Von Magie und Metallen – 15. Lunet – 18. Lunet (Mafuristag)

Tatsächlich wachte sie am nächsten Morgen früh genug auf, um eine kleine Runde durch das Viertel zu gehen, das gerade in der Dämmerung erwachte. Es war kalt, und laufen konnte sie hier nicht, das wäre undamenhaft gewesen. Einen kleinen Moment lang vermisste sie die Moore und Wälder um Bispar, durch die sie jederzeit hatte streifen können, wenn es ihr zuhause mal wieder zu viel wurde. Dann empfing sie die Wärme des Hauses wieder und der Geruch nach frisch gebrühtem Tee. Sie frühstückte mit Abigail. Tobey war wohl schon fertig, da er früh los wollte, um einen Schaden an einer Leitung zu flicken, die der Schnee verursacht hatte. William sah aus, als hätte er die Nacht über kaum geschlafen und roch nach Alkohol. Er stellte ihnen das Frühstück hin und entschuldigte sich danach. Abigail riet ihm spitz, sich an seinen eigenen sauren Gurken zu bedienen, die seien sehr zu empfehlen, doch er grummelte nur etwas von „Kann ja keiner ahnen, dass…“ und ging dann aus dem Zimmer. Kira überlegte, ob sie ihn später fragen wollte, was keiner ahnen könne, überlegte sich dann aber, dass das indiskret sei. Es ging sie ja nichts an, wie die Angestellten des Hauses ihre Freizeit verbrachten. Also zog sie sich wie an den anderen Tagen auch zum Lernen und Lesen zurück. Jetzt wurde es ja richtig spannend: Sie sollte die Bücher zur Magieeinführung lesen, insbesondere die Anleitungen zum Kanalisieren von Magie. Mitras hatte dafür auch die Prüfungsgespräche bis zum Mafuristag gestrichen.

Durch das Buch aus der Bibliothek wusste sie ja bereits, dass es unterschiedliche Arten von Magie gab, und dass es auch unterschiedliche Formen gab, diese zu wirken. Nun lernte sie, dass Magie sowohl spontan in einen Zauber umgesetzt werden konnte als auch über einen längeren Zeitraum in Ritualen oder Zeremonien eingesetzt werden konnte. Die sprachliche Unterscheidung, auf die sie aufgrund des gestrigen Gespräches besonders achtete, war „einen Zauber mittels Magie wirken“ oder „Magie in ein Ritual verweben“. Der Begriff „Magie“ beschrieb hierbei eigentlich nur die zur Verfügung stehende Energie, die entweder spontan oder langsam eingesetzt werden konnte, um Veränderungen in der Welt hervorzurufen. Das Buch verglich es mit dem spontanen Werfen eines Steines und dem langsamen Heraushauen einer Figur aus demselben Stein. In beiden Fällen war die Welt hinterher anders als vorher. Das Wirken eines spontanen Zaubers konnte ebensoviel Energie benötigen wie ein Ritual, der Unterschied war jedoch, dass auch ungeübte Magier (und Magierinnen, wie sie innerlich ergänzte,) schnell viel Energie für einen spontanen Zauber in sich sammeln konnten. Die Magie jedoch in sich aufzunehmen und dort zu halten, um sie etwa langsam in einem Ritual einsetzen zu können, erforderte Übung. Emotionen, erfuhr sie, konnten die Magieaufnahme und auch die Abgabe in einen Zauber beeinflussen. Das war allerdings keine völlig neue Information. Harras hatte sie besucht, als ihre Eltern sie weggesperrt hatten und hatte sich bemüht, ihr zu erklären, was passiert war. Aber, das realisierte sie jetzt, da er selber nicht magisch begabt war, hatte er nur theoretisches Wissen wiedergegeben. Die Beschreibungen waren nicht Teil seiner eigenen Erfahrungswelt gewesen, nicht seine Welt, sondern nur eine fremde, die er versucht hatte, ihr zu erklären. Das Buch war aber von jemandem geschrieben worden, der wirklich erlebt hatte, wie es sich anfühlte, wenn man die Magie aus der Welt um sich in sich hinein zog und sammelte, und Kira merkte, dass sie sich in den Beschreibungen wieder fand. Dieses Sammeln, das ruhige Atmen, das kannte sie, auch das Gefühl, dass er beschrieb. Hatte sie inutiv Magie gesammelt und gewirkt, wenn sie sich verstecken wollte? Sie würde Mitras das später fragen.
Magie trat überall auf Gäa auf, soweit es bis jetzt bekannt war. An einigen Orten trat der Fluss der Magie deutlicher hervor, wie es auch Orte gab, an denen stets Windstömungen gab. Diese Orte folgten nach aktuellen Erkenntnis keinem besondern Muster – Magie war etwas natürliches und wie Wind und Wachstum, wie Berge und Flüsse folgte die Energie zwar einigen Grundregeln, war gleichzeitig aber auch chaotisch und konnte manchmal bizarre, sogar gefährliche Auswirkungen auf die physikalische Welt haben. Magiebegabte Wesen – also Pflanzen, Tiere oder Menschen – konnten Magie spüren. Sie trugen auch eigene Magie in sich. Durch Meditation und Übung konnte man das Grundlevel der eigenen Magie anheben, so dass man in der Lage war, komplexere Rituale ohne große Vorbereitung zu weben oder stärkere Zauber zu wirken. Das magische Grundlevel einiger Geister war so hoch, dass sie komplexe Zauber wie etwa das Sichtbarwerden auf einer auch für nichtmagische Menschen sichtbaren Ebene dauerhaft wirken konnten. Auf der anderen Seite gab es Pflanzen, die gerade mal etwas magische Essenz in sich anreichern konnten, um so besser Dürre oder Kälte auszuhalten und auch unter extremen Bedingungen zu überleben.

Da er erst recht spät mit den Laderitual angefangen hatte, verpasste Mitras die anderen beim Frühstück und ließ dieses auch recht kurz ausfallen, um schnell schlafen gehen zu können. Da Morgen Silenz war, musste er die nötigen Besorgungen für die Elektrumproduktion heute noch erledigen. Das nötige Silber bekam er in der Regel von den di Ferrus. Hier in der Stadt wurde das Geschäft von Marcus, dem zweiten der di Ferrus Söhne geleitet. Cornelius, seine Frau und der Älteste waren nur selten in Uldum, während ihre drei anderen Kinder alle auf ihre Art hier lebten. Die Jüngste war in der Schule der Verwandlung, während Sebastian einfach das Leben genoß und Marcus letztendlich das Kontor der Ferosianischen Bergbaugilde leitete. Silber war das wichtigste Exportgut der Stadt Feros, Hauptsitz der Baronie Ferrus. Mitras verstand sich sehr gut mit Marcus und dank der Freundschaft ihrer Väter bekam er immer einen großzügigen Rabatt.

Er kam am frühen Nachmittag beim Kontor, das in der Altstadt lag, an. Marcus begrüßte ihn freundlich: „Mitras, schön dich zu sehen. Wie geht es dir? Ich habe gehört, du hast jetzt eine Schülerin?“ „Guten Tag Marcus, ja da hast du richtig gehört. Sie scheint eine recht große Bücherliebhaberin zu sein, da war es nur eine Frage der Zeit, bis sie über deinen Bruder stolpert.“, erwiderte Mitras lachend. „Und, Herr Lehrer, wie ist es so eine Schülerin zu haben? Ich habe mir sagen lassen, dass deine Schülerin eine wahre Schönheit mit feuerrotem Haar ist, oder neigt Sebastian wieder zur Übertreibung?“ Mitras zögerte kurz. „Sie hat rote Haare, und ja, sie sieht recht gut aus, aber ich vermute, Sebastian hat dennoch übertrieben. Aber Lehrer bin ich deswegen noch nicht. Ich bin nur ihr Mentor.“, verbesserte Mitras ihn. „Ja gut, aber bis sie schulreif ist, liegt es ja doch an dir sie auszubilden.“ „Ja, das stimmt allerdings. Doch bisher läuft das ganz gut. Deswegen bin ich allerdings nicht hier. Ich habe eine neue Entdeckung bezüglich des Elektrums gemacht und bin nun gezwungen die Schule in die Erforschung mit einzubeziehen. Dafür muss ich eine neue Ladung herstellen und benötige nun 100 Kg Silber.“ „Wie immer eine stattliche Menge, aber tatsächlich habe ich gerade genug vorrätig und kann dich sofort beliefern.“ erwiderte Marcus, holte sein Schreibmaterial heraus und setzte die Bestellung auf. „Am Mirastag wird die Lieferung Morgens da sein.“ „Gut, danke. Richte deiner Familie schöne Grüße aus.“ Mitras verabschiedete sich und verließ den Kontor. Als nächstes musste er noch seinen Vater aufsuchen.

Die Familie Venaris lebte im Händlerviertel ein paar Straßen von Mitras entfernt. Er war die beste Quelle für die weiteren Zutaten und bot durch die Familienbande zusätzlichen Schutz für Mitras. Das Handelshaus Venaris bestand nur aus einem kleinen Verkaufsraum im Erdgeschoß des Wohnsitzes. Sein Vater protzte nicht gern öffentlich und so sah das Haus von außen recht schlicht aus. Einzig die Größe ließ erahnen, dass der hier lebende Händler sehr erfolgreich war. An einer Kreuzung gelegen gab es drei Eingänge. Zur einen Seite führte eine Treppe zur Haustür des Wohnbereiches. In der anderen Straße lag der Eingang zum Verkaufsraum und daneben, recht unscheinbar war ein Dienstboten- und Lieferanteneingang. Anstatt in den Verkaufsraum zu gehen, öffnete Mitras eine kleine Tür an der Seite des Gebäudes und ging die Treppe hinauf.

Wie erwartet war seine Mutter gerade in der Küche und blickte erst überrascht und dann erfreut auf, als er herein kam. „Mitras, mein Junge, eine schöne Überraschung. Aber warum schleichst du dich denn schon wieder von hinten herein.“ „Hallo Mutter, wenn ich die Vordertür nehmen würde, wäre es ja keine Überraschung mehr.“ entgegnete er schlemisch. Sie lächelte, wischte sich die Hände ab und umarmte ihn. Dann schob sie ihn von sich und betrachtete ihn prüfend. „Junge, du siehst nicht gut aus. Was sind das für Ringe unter deinen Augen?“, fragte sie besorgt. Mitras lächelte gequält „Spuren meiner Forschung. Ich muss leider im Moment sehr häufig auch Nachts arbeiten, aber das wird sicher bald vorbei sein.“ , antwortete er beschwichtigend „Und ja dann werde ich mich erst einmal ausruhen. Aber noch ist es nicht soweit.“ Sie sah ihn skeptisch an, sagte aber nur „Na gut, wenn du es sagst. Aber achte trotzdem mehr auf dich. Dein Vater ist gerade zum Tee heraufgekommen, setz dich doch bitte zu uns, du bist schon viel zu lange nicht mehr da gewesen.“ „Gerne, Mutter. Wie könnte ich diese Bitte abschlagen?“ erwiderte er und ließ sich von ihr in den Salon führen, in dem sein Vater schon saß. „Mitras, schön dich zu sehen!“, begrüßte sein Vater ihn, während er aufstand und ihn in die Arme schloß. „Tilde, sei so gut und bring noch ein weiteres Gedeck.“, wandte sich seine Mutter an das Dienstmädchen, dass seinem Vater gerade Tee eingeschenkt hatte. „Natürlich.“, erwiderte sie, nickte Mitras kurz freundlich zu und deckte für ihn. „Also mein Sohn, was verschafft uns die Ehre deines Besuchs. Rieke meinte, du seist im Moment furchtbar beschäftigt.“, fragte sein Vater. „Ich verbinde mal wieder das Schöne mit dem Nützlichen. Ich habe eine neue Entdeckung gemacht, die mehr als genug neue Probleme aufwirft und wohl auch für die Generalität gefährlich sein könnte. Deswegen haben sie mich jetzt genötigt mit der Schule zusammen zu arbeiten. So sehr ich das auch hasse, aber ich bin da jetzt von Thadeus abhängig. Aber seltsamerweise hat er den Auftrag an einen der fähigeren Professoren gegeben. Und das macht mir nur noch mehr Sorgen. Aber ich will euch damit nicht die Stimmung verderben. Sobald möglich treffe ich mich mit Nathanael und kläre die Probleme mit ihm. Aber ich muss neues Elektrum herstellen und brauche dafür die Rohstoffe. Vater, kannst du mir 25 Kg Blauerz, 75 Kg Cadmium und 50 Kg Titan besorgen?“ Sein Vater blickte ihn nachdenklich an, „Das Blauerz ist kein Problem, fällt ja genug von an und da weiß ja eh keiner außer dir was mit anzufangen. Das Cadmium müsste ich im Lager haben, ich weiß ja, dass du es brauchst. Aber an Titan ist seit dem Unglück in Berg nur schwer heran zu kommen. Das wird also eine Weile dauern.“ Mitras fragte besorgt nach, „Es gab ein Unglück in der Titanmine? Ich hoffe doch, dass niemand zu Schaden gekommen ist?“ „Zum Glück nicht, was schon ein kleines Wunder ist. Ein Priester meinte, dass sie wohl einen Berggeist erzürnt hätten. Dieser habe dann wohl einen wichtigen Stollen einstürzen lassen, als gerade keiner drin war. Also wenn das wirklich ein Erdgeist war, dann tatsächlich wohl ein gnädiger. So gut lassen sie Minenarbeiter sonst nicht wegkommen. Na ja, jedenfalls muss die Mine nun untersucht und wohl auch exorziert werden. Aber ich werde sehen, was ich tun kann. 50 Kg werde ich wohl noch zusammen gekratzt bekommen.“ „Danke Vater, lass es mich wissen wenn es extra kostet. Geld ist kein Problem.“ „Ist gut. Und nun lass uns zu erfreulicheren Themen kommen. Die Kleine, die du bei dir aufgenommen hast, macht sich gut?“ Auf Kira gebracht, schmunzelte Mitras kurz. „Ja, Kira heißt sie und macht sich gut. Ich nehme mal an Rieke hat euch schon ein wenig über sie erzählt? Sie hatte einige Startprobleme und ist komplett eingeschüchtert. Aber sie ist sehr fleißig und hat eine gute Auffassungsgabe. Wenn ihr das nächste Mal vorbei kommt, stelle ich sie euch richtig vor.“ Sein Vater lächelte und griff hinter sich in eine Kommode, aus der er eine flache Schachtel herausholte. „Ja, Rieke hat von ihr erzählt, wie hübsch sie sei und eine angenehme Gesellschaft. Und dass es dir ganz gut täte, mal eine Frau um sich zu haben. Ich sag ja, Junge, ohne Frau ist das nur ein halbes Leben.“ „Vater!“ , empörte Mitras sich. „Sie ist doch erst 17!“ Seine Eltern lachten, besonders seine Mutter. „Ich war auch erst 17, als ich deinen Vater kennen gelernt habe.“ „Ja, aber Papa war da auch erst 21.“ Sein Vater schmunzelte immer noch. Er schob ihm die Schachtel hin. „Das stimmt. Aber egal, ob sie nun eine hübsche Frau oder einfach nur deine Schülerin ist, du solltest ihr ein Einstellungsgeschenk machen.“ „Ich habe…“, begann Mitras und brach dann ab. In der Schachtel lag verschiedener Schmuck. Sein Vater bekam so etwas öfter von den Schmieden, die mit ihm Geschäfte machen wollten. Vermutlich hatte er hierfür nicht mal bezahlt. Das, was ihn allerdings hatte stocken lassen, war ein Kettenanhänger aus grünem Achat. Er hatte blaue und weiße Schlieren, vermutlich war der Stein mit Farbmagie behandelt, und in Silberdraht gefasst, der zu kleinen Blütenranken mit winzigen Silberblättern gerformt war. Er würde perfekt zu Kira und ihren Haaren passen. Mitras griff in die Schachtel und hob ihn heraus. „Ich habe ihr eigentlich schon ein paar Kleider zum Einstieg geschenkt, und ich glaube, sie mag es nicht, zu sehr überhäuft zu werden.“ Was eine leichte Untertreibung angesichts ihrer Heulattacke vom letzten Mal war. „Der hier ist allerdings wirklich passend.“ Neben der Kette lagen noch ein paar Ohrringe dort aus einem etwas einfacheren grünen Stein, die mit ähnlichem Silberdraht gefasst waren. Er nahm auch diese heraus. „Wenn du meinst, dass es angemessen ist, nehme ich diese drei Stücke mit und schenke sie ihr bei einer passenden Gelegenheit.“ Sein Vater nickte zufrieden. „Mach das. Und finde mal raus, wann sie Geburtstag hat. Als deine Schülerin gehört sie ja jetzt zur Familie, da können wir ja was bei Niclas in Auftrag geben.“ Mitras versprach es, auch wenn es sich fragte, wie Kira mit solch wertvollen Geschenken wohl umgehen würde. Sie kam aus einer anderen Welt als er, wurde ihm wieder bewusst. Er blieb noch eine Weile zu Tee und Kuchen und verabschiedete sich in den frühen Abendstunden. Jetzt musste er nur noch warten bis alles Material da war. Die Verzögerung der Titanbeschaffung war ärgerlich, aber das wichtigste jetzt war das Blauerz. Eigentlich ein Abfallprodukt war es dieses Element, das sich zum Venarium transmutieren ließ. Und das musste er eh als erstes erledigen.

Auf dem Weg nach Hause fühlte er sich mit einem Mal beobachtet und blickte sich schnell um, konnte aber niemanden entdecken, der sich irgendwie auffällig verhielt. Auch eine kurze magische Untersuchung seiner Umgebung brachte nichts zu Tage. Was es auch war, es war verschwunden. Vielleicht durch seine Bewegung alamiert. Mitras beschleunigte und legte den restlichen Weg so schnell es ging zurück. Er entspannte sich erst wieder, als er die Haustür hinter sich schloß.

Kira verbrachte den Schengstag und auch den Vormittag des Silenz damit, all das neue Wissen aufzunehmen und machte anschließend die Atemübungen, die das gezielte Kanalisieren, also das Anheben des eigenen Grundlevels zur Vorbereitung eines Zaubers, vorbereiten sollten. Sie war hinterher sehr entspannt und hatte das Gefühl, sich angenehm treiben lassen zu können, also verwarf sie den Plan, weiter im Niggel zu lesen, und setzte sich stattdessen an den Schreibtisch, um zu zeichnen. Malen und Zeichnen waren immer schon ein lieber Zeitvertreib für sie gewesen, sie fand die Zeit, die man alleine in das Bild und damit auch seine eigenen Vorstellungen versinken konnte, ungemein angenehm. Sie zeichnete die Ansicht des Moores nördlich des Hauses ihrer Eltern. Die Szenrie hatte sie schon so oft gemalt oder gezeichnet, dass sie sie ohne langes Überlegen aufs Blatt bringen konnte, und sie mochte es, sich darin zu vertiefen, die Schattierungen des Waldes und die leicht schimmernde, nasse Oberfläche des Moores auszugestalten. Sie hörte das leise Kratzen des Stiftes auf dem Papier, ab und zu Stimmen und Türen- oder Geschirrgeklapper im Haus, ein paar Mal lief jemand über den Flur, und sie spürte, dass alles gerade ganz friedlich war. Selbst die Sonne schenkte ihr einen guten Silenz und schien durch das Fenster auf ihr Blatt.

Mitras hatte den Silenz im Labor verbracht und war damit beschäftigt die einzelnen Zellen des Elektrums weiter zu untersuchen. Gegen Nachmittag hörte er dann die Türglocke und trat neugierig aus dem Labor heraus. Er erwartete niemanden und war überrascht als Abigail die Tür öffnete und der Magus höchstselbst davor stand. „Euer Lordschaft tretet ein, wir hatten Sie gar nicht erwartet.“, sagte Abby etwas verdaddert. Eilig kam Mitras die Treppe herunter und umarmte seinen Freund wenig standesgemäß: „Nathanael, was für eine schöne Überraschung. Ich hatte noch nichts wieder von dir gehört und dachte schon meine Nachricht wäre nicht angekommen.“ Dieser lachte auf und erwiderte: „Mitras, schön dich zu sehen, aber so überschwänglich, du musst wirklich verzweifelt sein. Entschuldige, dass ich mich nicht angekündigt habe. Ich bin erst heute wieder nach Uldum zurück gekehrt und habe die Notiz über deinen Besuch eben im Büro gesehen. Was muss ich hören, es ist der Generalität gelungen dir einen Teil deiner Forschung zu nehmen?“ „Komm erstmal richtig rein, wir bereden alles wichtige oben und ja, es ist einiges passiert.“ Er wandte sich zu seiner Haushälterin um: „Abigail, könntest du WIlliam bitten uns Tee und ein paar Häppchen zu machen?“ „Ja gewiss doch, Sir.“, sagte sie, um Fassung darüber ringend, dass Mitras mit seinem Magus und damit mit einem Herzog so nonchalant umging. Mitras war sich dessen sehr wohl bewusst, aber da weder er noch Nathanael groß wert auf Förmlichkeiten legten und sie unter sich waren, gab er sich, zur Freude seines Mentors, ungezwungen. Er geleitete ihn nach oben in sein Arbeitszimmer.

Diesen Raum hatte er tatsächlich schon länger nicht mehr genutzt. Er enthielt seine private Bibliothek, die fast die Hälfte des Zimmers einnahm. Die hohen Schränke bildeten drei Reihen, zwei an den Wänden und eines in der Mitte. In beiden so entstehenden Nieschen stand jeweils ein bequemer Lesesessel mit einem Beistelltisch. In der vorderen Hälfte befand sich zur Rechten der Tür sein Arbeitstisch. Ein großer Schreibtisch aus Eiche mit mehreren Schubladen und einem Regal voller Dokumente und Büchern darüber. Zur linken befand sich die Tür zu seinem Schlafzimmer und zwischen der Tür zum Flur und der anderen waren in der Ecke drei bequeme Sessel mit einem kleinen Tisch in der Mitte angeordnet. Mitras ließ seinen Gast auf einen dieser Sessel Platz nehmen und setzte sich auf seinen bevorzugten Platz.

„Also, mein Junge, dann erzähl doch mal.“ , begann Nathanel das Gespräch. Mitras fasste die Ereignisse der letzten Zeit zusammen, erwähnte die Rückschläge bei der Forschung bis hin zur Zerstörung des Testgenerators, die Entdeckung der Bezirke im Elektrum und wie sie es beeinflussten und was das für die weitere Nutzung des Elektrums bedeutete. Er schilderte seine Gespräche mit di Scuti und Thadeus, sowie sein unerfreuliches Zusammentreffen mit di Porrum. Zwischendrin wurde er von William unterbrochen, der das Tablett mit Tee, Gebäck und einigen Schnittchen hoch gebracht hatte und nun Nathanael höflich fragte, ob der Magus zum Abendessen bleiben würde. Dieser verneinte, er würde das Haus kurz vorher wegen einer anderen Verabredung wieder verlassen müssen und dankte William. Mitras beendete nun seinen Bericht mit der Ansage von Thadeus, dass di Camino mit der Forschung an der Schule zu betraut war. Nathanael hatte aufmerksam und kommentarlos zugehört und sagte nun: „So so, di Camino also. Eine seltsame Wahl aus Thadeus Sicht.“ „Ja, das habe ich auch schon gedacht. Di Camino ist genau der Spezialist, den ich zur Unterstützung brauche. Ich stelle Morgen alle Unterlagen für ihn zusammen. Am Mafuristag werde ich die Sachen zusammen mit einer ersten Lieferung Elektrum zu ihm bringen. Die Frage ist, was heckt Thadeus aus und wie können wir dem begegnen?“ Nathanael blickte nachdenklich über die Bücherregale und nippte am Tee. „Das ist eine gute Frage. Er plant zweifellos etwas, sonst hätte er dir niemals so gute Unterstützung zu kommen lassen. Aber was bezweckt er? Di Camino ist sehr gewissenhaft, aber auch bescheiden und er gehört nicht zu den Traditionalisten. Er wird dir deine Arbeit nicht streitig machen. Allerdings wird er auch klar die Anweisungen seines Schulleiters befolgen, wie immer diese auch aussehen. Du solltest sehr genau darauf achten, was er für Ergebnisse erzielt und in welche Richtung Thadeus ihn lenkt. Aber ich fürchte im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten und vorsichtig zu sein. Die di Porrums sind da schon eine ganz andere Nummer. So viel Dreistigkeit hätte ich ihm nicht zugetraut, dir am Abend einfach so aufzulauern.“ „Sie haben mich eher zufällig entdeckt, aber ja, dass sie bereit waren die Situation so eskalieren zu lassen, hat mich auch erschreckt. Ganz zufällig war es aber nicht, Cepus war in Eisen gerüstet. Sie hatten also etwas vor und ich habe sie wohl zu früh aufgeschreckt.“ Nathanael blickte ihn besorgt an, „Erwartest du einen weiteren Einbruch?“ „Jetzt erstmal nicht mehr. Leutnant Decius patrouliert das Viertel regelmäßig und das wissen die beiden nun auch. Ich habe einige Kontakte damit beauftragt Möglichkeiten zu finden, die di Porrums zu belangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei Secus alles mit rechten Dingen zugeht.“ Nathanael blickte besorgt zum Fenster hinaus. „Ich werde zusätzlich eigene Nachforschungen anstellen. Hoffen wir mal, dass wir etwas finden, um ihnen endlich das Handwerk zu legen. Aber ganz einfach wird das nicht, auch wenn er sich als Magier disqualifiziert hat, er hat immer noch seinen Titel, das Land und vor allem das Geld. Er besitzt nach wie vor größeren Einfluss bei den Traditionalisten als Thadeus lieb sein kann und seine kriegstreiberischen Bemühungen werden auch von zu vielen eher mit Wohlwollen gesehen.“ „Ja, das habe ich auch schon gehört. Die Gruppierungen, die gegen den einen oder anderen Nachbarn einen Militärschlag fordern raufen sich so langsam zusammen. Noch würden sie sich eher selbst die Köpfe darüber einschlagen ob die Skir eine zu große Bedrohung seien und deswegen angegriffen werden müssten, oder ob die Praktiken im Dschungel nicht ein Grund seien, oder ob man das Land des alten Reiches von den Angshire wieder zurück erobern sollte. Aber ich fürchte es reicht ein einziger Grund, um sie zur Zusammenarbeit gegen eines ihrer Ziele zu bringen. Eine neue Waffe wäre da genau das Richtige. Verdammt, ich dachte ich liefere ihnen eine magische Alternative zu Stahl und nicht das Werkzeug, um einen neuen Krieg zu führen.“ Nathanael sah ihn leicht vorwurfsvoll an und sagte: „Ich habe dich gewarnt, mein Junge. Aber ich verstehe dich, ohne das Geld der Generalität hättest du all das hier nicht aufbauen können. Und in der Tat, ich bin neugierig was du noch für Wunder vollbringst. Strom aus Magie erzeugen ist jedenfalls schon ein gewaltiger Sprung. Ist dir eigentlich bewusst, was es bedeutet, wenn es dir wirklich gelingt deinen Generator produktiv zu bekommen?“ „Na ja, dann habe ich endlich etwas womit ich es rechtfertigen kann den Vertrag mit der Generalität aufzulösen, da der Nutzen im zivilen ja doch überwiegt.“ sagte Mitras etwas bescheiden. Nathanael lachte. „Ja, und wenn du das hinbekommst, wirst du ganz nebenbei der wichtigste Mann im Reich, weil du dann die Elektrizität kontrollierst. Ist dir eigentlich die Tragweite bewusst?“ Mitras errötete, soweit hatte er nie gedacht. Es war ihm seit der Entdeckung eigentlich nur darum gegangen, diese hässlichen Kohleschlote loszuwerden, die die Stadt immer mehr mit einer russigen Glocke bedeckten. Aber als er jetzt so darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass Nathanael recht hatte. Er würde nicht nur die Kohle verdrängen, was ihm sicher noch einen ganzen Haufen mehr Feinde einbrachte. Nein, der Stromverkauf, selbst wenn er den Preis sehr niedrig ansetzte, könnte ihn tatsächlich zu einem der reichsten Männer Albions machen. Vielleicht würde er ja auch einfach die Generatoren verkaufen und nicht gleich den gesamten Strombedarf Albions selbst decken, doch selbst das wäre ein Marktmonopol. Ihm schwindelte bei diesem Gedanken, aber es gab nun kein Zurück mehr. Der Weg war eingeschlagen und ihm blieb nun nichts anderes mehr übrig, wollte er das Elektrum nicht an die Kriegstreiber in der Generalität verlieren.

„Nein das hast du noch nicht bedacht, das sehe ich. Aber gut noch ist es nicht soweit und ich weiß, dass du diese Macht nicht missbrauchen wirst. Du bist der Richtige dafür und wir werden es gemeinsam hinbekommen. Wenn du denn das Wunder vollbringst und die Generatoren effizient betreiben kannst. Ich sehe ja, wie sehr es dich aufreibt. Im Moment würde ich dir jedenfalls eher glauben, dass du Anfang 40 und nicht Anfang 30 bist.“ Nathanael blickte ihn zugleich aufmunternd und traurig an. „Aber gut kommen wir zu erfreulicheren Dingen. Ich möchte doch mal sehen, wen Thadeus dir da geschickt hat. Sie muss ja ein ganz schöner Härtefall sein, dass Thadeus sie so überstürzt zu dir geschickt hat.“ Mitras lachte kurz auf und sagte, „Ja das muss er wohl gedacht haben. Aber dabei hat er sich gewaltig verschätzt. Thadeus hat ihr nur ein Jahr gegeben, sicherlich, weil er sie scheitern sehen will. Er hält sie für unwürdig, wie alle, die nicht von adeliger Geburt sind, denke ich, und für unfähig, sich der Gesellschaft anzupassen vielleicht auch. Aber er hat nicht genau genug hingesehen. Statt mir ein dummes Dorfmädchen mit Wutproblemen zu schicken, hat er mir einen ungeschliffenen Diamanten vor die Tür gelegt. Sie hat ihre Probleme, ist aufs Tiefste eingeschüchtert und ich weiß auch noch nicht, was genau bei ihrer Entdeckung passiert ist. Ich bin mir aber sicher, dass es sich nicht um einen gewollten oder ungewollten Angriff handelte. Aber im Großen und Ganzen ist sie eine attraktive, eloquente und gebildete junge Frau. Sie wird sich gut machen. Aber am besten machst du dir selbst einmal ein Bild. So wie ich meine Haushälterin kenne, hat sie das arme Ding schon ganz wahnsinnig gemacht, ich stelle sie dir also besser vor, bevor sie so nervös ist, dass sie bei deinem Anblick gleich umkippt.“ Mitras schnippte kurz mit dem Finger, um Abigail zu rufen und sie trat kaum einen Moment später schon ein, was Mitras Verdacht bestätigte. „Abigail, wärst du so gut Kira zu rufen. Ich möchte sie dem Magus vorstellen.“ „Jawohl mein Herr, ich werde sie sofort holen.“, sagte sie und verschwand sofort wieder.

Gegen Nachmittag kam eine reichlich aufgewühlte Abigail zu Kira. Sie trug die Magierrobe, die sie für Kira genäht hatte. „Kindchen, wir müssen deine Robe fertig machen!“, sagte sie, und Kira hatte das Gefühl, ein aufgeschrecktes Huhn würde in ihren friedlichen Silenz einfallen. Sie legte ihre Zeichensachen beiseite und stand gehorsam auf. „Warum bist du so aufgeregt darüber?“ Abigail öffnete bereits ihr Kleid am Rücken. „Der Magus ist da!“ „Der… wer?“, fragte Kira. „Der Magus Nathaneal di Blanca. Der Leiter der Gilde der Verwandlungs- und Heilmagie. Dein Herzog!“ Kira steckte den Kopf durch die ihr hingehaltene Robe. „Mein Herzog?“ Ihr fiel auf, dass sie zu wenig über die Gilde und ihren Aufbau wusste. Abigail schien das auch aufzufallen. „Herrjeh, wie haben dir gar nichts darüber gesagt, ich Dummerchen. Und Mitras, wie unverantwortlich. Natürlich weißt du nichts über die Gilde, oder?“ Sie kniete sich vor Kira und steckte den Saum gerade. Sie hatte ihn zwar schon beim letzten Mal angepasst, aber nun waren die Ärmel angenäht und es brauchte noch ein wenig Korrektur. „Ohne Mitglied einer Gilde zu sein, darf man in Albion keine Magie gewerblich nutzen, wie du vermutlich weißt. Es gibt vier große Gilden – Verwandlung, Hellsicht Telekinese und Elementar. Und die Gilde der Heil- Verwandlungs- und Veränderungssmagie ist nun deine Gilde, weil sie dich aufgenommen hat. Sie besteht aus den Discipuli, den Schülern der Schule, den Absolventen – Assistenten und freien Magiern – den Magistern und den Erzmagiern. Magister werden geadelt, sie erhalten den Rang eines Barons. Erzmagier wird man wie Magister durch Prüfungen und Forschungserfolge, und dann ist man ein Graf. Oder eine Gräfin. Und dann kann man einen besonderen Posten bekommen, wenn man besonders gut ist. Äh, Bibliotheksleiter oder Schulleiter zum Beispiel. Autsch.“ Abigail war während ihres Redeflusses dazu übergegangen, den Saum mit feinen, flinken Stichen festzunähen, während sie vor Kira am Boden saß. Es wäre vermutlich wesentlich einfacher gewesen, wenn Kira die Robe wieder ausgezogen hätte, aber sie wollte die aufgeregte Abigail lieber nicht unterbrechen. „Und wenn man ganz gut ist, wählt der Rat aller Erzmagier einen zum Magus. Leiter der Gilde. Und im Rang wie ein Herzog, dem die anderen wie einem Lehnsherren untergeordnet sind, nur ohne Zehnt. Und halt nur für 10 Jahre. Stell dir vor, er befehligt alle Erzmagier der Verwandlungsgilde. Ein Schnipsen, und man ist vermutlich eine Pflanze oder…“ Kira musste lachen. „Abby, ich glaube, du übertreibst.“ Abigail richtete sich mit hochrotem Kopf auf und stemmte empört die Arme in die Seite. „Ja, aber…“ Kira schüttelte den Kopf. „Habt ihr mir nicht gesagt, man solle keine Vorurteile haben? Wenn er von der Gilde gewählt wurde, wird er doch ein guter Mann sein, oder?“ Abby atmete aus. Sie nickte, ließ sich wieder zu Boden sinken und beendete die Naht. „Sei trotzdem höflich. Und vorsichtig. Herzog di Blanca hat Mitras stets beschützt, ich glaube, die beiden verbindet etwas, das ist gut für uns. Mitras hat ihn gerade sogar umarmt.“ Der Schrecken über diese völlig standesverletztende Handlung stand deutlich in Abigails Gesicht. Kira schüttelte sich innerlich vor Lachen, während sie sich äußerlich ruhig gab. Sie hätte nicht gedacht, dass Abigail, die stets so ständelos wirkte, sich über etwas derartiges so aufregen würde. Vermutlich war ihr gar nicht bewusst, dass ihr mütterlich-befehlendes Verhalten, dass sie gegenüber allen im Haus zeigte, gegenüber Mitras genauso standesverletztend war. Nachdem sie sich innerlich darüber genug amüsiert hatte, merkte sie allerdings, dass sie auch nervös war. Der Magus der Gilde… würde er sie testen? Ob er von ihren Testergebnissen wusste? Was, wenn Mitras zu freundlich gewesen war?Warum kam der Magus am Silenz vorbei, und das noch ohne Ankündigung? Ob etwas passiert war? Würde man sie heimschicken? Angst schürte ihre Kehle zusammen. Dann richtete sie sich auf. Sie hatte sich geschworen, sich zu bemühen. Nicht kampflos gehen. Sie hatte sich noch nie kampflos ergeben. Diesmal auch nicht. Als Abigail sie freigab, schaute sie sich im Spiegel an. Etwas Bleistiftspuren waren auf ihren Wangen, die Haare vom An- und Ausziehen zerwuschelt. Abby nickte ihr zu, offenbar angetan von ihrem Plan, sich frisch zu machen, und ging auf den Flur. „Ich warte draußen. Bestimmt ruft Mitras mich gleich.“ Kira wusch sich und flocht die Haare. So fielen sie auch nicht gleich so auf, fand sie. Dann stand sie einen Moment ratlos im Zimmer. Ehe sie sich allerdings zu viele Gedanken machen konnte, öffnete Abigail die Tür und winkte ihr aufgeregt zu. Kira holte tief Luft und trat auf den Gang hinaus.

Abigail öffnete die Tür zur Bibliothek, knickste zu den beiden sitzenden Männern hin und ließ Kira an sich vorbei treten. Dann schloß sie sanft die Tür hinter sich. Kira blickte sich um. Sie hatte den Raum noch nie betreten. Er war voller Bücher. Wirklich viele Bücher. Einen Moment lang lenkte es sie von Mitras und dem anderen Mann ab, die links von ihr saßen und sich nun erhoben. Doch dann besann sie sich auf ihre Manieren – und den Niggel – und verbeugte sich angemessen tief vor den beiden. Als sie aufschaute, hielt sie verdutzt inne. Der ältere Mann neben Mitras verblüffte sie. Er hatte weiße Haare, doch seine Haut war dunkel. Nicht ein bisschen sonnendunkel, richtig dunkel. Sie musste sich zusammenreißen, ihn nicht anzustarren. Wieso war seine Haut so dunkel? Sein weißer, sorgfältig gepflegter Bart bildete einen deutlichen Kontrast dazu. Er trug eine schlichte Magierrobe, die allerdings aus Seide zu sein schien und mit zahlreichen silbern glänzenden Symbolen bestickt war, einige kannte Kira von den Fliesen des Vorraumes. Er lächelte sie freundlich an und sagte mit tiefer, warmer Stimme: „Kira Silva. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Kira knickste noch einmal und spürte, dass sie rot wurde. „Die Freude ist ganz meinerseits, Herzog di Blanca“, erwiderte sie die formelle Grußformel korrekt. Mitras zog eine Augenbraue hoch, offenbar überrascht davon, dass sie die eigentlich nur Adeligen gebräuchliche Grußformel kannte, und Kira dankte heimlich Sebastian und dem Niggel für die stillen Lehrstunden. Herzog di Blance machte eine einladende Handbewegung. „Mögen Sie sich zu uns setzen? Mitras hat mir schon einiges Gutes von Ihnen berichtet, da bin ich natürlich gespannt, was für eine Zuwachs unsere Gilde bekommen hat.“ Kira spürte, wie die Röte bis zu den Haaren stieg. Was hatte Mitras wohl über sie gesagt? Sie bedankte sich höflich und setzte sich auf den freien Sessel. Auch Mitras und Nathanael setzten sich wieder. „Hat man sie hier gut aufgenommen?“, erkundigte sich der Magus. Kira nickte heftig. „Absolut. Ich hätte es nicht besser treffen können. Magister Mitras ist großzügig und aufmerksam. Ich werde mich bemühen, viel zu lernen, um seinem Haus keine Schande zu machen.“ Nathanael schmunzelte. „Das werden Sie nicht, keine Sorge. Probleme macht unser guter Magister hier sich meistens schon alleine.“ Kira schaute verlegen zwischen ihm und Mitras hin und her. Sie wollte dem Herzog nicht widersprechen, aber sie wollte auch nicht auf ihrem Magister sitzen lassen, dass er Probleme schaffen würde. Mitras schmunzelte allerdings, also schien er die Aussage nicht als Beleidigung zu verstehen. „Bisher habe ich nicht feststellen können, dass er in irgendetwas Probleme erzeugen könnte, Herzog di Blanca, da muss ich Sie leider enttäuschen“, sagte sie dennoch. Nathanael lehnte sich im Sessel nach hinten und begann, laut zu lachen. „Mitras! Ich glaube, du hattest Unrecht!“ Er wischte sich eine Lachträne beiseite. „Deine Haushälterin ist weniger schlimm, als du befürchtest hast. Sie hat es zumindest nicht geschafft, deine Discipula zu nervös zu machen.“ Mitras lachte ebenfalls. Irgendetwas schienen die beiden vorher schon besprochen zu haben. Kira wusste nicht, ob sie lachen sollte und wenn ja, worüber. Hilflos blickte sie Mitras an. „Ich habe schon damit gerechnet, dass Abigail sofort in Ihr Zimmer eilen und über Sie herfallen wird, um Sie herauszuputzen. Und ich bin davon ausgegangen, dass sie Sie dabei über die Wichtigkeit unseres Besuchers aufklären wird. Sie neigt dazu, bei so etwas zu sehr zu dramatisieren. Tatsächlich sind Nathanael und ich alte Freunde und kennen uns schon seit ich noch ein einfacher Schüler und er ein einfacher Erzmagier und Bibliothekar waren.“ Kira überlegte kurz. Nach allem, was sie bisher wusste, war niemand ein „einfacher Erzmagier“. Nathanael lachte über diese Darstellung. Die Freundschaft zwischen den beiden war also vermutlich der wahre Teil der Aussage. Sie lächelte Nathanael nochmals an. „Ich freue mich, dass mein Magister einen so sympathischen und geduldigen Freund wie Sie hat, Herzog. Ich denke, gute Freunde brauchen alle im Leben.“ Nathanael wurde ernst und nickte. „Das ist auch von Ihnen weise ausgedrückt. Haben Sie denn auch schon Freunde hier in Uldum gefunden?“ Kira schaute wieder etwas verlegen zu Mitras. „Kann man einen Mentor als Freund bezeichnen?“ „In guten Fällen kann man das, ja“, nickte Nathanael. „Dann würde ich sagen, ich habe bereits fünf Menschen gefunden, die ich gerne als Freunde hätte. Aber ich bin ja noch nicht mal einen Monat hier. So schnell gedeiht Freundschaft nicht.“ Schmunzelnd fügte Mitras hinzu: „Sie hat den Jüngsten der di Ferrus Söhne kennen gelernt.“ Nathanael nickte, „Ah, Bastian, oder nein, Sebastian heißt er, oder? Ich muss gestehen, ich kenne ihn nicht so gut wie seine Mutter oder seine jüngere Schwester. Eine zukünftige Mitschülerin von Ihnen. Aber einen di Ferrus als Freund zu haben ist nie verkehrt.“ Kira entspannte ihre Schultern etwas. Sie hatte befürchtet, Mitras würde ihr Ansinnen, ihn als Freund zu bezeichnen, als unangemessen ablehnen, doch weder ihn noch den Magus schien ihr Vorstoß gestört zu haben. Dass auch der Gildenmagus den nichtmagischen Sebastian als eine gute Bekanntschaft bezeichnete, beruhigte sie weiter. Sie lies den Blick etwas durch den Raum schweifen. Rechts von ihr gab es ein Regal mit Büchern, die uralt aussahen. Hatte Mitras nicht gesagt, sie dürfe hier jederzeit rein? Sie bedauerte, den Raum jetzt erst entdeckt zu haben. Nathanael war wohl ihrem Blick gefolgt, denn er fragte sie: „Mögen Sie Bücher?“ Kira wandte sich ihm wieder zu und überlegte kurz, ehe sie antwortete: „Bücher sind die Freunde, die einem auch dann bleiben, wenn alle anderen gehen. Und sie sind die Freunde, die uns nicht aufhalten, sondern beflügeln. Ja, ich glaube, ich mag Bücher sogar sehr. Sie sind lange schon meine Freunde geworden.“ Der Magus beobachtete sie einen Augenblick ernst, dann nickte er. „Ja, das sind sie.“ Er reichte ihr seine Hand. „Würden Sie erlauben, dass ich sie einmal berühre? Nur eine kleine magische Analyse, wenn Sie erlauben.“ Kira reichte ihm ihre Hand. „Selbstverständlich, Magus.“ Einen Moment lang saß er still, die Augen geschlossen. Sie spürte, wie ein Kribbeln ihren Arm herauf wanderte. Schließlich wandte er sich an Mitras. „Du hattest Recht. Wie ein ungeschliffener Diamant. Sei bitte vorsichtig beim Üben. Ich muss jetzt leider wirklich los.“ Er wandte sich wieder zu Kira. „Lady Silva, es war mir eine Ehre. Ich freue mich, Ihnen später wieder zu begegnen.“ Kira stand auf und knickste zur Verabschiedung. Die Aussage, dass Mitras beim Üben vorsichtig sein solle, verwirrte sie. Beim Üben der Zauber? Hielt auch der Magus sie für gefährlich? Aber er war so nett gewesen… Ein wenig verloren stand sie neben dem Sessel und schaute Mitras und Nathanael nach, die zur Tür gingen. Vielleicht hatte der Magus gehört, was in Bispar passiert war. Hatte sie den Test bestanden? Oder würde sie gehen müssen?

Mitras verabschiedete Nathanael und kehrte in die Bibliothek zurück. Ihm ging nicht aus dem Kopf was Kira gesagt hatte. Er sei ihr Freund. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr ihn das freute. Er hatte ihr ein guter Mentor sein wollen, besser auf jeden Fall als Thadeus es für ihn gewesen war. Aber das, das übertraf seine Erwartung dann doch bei weitem. Ihr ein Freund sein zu dürfen, erfüllte ihn mit Freude und Stolz, etwas, was er die letzten Wochen zu selten gespürt hatte. Er würde sich bemühen, diesem Vertrauensbeweis würdig zu sein. Kira stand noch immer gedankenverloren da, wo er sie zurück gelassen hatte, was ihm sofort einen Stich versetzte. Was hatte sie so bedrückt zurück gelassen? Nathanael war sichtlich von ihr angetan. Hatte sie etwas falsch verstanden, oder hätte er sie nicht so stehen lassen dürfen? Waren die Förmlichkeiten zu viel für sie gewesen? Ihm fiel auf, dass sein Umgang mit ihr immer noch so förmlich war, wo er doch gerade selbst mit seinem Magus vor ihr wild rumgescherzt und jegliche Förmlichkeit vergessen hatte. Es war höchste Zeit die Förmlichkeit über Bord zu werfen. Schließlich war die unter Freunden doch nun wirklich nicht angebracht. Und so wandte er sich ihr zu und sprach sie an, „Soso, Sie hätten Ihren Mentor gern als Freund?“ Sie zuckte ein wenig zusammen und lief feuerrot an. Mitras fuhr fort, „Dann sollten wir in Zukunft vielleicht auf diese Förmlichkeit verzichten. Ich finde ja, dass so etwas nur unnötig zwischen Freunden, egal welchen Stand sie auch haben mögen, steht. Also, Kira, ich möchte dir hiermit das ‚du‘ anbieten, nenn mich gerne in Zukunft, wenn wir unter Freunden sind, Mitras. Die Förmlichkeit können wir uns für die Momente aufbewahren in denen die Gesellschaft sie uns aufnötigt.“ Kira starrte ihn einen Moment an. „Wirklich?“ Mitras schmunzelte. „Wirklich. Wenn du willst.“ Nach einem weiteren Moment, in  dem sie sich merkbar sammelte, nickte sie plötzlich und heftig. „Äh, ja, ja, natürlich. Ich wäre gerne Ihr… äh, deine Freundin. Äh…“ Sie lief schon wieder rot an und er beobachtete fasziniert, dass sich auch die Ohrenspitzen diesmal wieder mit verfärbten. Sie seufzte. „Und ich hatte schon befürchtet, Sie.. äh, du würdest mich jetzt gleich hinauswerfen oder so, weil ich den Magus vielleicht enttäuscht habe.“ Mitras lachte und erwiderte „Enttäuscht? Wohl eher das Gegenteil. Er ist sehr angetan von dir und wird dir sicherlich jede Unterstützung zukommen lassen, die du brauchst.“ Kira blickte ihn einen Moment lang ungläubig an. „Aber… warum sollen… sollst du dann vorsichtig sein?“ Mitras blickte sie an. Das hatte sie also verletzt. Für einen Moment lang erinnerte sie ihn an ein kleines, rotes Eichhörnchen, so leicht verletzlich und dennoch so wild. „Kira, dein magisches Potential ist ungewöhnlich groß. In etwa so groß wie mein jetziges, das ich durch jahrelanges Training aufgebaut habe, und damit wahscheinlich auch größer als das der meisten in der Gilde. Und du bist jetzt noch komplett untrainiert, es besteht also die große Möglichkeit, dass es noch deutlich größer wird. Ich soll vorsichtig sein, weil die Magie, die du sammeln kannst, nicht gerade leicht zu händeln ist. Aber da kümmern wir uns ab kommenden Uldumstag drum. Erst einmal möchte ich, dass du dir die letzten beiden Bücher ansiehst. Im Handbuch gibt es ein ganzes Kapitel nur zum Thema Kanalisation der Magie. Wir werden dann damit beginnen, dass du lernst den Magiefluß zu lenken und wie du Magie sammelst und hältst. Wenn du das beherrschst, fangen wir mit den eigendlichen Zaubern an.Kira ließ sich auf den Sessel fallen. „Ich… ich bin also gefährlich, weil ich zu stark bin?“ Mitras seufzte. Hörte sie immer nur die negativen Dinge über sich aus einer Aussage heraus? „Du bist stark. Nicht zu stark. Ich freue mich darauf, mit dir zu arbeiten. Und jetzt sollten wir essen gehen, was denkst du?“ Kira nickte, stand aber nicht auf. Er reichte ihr die Hand, und sie ließ sich von ihm hochziehen und folgte ihm letztendlich aus der Bibliothek. Erst unten im Flur hatte sie sich wieder gesammelt. „Ich hab das Buch zum Kanalisieren schon gelesen. Also, angefangen. Magister, kann es sein, dass ich auch unbewusst schon Magie kanalisiert habe?“ Mitras blieb stehen und drehte sich zu ihr um. „Das kann sein. Ich wäre Ihnen – dir aber sehr dankbar, wenn du es nicht ohne mich in den nächsten Tagen ausprobierst.“ Kira nickte. „In Ordnung. Nur Theorie.“ Mitras lächelte und öffnete ihr die Tür zum Esszimmer. „Das du die gefahrlos und schnell lernen kannst, wissen wir ja bereits.“

Die Grenzen meiner Sprache – 14. Lunet (Ingastag)

Kira hatte den Tag mit der Lektüre von „Wort und Sinn“ verbracht. Sie brannte darauf, mit Magister Mitras zu reden, denn immerhin ging es dabei ja ums Reden. Zum Ersten Mal seit ihrem Eintreffen hatte sie nicht das Gefühl, am Abend zu einer Prüfung zu müssen, sondern für ein Gespräch verabredet zu sein. Vielleicht lag es am Thema des Buches, vielleicht auch am gestrigen Abend. Sie nahm sich daher etwas Zeit, ihre Haare zu flechten und zog sich das burgunderfarbene Kleid an, das schien ihr für eine entspannte Abendkonversation unter gebildeten Menschen am besten. Gebildete Menschen! Als ob sie sich selbst vor einer Woche oder zweien so betitelt hätte! Bei dem Gedanken musste sie laut lachen, so dass ihr fast der Muschelohrring wieder herunter fiel, den sie gerade anstecken wollte. Sie hatte sich nicht geirrt. Es war nicht schlimm hier. Es war so viel besser als alles an Moor und Sumpf in Burnias. Es waren ja erst wenige Tage gewesen, aber ihr war es wie Jahre erschienen, und sie fühlte sich bereits so wohl hier… und sie freute sich, mit Mitras über den gerade gelesenen Text sprechen zu können.

Pünktich um 18 Uhr stand sie vor der Labortür und klopfte. Mitras hatte sie wohl bereits erwartet, er öffnete ihr relativ schnell die Tür und bat sie herein. Sie betrachtete ihn prüfend. Er hatte Ringe unter den Augen, wenn man genau hinsah. Sie spürte einen Anflug von Sorge. Bestimmt waren diese Ringe auch am Anfang schon da gewesen, aber sie hatte sie nicht bemerkt, zu beeindruckt war sie von seiner Präsenz, seinem Gesamteindruck gewesen, zu ängstlich, zu schüchtern. Doch jetzt sah sie sie. Was belastete ihn? War der Generator ein solches Problem? Sie setzte sich vor ihn. Diesmal hatte sie ihre Notizen in ihrem Zimmer gelassen. Die Fragen des Textes schwirrten ihr noch genug in Kopf, das brauchte sie nicht ablesen. Mitras setzte sich auf seinen Stuhl und schaute sie auffordernd an. Kira lächelte ihn an. Lächeln half gegen schlechte Laune, und die hatte er offenbar, so schweigsam wie er war. „Ich habe heute das letzte Buch vor den Magiebüchern beendet, wie Sie es festgelegt haben. Es geht in ‚Wort und Sinn‘ um die Philosophie, insbesondere um den Zusammenhang unserer Sprache und unseres Denkens. Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Aufsätze. Ich habe mir heute den Aufsatz ‚Die Grenzen unserer Welt‘ von Ludwig Wittsein durchgelesen. Er schreibt, Grenzen, die die Bedeutung eines Wortes exakt festlegen, gäbe es beinahe nie. Sie würde von jeder Person selber gezogen werden. Als Ergänzung kann man sagen, dass jeder somit seine Wortbedeutungsgrenzen nach eigener Erfahrung zieht. Daraus schlussfolgert er, dass man an den Abgrenzungen und Wortinterpretationen eines Menschen erkennen kann, wie er die Welt sieht. Jemand, für den ein Spiel etwa mit den Begriffen ‚kindlich‘ und ‚unnütz‘ konnotiert ist, hat vermutlich eine andere Einstellung zum Verhältnis von Erwerbsarbeit und Vergnügen als jemand, der das Wort Spiel mit den Begriffen ‚Entspannung‘ und ‚Herausforderung‘ in Verbindung bringt.“ Kira hielt inne und wartete, ob Mitras sie korrigieren würde. Sie war stolz, das Wort ‚konnotieren‘ heute gelernt zu haben und hoffe, es richtig eingesetzt zu haben. Mitras nickte jedoch nur, also fuhr sie fort: „Wittsein sagt auch, dass die umgekehrte These ebenfalls gelte. Wo die Sprache endete, endete also auch die sichere, erfahrbare Welt eines Menschen und Angst und Ungewissheit träten an ihre Stelle. Was man nicht ausdrücken könne, sei nicht erfassbar, nicht beschreibbar und daher auch nicht Teil der Welt, die wir wahrnehmen könnten. Was denkt ihr dazu? Ich denke, es gibt viel in dieser Welt, was ich nicht beschreiben kann, aber deswegen ist es trotzdem da, oder?“ „Das haben Sie gut erkannt. Ja, etwas beschreiben zu können, macht insbesondere das Abstrakte greifbar. Gerade Magie lässt sich ohne magische Sinne kaum erfassen oder gar begreifen. Sie in Worte zu fassen und damit zu beschreiben, ändert das. Dabei ist auch das sprachliche Medium entscheidend. In ‚Die bewegte Welt‘ haben Sie ja schon gesehen, wie die Mathematik zur Beschreibung der physikalischen Welt genutzt wird. Wittsein meint aber mit dem ‚Ende einer Welt‘ nicht, dass etwas, das nicht beschreibbar ist, nicht existiere. Er sagt nur aus, dass es für die Person, die es nicht in Worte fassen kann, nicht zur persönlichen Welt, quasi zu seinem Weltbild, gehöre.“ Kira dachte eine Weile nach. „Jemand, der keine magischen Sinne hat, kann kaum begreifen, wie es sich anfühlt, Magie zu wirken. Wenn ich es ihm aber beschreibe, bekommt er eine Vorstellung davon und das magische Wirken wird für ihn nicht mehr unerklärlich, sondern Teil seiner Vorstellungswelt?“ Mitras nickte und lächelte. „Der Begriff ‚Vorstellungswelt‘ ist hier wichtig. Was man denkt, wie die Welt sei, ist nicht immer, wie jemand anderes die Welt sich denkt. Wir stellen uns alle vor, wie etwas ist oder zu sein hat. Etwas, von dem wir nie gehört haben, wofür wir keine Worte haben, können wir gedanklich aber kaum verarbeiten, es kann nicht Bestandteil unserer Vorstellungen werden.“ Einen Moment schwiegen sie, in Gedanken versunken. Dann sagte Kira: „Aber was ist mit Träumen? Ich kann ja auch nur in Bildern oder nur in Gerüchen träumen. Sind das nicht trotzdem Teile meiner Vorstellungswelt?“ Mitras lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. „Hmm. Ja, ich denke schon. Wittsein geht auf diese Aspekte nicht ein, oder?“ Kira schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht in diesem Artikel. Ich habe bisher noch nie solche Texte gelesen oder mir über so abstrakte Theorien Gedanken gemacht, aber ich finde es spannend.“ „Das freut mich. Die Philosophie lehrt uns unter anderem, wie wir die Welt wahrnehmen, was uns dann wiederum dabei hilft neues zu verarbeiten. Dieser Bereich nennt sich deswegen Erkenntnistheorie. Wenn man den Prozess der Wissensaneignung elementar versteht, dann fällt das Lernen an sich leichter.“ Mitras wirkte nun viel gelöster und entspannter. Er begann verschiedene Aspekte der Erkenntnistheorien zu erläutern, und Kira hörte ihm gespannt zu. Irgendwann klopfte Abigail an die Tür und steckte auf Mitras Aufforderung den Kopf hinein. „Ich soll fragen, ob die Herrschaften mit uns speisen wollen. William meckert, dass er das Essen nicht zu lange warm halten will.“ Mitras und Kira blicken gleichzeitig zur Uhr. Es war bereits halb acht. Kira lief – mal wieder – rot an, doch Mitras lächelte sie breit an und reichte ihr galant die Hand zum Aufstehen. „Da haben wir glatt die Zeit verschwatzt. Wir kommen sofort, Abby“. Er stand auf und half auch Kira, während Abby bereits die Treppe wieder herunter ging. „Kira, ich muss Ihnen allerdings vorher noch etwas gestehen. Mein Tag war nicht besonders erfreulich. Danke, dass Sie ihm einen so angenehmen Ausklang gegeben haben. Ihre Fragen waren klug und angemessen. Auf den Gesellschaften wird man sich bestimmt bald um Sie als Gesprächspartnerin reißen.“ Kira, die vorher von rot war, lief noch etwas dunkelroter an. „Danke.“, flüsterte sie und blickte schüchtern zur Seite. Ein solches Lob hatte sie nicht erwartet. War sie wirklich dabei, eine gebildete Frau zu werden? Bloß nicht eingebildetet werden, schalt sie sich innerlich. Aber er hatte Recht gehabt, es war ein tolles Gespräch gewesen. Besser als Mathe. Oh, Mathe. Das hätte sie ja eigentlich auch machen sollen. Sie blickte zu Mitras, der hinter ihr die Treppe herunter ging. Er schien nicht daran gedacht zu haben. Schnell drehte sie sich wieder nach vorne und grinste. Erstens, ihr Magister war doch nicht so perfekt durchgeplant, wie er erschien, und zweitens, kein Mathe heute. Perfekter Tag, auf jeden Fall!

Nach dem Essen ging Kira schon bald auf ihr Zimmer. Sie wollte den Brief an Adrian weiter schreiben. William hatte den Tisch abgedeckt und hatte sich dann verabschiedet, er wolle seine Schwester besuchen. Mitras war in seinen Gemächern, er bereitete das Laden des Generators vor. Abigail und Tobey waren das ganze Abendessen hindurch am Schäkern gewesen und hatten sich dann schnell verabschiedet. William hatte auf Kiras verblüfften Blick schmunzelnd erklärt, dass die beiden sich an diesem Tag vor 24 Jahren kennengelernt hätten, und dieses Ereignis stets jedes Jahr wieder feierten. Kira beneidete sie um ihre Ehe, die anscheinend von Liebe und Zuneigung geprägt war, auch wenn sie den lockeren Umgang der beiden manchmal befremdlich fand. Vielleicht auch spannend. Vielleicht sollte sie mal mit Abigail über Sex reden? Die Haushälterin konnte ihr vermutlich positivere Erfahrungen berichten. Kira verwarf den Gedanken allerdings rasch wieder. Warum sollte sie sich darüber Gedanken machen?
Sie fischte sich den Brief aus der Schublade und las die letzten Zeilen noch einmal, ehe sie ihn fortsetzte.

Stell dir vor, deine kleine Schwester wird vornehm. Heute habe ich sogar ein Lob meines Magisters bekommen, er fand nämlich das Gespräch zur Philosophie mit mir interessant. Wahrscheinlich klingt das jetzt schrecklich eingebildet, aber es war tatsächlich spannend, sich mit ihm zu unterhalten.
Wie läuft es in Bispar? Grüße Nathalia von mir. Ich hoffe, es geht euch allen gut und deine Winterreise hat sich gelohnt.

In Liebe, Kira

Sie las den Brief noch einmal, nickte dann zufrieden und faltete ihn klein. Morgen war Schengstag. Spätestens am Uldumstag wollte sie ja wieder in Stadt, sie würde nur bis dahin herausfinden müssen, wo die Post ihre nächste Station hatte und was ein Brief nach Bispar kosten würde. Ein Geschenk würde sie immer noch schicken können, wenn sie etwas mehr Geld angespart hatte. Sie gähnte. Der Tag war durchaus anstrengend gewesen, merkte sie. Das ganze Sitzen am Schreibtisch war auch ungewohnt. Normalerweise bewegte sie sich ja viel mehr. Sie überlegte, dass sie vielleicht ab morgen vor dem Frühstück eine kleine Runde spazieren gehen sollte. Wenn man sich zu lange nicht bewegte, rostete der Körper ein, wusste sie aus der Schule und von Bruder Harras. Regelmäßige Bewegung ist wichtig. Außerdem würde sie dann etwas mehr von der Gegend sehen. Zufrieden mit diesem Plan zog sie sich aus, bürstete sich noch einmal vor dem Spiegel die Haare, zog dann ihren Schlafanzug an und ging schlafen.

Alte Fehden – 14.Lunet (Ingastag)

Am nächsten Tag erwachte Kira bereits früh, was nicht so verwunderlich war, sie war auch zeitig ins Bett gegangen. Es war noch still im Haus, also griff sie sich ihr Lehrbuch des Tages „Wort und Sinn“ und begann noch im Bett zu lesen. Der Titel hatte ihr nichts gesagt, aber sie stellte schon nach einigen Seiten fest, dass das Thema – Philosophie – sie durchaus interessierte. Albion hatte schon vor vielen hundert Jahren den Staat und die meisten gesellschaftlichen Strukturen von religiösen Anwandlungen befreit, doch es waren viele starke philosophische Schulen geblieben, deren Kenntnis zumindest für den Adel und das höhere Bürgertum selbstverständlich zur Allgemeinbildung gehörte. Im Fernunterricht war es aber kein wichtiger Bestandteil gewesen – nur ihr Sprachenlehrer hatte zeitweilig darauf verwiesen und bemängelt, dass es für die „schöne Kunst von Geist und dem eleganten Ausdruck des Denkbaren in wohlgefälligen Worten“ zu wenig Raum im materialbasierten Unterricht gäbe, denn „nur das Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann den Geist erwecken und die Seele erquicken, wohingegen das geschriebene Wort seiner Seele beraubt und mechanisch zu werden droht“. Schon in der Einleitung hatte Kira das Gefühl, dass ihr alter Lehrer mit dem vorliegenden Werk seine wahre Freude gehabt hätte. Die Sätze klangen elegant und tiefgründig, aber die Gedanken dahinter waren komplex, manchmal auch verborgen. Manche Sätze musste sie mehrfach lesen, einige las sie sich sogar selbst vor, um den Sinn zu verstehen. Obwohl es keine gute Bettlektüre war, genoß sie die Herausforderung. Nach einer Weile stand sie allerdings ganz auf, zog sich erstmal an und setzte sich dann an den Tisch, damit sie nebenbei Notizen machen konnte. Bis sie Mitras gegen acht auf dem Gang hörte, hatte sie bereits eine kleine Tabelle angelegt, in die sie die vier großen  Strömungen zur Frage, was gutes Handeln sei, eintragen wollte und eine Liste mit Namen der Philosophen angelegt, die im Text erwähnt wurden. Sie legte ihr Material beseite und ging in den Flur. Mitras lief vor ihr, und sie grüßte ihn, was er freundlich erwiderte. Gemeinsam gingen sie zum Frühstück, wo Abby sie bat, für eine Anprobe ins Gesindehaus zu kommen.

Kira folgte ihr gleich nach dem Frühstück dort hin, und Abby präsentierte ihr stolz die fertige Robe. „Du kannst sie hier im Haus tragen, wenn Mitras mit dir übt. Sie ist zur Magieausübung gedacht, die silbernen Fäden helfen angeblich bei der Konzentration oder so.“ Kira drehte sich stolz und bewunderte sowohl den feinen Stoff als auch die Tatsache, dass Abigail sowohl den klassischen Schnitt eindeutig getroffen hatte als ihm auch einen frischen, weiblichen Anstrich zu geben. Danach sollte sie das geblümte Korsett anprobieren, und Abby ruckelte ein wenig an den Stäben herum, erwärmte sie, steckte sie wieder in die Taschen und formte sie, so dass sie sich ganz an Kiras Körperbau anpassten. Zum Schluss steckte sie noch den passenden grünen Rock ab, dann war es schon Zeit fürs Mittagessen. Mitras war nicht da, also aß Kira mit Abby, Tobey und William und ging dann nach oben, um weiter zu lernen.

Nach dem Frühstück machte Mitras sich für seinen Besuch bei der Schule fertig. Er wählte eine eher schlichte Robe, die eher für das Labor als für einen öffentlichen Anlass geeignet war, fügte aber ein paar Details wie das königliche Siegel und einem Satz Manschetten, die er von Nathanael geschenkt bekommen hatte, hinzu. Thadeus wurde nicht müde auf seinen Titel herumzureiten, aber sein Kleidungsstil war eher schlicht. Das pompöse lag ihm nicht, in diesem einen Punkt waren sie sich tatsächlich einig. Mitras hatte diese Robe bewusst gewählt, nicht weil ihre Schlichtheit Thadeus imponieren könnte, sondern weil sie schlicht bequem war und er sie sich für diesen Anlass erlauben konnte. 

Er verabschiedete sich noch bei William und verließ das Haus Richtung Droschkenstand. Er hatte Glück,der Kutscher Julius hielt gerade hier und er mietete ihn für die Fahrt zum Schulgebäude. Die Schule war gar nicht so weit weg, aber er hatte nicht die Ruhe die Strecke zu Fuß zu laufen. Die Gilde hatte ihre Gebäude erst vor zehn Jahren bezogen und hatte dabei die Schule von Uldum mit der Zentrale der Gilde zusammen gelegt. Er selbst war noch in der alten Schule unterrichtet worden, aber nun bildete das Gildenhaus mit den Schulgebäuden und den dazu gehörenden Wohnhäusern für die Internatsschüler einen eigenen Kampus am Rande des Aristrokratenviertels und der Stadt. Die Bezeichnung Gildenhaus war dabei sehr bescheiden gewählt, war das Gebäude doch eines der größten der Stadt. Nur einige der wichtigeren Ministerien und der neue Palast waren größer. Selbst das Gildenhaus der Elementarmagier war kleiner, was aber primär daran lag, dass die Gilde der Verwandlung schlicht die Wohlhabenste der Magiergilden war. Frieden war gut für das Geschäft. 

Das Gildenhaus war das Verwaltungszentrum der Gilde. Es beherbergte die Sitzungsräume des Gildenrats, das Büro der Gildenadvokaten und das des Schatzmeisters und das Gildenarchiv mit der großen Bibliothek. Letztere war durch einen kurzen Gang mit der Schulbibliothek verbunden. Sein Freund und Mentor Nathanael hatte es vor ein paar Jahren geschafft und war zum Magus gewählt worden, dem Leiter der Gilde. Leider begann seine Amtszeit erst nachdem sein Vorgänger Thadeus zum Leiter der Uldumer Schule ernannt hatte. Nathanael hätte ihn nie ernannt, so aber war Thadeus noch an dieses wichtige Amt gekommen. Offiziell standen die Leiter der fünf Schulen in der Gilde auf einer Stufe mit anderen Würdenträgern, wie dem Schatzmeister oder dem Gildenrichter. Da die gildeninterne Forschung aber von den Professoren und deren Mitarbeiter an den Schulen durchgeführt wurde, standen die Schulleiter fast auf einer Stufe mit dem stellvertretenden Gildenleiter. Die Schule in Uldum konkurierte dabei immer mit der in Berg darum, die wichtigste der fünf Schulen zu sein.

Die eigentliche Schule bestand aus vier Gebäuden. Zwei davon waren große Hörsäle, dann gab es noch ein Seminargebäude und das Hauptgebäude, in dem unter anderem die Schulbibliothek und die Verwaltung und damit auch Thadeus Büro untergebracht waren. Die Räumlichkeiten des Schulleiters lagen im Erdgeschoß. Eine Sekräterin kündigte ihn an und Mitras trat ein. Genauso wie seine Kleidung, hielt Thadeus auch sein Büro sehr schlicht. Es wurde von einem simplen, großen, aber trotzdem eleganten Schreibtisch dominiert. Vor diesem standen zwei einfache Sessel, während Thadeus in einem etwas größeren saß. An den Wänden standen Regale voller Bücher und Akten. 

„Guten Morgen, Erzmagier di Hedera.“ begrüßte Mitras seinen verhassten Meister förmlich. „Ah, guten Morgen Mitras. Hat sich deine neue Schülerin schon gut eingelebt?“, fragte Thadeus in einem abfälligen Tonfall. Mitras hatte sich vorgenommen Kiras hohen Wissensstand nicht zu erwähnen und die Matheprobleme weiter aufzubauschen. Thadeus hatte vor gehabt ihm ein faules Ei unter zu schieben und Kira dabei komplett unterschätzt. Sollte er ruhig weiter glauben, dass Kira nur ein dummes Mädchen vom Land war, er würde es ihm schon zeigen. Kira hatte Potential und wenn er sie richtig ausbildete, sollte sie die Aufnahme ohne Probleme schaffen und auch einen ser guten Abschluss erreichen. „Sie weist einige Defizite in der Mathematik auf und ist noch recht verschüchtert von der Größe Uldums, aber das wird schon noch“, erwiderte Mitras mit einem leicht resignierenden Tonfall. Der Erzmagier verzog säuerlich das Gesicht, „Nun, vielleicht habe ich dir zuviel zugemutet. Deine Forschungen werden sich ja nun intensivieren müssen, sonst hättest du dich nicht von der Generalität hierher schicken lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob ein derart unerfahrener Magister beiden Aufgaben gewachsen ist und es wäre doch schade, wenn das Händlersmädchen dadurch noch stärker benachteiligt wird, als es eh schon der Fall ist, so ganz ohne professionelle Vorbereitung durch ein erfahrenes Elternhaus. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn du dich ganz auf deine Schülerin konzentrierst und deine Forschung samt Patent an einen erfahreneren Magister abgibst? Wobei …“ Thadeus grinste ihn gemein an. „Selbst wenn du deine Zeit nur auf sie verwendest, wird sie scheitern. Immerhin habe ich für deine Ausbildung auch zwei Jahre gebraucht, zwei verlorene Jahre. Da wirst du es wohl kaum in einem schaffen.“ Mitras ignorierte die Aussage, die Generalität hätte ihn geschickt. Es stimmte, auch wenn er es nicht zugeben wollte. Stattdessen erwiderte er das Grinsen mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Oh, keine Sorge, ich bin sehr wohl im Stande beides zu meiner vollen Zufriedenheit und zum besten meiner Discipula auszufüllen. Im Übrigen, an wen würdet Ihr die Forschung denn weiter geben wollen? Ich musste meine Sicherheitsvorkehrungen schon stark ausbauen. Wollt ihr es gleich eurem Fehlschlag von einem Protegé di Porrum überreichen? Ich hatte erst kürzlich wieder eine spontane ‚Unterredung‘ mit ihm und seinem Bruder und kann nicht befürworten, dass diese beiden auch nur einen Finger an das Elektrum legen.“ Bei den letzten Sätzen spannte sich Thadeus sichtlich an.

Secus war einst, wie Mitras, ein Schüler von Thadeus gewesen. Nur dass er aus einer Magierfamilie stammte und Thadeus ihn deswegen ganz anders behandelte. So hatte er über die Jahre viele Schwächen seines Schülers gedeckt. Erst als bekannt wurde, dass dieser massiven Wissensdiebstahl betrieben hatte um in den Rang eines Magisters aufzusteigen hatte Thadeus ihn eiskalt abserviert, oberflächlich zumindest. Thadeus hatte die Untersuchung nach den ersten Gerüchten selbst übernommen und die Verfehlungen seines Schülers aufgedeckt. Sein geradezu skrupelloses Vorgehen hatte dem alten Magus imponiert und da die Stelle des Schulleiters von Uldum gerade vakant war, hatte er Thadeus auf diesen Posten gehoben. Secus hatte in der Folge Reue gezeigt und es war nicht zum Zerwürfnis zwischen den beiden gekommen, noch nicht. Mitras glaubte, dass das ganze ein abgekartetes Spiel gewesen war. Es passte für Thadeus alles zu sehr. Aber nicht einmal ein Jahr später fiel die weitergeführte Freundschaft zu seinem gefallenen Schüler wieder auf ihn zurück.

Thadeus hatte mit seinen Traditionalisten immer weiter Fuß in der Gilde gefasst und hatte es geschafft mit den Konservativen ein Bündnis zu schließen, um den Zugang zur Schule in Uldum auf Schüler mit klarer magischer Abstammung zu begrenzen. Parallel dazu hielt di Porrum eine öffentliche Rede, die geradezu reißerisch kriegstreibend war. Dies führte dann zum Bruch zwischen den beiden, da Thadeus klarer Kriegsgegner war. Die Rede hatte aber auch viele Konservative, ebenfalls eher Kriegsgegner, aufgeschreckt. Trotz des Bruchs führte Thadeus Verbindung zu Secus dazu, dass das Bündnis wieder gelöst wurde und die Traditionalisten die Abstimmung verloren.

Die Gruppierungen innerhalb der Gilde basierten auf den entsprechenden Parteien des Parlaments. Es fanden sich zwar nicht alle Parteien in den Gilden wieder, aber die größten Gruppierungen hatten in Form der Konservativen und der Progressiven ihre Gegenstücke. Einzig die Traditionalisten waren eine rein magische Gruppierung, die es aber mittlerweile in allen Gilden gab. Sie waren Gestrenge, die davon überzeugt waren, dass sich das magische Potential nur durch Verbindungen unter den bereits magischen Geschlechtern steigern ließ und dass Emporkömmlinge, wie sie Magier wie Mitras oder Kira, die aus nichtmagischen Verhältnissen stammten, nannten, zu vermeiden waren. Viele ihrer weiteren Ansichten deckten sich mit denen der Konservativen. Zusätzlich zog sich noch einmal eine weitere Linie quer durch alle Fraktionen im Parlament wie in den Gildenräten, die die einzelnen Parteien innerlich spaltete. Nämlich die nach der Frage ob Albion, gestützt auf seinem technologischen und magischen Fortschritt, expandieren oder den Frieden aufrecht erhalten sollte. Der derzeitige König Elos di Leonidas hielt sich in diesen Fragen derzeit leider weit zurück, was den einzelnen Gruppen zu viel Raum gab, ihre eigenen Pläne voranzutreiben.

Nach ihrem Streit fanden sich Thadeus und Secus auf unterschiedlichen Seiten dieser Linie wieder. Während Thadeus klarer Pazifist war, hatte sich Secus den Bellizisten angeschlossen und drängte wie sein Freund di Scuti sehr auf eine verstärkte Kriegsvorbereitung. Mitras hatte di Scuti mit seinem Angebot an die Generalität gut in die Hände gespielt, was so ziemlich das Letzte war, was er wollte. Er hatte die Wissenschaftler innerhalb der Generalität unterschätzt und war davon ausgegangen, dass sie das Elektrum als neues Material für die Nahkampfwaffenfertigung nutzen würden. Aber dass sie nun magische Waffen erforschten, hatte ihm deutlich vor Augen geführt, wie naiv er gewesen war. Es war so naheliegend – aber er hatte es nicht sehen wollen, war zu sehr auf das Geld aus gewesen. Es nagte jeden Tag an ihm. Thadeus hatte ihn vorher schon nicht gemocht – aber als Mitras Forschungen und seine Nutzungsmöglichkeiten bekannt geworden waren, hatte er Mitras öffentlich als „enttäuschenden Bellizisten“ betitelt, obwohl er genau wusste, dass dies niemals Mitras Absichten gewesen waren. Vermutlich würde er die Forschung nur deswegen übernehmen, um sie zu verzögern.

„In einem Punkt habt allerdings Ihr recht, Erzmagier“, fuhr Mitras fort, nachdem er den kleinen Thriumph ausgekostet hatte, den Thadeus offensichtlicher Ärger bei ihm ausgelöst hatte. „Ich brauche Unterstützung bei der Erforschung des Materials. Meine private Ausrüstung ist gut, aber der Schule stehen da nun einmal noch ganz andere Mittel zur Verfügung. Ich suche weiterhin nach zivilen Nutzungsmöglichkeiten und würde mich über Unterstützung dafür sehr freuen. Der Abfluss an Material zu Generalität ist jetzt schon zu groß und wird sich nun noch weiter vergrößern, da wäre es vom Vorteil, wenn wir dem König etwas präsentieren können, dass ihn davon überzeugt, alle Mittel auf eben diese zivile Nutzung umzulenken.“, führte Mitras sachlich aus. „Ja, das wäre was.“ Thadeus lächelte auf eine seltsame, gemeine Art. „Zu blöd nur, dass sich das Elektrum nur zu zweierlei Arten verwenden lässt, als Waffe und als Spielkram, oder verfolgt ihr immer noch euren lächerlichen Ansatz und spielt mit Elektrizität herum?“ Thadeus hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die gesamte elektrische Entwicklung für Humbug hielt. Warum echte Kerzen oder gar magische Beleuchtung, wie er sie in seinem Büro einsetzte, durch häßliche Glühbirnen ersetzen? Dass die ärmeren sich Magie einfach nur als Lichtquelle genutzt noch nicht einmal vorstellen konnten und Kerzen teuer waren, daran verschwendete er keinen einzigen Gedanken. Auch für die sonstigen Nutzungsmöglichkeit in Motoren war er viel zu fantasielos.“Wenigstens versuchst du nicht weiter, noch größere Waffen aus dem Zeug zu machen, wie dieser Brandstifter di Scuti. Ich musste mich neulich mit ihm unterhalten. Da ist wenigstens ein bisschen was von meiner großzügigen Erziehung bei dir hängen geblieben.“ Mitras erwiderte möglichst beherrscht: „Erzmagier, ich kenne eure Meinung dazu. Ja, ich weiß, dass ich diese Bedrohung in die Welt gesetzt habe und glaubt mir, das bereue ich jeden Tag aufs Neue. Aber es gibt andere Nutzungsmöglichkeiten, nur muss das Material dafür umfassender erforscht werden, als es mir bisher bewusst war. Ihr wollt di Scuti eins auswischen? Dann unterstützt mich dahingehend. Ich weiß, was Ihr von mir haltet und glaubt mir, meine Meinung über Euch ist kaum besser.“ Thadeus blickte mit von Wut gerötetem Gesicht auf und zischte ihn derart an, dass Spuckefetzen über den Tisch flogen: „Elender Emporkömmling, wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden!“ Mitras trat einen Schritt zurück und antwortete kühl, demonstrativ das Siegel zurechtrückend: „Vielleicht solltet Ihr Euch einmal darauf besinnen, Erzmagier, wen Ihr vor euch habt. Recht meiner eigenen Leistung bin ich Graf Magister Mitras di Venaris, Träger des königlichen Siegels. Ich bitte Sie nun nocheinmal höflichst, die Machtspiele sein zu lassen und mir die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, um die Forschung in die richtige Richtung zu forcieren. Der Magus wird mir in dieser Sache sicher zustimmen und die Generalität sitzt uns beiden im Nacken, nicht wahr?“ Thadeus war tiefrot geworden und die Anspannung ließ seinen Kiefer mahlen. Mühsam beruhigte er sich wieder. „Also gut ‚Lord‘ Mitras. Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich habe einige vertrauensvolle Mitarbeiter, die darauf brennen etwas derartiges in die Finger zu bekommen und die diskret und zuverlässig genug sind, die nötige Sicherheit aufrecht zu erhalten.“, presste er zähneknirschend hervor. „Professor di Camoni wird sich damit befassen können.“ fügte er schon sichtlich ruhiger hinzu. „Ich danke Euch. Ich kann binnen zwei Wochen die Hälfte der von der Generalität angeforderten Menge bereitstellen. Die andere Hälfte werde ich bis zur Mitte des nächsten Monats liefern können. Sie erhalten Zugriff auf alle meine Forschungsunterlagen, mit Ausnahme der nötigen Formeln zur Erzeugung der Legierung. Da es sich dabei um ein Geheimpatent handelt und es die Sicherheit des Reiches berührt, sehe ich mich außer Lage es aus der Hand zu geben. Aber das verstehen Sie ja sicherlich.“, erwiderte Mitras kalt, aber in einem höflichen Tonfall. „Gut, dann können Sie gehen.“ Mitras verneigte sich knapp, gerade so, dass es noch angemessen war. „Ich wünsche Euch einen schönen Tag, Erzmagier.“

Das war zu einfach gewesen. Insbesondere nachdem Mitras ihm so deutlich gesagt hatte, was er von ihm hielt. Thadeus war ein rachsüchtiger Mann, aber dass er ausgerechnet di Camino damit betraute, war ein klarer Erfolg für Mitras. Sollte es jedenfalls sein, denn di Camino war sowohl in der mineralogischen Alchemie als auch in der Veränderung von Materie ein Meister. Mitras wusste nicht, wo der Professor politisch stand, aber seine Unterstützung bei der Forschung zu erhalten war wertvoll. Zu wertvoll, Thadeus hatte in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, dass er das Elektrum für zu gefährlich hielt und dass er sich keinen sinnvollen Nutzen außer Kriegsgerät vorstellen konnte. Mitras hatte fest damit gerechnet, dass sein Meister versuchen würde ihn und die Forschung an sich zu bremsen. Warum betraute er jemanden, der wirklich kompetent war? Mitras beschloss seinem Freund und Mentor Nathanael einen Besuch abzustatten. Er konnte sicher etwas Licht ins Dunkel bringen. Rasch verließ er das Schulgebäude und ging schnellen Schrittes zum Gildenhaus hinüber. Er kam jedoch nicht weiter als bis zur Sekretärin des Magus, da dieser außer Haus war. Mitras ersuchte sie, ihn um einen Termin zu bitten und ging den Weg nach Hause zu Fuß.

Nathanael war ein bemerkenswerter Mann. Während sein Vater aus einer der alten Adelsfamilien stammte, war seine Mutter aus dem Süden geflohen. Mitras wusste nicht, was die beiden zusammen gebracht hatte, aber nach Nathanaels Erzählungen war sie eine einmalige Frau gewesen. Ihr verdankte er aber auch sein größtes Hemmnis, seinen dunklen Teint. Die Gesellschaft in Uldum war im Allgemeinen recht weltoffen. Das galt aber nicht für die höheren Kreise. Unter den höheren Adligen, insbesondere in den Reihen der Konservativen, herrschte ein latenter Rassismus gegen die Skir und die Menschen des Südens vor und Nathanael hatte diesen oft genug zu spüren bekommen. Auch Kira würde es vielleicht merken, sollte sie weiter aufsteigen. Nathanael hatte sich davon nicht beirren lassen. Als Leiter der Bibliothek hatte er dann letztendlich den vorletzten Magus dazu gebracht, dass Mitras zu Thadeus Schüler wurde. Allerdings hatte er dabei keine bösen Absichten gehabt, wie er Mitras später einmal erzählte. Er hatte Thadeus auf diesem Wege eigentlich davon überzeugen wollen, dass auch Magier ohne langen Stammbaum ein großes Potential haben können. Als absehbar war, dass dieser Versuch gescheitert war, hatte Nathanael den mittlerweile eingeschulten Mitras unter seine Fittiche genommen. Bis zur Einschulung hatte Thadeus, wenn auch unter permanenten Lammentieren, Mitras Ausbildung konsequent voran getrieben. Ein Scheitern seines Schülers wäre auch klar auf ihn zurück gefallen. Mit der Einschulung war Mitras aber selbst für sein vorankommen verantwortlich gewesen. Jeder anständige Meister hätte trotzdem seine Unterstützung nicht eingestellt, aber Thadeus wollte ihn scheitern sehen.

So hatte er Nathanael kennen gelernt und mit der Zeit waren sie trotz des großen Altersunterschieds gute Freunde geworden. Über seinen Mentor und ihre gemeinsame Geschichte zu sinnieren, lenkte ihn von seinen Sorgen rund um Thadeus Pläne ab, bis er zu Hause war. Er hatte nun noch ein paar Stunden, bis es Zeit für das nächste Lehrgespräch war. Er beschloss sich eine Tasse Tee zu holen, etwas zu entspannen, um auf andere Gedanken zu kommen.