Zur Forschung gerüstet – 24. Lunet 242 (Mafuristag)

Als Kira am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte sie als erstes, dass sie ihre Robe noch trug und als zweites, dass ihre Schuhe ausgezogen waren. Sie schloß daraus, dass Mitras sie ohne Abbys Hilfe ins Bett gebracht hatte. Diesmal zog sie sich sorgfältiger an, ehe sie nach unten ins Bad ging, sich gründlich wusch und die Haare bürstete. Es war schon eine Weile her, dass sie sie mit der Schale von Walnuss braun gefärbt hatte, wie sie es üblicherweise tat. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, um ihre Haare, diesen „Schandfleck der Familie“ etwas besser überdecken zu können. Nachdenklich ringelte sie eine Locke über die Finger, während sie sich im Spiegel betrachtete. Die Haare waren heller geworden, doch anders als sonst konnte man keinen deutlichen Ansatz erkennen. Stattdessen hatte sie das Gefühl, sie würden nun nicht nur röter aussehen, sondern auch ihre Locken würden mehr werden. Es war schwieriger, sie geordnet in den Zopf zu bekommen. Das war ihr schon gestern aufgefallen, aber sie hatte es auf das flüchtige Kämmen geschoben. Eigentlich gefielen ihr die roten Haare so gar nicht so schlecht. Dann sah sie halt aus wie eine Skir. Na und? Sie beschloß, sich keine neue Farbe zu besorgen. Ihre Mutter hatte sie eh nicht gewollt, und Mitras hatte ebenso wie die anderen im Haus deutlich gezeigt, dass ihnen die Haarfarbe egal war. Dann würde sie eben noch etwas mehr auffallen. Dafür konnte sie ja ofenbar auch einen Generator mitladen. Sie spürte, wie ein neues Gefühl in ihr aufstieg: Stolz. Zufrieden ging sie zum Frühstück. Die nächsten beiden Tage würde sie alles zu den ersten Verwandlungszaubern lernen. Ein wenig aufgeregt war sie schon. In zwei Tagen würde sie richtig zaubern. Sie würde ihren ersten, eigenen, geplanten, richtigen Zauber ausführen. Selbst auf die Theorie in den nächsten beiden Tagen freute sie sich schon!

Mitras erwachte am Mafuristag komplett erholt und früher als sonst. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal zwei Nächte in Folge durchgeschlafen hatte. Kira schien auch keine negativen Folgen davon getragen zu haben. Im Gegenteil wirkte sie am Mirastag doch deutlich munterer und aufgeschlossener als sonst. Mit den Haaren hatte er sich nicht geirrt, auch im Tageslicht schienen sie nun deutlich heller zu sein. Kira schien es aber nicht bemerkt zu haben, zumindest äußerte sie sich nicht dazu.

Heute hatte er wieder einmal einen Termin an der Schule, diesmal direkt bei di Camino. Er hatte den Professor bisher noch nicht direkt kennen gelernt. Das Elektrum der ersten Ladung war von einem Assistenten in Empfang genommen worden. Er hatte nun angekündigt den Rest zu liefern und di Camino hatte ihn zu einem Gespräch eingeladen, um ihre Forschung zu synchronisieren, wie er sich ausgedrückt hatte. Mitras war noch immer skeptisch, der Professor genoß zwar einen guten Ruf, zählte auch nicht zu Thadeus direkten Gefolgsleuten und hatte auch sonst nichts mit den Traditionalisten am Hut, aber irgendwas musste sich Thadeus ja dabei gedacht haben, den Auftrag an ihn zu geben.

Gegen Mittag kam er mit der Ladung an der Schule an. Das Gebäude in dem sich auch die Labore der Professoren befanden, enthielt eine größere Lagerhalle. Mitras beaufsichtigte gerade zwei Gehilfen, wie sie das Elektrum in ein speziell gesichertes Lager brachten, als di Camino dazutrat. „Magister di Venaris, ich grüße Sie. Danke, dass Sie gekommen sind.“ „Guten Tag Professor.“, erwiderte Mitras die Begrüßung. Nachdem die Lieferung sicher verstaut war, lud ihn di Camino zu sich ins Büro ein. Der Professor leitete ihn dorthin und bot ihm Tee an. Der Raum verfügte neben einem Schreibtisch mit mehreren Plätzen davor, auch über eine kleine gemütliche Sitzecke, in die sie sich nun setzten. Di Camino begann erst mit ein bisschen Smalltalk über die Schule, er schien ein recht begeisterter Lehrer zu sein, aber auch die Wissenschaft hatte es ihm sehr angetan. Mitras blieb höflich und ließ es über sich ergehen, dass der Professor ihm diverse Eskapaden seiner Schüler auftischte. „Aber nun gut, Sie sind ja nicht wegen meiner Studenten hier, nicht wahr, Magister?“, wechselte di Camino endlich das Thema. „Ihr Elektrum ist faszinierend. Aber sagen Sie, ist es möglich auch eine Probe des Venariums zu erhalten? Ich habe versucht es aus der Legierung zu extrahieren, aber das scheint nicht möglich zu sein.“ Mitras lachte: „Nein, das ist es nicht, da habe ich mir bereits selbst die Zähne dran ausgebissen, was auch in einer meiner Arbeiten ausführlich beschrieben steht. Das Venarium bindet in flüssiger Form das Silber auch weit über dessen Siedepunkt hinaus an sich und ich habe keine Ahnung, wieso. Aber wenn Sie dieses Geheimis lüften können, nur zu. Was aber ihre Frage angeht, so muss ich Sie leider enttäuschen. Das Venarium werde ich nicht herausgeben. Es ist auch gar nicht so spannend. Mal abgesehen von seiner enormen Fähigkeit Magie aufzunehmen ist es als Material zu porös, um irgendwie sinnvoll genutzt zu werden. Nein, erst in der Legierung entfaltet es sein volles Potential. Und darum geht es in unserer Zusammenarbeit ja auch. Über die Bezirke habe ich Ihnen ja alles geschrieben, was ich bisher herausfinden konnte. Wie sieht es mit ihren Ansätzen aus? Hat der Dekan Ihnen irgendwas spezielles aufgetragen?“ Di Camino wirkte einen Moment enttäuscht, sammelte sich aber schnell wieder. „Nun, er wünscht die Generalität zu unterstützen. Da dort ja bereits an Waffen geforscht wird, dachte ich mir, dass sich das Material ja sicher auch für die Defensive eignet. Wissen Sie, meiner Familie gehören mehrere Gestüte und wir sind seit jeher stolz auf unsere Schlachtrößer. Beinahe wäre das meiner Familie auch zum Verhängnis geworden. Wie Sie sich denken können, sind meine Familienmitglieder auch alle begnadete Reiter. Mein Großvater hatte vor dem letzten großen Krieg fünf Brüder. Alle Sechs waren Teil eines Reiterregiments, drei von ihnen Magier. Sie wurden nicht gegen die Skir eingesetzt. Zu der Zeit hat Rhodestaria noch einmal versucht das Ergebnis der Westkriege ein bisschen zu korrigieren. Es gab eine Schlacht, nach der sie einsehen mussten, dass selbst ein abgelenktes Albion zu mächtig ist. Der Preis dafür war aber hoch. Von den 50 Reitern des Regimensts sind, mein Großvater eingeschlossen, nur sieben Mann zurück gekehrt. Ihre Aufgabe war es einen Zirkel feindlicher Magier auszuschalten. Meinem Großvater zufolge wurden sie von einer Infantrieeinheit abgefangen. Sie schafften es nicht diese Linie zu durchbrechen und die Magier metzelten ohne Unterschied alle nieder. Es waren wohl so eine Art Telekinese-Magier, Sie wissen ja, deren Schulen ticken ein wenig anders. Jedenfalls haben sie einfach kleine Steinkugeln auf die Kämpfenden geworfen und diese dann beschleunigt. Es muss grauenhaft gewesen sein. Der Zirkel konnte erst später in der Schlacht durch einen Doppelangriff ausgelöscht werden. Die Magier wurden durch eine weitere Attacke abgelenkt und dann alle auf einen Streich von einem Elemtarmagier gesprengt. Bei allen Geistern, ich möchte nie Zeuge eines solchen Gefechts werden, aber wenn es nochmal soweit kommt, dann soll unsere Kavallarie nie wieder so nieder gemäht werden. Das Elektrum bietet Möglichkeiten, Schutzzauber darauf zu legen. Und wenn wir das Springen steuern könnten, dann könnte man noch deutlich mächtigere punktuelle Zauber darauf legen und diese dann immer dahin lenken wo die Gefahr am größten ist. Außerdem ist das Material auch schon so sehr widerstandsfähig. Sehen Sie.“, di Camino reichte Mitras eine dünne Elektrumplatte von vielleicht einem halben Zentimeter Dicke und zehn mal zehn Zentimetern Fläche. Erst bei näherer Betrachtung sah Mitras eine kleine Beule auf der einen Seite. Auf der gegenüberliegenden Fläche war davon nichts mehr zu merken. „Ein befreundeter Magier der Schule der Bewegung hat mir einen Gefallen getan und einige Proben einen Nachmittag lang auf unterschiedlichste Art beschoßen. Dieser leichte Schaden ist alles was dabei herauskam. Ich könnte Ihnen jetzt eine gleichgroße Eisenplatte zeigen, die als Vergleichsziel gedient hat, wenn denn genug von ihr übrig wäre um noch was zu zeigen, dass über Metallspäne hinausginge.“, fuhr der Proffesor fort. Mitras wog die Platte in seinen Händen. Das Elektrum war ein recht dichtes Material, wobei sich seine Festigkeit teilweise auf eine magische Komponente zurückführen ließ. Mitras hatte schon oft beobachtet, dass das Elektrum, wenn keine Magie zur Formung im Einsatz war, sich regelrecht weigerte verformt zu werden. Es zu schmieden war sinnlos, aber ein Zauber, der eigentlich nur für weichen Ton gedacht war, konnte es die Gestalt ändern lassen, wenn man denn keine Gegenmaßnahmen ergriff. Diese Platte war klein, hatte aber trotzdem schon einiges an Gewicht. Mitras wollte sich gar nicht ausmalen, wie schwer eine ganze Rüstung aus solchen Platten wäre, geschweige denn eine vollständige Kavallarieausführung. Aber das Ergebnis erschreckte ihn trotzdem, auch wenn die Platte deutlich dünner wäre, hätte sie wahrscheinlich eine ähnliche Schutzwirkung. Eine gebrochene Rippe, wo der Einschlag eigentlich den halben Oberkörper wegreißen sollte, machte einen gewalltigen Unterschied. So gerüstete Soldaten, egal ob zu Pferde oder zu Fuß, wären kaum noch aufzuhalten. Allerdings verspürte Mitras auch eine gewisse Erleichterung. Es war ihm völlig unklar, warum Thadeus die Generalität unterstützen wollte, da dieser sich sonst trotz aller seiner konservativen und ständegebundenen Absichten meist sehr gegen kriegerische Handlungen aussprach. Egal, ob die Idee, an der defensiven Verwendung zu forschen nun von di Camino oder Thadeus selbst kam, sie war auf jeden Fall die bessere Wahl, als gute Wissenschaftler eine weitere offensive Waffenidee entwickeln zu lassen. Eine bessere Rüstung erfunden zu haben war vermutlich auch für niemanden ein Grund, einen neuen Krieg vom Zaun zu brechen, und die Geschichte der Schlacht, aus der zu wenig heimkehrten, kannte Mitras, er hatte nur nicht gewusst, dass di Caminos Familie darin so tief verstrickt war. Vielleicht war es einfach nur ein Weg, die Generalität zufrieden zu stellen und etwas Ruhm der Schule zukommen zu lassen? Mitras mochte es zwar nicht recht glauben, aber scheinbar tat sich hier eine echte Unterstützung auf statt eines erneuten Schlachtfeldes.

Die Tatsache, dass sich das Elektrum schon mit einfachsten Zaubern formen ließ, hatte Mitras bisher verschwiegen. Der Generalität hatte er Zauber aus dem Steinmetzbereich empfohlen. Diese waren kompliziert und hatten nur eine beschränkte Detailschärfe. Man konnte damit problemlos Gebäude formen, aber eine Skulptur konnte damit bestenfalls vorbereitet werden. Mittlerweile konnten sie damit Schwerter formen, die dann wiederum mit Schärfezaubern quasi magisch geschliffen wurden. Aber es war nicht möglich derart leichte Platten herzustellen wie di Camino sie im Sinn hatte. Der Proffessor war allerdings keiner der Stümper, die sich bei der Generalität Wissenschaftler nannten. Er würde wahrscheinlich selbst darauf kommen, wie sich das Material so formen ließ und Mitras fiel nichts ein um ihn davon abzubringen. Eigentlich könnte er es ihm genausogut sagen, dann konnte di Camino auch nicht den Ruhm für sich alleine beanspruchen, überlegte er, wurde aber mit einer überraschenden Frage unterbrochen: „Sagen Sie Magister, wie kommen Sie eigentlich mit ihrem Generator voran? Ich hörte, dass es Ihnen gelungen ist schon einen ganzen Block zu versorgen. Man sollte meinen dem Dekan würde dies mehr zusagen, als die Projekte der Generalität zu unterstützen.“ „Erzmagier di Hedera schätzt die Moderne nicht sonderlich. In seinen Augen ist es nichts als eine Spielerei mit Strom Licht in ein Haus zu bringen. Das könne man ja mit Magie viel besser erreichen.“ Di Camino lachte, „Ja das hört sich ganz nach ihm an. Aber das beantwortet die Frage nicht.“, sagte dieser freundlich. „Der Generator funktioniert gut, das Elektrum birgt aber ein Problem. Es saugt den Bewegungszauber regelrecht auf. Bisher wirkt er maximal zwei Tage und das Aufbringen einer neuen Verzauberung ist aufwändig und magiehungrig. Bei meinen Versuchen, das zu beheben bin ich dann letztendlich auf die Bezirke gestoßen.“ „Oh, das hört sich aber nicht so gut an. Wenn ich das richtig verstehe, werden Ihre Fortschritte also von der Erforschung dieser Bezirke blockiert?“ „Ja, das stimmt und sollten Sie irgendwelche neuen Erkenntnisse sammeln wäre ich auch sehr dankbar, wenn Sie diese mit mir teilen. Ich verrate Ihnen im Gegenzug auch ein kleines Geheimnis.“ Der Professor spitzte beinahe sichtbar die Ohren und sagte eifrig: „Natürlich werde ich Ihnen alles mitteilen, was ich zu diesem Thema finde.“ „Gut, danke. Es ist so, dass das Elektrum deutlich einfacher zu formen ist, als die Generalität annimmt. Aufgrund der hohen Widerstandsfähigkeit gehen sie nur mit Zaubern zu Werke, wie sie von Edelsteinschleifern und Steinmetzen eingesetzt werden. Tatsächlich reagiert es aber auch sehr gut auf deutlich feinere Zauber. Zusätzlich lässt es sich auch durch einfache Zauber, zum Beispiel so einen um Sandskulpturen in Form zu halten, stabilisieren. Sie sehen also, es ist eigentlich ganz leicht, es wie Wachs zu formen und dann die Form dauerhaft zu fixieren.“ Di Camino ergriff seine Hand und schüttelte sie aufgeregt. „Hervoragend! Di Venaris, hervorragend! Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen! Natürlich! Es nimmt ja Magie an!“ „Ich habe mir überlegt, dass auch dieses Verhalten mit den Bezirken zu tun haben könnte.“ Mitras war sich dessen nicht mal sicher, aber wenn di Camino in diese Richtung forschte, würde vermutlich etwas hilfreiches für den Generator dabei abfallen. Der Professor nickte eifrig. „Ich werde danach schauen und es bedenken. Leider muss ich nächste Woche auf die alljährliche Rundreise, Sie wissen schon, einmal Albion abgrasen, alle Sehenswürdigkeiten und so mit den neuen Schülern.“ Mitras nickte. Diese Reise war üblich im ersten Schuljahr. „In drei Wochen bin ich wieder da. Ich melde mich bei Ihnen, falls ich etwas entdecke.“

Mitras verließ das Haus am Mafuristag schon bald nach dem Frühstück mit einer großen Kiste. Kira wusste, dass er einem Professor der Schule Elektrum bringen wollte. Sie vergrub sich gerade weiter in eines der Bücher aus Mitras Bibliothek über Heilmagie, eines der größten und ältesten Anwendungsgebiete der Verwandlungsmagie, und aß etwas von den Broten, die Abby ihr hingestellt hatte. Die Grundkapitel zur Verwandlungsmagie und zum Zauberwirken im Allgemeinen hatte sie bereits gestern abgeschlossen. Vielleicht war sie dadurch etwas spät ins Bett gekommen, aber so hatte sie nun Zeit, endlich einmal die Bibliothek zu genießen und sich in einige Teilgebiete, die sie interessierten, weiter einzulesen. Morgen sollte sie einen einfachen Zauber wirken, der einen Tonklumpen verformen konnte. Sie war nervös und überlegte schon seit gestern Mittag, welche Form sie sich denn wählen sollte. Man solle die Form gut kennen, hatte im Buch gestanden. Vielleicht eine Muschel wie ihre Kette? Die hatte sie oft in der Hand. Oder einen Ball? War das nicht zu einfach?
Unten an der  Haustür klingelte es. Kira ignorierte es, Abby würde öffnen, vermutlich war das nur eine Lieferung. Gerade, als sie die Seite umblätterte, klopfte es allerdings an die Tür der Bibliothek und Abby steckte den Kopf herein. „Kindchen? Ah, da bist du ja. Du hast Besuch.“ „Besuch?“ Kira blickte sie fragend an. Sie kannte doch niemanden in Uldum, wer würde sie besuchen? Sebastian vielleicht? Sie blickte an sich herunter. Sie trug das burgunderfarbene Kleid, ihr Hauskleid von früher war gerade in der Wäsche und das war mit das bequemste, was ihre Gaderobe noch gerade bot, aber es war durchaus repräsentabel, das war gut. „Dea Venaris. Sie ist Mitras Mutter.“ „Seine Mutter?“ Kira fiel fast das Buch aus der Hand. „Warum möchte sie zu mir? Will sie nicht eher zu Mitras?“ Abby schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Sie hat gleich nach dir gefragt. Ich habe sie in den Salon gesetzt. Soll ich etwas bringen?“ Kira überlegte fieberhaft. Was wäre in so einem Fall angemessen? Wie sollte sie sich diesem Besuch gegenüber verhalten? „Etwas Tee vielleicht?“ Abby nickte und ging voraus. Kira folgte ihr. Zögerlich öffnete sie die Tür zum Salon und spähte hinein. Vor dem Gemälde der Berglandschaft stand eine ältere Frau mit silbrigen Haaren in einem geschmackvollen Kleid der neusten Mode in Braun- und Rottönen. Sie drehte sich um, als Kira zur Tür hineintrat, und auf den ersten Blick war klar, dass sie wirklich die Mutter von Frederieke und Mitras sein musste. Die Ähnlichkeiten waren einfach nicht zu übersehen, das gleiche freundliche Lächeln und die gleiche Lebendigkeit strahlten von ihr aus. Auch die blauen Augen schien Mitras von ihr geerbt zu haben. Sie kam einige eilige Schritte auf Kira zu, schien sich dann selbst zu bremsen und knickste kurz höflich, wie es für eine nicht adelige Person vor jemandem aus dem Adel üblich gewesen wäre. „Kira, nehme ich an? Ich bin Dea Venaris, Mitras Mutter. Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überfalle ganz ohne Ankündigung, aber ich muss mich unbedingt bei ihnen bedanken.“ „Bedanken?“ Kira blickte sie verwirrt an. Dea Venaris lächelte, ergriff ihre Hände und zog sie zu ihrer Brust. „Sie haben meiner Familie einen so unglaublichen Gefallen getan, als sie Mitras geholfen haben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welche Sorgen ich mir um ihn gemacht habe. Und stellen Sie sich vor, wie sich mein Mutterherz gefreut hat, als Frederieke heute zu uns kam und berichtete, dass er dank Ihrer Hilfe ganz verjüngt aussehe!“ Kira spürte, wie sie rot anlief. Verlegen drehte sie den Kopf weg. „Frau Venaris, ich bin nur eine Discipula. Ich habe nichts getan, außer meinem Magister zur Hand zu gehen. Den Zauber zur Verjüngung hat er ganz alleine ausgeführt.“ Dea grinste breit und machte eine ausladene Handbewegung, als würde sie ihre Einwände beiseite wischen. „Ah, nein nein, Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr! Frederieke hat gesagt, dass selbst Mitras Ihre Hilfe lobend erwähnt hat, und glauben Sie mir, er lobt sonst nicht so großzügig.“ Sie seufzte. „An der Stelle ist meine Erziehung leider völlig in die Binsen gegangen, dieser arrogante Kerl vergisst manchmal sogar, sich angemessen zu bedanken. Ts, das hat dieser Mistkerl Thadeus ihm beigebracht. Egal. Auf jeden Fall brauchen Sie gar nicht zu leugnen, dass Sie ihm geholfen haben – ohne Sie hätte er sicher noch diesselben Ringe unter den Augen.“ Kira lächelte verlegen. Abby, die gerade mit dem Tee hereinkam, rettete sie vor der Notwendigkeit, eine Antwort geben zu müssen, und sie setzten sich an einen der Tische, die zum Wintergarten hin standen. Dea musterte sie prüfend. „Frederieke hat auch sonst nicht übertrieben. Ich bin froh, dass mein Sohn eine so hübsche und höfliche Gehilfin bekommen hat. Ich hoffe, es geht Ihnen gut hier?“ Kira nickte. „Es ist wundervoll.“ Sie hielt inne. „Und, ähm, danke für das Kompliment.“ Dea lachte freundlich. „Gerne. Sie kommen aus dem Norden, oder? Haben Sie schon Freunde hier? Gibt Mitras Ihnen genug Taschengeld? Die Stadt kann ja recht teuer sein.“ Kira nickte wieder. „Ich fühle mich wohl hier, danke, und alle sind sehr nett. Und Mitras zahlt mir Taschengeld, ja.“ Dea schmunzelte. „Lassen Sie mich raten, 6 Silber pro Monat?“ „Sieben.“ „Ts.“ Lebhaft schüttelte Dea den Kopf. „Das ist nicht viel, wenn man neu in der Stadt ist. Erlauben Sie mir, ihnen eine kleine Summe zu schenken, als Willkommensgeschenk und als Dankeschön für das wundervolle Geschenk, dass Sie mir gemacht haben?“ Kira hatte das Gefühl, dass sie eigentlich kein Geschenk verdient hatte – insbesondere angesichts der Tatsache, wie großzügig Mitras sie schon mit Kleidern überhäuft hatte – aber so, wie seine Mutter es darstellte, wäre es vermutlich sehr unhöflich gewesen, abzulehnen. „Ich habe doch schon die Ohrringe bekommen“, versuchte sie einen kleinen Protest. „Ach, die waren doch nur Anschauungsstücke, und davon kann man sich keinen Kuchen und keinen Kutschausflug kaufen. Nein, schauen Sie…“ Dea griff in eine Seitentasche ihres Kleides und zog eine kleine Börse hervor, aus der sie ein Goldstück nahm. „Damit können Sie sich ein paar nette Nachmittage mit ihren Freunden machen. Oder in die Therme gehen. Auf jeden Fall können Sie sich damit etwas Entspannung gönnen, und das sollten Sie.“ Kira blickte ungläubig auf das Goldstück. Dann hob sie abwehrend die Hände. „Das ist viel zu viel!“ Dea lächelte. „Das kann ja in der Provinz viel sein, aber sie werden feststellen, hier ist es gar nicht so viel.“ Sie legte das Geld auf den Tisch. „Sie können es hier liegen lassen oder annehmen, ich werde es nicht wieder einstecken. Und wenn Sie jemals Hilfe brauchen, ob im Umgang mit meinem Sohn oder bei etwas anderem, kommen sie jederzeit zu uns.“ Etwas erschlagen nickte Kira. Es war auf jeden Fall klar, woher Frederieke all ihre Energie und Fröhlichkeit hatte, die hatte sie offenbar von der Mutter geerbt. Zögerlich nahm sie das Goldstück. „Vielen Dank! Es wäre aber wirklich nicht…“ „Shh!“, unterbrach die ältere Frau sie. „Doch, das war nötig, für mein Gewissen. Und nun werde ich Sie wieder in Ruhe lassen. Kommen Sie jederzeit zu uns, wenn Sie mögen.“ Sie reichte ihr eine Karte mit dem Namen der Familie und einer Adresse, und Kira, die immer noch ungläubig auf das Gold in ihrer Hand starrte, nahm sie geistenabwesend entgegen und verabschiedete Dea Venaris mehr schlecht als recht. Danach saß sie einen langen Moment im Salon und drehte das Goldstück in der Hand. Als der Magister sie aus Bispar abgeholt hatte, hatte sie ihn gefragt, ob Johann geheilt werden konnte. Er hatte ihr kühl und abweisend zu verstehen gegeben, dass das durchaus der Fall sei, man aber den Heilungsmagier aus der Gildenkasse bezahlt habe. Sobald es ihr möglich sei, hätte sie dieses Geld zurückzuzahlen, 5 Gold. Kira hatte gedacht, dass das eine unglaubliche Summe Geld sei, aber da Bruder Harras ihr im Gespräch vorher gesagt hatte, dass sie nun eine reiche Magierin werden könnte, hatte sie sich nicht allzuviele Gedanken darüber gemacht. Sie war einfach nur erleichtert gewesen, keinen langfristigen, irreparablen Schaden angerichtet zu haben. Und nun hielt sie bereits ein fünftel dieser Summe in der Hand. Bruder Harras hatte nicht übertrieben. Oder lag es einfach an der Familie Venaris? Sie dachte an den Abend mit Mitras vor dem Generator. Das Gefühl der Magie war berauschend schön gewesen. Seine Hände auf ihren Armen waren schön gewesen. War nicht allein das eine Belohnung genug? Still schickte sie in Gedanken ein kleines Gebet an die Geister von Wald, Wasser, Erde und Luft, um sich für all das Glück, das ihr hier wiederfuhr, zu bedanken. Die Pflanzen um sie herum schienen ihr wohlwollend zuzumurmeln, und etwas klarer und ruhiger stand sie schließlich auf, nahm das Gold und ging zurück nach oben, um das Geld zu verstauen und weiter zu lernen. Nur noch einen Tag… es dauerte nicht lange, und sie war wieder so nervös und aufgeregt wie zuvor.

Uldum im Winter – 22. Lunet 242 (Silenz)

Mitras erwachte am nächsten Morgen völlig erholt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so gut geschlafen hatte und früh war es auch noch. Seine Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor acht Uhr war. Gegen 10 Uhr würde seine Schwester vorbei kommen. Sie wollten endlich den vor zwei Wochen abgesagten Ausflug nachholen. Er hatte eine größere Kutsche für sie alle gemietet und es sollte in dieser ein Stück den Corvio hinauf gehen. Dort gab es ein kleines Dorf namens Raa mit einem netten, kleinen Gasthof. 

Er machte sich fertig und ging runter. William war gerade dabei, einen Picknickkorb für die kleine Reise vorzubereiten. „Ha, guten Morgen, da ist ja jemand früh. Als ich die Treppe gehört habe, hab ich eher mit Kira gerechnet. Du bist ja schon ewig nicht mehr so früh auf den Beinen gewesen.“ „Ja, so ein bisschen magische Erholung kann schon einiges bewirken.“, erwiderte Mitras zufrieden. Er nahm sich einen Becher Tee und setzte sich. „Ein bisschen Erholung? Mitras, ich weiß nicht was du da getan hast, aber du siehst fast fünf Jahre jünger aus, also eigentlich schon eher zehn, so verbraucht wie du die letzten Wochen warst.“ „Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was ich getan habe. Als ich die Menge an Magie in mir hatte, kam mir spontan dieser Zauber wieder in den Sinn. Wir haben ihn in der Heilungsklasse im letzten Semester behandelt. Das war quasi unsere Abschlussprüfung in dem Block. Ein unglaublich schwer durchzuführendes Ritual. Bei den Geistern, was haben wir uns damals darüber aufgeregt, dass so ein bisschen Erholung so anstrengend erreicht wird, zumal wir ja deutlich einfachere Zauber kannten. Aber unser Lehrer meinte nur, dass wir schon früh genug merken würden wofür der Zauber gut ist.“ „Ha, wofür er gut ist kann ich dir sagen Junge. Du siehst aus wie 25. Keine einzige Falte ist mehr da. Du sprühst förmlich vor Energie. Gestern Mittag hätte dich noch jeder für einen überarbeiteten 40 jährigen gehalten und jetzt siehst du aus wie so ein übereifriger Jüngling. Und überhaupt, einfach so eingefallen, sonst musst du doch auch für jeden Schnitt und jeden blauen Fleck nochmal in dein kleines Büchlein schauen.“ „Ich… ich weiß es nicht, der Zauber war einfach plötzlich wieder in meinem Gedächnis. Ich wusste genau was zu tun ist. Er war halt einfach wieder da. Aber jetzt könnte ich dir nicht einmal mehr die erste Silbe nennen. Ich sollte den Zauber aber wohl doch nochmal nachschlagen und für die Zukunft genauer studieren.“ Mitras merkte, dass William das Ganze nicht geheuer war. Aber im Moment war er einfach viel zu dankbar über die Verbesserung seines Zustandes,um sich darüber großartig Sorgen zu machen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Kira kam herein. Sie trug ein bequemes Hauskleid, vermutlich noch aus ihrem eigenen Bestand, und ihre Haare standen zerstrubbelt vom Kopf ab. Eine Locke machte einen vorwitzigen Kringel über ihre Stirn und erweckte den Eindruck, sie hätte ein magisches Symbol dorthin gemalt. Als sie Mitras sah, zuckte sie zusammen und lief rot an. „Oh, Magister…äh… Mitras!“ „Guten Morgen. William hatte schon mit dir gerechnet.“ sagte er freundlich lächelnd. Er fühlte sich großartig. „Äh, ja, guten Morgen.“ Sie griff nach oben, wischte sich die Locke aus der Stirn und kämmte dann mit der Hand durch ihre Haare, um sie zu einem Zopf zu greifen und so etwas mehr Ordnung hinein zu bringen. Der Versuch war allerdings wirkungslos, ihre leichten Locken sprangen sofort wieder in ihre wilde Form zurück, sobald sie los lies. „Ich, äh, ich wollte mir nur kurz mein Frühstück holen…“ Sie blickte an sich herunter. Ganz offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass er schon wach war. Er amüsierte sich innerlich, fragte sich aber auch, warum es für sie einen Unterschied machte, ob er oder William sie sah. „Setz dich doch zu uns, es ist zwar noch etwas früh, aber William bekommt sicher auch auf die Schnelle etwas hingezaubert.“ Er blickte kurz raus und sah, dass die Sonne langsam aufging. Es versprach ein klarer, aber auch kalter Tag zu werden. „William, haben wir eigentlich noch Kakao da?“ „Muss ich kurz nachsehen.“, sagte dieser und verschwand um die Ecke und die Treppe zum Keller hinunter. „Ich glaube, ich muss mich dann erst frisch machen.“ Ehe er etwas sagen konnte, war Kira bereits wieder zur Tür hinaus. William kam wieder hoch und sagte: „Da ist tatsächlich noch reichlich. Nanu, wo ist Kira denn hin verschwunden?“ „Tja, sie wollte sich dann doch noch erst frisch machen und ist regelrecht geflohen.“ William sah etwas verdutzt aus. „Sonst stört sie das doch auch nicht so.“, wunderte er sich. Und auch Mitras verstand sie nicht so recht. Aber gut, es war ja noch Zeit. „Nun gut, William, wir brauchen heiße Milch. Ich helfe dir eben.“ Mit Magie würde es definitiv schneller gehen, Milch kochen war lästig und hätte Williams ganze Aufmerksamkeit erfordert.

Es dauerte tatsächlich eine Weile, in der er William half, den Tisch ganz zu decken, und auch Abby von draußen herein kam, bis Kira wieder auftauchte, diesmal in dem taillienbetonten grünen Kleid mit den Knöpfen. Ihre Haare waren nun gebürstet und so,wie er es bei ihr kannte, zu einem Zopf geflochten. Sie trug die Ohrringe, die er ihr gestern geschenkt hatte und wenn er sich nicht irrte, hatte sie sich sogar ein ganz wenig geschminkt. Oder waren ihre Wimpern immer so lang und dunkel und er hatte es aufgrund der Müdigkeit nur bisher nie bemerkt? Sie sah hübsch aus, und Mitras war sehr mit sich selbst zufrieden – er hatte sie tatsächlich gut ausgestattet, nun sah sie ganz wie eine edle Dame aus, das Mädchen vom Dorf war kaum noch zu sehen. Nur ihre Bewegungen, ihre Natürlichkeit zeigten noch, dass sie nicht in einem Adelshaus aufgewachsen war. Er fand, dass sie nun eine gute Mischung mit dem besten aus beiden Welten darstellte und war stolz auf den Fortschritt.

​​​​​​​Um halb zehn kam Federieke. Kira hatte einige Mühe gehabt, ihre Peinlichkeit, am frühen Morgen nur halb angezogen Mitras begegnet zu sein, zu überwinden, aber da niemand weiter darüber gesprochen hatte, hatten sie ein nettes Frühstück verbracht. Anschließend hatte Mitras, der ausgesprochen fröhlich wirkte, sie noch auf eine Partie Dame in den Wintergarten gebeten. Kira war gespannt, was die Reise heute ergeben würde und genoß das Reden und Spielen mit Mitras. Vielleicht lag es am Lächeln, vielleicht auch, dass die Ringe unter seinen Augen verschwunden waren, auf jeden Fall wirkte er so viel jünger und lebendiger, und sie erwischte sich einige Male dabei, ihn beinahe anzustarren, während er in das Spiel vertieft war. Ihr fiel auf, dass er ziemlich lange Wimpern hatte. Bisher hatte sie sich eigentlich immer nur auf seine so unglaublich blauen Augen konzentriert, die sie so faszinierend fand, doch nun betrachtete sie auch sein restliches Gesicht und bemerkte, dass seine Haare langsam länger wurden, die Strähne an der Schläfe fiel ihm schon fast bis in die Augen, und dass er ein bisschen Stoppeln auf den Wangen hatte, als hätte er sich zwei Tage nicht mehr rasiert. Sie widerstand der Versuchung, über seine Wangen zu streichen und senkte rasch den Blick, als er aufblickte und sie ansah. Dass sie dabei etwas rot wurde, konnte sie nicht verhindern, aber sie hoffte, er hatte sonst nichts bemerkt.

Kira schien während der Partie abgelenkt gewesen zu sein. Jedenfalls hatte er einen leichten Sieg errungen, was ungewöhnlich war. Eigentlich spielte sie sehr gut. Er hoffte, dass es nicht am Transfer lag, aber sonst machte sie einen gesunden Eindruck. Als seine Schwester eintraf, waren sie gerade wieder in der Küche und nahmen von William den Proviant in Empfang. Es würde zwar in dem Gasthof ein gutes Mittagessen geben, aber bei solchen Temperaturen schadete es nicht, genug dabei zu haben. Abby hatte Frederieke an der Tür in Empfang genommen und brachte sie zu ihnen in die Küche. „Guten Morgen Frederike, hast du die Kleinen doch zu Hause gelassen?“, begrüßte er sie und umarmte sie schwungvoll. „Guten Morgen, ja es war dann doch zu kalt. Ein anderes Mal nehme ich sie dann gerne mit. Aber heute bleiben sie bei ihrem Kindermädchen. Aber du siehst irgendwie verändert aus, so richtig erholt, schon fast wieder jung. Was ist geschehen?“ fragte sie etwas misstrauisch dreinblickend. Mitras lachte: „Thadeus hat mir einen großen Gefallen getan.“ Frederieke sah ihn verwundert und skeptisch an und Mitras fügte erklärend hinzu: „Er hat mir Kira geschickt. Wir haben festgestellt, dass sie ein, sagen wir, überdurchschnittliches magisches Potential hat. Sie hat mir angeboten mich durch Magietransfer beim Generator zu unterstützen. Gestern haben wir das einmal getest und was soll ich sagen, es hat wunderbar funktioniert. Mit der Magie konnte ich dann einen recht komplexen Erholungszauber wirken und bin nun wieder wie neu.“ Frederieke sah verwundert zu Kira herüber, die mittlerweile wieder einmal tiefrot angelaufen war, blickte dann wieder ihn an, nur um sich dann auf Kira zu stürzen und sie jubelnd in den Arm zu nehmen. „Ich danke dir, du machst dir ja keine Vorstellungen, wie sehr wir schon alle in Sorge um ihn waren. Aber geht es dir denn auch gut? Ich verstehe das Ganze zwar nicht, aber sag mir bitte, dass du dabei jetzt nicht an seiner Stelle zu Schaden kommst.“

Kira war von Frederiekes plötzlichem Ausbruch völlig überrascht. Langsam war es regelrecht unangenehm, wie sehr alle sie lobten. Dabei hatte sie doch nur ein bisschen geatmet. Als ob atmen ein Problem wäre. Verlegen schon sie Frederieke von sich. „Mir geht es gut, das ist nicht schwierig. Ich hab wohl eine Begabung dafür. Oder so.“ Sie lächelte verlegen, als sie sah, wie Frederieke sich einige Tränen aus den Augen wischte. Ein Teil von ihr war irre stolz, doch der andere Teil fand den ganzen Wirbel um das bisschen helfen peinlich. „Bisher hatte ich nur eine Begabung, Probleme zu schaffen. Also ist das wohl der Ausgleich, den die Geister mir mitgegeben haben, dass ich meinem… äh, Mitras helfen kann.“ Beinahe hätte sie „meinem Freund“ gesagt, aber das klang irgendwie falsch. Mitras hatte ihr zwar das Du und die Freundschaft angeboten, aber die Bezeichnung war so doppeldeutig. Warum gab es eigentlich keine Unterscheidung zwischen einem normalem Freund und einem festen Partner? Frederieke drückte sie noch einmal an sich. „Ich bin dir so dankbar. Alle in meiner Familie sind dir dankbar. Falls du je etwas brauchst, wir werden dir jederzeit helfen!“ Kira schaute, immer noch verlegen, sie prüfend an, doch sie schien wirklich zu meinen, was sie sagte. „Ich bekomme doch schon alles von Mitras. Und euer Vater hat diese Ohrringe für mich ausgesucht. Eure Familie ist so gut zu mir, da ist es nur natürlich, dass ich auch helfe.“ Frederieke lachte. „Hmmmm, Mitras, falls du jemals heiraten willst, nimm bitte sie. Hilfreich und bescheiden!“ Kira hatte das Gefühl, leicht überfahren zu werden. Mitras – sie heiraten? Sie wollte doch gar nicht heiraten! Andererseits, Mitras…. sie spürte, dass ihr Herz etwas schneller klopfte und ihr das Blut bis in die Ohrenspitzen stieg. „Aber Frederieke, mach dich nicht lächerlich. Ich bin über 30 und damit doch schon viel zu alt zum Heiraten. Die Kutsche ist schon vor fünf Jahren abgefahren!“, wehrte Mitras ab. Kira brauchte einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten. Natürlich war ihr klar gewesen, dass Mitras älter als sie war, aber über 30? Gerade heute sah er eher wie 25 aus. Sie spürte, wie etwas in ihr ein bisschen herabfiel, ganz dunkel wurde. Über 30… und sie war erst 17. Mit so einer jungen Frau würde er sich sicher nicht zufrieden geben. Beinahe wirkte es für sie, als sei er, der doch eh schon fast unerreichbar über ihr stand, noch etwas mehr in die Ferne gerückt. Wahrscheinlich sah er in ihr nur ein junges, unerfahrenes Ding. Sie könnte ja fast seine Tochter sein. Ihr eigener Vater war auch erst letztes Jahr 40 geworden. Frederieke schnaubte. „Ach, und Nathanael?“ Mitras winkte ab, während er zur Tür ging. „Das war seine zweite Ehe, das gilt nicht!“ „Ja, aber da war er schon über 60 oder so! Und wir beide waren da noch nicht einmal geboren, Herr Magier!“ Frederieke eilte hinter ihrem Bruder hinterher. Kira folgte ihnen langsam und versuchte, diese neue Information zu verarbeiten. Mitras war über 30. Nathanael war vor seiner Geburt schon 60 gewesen? Das hieß, Nathanael war jetzt über 90? Er sah höchstens wie 55 aus! Magier lebten offenbar deutlich länger und sie blieben länger jung. Sie war so in Gedanken über diese Tasache versunken, dass sie in Frederieke hinein lief, die vor der Kutsche stehen geblieben war. „Oh, Entschuldigung!“ „Kein Problem.“ Frederieke drehte sich zu ihr um. „Alles gut?“ „Ja, alles in Ordnung.“ Kira deutete auf die Tür der Kutsche, die Mitras ihnen offen hielt, und gemeinsam stiegen sie ein. Die Kutsche war offenbar für Winterfahrten bestens gerüstet: Es lagen Kissen und weiche Decken auf den Sitzbänken, die groß genug waren, dass vier, vielleicht sogar sechs Personen hätten dort sitzen können. Die großen Fenster zu beiden Seiten und nach hinten heraus waren verglast, so dass der Wind nicht hinein wehen konnte, und es gab auch Vorhänge. Mitras setzte sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf die Bank und deutete auf die Bank vor sich. „Setzt euch am besten dort hin, da kann man gut gucken.“ Neugiergig setzte sich Kira neben Frederieke, Mitras schloß die Tür und klopfte dann leicht an die Wand hinter sich, woraufhin der Kutscher die Pferde antrieb. Sie fuhren zur Altstadt, am Palast vorbei und dann wieder über eine Brücke über den Corvio. Eine Weile folgte die Straße dem Flußlauf zwischen den Häusern, dann bog sie an der Stadtgrenze vor einer etwas steileren Felsklippe wieder zum Fluß hin und über eine breite Brücke wieder auf die nördliche Seite des Flusses, der unter ihnen in einem felsigen Bett plätscherte. Eiszapfen hingen an den Ästen, die hier und da von den Felsen um das Flussbett herum ins Wasser ragten, und an einigen Stellen hatten sich richtige Eisschollen aufgeschoben. Fasziniert sah Kira nach Osten, während sie über die Brücke fuhren. Der Corvio hatte dort in die Klippe eine kleine Schlucht gegraben, in der im Schein der Sonne das Eis glitzerte. „Es ist ungewöhnlich, dass es diesen Winter so viel Eis gibt.“, sagte Frederieke. „Normalerweise ist es wärmer, aber dieser Winter hat viele kalte Tage.“

Während sich Kira und Frederieke angeregt über den Winter unterhielten, blickte Mitras gedankenversunken auf die Landschaft. Es war schon eine Weile her, seit er Uldum das letzte Mal verlassen hatte. Nun lag auch der Rand der Stadt hinter ihnen. Er blickte gen Süden über den Fluß aufs tiefer liegende Land. Nach Norden war die Aussicht weit weniger spannend, da die Landschaft recht schnell zum Hochplateau hin aufstieg. Bis zu ihrem Ziel würde sich das aber auch ändern. Während der Avens direkt aus dem Hochland herabfloss, kam der Corvio in einem leichten Schwung aus einem niedrigeren Teil der Hochebene. Aber hier kurz vor Uldum war der Höhenunterschied zwischen Nord- und Südufer noch recht groß. Im Sommer würde er nach Süden über ein Meer aus terrasierten Feldern blicken, die von einzelnen kleinen Waldflecken unterbrochen wurden. Jetzt waren die Terrassen abgeernet und die Büsche kahl, nur einzelne Nadelgehölze ragten noch grün aus der ansonsten weißen Landschaft hervor.

Frederieke hatte schon recht. Der Blick in den Spiegel hatte ihm gezeigt, dass er mit dem Zauber nicht bloß die Erschöpfung abgeschüttelt hatte. Alle Altersspuren der letzten zwei, sehr anstrengenden Jahre waren wie weg gewischt. Erst gestern Morgen hatte er noch betrübt auf wachsende Fältchen in den Augenwinkeln geblickt und nun war sein Gesicht wieder glatt, fast schon jugendlich. Er hatte diesen Zauber nur spontan aus einer Idee heraus gewirkt ohne richtig abschätzen zu können, wie er wirken würde. Das letzte Mal hatte er ihn während der Ausbildung angewandt und damals erschien ihm der Aufwand viel zu groß für eine viel zu kleine Wirkung. Aber damals war er auch komplett ausgeruht und fit gewesen. Nun verstand er die Bedeutung dieses Zaubers und seine Tragweite. Und ja, Nathanael hatte schon dreimal länger gelebt, als er selbst. 103 Jahre zählte er nun schon und wirkte doch als wäre er in seinen 60ern. Natürlich war ihm immer schon bewusst gewesen, dass er als Magier länger leben würde. Etwas traurig beobachtete er Frederieke. Er würde sie vermutlich um etliche Jahre überleben. Vielleicht konnte er den Zauber auch auf sie anwenden, vielleicht auch auf seine Eltern, aber er würde weniger effektiv sein, fürchtete er. Kiras Energiespende könnte ihm aber auch hier helfen. Er beobachtete Kira, die sich umgedreht hatte und mit Frederieke zusammen auf der Bank kniete, um aus dem rückwärtigen Fenster schauen zu können. Ihre roten Haare hatten sich teilweise aus dem Zopf gelöst und ringelten sich über den blauen Stoff ihres Mantels. Sie leuchteten dadurch deutlich röter, als er es am Anfang wahrgenommen hatte. Oder war es das Licht hier draußen? Er spürte tiefe Dankbarkeit und Zuneigung für sie, und für einen Moment hatte er fast das Gefühl, wieder den Geschmack von Karamell im Mund zu haben. Er leckte sich über die Lippen und lächelte glücklich. Vielleicht war eine Heirat doch eine Option. Aber mit Kira, seiner Schülerin? Gab es da nicht diese uralte Geschichte von Nathanaels erster Frau? Und auch wenn es selten vorkam, es bandelten immer mal wieder Magier und Magierinnen mit ihren Discipuli an? Einen Moment lang betrachtete er versonnen ihren Rücken, dann setzte sein Gewissen ein. Was dachte er da eigentlich? Sie war noch so jung und sicher nicht an ihrem Mentor interessiert. Sich ihr aufzudrängen war defintiv das letzte, was er wollte. Disziplin, Mitras, mahnte er sich selbst. Disziplin. Das hat sie verdient, nach ihrer Hilfe nun besonders.

Sie waren etwa zwei Stunden unterwegs und kamen dann zu einem Gasthof, der auf einem kleinen Hügel oberhalb des Corvio lag. Am Fuße des Hügels schmiegte sich ein kleines Dorf beidseitig an die Hänge zum Corvio, und Kira bestaunte die Terrassen, die zahlreich ringsherum auf den Hügeln angelegt waren. Frederieke versprach ihr, dass sie im Frühling nochmal hier heraus fahren würden. Vom Gasthof aus konnte man durch eine Fensterscheibe weit in Richtung Süden sehen, wo die Hügellandschaft sich noch ein Stück weit zog und dann am Horizont weiter abfiel. Kira wusste, dass im Süden das große Tal des Avens lag, in dem es immer mehr Wald gab, sogar richtigen Urwald, und das letztendlich den Übergang zum Nachbarland Rigar darstellte. Eigentlich war es mehr das Ende des Hochlandes als ein einziges Tal, aber alle nannten es „Tal“, weil sich das Hochland östlich und westlich davon weiter nach Süden hinzog und es auf der Karte von Anotal eben fast wie ein grüner Vorstoß in die braune Hochebene aussah. Im Gasthof aßen sie zu Mittag und anschließend führte Mitras sie auf einem kleinen, gut begehbaren Pfad durch die winterliche Landschaft, ein kleines Stück am Corvio entlang und dann in einem Bogen durch ein Wäldchen. Obwohl es ungewohnt war, so viel zu laufen nach den vier Wochen in der Stadt spürte Kira, wie die klare, kalte Luft, das Sonnenlicht und das Raunen des Wassers und der Bäume um sie sie mit Energie und Freude erfüllten. In einem unbeobachteten Moment – Mitras und Frederieke waren ein Stück voraus gegangen – strich mit der Hand über die Rinde eines der alten Bäume und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Stamm, so wie sie es in Bispar im Moor oft getan hatte. Der Geruch war anders, das Gefühl war anders, aber etwas darin war doch vertraut. Vorsichtig öffnete sie ihre neu erwachten magischen Sinne und atmete die Luft um sich bewusster ein, spürte, wie die Magie klar und rein in sie floß, stärker noch als in Mitras Labor, vertrauter irgendwie und doch fremd, wie diese Landschaft und der Wald. Sie spürte Glück und auch ein wenig Traurigkeit, sie vermisste die heimischen Wälder. Die Magie hier in diesem Wäldchen war ebenso wie die Magie in der Nähe des Avens leichter zu greifen, auch klarer, aber sie war nicht so kalt und nicht so schwierig zu halten. Sie umarmte den Baum und ließ die Magie, die sie genommen hatte, langsam wieder abfließen, bis sie wieder auf dem nun schon vertrauter gewordenem Grundniveau war. Fast schien es ihr, als würde der Baum sich etwas strecken, doch das war vermutlich nur der Wind, der in diesem Moment aufkam. Mitras rief nach ihr, und sie beeilte sich, den beiden hinterher zu kommen.

Während sie zurückfuhren, wurde es draußen bereits dunkel. Sie aßen etwas von Williams Proviantkorb und Frederieke erzählte ihr von ihren Kindern. Einzelne Lichter von Dörfern funkelten in den Hügeln und der klare Sternenhimmel zeigte sogar das ganze Sternenband, ehe Lunet und Lunar aufgingen und die Winterlandschaft in ein bläulich-weißes Licht tauchten. Sie betrachtete die beiden Monde. Frederieke hatte sich an ihren Bruder angelehnt und war eingedöst und Mitras schwieg schon den größten Teil des Ausfluges. Er wirkte entspannt und ruhiger, als sie ihn kannte. Kira schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie bei ihrer ersten Begegnung ihn als abweisend und bedrohlich wahrgenommen hatte. Nun wirkte er stark, mächtig auf sie, aber überhaupt nicht bedrohlich, eher etwas zu sehr anziehend für die Tatsache, dass sie ja eigentlich gerade erst der Gefahr einer Heirat und der Tatsache, sich einem Mann als Ehefrau unterordnen zu müssen, entkommen war. Innerlich dankte sie den Geistern erneut für ihr Talent, das ihr offenbar nicht nur die Freiheit geschenkt hatte, sondern sie auch zu einer Hilfe für die Menschen werden lies, die nett zu ihr gewesen waren. Dieser Zauber, den Mitras da angewandt hatte…. interessiert betrachtete Kira sein halb abgewandtes Gesicht im Mondlicht. Sicherlich war dieser Zauber der Grund, warum Magier länger lebten. Ob er den wohl auch auf Bruder Harras wirken konnte? Es wäre schön, wenn der Priester noch etwas länger leben könnte. Ohne ihn wäre das Leben in Bispar für sie wahrscheinlich unerträglich gewesen. Sie beschloß, Mitras zu fragen. Andererseits konnte sie den Zauber in einigen Jahren vermutlich auch selber. Sie hoffte nur, Bruder Harras würde bis dahin nichts passieren.

Sie erreichten Uldum gerade passend zum Abendessen, vor dem sich Frederieke allerdings mit einigen innigen Umarmungen verabschiedete – sie wollte mit ihren Kindern gemeinsam essen. William hatte in der Küche eine Platte mit belegten Broten und geschnittenem Gemüse hingelegt samt eines Zettels, dass er seine Schwester besuchen gegangen war. Gemeinsam mit Abby und Tobey aßen sie zu Abend, dann verabschiedeten auch die beiden sich und gingen herüber ins Gesindehaus. Mitras saß einen Moment lang in seinem Stuhl und betrachtete den letzten Schluck Wein, den er noch im Glas hatte. „Mitras?“ Er blickte auf. „Soll ich, hmm, meine Magierrobe anziehen für das Laden des Generators?“ Er blickte sie einen Moment lang an, dann nickte er. „Mach dich ruhig frisch und zieh die Robe an, das ist vermutlich bequemer als das Korsett.“ Erleichtert ging sie nach oben, um sich umzuziehen und traf Mitras danach im Esszimmer wieder an. Auch er hatte sich umgezogen und trug jetzt seine eigene Magierrobe, die sie noch nie an ihm gesehen hatte. Sie war vermutlich ebenfalls von Abby genäht, der Schnitt saß perfekt. Der Stoff war dunkelblau und mit silbernen Stickereien verziert, die von den Säumen aus geometrische Muster bildeten, die sie ein wenig an wachsende Kristalle erinnerten. Auf jeden Fall passte diese Robe wirklich gut zu ihm. Sie zogen sich Mäntel über und gingen schweigend durch den mondbeschienen Garten zum Generatorhaus hinüber.

Sie hatte das Gebäude bisher noch nie betreten. Mitras schloss eine kleinere Tür im großen Tor auf und bat sie herein. Im Inneren war das Gebäude in mindestens zwei Räume aufgeteilt, aus dem Hauptraum, in dem sie sich jetzt befanden, war aber nicht ersichtlich ob es nur einen oder doch mehrere Zimmer im hinteren Teil gab. Jedenfalls führte nur eine Tür weiter ins Gebäude hinein. Der Raum war recht warm, obwohl hier keine Heizsteine standen, und hell erleuchtet. Im hinteren Teil des Raumes standen mehrere fassartige Gebilde in die Kabel hinein und auch wieder hinaus führten und weitere Geräte mit großen aufgewickelten Ringen aus Draht, sie vermutete Kupfer, die regelrecht summten. Mitras bestätigte es ihr auf ihre Nachfrage hin und erklärte, dass man diese Teile Kupferspulen nannte. Der Generator selbst war ein etwa 1,5 Meter hohes Gerät, dass ebenfalls aus mehreren Spulen, die um eine lange Röhre herum gewickelt waren, bestand. Diese Röhre, erklärte Mitras, sei die Führung, in der der Elektrumstab vor und zurück bewegt werden musste. Sie konnte von den Seiten hineinschauen und sah das silbrig-blaue Elektrumstück. Ein Eisengitter um den ganzen Generator sollte das Elektrum auffangen, falls der Zauber außer Kontrolle geriet. Vor dem Generator hatte Mitras einen mit silbernen Linien bestickten dicken Tepich ausgelegt und darauf bereits zwei Sitzkissen drapiert. Sie setzen sich hin und Kira spürte, wie ihr Herz etwas schneller klopfte, als Mitras sie freundlich anlächelte und die Ärmel seiner Robe nach oben schob. „Bereit?“ Sie nickte. Schon gestern war es ihr schwer gefallen, sich auf das Magiesammeln und langsame Loslassen zu konzentrieren – das Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut hatte sie abgelenkt. Heute sah er zudem auch noch zu umwerfend gut aus… Sie schloß die Augen. „Reiß dich zusammen. Du willst helfen. Sei nützlich!“, ermahnte sie sich innerlich selbst, während sie ebenfalls ihre Ärmel nach oben schlug. „Bitte versuch, die Magie nicht so schnell wie gestern zu dir heran zu ziehen. Wir brauchen recht viel davon, und ich muss sie verarbeiten und halten können. Selbst wenn ich mich nicht auf das Sammeln selbst konzentrieren muss, erfordert es doch einiges an Zeit, bis ich diese Menge geordnet aufgenommen habe. Wenn du zu schnell Magie heranziehst, wird der Raum um uns leerer und es fällt dir schwerer, sie langsam an mich abzugeben. Magie, die gerade frisch wieder abgegeben wurde, kann man selbst nicht direkt wieder aufnehmen.“ Kira nickte erneut, ohne die Augen zu öffnen. Er saß so dicht vor ihr. Sie legte die Arme flach auf ihre überkreuzten Knie. „Du willst das wirklich?“ „Ja.“ Sie hoffte, ihre Stimme schwankte nicht zu sehr. „Gut. Ich danke dir.“ Er griff nach ihren Händen strich sanft mit den Fingern über ihre Handinnenflächen und umfasste dann ihre Handgelenke. Sie zuckte zusammen, als feines Kribbeln ihre Arme hinauflief, und Mitras ließ sofort den Griff um ihre Handgelenke los. Kira griff nach seinen Handgelenken und hielt seine Hände an ihren fest. Nach einem kurzen Zögern entspannte sich auch Mitras wieder. Kira hatte kurz den Drang, die Augen zu öffnen und ihn anzusehen, doch dann ließ sie es, sich selbst zur Konzentration mahnend. Vorsichtig öffnete sie ihre magischen Sinne und versuchte wie in den Übungen ein wenig, ganz wenig der Energie um sich herum erst in sich hinein und dann zu Mitras Händen zu geleiten. Am Anfang schwankte der Fluss etwas, doch nach einer kleinen Weile hatte sie den richtigen Atemrythmus gefunden und spürte, wie die Magie stetig und ruhig durch sie hindurch floß, zu Mitras warmen Händen hin. Anders als beim ersten Versuch erschien es ihr diesmal auch nicht schwer, die Magie immer weiter zu sich zu ziehen, es wurde nicht schwerer, wie es im Labor passiert war. Ihr Zeitgefühl verschwand, sie hatte das Gefühl, auf dem Kissen mehr zu schweben als zu sitzen, und sie nahm im Magiefluss sogar ein leises Rauschen, ein Gurgeln wie von Wasser wahr, manchmal auch ein Raunen wie Wind. Irgendwann löste Mitras sanft seine Hände von ihren Armen. „Das genügt.“, flüsterte er, als wolle er die Stille und Ruhe um sie nicht stören. Kira löste ihre Hände von ihm und ließ sich noch eine Weile in dem Magiefluss um sie treiben, ehe sie langsam die Augen öffnete.

​​​​​Als er das Gefühl hatte, nun fast zu viel Magie für das Ritual aufgenommen zu haben, blickte Mitras auf und sah Kira nach wie vor in tiefer Konzentration​ vor sich sitzen. Er hatte in der Stille jedes Zeitgefühl verloren, doch als er zur Uhr, die neben der Tür hing, hinüber sah, stellte er verwundert fest, dass erst eine halbe Stunde vergangen war. Sie hatte deutlich kontrollierter die Magie herangezogen als im ersten Versuch, es war ein leichter, stetiger Fluss geworden. Normalerweise benötigte er für diese Menge an Magie mindestens sechs Stunden, in letzter Zeit auch schon viel zu häufig eher sieben. Er merkte auch, dass es ihm viel leichter gefallen war, die Magie von Kira entgegen zu nehmen und zu kanalisieren, als wenn er sie allein gesammelt hätte. Der Raum fühlte sich noch wärmer an, als er sowieso schon war, aber auf eine angenehme Weise. Auf seiner Zunge hinterließ die Magie einen leichten Geschmack nach Karamell und auch in der Nase glaubte er diesen Geruch wahrzunehmen. Er hatte seit den Übungen in der Schule nie wieder mit einem Partner zusammen gearbeitet und er war sich nicht sicher ob es so generell einfacher war, oder ob es speziell an Kira lag. Ihr enormes Talent half sicher, aber lag es nur daran? Die Emotionen, die er aufgefangen hatte, drückten immer noch eine gewisse Unsicherheit aus, aber da war auch eine große Zufriedenheit und noch etwas positives, das er aber nicht recht greifen konnte, da gerade diese Emotion immer wieder durch die Verunsicherung überdeckt worden war. 

„Das genügt.“ sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken. Er unterbrach den Magiefluß, was ihm diesmal deutlich leichter fiel, und spürte wie sie ihre Hände von seinen Armen nahm. Kurz machte sich ein Gefühl des Bedauerns in ihm breit, dann konzentrierte er sich aber wieder voll auf die Magie. Sie fühlte sich vitalisierend an, aber als er den ersten Zauber des Rituals begann, merkte er, dass sie sich nicht so recht in Form bringen ließ. Er musste mehr Nachdruck in die Gesten legen und die Silben der Sprüche klar formulieren. Das hatte er das letzte Mal in der Ausbildung getan. Spruch und Gesten galten eigentlich nur als Unterstützung. Die eigentliche Arbeit leistete der Zaubernde mit seinem Geist. Die Worte zu sprechen war lediglich ein Anker, der die Formgebung erleichterte. Gerade einfache Zauber wirkte Mitras mittlerweile komplett gesten- und spruchfrei. Aber nun musste er sich auf einen Zauber, der ihm selbst in seinem angeschlagenen Zustand vor zwei Tagen noch leicht von der Hand gegangen war, stark konzentrieren. So leicht die Magie in den Heilzauber geflossen war, so störrisch fühlte sie sich jetzt an. Aber letztendlich gelang es ihm den Zauber vollends zu wirken. Die Bewegungen des Elektrums wurden wieder stärker und er sah an den Anzeigen, dass der Stromfluß wieder zunahm. Es hatte funktioniert. Trotz der großen Anstrengung fühlte er sich nicht erschöpft, ihm stand zwar der Schweiß auf der Stirn, im Ganzen war die Erfahrung aber eher belebend als auslaugend gewesen. Mitras hatte keine Erklärung dafür, aber wenn dass der Preis für diese Erleichterung war, so nahm er den größeren Aufwand beim Zaubern gern in Kauf. Dennoch sollte er bei nächster Gelegenheit mal mit Nathanael sprechen, ob es normal war, dass sich die aufgenommene Magie einmal so leicht und einmal so schwer formen ließ. Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass es in seiner Ausbildung, in den Übungen auch so gewesen war.

Kira beobachtete, wie Mitras die Zauber wob. Er bewegte sich sehr akurat, die Sprüche wirkten fast wie ein Gesang, mit dem er seine Bewegungen begleitete, wenn auch kein besonders harmonischer oder schöner. Er wirkte sehr konzentriert. Fasziniert beobachtete sie, wie das Stück Elektrum erst langsam, dann immer schneller begann, sich in der Röhre auf und ab zu bewegen. Sie fühlte sich zufrieden, aber auch träge und müde nach dem langen Tag. Das Kissen unter ihr war weich und kuschelig, und Mitras Stimme wirkte beruhigend. Sie schloß die Augen und ließ sich davon treiben.

Nachdem er fertig war, brauchte er einen Moment, um sich zu sammeln. „Danke Kira. Das war eine große Hilfe.“, sagte er, doch erhielt keine Reaktion. Er drehte sich zu ihr um und stellte fest, dass sie eingeschlafen war. Zur Sicherheit ergriff er ihr Handgelenk, doch ihr Puls war ruhig und regelmäßig. Es war auch ein langer Tag gewesen. Der Raum war regelrecht magieleer, auf der anderen Seite fühlte er sich aber auch so fit wie schon lange nicht mehr. Statt sie also wieder mit Magie anzuheben, hob er sie einfach direkt auf. Möglichst vorsichtig ergriff er sie und stand auf. Die Tür mit Magie zu öffnen, war kein Problem, schon direkt hinter der Tür war die Umgebung schon wieder gut gesättigt, was seltsam war, wo der Raum doch fast komplett entleert war. Er verzichtete aber weiter auf Magieanwendung und brachte sie schnell rüber und in ihr Zimmer. Nachdem er sie auf dem Bett abgelegt hatte, zog er ihr noch die Schuhe aus. Ihr die Robe abzunehmen, sah er dann doch als zu aufdringlich an, zumal er nicht wusste, wie viel sie darunter noch trug. Das Gewand war bequem genug um auch mal darin zu schlafen und gleichzeitig war es pflegeleicht genug, das zu überstehen. Er deckte sie zu und betrachtete ihr Gesicht. Kam es ihm nur so vor oder waren ihre Haare heller geworden? Er meinte sich zu erinnern, dass ihre Mähne doch eigentlich ein kastanienbraun mit rotem Schimmer war. Nun schimmerte sie tiefrot, fast wie die Farbe kleiner Eichhörnchen. Die Farbe stand ihr jedenfalls besser und würde wunderbar zu ihren grünen Augen passen. Aber vielleicht bildete er sich das alles auch nur in der Nachwirkung ihrer Magie ein. Er würde da Morgen noch einmal drauf achten. Nun aber verließ er das Zimmer, er hatte schon viel zu lang so starrend an ihrem Bett gestanden.

Helfende Hand – 20. und 21. Lunet 242 (Ingas und Schengstag)

Am nächsten Nachmittag erbat sich Kira, in die Stadt gehen zu dürfen. Eigentlich hatte sie sich gestern schon mit Sebastian treffen wollen, aber über das Kanalisieren völlig vergessen, dass sie sich vorgenommen hatte, jeden Uldumstag in die Bibliothek zu gehen. Mitras, der ein wenig abwesend wirkte, nickte ihren Wunsch ohne Nachfragen ab, und so lief sie nach dem Mittagessen zur Kutschenstation. Julius zu finden, war nicht schwierig, und er brachte sie erst zum Postamt, wo sie einen ganzen Silberling für den Brief bezahlen musste, und dann zur Altstadt. Die ganze Zeit spürte sie, wie die Magie um sie herum floß und sie sie ein- und ausatmete. Wie neugeboren. Näher am Fluss stellte sie fest, war die Magie anders, stärker, aber auch kälter, leichter zu greifen, aber auch schneidener, schwieriger zu halten, und sie gab sich Mühe, nicht zu viel zu atmen, während sie über die Brücke fuhren. Sie befürchtete, die Magie könnte ihr wieder entgleiten.
Sebastian entdeckte sie zwar rasch, als sie in die Bibliothek kam, aber er war in ein Gespräch mit einer hübschen blonden Frau vertieft und schien sie nicht zu bemerken, also suchte sie sich aus der Abteilung der Bücher über Magie einige interessante Titel heraus, zog sich an einen Tisch in der Nähe zurück und begann zu lesen. Zunächst griff sie sich das Buch über die unterschiedlichen Magiearten, das sie schon beim letzten Mal gelesen hatte. „Von Hexen, Dämonen und der rechten Magie. Ein Streifzug durch internationale Magieanwendungen.“ Diesmal schlug sie gezielt das Kapitel zu den Skirhexen auf. Der Autor des Buches hatte Burnias offenbar besucht, denn auf der ersten Seite fand sie ein Bild, dass sie im Original schon in Lührenburg gesehen hatte: Eine schreckliche rothaarige Hexe mit angespitzten Zähnen, umgeben von allerlei wilden Tieren, die aus dem Dunkel des Waldes hinter ihr herauszubrechen drohten. Skirhexen, las sie, seien äußerst selten, äußerlich auch meist von gewöhnlichen Skirfrauen nicht zu unterscheiden. Der Text war merkbar um Sachlichkeit bemüht, hob auch hervor, dass Skirhexen eher nicht wie auf dem Bild dargestellt seien, aber Kira merkte dennoch, dass auch hier die üblichen Schuldzuweisungen mitschwangen: Im Krieg seien Skirhexen eine mächtige Bedrohung, da ihr Magiewirken so eng mit der umgebenden Natur verwoben sei, dass es beinahe unmöglich sei, die Zauber zu analysieren und zu brechen. Sie seien wild, unberechenbar, von „natürlicher Grausamkeit“ – was auch immer an Grausamkeit natürlich war – und gerade für männliche Soldaten und Offiziere gefährlich, da sie nicht davor zurückscheuten, auch ihren eigenen Körper einzusetzen, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Ihre Verführungszauber seien so subtil, dass selbst starke Magier ihnen schon erlegen seien. Kira legte das Buch beiseite. Vor einem Monat noch hätte sie vermutlich alles geglaubt, was darin stand, aber jetzt kam es ihr wie reichlich Blödsinn vor. Nur ein Mann konnte behaupten, dass die Sexualität einer Frau „von nicht zu unterschätzender Gefahr“ sei. Vermutlich hatte irgendein Feldherr in den Nordkriegen seinen Schwanz nicht bei sich behalten können und es hinterher auf die „bösen Hexen“ geschoben. Keine Frau, egal ob Skir oder nicht, würde vermutlich gerne und mit Freude mit dem Feind ins Bett steigen – so toll konnte Sex einfach nicht sein. Sie schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Sie seufzte. Vielleicht gab es noch andere, bessere Bücher zu den Skirhexen? Suchend ging sie die Gänge ab.

„Lady Silva!“ Sebastian tauchte plötzlich hinter ihr auf. „Wie schön, Sie zu sehen.“ Kira lächelte ihn an. „Es tut mir leid, ich wollte, schon früher kommen, aber ich wurde aufgehalten…“ Sebastian schüttelte den Kopf. Sein Zopf war irgendwie aufgelöst und einzelne Haarsträhnen flogen herum, was Kira an Adrian erinnerte, wenn er von einem Tag im Wald wieder herein kam. „Sie müssen sich doch nicht rechtfertigen. Suchen Sie etwas bestimmtes?“ Kira nickte. „Ein anständiges Buch über Skirhexen. Nicht eins, in dem es um Kriegstaten und sexuelle Übergriffe geht, sondern eins, in dem, naja, halt was richtiges drinsteht, über die echten Hintergründe und die Magie der Hexen.“ Sebastian blickte sie nachdenklich an. „Hmmm. Es gibt ein paar Werke zu den verschiedenen Magieformen, aber eigentlich weiß man über die Skirhexen nicht viel. Ich glaube, das wollen die auch gar nicht. Ich zumindest kenne kein Buch oder keinen Autor, der wirklich mal mit Skirhexen gesprochen und sie erforscht hat.“ Kira seufzte. „Naja, dann nicht.“ „Es gibt aber ein paar Werke über Naturmagie und hmm, urtümliche Magie, zum Beispiel um mit Geistern in Kontakt zu treten oder um den Magiefluss in Ritualen gemeinsam zu lenken. Ich glaube, sowas, also gemeinsame Rituale, machen die Hexen auch.“ Kira blickte in nachdenklich an. „Gemeinsam?“ „Ja, ich weiß nicht, halt irgendwie einen Zauber gemeinsam ausführen. Das macht vielleicht etwas von ihrer Stärke aus. Sonst macht es ja keinen Sinn, warum sollten einige Menschen stärkere Magie haben als andere?“ Kira nickte. Das klang sinnvoll. „Klingt gut. Kann ich mir das ausleihen?“ Sebastian nickte, und gemeinsam suchten sie das Buch heraus. Sie räumte die anderen Werke wieder weg und ging nach vorne, um es auf ihren Namen auszuleihen. Sebastian, der erst noch jemand anderem helfen musste, folgte ihr nach einer kleinen Weile, und gemeinsam gingen sie über die Straße in das Café, das sie schon letztes Mal besucht hatten. Vor der Tür hielt Sebastian inne. „Kira, es ist mir egal, was Sie darüber denken, aber die Cafés hier in der Innenstadt sind teuer und ich weiß, dass Ihnen als Discipula ohne adeligen Hintergrund vermutlich nicht viel Geld zur Verfügung steht. Ich genieße die Zeit mit Ihnen, auch wenn ich keine anderen Absichten habe, verstehen Sie mich nicht falsch. Dennoch bestehe ich darauf, Sie jetzt und auch in Zukunft einladen zu dürfen. Sonst gehen wir woanders hin.“ Kira verblüffte die Ernsthaftigkeit, mit der er sie dabei ansah. Keine anderen Absichten? Hatte er ihr gerade durch die Blume gesagt, dass er kein romantisches Interesse an ihr hatte und sie sich keine Hoffnung machen sollte? Verunsichert sah sie ihn an. Er wirkte nicht gönnerhaft oder arrogant, das, was er gesagt hatte, entsprach einfach der Wahrheit und sein Blick wirkte aufrichtig und ehrlich. Sie errötete und nickte. „In Ordnung. Aber sobald es geht werde ich Sie dafür zu uns einladen und sie bekochen. Als Ausgleich. Für einen Freund.“ Sebastian nickte und wirkte erleichtert. „Danke. Ich will nicht mit meinem Geld angeben, verstehen Sie, aber ich will es auch nicht ungenutzt lassen.“ Sie lächelte. „Das macht Sie ungemein sympathisch, das wissen Sie, oder?“ Sebastian lachte, nun wieder der lockere Adelige, der er immer war. „Jaja, ich weiß. Meine Schwester findet auch, ich sei fürchterlich. Immer von Frauen umgeben und so. Sie weiß einfach nicht, wie man das Leben genießt!“ Sie setzten sich in eine Nische und bestellten zwei Getränke. „Wieso findet Ihre Schwester das schlecht?“, fragte Kira. Sebastian grinste. Er erzählte ihr ausschweifend von Kersten, seiner kleinen Schwester, und dass sie eine fürchterliche Streberin sei, immer gut in allem, die Jüngste und Beste, ganz wie die Mutter, Baroness Felicia di Ferrus. Obwohl er über sie und seine Mutter und deren stets auf Arbeit und Magie fokussiertes Verhalten scheinbar ganz verzweifelte, erkannte Kira die tiefe Bewunderung und Zuneigung, die er gleichzeitig ausdrückte. „Ihre Familie scheint ein echter Glücksgriff zu sein.“, sagte sie, als Sebastian fertig war. Er grinste. „Ja, naja, der Teil mit meiner Mutter und meinem Vater schon. Aber wir haben natürlich auch schwarze Schafe, die hat ja jede Familie.“ Kira nickte. War sie das schwarze Schaf der Familie oder war der Rest ihrer Familie einfach schwarz und sie das weiße Schaf? Vermutlich das rote Schaf, ergänzte eine Stimme in ihrem Kopf. „Mein Onkel zum Beispiel, der jüngere Bruder meines Vaters, der hat irgendwie wohl einen zuviel bekommen als mein Vater geheiratet hat, er dachte wohl, er könne jetzt auch ganz groß ins Geschäft einsteigen. Ständig taucht er bei uns auf und versucht meinem alten Herrn, oder neuerdings auch Marcus, meinem Bruder, zu erzählen, an wen und zu welchem Preis wir verkaufen sollen, was unsere Minen hergeben.“ „Oh, aber bringt er dann nicht einfach neue Kunden?“ Sebastian machte eine wegwerfende Handbewegung. „Marcus ist der Meinung, dass er lieber einige Goldmünzen weniger Gewinn macht, als unser Eisen für die Waffenproduktion herzugeben. Muss er auch gar nicht, die neuen Manufakturen brauchen so viel Eisen und außerdem, irgendwann hat man ja auch genug Geld, nicht? Ich finde es ziemlich anständig von Marcus. Außer meinem Onkel, der mit seinen zwielichtigen Freunden ständig das große Geld wittert, will niemand einen Krieg. Sie haben schon Recht, ich bin ein stolzer di Ferrus, meine Familie ist anständig adelig. Was ist mir ihrer Familie?“

Kira blickte verlegen zur Seite. „Hmm, ich bin weder adelig noch habe ich bisher eine anständige Familie gehabt. Und über die Familie di Venaris wissen Sie vermutlich mehr als ich.“ Sebastian blickte sie einen Moment von der Seite an. „Naja, soooo viel jetzt auch wieder nicht. Ihr Magister ist ein recht verschlossenes Kerlchen. Alle wissen, dass er diesen unglaublichen neuen Stoff erfunden hat, Elektrum, und es zu einem guten Sümmchen an die Generalität verkauft. Aber Marcus macht immer noch Geschäfte mit ihm, also glaube ich nicht, dass er zu sehr auf Krieg oder andere schädliche Dinge damit aus ist. Ich vertraue Marcus, und er vertraut wohl Mitras di Venaris.“ Kira dachte an den geheimen Keller. Hoffentlich irrte Sebastian sich nicht. „Außerdem macht er ja wohl Strom damit. Und das ist schon ziemlich überwältigend, Strom aus Magie. Wenn es das überall gäbe, das würde richtig was bringen, alle könnten nachts zuhause richtiges Licht haben und man bräuchte nicht so viel Kohle.“ „Kommt die Kohle nicht auch aus dem Gebiet der di Ferrus?“ Sebastian schüttelte den Kopf. Er erzählte ihr, dass der Abbau von Eisen und Silber hauptsächlich in der Baronie Ferrus stattfand, es aber auch wesentlich einfacher sei, die in Adern vorkommenden Metalle aus dem Berg zu holen als die Kohle, die in breiten Schichten etwa im Vorgebirge von Berg vorkam, abzubauen. Die Erdgeister, die sich in Ferrus mit Geschenken und einigen Gesprächen mit den Priestern zufrieden gaben, waren in Kohlebergwerken wohl wesentlich wilder und es gab viel öfter Probleme. „Als ob sie nicht wollen, dass wir die Kohle holen. Aber niemand weiß warum.“ Sebastian lachte. „Vielleicht mögen die Geister insgesamt auch lieber saubere Luft.“ Kira stimmte ihm zu. Warum auch nicht. Sie hatte schon öfter das Gefühl gehabt, dass die Geister in den Wäldern um Bispar darum bemüht waren, alles in Harmonie und Gleichgewicht zu halten, Bruder Harras hatte ihr auch davon erzählt. Er war zwar kein starker Priester, bisher hatte nie ein Geist zu ihm gesprochen, aber sie konnten wohl seinen Gesang verstehen und er hatte ihre Handlungen beobachten können, ja, sie sogar manchmal selbst schon gesehen. Seinen Beschreibungen nach waren es intelligente Wesen mit eigenen Zielen, warum nicht also auch saubere Luft?

Sie kehrte entspannt zum Abendessen zurück. Die ständige Anspannung über das Ein- und Ausatmen der Magie war über die Gespräche mit Sebastian verschwunden. Nach dem Abendessen ging Mitras wie jeden Ingastag zum Meditieren auf sein Zimmer, er musste den Generator laden. Kira entschuldigte sich bei Abby, Tobey und William, die eine Runde Poker spielen wollten, da sie das Spiel nicht kannte, und zog sich mit dem Buch aus der Bibliothek in ihr Zimmer zurück. „Magie im Bunde – von Transfer bis Ritual“, klang ja eigentlich ganz spannend. Sie merkte allerdings nach den ersten Seiten, dass Sebastian bei der Buchauswahl ganz klar keine Rücksicht auf ihren Lernstand genommen hatte. Etliche Sachen waren verkürzt beschrieben und es gab viele Fachbegriffe für Bewegungen, Geräte oder Handlungen. Sie nahm sich das Einführungsbuch und schlug einige davon nach, aber schon nach einer Weile beschloß sie, dass das zu mühsam sei. Sie wollte die Zauber ja nicht gleich lernen, sondern erstmal wissen, was es überhaupt an Zauber gab. Schon im zweiten Kapitel stieß sie dann auf etwas interessantes: Magietransfer. Damit war es wohl möglich, Magie von einer Person auf eine andere zu übertragen. Unbewusst rieb sie sich ihre Hand. Ja, das war passiert bei ihrem ersten Kanalisieren. Mitras hatte ihre Magie, die sie gesammelt hatte, aufgenommen. Hmm. Wenn man das langsam machte, war es wohl geeignet, einer Person zu ermöglichen rasch mehr nutzbare Magie anzusammeln als sie es alleine konnte. Die Geschwindigkeit, mit der man Magie aufnehmen konnte, hing, so lernte sie, vom eigenen Grundpotential zur Magieaufnahme, vom Training und davon ab, wie lange man diese halten wollte. Es machte Sinn: Mit großen Händen konnte man mehr Wasser aus einem See schöpfen. Aber auch jemand mit kleinen Händen konnte sehr schnell eine großere Menge Wasser hochreißen – wenn man es gleich weiter warf. Kira dachte an Mitras, wie müde er an manchen Morgenden nach dem Laden des Generators aussah. Er hatte ihre Magie aufnehmen können. Vielleicht konnte sie seine Freundlichkeit und seine Unterstützung so zurückgeben? Sie schaute in das Buch. Die Grafik zum Übergaberitual sah … naja… intim aus. Zwei Männer saßen einerander mit nacktem Oberkörper gegenüber, die Köpfe aneinander gelegt und Unterarme aufeinander gelegt. Der Gedanke, so mit Mitras zu sitzen, ließ Kira das Blut ins Gesicht schießen. Sie studierte den Text zu der Grafik. „Das Übergaberitual ist eine Geste, die nur unter Freunden oder Vertrauten ausgeführt wird. Insbesondere der gebende Magier lässt dabei zu, dass ein Teil seiner inneren Energie auf den Partner übergeht. Die natürliche Intimität, die diesem Vorgang anhaftet, kann durch eine entsprechende Umgebung und Körperberührungen unterstützt werden, wenn es den Zaubernden angenehm ist. Eine erzwungende Übergabe ist zwar möglich, aber so verwerflich wie etwa eine Vergewaltigung, denn man dringt dabei in den privaten Bereich der anderen Person ein. Magie entrissen zu bekommen kann ausgesprochen schmerzhaft sein, daher sollte das Übergaberitual nur zwischen einander vertrauten Personen geschehen.“ Also, „kann unterstützen“. Das hieß ja, sie würde sich nicht unbedingt ausziehen müssen. Seine Hände auf ihren Unterarmen fand sie jetzt nicht so schlimm. Eigentlich fand sie den Gedanken sogar ganz gut, gestand sie sich nach ein wenig Zögern ein. Sie legte das Buch beiseite und grübelte eine Weile darüber, ob – und vor allem wie – sie Mitras vorschlagen konnte, ihm helfen zu dürfen. Aber ohne Ausziehen!

Mitras erwachte am nächsten Nachmittag recht unerholt. Es wurde langsam wirklich mühselig den Generator zu laden. Schon zu lange hatte er seine Kraftreserven zu konstant ausgebeutet. Er spürte in letzter Zeit, wie es ihm schwerer fiel, Magie zu wirken. Das Elektrum herzustellen und den Generator zu laden, war auf Dauer zu viel. Er zog sich an und ging nach unten um eine Kleinigkeit zu essen. Das Mittagessen war zwar schon durch, aber William hatte für ihn etwas aufgehoben. Auch wenn es gut war, aß Mitras recht lustlos, was William sofort auffiel. „Na, wo drückt der Schuh?“ Die Frage ließ Mitras aufblicken. Er brauchte einen Moment, ehe er antwortete: „Ich spüre so langsam wie mir die Zeit abläuft. Das ständige Laden und jetzt die Extraportion Elektrum zehren an meiner Fähigkeit Magie zu sammeln. Verdammt, ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine richtige Pause hatte.“ „Sieht man dir auch langsam recht deutlich an, mein Bester.“, sagte William trocken, so direkt, wie er immer war. „Bald siehst du fast genauso alt aus, wie du bist.“ Mitras lachte müde auf. „Ja, mach du nur deine Späßchen. Aber im Ernst, lange halte ich das nicht mehr aus.“ „Dann lass den Generator doch. Wir brauchen das Geld nicht. Wärme bekommen wir von deinen Steinen und für Licht gibt es dann halt wieder Kerzen, oder dir fällt auch dafür was Geniales ein. Hauptsache ist, du verausgabst dich nicht vollends. Denn dann hat Thadeus auch gewonnen.“ Mitras blickte resigniert drein und erwiderte: „Vielleicht hast du recht, aber noch bin ich nicht bereit aufzugeben und ich kann den Nachbarn ja auch nicht von heute auf Morgen den Strom abdrehen.“ „Ha, wohl wahr. Aber lass dir mit der Entscheidung nicht zu lange Zeit.“

Nachdem Mitras sein verspätetes Mittagessen beendet hatte, ging er wieder nach oben. Er wollte noch ein paar Sachen in der Bibliothek nachlesen, in der Hoffnung neue Ideen zur Erforschung und vor allem Nutzbarmachung der Bezirke zu finden. Oben angekommen stand Kira vor ihm auf dem Flur. Sie trug ihre Magierrobe und wirkte ein bisschen so, als sei sie gerade bei etwas ertappt worden, oder täuschte er sich da? Sie blickte ihn recht schüchtern an, was seine zerstreuten Gedanken sofort abdriften ließ. Verdammt, sah sie schon immer so süß aus? Er schüttelte sich innerlich und rief sich zur Ordnung. Disziplin. Das konnte doch nicht so schwer sein. An sie gewandt fragte er: „Hallo Kira, kann ich dir helfen?“ „Ähm, nein Magis.. Mitras. Aber es ist so, ich habe das Gespräch mit William eben versehentlich mit angehört. Und …“ Sie suchte anscheinend nach Worten, um sich zu entschuldigen. Also doch ertappt, dachte er, auch wenn nichts schlimmes dabei war. Die Tür hatte ja offen gestanden und selbst wenn sie zu gewesen wäre, hätte sie jederzeit reinkommen können. So schüchtern sie auch immer noch gelegentlich war, konnte er sich nicht vorstellen, warum ihr das jetzt so schwer fiel. Oder machte sie sich gar Sorgen um ihre Zukunft? Es wäre auch für sie nicht gut, wenn ihr Mentor plötzlich vor Erschöpfung zusammenbrechen würde.

„Mitras, vielleicht kann ich dir helfen. Ich .. ich habe ein Buch über Magieübertragungen bei Ritualen in der Bibliothek gefunden. Nach den Beschreibungen dort sollte es möglich sein, dass ich dir Magie übertrage, oder du sie zumindest von mir nimmst. Bitte lass es uns versuchen, ich möchte dir, nach allem was du für mich getan hast, auch helfen.“ Mitras sah sie verdutzt an. Damit hatte er nun nicht gerechnet. Magietransfer war nicht ganz ohne und konnte für einen der beiden oder gar beide sogar recht schmerzhaft werden. Er hatte zwar beim Kanalisieren schon selbst darüber nachgedacht, aber er hätte es niemals gewagt, sie danach zu fragen. Wusste sie worauf sie sich da einließ? So verlockend es auch war, bisher hatte er es als zu übergriffig abgetan. Und nun kam sie mit diesem Vorschlag zu ihm. Wäre er nicht so angeschlagen gewesen, hätte er direkt abgelehnt, so aber fragte er sie: „Bist du dir sicher, dass du das willst? Bist du dir im Klaren darüber, was das für ein Vorgang ist? Was du mir da anbietest?“ Sie blickte auf den Boden und er sah wie sie wieder einmal errötete. Ihm wurde bewusst, dass er auch das unglaublich niedlich fand. „Ähm, ich denke schon. Ich will mich aber nicht … äh… also nicht… ich denke, das geht auch mit einem Kleid an, oder?“ Mitras lachte plötzlich ob dieses Gedankens auf. „Natürlich, es ist zwar Körperkontakt nötig, aber es reicht völlig, wenn man sich an den Händen oder besser an den Unterarmen festhält. Wie kommst du auf die Idee, dass man sich ausziehen sollte?“ Der Gedanke, sie ausgezogen vor sich sitzen zu haben, stolperte kurz durch seinen Kopf, gepaart mit den Bildern aus dem Spiegel, doch er schob ihn rasch von sich. „Weil in dem Buch ein Bild war.“ Sie blickte ihn direkt an, mit stark geröteten Wangen, und hielt ihm die Handflächen hin. „Du bist doch so müde. Lass mich dir helfen.“ Er blickte sie an. Die Müdigkeit lag bleiernd in ihm. „Gut, du hast recht, ich brauche wirklich dringend Hilfe und ich gestehe, ich habe auch schon darüber nachgedacht dich zu fragen. Mir erschien das aber doch als zu viel.“ „Du hast gesagt, ich sei stark. Und ich… äh… ich helfe dir gern.“ „Ja, deine Stärke ist mehr als ausreichend, das stimmt. Aber so ein Transfer ist keine einfache Sache. Mit der Magie werden auch Emotionen und Eindrücke übertragen. Ich würde zwar nicht direkt deine Gedanken lesen, aber auch so bietet es mir vielleicht mehr Einblicke, als du willst. Normalerweise wird den Schülern und Schülerinnen in der Akademie erst beigebracht, wie sie ihre Emotionen kontrollieren und sich vor einem Transfer in einen ruhigen, neutralen Zustand versetzen. Doch das würde Monate dauern, dich darauf vorzubereiten.“ Kira lächelte ihn scheu an. „Es ist ok. Ich vertraue dir.“ Mitras spürte, wie ihre Worte warm in ihm nachhallten, doch er war zu müde, sie richtig zu erfassen. Er nahm ihre Hand und führte sie ins Labor. Die Kissen lagen noch da, und er setzte sich hin und wies sie mit einer Geste an, sich vor sich ihn zu setzen. Er hatte den Zauber im letzten Semester der Schule gelernt und ein paar Mal mit seinem Übungspartner durchgeführt. Nur, dass er damals überhaupt nicht so müde gewesen war. In seiner Erinnerung war es eher wie eine angenehme Umarmung gewesen, die Magie auszutauschen. Aber der Magieschlag beim Kanalisieren ließ ihn vermuten, dass diese sanfte Umarmung vielleicht genau das war, was er gerade brauchte. Er erklärte: „Gut, die Übertragung ist eigentlich ganz einfach, für den Gebenden jedenfalls, aber ich bin darin bereits geübt und weiß was als Nehmender zu tun ist.“ Eigentlich hatte er es seit seiner Schulzeit nicht mehr gemacht, aber das würde er ihr jetzt bestimmt nicht sagen. Außerdem hatte er ihre Magie beim Kanalisieren auch gut aufgenommen. „Alles, was du tun musst, ist deine Magie zu sammeln und dich mir öffnen. Du darfst keinen Widerstand leisten, wenn du spürst, wie ich mir die Magie nehme.“ Kira nickte. Sie schloß die Augen und atmete einige Male ruhig ein und aus.

Mitras ergriff ihre Arme und umschloß sie sanft mit seinen Händen. Ihre Haut war glatt und weich. Sie fühlte sich sehr angenehm an. Erschrocken schob er den Gedanken beiseite. Hier ging es nur darum zu sehen, ob es auch wirklich klappte von ihr Magie zu empfangen, ohne ihr zu schaden. „Gut, ich werde jetzt anfangen. Sammle Magie, halte sie wie in der Übung und lass sie abfließen, sobald du einen Sog spürst.“ Sie nickte und atmete erneut ein. Er spürte, wie sich die Magie um sie verdichtete. Es war schon eine Weile her, dass er selbst dazu in der Lage war, einen derartigen Sog zu erzeugen. Hoffentlich fand er zu alter Stärke zurück und hoffentlich konnte er ihr bei ihrer weiteren Entwicklung helfen. Das Potential, dass sie nun schon besaß, war beängstigend. Er begann, die Magie in sich aufzunehmen. Es war einfacher als erwartet. Es fühlte sich nicht so an, als würde er etwas von ihr nehmen, wie bei den Übungen in der Schule, sondern vielmehr, als würde sie es ihm bereitwillig geben. Nach einem kleinen Moment war es fast so, als würde sie es über ihn schütten, und er hatte etwas Mühe, mit dem Aufnehmen nachzukommen. Schon nach wenigen Minuten hatte er bereits eine große Menge aufgenommen, auch spürte er, dass er nun eher Ziehen musste und es kein Überschütten mehr war. Er verringerte, so gut es ging, die Zufuhr, da er merkte, dass er die Magie selbst sonst bald nicht mehr ganz stabil halten können würde. „Kira, du kannst aufhören zu sammeln, ich habe bereits genug. Konzentriere dich darauf, den Rest zu halten und lasse ihn dann langsam los.“ Der Fluss wurde unruhig, aber stoppte nicht ganz. Sie öffnete die Augen, schaute ihn an, und er hatte das Gefühl, sich einen Moment lang in ihren Augen zu verlieren. Der Geruch von Karamell mischte sich mit dem Geruch von Tannennadeln. Die Magie flimmerte um ihn. Er blickte auf ihre verschränkten Unterarme und glaubte beinahe, dort kleine, gold schimmerne Fäden zu sehen, die ihre Arme umwoben. Es war einfach zu viel Magie. Seine Finger kribbelten. Das war mehr Magie, als er ohne längere Meditation sammeln konnte. Sie erfüllte ihn. Etwas musste er zaubern, sonst würde er sie verlieren… Er löste sich langsam von ihr. Es tat beinahe weh, ihren Arm loszulassen. Er sank zurück. Noch hielt er die überschüssige Magie, statt sie wieder abzugeben. Beinahe befürchtete er, sie würde ihm wieder entgleiten. Deutlich spürte er, dass es nicht seine Magie war. Er war so müde… gab es da nicht einen Zauber? Freila, ajusta… Er murmelte die Worte, ehe er noch ganz darüber nachgedacht hatte. Etwas heilendes, etwas stärkendes… Eigentlich war es für ihn anstrengend für diese Art von Heilzauber Magie zu sammeln, obwohl es ja Verwandlungsmagie war. Aber er fühlte sich wie ein überlaufender Waldsee. Die Magie wollte geformt werden. Er merkte, wie leicht er ihm von der Hand ging, obwohl er den Zauber nur einmal im Unterricht an der Akademie angewandt hatte. Binnen kürzester Zeit fühlte er sich wieder frisch und erholt. Er realisierte auch, dass sich die ihm fremde Magie dem Zauber leichter anpasste. Er würde nicht die späteren Nachwirkungen fürchten müssen, die er sonst bei derart komplexer Heilungsmagie hatte. Seine Begabung tendierte klar zu unbelebter Materie, anderen fiel das Heilen deutlich leichter. Kiras schimmernde, karamellige Form der Magie hingegen schien sich diesem Zauber direkt entgegen zu bringen.

Erst jetzt wurde ihm der Wirbel an Emotionen bewusst, der mit der Magie auf ihn übergegangen war. Es war eine zu difuse Mischung aus Aufregung, Sorge, Angst, Zuneigung und Freundlichkeit, um etwas konkretes daraus zu greifen. Der Geschmack von Karamell lag deutlich auf seiner Zunge und er widerstand knapp der Versuchung, sich die Lippen abzulecken. Ihn überkam das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken. Ohne groß darüber nachzudenken, tat er es auch. Kira, die schwer atmend vor ihm gesessen hatte, keuchte erschrocken auf und machte eine instinktive Schutzbewegung, was ihn dazu veranlasste, sie ebenso schnell wieder loszulassen. „Verzeih!“ „Schon gut. Äh. Hat es geklappt?“ Sie wischte sich mit der erhobenen Hand verlegen die Haare aus dem verschwitzten Gesicht.“Ja, besser als erwartet. Ich konnte mein Defizit ausgleichen und konnte einen Erhohlungszauber mit dem Rest wirken. Ich fühle mich, als wenn ich eine Woche Ruhe gehabt hätte.“ Er war nun deutlich wacher, dachte klarer und war sich seiner Umgebung so bewusst wie schon lange nicht mehr. Auch wenn es nur ein kurzer Moment gewesen war, nahm er nun wahr, wie gut sie sich angefühlt hatte und dass er noch mehr wollte. Entsetzt von sich selbst drängte er den Gedanken zurück und stand auf. Er ging ein paar Schritte auf und ab, um wieder klar denken zu können. Sie hatte ihm ja klar zu verstehen gegeben, dass er zu weit gegangen war. Und dann war da noch diese Angst gewesen. Er konnte sie nicht recht zuordnen, aber konnte es sein, dass sie genau so etwas befürchtet hatte? „Ich danke dir, Kira, das allein hat schon sehr geholfen und entschuldige bitte noch einmal meine Überschwänglichkeit. Die Euphorie ist mit mir durchgegangen.“ Sie lächelte ihn von unten herauf an. Stolz und Erschöpfung schwangen in ihrer Stimme mit, als sie sagte: „Ich freue mich, dass es geklappt hat. Du hattest recht, es war auch nicht schwer. Ich konnte nur irgendwie nicht aufhören, obwohl es immer weniger Magie um mich wurde. Ich hoffe, es hat sich nicht allzu komisch für dich angefühlt. Soll ich dann morgen abend nach dem Essen einfach zu dir kommen oder muss man beim Generator-Laden noch etwas spezielles beachten?“ „Das mit dem Aufhören habe ich gemerkt, aber das können wir üben. Du möchtest mir also trotzdem weiter helfen?“ Mitras war deutlich überrascht, aber auch innerlich erleichtert. „Es gibt nichts spezielles zu beachten. Die Zauber wirke ich, das Sammeln der Magie war dabei allerdings immer das größte Hindernis. Alleine kann ich für derart komplexe Zauber die Magie nur sehr langsam aufnehmen. Mit deiner Hilfe sollte es aber deutlich schneller gehen. Ich würde sagen, dass wir es zur Sicherheit aber direkt beim Generator machen. Ich bereite gleich alles vor, damit wir dort Morgen abend nicht frieren.“ Kira grinste. Sie stand auf, dabei wurde ihr Lächeln immer breiter. „Ich freue mich.“ Sie hielt inne, dann hüpfte sie ein kleines Stück in die Luft und strahlte ihn an. Mit quietschender Stimme wiederholte sie: „Ich freue mich, ich freue mich. Ich kann helfen!“ Sie tanzte an ihm vorbei und hüpfte leise singend den Flur hinab zu ihrem Zimmer. Ihre plötzliche Freude überraschte ihn doch sehr, aber sie so glücklich zu sehen löste ein wohlig warmes Gefühl in seinem Inneren aus. Mit neuer Kraft folgte er ihr und ging in die Bibliothek um die anstehende Arbeit zu erledigen. Ihre Zimmertür stand offen und sie saß summend an ihrem Schreibtisch, eifrig in ein Notizbuch schreibend. Er schmunzelte, schloß ihre Tür und ging dann zu seinen Büchern. Es kostete ihn Mühe, dizipliniert zu bleiben, aber seine neu gewonnene Energie und ihre Freude waren es definitv wert. Ihm fiel der Schmuck seines Vaters ein. Den hat sie sich jetzt wirklich verdient, dachte er  und beschloß, ihn ihr nach dem Abendessen zu geben.

Kira spürte, wie die Aufregung und Freude langsam abebbte, während sie alles neu Gelernte in ihr privates Notizbuch schrieb. Wie schon in den Zeiten des Fernunterrichtes hatte sie begonnen, nicht nur Notizhefte für die einzelnen Fächer anzulegen, sondern auch ein etwas persönliches Heft zu führen, in dem sie ihre eigenen Gedanken und Reflexionen zu dem, was sie erfuhr, niederschrieb. Das Schreiben half ihr, es besser im Gedächtnis zu bewahren und ihre eigenen Gedanken zu sortieren. Immer wieder strich sie sich über die Arme, dort, wo Mitras sie festgehalten hatte. Seine Hände waren weich, warm, und so angenehm gewesen… sie seufzte glücklich. Schade, dass sie sich so erschreckt hatte, als er sie umarmt hatte. Aber es war ja auch nicht so angebracht eigentlich. Sie fand es ziemlich niedlich, dass er sich offenbar von seiner Freude miteißen ließ, erst beim Kanalisieren und nun wieder. Dummerweise hatte sie einfach zu sehr daran gedacht, wie Johann sie in der Scheune ebenso plötzlich umarmt hatte. Gerade war sie viel zu glücklich und auch etwas zu erschöpft, um wütend zu sein, aber es war auf jeden Fall klar, dass außer Mitras sie nie von irgendeinem Mann in den Arm genommen werden wollte. Naja. Bruder Harras und Adrian gingen vermutlich auch. Sie ließ sich aufs Bett fallen und lag eine ganze Weile träumend da, dachte an die Wälder und das Gefühl von Sonnenwärme auf ihrer Haut, so sonnenwarm wie Mitras Hände.

Als es an der Tür klopfte, wäre sie beinahe vom Bett gefallen, so sehr zuckte sie zusammen. Irgendwie war sie wohl eingedöst, dieses Sammeln der Magie war zum Ende hin doch recht anstrengend geworden. „Ja?“ „Kindchen, kommst du zum Essen?“ Abby stand vor der Tür. Rasch stand sie auf und folgte ihr. Mitras saß am Tisch und unterhielt sich lebhaft mit William und Tobey, als sie hinter Abby herein trat. Sie hatte den Eindruck, er sei nun plötzlich deutlich jünger. Seine Augen blitzen, sogar seine Haare hatten den Anschein der ersten silbrigen Strähnen verloren und standen mit neuer Energie ein wenig vom Kopf ab. Seine Bewegungen waren nicht mehr so erschöpft. Er sah ziemlich gut aus, sogar noch mehr als sonst, korrigierte ihre Stimme im Kopf und sie scholt sich sofort selbst für so einen Gedanken. Das war doch nicht die wilde Kira, so für einen Mann zu schwärmen! „Ha, da ist ja unsere Heldin. So gut hat Mitras schon seit Monaten nicht mehr ausgesehen. Schön, dass du ihn so aufbauen konntest, scheinst ja gut was drauf zu haben.“, begrüßte William sie. Mitras sah sie etwas entschuldigend an: „Mir blieb nichts anderes übrig, als den anderen von deiner Hilfe zu erzählen. Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr verausgabt? Ich danke dir jedenfalls. Und wie es der Zufall so will habe ich, dank meines Vaters, die passende Belohnung bereits parat. Aber erst essen wir.“ Kira wurde rot. „Hier zu sein ist eine Belohnung.“ Sie setzte sich und nahm sich vom Eintopf. Was er wohl für sie hatte? Nach den ersten Bissen grinste sie. Es schmeckte gut, und Komplimente machen konnte sie auch. „Eigentlich reichen sogar Williams Kochkünste als Belohnung.“ William lachte. „So eine Schmeichlerin, Mylady. Nein, nein, ich kann zwar kochen, aber unseren alten Herrn hier wiederbeleben kann auch mein Eintopf nicht, dafür brauchte es wohl ein junges Ding wie dich.“ Tobey prustete und Abby zischte: „William!“ Auch Mitras schaute ihn entrüstet an. Kira war verwirrt. Hatte William etwas falsches gesagt? Er hob verteidigend die Hände und sagte: „Nur Spaß, nur Spaß!“, was Mitras und Abby mit einem Kopfschütteln quittierten, aber sich dann wieder dem Essen zuwandten. „Ich helfe gerne.“, sagte sie, und hoffte, dass das bescheiden genug klang. Arrogant oder eingebildet zu wirken hatte man ihr ja den größten Teils ihres Lebens genug nachgesagt, sie wollte auf keinen Fall, dass Mitras oder die anderen so über sie dachten. Aber sie war auch wirklich stolz, dass sie hatte helfen können!

Nachdem das Essen abgeräumt worden war, holte Mitras eine kleine Schatulle aus einem Regal hervor. Er schob sie zu ihr hin mit den Worten: „Mit besten Grüßen von meinem Vater und mit größtem Dank von mir. Ich hoffe, sie gefallen dir.“ Kira betrachtete die Schatulle und hob zögerlich die Hand. Das sah aus wie eine Schmuckschatulle. Außer ihr Bruder hatte ihr noch nie jemand Schmuck geschenkt. Vorsichtig öffnete sie die Schachtel. Darin lag ein Paar Ohrringe. Sie bestanden aus kleinen grünen Steinen, die zu Kugeln geschliffen waren. Um die Kugeln rankte sich feiner Silberdraht, der kleine Blüten und Blätter formte. Es sah unglaublich schön aus. Und wertvoll. Ehrfürchtig hielt sie sich die Hand vor den Mund, um nicht loszuquietschen, und starrte die Ohrringe einen langen Moment an. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schoßen und blinzelte, um sie zu vertreiben. Bloß nicht wieder heulen, jetzt guckten sie bestimmt alle an. Vorsichtig hob sie einen der Ohrringe heraus und betrachtete ihn von nahem. Dann blickte sie Mitras an. „Danke.“, sagte sie mit etwas belegter Stimme, und räusperte sich. „Wieso von deinem Vater?“ „Weil Frederike von dir geschwärmt hat. Keine Sorge, er ist Juwelenhändler und bekommt solche Stücke quasi als Ansichtsware. Er hat dafür keinen Kupfer auf den Tisch gelegt, wertvoll sind sie aber trotzdem. Er war der Meinung, dass sie dir stehen sollten, also werden sie wohl passend sein. Mein Vater irrt in solchen Dingen nie.“ Mitras lachte, „Wäre auch nicht gut für ihn, zu seinen Kundinnen gehören sogar die Töchter des Königs und dessen Frau.“ Kira steckte sich die Ohrringe an. „Sieht das gut aus?“ Sie hielt sich die Haare zurück und strahlte die anderen an. „Hervorragend!“ „Wunderbar!“ „Mylady, zu edel!“ Abby, William und Tobey lobten sie überschwänglich. Mitras betrachtete sie still, aber auch er lächelte. Aufgeregt stand Kira auf und eilte in das gegenüberliegende Badezimmer, um die Ohrringe zu bewundern. Sie sahen wirklich gut aus. Begeistert betrachtete sie sich eine Weile selbst im Spiegel. „Ich sehe gar nicht mehr so dünn an den Wangen aus.“, fiel ihr auf. Offenbar machte sich Williams Essen bemerkbar. Sie beschloß, etwas mehr darauf zu achten, nicht zu viel zu essen. Bis jetzt war es aber eher eine Verbesserung, sie fand, sie sah nun nicht mehr so hager und kantig aus, ein bisschen fraulicher eher. Erwachsener. Eine erwachsene Magierin, die von ihrem Mentor diese wundervollen Ohringe bekommen hatte, weil sie ihm geholfen hatte. Sie war nützlich gewesen. Vermutlich das erste Mal in ihrem Leben, dass sie das wirklich war. Stolz ging sie in den Esssaal zurück, wo der Abend mit allen gemeinsam fröhlich ausklang.

Schimmern – 19. Lunet 242 (Uldumstag)

Die Zeit bis zum nächsten Uldumstag, an dem Mitras mit ihr das erste Mal  das Kanalisieren üben wollte, schien Kira endlos lang und doch verging sie wie im Fluge. Sie las über Atemtechniken, Meditation und den Magiefluss, ging mit Abby auf den Wochenmarkt und probierte die neuen Kleider an, die Abby fertiggestellt hatte. Sie badete, zeichnete und las. Die ganze Zeit schwebte die Aussage von Mitras in ihrem Kopf. Du bist stark. Stark. So stark wie er. Nicht zu schwach. Stark. Es brauchte eine lange Weile, ehe sie es akzeptieren konnte. Deswegen hatte man sie nach Uldum geholt, weil der Zauber, den sie ausgeführt hatte an Johann, komplex gewesen war und stark, und weil man befürchtete, sie sei schlecht zu kontrollieren. Mitras hatte ihr erzählt, dass er mit dem Leiter der Schule auf keinem guten Fuß stand, und dass dieser ihm wohl keinen Gefallen hatte tun wollen. „Aber du bist der größte Gefallen, den Thadeus mir je gemacht hat.“ Sie spürte den ganzen Mafuristag, wie dieser Satz in ihr prickelte. Als der Uldumstag kam, war sie aufgeregt, aber auch so glücklich und selbsbewusst wie schon lange nicht mehr. Sie hatte das Gefühl, wenn sie nicht aufpasste, würde sie vermutlich bald schweben, sobald Mitras in ihrer Nähe war. Selbst Abby war es schon aufgefallen, sie hatte sie über Nathanael ausgefragt und Kira hatte ihr stolz erzählt, dass Mitras sie als Freundin betitelt hatte. Nun stand sie vor der Tür des Labors und spürte, wie ihr Herz klopfte, während sie die Hand hob, um anzuklopfen. Jetzt würde es wirklich losgehen.

Mitras gähnte und wirkte einen Zauber, der die Müdigkeit auf der Stelle vertrieb. In drei Stunden würde sie umso stärker wiederkehren, aber Kira sollte ihren freien Nachmittag nutzen können und er hatte die letzten zwei Tage gut genutzt und konnte es sich leisten, den Nachmittag mit Schlafen zu verbringen. Mittlerweile hatte er Zauber aller Schulen auf das Elektrum gewirkt und einige Erkenntnisse gewonnen. Ob ihn irgendwas davon mit dem Generator weiter helfen könnte, wusste er noch nicht, aber seine Zuversicht war wieder geweckt. Er machte Fortschritte und lernte Neues, allein das sorgte schon für bessere Laune, als er sie irgendwann in den letzten zwei Monaten mal hatte.

Es klopfte und er rief sie herein. „Guten Morgen Kira, bereit?“ „Guten Morgen, ja… Mitras.“ Er sah ihr an, dass sie nervös war. Sie trug wieder die Magierrobe. Der Schnitt dieser Roben mochte dem modebewussten Menschen der heutigen Zeit altmodisch erscheinen, aber sie waren bequem und engten die Beweglichkeit des Trägers nicht ein. Er wies auf ihren Stuhl und sagte: „Setz dich erstmal. Die Theorie kennst du ja schon sehr gut, aber es selbst zu erleben ist schon etwas anderes. Du hattest am Silenz ja schon die Vermutung geäußert, dass du schonmal kanalisiert hast. Darüber würde ich gern zuerst reden. Wie kommst du auf die Vermutung?“ Kira überlegte einen Moment. „Die Atemtechniken kannte ich schon, also das bewusste Einatmen. Ich…ähm… ich hab gerne Streiche gespielt, wenn die anderen mich mal wieder nicht beachtet haben. Und dann habe ich so eingeatmet wie in den Büchern beschrieben und mir gewünscht, man würde mich nicht sehen. Und tatsächlich hat man mich irgendwie nicht richtig gesehen, glaube ich.“ Mitras unterdrückte innere Neugierde und ein Schmunzeln. Streiche gespielt, so so. Er antwortete: „Da kommen mehrere Zauber in Frage. In der Verwandlungsschule gibt es Zauber, die den Körper durchsichtig oder sogar komplett unsichtbar machen können, aber auch in der Hellsichtsschule gibt es Möglichkeiten, den Geist zu beeinflussen. Man ist dann zwar nicht unsichtbar, aber für die Verzauberten nicht mehr wahrnehmbar, glaube ich. Aber in dem Bereich kenne ich mich nicht wirklich gut aus.“ Beides waren außerdem reichlich komplexe und potente Zauber. Wenn sie das intuitiv gewirkt hatte… Er spürte, dass er selber ein wenig nervös wurde. Kurz überlegte er, ob sie nicht lieber in sein Schlafzimmer und den dortigen Zirkel gehen sollten, dort gab es weniger wertvolle Gegenstände, die kaputt gehen konnten. Doch er verwarf den Gedanken rasch wieder. Sie in sein Schlafzimmer mitzunehmen war definitv unangebracht, selbst jetzt, da sie sich als befreundet sahen. Außerdem konnte er mit den Geräten hier den Zauberfluß besser überwachen und für den Fall, dass es nötig war, aufzeichnen. „Hast du denn schon andere Zauber gewirkt oder das Gefühl gehabt, etwas ungewöhnliches sei passiert?“ Kira blickte ihn einen Moment an, dann lachte sie bitter auf. „Oft, ja. Ich habe mal einen Sturm auf dem Meer vorhergesehen, ehe er kam. Und einmal ist ein Schneeball von mir um eine Ecke geflogen. Äh… vielleicht auch mal ein Pferdeapfel, aber da weiß ich nicht so genau, was passiert ist. Und die Hunde konnte ich immer gut beruhigen, aber das ist keine Magie, oder? Und…hmmm… Oh, der Tee meiner Mutter. Ich war sauer und hab mir gewünscht, es wäre Essig. Und dann hat sie ihn ausgespuckt und ist rausgerannt. Vielleicht war es wirklich Essig geworden?“  Das war eine ganze Flut unterschiedlichster Zauber und das scheinbar über einen langen Zeitraum verteilt. Er wusste nicht, ob es Magie gab, mit der man Tiere so beeinflussen könnte, aber da die Hellsicht auch auf den Geist wirkte, konnte das durchaus möglich sein. Wieso hatte das nie einer gemeldet? Es war doch schon länger offensichtlich, dass sie eine Begabung hatte. Spätestens der Dorfpriester Bruder Harras hätte das doch erkennen müssen. Oder hatte er es bewusst zurück gehalten? Das wäre eine gefährliche Entscheidung gewesen, die Mitras beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Er nahm sich vor, Kiras Leben in Bispar doch besser zu durchleuchten. „Das sind eine Menge Vorfälle. Hat denn nie jemand den Verdacht geäußert, dass du eine Magierin sein könntest? Alleine schon zu deinem Schutz hätte das gemeldet werden müssen.“, fragte er sie besorgt. Kira zuckte mit den Schultern. „Naja, sie haben mich ja als Hexe bezeichnet, aber ich dachte nicht, dass das stimmen könnte. Bruder Harras hat gesagt, dass machen sie nur, um mich zu ärgern, und dass alle übertreiben. Und, hmm, ich hab halt viele Dinge niemandem erzählt, weil… naja… Skirhexen sind halt böse… und ich bin nicht böse… wollte ich zumindest nicht sein. Nur manchmal, da hat es mir eben so gereicht mit dem ganzen Ärgern und so… und dann sind halt so Sachen passiert.“ Sie senkte beschämt den Kopf. „Ich hab aber niemandem je wirklich wehgetan…außer Johann…“, flüsterte sie. „Die Hexen sind auch nicht unbedingt böse. Die Menschen in deiner Heimat haben sie nur wegen des Krieges aus der schlimmstmöglichen Perspektive erlebt. Und nach allem, was ich gehört habe, sind die Hexen tatsächlich äußerst beeindruckend. Hoffen wir, dass es nicht so bald, oder besser nie wieder, einen Krieg gegen die Skir geben wird. Was dich angeht, du scheinst, wohl auch dank der Vorurteile, viel zu lang nicht entdeckt worden zu sein. Aber gut, jetzt gilt es erstmal dein Bewusstsein für die Magie zu schärfen. Bisher hast du den Vorgang des Kanalisierens nicht wahrgenommen, das werden wir ändern. Ich muss noch ein paar Vorbereitungen zur Sicherheit treffen. Keine Sorge, dass ist alles Routine. Du kannst dich schon in die Mitte des Zirkels setzen, da auf das Kissen, wenn du magst.“ Kira setzte sich im Schneidersitz auf das Kissen, während er die Geräte justierte, mit Magie versorgte und die richtigen Zauber wirkte, um den Magiefluss beobachten zu können. Zusätzlich wirkte er auch einige Zauber auf sich selbst, um den Magiefluss besser und ihre Aura überhaupt sehen zu können. Und letztendlich wirkte er, auch wenn das definitiv nicht zur Routine gehörte, ein Schutzschild im Halbkreis über den Zirkel. Danach merkte er, dass das ganz schön viele Zauber waren – den, der ihn gerade noch wach hielt, eingeschlossen. Viel mehr würde er heute nicht mehr zaubern können, wenn er nicht gerade über eine neue magische Flusslinie in seinem Keller stolperte. Was natürlich nicht passieren würde, magische Flüsse tauchten ja nicht einfach so auf. Was natürlich nicht passieren würde, magische Flüsse tauchten ja nicht einfach so auf, die in seiner Schmiede war schon ein Glücksgriff, und um Magie damit aufladen zu können, hätte sie noch deutlich dichter an der Oberfläche sein müssen. Er seufzte ein wenig erschöpft und wandte sich dann Kira zu, um ihre Aura zu betrachten.

Sie schimmerte. Alle Auren hatten ein spezielles, persönliches Element ihres Trägers. Einge glommen, andere schimmerten, glitzerten, funkelten… an der Art des Leuchtens, so einzigartig wie ein Fingerabdruck, konnte man Magier wiedererkennen. Nathanael hatte mal gesagt, Mitras Aura würde glimmen. Kira schimmerte. Es war ein erstaunliches sanftes Schimmern gemessen an der Tatsache, wie lebhaft sie ihm sonst erschien, aber es war auch kraftvoll, angenehm. Es erinnerte ihn an Sonnenschein auf den Flügeln eines Schmetterlings und in dem Moment, als dieser Gedanke in seinem Kopf Form annahm, fand er ihn schon kitschig. Vielleicht eher Sonne im Pelz eines Eichhörnchens, korrigierte er sich. Die Aura leuchtete, passend zu ihren Haaren, rötlich. Das machte Sinn, die Farbe gab Hinweise auf den Gemütszustand des Trägers, und rot wies auf Aufregung hin, Stress oder Angst, manchmal auch Wut. Stellenweise hatte er den Eindruck, das Rot würde einen Rosa weichen, was auf Scham hindeutete, oder Schuldgefühle, das passte zum Gespräch eben. Einen Moment lang stand er einfach da und betrachtete sie, wie sie schimmerte, wie sie war, versuchte sich einzuprägen, was er wahrnahm. So würde er sie wiedererkennen können, falls das nötig war. Ihre Aura war schön, und hell. Die Helligkeit zeigte ihm das Maß an magischer Energie an, die sie gerade hielt. Er hatte damit gerechnet, dass sie ein starkes Grundpotential hatte, das hatte ja schon ihre Sondierung gezeigt. Tatsächlich war sie in etwa so hell, wie er selbst es gewesen wäre, wenn er gerade ganz entspannt war.

Als er mit allem fertig war, kniete er sich hinter sie. „So, atme ganz ruhig und gleichmäßig. Leg deine Arme entspannt auf die Knie, Hände nach oben offen, du bist offen für deine Umgebung. Genau so.“ Kira führte seine Anweisungen gewissenhaft aus. Sie hatte vermutlich geübt, die Anleitungen standen ja im Buch. „Mach die Augen zu. Um dich herum ist Magie. Du kannst sie fühlen. Du kannst sie in dich einatmen. Hole tief Luft und zieh ein bisschen davon in dich hinein, in deinen Bauch.“ Kira atmete ein und Mitras drehte instinktiv den Kopf weg, als ihre Aura plötzlich grell aufleuchtete. „Oh.“ Er blinzelte und schaute wieder hin. Sie hielt die Magie. Mit einem Atemzug hatte sie mehr Energie aufgenommen, als ein ungeübter Magier üblicherweise überhaupt greifen konnte, und statt sie gleich wieder in die Umgebung abzuleiten, hielt sie sie einfach. Er linste auf eines seiner Geräte. Sie hielt etwa doppelt so viel Energie wie ihr Grundlevel. Die Menge hätte genügt, um ein Drittel der Energiemenge für das Ritual zum Laden des Generators zu liefern. Ehe er sich darüber zu sehr wundern konnte, sah er allerdings, wie das Leuchten in ihr zu flackern begann und sich an ihren Fingerspitzen kleine, leuchtende Punkte bildeten, ein klarer Hinweis darauf, dass sie dabei war, die Magie unkontrolliert zu verlieren. „Gut Kira, jetzt stell dir vor, dass du sie ganz langsam wieder entlässt, während du langsam ausatmest. Lass die Luft langsam raus.“ Kira entließ die Luft aus ihren Lungen mit einem heftigen Keuchen. Offenbar hatte sie die Luft angehalten. Die Magie schlug einen Bogen zwischen ihren Händen und sprang dann in die Luft, prallte aber am Schutzschild ab. Einzelne Funken davon stoben um Kira herum und erwischten Mitras, der sie geübt in sich aufnahm. Es fühlte sich an wie erfrischende Spitzer Wasser, da er selbst ja gerade relativ magieleer war. Er räusperte sich. „Ja, ausatmen ist schon nicht schlecht, etwas langsamer wäre aber besser.“ Kira holte tief Luft, und zog dabei wieder etwas Magie in sich hinein, allerdings nicht mehr so viel wie am Anfang. „Tut mir leid.“ Mitras beugte sich neben ihr vor, so dass sie ihn sehen konnte, und lächelte sie an. „Keine Sorge. Denk an das Weiteratmen und versuche, etwas weniger Magie einzuziehen und sie langsam wieder loszulassen.“ Kira setzte sich wieder gerade hin, schloß die Augen, atmete einen Moment ruhig und holte dann wieder Luft, etwas weniger heftig als beim ersten Mal. „Ja, gut!“ Ihr Magielevel war wieder deutlich angestiegen, aber diesmal nur etwa um die Hälfte ihres Grundpotentials. „Und jetzt langsam abgeben. Stell dir vor, du atmest eine Wolke von Magie aus.“ Sie atmete aus, und für einen Moment konnte er die Magie tatsächlich als kleine Wolke vor ihrem Gesicht sehen, ehe sie sich wieder verflüchtigte. Er lobte sie, ließ sie einen Moment ausruhen und dann die Übung wiederholen. Als er sicher war, dass sie die Übung beherrschte, stand er auf und holte vom Schreibtisch etwas Wasser. „Sehr gut. Trink etwas, eine kleine Pause tut dir gut.“ Sie nahm das Glas und lächelte ihn dabei glücklich an. Ihre Aura war nun nur noch wenig rot, stattdessen schimmerte sie grünlich, was auf Freude hinwies. „Gut, weiter geht es. Ich möchte jetzt, dass du wieder Magie aufnimmst, sie dann aber hältst, ohne dabei die Luft anzuhalten. Halte die Magie fest, nicht aber die Luft.“ Sie setzte das Glas neben sich ab, wartete, bis er wieder hinter ihr kniete, und holte Luft. Das Grundlevel stieg moderat an, so wie sie es gerade geübt hatten. Dann zitterte es. Mitras lächelte. Es zittert immer am Anfang, dachte er. Aber, was ihm damals nicht gelungen war, gelang nun ihr: Sie atmete weiter und hielt die Magie in sich. Etwas wackelig, ein wenig verlor sie bei jedem Ausatmen, aber sie hielt sie. „Sehr gut!“ Er griff ihre rechte Hand und drückte sie als Bestätigung. Das schien sie allerdings zu überraschen, sie drehte den Kopf zu ihm und verlor die Kontrolle über die Magie. Mitras hatte das Gefühl, einen elektrischen Schlag zu bekommen, als diese schlagartig von ihr zu ihm strömte. Er nahm sie auf, konzentrierte sich einen Moment und lies dann das, was nun über seinem Grundpotential lag, abfließen. Kira keuchte und verzog kurz in einem schmerzhaften Zucken das Gesicht. „Oh, ich hab sie verloren!“ Mitras schalt sich innerlich selber. Er hatte sich zu sehr von der Begeisterung für ihren Erfolg mitreißen lassen und sie durch die Berührung abgelenkt. „Entschuldige, das war mein Fehler. Ich habe dich gestört.“ Er ließ ihre Hand wieder los. Die Magie in ihm fühlte sich gut an. Wenn man Magie so wirkte, dass das eigene Grundpotential unterschritten wurde, fühlte es sich immer etwas hungrig an. Er hätte natürlich ebenso wie sie einfach Magie schöpfen können, aber da jede Umgebung zunächst ein begrenztes Maß an Magie enthielt und diese abseits der Flusslinien nur langsam nachfloß, hatte er den Raum für die Übung so gut gefüllt wie möglich halten wollen. Nathanael hatte ihm beigebracht, dass manche Discipuli am Anfang nur schwer Zugang zur Magie finden würden und es daher half, in einer Umgebung mit hohem Magiepotential zu trainieren. Nun, die Schwierigkeit würde man bei Kira ganz offenbar ausschließen können. Er ließ sie die Übung wiederholen, bis sie etwa die Hälfte ihres Grundlevels für einige Minuten halten konnte. Die Leichtigkeit, mit der sie sich Magie heranzog, verblüffte ihn, und er war auch etwas neidisch. Während er sie beobachtete, fragte er sich, ob diese Magieübertragung nicht auch ihm helfen konnte. Sie konnte die Magie rascher greifen als er selber. Was, wenn sie ihm die Magie dann etwas langsamer überleiten konnte? Es würde die Zeit, die er brauchte, bis er das Ritual für den Generator ausführen konnte, vermutlich verkürzen… Doch die Übergabe von Magie war ein recht intimes Ritual. Selbst mit einer freundschaftlichen Beziehung zwischen ihnen wäre es unangemessen gewesen, sie darum zu bitten. „So. Für heute genügt das. Ich vermute, dir brummt bald der Kopf. Und falls dir ein bisschen schlecht werden sollte später, das ist auch eine typische Nachwirkung des ersten Kanalisierens, also mach dir keine Sorgen. Das geht schnell wieder weg.“

Kira ließ sich seufzend auf das Kissen sinken. Mitras hatte Recht. Ihr brummte der Kopf. Aber sie hatte auch das Gefühl, schweben zu können. Besonders in den Momenten, in denen sie die Magie hielt. Tatsächlich war es ihr sehr leicht gefallen, den Fluss der Magie um sich zu fühlen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn wahrscheinlich schon immer gespürt, sie hatte nur nicht gewusst, was das war. Jetzt hatte es einen Namen. Sie konnte es begreifen. Sie schmunzelte, als sie an den Philosophie-Artikel dachte. Sie streckte die Beine und Arme aus und lag einen Moment still auf dem Rücken in der Mitte des Zirkels. Ihre rechte Hand pochte immer noch ein wenig, da, wo Mitras sie berührt hatte. Sie hatte richtig gemerkt, wie die Magie zu ihm herüber gesprungen war, wie ein Blitz zwischen zwei Wolken. Hmmm. Das war dann wohl das erste Mal, dass es zwischen mir und einem Mann gefunkt hat, dachte sie und kicherte.

Mitras war aufgestanden, um die Geräte zu deaktivieren. Er beobachtete Kira, die sich längs auf dem etwas zu kleinen Kissen ausstreckte. Ihr Kopf hing nach hinten durch und ihre Haare bildeten ein rotschimmerndes Netz um ihr Gesicht, sie floßen geradezu über den dunklen Boden. Sie hatte die Augen geschlossen und er kam nicht umhin, wieder einmal zu bewundern, wie lang ihre Wimpern waren. Eher unterbewusst rieb er sich die Hand, an der der Magieschlag ihn getroffen hatte. Frederieke hatte schon Recht gehabt. Eine schöne Frau. Er dachte kurz an Claudia. Kira war allerdings auch wirklich sehr begabt, im Gegensatz zu ihr. Geradzu gefährlich begabt. Er deaktivierte den letzten Flussmesser und ließ dabei seinen Blick über ihren Körper streifen, der sich unter der Robe abzeichnete. Für einen Moment blitzte in seinem Kopf der Gedanke auf, wie sie wohl ohne Robe aussehen würde, so dahingestreckt… doch dann wischte er den Gedanken rasch wieder beiseite. Kira räkelte sich etwas und kicherte dann. Sie schlug die Augen auf und sah ihn an. Mitras senkte den Blick, er fühlte sich, als hätte sie ihn bei etwas unanständigem ertappt.

Mitras wich ihrem Blick aus. Ob er sich dafür schämte, dass er sie abgelenkt hatte? Seine Hand musste vermutlich auch weh tun. Eigentlich hatte sie die Geste ziemlich gut gefunden. Vertraut. Er hatte sich mit ihr begeistern wollen. Sie hatte ihre erste Magieübung gut gemeistert! Glücklich stand sie auf, streckte sich und fragte: „Gehen wir gemeinsam zum Essen?“ Mitras, der eben noch mit dem Gerät beschäftigt war, nickte. „Gerne, meine begabte Discipula. Du warst ganz hervorragend heute, darf ich dich dafür zum Essen einladen?“ Kira guckte ihn einen Moment irritiert an, sah dann sein Augenzwinkern und lachte. „Mylord, danke. Ich nehme die Ehre gerne an, mich zu einem Essen einladen zu lassen, das mir sowieso zusteht.“ Sie hob den Arm und nach kurzem Zögern reichte Mitras ihr seinen, damit sie sich unterhaken konnte. Gemeinsam gingen sie zum Esszimmer, wo Abby bereits den Tisch deckte.

Als Kira später im Bett lag und über den Tag nachachte, hatte sie das Gefühl, vor Aufregung kaum schlafen zu können. Die Magie schien immer noch durch ihren Körper zu pulsieren. Den Nachmittag über hatte sie mit Abby und dem Zuschnitt eines neuen Korsetts verbracht, weil Mitras schlafen gegangen war. Die ganze Zeit hatte sie das Gefühl gehabt, in ihr und um sie sei die Magie. Wahrscheinlich war sie immer dort gewesen, aber nun wusste sie, wie sie sich anfühlte, was das war, was da um sie war. Sie hatte ein paar mal, obwohl sie es nicht tun sollte, die Magie in sich gesammelt und wieder ausgeatmet, einmal hatte sie dabei versehentlich Abbys Papiere vom Tisch gepustet, aber sonst war alles gut gegangen und es hatte sich so gut, so richtig angefühlt. Als ob sie bisher nie ganz geamtet hatte und nun die Magie ein- und ausatmete und es einfach richtig war. Wenn auch ein bisschen schmerzhaft manchmal. Besonders ihre Hand prickelte beinahe, wenn sie an die ersten Übungen dachte. Sie dachte an Mitras. Seine Nähe hinter ihr. Seine Berührung. Sie war nicht unangenehm gewesen. Mitras war ein Mann, aber er kam ihr nicht abstoßend vor. Seine Berührung war schön. Sie schalt sich innerlich selber: Er war ihr Mentor und viel älter als sie. Über so jemanden konnte man doch keine romantischen Gedanken entwickeln! Aber er sah so gut aus, welches Mädchen würde nicht so über ihn denken? Oh bei den Geistern! Wenn er bei ihr in der Scheune gewesen wäre und nicht Johann… dann hätte sie ihre erste Nacht vielleicht schon hinter sich… der Gedanke ließ sie knallrot anlaufen. Das waren einfach unglaubliche Entwicklungen, die gerade passierten. Sie war aus Bispar raus. Sie war eine Magierin, sie atmete Magie. Vielleicht war sie doch eine Art Skirhexe, aber eine gute. Und sie war – es dauerte eine Weile, ehe sie es sich eingestand – von ihrem Mentor fasziniert. Von einem Mann. Einem richtigen Mann. Einem fürsorglichen, gutaussehenden, vermutlich reichen und mächtigen Mann. Sie verstand plötzlich, warum Sybille, eine ihrer Freundinnen aus der Lührenburger Schule, sogar bereit gewesen war, die Schule für ihren Verlobten abzubrechen. Sie hätte vermutlich auch alles gemacht, was Mitras gerade von ihr wollte. Er war ein guter Mann, und er würde sie beschützen… vielleicht wäre Sex mit ihm gar nicht so schlimm… Sie dachte an seine Hand auf ihrer Haut und ließ dabei ihre Hand zwischen ihre Beine gleiten. Versunken in die Fantasie dauerte es nicht lange, bis sie keuchend zum Orgasmus kam und anschließend in einer Mischung aus Scham und Erschöpfung die Decke wieder über sich zog und sich einkuschelte. Wenigstens war sie jetzt etwas entspannter und konnte einschlafen…

Mitras war gerade noch rechtzeitig zum Abendessen wieder erwacht und aß nur wenig. Er war immer noch sehr ermattet. Der Zauber war eigentlich für Extremsituationen gedacht und seine körperlichen Folgen waren zwar nicht lange zu spüren, sofern man ihn nur einmal anwendete, kosteten in der Regel aber einen Tag. Nun hatte er sich in die Bibliothek zurück gezogen und sinnierte bei einem Glas Rum über die Übung. Er hob das Glas an und betrachtete die wie eine Kerze geformte Lampe durch die bräunliche Flüssigkeit. Es war ein überaus hochwertiger Rum mit leichter Vanillenote, dezent, nicht zu süß und dennoch mild. Die Reflexionen des Lichts erinnerten an das Schimmern in Kiras Aura, auch wenn die Farbe anders war. Er schwenkte das Glas leicht und versetzte den Rum in eine leichte Bewegung, was das Schimmern verstärkte. Kiras Potential war gewaltig und das ohne jegliches Training. Allein ihr Grundniveau übertraf das seine schon fast. Noch vor ihrem Schulantritt könnte sie ihn vielleicht sogar überbieten. Er lachte kurz bei diesem Gedanken. Hätte Thadeus gewusst, wie hoch ihre Fähigkeit jetzt schon ausgebildet war, er hätte sie nie zu ihm geschickt. Aber die Prüfung zeigte nur die Tendenz für eine Schule an, nicht die Stärke des Schülers. Man konnte aus dem Ergebnis zwar grob darauf schließen, wie groß das Potential war, aber das war weit entfernt von einem klaren, gut ablesbaren Ergebnis. Wie dem auch sei, Mitras nahm sich vor wieder regelmäßiger zu meditieren und die Übungen zur Verstärkung seines Potentials wieder aufzunehmen. Dank des Generators hatte er sie viel zu lange schleifen lassen. Er konnte nicht abschätzen, ob er Kira so lange voraus bleiben konnte. Würde sich ihr Potential mit der gleichen Rate wie bei allen Studenten vergrößern, dann würde sie trotzdem schon sehr bald über ein höheres Potential als er verfügen. Aber letztendlich war das auch nicht alles. Zauberei erforderte Disziplin, Wissen, jahrelange Übung und auch eine gewisse Fingerfertigkeit. Aber seine Erwartungshaltung an sie war noch einmal gestiegen. Mit der richtigen Anleitung könnte sie Großes vollbringen. Er würde Nathanael wohl früher oder später um Unterstützung bitten müssen. Thadeus hingegen würde er so lange wie möglich im Dunkeln lassen.

Er trank den letzten Schluck Rum und beobachtete im Augenwinkel, wie das Schimmern verschwand. Dieses Schimmern… er hatte schonmal eine Magierin gekannt, deren Aura ein Schimmern gewesen war. Claudia. Letztendlich verdankte er ihr seinen Aufstieg ebenso wie William, hatte sie ihn doch auf diesen Ball geschleppt. Er lächelte ein wenig wehmütig. Sie hatte geschimmert und sie war auch eine angenehme Bettgenossin gewesen. Warum hatte sie seinen Antrag damals abgelehnt? Sie hatte ihn doch eigentlich heiraten wollen, hatte immer davon gesprochen, während er in seine Arbeit vertieft war. Was auch immer passiert war, seitdem mied sie ihn. Er stellte das Glas ab und ging durch die Zwischentür in sein Zimmer. Nachdem sie sich zurückgezogen hatte, war er bei keiner Frau mehr gewesen. Sie interessierten ihn einfach nicht so sehr, und die Arbeit… Er betrachtete den Spiegel. Sie schimmerte. Und genau wie Claudia war sie auch körperlich wirklich ansehnlich. Ihre roten Haare faszinierten ihn immer wieder. Er dachte an den nackten Rücken, den er das letzte Mal im Spiegel gesehen hatte und war versucht, erneut im Spiegel nach ihr zu sehen. Aber war es nicht zu aufdringlich? Nachdenklich rieb er sich die Hand, mit der er ihre Magie aufgefangen hatte. Das Gefühl wogte noch leicht in ihm nach. Jede Magie, wenn sie von einem Lebewesen aufgenommen worden war, hatte einen eigenen Geschmack, ein eigenes Gefühl. Magie zu geben und zu nehmen galt als ein recht intimes Ritual, es wurde auch erst in den höheren Semestern gelehrt. Kiras Magie hinterließ einen sanften Geschmack von Karamell in seinem Mund. Er setzte sich vor den Spiegel und aktivierte die Runen. Schimmerndes Karamell. Er hatte fast das Gefühl, ganz sanft gezogen zu werden. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, es nicht wieder zu machen, doch nun blickte er in ihr Zimmer und konnte die Augen nicht davon lösen.

Sie lag auf dem Bett und trug einen ungewöhnlichen Schlafanzug. Er hatte von solcher Bekleidung schonmal gehört, aber es überraschte ihn, Hosen zum Schlafen gehen bei einer Frau zu sehen. Der Stoff war weit und verbarg die Formen ihres Körpers, wofür der vernünftige Teil von ihm dankbar war. Sie schien noch nicht ganz zu schlafen, wälzte sich unruhig hin und her, ab und zu hob sie die Hand, als würde sie gestikulieren und mit sich selbst reden. Es sah niedlich aus und auch, wenn es defintiv unangebracht gewesen wäre, so wünschte er sich doch, zu wissen, worüber sie mit sich selbst sprach. Vermutlich war sie noch aufgeregt von der heutigen Übung, das war verständlich. Nach einer Weile wurde sie ruhiger und er betrachtete ihr Gesicht, das von roten Haaren umflossen war und nun zum Spiegel gedreht war. Sie lächelte sanft. Er lies den Blick über ihren Körper gleiten. Ihre Hand lag zwischen ihren Beinen, die sie jetzt etwas öffnete. Er spürte, wie ihm Hitze schlagartig in den Kopf und zwischen die Beine fuhr, während er beobachtete, wie sie den Rücken durchdrückte. Er wollte wegschauen, konnte aber nicht. Sie hatte den Mund leicht offen, ihre Finger rieben zwischen ihren Beinen und ihr Körper bebte und zuckte. Keuchend ließ Mitras seine Hand auf seine Hose sinken und spürte, wie sein Glied hart gegen den Stoff drückte. Er schüttelte den Kopf, um die Augen von dem verlockenden Bild im Spiegel lösen zu können, doch es gelang ihm nicht, sein Blick fand wieder dorthin zurück. Beinahe meinte er, ihr Keuchen zu hören, als sie sich aufbäumte und dann entspannt aufs Bett sank. Mitras atmte heftig, doch es gelang ihm, seine eigene Erregung unter Kontrolle zu halten. Diese Schülerin würde vielleicht wirklich eine Ablenkung sein, vielleicht sogar eine gefährliche, auch wenn sich Thadeus das so bestimmt nicht gedacht hatte. Mitras fluchte innerlich über seine mangelnde Selbstbeherrschung. Diese Bilder würde er nicht mehr vergessen können. Die lange Zeit der Abstinenz wurde ihm fast schmerzhaft bewusst, während er den Spiegel deaktivierte und seine Hose zurecht rückte. Vielleicht sollte er doch einmal ins Bordell gehen? Er wies den Gedanken rasch wieder von sich. Er würde sich einfach besser beherrschen müssen. So schwer konnte etwas Disziplin ja nicht sein. Das letzte, was er wollte, war Kira zu bedrängen oder ihr Schaden zuzufügen, das hatte sie nicht verdient. Und auch wenn sie offenbar wie alle Mädchen ihres Alters sexuell aktiv war, hatte das sicher nichts mit einem so viel älteren Mann wie ihm zu tun. Mit einer Mischung aus Bedauern und anhaltender Erregung begann er, sich zum Schlafen gehen fertig zu machen.