenig davon haben, dass jemand anderes zu viel will, dass irgendwas zu viel kostet… besonders, wenn es darum ging, dass ich etwas von diesem Geld brauchte. Weil ich kein Geld verdiene. Weil ich ja nur lese und unnütz bin. Weil ich … naja, aussehe wie eine Skir statt eine von ihnen. Meine Mutter hat, glaube ich, Buch geführt über alle Ausgaben wie Kleider und Schulgeld und so, damit sie später „die richtige Mitgift“ fordern könnte.“ Sie schwieg einen Moment und sah zu Boden, und für diesen langen Moment hing die Stille schwer im Raum, erdrückt von ihren Erinnerungen. „Deswegen hab ich, wenn wir in der Schule Kaufmannsrechnen gemacht haben, eigentlich kaum versucht, mich damit zu beschäftigen. Ich hatte Fernunterricht, weißt du? Da kann man sich ja schon ein bisschen aussuchen, was man wie intensiv lernt. Ich durfte zwei Stunden am Tag bei unserem Priester lernen, damit ich an den halbjährlichen Prüfungen in Lührenburg teilnehmen kann, und nächstes Frühjahr hätte ich meine Matura machen können. Aber Bruder Harras hat nicht geschaut, was ich zu tun habe, das ist ja auch nicht seine Aufgabe gewesen. Adrian, mein Bruder, hat ab und zu versucht, mit mir Mathe zu machen, deswegen hab ich wenigstens vor den Prüfungen immer ein bisschen was gekonnt, aber gemerkt hab ich es mir halt nicht, weil ich immer nur gedacht habe, dass sich alles um Geld dreht… und ich hasse diese Rechnerei.“ Nachdenklich blickte Kira auf das Blatt vor ihr. Bei Mitras spielte Geld irgendwie gar keine Rolle, dachte sie. Seine großzügigen Geschenke… sie blickte zum halb fertigen Kleid, dass Abby beiseite geräumt hatte. Zeit und Geld, sie wurde hier wirklich reich beschenkt. Das war definitiv ein guter Grund, ihre Abneigung gegenüber der Rechenkunst zu überdenken. Abby hatte noch einen Moment geschwiegen. Jetzt sagte sie mit etwas belegter Stimme: „Ich kann verstehen, dass man unter solchen Umständen die Kaufmannsrechnungen nicht mag, aber Mathematik ist ja viel mehr als Kaufmannsrechnungen. Sieh mal hier zum Beispiel…“ Sie zog ein Blatt heran und nahm sich den Holzstab, mit dem sie beim Schneidern Längen abmaß. Dann zeichnete sie mit raschen Strichen ein Muster aus Dreiecken auf das Blatt. „Das sieht hübsch aus, oder?“ Kira staunte. „Ja, alle sind ganz gleich. Wie macht man das?“ Verschwörerisch zwinkerte Abigail ihr zu. „Das, meine Liebe, ist auch Mathematik. Geometrie, um genau zu sein. Sobald du die Übungen zur Regula Detri sicher beherrschst, können wir uns gerne die Geometrie der Dreiecke und Strahlen anschauen. Man braucht sie für Muster und zum Übertragen und Anpassen von Mustern auf Stoff, aber soweit ich weiß auch beim Bauen von Häusern oder Städten.“ „Geometrie und Dreiecke hatten wir auch mal“, erinnerte Kira sich. „Da war ich sogar gar nicht so schlecht in der Prüfung, obwohl Adrian mir vorher nicht geholfen hat.“ Abby sah sie kurz an, als ob sie etwas fragen wollte, doch schüttelte dann kaum merklich den Kopf und forderte sie stattdessen auf, die Übungen bis morgen alleine zu rechnen. „Kann ich dafür hier sitzen bleiben? Es ist gemütlich hier.“ Freundlich schmunzelte die ältere Frau sie an. „Natürlich. Ich nähe derweil weiter.“

Die nächsten zwei Stunden saßen die beiden friedlich zusammen und arbeiteten. Ab und zu fragte Kira etwas zu den Aufgaben, meistens, weil sie die Aufgabenstellung nicht verstand, und Abby stimmte ihr zu, dass die Formulierungen wirklich teilweise sehr umständlich waren. In anderen Momenten unterbrach die Schneiderin dafür Kira, um ihr das Kleid überzulegen und abzustecken, weil es so ja viel praktischer sei als an der Nähpuppe. Sie lachten darüber sehr, als Abby Kira einmal mit der Nadel stach, denn die lebende Nähpuppe entpuppte sich dabei doch nicht als so praktisch und riss beinahe eine Naht wieder auf. Schließlich erinnerte Abigails grummelnder Magen die beiden daran, dass es ja schon Mittagszeit war, und Kira packte ihre Sachen zusammen und sie gingen gemeinsam zurück zum Haus. Auf dem Weg blieb Kira plötzlich stehen. „Was sagen wir Mitras eigentlich, wenn er sieht, dass ich bei euch war? Er soll ja nicht wissen, dass du mir geholfen hast.“ Abby grinste. „Du hast Kleider anprobiert. Ist ja auch nicht gelogen, meine kleine Nähpuppe.“ Kira kicherte. Am Haus angekommen hielt die Haushälterin ihr die Tür zum Esszimmer auf. „Mylady, treten Sie bitte ein.“ Kira guckte verblüfft, sah dann aber Mitras, der bereits am Esstisch saß und zu ihnen herüber blickte. Sie schob die Hand mit den Matheheften etwas tiefer unter den Mantel und nickte Abby höflich zu, ehe sie einen kleinen Knicks vor Mitras machte und an ihm vorbei aus dem Raum gehen wollte. Mitras blickte sie an. „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen? William hat bereits für alle gedeckt.“ Kira, die schon fast aus der Tür war, zuckte zusammen und drehte sich so, dass er die Hefte nicht sehen konnte. „Äh, ja, ich komme gleich, ich wollte nur den Mantel wegbringen“, sagte sie und huschte in den Flur, ehe er sagen konnte, dass das ja die Aufgabe der Bediensteten sei. Rasch brachte sie den Mantel weg und ihre Unterlagen zurück in ihr Zimmer. Er redete wieder mit ihr, stellte sie dabei erleichtert fest. Hoffentlich hat er nichts bemerkt. Abby soll keinen Ärger bekommen. Und außerdem geschieht es ihm ja recht. Er hat ja auch Geheimlabore, da hab ich dann halt eine Geheimlehrerin. Ihr Schalk, der seit der Abreise aus Bispar, eigentlich sogar seit dem Vorfall mit Johann, völlig verstummt war, regte sich leicht. Irgendwann würde sie rausfinden, wie man diese Geheimtür öffnete. Und dann würde sie ihm einen Streich spielen können, besser als alles, was sie in Bispar zustande gebracht hatte, und das würde lustig sein. An dieser Stelle schalteten sich Überlebenswille und Vernunft in ihr inneres Gespräch und erinnerten sie dann, dass er erstens ihr Mentor, zweitens ein ziemlich mächtiger Magier und drittens ein sehr großzügiger Mann war, der es nicht verdient hatte, geärgert zu werden. Und wie seine bisherigen Schimpftiraden gezeigt hatten, war er zudem ein sehr beeindruckender Mann, der sie gehörig zusammenstauchen würde, wenn sie es übertrieb. Sie legte die Streichpläne also lieber erstmal beiseite und betrat stattdessen nur innerlich schmunzelnd das Esszimmer, in dem William bereits einen Eintopf mit Gemüse und Kartoffeln auf den Tisch gestellt hatte.

Mitras saß auf seinem üblichen Platz, und William hatte rechts neben ihm für Kira gedeckt. Da sie aber von Abby wusste, dass Tobey heute unterwegs war, und sie ihre neue Geheimlehrerin nicht allein an ihrer Tischseite sitzen lassen wollte, nahm sie sich ihr Gedeck, schob es über den Tisch und setzte sich ohne ihn anzusehen Mitras gegenüber neben Abby, die ihr den Teller abnahm und vom Eintopf auffüllte.

Das sie sich von ihm wegsetzte, stach Mitras ein wenig ins Herz, zeigte es doch, wie sehr er sie heute Morgen noch zusätzlich gekränkt hatte. Sich entschuldigen zu müssen, kratzte an seinem Stolz, aber sein Verhalten war wirklich unangebracht gewesen. Die Härte gestern Abend und sein ablehnendes Verhalten, das hatte sie nicht verdient, das war nicht er, und diesen Fehler musste er korrigieren, auch wenn es ihm schwer fiel. Er räusperte sich und blickte sie direkt an: „Ich denke, ich muss mich bei Ihnen für die Härte der gestrigen Zurechtweisung und mein Benehmen heute Morgen entschuldigen.“

Kira schaute von ihrem Teller auf. Er musste was? Sie schüttelte den Kopf. „Sie waren nicht hart, Magister. Ich habe nicht gelernt.“ Ihre Gedanken purzelten ein wenig durcheinander, da sie innerlich noch irgendwo zwischen den Überlegungen, wie man hier im Haus ein wenig chaotische Verwirrung wie zuhause stiften konnte und dem Gefühl von Dankbarkeit, sich so sicher zu fühlen, dass sie sich solche Gedanken überhaupt machen konnte, gefangen gewesen war.

Mitras fuhr unbeirrt fort:Ich stehe dank einer ganzen Serie von Fehlschlägen mit meinen neuesten Experimenten sehr unter Druck und habe diesen an Ihnen ausgelassen und das haben Sie nicht verdient. Insbesondere habe ich Sie ja selbst dazu ermutigt Pausen zu machen und dass Sie diese dann so prouktiv genutzt haben, ich denke, dafür stehen wir alle in Ihrer Schuld. Die Kekse waren außerordentlich gut.“ Er hielt inne und schaute sie an. Sie sah verwirrt aus, gar nicht niedergeschlagen. Langsam verarbeitete sein Gehirn ihre Erwiderung. „Aber das stimmt doch gar nicht! Kira, Sie haben mit dem Vortrag über die magischen Pflanzen ein großes Interesse und eine schnelle Auffassungsgabe gezeigt. In diesen Vortrag ist deutlich mehr Arbeit geflossen, als ich es bei so manchen Schüler in meiner Zeit an der Akademie beobachten konnte.“

„Und hart war er bestimmt auch“, kommentierte William von der Seite. „Er ist immer ungenießbar, wenn irgendwas mit dem Elektrum oder dem Generator ist.“ Kira blickte von einem zum anderen. Ja, sie hatte gestern geweint, und für eine Weile hatte sie Mitras auch verflucht. Und heute morgen war auch unangenehm gewesen, aber so ungenießbar, wie William ihn gerade darstellte, war er ja gar nicht gewesen. Er hatte nicht gebrüllt, sie nicht geschlagen, sie nicht als völlig unnütz, nicht als Trollgezücht, Hexenbiest oder ähnliches bezeichnet. Er hatte nur festgestellt, dass sie in Mathe fürchterlich schlecht war und dass das für eine Kaufmannstochter ziemlich ungewöhnlich und, nunja, peinlich war. Aber nachdem sie heute gesehen hatte, wie leicht einige der Aufgaben eigentlich waren, waren Mitras Worte von gestern eigentlich wirklich keine Beleidigung gewesen, sondern eine etwas deutlich vorgebrachte Tatsachenfeststellung. Und eben gerade hatte er sie gelobt, trotz seines Stresses hatte er ihrem Vortrag also doch richtig zugehört. Sie schüttelte wieder den Kopf. „William, deine freundschaftliche Beziehung zu deinem Herrn in Ehren, aber ich denke, was er im privaten zu mir gesagt hat, kann ich selbst am besten beurteilen. Er war zurecht über meine Leistung in Mathematik unzufrieden, und mir wird so ein Fehler nicht wieder unterlaufen.“ Sie schaute Mitras direkt an. „Magister Mitras, vielen Dank für das Lob. Ich möchte wirklich gern die Akademie bestehen, und ich habe bereits begonnen, mich um das Aufarbeiten des Stoffes zu kümmern.“ An dieser Stelle grinste sie ein bisschen und schielte zu Abby hinüber, die ihr Grinsen erwiderte. „Ich bin nicht aus Zucker, und berechtigte Kritik ist zum Lernen notwendig“ zitierte Kira einen alten Spruch von Bruder Harras und realisierte in diesem Moment, wie wahr er eigentlich war. „Alle Mitglieder dieses Hauses geben mir wertvolle Unterstützung und ich werde mich bemühen, dafür ebenfalls beste Leistungen zu zeigen.“ William pfiff anerkennend durch die Zähne. „Ha, verzeiht, Mylady. Aber eine Frage: Sind wir uns wohl eigentlich einig, dass du 17 und nicht 27 bist?“ Kira blickte ihn verwirrt an. Was hatte das mit ihren Leistungen zu tun? „William!“, schalt Abby und strich über Kiras Arm. „Er meint, dass du zu erwachsen sprichst und zu wenig auf Spaß aus bist. Aber mit 17 sind andere Mädchen schon 3 Jahre verheiratet, also finde ich es schon richtig, dass du Kritik ernst nehmen willst. Nur denk daran, was ich dir vorhin gesagt habe: Spaß muss auch sein. Und du musst dich auch nicht unhöflich anranzen lassen, von niemandem“, fügte sie mit einem scharfen Blick zu Mitras hinzu, der bereits mehrfach angesetzt hatte, etwas zu sagen, aber nicht zu Wort gekommen war. Kira nickte und schmunzelte in sich hinein. Sie würde lernen und gut sein, aber ja, sie würde auch Spaß haben. Gerade hatte sie ja auch Spaß an ihrem kleinen Geheimnis vor Mitras. Jemanden ärgern zu können oder etwas zu verbergen war eben lustig, auch wenn das Gegenüber das nicht immer verstand.

Mitras blickte sie ein wenig überrascht an und lächelte dann. Seine vorbereitete Predigt zur Mathematik konnte er sich wohl sparen. Und auch Williams und Abbys Kritik stach nicht mehr so, stellte er verblüfft fest, seitdem sie ihn so energisch in Schutz genommen hatte. Manchmal vergaß er über all die Freundschaft, dass er eigentlich ja der Herr in diesem Haushalt war, und meistens war es ja auch ganz gut, dass er es vergaß. Aber von einer strebsamen und überaus wortgewandten Schülerin verteidigt zu werden, war wirklich auch nicht übel. „Nun, die beiden haben jedenfalls recht, Sie sind deutlich reifer als die meisten Schülerinnen in Ihrem Alter.“ Warum schmunzelte sie eigentlich so, fragte er sich. Und was war da zwischen Abby und ihr? Die beiden hatten doch eindeutig einander zugezwinkert. Wahrscheinlich hatte seine schlaue Haushälterin Kira mit Mathe geholfen, kam ihm in den Sinn, und er kam nicht umhin, sie für ihr verborgenes Eingreifen zu bewundern. Deswegen war Kira den ganzen Morgen im Gesindehaus gewesen! Er notierte sich innerlich, Abigail einen kleinen Zuschlag zum Gehalt in diesem Monat zu geben, immerhin arbeitete sie nicht nur an den Kleidern, sondern gab wohl auch noch Nachhilfe, und das am Silenz. Er schaute Kira an und sagte: „Aber ich muss Sie trotzdem nochmal ermahnen, die Mathematik wird nicht leichter werden und wir sollten zusammen überlegen wie wir Sie darauf vorbereiten. Lineare Verhältnisse sind nur der Anfang und wenn ich richtig vermute, wird Abigail Ihnen nur auf den ersten Metern des Weges helfen können. Ich werde Sie wahrscheinlich nicht im vollen Umfang selbst unterweisen können, deswegen habe ich mir bereits überlegt, einen Lehrer für Sie einzustellen.“

Kira wusste nicht, ob sie schuldbewusst, wütend oder enttäuscht sein sollte. Woher wusste Mitras, dass Abigail ihr geholfen hatte? Sie blickte zu ihr hinüber, doch Abby zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Mühsam rang Kira mit ihrer Beherrschung. Einerseits war die Tatsache, dass er ihr kleines Geheimnis so schnell durchschaut hatte, sicherlich ein Zeichen, wie schlau ihr Mentor war. Sie würde viel von ihm lernen können. Andererseits war es wirklich ärgerlich. Wie sollte sie ihn ärgern können, wenn er alles durchschaute? Wo blieb da der Spaß? Eine kleine Stimme in ihr säuselte leise, dass es ihr recht geschehe, einmal an einen Meister zu geraten, den sie nicht gleich austricksen konnte, denn andere ärgern sei sowieso nicht gut und kein tugendhafter Spaß. Sie nahm einen großen Löffel voll Eintopf und kaute daran herum, um die Stimme zum Schweigen zu bringen und Mitras nicht antworten zu müssen. Dafür wasch ich aber die Wäsche, ohne dass er es merkt, beschloss sie bockig. Das muss ich nur besser planen!

Sie wirkte nun doch etwas eingeschnappt, Mathematik schien ihr wirklich keinen Spaß zu machen, dachte er. Aber gut, ihre restlichen Leistungen lagen weit über dem Durchschnitt. Solange Mathematik ihre einzige Schwäche war, sollten die zehn Monate locker reichen. Außerdem kam es ja letztendlich auf ihre Verwandlungszauber in der Prüfung an, nicht auf die Mathematik.

„Gut, genug von der Ausbildung, ich musste wegen meiner Experimente die geplante Tour absagen, nicht aber das Abendessen. Sie werden meine Schwester also heute Abend doch noch kennenlernen.“ Kira blickte auf, deutliches Interesse im Gesicht. „Dann sollte ich besser eines der neuen Kleider tragen?“  Er dachte kurz nach, Frederieke war eigentlich kein so förmlicher Mensch, aber er war neugierig auf die neuen Kleider. Abbys Stilsicherheit stand außer Frage, aber was hatten die beiden ausgesucht und wie sah es an seiner Schülerin mit den roten Haaren aus? Außerdem, ergänzte die Stimme der Vernunft, wäre es auf jeden Fall eine gute Übung, um Etikette zu lernen. Obwohl Frederieke solche Versuche wahrscheinlich durch ihre Abneigung aller formalen Gegebenheiten schnell zunichte machen würde. „Ja, warum nicht.“ Kira nickte. „Ist Ihre Schwester auch magisch?“, fragte sie. „Nein, ich bin der einzige und soweit ich weiß auch der erste Magier in der Familie Venaris.“ Kira lächelte ihn ein wenig scheu an. „Dann hatte der Schulleiter ja Recht, als er sagte, wir beide hätten etwas gemeinsam.“ Thadeus hatte das wahrscheinlich deutlich abwertender gemeint, als sie es verstanden hatte, aber es stimmte. „Ja, in der Tat.“ antwortete er ihr, lächelnd. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen, dann wurde sie rot im Gesicht und blickte scheu zur Seite. Süß ist sie auf jeden Fall, dachte er kurz und scholt sich sofort für diesen Gedanken. Sie beendeten das Mittagessen in friedlichem Schweigen, das Abby und William nach einer Weile mit einem eigenen Gespräch füllten. Er ging nach einer kurzen Verabschiedung wieder ins Labor zurück, um weitere Zauber durchzugehen.

Kira ging nach dem Mittagessen nach oben und setzte sich in den Sessel am Fenster. In ihr tobten recht widersprüchliche Gefühle. Mitras hatte sie gelobt, für ihre Leistungen insgesamt und für ihren Vortrag zu den Pflanzen. Er hatte also doch zugehört, das machte sie glücklich. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass er sie und Abby gleich durchschaut hatte. Sie bewunderte ihn aber auch dafür. Und dann war da noch dieser Moment gewesen, als er ihr in die Augen geschaut hatte und sie bemerkt hatte, dass seine Augen ganz blau waren, mit kleinen Tupfern von eisgrau darin, und ziemlich gut aussahen, wenn er dabei lächelte, und sie hatte einen Moment lang das Gefühl gehabt, in diesen Augen zu versinken. Sie vergrub ihren Kopf zwischen ihren Händen. Dieses Gefühl von angezogen werden war ihr völlig neu. Er war schlau, und offenbar auch gutherzig und er hatte sich sogar für ein kleines bisschen rauen Tonfall bei ihr entschuldigt, das zeigte auch Größe, aber er war ja ihr Mentor. War es nicht ziemlich unanständig, sich dann von seinen Augen so angezogen zu fühlen? Warum sollte man sich überhaupt von einem Mann angezogen fühlen? Letztendlich waren Männer diejenigen, die die Welt bestimmten, über die Frauen bestimmten und taten, was sie wollten, sich nahmen, was sie wollten… hatte sie nicht geschworen, nie einem Mann gefallen zu wollen? Und jetzt saß sie hier und fragte sich, wie sie wohl von diesen Augen gesehen würde. Sie stöhnte leise und rieb sich die Stirn. Was war nur los mit ihr? Für einen kleinen Moment erlaubte sie sich, sich vorzustellen, er wäre nicht ihr Mentor und sie hätte die Akademie abgeschlossen. Ob er sie wahrnehmen würde? Dann schob sie diese Gedanken rasch von sich. Sie war magisch begabt, kein Mann würde ihr mehr Befehle geben können, sie war frei. Keine Heirat. Keine Familie. Und schon gar nicht angefasst werden. Lernen, Forschen, das war doch das Leben, von dem sie geträumt hatte, und sie würde es bekommen, dank Mitras, William und Abigail. Und irgendwie auch dank Johann, realisierte sie, und ein bisschen von ihrem Hass schmolz dahin. Ohne ihn wäre ich ja auch nicht hier. Und dann müsste ich mich jetzt auch nicht fragen, was ich denn jetzt gleich anziehe. Und das ist ja schon eine ziemlich luxuriöse Frage. Sie stand auf und ging zum Schrank, dabei fiel ihr Blick auf den Niggel, der immer noch auf dem Bett lag. Sie schaute auf die Uhr. Es war ja erst ein Uhr Mittags, und sie hatte noch viel Zeit bis zum Abendessen. In Mitras Haus galten wohl viele Regeln nicht, aber der Niggel enthielt ja auch Kapitel über Familienbanden und -umgang. Wenn sie es richtig einschätzte, würde Rieke, Mitras Schwester, sich in diesen komischen, warmherzigen, ständelosen Haushalt gut einfügen, und dann wären Tipps zum Umgang mit Menschen, die sich wie entfernte Verwandte erwiesen, wohl ganz gut. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, kuschelte sich ins Bett und nahm das Buch. Die Frage nach der Kleidung war eigentlich ja auch schon durch die Auswahl geklärt: Das Sternenkleid war noch nicht umgenäht, also blieben nur das burgunderfarbene und das grüne mit den Rüschen. Und da das grüne den modernen Schnitt hatte und ihre Taille schön zeigte, würde sie das nehmen. Zufrieden über ihre Entscheidung schlug sie den Niggel auf, suchte sich das Kapitel über Familien und begann zu lesen.

Mitras kam gut voran. Er hatte einen einfachen Wärmezauber auf einen seiner Elektrumzylinder gewirkt, aber eben so, dass nur eine bestimmte Region um ein paar Grad erwärmt wurde. Die Wärme breitete sich zwar langsam im Material aus, aber durch einen einfachen Magie erkennen Zauber konnte er den verzauberten Bereich genau beobachten. Zunächst blieb die Verzauberung an Ort und Stelle, dann aber fing sie an zu wandern. Er ging seine Geräte durch und stellte zufrieden fest, dass der Fluß der Magie sowie die Position des Zaubers genau aufgezeichnet wurden. Er verstand die Magie dahinter nicht genau, Hellsicht war nicht seine Stärke und Geräte wie diese oder auch die Spiegel konnte er beim besten Willen nicht selbst herstellen. Das war zwar etwas frustrierend, aber wenigstens konnte ihm in der Verwandlungsmagie kaum jemand etwas vor machen. Immerhin hatte er es geschafft, einen komplett neuen Stoff zu erschaffen. Es war zwar kein Gold, aber ohne dieses neue Element wäre die Legierung, aus der das Elektrum bestand, nicht möglich gewesen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er fast den ganzen Nachmittag durch gearbeitet hatte. Es war nun 17 Uhr und seine Schwester würde bald ankommen. Er überprüfte noch einmal alles, aber so wie es jetzt aussah, konnte er den Zauber sich selbst überlassen und sich auf die Geräte verlassen. Er ging in seine Gemächer und begann sich umzuziehen. Auch wenn seine Schwester die Förmlichkeiten in Adelskreisen nicht ausstehen konnte, so hatte sie doch eine Schwäche für Mode und schöne Kleider im speziellen. Er würde ihr also den Gefallen tun und sich ein wenig herausputzen. Er legte sich die Einzelteile auf dem Bett zurecht: Beginnend mit einfachen, blank polierten, schwarzen Lederschuhen mit weißen Strümpfen, dazu eine schlichte schwarze Hose aus weichem Seidenstoff. Es kam nicht viel gutes aus den Dschungeln im Süden, aber Seide wollte er nicht wieder missen, auch wenn sie sehr teuer war. Das türkisfarbende Hemd, dass er dazu legte, hatte eine um eine Handbreit nach rechts versetzte Knopfzeile und passte so irgendwie nicht zu Krawatten. So war es aber Mode und Krawatten konnte er eh nicht ausstehen. Der Kragen des Hemdes war steif übergeklappt und ragte nur schmal hoch, mit einem einzelnen Knopf an der Seite. Die Weste, die er dazu tragen wollte, war schwarz mit einem leichten silbrigen Schimmer. Auf der Knopfseite war der Ausschnitt ein wenig verschoben, so dass die Knopfzeile teilweise frei lag. Er hatte schon Leute gesehen, die dazu eine ebenfalls versetzte Fliege trugen, aber das gefiel ihn so gar nicht. Über Hemd und Weste würde er ein leichtes Seidenjackett, ebenfalls Türkis, tragen. Er hätte ja lieber etwas schlichteres gewählt als dieses doch schon sehr grelle Jackett, aber so trug man es gerade nun einmal. Kira hatte, soweit er wusste, bereits drei angepasste Kleider, aber auch wenn er auf die anderen neugierig war, hoffte er, dass sie sich für das grüne entscheiden würde. Er mochte das Kleid und fand, dass es ihr besonders gut stand. Das Läuten der Tür schreckte ihn aus seinen Gedanken heraus. Er war mit dem Ankleiden genau rechtzeitig fertig geworden und ging nun, um seine Schwester zu begrüßen.

Er öffnete seine Zimmertür und fand Kira im Türrahmen ihres Zimmers vor. Sie musste gerade erst herausgetreten sein, wirkte aber sehr unsicher. Er blickte sie an und ließ seine Augen einmal von oben nach unten wandern. Sie hatte ihre Haare teilweise nach hinten geflochten, wodurch ihr schmales Gesicht und die, wie ihm jetzt auffiel, hellgrünen Augen, die von leichten Sommersprossen umgeben waren und die sie dezent geschminkt hatte, besonders zur Geltung kamen. Dazu trug sie Ohrringe, die ähnlich der ihm schon bekannten Kette aus Muscheln geschliffen waren und eines der zwei anderen Kleider. Zu seiner Freude sah es aber dem grünen Kleid, das er schon kannte und mochte, sehr ähnlich. Das Oberteil lag eng an, war aber an der Brust mit Rüschen verziert, die sich auch in den leicht aufgebauschten Ärmeln wiederfanden. Es betonte ihre Oberweite, ohne vulgär zu wirken, fand er. Der Rock folgte der neusten Mode und hob die Taille hervor, indem er nach hinten hin ausladend wurde. „Sie sehen außerordentlich hübsch in dem Kleid aus, kein Grund schüchtern zu sein, kommen Sie. Wir gehen zusammen runter.“ sagte er und lächelte sie aufmunternd an.

Kira spürte, wie ihr die Röte leicht ins Gesicht stieg. Sie versuchte, möglichst freundlich zurück zu lächeln und spürte, wie ihr Herz klopfte. Ihr Magister sah umwerfend gut aus, fand sie, elegant und lebendig, aber auch ein wenig geheimnisvoll. Und sein Lächeln… Dass er ihr Kleid und ihre gesamte Aufmachung gut hieß, floß ihre Kehle herunter wie warme Milch und löste im Bauch ein leichtes Kribbeln aus. Gleichzeitig verspürte sie Erleichterung, immerhin hieß das, dass sie auch diesen ersten Test in Gesellschaftsdingen bestanden hatte. Mitras hielt ihr den Arm hin, und sie hakte sich ein und ließ sich von ihm die Galerie entlang führen.

Unten im Hausflur stand eine hochgewachsene Frau in einem blauen Kleid mit roten Stickereien. Sie hatte braune, glatte Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Als sie den Blick nach oben zur Galerie wandte, konnte Kira zwei Dinge feststellen. Erstens sah ihr Gesicht dem von Mitras erstaunlich ähnlich, wie eine weibliche Version von ihm, und zweitens hatte sie ein strahlendes, ungemein einnehmendes Lächeln. Sie war etwas schmaler als der Magister, aber wenn Kira sich nicht täuschte war sie größer als er, das ließ sich aus der Perspektive von der Treppe herab aber nicht so genau sagen. Das  Kleid, das sie trug, war aus einem feinen, glatten Stoff gewebt, fast so wie die Sachen, die Mitras anhatte, und war ähnlich dem geschnitten, das Kira selbst trug. Auffällig war allerdings der Schmuck, den sie im Haar und an den Ohren trug: Die Ohrringe waren kleine, goldene Bäume, die mit roten, glitzernden Steinen besetzt waren, und im Haar trug sie goldene Klammern, an denen kleine Blüten aus Gold saßen, in deren Mitte ebensolche Steine in größerer Ausführung funkelten. Kira war sich sicher, dass dieser Schmuck mehr wert war, als ihre Eltern in einem ganzen Jahr, vermutlich sogar in mehreren Jahren, verdienen konnten. Und Mitras Schwester trug ihn nicht zu einem Ball, sondern zu einem zwanglosen Familienabendessen!

Mitras strahlte nun richtig, wie Kira mit einem raschen Seitenblick feststellte, und wurde die letzten Treppenstufen schneller, so dass Kira nicht mehr hinterher kam und sich von ihm löste. Er umschlang Frederiekes Taille mit den Armen, wirbelte sie eine halbe Drehung herum und rief: „Rieke!“ „Hallo, lieber Bruder, ich freue mich auch, dich zu sehen.“ sagte sie lachend und etwas atemlos, als er sie wieder absetzte. „Es ist schön dich zu sehen und es tut mir Leid, dass ich den Ausflug absagen musste.“, entschuldigte Mitras sich, und seine Miene wurde rasch wieder ernst. „Meine Experimente liefen schlecht und nun muss ich die Ursache herausfinden und einen Bericht an die Generalität verfassen, bevor sich einer von deren stümperhaften Blitzewerfern noch selbst in die Luft sprengt.“ Kira blieb zögernd auf der Treppe stehen. Mitras drehte sich nun wieder zu ihr herum und sagte: „Und das hier, Frederieke, ist meine neue Schülerin Kira Silva aus Bispar. Zukünftige Magierin der Gilde der Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie.“ Kira knickste höflich wie vor einer Gleichrangigen. Sie war sich eigentlich gar nicht sicher, wie sie und Frederieke zueinander standen. Bis vor ihrer Entdeckung als Magierin war Kira zwar vom gleichen Stand wie sie gewesen, nämlich nicht adelig und frei, aber gemessen am Reichtum war Frederieke ihr offenbar haushoch überlegen. Die Tatsache, dass Kira magisch war, adelte sie zwar und erhob sie somit über die nichtadelige Frau, nur hatte sie bisher außer einem fürchterlich schief gelaufenen Zauber nichts bewiesen, also war sie als Discipula der reichen Handelstochter vermutlich gleichgestellt. Frederieke lächelte sie freundlich an und erwiderte den Knicks. „Hat mein Bruder also endlich mal jemanden, der sein Haus nicht nur erwärmt, sondern auch aufhellt! Ich freue mich, Sie treffen zu dürfen!“ Kira wusste nicht recht, was sie mit der Bemerkung anfangen sollte, aber sie spürte Wärme und Herzlichkeit und antwortete daher ehrlich: „Die Freude ist ganz meinerseits.“ Die ältere Frau blickte sie einen Moment prüfend an. „So, und da wir uns jetzt vorgestellt haben, lassen wir die ganze fürchterliche Förmlichkeit doch einfach. Du gehörst jetzt ja quasi zur Familie, also nenn mich Rieke.“ sagte sie dann resolut, öffnete die Arme und zog die verblüffte Kira an sich. Diese stand völlig überrumpelt da und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Hilfesuchend blickte sie zu Mitras, doch der lachte bei ihrem Blick nur. „Tut mir leid, vielleicht hätte ich Sie warnen sollen. Meine Schwester kann diese ganze Förmlichkeit nicht ausstehen und ist auch generell ein sehr herzlicher Mensch.“ Kira nickte. „Ähh… danke?“, sagte sie, zu Frederieke gewandt. „Tut mir leid, ich bin nicht gewohnt, dass Menschen so freundlich zu Fremden sind. Aber ich glaube, Ihre ganze Familie scheint so zu sein. Ich bin auf jeden Fall von den Geistern gesegnet, bei solchen Menschen zu landen.“ Frederieke lachte und zuckte mit den Schultern. „Na, wenn du die Aussage nicht irgendwann nochmal bereust. Mein Bruder hier ist ein ziemlicher Einsiedler, da hilft auch alle Freundlichkeit nicht, da versauert man glatt.“ Sie grinste Mitras herausfordernd an. „Aber jetzt bin ich ja da. Und wenn es zu eintönig wird, bringe ich meine Kinder mit, dann ist es nie langweilig.“ Mitras verdrehte die Augen, er schien nicht so der Freund kleiner Kinder zu sein. Kira hingegen fand die Aussicht, mit Kindern spielen zu können, ziemlich reizvoll, sie mochte Kinder. „Wo essen wir?“, fuhr Frederieke fort. „Ich freue mich schon den ganzen Tag auf Williams Küche.“ „Im Saal“, antwortete Mitras und öffnete die Türen, verbeugte sich möglichst steif und sagte mit einem ironisch versnobten Unterton: „Wenn ich die Damen nun bitten dürfte. Es ist angerichtet.“ Frederieke ignorierte seinen Ton und seine Verbeugung und klatschte freudig in die Hände, um an ihm vorbei in den Saal zu eilen. Kira fragte sich, wie alt sie war. Sie wirkte fast selber noch kindlich in ihrem direkten und aufgedrehten Verhalten, aber sah eher wie Mitte zwanzig aus. Auf jeden Fall war sie ganz anders als alle, die sie sonst kannte. Sie folgte ihr in den Saal, der tatsächlich von Abigail und William vorbereitet worden war. Der Tisch war für sechs Personen gedeckt und auch ein wenig dekoriert mit getrockneten Blumen und einigen Steinen auf einem langen Läufer. Tobey saß bereits an der rechten Seite und wurde von Frederieke freundlich begrüßt. Mitras folgte Kira und deutete ihr mit einer Handbewegung, sie solle sich neben Tobey setzen. Er selbst setzte sich mit Frederieke ihr gegenüber. Abby, die ihnen gefolgt war, nahm von einem Beistelltisch eine Flasche Wein und begann, die Gläser zu füllen. Nicht lang danach trat auch William herein und brachte einen Braten und diverse Beilagen, die die Gesellschaft alsbald auf den Tellern hatte. Kira genoß das Essen. Frederieke plauderte mit William, Abby und Tobey, und ab und zu neckte sie ihren Bruder, der jedoch ihre Spitzen mit würdevollem Schmunzeln versickern ließ. Kira entspannte sich. Sie kannte solche Familienessen zumeist nur als Spießrutenlauf, bei denen erbittert diskutiert wurde, wer in der vergangenen Woche sich am meisten verdient gemacht hatte, und natürlich war sie immer diejenige gewesen, die, obwohl sie im Haus und Garten durchaus viel gearbeitet hatte, als am wenigsten verdienstvoll angesehen wurde, denn Hausarbeit brachte nunmal kein Geld ein. Hier jedoch schien es wirklich um das Zusammensein zu gehen, um das gute Essen, um den Austausch von Informationen. Es war neu, aber Kira wusste, dass sie diese Art von Familienessen ab sofort jeden Silenz vermissen würde.

Als sie beim Nachtisch saßen – geeiste Früchte mit einer hellen, sehr leckeren Soße mit einem Gewürz, das Kira nicht kannte – wandte sich Rieke wieder an Kira. „Du kommst also aus Bispar, ja? Das ist in der Provinz Burnias, oder?“ Kira nickte. „Ja. Ich bin überrascht, woher kennen Sie es?“ Rieke runzelte missbilligend die Stirn. „Du, bitte, ja? Du brauchst mich nicht zu siezen, da komme ich mir wie eine alte, runzelige Frau vor. So viel Spießigkeit steht höchstens meinem Bruder hier. Ja, Bispar – meine Familie ist im Schmuckgeschäft, und ich habe vor einigen Jahren eine Reise durch die Nordprovinzen gemacht, um neue Partner für den Erwerb von Baumgold zu finden. Hat Mitras dir nichts von seiner Familie erzählt?“ Kira schüttelte den Kopf. „Aber das ist ja auch etwas eher privates…“ „Es ist so typisch!“, beschwerte Frederieke sich, ihren Einwand ignorierend. „Also, in Kürze: Unser gemeinsamer Vater handelt mit Schmuck und Edelsteinen, und seitdem unser Land nun schon seit über 72 Jahren keinen Krieg mehr gesehen hat, ist das auch ein recht erträgliches Geschäft. Ich hatte das Glück, in genau diesem Bereich meinen Mann Niclas zu treffen, der ein Künstler und Goldschmied von besonderer Güte ist. Diese Ohrringe zum Beispiel, die hat er mir zur Geburt unserer Tochter geschenkt.“ Sie zog einen ihrer Ohrringe vom Ohr und reichte ihn Kira, die nun sah, dass die kleinen roten Steine Äpfel darstellten. „Es ist wunderschön, und so unglaublich filigran gearbeitet.“, sagte sie, und reichte den Ohrring vorsichtig an Rieke zurück, die über das Lob sichtlich zufrieden war und den Ohrring vorsichtig wieder ansteckte. „Die Blüten im Haar hat er dann gemacht, als unser kleiner Julius kam. Ich trage sie oft, wenn ich zur Familie gehe, weil es für mich Familienschmuck ist. Nicht, dass du denkst, ich müsse hier mit dem ganzen Gold angeben.“ „Du tust es aber trotzdem“, sagte Mitras trocken, woraufhin Frederieke schnaubte und eine Servierette nach ihm warf. „Ich habe wenigstens Kinder und sehe meine Familie täglich. Und was siehst du? Steine und Metall und William! Nicht mal Papa guckt so viel auf irgendwelche Steine wie du!“ „Abby und Tobey sieht er auch manchmal“, wandte William ein, was Frederieke und Abby zum Lachen brachte, selbst Kira musste grinsen und Tobey hustete plötzlich verdächtig. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, wandte sich Frederieke an Kira: „Was machen deine Eltern?“ „Sie handeln auch, allerdings haben wir nur einen kleinen Kontor und einen Laden im Dorf, in dem man alles notwendige zum Leben kaufen kann, Töpfe, Pfannen, Kleidung und auch allerlei Lebensmittel. Mein Vater und meine Brüder reisen auch viel, um Waren aus unserer Gegend in den Süden zu bringen, und meine Mutter führt dann den Laden und die Geschäfte im Dorf.“ „Oh, stammt deine Familie dann noch von den Skir ab, wegen deiner Haare und wenn deine Mutter die Geschäfte daheim regelt?“ Kira wurde rot. „Nein, ich glaub nicht. Meine Haare sind vermutlich einfach nur eine unglückliche Laune der Natur. Außer mir sehen alle normal aus, und meine Großeltern stammen aus Flate. Zumindest die, die ich kenne. Mein Großvater väterlichseits ist aus Pasrino nach Burnias gesiedelt, als das Land gerade neu erschlossen wurde, weil ihm vom neuen Lehnsherren in Lührenburg die Handelslizenz zugesprochen worden ist, aber er starb vor meiner Geburt, und meine Großmutter…“ Kira dachte kurz nach. „Über sie weiß ich eigentlich nichts. Sie starb, als mein Vater noch jung war. Lebte Ih… deine Familie immer schon im Hochland?“ Rieke nickte. „Unser Stammbaum reicht sogar noch ins alte Reich, und alle waren immer Händler. Mario, unserer ältester Bruder, wird den Schmuckkontor übernehmen, so dass „Venaris – Gold und Edelsteine“ nicht aussterben wird. Hast du Geschwister?“ „Ich habe auch zwei Brüder, einen älteren, Adrian, und einen jüngeren, Torge.“ „Oh, dann vermissen die dich jetzt bestimmt, oder?“ Kira schaute nach unten und schwieg einen Moment. „Weiß ich nicht…“, sagte sie dann leise. Sie spürte die Blicke aller am Tisch auf sich ruhen. „Adrian war nicht da, als der Unfall passierte, und Torge und ich… naja… wir sind noch nie so gut miteinander ausgekommen.“ „Das kommt in allen Familien vor“, half Tobey ihr aus der Verlegenheit. „Ich hab auch einen Bruder, den ich wirklich nicht leiden kann.“ Abby lachte. „Du hast aber auch acht Brüder und zwei Schwestern!“ „So viele?“, staunte Kira, dankbar, das Thema wechseln zu können. Tobey schmunzelte. „Na klar! Meine Eltern haben fleißig dazu beigetragen, das große Reich Rorestadia zu vergrößern… dumm nur, dass die Hälfte ihrer Kinder dann nach Albion ausgewandert ist.“ Er nahm sich noch einen Schluck Wein und erzählte dann zu Kiras Begeisterterung eine Geschichte aus seiner Kindheit, bei der sie den zweitjünsten Bruder der großen Familie einmal auf einem Markt vergessen hatten und beinahe ohne ihn wieder nach Hause gefahren wären. „Bei so vielen Kindern, sagte meine Mutter, ist es wie mit einer Schachtel Mehlwürmer – ob einer fehlt, siehst du erst, wenn du sie alle auf die Angelhaken gefädelt hast!“ Alle lachten, aber Kira fiel auf, dass Mitras zwar schmunzelte, aber dabei nicht Tobey, sondern sie anschaute.

Mitras lauschte Tobeys Geschichte nur mit einem halben Ohr. Er kannte sie schon, ebenso wie Abby und William, aber normalerweise hörte man den Geschichten von Tobey auch dann gerne zu, wenn er sie zum dritten Mal erzählte. Tobey war ein begnadeter Erzähler. Doch etwas an Kiras Antwort auf seine Schwester hatte ihn stutzig gemacht. Unfall. Warum bezeichnete sie ihre Magieentdeckung – denn davon hatte sie ja offenbar gesprochen – als Unfall? Seines Wissens nach hatte sie einen Dorfjungen, einen jungen Adeligen aus der Provinz namens Johann di Lohnas, angegriffen und ihm im Gerangel die rechte Hand samt Sehnen und Knochen verbogen. Der Bericht sprach davon, dass sie bereits vorher durch zahlreiche aggressive Handlungen gegenüber den Dorfbewohnern aufgefallen sei, deswegen hatte er bisher nicht weiter hinterfragt, warum sie einen Kameraden angegriffen haben könnte. Doch so wie er sie kennengelernt hatte, konnte er sich dieses Bild von ihr immer schlechter vorstellen. Der Bericht und seine Beobachtungen passten einfach nicht zusammen. Ebensowenig wie die Bezeichnung eines von ihr ausgehenden Angriffes als Unfall. Er beobachtete sie, wie sie mit vom Wein geröteten Wangen da saß und über Tobeys Erzählung kicherte. Sie wirkte einfach nicht aggressiv. Sie hatte geweint, als er sie kritisiert hatte, nicht sich verteidigt, das passte doch nicht zu einer eher aggressiven Person. Des Weiteren hörte er aus ihren doch sehr sporadischen Erzählungen von zu Hause heraus, dass sie wenig Anschluss an das Dorf oder ihre Familie hatte. Warum bezeichnete sie ihre roten Haare als unnormal, ja sogar unglücklich? Er hatte immer gedacht, Skirvorfahren zu haben, sei in den Provinzen völlig normal. Im Osten lebten ja auch viele Menschen, die zuvor zum Reich Roestadia gehörten und Angshire Vorfahren hatten. Konnte es sein, dass die Familie sie ausgeschlossen hatte, vielleicht auch, weil sie anders aussah? Von ihrem Bruder Adrian wohl nicht, ihre Stimmfarbe klang liebevoll, wenn sie vom ihm sprach. Er würde wohl weiter gute Gelegenheiten abwarten müssen, um mehr von ihr zu erfahren, bis er von Titus was hören würde, könnte es noch Wochen dauern. 

Tobey beendete seine Geschichte und gähnte dann. „Meine lieben Herrschaften, Ladys, es freut mich, euch erheitert zu haben, aber ich werde mich verabschieden müssen.“ Rieke schaute auf die Uhr. „Ach, herrjeh, ja. Mitras, kannst du mich noch zum Kutschenstand begleiten? Es ist schon so spät und ich habe Niclas versprochen, nicht zu spät nach Hause zu kommen.“ Mitras nickte. Der Kutschenstand war an der großen Kreuzung, eigentlich musste man nur einmal um das Haus herumgehen, aber im Dunkeln war es definitiv besser, sie nicht alleine gehen zu lassen. Sie lösten die Tafel auf, die Geschwister zogen sich Mäntel an und traten nach draußen in die kalte, leicht verregnete Winternacht. „Sie ist nett, deine neue Schülerin.“, sagte Rieke, als sie um die Ecke bogen. „Ja, das ist sie, aber sie ist auch sehr in sich gekehrt und taut nur langsam auf. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass einige Geheimnisse sie umgeben. Ich habe mir jedenfalls noch keine abschließende Meinung gebildet. Sie weist aber ein großes Potential auf. Das nächste Jahr wird jedenfalls interessant.“ Rieke lächelte. „Geheimnisse, huh? Vielleicht ist sie auch einfach 17, das erste Mal weit weg von zuhause und von deinem ständigen Siezen und deinem Gehabe einfach verschüchtert. Du siehst immer überall Komplotte und Verschwörungen, seitdem du bei Thadeus in die Lehre gegangen bist. Aber entspann dich doch einfach. Das Schicksal hat dir eine schöne Schülerin mit viel Potential ins Haus gespült. Da kannst du dich auch einfach mal freuen.“ „Ja, aber…“, setzte Mitras an. „Shhh!“ Rieke legte ihm einen Finger auf den Mund. „Mach mal kein aber. Genieß einfach, dass du jetzt wieder eine hübsche Frau hast, mit der du deine magischen Tricks und Spielereien diskutieren kannst. Vielleicht fällt ihr ja auch was ein, wie sie dir helfen kann mit deiner ganzen Paranoia.“ Mitras zweifelte, dass Kira ihm bei irgendwas eine Hilfe sein würde, zumindest nicht in diesem ersten Jahr, aber er wusste auch, dass es nutzlos war, Rieke zu widersprechen. Auch nicht darin, dass Magie nicht aus Tricks bestand. Also winkte er ihr eine Kutsche heran, verabschiedete sich und ging dann rasch wieder nach Hause. Das Wetter war wirklich ungemütlich, da wollte man auf keinen Fall länger draußen bleiben.

Kira war bereits nach oben gegangen und Abby war Tobey nach drüben gefolgt. Nur William räumte noch in der Küche auf. Er dankte ihm noch einmal für das wunderbare Essen und  wünschte eine gute Nacht. Oben  in seinen Gemächern machte er sich kurz frisch, zog sich halb aus und ließ sich nur noch in einem Unterhemd und der Hose auf einen Sessel fallen. Vielleicht sollte er auf seine Schwester hören und die ganze Sache etwas entspannter angehen. Kira war ja nun wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Aber eines ließ ihn keine Ruhe, was hatte seine Schwester gesagt? Er hatte jetzt eine hübsche Frau im Haus? Er dachte an Claudia, seine erste Partnerin. Sie hatte nie in seinem Haus gelebt. Vielleicht war das auch ein Grund gewesen, warum ihre Beziehung nie recht geklappt hatte, warum sie letztendlich seinen Heiratsantrag so theatralisch abgelehnt hatte. Seitdem war er wirklich ziemlich alleine. Auch seine alten Freunde hatte er schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, fiel ihm auf. Früher hatten sie sich öfters getroffen, als sie noch zur Schule gingen, zum Lernen und für die anderen, körperlichen Annehmlichkeiten, aber die Arbeit am Elektrum und am Generator hatte ihn die Einladungen immer wieder ausschlagen lassen – und irgendwann hatte es wohl keine mehr gegeben. Er seufzte. Seine Schwester hatte Recht, er war zu oft allein. Und jetzt war da Kira. Sicher ihm war schon öfter aufgefallen, dass sie auf eine gewisse Weise schön anzusehen war, aber er hatte noch nie richtig darüber nachgedacht. Nein, du hast es nicht zugelassen, dass du da näher drüber nachdenkst, schoß es ihm durch den Kopf. Unruhig ob dieser Gedanken setzte er sich an seinen Spiegel und ehe er so recht wusste wieso, hatte er die Formel gemurmelt, die nötigen Gesten vollführt, den Spiegel am geheimen Siegel berührt und ließ seine Magie hineinfließen. Eine weitere Bewegung später sah er in Kiras Zimmer. Sie hatte das Kleid ausgezogen und saß in ihrem Unterkleid am Schreibtisch, fast schon außerhalb des Winkels, den er einsehen konnte, und blätterte in einem Buch. Von hier konnte er nicht sehen in welchem, aber es musste wohl eines der Lehrbücher sein. Auf dem Nachttisch entdeckte er ein Buch, dass er noch nicht kannte, sie hatte die Bibliothek also schon genutzt. Warum auch nicht. Ein wenig Zerstreuung war sicher nicht verkehrt. Ich sollte auch mal wieder etwas entspannendes lesen. Während er noch über die Auswahl seiner Bücher nachdachte, stand sie auf und ging quer durch den Raum. Sie ging in die Toilette und kam nach kurzer Zeit mit einem Krug wieder heraus und stellte ihn auf den kleinen Tisch mit der Schale. Sie drehte sich mit dem Rücken zu ihm zum Kleiderschrank und fing an, ihr Untergewand zu öffnen. Mitras registrierte es in Gedanken versunken erst gar nicht, was er da sah, und dann waren ihre Schultern schon entblößt. Das Kleid glitt langsam an ihr herunter und legte ihren Rücken frei. Er staunte ob der makellosen, hellen, jugendlichen Haut und war ganz hingerissen von dem Anblick. Als das Kleid dann aber auf ihre Hüften glitt und sie es vollends nach unten streifen wollte, kam er wieder zur Besinnung und realisierte, was er da gerade tat. Er wischte so schnell über den Spiegel, dass er dabei eines der Duftfläschchen, die daneben standen, herunter riss. Es klirrte zu Boden, brach aber den Geistern sei Dank nicht. Fluchend bückte er sich, hob es wieder auf und starrte dann einen Moment auf sein Spiegelbild, das nun wieder zu sehen war. Eine hübsche Frau. Herrjeh, was hatte Frederieke da nur angerichtet!

Im Waschbecken stand noch ein Rest kaltes Wasser. Er nahm sich etwas davon und spritzte es sich ins Gesicht, um wieder klar zu werden. Immerhin musste er sich auch noch um den Generator kümmern. Dieser Gedanke kühlte ihn noch besser ab als das Wasser. Zähneknirschend machte er sich fertig und begann in seinem Zimmer mit der nötigen Meditation. ​​​​​​

Rückschläge – 9. Lunet 242 (Schengstag)

Als Mitras am nächsten Tag erwachte, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Laden war reibungslos verlaufen und er hatte sich nach dem Frühstück wieder hingelegt um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Kira hatte sich nicht zum Frühstücken zu ihm gesellt, aber er war zu müde gewesen, um sich darüber zu wundern. Der Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor elf Uhr war. Gerade mal zwei Stunden Schlaf waren nicht eben viel. Er blickte sich weiter um und sah dann die Alarmglyphe am Spiegel. Entweder im Labor oder am Generator war irgendetwas schief gelaufen. Er sprang vom Bett und sammelte bereits die nötige Magie, um den Spiegel zu aktivieren. Eine kurze Formel, gefolgt von einer Geste und sein Bild verschwamm. Neben der roten Glyphe erschienen weitere mit Symbolen für die anderen Spiegel, durch die er von hier blicken konnte und er wählte schnell den kleinen Spiegel, der dem Generator gegenüber an der Wand hing. Beruhigt stellte er fest, dass alles in Ordnung war, also das Labor. Er berührte die entsprechende  Rune und sah die beiden Testgeneratoren. Der bereits aktivierte wies eine große Beule an der Oberseite auf und eines der Probegeräte war umgeworfen worden. Auf dem Ampermeter war kein Stromfluss mehr abzulesen. Er deaktivierte den Spiegel und schnappte sich schnell ein paar Sachen zum anziehen. Sobald er fertig war, hastete er zum Keller. Was war nur schief gegangen? Er hatte den Zauber doch genau analysiert. Wieso war es jetzt zu dieser Panne gekommen? 

Im Keller angekommen öffnete er schnell die Geheimtür und eilte ins Labor. Hastig wirkte er magische Sicht, um zu überprüfen ob der Zauber noch wirkte, aber außer von den Messgeräten nahm er keinerlei magische Energie wahr. Das Führungsrohr für das Elektrum war zu den Seiten hin offen und er blickte hinein. Der Zylinder war anscheinend leicht nach oben gekippt, hatte das hintere Lager zerstört und war dann in den oberen Rumpf gekracht. Die am Gehäuse angebrachten Eisenschienen hatten den Zauber dann anscheinend geerdet, so dass nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde. Mitras fluchte: „Verdammt! Was bei allen Geistern der Erde…!“ Das umgefallene Gerät war zum Glück aus Silber und enthielt keine empfindlichen Glasteile. Es war weder verbogen, noch hätte etwas daran zerspringen können. Nachdem er das Gerät wieder aufgerichtet hatte, murmelte er: „Gut, wenigstens sind die Instrumente alle noch intakt. Der Generator lässt sich ersetzen, aber die Geräte kosten ein Vermögen. Gut zu wissen, dass die Eisenbänder geholfen haben. Gut, Mitras, das wird schon. Sammel dich und dann lass uns herausfinden, was hier passiert ist.“ Noch etwas fahrig, sog er tief die Luft ein und sammelte sich. Die nächste Stunde verbrachte er damit, die magischen Sensoren zu analysieren und ihre Ergebnisse auszuwerten. Es war ein mühsamer Prozess, der immer wieder das Wirken von Hellsichtszaubern und anderen Analysezaubern erforderte, die wirklich nicht seine Spezialität waren. Doch langsam eröffnete sich ihm, was passiert war. Anscheinend hatte der Zauber anfangs gut funktioniert, aber dann schien er sich von der Stelle, an der er angeheftet war, zu lösen. Die Wirkung verlagerte sich und plötzlich wurde der Zylinder vom Zauber gegen die Oberseite geschmettert. Dabei war die Wucht so groß, dass die Lagerung, in die der Zylinder eingespannt war, komplett zerrissen wurde. Danach erfolgten noch weitere Schläge, bis der Mantel riss und das Elektrum gegen die magische Erdung stieß.

Kira erwachte erholt. Sie kuschelte sich noch einen Moment in die Decken, dann blinzelte sie sich wach. Draußen war es noch dunkel. Vorsichtig angelte sie nach der Lampe neben ihrem Bett und knipste sie an. Nach einer Weile wurde es so hell im Zimmer, dass sie die Uhr auf dem Schreibtisch lesen konnte. Es war viertel vor sieben. Kein Wunder, dass sie sich so erholt fühlte. Sie lauschte einen Moment, im Haus war es ziemlich still. Sie lächelte in sich hinein. Jetzt gleich mit Mathematik anzufangen, klang gar nicht so verlockend, aber da sie wach war, könnte sie ja in dem Buch von Niggel lesen. Sie knautschte sich das Kissen zurecht, lehnte sich gemütlich an und begann, das erste Kapitel zu lesen. Neben langatmigen Ausführungen zur richtigen Einstellung, etwa dem richtigen Maß an Bescheidenheit oder der Grundeinstellung zu Vertrautheit, gab es eine Einführung in Stände, Ränge, Titel und unterschiedliche Anreden. Ab und zu ließ sie das Buch sinken und übte die Formulierungen oder Gesten, die sie fand. „Sehr wohl, Mylord.“ Es war, so ganz allein und im Schlafanzug im Bett sitzend, manchmal ein bisschen albern, also kicherte sie zeitweise leise in sich hinein. Nach einer längeren Weile, draußen war es schon hell geworden, hörte sie Schritte auf dem Flur näherkommen und dann eine Tür, aber dann wurde es wieder ruhig. Offenbar war Mitras von unten hochgekommen und in sein Zimmer gegangen. Vielleicht war er beim Generator gewesen? Was hatte der dann den Rest der Nacht gemacht? Gestern abend, als sie schlafen ging, war er ja anscheinend in seinem Zimmer gewesen… Kira grübelte, beschloß dann aber, ihn einfach beim abendlichen Bericht zu fragen. Sie schaute auf die Uhr und erschrak. Es war schon neun, sie hatte das Frühstück vergessen! Rasch legte sie sich ein Lesezeichen in das Buch und stand auf. Nach einer kleinen Wäsche zog sie sich an. Ihr Kleid von gestern war noch sauber genug, beschloß sie, und ging dann rasch nach unten. In der Küche stand William und knetete einen Teig. Auf der Arbeitsfläche stand wieder ein Frühstückstablett mit einem Zweig, allerdings war es diesmal ein schön gebogener Zweig eines Stechbusches, mit kleinen roten Früchten daran. „Na, ausgeschlafen?“, lachte er sie an. Kira lief feuerrot an. „Entschuldige, ich habe gelesen und die Zeit vergessen.“ William rollte die Augen, lachte aber weiterhin. „Du bist meine Lady, schon vergessen? Du musst dich für nichts entschuldigen oder rechtfertigen. Mitras hat eben gegessen, aber der war so fertig, der wäre eh keine Gesellschaft für dich gewesen. Ich würde dir ja Gesellschaft leisten, aber wie du siehst, sind meine Hände gerade anderweitig gebunden.“ Er hob die Hände voller Teig hoch. Kira trat neugierig heran und linste in die Schüssel. „Was wird das denn?“ „Kekse!“, verkündete William. „Gehörst du auch zu den Mädchen, die ungemein gerne Kekse ausstechen?“ Kira nickte begeistert. „Na, dann musst du wohl heute nachmittag wieder herkommen und mit mir Kekse ausstechen.“ Kira grinste ihn an und machte einen kleinen Knicks, wie er laut Niggel für gleichrangige Adelige genutzt wurde. „Mein Herr, es wäre mir eine Freude, Ihnen behilflich sein zu dürfen.“ William zog kurz die Augenbrauen hoch und lachte dann. „Oh, hat unsere Lady also vor, den alten William noch zu adeln?“ Kira schüttelte den Kopf. „Aber hat man das erkannt? Ich habe ein Buch über Begrüßungen und andere Regeln ausgeliehen und wollte nur üben… “ William nickte, nun ernst geworden. „Ja, das hat Mitras früher auch mit mir gemacht. Ich musste alles mögliche sein, ich glaube, ich kannte den Niggel nachher besser als er selber.“ Kira blickte ihn erstaunt an. „Ist Magister Mitras nicht von Geburt an adelig gewesen?“ „Nein, seine Familie ist zwar immer schon ganz gut gestellt gewesen, aber die Venaris waren bis zu Mitras eine Händlerfamilie ohne viele magische Sprösslinge. Du hättest seine Mutter sehen müssen, als Lord Christobal mit ihm im Schlepptau ankam und ihr eröffnete, er habe in seinem Garten die Erde magisch verformt.“ William gluckste bei der Erinnerung. „Sie brach mitten in ihrer Entschuldigungsflut ab und fragte ihn: Verzeiht, Mylord, aber was haben Sie gesagt? Magisch? Unser Mitras ist magisch? Und als er ihr es bestätigte, ist sie beinahe vor Aufregung in Ohnmacht gefallen!“ Kira musste unwillkürlich bei seiner Erzählung mitlachen, doch schon rasch obsiegte ihre Neugierde. „Ihr kennt euch schon so lange?“ „Seitdem wir Pferdeäpfel auf Kutschen werfen konnten.“, sagte William sichtlich stolz. „Aber, Lady Kira, ihr solltet nun wirklich essen. Ewig bleibt der Tee auch auf dem Stöfchen im Esszimmer nicht warm.“ Kira zögerte, eigentlich interessierte sie die Vergangenheit ihrer neuen Mitbewohner sehr. Aber William hatte sich schon wieder seinem Teig zugewandt, also ging sie ins Esszimmer und frühstückte. Was Magister Mitras wohl für ein Junge gewesen war? Pferdeäpfel klang irgendwie wild, gar nicht so beherrscht und beherrschend, wie er ihr jetzt vorkam. Es klang fast wie sie selber… Sie grinste bei den Erinnerungen an die zahllosen Streiche, die sie den anderen Dorfbewohnern gespielt hatte, ohne dass diese je wussten, wer es gewesen war. So wie sie den Sturm hatte kommen sehen, konnte sie oft an guten Tagen auch dafür sorgen, dass andere sie gar nicht so gut sahen, indem sie sich dunkle Kleidung aus dem Schrank ihres jüngeren Bruders holte und sich hinter Sträuchern, Bäumen oder Ecken verbarg. Und dann hatte der Schlachter, ein grober Mann, der Kira oft genug anfauchte, schonmal plötzlich einige Pferdeäpfel auf dem Kutschensitz gehabt, gerade, als er wieder mal besonders gut aussehen wollte, um eine Durchreisende zu beeindrucken… oder Bauer Bohnsack, der nie rausgefunden hatte, wer ihm die weißen Puderbomben auf den schwarzen Anzug geworfen hatte und warum… Kira kicherte. Sie hatte gewusst, warum: Immerhin hatte er zuvor Bruder Harras als Nichtsnutz bezeichnet. Ja, das war lustig gewesen. Und verdient dazu. Sie fragte sich bis heute, wie sie aus der Entfernung vom Dach des Hauses ihrer Eltern aus eigentlich genau ihn und nicht seine neben ihm laufende Frau getroffen hatte, aber der Effekt war auf jeden Fall hervorragend. Wie der geschimpft hatte! Gut gelaunt beendete Kira ihr Frühstück und ging nach oben. Mathematik würde sie ja auch nachher machen können, erstmal stand ihr zweites Lieblingsgebiet, Flora und Fauna, an. Sie angelte sich ein neues Heft für Notizen, schlug das erste Kapitel auf und begann zu lesen.

Sowohl Pflanzen als auch Tiere Albions unterschieden sich in verschiedene Gattungen und Arten. Einige Arten wiederum entwickelten, ähnlich wie bei den Menschen, Unterarten, die mit der Magie von Gäa auf unterschiedliche Art interagierten. Sie konnten sie aufnehmen und speichern, beeinflussen oder sogar für bewusste Zauber nutzen. Kira studierte kurz das Inhaltsverzeichnis und entschied sich dann, für den heutigen Abend einen Vortrag zu den Pflanzen vorzubereiten, die magische Energie speichern konnten und somit gerade in der Alchemie von Interesse waren. Das würde Magister Mitras vermutlich auch interessieren, und sie wusste bisher sehr wenig darüber.

Als sie nach etwas mehr als einer Stunde gerade dabei war, eine Übersicht über die verschiedenen Speicherungsvarianten anzulegen, hörte sie plötzlich, wie es draußen heftig rumpelte. Neugierig stand sie auf und öffnete ihre Tür. Auf dem Flur war niemand. Doch dann wurde die Tür von Mitras Schlafgemach aufgestoßen, und Mitras eilte ohne sich umzusehen die Galerie entlang. Er trug eine Hose, war aber barfuß, und sein Hemd steckte er im Laufen in den Hosenbund. Kira folgte ihm. Was war los? Mitras hastete die Treppe herunter und dann in den Keller. Nun war Kira ernsthaft neugierig, auch wenn sie diese Neugierde zumeist nur in schwierige Situationen brachte. Was war im Keller, das so eine Eile auslösen konnte? Sie zögerte kurz. Sie war erst kurz hier, sie sollte nicht spionieren. Doch die Neugierde siegte auch dieses Mal, und so folgte sie ihm vorsichtig. Im Keller war es dunkel, so dass sie eine Weile warten musste, ehe sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann stellte sie fest, dass sie quasi vor einer Mauer stand. Oder, genauer gesagt, die Mauer stand vor ihr, nämlich am Ende der Treppe. Über das Holzgeländer hinweg konnte Kira sehen, dass rechts von ihr ein kleiner, ziemlicher leerer Raum lag, von dem wieder ein Flur abging, wie er auch in den beiden oberen Geschossen lag. Die Mauer vor ihr war, wie sich bei näherer Betrachtung ergab, eigentlich wohl eine Tür, die gerade offen stand. Eine Geheimtür, schoß es ihr durch den Kopf, und sie blieb zögernd auf der Treppe stehen. Sie sollte nicht hier sein. Egal, rief die Stimme in ihrem Kopf. Du solltest auch keine Farbbomben werfen, und das hast du trotzdem gemacht, und auch zu Recht. Sie holte Luft. Ok, dann aber ganz vorsichtig, sagte sie zu sich selber, und begann tief und ruhig durch die Nase zu atmen, wie sie es als Kind so oft getan hatte, wenn sie unentdeckt bleiben wollte. Dann drückte sie sich vorsichtig an der Tür vorbei und lugte in den Raum dahinter. Er glich ein wenig dem Labor oben, nur dass die Mauern hier nicht verputzt waren. Rechts von ihr stand ein einfaches Regal voller Schubladen mit metallenen Teilen und Werkzeugen. Vor ihr war eine Art Ritualkreis in den Boden gemeißelt und weiter links stand ein Schreibtisch an der Wand. Es war der gleiche Tisch, der auch oben im Labor ihrem Magister als Arbeitsplatz diente. An der Wand daneben war ein weiteres großes Regal. Dieses war voller Schubladen, sie konnte in dem schummrigen Licht erkennen, dass aus einigen Büschel von Kräutern herauslugten. Ganz langsam schob sie ihren Kopf weiter in den Raum hinein und lugte vorsichtig um die Ecke. Sie konnte Mitras nach wie vor nirgends entdecken, sah nun aber, dass der Raum noch eine Nebenkammer hatte, die mit einem schweren Netz abgetrennt war. Der Bereich schien besser erleuchtet, zumindest glitzerte das Licht durch den Vorhang, und Kira sah eine Bewegung dahinter. Rasch zog sie den Kopf zurück, auch wenn Mitras sie sicher nicht hatte sehen können. Ihr Herz klopfte. „Verdammt! Was bei allen Geistern der Erde…!“  schallte es aus dem Raum, was sie heftig zusammenzucken ließ. Dann hörte sie etwas rumpeln und klirren. Ob dort etwas kaputt gegangen war? Stand dort der Generator? Vorsichtig schaute Kira noch einmal in dem Raum. Das Licht war ja noch an, also war der Strom noch da. Vielleicht ein anderes Experiment? Aber warum gab es hier ein zweites Labor? Ein geheimes? Was für Praktiken studierte ihr Magister hier? Kira spürte, wie ihr Schauer den Rücken herunter liefen. Mitras war so nett und warmherzig zu ihr gewesen. War das nur Schauspiel? Selbst in Bispar gab es ständig Kämpfe darum, wer als nächstes dieses elendige Kaff regieren durfte, wie musste das erst in der Hauptstadt sein? War Mitras an geheimen Komplotten beteiligt, die er magisch unterstützte? Sie hörte ihn etwas murmeln. Vorsichtig ging sie rückwärts aus der Tür hinaus. Bloß nicht erwischen lassen. Bloß nicht erwischen lassen. Sie hielt den Atem beinahe an, während sie vorsichtig die Treppe wieder nach oben schlich. An der Kellertür schaute sie sich vorsichtig um, doch weder Abigail noch William waren zu sehen. Ob sie überhaupt eingeweiht waren? Ob all die Freundlichkeit nur dazu diente, sie einzulullen? Kira floh geradezu die Treppe hinauf und schloß sogar ihre Zimmertür hinter sich ab, ehe sie sich mit einem Seufzer auf den Schreibtischstuhl plumpsen ließ. Was sollte sie jetzt nur tun?

Die nächste Stunde verbrachte sie grübelnd. Alles, was sie bisher im Haus erlebt hatte, war freundlich gewesen. Sie erinnerte sich, wie liebevoll Abby gewesen, wie offen und angenehm das Abendessen war. Sie erinnerte sich an das entspannte Lachen. Sie dachte an die Geschenke und Mitras ruhige, fast liebevolle Art. Sie dachte an seine bedrohliche Präsenz am Anfang. Hatte er Angst um seine Geheimnisse gehabt? Hatte er sie deswegen nicht da haben wollen? Würde der Erzmagier sie irgendwann beordern und ihr eröffnen, dass er sie trotz ihres geringen Talentes nur deswegen zugelassen hatte, damit sie Mitras beobachten konnte? Sie kannte soetwas, in Bispar pflegte man sich stets selbst zum Essen „einzuladen“, wenn man etwas wissen wollte. Aber Mitras war ihr Mentor, also war sie ihm Loyalität schuldig. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, dem Erzmagier, der sie so abfällig betrachtet hatte, irgendetwas zu schulden, ihm irgendetwas zutragen zu müssen, was Mitras, Abby oder William schaden könnte. Oder Tobey, ergänzte sie noch. Auch wenn sie ihn selten sah, mochte sie ihn dennoch. Langsam ordnete sich ihre Panik. Ich mag alle hier, realisierte sie. Es ist viel besser als zuhause, wo ich ständig befürchtete, im nächsten Moment von Mama oder einer der anderen Dorfweiber angekeift zu werden, oder von Papa wieder den Stock zu spüren zu bekommen, weil ich wieder etwas anders gemacht habe, als er es wollte. Kira atmete tief aus. Es war besser als zuhause, wiederholte sie sich, und erinnerte sich an Abby, die ihr gestern abend erst so warmherzig und wundervoll erschienen war. Jemand wie Abby wird nicht einem schlechten Herrn dienen, sie widerspricht ihm ja sogar, sagte sie sich. Was auch immer Mitras verbarg, es würde nichts allzu böses sein. Sie dachte an Williams Kommentar zum Werfen von Pferdeäpfeln und wie nah sie sich den beiden gefühlt hatte. „Und selbst wenn, ich gehöre jetzt zum Haus, und ich will lieber hier leben als in der Marsch!“, flüsterte sie fast grimmig in sich hinein. Entschlossen zog sie das Notizheft zu sich heran und begann, ihre Übersicht zu den Speicherformen und Pflanzenmagie zu vervollständigen. Da sie beinahe fertig gewesen war, dauerte das nicht allzu lange. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es erst ein Uhr war. Ein bisschen Kekse backen passt noch, entschied sie. Mathematik kann ich später auch machen, und dann schaue ich nochmal in den Niggel. Auch wenn Mitras vielleicht nicht böse ist, ich sollte mich ihm gegenüber standesgemäß verhalten und nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Zum Haus zu gehören, heißt ja nicht, dass man alles mitmachen muss, beschloss sie ihre Gedanken so selbstbewusst wie möglich.

William war nicht in der Küche, aber Kira fand ihn im Esszimmer, wo er gerade einige Brote aß. „Na, auch Hunger?“ Kira schüttelte den Kopf. Das Frühstück war noch nicht so lange her, und der Schreck von vorhin hatte sich zwar gelegt, aber richtig Appetit hatte sie auch noch nicht. „Nein, ich wollte fragen, wann du denn Kekse machen willst.“ „Ha, eigentlich gleich, du kommst genau richtig. Der Teig ist noch in der Kühltruhe, du kannst ihn aber schon rausholen und ausrollen, wenn du magst. Mehl und Werkzeug habe ich schon auf die Arbeitsfläche gelegt.“ Kira nickte. „Wo ist denn die Kühltruhe?“ „Du gehst in der Küche nach unten in den Keller, dann ist gleich links an der Wand die Truhe.“ Tatsächlich war es einfach, die große Box zu finden, die mit einem Kältezauber belegt war. Kira öffnete die Tür und fand den Teigklumpen in Wachspapier eingewickelt. Sie holte ihn heraus, schloss die Truhe wieder sorgfältig und ging nach oben. Eine Weile kämpfte sie schon mit dem noch harten Teig, als William hereinkam. Er sagte etwas zu jemandem, der hinter ihm im Essraum stand, aber Kira, die gerade versuchte, eine gleichmäßige Dicke der Teigschicht zu produzieren, achtete nicht darauf. William räumte das Geschirr weg und betrachtete dann das Ergegnis ihrer Mühe. „Ha, das ist wohl nicht das erste Mal, hmm? Sehr gut. Wenn du als Magierin nicht taugst, kann ich dich ja auch Kochgehilfin anstellen.“ Kira wusste nicht, ob sie darüber lachen wollte, also sagte sie einfach gar nichts. William holte Keksausstecher aus einer Schublade und sie stachen und rollten eine Weile friedlich schweigend gemeinsam Kekse aus, die William dann in den Ofen schob. Schon nach einer halben Stunde begann die ganze Küche verführerisch zu duften. William zeigte ihr, wie sie die fertigen Kekse mit Zuckerguß verzieren konnte, den er aus Wasser und fein gemahlenem Zucker fertigte. Kira spürte, wie sie sich weiter entspannte. Vielleicht hat William gar nicht so unrecht, beschloß sie. Wenn ich wirklich zu schlecht als Magierin bin, kann ich Köchin oder doch Gärtnerin werden. Ich könnte sogar hier ausgebildet werden, wenn Mitras es erlaubt. Eigentlich sind beides auch ganz schöne Arbeiten. Und William ist auch nett. Sie nahm einen der Kekse und probierte ihn. Er schmeckte gut, und sie dachte: „Ich glaube wirklich nicht, dass Mitras etwas böses im Keller versteckt. Köche von bösen Menschen können doch unmöglich so gute Kekse backen.“ Rasch stahl sie sich noch einen vom Blech, was William mit einem strafenden Blick und einem Zwinkern quittierte.

Erschöpft ließ Mitras sich in den Bürostuhl an seinem Arbeitstisch sinken. Der Zauber war gewandert. Anstatt, dass er an der Stelle blieb, an der er angeheftet wurde, war er regelrecht durch das Material geflossen. Das deckte sich mit der Eigenschaft, dass magische Energie innerhalb des Elektrumkörpers nicht still stand. Alle Zauber, die er bisher gewirkt hatte, legten sich um den gesammten Zylinder und drangen nicht in das Material ein. Der Rammbockzauber aber legte sich wie eine zupackende Hand um einen Punkt des Materials und drang auch in das Material ein. Er war wie eine Kugel, die teilweise im Zylinder lag, geformt. Das war ein völlig neues Problem, das er so gar nicht erwartet hatte. Ein weiteres Rätsel des Elektrums. Er fertigte schnell einige Notizen an. Es war dringend notwendig, dass er diese neue Erkenntnis niederschrieb und weiter erforschte. Er musste schnellstmöglich eine Abhandlung über diese Entdeckung verfassen und sie seinen Kunden, insbesondere beim Militär und an der Akademie zukommen lassen, damit sie gewarnt waren und sich auf diesen neuen Umstand einstellen konnten. Vielleicht ließ sich dieser Umstand auch noch anders nutzen. Aber beides musste warten. Er war komplett erschöpft und beschloss bis 17 Uhr zu schlafen. Auf dem Weg nach oben ging er noch kurz in die Küche um mit William über den Fehlschlag zu reden. Dort war er jedoch nicht. Die Türen zum Keller und zum Esszimmer standen beide offen. Schon halb auf dem Weg zum Keller, sah er ihn im Esszimmer sitzen, wie er gerade sein Brot zuende aß. „Ha, ich scheine heute sehr anziehend auf euch Magier zu wirken, gerade, wenn ich wohl mal Pause mache.“ rief William ihm zu. Mitras gesellte sich zu ihm: „Wieso, war Kira auch gerade hier, sich ein Mittagessen abholen?“ fragte er. „Ja und nein. Deine Schülerin ist jetzt erstmal meine Schülerin. Ich hatte sie heute Morgen gefragt, ob sie mir beim Kekse machen helfen will, sie hat eine Pause nötig. Jedenfalls ist sie gerade im Keller und holt den Teig. Und was ist mit dir? Möchtest du noch ein Mittagessen?“, fragte er und war schon aufgesprungen und halb in die Küche gelaufen. Erschöpft streckte Mitras den Rücken durch und antwortete: „Nein, ich will mich gleich wieder hinlegen. Ich war bis eben im Keller. Das Experiment mit dem neuen Zauber ist katastrophal fehlgeschlagen. Der eine Testgenerator ist hin und ich werde ihn ersetzen müssen. Schlimmer noch, das Elektrum reagiert schlecht auf Zauber, die nur auf einen Teil des Materials wirken. Ich muss die Ergebnisse sehr bald auswerten und eine Abhandlung dazu anfertigen und insbesondere meine Kunden warnen. Ich werde heute Abend vor Kiras Stunde noch eine Nachricht aufsetzen und auch eine an meine Schwester. Ich fürchte, ich muss den Ausflug morgen absagen. Wir müssen uns jedenfalls auf dem Weg heute Abend noch einen vertrauensvollen Boten suchen, bevor wir zu Titus gehen.“ Mitras war ernsthaft niedergeschlagen und frustriert. Das dem Fehlschlag nun auch noch das Treffen mit seiner Schwester zum Opfer fiel, störte ihn am meisten. Er hatte sie schon zu lange nicht mehr gesehen und sich schon sehr auf den morgigen Tag gefreut. „Ha, der Ausflug wird dann wohl nichts, aber du kannst sie ja trotzdem zum Abendessen einladen oder etwa nicht?“, entgegnete William. „Ja, da hast du wohl recht. Ich setze die Schreiben nachher auf, aber jetzt muss ich dringstens noch ein paar Stunden Schlaf nachholen.“ Mitras verließ das Esszimmer, ging in seine Gemächer und legte sich wieder schlafen. Frustriert wälzte er sich noch eine Weile hin und her, da ihm die Sorgen um die Zukunft seines Projekts nicht los ließen.

Als aller Teig verarbeitet war und etwa die Hälfte der Kekse auch verziert war, fiel ihr Mathematik wieder ein. Sie schaute sich suchend um und entdeckte eine Uhr über der Küchentür. Eigentlich war es ein blau verzierter Teller, an dem die Zeiger einer Uhr angebracht waren, und sie musste einen Moment lang überlegen, ehe sie realisierte, dass es schon kurz vor fünf war. „Du meine Güte! Schon fast fünf! Ich muss noch Mathe machen!“ „Na, dann wohl hopp! Du kannst die Pinsel da einfach liegen lassen, ich mache sie später sauber!“, sagte William. Rasch wusch sie sich die Hände und eilte nach oben.

Da die Zeit etwas knapp war, blätterte sie rasch zu den Übungsaufgaben des ersten Kapitels. „Einfache Exempel“ Na, super. Das Wort „einfach“ sollte in Mathebüchern verboten sein, fand sie. „Ein Tuch Gewand hält 24 Ellen, kostet 2 Silber. Wie kommen 14 Ellen?“ Kira schaute die Aufgabe an. Sie erinnerte sich, das in der Volksschule im Dorf schon gehabt zu haben, und natürlich hatte auch ihre Mutter ihr immer wieder eingebläut, dass sie das kaufmännische Rechnen sicher beherschen müsste. Sie zeichnete ein Kreuz auf in ihr Notizbuch. 24 zu 2. Und 14 zum Unbekannten. Was musste man nochmal rechnen? 24 durch 2 und dann mal 14? Sie rechnete. 168 Silber. Sie schaute irritiert auf ihr Blatt. Das war doch weniger Stoff, warum sollte es so viel mehr kosten? Aber man kann ja nicht 24 durch 14 mal zwei rechnen…oder zwei durch 24, das geht noch weniger. Das „einfach“ da oben war definitiv falsch! Sie schaute sich die nächste Aufgabe an. „Item 6 Ellen per 2 Silber 4 Schilling, wie kommen 28 Ellen?“ Hmm, da muss man die Silber erstmal in Schilling umrechnen, also 205 Schilling. Und dann? 6 durch 204 oder 204 durch 6? Musste das Geld nicht immer oben links in die Ecke? Sie schrieb 204 in die obere Ecke des Kreuzes, 6 nach unten und 28 nach rechts oben. Also 204 durch 6 mal 28. Sie rechnete schriftlich 204 durch 6. 34. Hmhm. Und 34 mal 28. Bahh. Ich hasse Mathematik, beschloß sie innerlich. Deswegen wollte ich doch auch nicht Händlerin werden. 952. Also 9 Silber und 52 Schilling. Das macht mehr Sinn, überlegte sie. Siehste, geht doch. Sie schob das Mathematikbuch und das Heft beiseite und schaute auf die Uhr. Nach 20 Minuten, das würde eh nicht für noch eine Aufgabe reichen. Rasch griff sie sich den Niggel und schlug das Kapitel „Magier unter sich“ auf. Sie war jetzt Discipula. Mitras war Magister. Wie hatte sie ihn offiziell zu begrüßen und zu titulieren? Interessiert las sie, dass es sogar eine vertraute Anrede, nämlich Sensei, gab, die man nutzte, wenn man ein gutes Verhältnis zum Mentor hatte. Naja, davon waren sie ja gerade noch ziemlich weit entfernt. Der Begriff stammte wohl aus dem Osten und war von den Angshire mitgebracht worden. Derzeit waren aber wohl eher „Magister“ oder „Meister“ angebracht, aber das letztere war unüblicher und bezog sich mehr auf die Lehre. Dass Mitras sie mit dem Vornamen anredete, erfuhr sie, war eigentlich unüblich. Man pflegte „Discipula“ oder „Schülerin Kira“ zu sagen. Nunja, Mitras redete aber alle im Haus zwanglos an. Sie betrachtete die Anleitungen, wie man durch den Knicks bei der Begrüßung den Grad der Vertrautheit und Ehrerbietung abbilden konnte und entschied sich, eine etwas distanzierte, aber sehr ehrenvolle Variante auszuprobieren. Schwungvoll klappte sie das Buch zu, übte den Knicks einmal vor dem Spiegel, nahm dann ihre Unterlagen und ging zum Labor.

Mitras öffnete auf ihr Klopfen hin. Er sah irgendwie zerknautscht aus, fand Kira. Sie knickste wie geübt. „Magister Mitras, ich melde mich wie besprochen zum Gespräch.“ Mitras zog ein wenig die Augenbraue hoch, reagierte aber nicht auf ihre höfliche Begrüßung, sondern öffnete einfach die Tür und bat sie so wortlos herein. Etwas verschüchtert betrat Kira das Labor und setzte sich auf ihren Stuhl. Sie hatte nicht so viele Notizen wie gestern vorbereitet, aber über Pflanzen konnte sie ja auch so reden. Mitras setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber und betrachtete sie. „Äh, ja, also ich hab heute was zur Flora gelesen, und zwar Pflanzen, die magische Energien speichern können. Das ist Kapitel 3 in „Flora und Fauna Albions“. Ich habe einiges über die verschiedenen Arten von Pflanzen schon bei Bruder Harras gelernt, aber über Magiespeicherung wusste ich noch nicht so viel. Ich dachte mir, das ist vielleicht auch für die Alchemie interessant?“ Sie schaute ihn an, doch sein Gesicht ließ keine Regung erkennen, also fuhr sie fort und stellte ihre Übersicht vor, erklärte dabei auch, wie man die unterschiedlichen Arten bestimmen konnte und welche grundlegenden Möglichkeiten zur Bestimmung von Pflanzenarten es gab. „Die Alchemie ist deutlich älter als die wissenschaftliche Erforschung der Magie, aber ja, ihre Beobachtung ist korrekt. Auch wenn viele alchemistische Erzeugnisse komplett nichtmagisch sind, so haben magische Pflanzen schon früh eine hohe Bedeutung erlangt, auch wenn erst in der modernen Forschung der Grund dafür erkannt wird. Die Alchemie beschränkt sich aber nicht nur auf Pflanzen, sondern auch auf Mineralien und Metalle. Beides wird in der heutigen Forschung in der systematischen Alchemie viel stärker erforscht als die Pflanzen unserer Welt. Sie bereiten allerdings auch deutlich größere Probleme.“, dozierte er etwas monoton und wirkte beim letzten Satz besonders zerknirscht. „Was haben Sie zur Mathematik vorbereitet?“ Kira seufzte, innerlich enttäuscht, dass er sich für die Pflanzenwelt so gar nicht zu interessieren schien, obwohl er doch gestern von dieser Perspektive recht angetan war. „Ähm, nicht so viel. Ich hab das erste Kapitel angefangen, und zwei Übungsaufgaben probiert, aber die erste ist irgendwie komisch…“ Sie reichte Mitras das Heft, der ihre Aufzeichnungen einen Moment lang studierte. „Ihre Kommentare haben ja schon erahnen lassen, dass Mathe Ihre Schwäche ist, aber das hier ist für eine Kaufmannstochter reichlich schlimm, finden Sie nicht? Sie raten ja bloß!“ Kira spürte, wie sie vor Scham rot anlief. „Ist das alles falsch?“, fragte sie leise. „Falsch? Naja, sie können immerhin Silber in Schilling umrechnen.“, spottete Mitras. „Aber sonst? Offenbar hatten Sie Unterricht zum Rechnen im Dreisatz in der Schule, sonst wüssten Sie nicht, dass man dieses Kreuz machen kann, obwohl es doch eher für die etwas schlichteren Charaktere gedacht ist, eine Rechnung so zu notieren. Aber hier ist alles vertauscht, und hier, in der zweiten Aufgabe, da rechnen Sie zwar das richtige, aber das ist wohl eher Zufall, weil die Notation auf jeden Fall Pferdemist ist.“ Er stach dabei mit dem Finger beinahe durch das Blatt, als er auf die Rechnung zeigte. „Sie haben Kekse gebacken, ja? Aber bestimmt nicht das erste Kapitel auch gelesen, sonst wüssten sie, dass man gleiche Einheiten auch auf die gleiche Ebene schreiben muss. Und das ist nur eine simple Kaufmannsrechnung, wie wollen Sie jemals komplexe magische Strukturen nachvollziehen können, wenn Ihnen so etwas simples wie oben und unten schon Probleme bereitet?“ Kira sackte in sich zusammen. Sie spürte, wie ihr die Tränen die Wangen herunter liefen. „Ich kann Mathe einfach nicht… in den Büchern ist das immer so kompliziert erklärt…“, versuchte sie sich zu retten. „Dafür müssten Sie die Bücher ja erstmal sorgfältig lesen, um das beurteilen zu können. Ich glaube, Sie wollen das eher nicht.“ Kira blickte ihn flehend an und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Magister, ich will schon. Aber ich wollte auch machen, was Sie gesagt haben, Pause machen und Pflanzen zur Alchemie anschauen und ich hab ja versucht, es richtig zu machen, aber es ist einfach wie ein Knoten in meinem Kopf!“, protestierte sie unter Tränen. Mitras schnaubte. „Das werden wir ja sehen. Morgen der Ausflug ist abgesagt. Sie können die Zeit ja nutzen, um über ihre Haltung zur Mathematik zu reflektieren. Miras prüfe ich es dann nochmal. Sie sind entlassen, Discipula.“ Er nutzte die offizielle Handbewegung, mit der man einen Angestellten oder Nichtadeligen wegschicken würde, erkannte Kira, und so nahm sie ihre Unterlagen und schlich aus dem Raum zurück in ihr Zimmer. Diese blöde Mathematik. Und Mitras war auch blöd. Erst sagte er, sie sei adelig, und dann behandelte er sie doch wie eine Nichtadelige. Sie warf sich aufs Bett und heulte in die Kissen. Tief in sich drin wusste sie, dass es ihr eigener Fehler war, sich vor Mathematik zu drücken, wie sie es auch schon im Fernunterricht getan hatte, aber jetzt gerade hasste sie einfach alles, was mit Magie und diesem doofen Magister zu tun hatte, und Mathematik ganz besonders.

Mitras saß noch eine Weile in seinem Zimmer und schaute auf die Briefe, die er vorhin verfasst hatte. Erst der zerstörte Generator, dann die Notwendigkeit, den Ausflug abzusagen, und nun kam Kira mit dieser derart schlechten Leistung in Mathematik. Der Tag konnte nicht mehr schlechter werden. Woher kannte sie überhaupt dieses höfische Gebaren? Ein bisschen stach ihn das schlechte Gewissen, dass er Kira zu sehr runter geputzt haben könnte, aber das Gefühl hallte nur still hinter seiner Enttäuschung wegen des Zaubers her. Außerdem waren die Rechnungen auch wirklich schlecht ausgeführt gewesen, und so fleißig wie gestern war sie ja wirklich nicht gewesen. Er konnte sich jetzt nicht weiter mit ihr befassen, zur Not würde er halt einen Mathematiklehrer einstellen müssen. Nun musste er zusehen, dass Titus ihn wegen seiner anderen Probleme auf Stand brachte. Der Magister di Porrum wurde zusehends aufdringlicher. Und er war nicht der einzige, wenn auch der bisher hartnäckigste. Hätte Mitras einen funktionierenden, leicht zu bedienenden magischen Generator präsentieren können, dann hätte ihm dieser Durchbruch genügend Macht, Geld und Einfluss beschert, um sich all diese Neider endlich vom Hals zu halten. Aufzuzeigen, wie groß der zivile Nutzen des Elektrums war, wäre der schnellste Weg, die militärische Nutzung uninteressant werden zu lassen, glaubte er jedenfalls.

Der Rückschlag hatte leider wieder einmal gezeigt, dass das Elektrum sich nur schwer mit Telekinese Zaubern beherrschen ließ. Dafür war es aber unglaublich leicht magisch zu formen. Anders ließ es sich aber auch nicht bearbeiten. Der Schmelzpunkt lag noch über dem von Wolfram, war also ohne magische Hilfe in kaum einen Hochofen zu erreichen. Aber wozu auch schmelzen, schmieden und schleifen, wenn es sich durch Magie in jede nur erdenkbare Form bringen ließ. Sein Rapier war es dann auch, was die Generalität aufhorchen lassen hatte. Er hatte einige Mühe in die Gestaltung gesteckt und die Klinge war deutlich dünner als bei einem gewöhnlichen, geschmiedeten Rapier. Hinzu kam noch, dass sie um ein vielfaches schärfer war. Und dennoch war sie weit widerstandsfähiger als Eisenklingen. Kettenhemden waren gegen diese Waffe nutzlos, was sie zur idealen Verteidigungswaffe für Magier machte. und mit genügend Kraft konnte man sogar Panzerplatten im richtigen Winkel durchdringen. All das hatte der Generalität den Mund wässrig gemacht, insbesondere die Tatsache, dass das nur die Spitze des Eisbergs war. Was er aber verheimlicht hatte, war das Formgedächnis des Stoffes. Man konnte mit der richtigen Magie mehrere Formen in ein und dem selben Gegenstand speichern und er hatte sich eine ganze Reihe von Artefakten erschaffen. Seine Brieföffner war da noch eine kleine Spielerei, die er im Ärmel seiner Magierroben verbarg. Im schlimmsten Fall gaben sie auch gute Dolche ab. Aber dafür hatte er eigentlich andere besondere Schmuckstücke. Er hatte zwei Armreife, die sich mehrmals um den Unterarm wanden und komplizierte Muster darstellten. Tatsächlich war das eine ein Rapier, deutlich einfacher gestaltet, als sein öffentlich getragener, aber genauso scharf wie tödlich. und niemand vermutete, dass die runden Elemente des Schmucks sich zu einer Klinge formen konnten. Der andere Armreif wurde zu einem Armschutz mit Krallen auf der Außenseite, die sowohl als Klingenfänger, als auch als mörderische Klauen, die stark blutende Wunden reißen konnten, fungierten. Derartige Ausrüstung wäre das absolute Muss für jeden Assasinen. Aber das war nun wirklich das letzte was er wollte. er selbst trug die Armreifen auch nur wenn er mit Ärger rechnete. Nein eine zivile Nutzung war ihm deutlich lieber. Er wollte technische Geräte entwickeln und mit Magie verbinden und keine Mordinstrumente schaffen.

Aber mit jedem Tag hatten die Magier der Generalität und ihre Vertragspartner mehr Zeit neue Wege des Blutvergießens zu finden. Mitras hatte nie gewollt, dass seine Entdeckung zum Motor eines neuen Krieges wurde, aber er wusste auch, dass er Mittel brauchte, um seine Forschung voran zu treiben und der Handel, den er mit dem Königshaus eingegangen war, stellte nun einmal die beste Möglichkeit dar, sowohl die nötigen Mittel zu erhalten als auch seine Unabhängigkeit zu sichern. Zweimal schon war bei ihm eingebrochen worden. Wahrscheinlich beide Male mit dem Ziel seine Unterlagen zur Erzeugung des Elektrums zu stehlen. Aber beide Male konnte er die Täter stellen und nun patroullierte eine königliche Wachmannschaft durch das Viertel. Offiziell, um den Adeligen allgemein mehr Schutz zu bieten, da die Kriminalität generell gestiegen war. Seit das Hafenviertel und die Slums dahinter immer schneller wuchsen, verschlimmerte sich die Lage, die Übergriffe reichten längst auch über die Flüsse hinüber und bis hinauf in die Viertel um die Akademien.

Alldem hoffte Mitras mit seiner Erfindung entgegen wirken zu können. Aber nun gingen ihm die Ideen aus und er merkte, wie sehr ihn das frustrierte. Er griff nach der Glocke und rief mit ihr Abby herbei. „Abby, die Ereignisse des Tages haben mir den Appetit verdorben, ich werde nicht zum Essen kommen und jetzt eine Runde gehen. Ich brauche frische Luft, um den Kopf klar zu bekommen. Sag William bitte, dass ich mich wegen unserer Verabredung heute Abend an der Ecke beim Emporium treffe, er weiß wo genau.“ „Ich werde es ihm ausrichten. Geht es dir denn soweit gut? William hatte schon erzählt, dass wieder etwas schief gelaufen ist.“ fragte sie ihn. „Von gut kann keine Rede sein. Erst scheitert der Versuch und nun muss ich auch für meine Kunden eine Warnung ausgeben und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass Kira nicht einmal einen einfachen Dreisatz hinbekommt. Das Mädchen ist gut darin sich Wissen anzueignen, aber nur mit Reden und Lesen können wird sie es an der Akademie nicht schaffen.“ Abby schaute ihn sorgenvoll an. „Ah, deswegen weint sie, ja?“ Bei dieser Aussage stach das schlechte Gewissen nun doch ein bisschen mehr, aber es half doch nichts, dass was sie ihm gezeigt hatte, reichte nicht aus. Thadeus hatte ihn in solchen Situationen noch viel stärker heruntergeputzt, manchmal sogar den Stock genutzt, und hatte es ihm nicht auch geholfen? Sicher, er hasste den alten Sack für seinen Umgang mit ihm, aber so hatte er sich nur umso mehr angestrengt und Leistungen erreicht, die er sonst vielleicht nicht erbracht hätte. Mitras schüttelte sich kurz, als er merkte, wie er den verhassten Magier nun plötzlich selbst verteidigte. Es gab sicher noch bessere Wege, um einen Schüler zu motivieren, und er musste aufpassen nicht genauso zu werden wie sein erster Lehrmeister. Aber das war kein Problem, mit dem er sich jetzt befassen konnte. Seine anderen Sorgen waren jetzt wichtiger. „Das mag sein. Schau ruhig nach ihr.“, antwortete er. „Ich habe gerade wichtigere Probleme.“ sagte er und ging an ihr vorbei zur Treppe. Tatsächlich klang aus Kiras Zimmer gedämpftes Schluchzen, was ihm erneut einen Stich versetzte. Mitras beschleunigte seine Schritte und floh hinaus in den kalten Winterabend.

An Kiras Tür klopfte es leicht. „Kindchen?“ Abby öffnete die Tür, ehe sie antworten konnte. „Ach, Kindchen…“ Abby setzte sich an die Bettkante und strich ihr über den Kopf, was Kira zu einem erneuten Ausbruch von Tränen veranlasste. „I…Ich…ich…k…k…kann das…e..ei…einfach nicht.“, presste sie hervor. „Was, die Mathematik oder Mitras ertragen?“, fragte Abigail mit einem leicht spitzen Unterton. Kira blickte sie einen Moment erstaunt an, und die Verblüffung vertrieb den Heulkrampf. „Mathe.“, sagte sie dann leise. „Ahja. Aber Mitras ertragen ist auch manchmal schwierig, besonders, wenn mal wieder irgendwas am Generator ist, so wie heute. Irgendeins seiner neusten Experimente ist schief gegangen. Nimms ihm nicht übel.“ Kira schwieg und schaute auf ihr Kopfkissen. Ein Experiment, um den Generator anzutreiben? Warum machte Mitras solche Experimente in einem geheimen Labor? Sie schniefte. „Aber… er hat ja auch Recht. Ich kann nicht mal einfache Kaufmannsrechnungen. Und statt mich da richtig ranzusetzen, habe ich Kekse gebacken…“ „Ja, und die schmecken sehr gut.“, bestätigte Abby. „Kira-Schätzchen, du bist kein doofes Mädchen. Und die gute alte Abby ist auch nicht ganz dumm. Morgen haben wir beide frei. Was hältst du davon, wenn wir uns drüben ins Haus setzen und ich dir ein bisschen erkläre?“ „Und was bekommst du dafür?“ Abigail lachte. „Nichts. Vielleicht einen weniger schimpfenden Magister und eine hübschere Lady? Tränen stehen dir nicht.“ Kira schüttelte den Kopf. „Du kannst doch nicht an deinem freien Tag für mich arbeiten, ohne dafür was zu bekommen. Ich… hmm… ich helfe dir dafür bei der Wäsche?“ Abby grinste. „Aber dann müssen wir aufpassen, dass Mitras das nicht bemerkt.“ Jetzt musste auch Kira lächeln. Der Gedanke, ein Geheimnis vor Mitras zu haben, gefiel ihr. „Ok. Ich kann gut schleichen!“ „Fein.“ Abigail hievte sich vom Bett hoch und reichte ihr die Hand. „Und jetzt schleichen wir beide mal zum Abendessen.“ Kira zögerte. „Keine Sorge, der Kuchen ist rausgegangen. Die Mäuse können auf dem Tisch tanzen.“, passte Abby das Sprichwort an. Der Gedanke, Mitras könnte ein Kuchen sein, ließ Kira innerlich grinsen. Sie runzelte die Stirn. „Der Kuchen ist eine Flater Orangentorte, oder?“ Abby blickte sie neugierig an. „Warum? Was ist das für ein Kuchen?“ Kira verzog demonstrativ das Gesicht, während sie vom Bett aufstand. „Ein Kuchen mit Orangenschalen, sieht außen total gut aus, schmeckt aber irre bitter, wenn man nicht genug Zuckersahne drauftut.“ Abigail lachte schallend. „Oh, nein, ich glaube, da ist unser guter Magister mehr eine Ingwertorte… Manchmal scharf auf der Zunge, aber mit süßer Füllung.“ Kira schaute sie gedankenverloren an, dann ging sie zur Wasserschale, die sie am Morgen noch nicht geleert hatte, und wusch sich ihre verheulten Augen aus. „Ist Magister Mitras ein guter Mann?“ Abigail nickte. „Lass dich von seiner Schale nicht täuschen. Er hat ein Herz aus Gold.“ Kira schluckte und nickte dann. Die ältere Frau bestätigte eigentlich das, was sie vorhin schon selbst gedacht hatte, aber es reduzierte ihre Sorgen schon etwas, es nun nochmal zu hören. Wenn sie nur besser in Mathematik mitgemacht hätte…

Sie aßen gemeinsam zu Abend, von dem William sich rasch verabschiedete, weil er wohl mit Mitras verabredet war und ihm Briefe bringen sollte, die Abby ihm gab. Da weder er noch Mitras sie davon abhalten konnte, half Kira beim Abwasch, ging dann aber auch nach oben. Ihr Kopf tat weh, und sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Einen Moment versuchte sie noch, im Niggel zu lesen, doch schon bald legte sie das Buch beseite, machte sich bettfertig und ging schlafen. Morgen würde sie mit Abby Mathematik angehen, und diesmal würde sie sich nicht herausreden, nahm sie sich vor. Dennoch dauerte es eine Weile, ehe sie in einen unruhigen Schlaf glitt. 

​Mitras ging zie​​​​​​llos durchs Viertel. Die Kälte, die ihm dabei ins Gesicht schlug, half ihm, wieder etwas ruhiger zu werden. Er ordnete seine Gedanken und ließ den Tag revue passieren. Der Fehlschlag war katastrophal, ja. Nicht weil er den Generator ersetzen musste, das war zwar ärgerlich, aber kein Beinbruch. Aber der Rammbock war sein letzter Strohhalm gewesen. Er hatte nun alle Ideen ausgeschöpft. Alle seine Recherchen waren entweder ins Leere gelaufen oder führten zu mehr oder minder spektakulären Fehlschlägen. Die Eigenschaften des Elektrums waren zu komplex, um klassische Telekinesezauber darauf zu wirken, zumindest nicht ohne dass irgendetwas Unvorhergesehenes dabei passierte. Allein das Ausbrechen des Zylinders heute Vormittag war schon ausßergewöhnlich. Zauber änderten nicht einfach ihre Richtung.

​Oder hatte er vielleicht von Beginn an etwas übersehen? Er hatte das Material anfänglich sehr genau studiert, dabei aber noch lang nicht so viele Daten wie jetzt gehabt. Sollte er vielleicht einen Schritt zurück gehen und anhand der neuen Ergebnisse noch einmal mit der elementaren Untersuchung des Elektrums weiter machen? Den einzigartigen Energiefl​​​​​​uss innerhalb des Materials hatte er ja auch nur durch Zufall entdeckt. Welche Geheimnisse könnten sonst noch in der Legierung stecken? Hatte er aus dem Transmutatis wirklich schon alles erfahren oder war seine Übersetzung des antiken Textes vielleicht auch fehlerhaft? Er konnte sich das zwar nicht vorstellen, da alte Schriften immerhin sein stärkstes nichtmagisches Feld waren, gleich neben der Mathematik, aber vielleicht verbargen sich noch Informationen im Subtext, die bei der Übersetzung verzerrt worden waren. Langsam dämmerte ihm, dass er die nächsten Wochen noch einmal sehr viel Zeit mit Grundlagenforschung verbringen müssen würde. Die Warnung konnte ihm Zeit verschaffen. Richtig formuliert konnte sie die Forschung der Generalität vielleicht verlangsamen und im besten Fall bekam er Einsicht in deren Forschung und konnte die Ergebnisse so für sich benutzen. Vielleicht sollte er den Brief an di Acciperitis schicken statt an di Scuti? Dann würde sich der General erst an seinen Forscher wenden müssen und sich absprechen, das könnte ihm etwas mehr Zeit verschaffen.

Seine Laune begann sich gerade wieder zu heben, als hinter ihm eine Stimme ertönte: „Mitras di Venaris, welch eine Überraschung, Ihnen hier zu begegnen.“ Mitras​​​​​ drehte sich zu der Stimme um und sein Gesicht verfinsterte sich. „Di Porrum, was wollt Ihr?“ Secus di Porrum und sein nichtmagischer Bruder Cepus standen vor ihm. Secus war ein sehr erfolgreicher Waffeningenieur und Händler. Als Magier taugte er allerdings nicht viel. Nur mit Thadeus Hilfe war es ihm gelungen, so munkelte man, in den Rang eines Magisters aufzusteigen und seit die Differenzen zwischen den beiden immer größer wurden, hatte Thadeus ihn immer weniger in Schutz genommen. Letztendlich wurde di Porrums Forschung nochmal eingehend durchleuchtet und man entdeckte, dass er etliche seiner vermeintlichen Erkenntnisse wohl eher von anderen kopiert hatte. Thadeus konnte man keine Fehler nachweisen, da er mit der Bewertung nicht direkt betraut war, aber einige Erzmagier wurden dafür gerügt, dass sie anscheinend zu schlampig geprüft hatten. Ein einmal anerkannter Titel konnte nicht mehr aberkannt werden, aber Secus wurde von allen Forschungen der Gilde ausgeschlossen, erhielt also auch keine Unterstützung mehr für eigene Projekte. Des Weiteren wurde ihm der Aufstieg in alle weiteren Ämter und insbesondere der Aufstieg zum Erzmagier auf Lebenszeit verwehrt. Aber trotz all dieser Rückschläge hatte er nach wie vor sein Waffenimperium. Wo anderen Magiern solche Maßnahmen die Existenz zerschossen hätte, landete er relativ weich. Nun versuchte er schon seit Jahren einen Anteil der Elektrumproduktion für sein Unternehmen zu bekommen, auch um durch die Entwicklungen, die damit potentiell möglich wären, wieder im Ansehen der Gilde zu steigen. Vermutlich aber auch, weil neue Waffen auch neue Möglichkeiten bedeuteten, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Waffenlieferant und eingeschränkter Magister zu sein, war in Friedenzeiten eben eine noch schlechtere Kombination.

Zuerst hatte er versucht, Mitras für sich einzunehmen und hatte ihn umschwärmt wie eine Motte das Licht. Doch Mitras erinnerte sich noch zu gut an die abfällige Behandlung, die ihm Jahre zuvor noch durch Secus zuteil geworden war, wann immer dieser ihn sah. Er gehörte schon damals zu Thadeus Traditionalisten und betrachtete es als Kränkung des geschätzten Meisters, dass dieser nun noch einen ‚Emporkömling‘ ausbilden musste. Kaum waren seine ersten Versuche gescheitert, wurde er zunehmend aggressiver, bis er sich einmal zu viel öffentlich im Ton vergriff, was dazu führte, dass die Generalität ihn von einigen wichtigen Aufträgen ausschloß. Sicher hatte Nathanael auch damit zu tun. Er war nie weit weg, wenn einer von Mitras Feinden ein Rückschlag ereilte. „Aber bitte, warum so unfreundlich, werter di Venaris. Ich habe ein Angebot für Sie. Ich weiß, dass Ihr nicht alles Elektrum an die Generalität verkauft. Und ich bin mir sicher, dass Ihr durchaus auch noch mehr herstellen könntet, wenn Ihr nur wolltet. Mit der Sicherung des königlichen Patentes mögt Ihr zwar das Geheimnis um die Formel gesichert haben, aber im Gegensatz zu den Schafsköpfen in der Festung glaube ich nicht, dass die Grenzen bei der Produktion so groß sind. Also mein Angebot – und ich rate Ihnen, es anzunehmen – einhundert Goldmünzen je zehn Kilogramm bei einer Lieferung von einhundert Kilogramm je halbes Jahr. Ich weiß, dass das doppelt so viel ist, wie die Generalität euch zahlt. Also seid nicht dumm und schlagt ein. Kommt doch am besten gleich mit um ähh.. alle Formalitäten zu begleichen.“ Das Angebot war viel zu großzügig, um zu Secus zu passen. Mitras sah, wie sich Cepus während der Ansprache seines Bruders unauffällig von rechts genähert hatte. In einem kurzen Moment schimmerte etwas an seinem Hals und Mitras wirkte, ohne dass die beiden es mitbekamen, einen Verstärkungszauber auf seine Augen. Cepus trug ein eisernes Kettenhemd und wahrscheinlich auch Arm- und Beinlinge aus Eisenringen. Das würde ihn zwar nicht vor einem magischen Feuerball oder einem Blitzschlag schützen, aber Verwandlungs- und Beeinflussungsmagie waren bei der Menge Eisen am Körper nahezu wirkungslos. Und sie wussten wahrscheinlich sehr genau, dass Mitras nur unter größerer Mühe Elementarmagie wirken konnte und erst recht nicht im Kampf. Reflexhaft griff er an seine Seite und wunderte sich schon fast, dass er sein Rapier tatsächlich dort vorfand. Er konnte sich nicht errinnern ihn angelegt zu haben, ärgerte sich aber,dass er zusätzlich zu seiner normalen Waffe nicht auch die Armbänder trug. Das Rapier war die ideale Waffe, um Kettenträger damit unschädlich zu machen, und er konnte damit auch hervorragend umgehen. Aber durch einen Gegner wie Cepus gebunden, konnte selbst ein Diletant wie Sepus ihm gefährlich werden, er musste ja nur einen Zauber von der Seite wirken. „Nun, di Venaris, ich warte. Mein Angebot ist ja wohl mehr als großzügig.“, rief dieser ihm nun zu, in dem Versuch, von seinem Bruder abzulenken. Mitras sah, dass dieser nun einen kleinen Dolch in der Rechten hielt. In dem Moment jedoch, als Mitras gerade zu seinem Rapier griff, erklang ein weiterer Ruf: „Was geht hier vor?“ Fünf Gardisten waren gerade aus einer Seitenstraße ins Sichtfeld gebogen, angeführt von einer Mitras vertrauten Gestalt. „Ah, Leutnant Decius, schön, Sie zu sehen. Der werte Secus di Porrum hier hat mir gerade ein weiteres Angebot unterbreitet und wie immer bin ich gerade im Begriff es abzulehnen. Die beiden Herren wären sicher dankbar, wenn Ihr sie dann sicher nach Hause begleitet, ich für meinen Teil wohne ja nicht weit von hier und ich bin sicher, dass Sie und Ihre Männer hier bereits alle auffälligen Gestalten vertrieben haben und ich sicher nach Hause weiter gehen kann.“ sagte er an den Anführer der Truppe gewandt. Mitras war sichtlich erleichtert, dass ausgerechnet Decius den Trupp anführte.

Er war es gewesen, der den zweiten Einbruch mit untersucht hatte. Sie hatten damals schon den Verdacht, dass di Porrum dahinter stecken könnte, aber der Leutnant konnte keine ausreichenden Beweise dafür aufbringen. Die Klingen, die bei dem Einbrecher gefunden wurden, waren neu und aus di Porrums Fertigung. Leider konnte Mitras sich nur mit einem einfachen, aber effizienten Zauber schnell genug zu Wehr setzen, was zur Folge hatte, dass das Herz des Eindringlings recht plötzlich seine Form änderte und damit auch den Dienst einstellte. In der Folge hatte Mitras immer wieder mit dem Wachmann zu tun und fand schnell heraus, dass er eine tiefe Abneigung gegen die di Porrums hegte. Mitras wusste zwar nicht warum, aber das machte Decius zu einem wertvollen Verbündeten.

„Sie haben recht Magister, es wäre wohl das Beste wenn wir die Herren hier nach Hause begleiten. Meinen Sie nicht auch, Magister di Porrum?“, fragte er mit leicht sarkastischer Stimme. „Das wird sicher nicht nötig sein, Leutnant, wir können selbst auf uns acht geben, aber ich danke Ihnen für das Angebot.“, versuchte sich der magische der beiden Brüder heraus zu reden. „Entschuldigt Herr, aber ich fürchte, ich muss darauf bestehen. Seit vorige Woche ein Adeliger von einem betrunkenen Hafenarbeiter angegriffen worden ist, haben wir Weisung jedem Herren, der einer Eskorte bedarf, diese auch zu stellen. Und da heute am Schengstag die Tavernen voll sind, kann es durchaus zu weiteren Zwischenfällen kommen. Ihr werdet also nicht um unsere Gesellschaft herum kommen. Wir wollen ja auch nur euer Bestes, mein Herr.“ Mit diesen Worten nahmen die vier Soldaten die beiden sichtlich nicht begeisterten di Porrums in ihre Mitte, während sich Leutnant Decius noch einmal an Mitras wandte, „Magister di Venaris? Sie sollten jetzt aber auch nach Hause gehen. Ich weiß nicht genau wieso, aber die Stimmung ist in letzter Zeit ziemlich gereizt und dass unsere Generalität den Hafenarbeiter schon nach zwei Tagen aufgeknüpft hat, hat nicht gerade geholfen.“ Mitras nickte. „Danke für die Warnung, Leutnant, ich werde sie beherzigen und danke für euren Dienst an der Stadt, Männer.“ sagte er an die Soldaten gerichtet, wohl wissend, dass dieser Zuspruch ihre Meinung über ihn nur bessern konnte. „Sie sollten Ihn auch begleiten lassen, Leutnant. Sonst kommen Sie ja Ihren Pflichten nicht nach, das wird ein Nachspiel haben!“, drohte Cepus, der den Dolch beim Erscheinen der Wache schnell weggesteckt hatte. Decius ignorierte ihn, doch einer seiner Soldaten antwortete: „Sir, wenn es um Ihre Sicherheit geht, nehmen wir gerne ein Nachspiel auf uns.“ Cepus setzte zu einer Erwiderung an, doch Secus brachte ihn mit einem Stoß und einem Blick zum Schweigen. Mit einem Nicken verabschiedete sich Decius von Mitras und er und seine Männer eskortierten den finster dreinblickenden Secus und seinen Bruder in Richtung ihres Hauses auf der anderen Seite des Hügels, weit weg von hier. Mitras wartete, bis sie außer Sicht waren und wandte sich um. William wartete nun sicher schon und würde sich Sorgen machen. 

Kurze Zeit später erreichte er den Treffpunkt und fand einen sichtlich nervösen William vor. „Ha, hast dir ja ganz schön Zeit gelassen. Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. „Ja, aber auch nur knapp. Ich bin in die di Porrum Brüder gelaufen, wäre beinahe hässlich geworden. Sie haben allen ernstes Anstalten gemacht, mich anzugreifen. Wäre Decius nicht genau in dem Augenblick um die Ecke gekommen, wäre die Lage wohl eskaliert.“ erwiderte Mitras. „Du machst Sachen. Keine zehn Minuten kann man dich allein lassen.“ schimpfte William. „Sicher, dass du nach der ganzen Aufregung noch los willst? Ich kann sonst auch alleine gehen und Titus eine Botschaft von dir überbringen und seine Ergebnisse mitbringen.“ „Nein, es geht schon, alles gut, William.“ antwortete Mitras und schlug sich dann mit der flachen Hand vor den Kopf, „Ach, verdammt die Botschaften! Ich muss doch noch das Schreiben an meine Schwester und die Warnungen an die Generalität versenden.“ „Keine Sorge, schon geschehen. Abby hat gesehen, dass sie noch auf deinem Tisch lagen, und als sie sagte, dass du schon los bist, dachte ich mir schon, dass du sie vergessen haben könntest. Ich habe auf dem Weg hier her einen Botenjungen angetroffen, der gerade auf dem Weg nach Hause war. Ich kenne ihn und weiß, dass er zuverlässig ist. Mach dir also keine Gedanken.“ beruhigte William ihn. „Gut, dann lass uns aufbrechen, ich will diesen Tag endlich zu Ende bringen.“ Gemeinsam liefen sie durch das Handwerkerviertel zur Kaimauer, an der die kleine Fähre zum Hafenviertel anlegte.

Die Spelunke, in der sie sich mit Titus treffen wollten, hieß „zum tanzenden Einhorn“ und war nicht weit vom Fähranleger entfernt. Eigentlich war es eher eine Taverne, die auf die Kapitäne und deren Offiziere als Kundschaft abzielte, aber heute Abend waren auch sehr viele Hafenarbeiter hier. Mitras und William steuerten vom Eingang direkt auf die Nische zu, in der sie sich immer traffen, und fanden Titus dort schon wartend vor. Sie setzten sich und bestellten schnell zwei Bier. „Guten Abend Herr di Venaris. William?“, grüßte Titus die beiden freundlich. „Grüße von Stefania. Sie lässt ausrichten, dass deine Eltern im Frühjahr wieder nach Uldum kommen werden, sie haben ihr wohl geschrieben.“ William grinste breit. Stefania war seine Schwester, die ebenso wie er in Uldum sesshaft geworden war, doch seine Eltern zogen immer noch übers Land, und so freute er sich, Botschaft von Ihnen zu bekommen. Mitras überlegte, ob sie und Titus nicht doch irgendwann würden heiraten wollen, wenn sie ihre Verbindung schon so offen zugaben, dass Titus Familiengrüße überbringen konnte. „Läuft alles gut bei Ihnen?“, erkundigte Mitras sich. „Mal so, mal so, nech? Aber was unsere Geschäfte anbelangt, ich habe die Informationen, die Sie wollten.“ eröffnete Titus den geschäftlichen Teils des Gesprächs und schob eine kleine braune Mappe zu Mitras herüber. „Gut, danke. Ist irgend etwas Belastendes dabei heraus gekommen? Irgendetwas mit dem ich Secus zumindestens eine Weile in die Enge treiben kann?“ „Leider nein. Ich konnte Geschäftszahlen und einige zwielichtige Kontakte erbeuten und aufdecken, aber nichts, was sich effektiv gegen ihn einsetzen lässt. Der Mann ist sehr gut, wenn es um Schattenaktionen geht. Zu den zwei Einbrüchen lässt sich gar nichts finden, nicht einmal, wo die Männer jeweils herkamen. Die polizeilichen Ermittlungen sind komplett ins Leere gelaufen.“ berichtete Titus. Mitras holte einen kleinen Beutel voller Münzen hervor und schob ihn zu Titus herüber. „Ich danke Ihnen für Ihre Mühen, auch wenn mich die Ergebnisse alles andere als zufrieden stellen, aber ich bin sicher, Sie haben Ihr Bestes gegeben. Fahren Sie bitte weiter fort. Und noch etwas. Ich hätte gerne, dass Secus und Cepus beide einen Schatten bekommen. Ich bin heute zufällig in die beiden gelaufen und sie haben, für meinen Geschmack, viel zu schnell auf Aggressivität gesetzt und versucht mich offen unter Druck zu setzen. Für solche Fälle einen zufälligen Zeugen zu haben, wäre schon nicht schlecht.“ Titus nahm den Beutel an sich und wog ihn kurz mit der Hand ab. „Ich denke, das wird sich machen lassen. Möchten Sie auch noch einen Schatten für ihr Haus? Wird zwar nicht ganz einfach bei der Wohngegend, aber ich finde da schon eine Möglichkeit.“ Mitras dachte kurz nach und entgegnete: „Ja, das wäre wahrscheinlich nicht schlecht.“ Titus lächelte ihn kurz verschmitzt an. „Einige offene Augen haben mir schon erzählt, dass ihr auch eine neue Schülerin habt, die bei euch wohnt.“ Mitras nickte bestätigend. „Kira Silva, ja. Sie kommt aus dem Flachland, bei Lührenburg, aus Bispar. Haben Sie Kontakte so weit in den Norden?“ Titus machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich habe überall Kontakte, wenn ich es will. Sind Sie besorgt, die Kleine könnte eine Spionin sein?“ Mitras wiegte den Kopf, doch William protestierte. „Titus, sieh doch nicht überall gleich dunkle Schatten! Kira ist niedlich und sicher kein Spion, sie ist ein ganz herzensgutes Mädel.“ „Da stimme ich William zu. Nein, ich hege keine tieferen Sorgen, dass sie mir zur Spionage untergeschoben wurde. Aber ein paar Bemerkungen, die sie hat fallen lassen, haben mich ein bisschen beunruhigt. Mich würde der Zustand ihres Elternhauses interessieren, Einkommen, Ruf und so weiter. Vielleicht auch andere Meinungen aus dem Dorf über die Familie und auch über das Mädchen.“ William blickte ihn nachdenklich an. Mitras fuhr fort: „Sie selber ist im Wesen harmlos, und, wie William sagt, vielleicht ganz niedlich, aber sie könnte möglicherweise unter Druck gesetzt werden. Thadeus versucht jetzt schon, sie scheitern zu lassen, indem er ihr nur ein Jahr Vorbereitungszeit gewährt hat. Wer weiß, was er sonst noch aus dem Ärmel zaubert, um mich über sie zu treffen. Je mehr ich vorher weiß, desto besser.“ Titus nickte. „Wird aber dauern. Reist sich nicht so schnell per Pferdekutsche.“ Mitras stimmte ihm zu. „Wo wir allerdings bei Informationen sind, die nicht so schnell passieren… Ich würde gern meine Suche nach alten Werken zur Telekinese etwas erweitern.“ Er griff in seinen Geldbeutel und holte einige zusätzliche Goldstücke heraus, die er Titus hinschob. „Setzen Sie das doch bitte als Bonus mit aus, falls mir jemand ein Buch zu Bewegungszaubern liefern kann, dass unsere Stadtbibliothek nicht vorrätig hat. Es ist mir auch nicht mehr so wichtig, dass es unbedingt in Rasenna geschrieben ist, ich nehme auch andere Sprachen.“ Titus schaute ihn neugierig an und strich das Geld unauffällig vom Tisch. „Laufen die Forschungen nicht so gut?“ Mitras schaute ihn mit unbewegtem Gesicht an. „Wenn ich Ihnen über meine Forschungen Auskunft gebe, will ich aber was von dem Geld zurück.“ Titus lachte. „Versuch war’s wert, nech?“ Mit einem Kopfneigen zollte Mitras ihm Anerkennung. Sie tranken noch eine Weile an ihren Bieren und William fragte Titus zum Familienklatsch aus, der definitiv nicht eines Meisterspiones würdig, aber dennoch recht unterhaltsam war.

„Nun denn, es wird spät und der morgige Tag hält leider noch unerwartete Arbeit für mich parat.“ beendete Mitras das Gespräch und stand auf. „Oha, arbeiten am Silenz. Und ich dachte, ihr Magier habt euch die Titel extra dafür geben lassen, um an dem Tag nicht mehr arbeiten zu müssen.“ witzelte Titus herum. „Aber gut, bei dem ganzen Ärger, den Sie im Moment haben, kann ich das gut verstehen.“ fügte er deutlich ernster hinzu. „Ich wünsche euch beiden einen schönen Abend. Wenn ich wieder etwas habe, lasse ich es Sie wissen.“ Titus verbeugte sich knapp und setzte sich wieder. Mitras nickte ihm zu wünschte ebenfalls einen schönen Abend und verließ die Nische wieder. Kaum war er ein paar Schritte Richtung Tür gegangen, versperrte ein sichtlich angetrunkener Hafenarbeiter ihm den Weg, „Na, wen hab’n wa denn hia. Erscht lassn se uns für nen Dreckslohn in ihrn Fabrikn schuften und nu saufn se uns auch noch den Fusel wech.“  Er hickste und hauchte Mitras ein Schwall übelriechender Luft ins Gesicht, der ihn einen Schritt zurückweichen ließ. Erst die di Porrums und nun das. Die gerade erst zurück gewonnene gute Laune verflüchtigte sich sofort. Innerlich vor aufsteigender Wut kochend, blieb er äußerlich komplett ruhig, während er Magie sammelte. Ein Kraftzauber, nicht zu stark. Nur so weit, dass er diesen Kerl für ein paar Wochen von der Straße prügeln konnte. Leise murmelnd begann er den Zauber zu weben, als sich Titus an ihm vorbeischob und William ihn wieder in den Eingang der Nische zurück zog. „Sag einmal, was denkst du wer du bist, dass du einen meiner Freunde so anherrschst, Bursche!“, brüllte Titus den Hafenarbeiter an. Dieser holte zu einer Gegenanwort aus, wobei er wohl gedachte, die Faust mit zu nutzen. Einer seiner Kumpels hinter ihm rief allerdings: „Tarens! „Als der Angreifer durch den Suff hindurch wahrnahm, wen er da vor sich hatte, schien er schlagartig komplett nüchtern zu werden. „Herr Tarens, isch wusste ja nisch, dass der Schnö- äh der H…Herr Ihr Gascht is.“ stammelte er. „Schafft den Trunkenbold hier raus!“, rief Titus den anderen zu, „Und wenn er wieder nüchtern ist, macht ihm klar, dass er in meinem Bezirk keine Arbeit mehr finden wird, sollte so etwas noch einmal passieren.“ Schnell brachten die anderen ihn raus. Mitras ließ die Magie wieder abfließen und bedankte sich mit finsterer Miene bei Titus. „Danke, ich hätte vielleicht etwas dummes getan ohne Ihr Eingreifen.“ „Nicht der Rede wert, aber vielleicht wäre es besser, wenn wir uns in Zukunft an ruhigeren Orten oder zumindest nicht am Hafen treffen sollten. Hier baut sich in letzter Zeit eine ziemlich unangenehme Spannung auf.“ erwiederte Titus. Mitras nickte. Es gab auch in den Zeitungen vermehrt Berichte über Unruhen in den Slums, und Decius hatte über die Geleitanweisung vorhin sicherlich auch nicht gelogen, er hatte nur Mitras davon ausgenommen. Mitras und William verabschiedeten sich entgültig von Titus, verließen das tanzende Einhorn und machten sich schnell auf den Weg zum Fähranleger. Sie hatten Glück und erwischten die Fähre, kurz bevor diese ablegen wollte. Damit war die Gefahr weiterer Übergriffe erstmal vorüber, hoffte Mitras. Auf der anderen Flussseite angekommen, kamen sie tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle nach Hause. Mitras wollte nur noch ins Bett und diesen verfluchten Tag endlich hinter sich lassen. Er wünschte William eine gute Nacht und ging in seine Gemächer, wo er rasch in einen festen Schlaf sank.