Das Rauschen des Windes – 29. Lunet (Silenz)

Kira erschien wieder nicht zum Frühstück und so langsam machte sich Mitras etwas Sorgen um sie. Abby grummelte und packte ihr ein Tablett zusammen, wobei sie anmerkte, dass “die junge Lady das ja eh wieder stehen lassen würde”. Hatte es sie so sehr getroffen wieder an diese Nacht erinnert zu werden? Wahrscheinlich ja, er konnte es ihr auch nicht verdenken. Was ihr da zugestoßen war, war einfach entsetzlich. Aber alles was er jetzt tun konnte, war sie schonend wieder aufzubauen. Er sammelte ein paar Bücher zusammen und suchte sorgfältig ein paar einfache Lehrzauber der Telekinese-Schule zusammen. Seine große Zusammenfassung zur Telekinese fand er trotz einer längeren Suche nicht wieder, vielleicht hatte er sie im Labor im Keller liegen lassen? Es ging aber auch gut ohne, in vielen seiner Spruchbände fanden sich Kapitel zur Telekinese, und er suchte sich passende Erstzauber heraus. Nichts davon war fordernd und er schämte sich schon fast, seiner Schülerin bei ihrem Potential derart leichte Kost zu servieren. Aber sie brauchte ein Erfolgserlebnis, und das schnell. Morgen würde sie mit dem Lernen sicher wieder anfangen können. Wenn nicht, musste er sich wohl doch mehr mit ihr beschäftigen, um sie zu trösten. Er fühlte sich plötzlich sehr schuldig dafür, dass er die letzten Tage so dermaßen anderweitig beschäftigt war. In Gedanken versunken verpasste er das Mittagessen. Erst als er zur Uhr sah und feststellte, dass es schon fast 15 Uhr war, stellte er fest, dass er schon den halben Tag damit verbracht hatte, Lehrmaterial für Kira zu sammeln und aufzubereiten. Da sie sonst sehr selbstständig arbeitete, war es ihm noch gar nicht aufgefallen wie viel Mühe so eine Lehrvorbereitung machte. Die Vermutung, die Lehrer an der Akademie hätten ein viel leichteres Leben als ein freischaffender Magier, verpuffte angesichts dieser Feststellung ziemlich schnell. So kam man ja kaum zum Forschen!

Nachdem er alles zu seiner Zufriedenheit zusammen getragen und ins Labor gebracht hatte, ging er zu ihrem Zimmer und klopfte sachte an und wartete einen Moment. Erst verzögert kam eine Antwort: “Ja?” Mitras trat ein und sah sich um. Kira saß an ihrem Schreibtisch. Ihr Anblick erschreckte ihn. Sie war sehr blass und sah übermüdet aus. Eigentlich hatte er gehofft, dass die drei Tage ihr Erholung bringen sollten, aber so wie sie aussah hatte es sie noch härter getroffen, als er nach Abbys Kommentar befürchtet hatte. Im schlimmsten Fall war sie gar nicht in der Lage nun zu lernen. Vielleicht sollte er ihr auch gleich die ganze nächste Woche frei geben. “Hallo Kira, eigentlich wollte ich mit dir unser Vorgehen mit dem Telekinesezauber besprechen, aber wir können das auch auf Morgen verschieben.” Sie blickte sofort erschrocken auf und sagte hastig: “Nein, nein ist schon gut. Ähh, sollen wir ins Labor gehen?” Mitras blickte sie besorgt an, “Also gut, wenn du meinst, dass du wieder bereit bist, dann lass uns rüber gehen. Ich habe schon ein bisschen was vorbereitet.” Er drehte sich schon um, als sie noch ein paar Notizen zusammenlegte. Im Losgehen sah er noch, wie sie ein Lesezeichen in das Buch auf ihrem Schreibtisch legte und es schloss. Er ging den Flur hinunter und dachte über das Buch nach. Es kam ihn bekannt vor, aber sein Blick darauf war zu kurz gewesen um es genau zu erkennen. Aber gut, er konnte sie nachher noch danach fragen. Er setzte sich an seinen Arbeitsplatz und wartete, bis Kira auch saß. “Ich muss gestehen, mir ist ein Missgeschick geschehen, ich scheine das wichtigtste Buch verlegt zu haben. Das Grundlagenwerk der Telekinese. Darin sind die Grundlagen und einige gute Einstiegszauber erklärt. Insbesondere die Anleitung eines Levitationszaubers ist für den Einstieg besonders verständlich erklärt. Aber gut, ich habe noch eine andere Spruchsammlung, in welcher der Zauber auch sehr gut erklärt wird. Der Zauber lässt einen einfachen Gegenstand auf einer vom Zaubernden vorgegebenen Höhe schweben.” Er blickte sie prüfend an. Sie krampfte ihre Hände nahezu um ihre Notizen. Hatte sie Angst? Wovor? Mit leiser, monotoner Stimme griff sie seinen Vortrag auf und ergänzte: “Der Zauber heißt Levitation oder auch Schweben. Der Zaubernde soll eine kleine Menge des Fluidums sammeln, die Arme leicht angewinkelt am Körper halten, während die Hände mit den Handflächen zueinander weisen und die Finger dabei gespreitzt halten.” Fast schon mechanisch ratterte sie die einzelnen Schritte des Zaubers herunter. Fluidum war ein alter Begriff für die magische Energie, der nur noch in wenigen Lehrbüchern benutzt wurde. In Lehrbüchern wie dem Grundlagenwerk der Telekinese. Sie endete und sackte ein bisschen in sich zusammen. “Aha, du hast das vermisste Buch also schon gefunden.” sagte er trocken, was er aber sofort bereute, als sie zusammenzuckte, als ob er gerade zum Schlag ansetzen würde. “Ich.. es tut mir leid… ich wollte nicht…” Erste Tränen rannen über ihre blassen Wangen. “Ich wollte nur vorbereitet sein. Wirklich! Ich hätte es wieder hingestellt.” Er hatte den Eindruck, dass ihre ganze Statur irgendwie dünner war als sonst. Hatte sie die gesamte Zeit gelernt? Sie sah schrecklich blass aus. “Kira, alles ist gut, also nein, nichts ist gut. Du siehst furchtbar aus. Du solltest dich erholen und nicht krampfhaft überarbeiten.” Sie schluchzte auf. “T-T-Tuhut mir leid…!” Sie sackte weiter in sich zusammen und ließ dabei ihre Notizen los, so dass sie zu Boden segelten und vor ihr einen Haufen an akuraten Zeichnungen zu Bewegungsmustern, Zusammenhängen zwischen Zaubern und Sprüchen ausbreiteten. Sogar einige der ihr verhassten mathematischen Formeln konnte er sehen. Es musste unglaublich viel Zeit gekostet haben, all das vorzubereiten – mehr Zeit, als ihr die letzten drei Tage eigentlich zur Verfügung gestanden hatte. Mitras vermutete, dass sie nicht nur tagsüber sich nicht erholt hatte, sondern auch nachts weiter gearbeitet hatte, statt zu schlafen. Warum bei allen Geistern verausgabte sie sich so? Er hatte doch klar gesagt, dass sie sich erholen sollte. Eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit stieg in ihm auf, während er beobachtete, wie sie die Hände auf ihren Knien verkrampfte in dem Versuch, Kontrolle über das Weinen und ihre Stimme zu erlangen. “I-i-ich will nur nicht…” Sie heulte leise auf. “Ich will nicht versagen. Ich w-w-will ni-hicht nach Bispar müssen…” Er schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, und spürte, wie ihre Worte ihm beinahe selbst weh taten. Warum dachte sie, er würde sie zurück schicken? Nach all dem, was sie ihm erzählt hatte, würde er sie garantiert nicht dorthin zurück lassen. Mitleid und Zuneigung ersetzten seine Wut. Arme Kira. Einem Impuls folgend stand er auf, ging zu ihr hin, schob einige der Blätter behutsam zur Seite, um sich vor sie knien zu können, und legte ihr behutsam die Hände auf die Schultern. Er achtete sehr genau darauf, nicht zu viel Druck auszuüben. “Kira, keiner wird dich nach Bispar zurück schicken. Erst recht nicht drei Tage, nachdem du mir erzählt hast, was dir dort zugestoßen ist….”

Kira hatte das Gefühl, in Watte eingepackt zu sein. Die Tränen liefen über ihre Wangen, aber sie fühlte sich so unglaublich leer. Sie hatte schon wieder einen Fehler gemacht. Das Buch. Sie hätte fragen müssen. Jetzt hatte er es bestimmt gesucht. Der Gedanke, dass ihre Mutter mit ihrem Vorwurf, ihre Hexentochter sei zu nichts nütze, Recht haben könnte, stach irgendwo tief in ihrer Magengrube. Nicht mal lernen konnte sie richtig. Mitras Hände auf ihren Schultern wurden ihr bewusst. Seine Stimme klang warm, gar nicht so wütend, wie sie es erwartet hätte. Er war so warm. Sie hatte das Gefühl, dass die Wärme seiner Hände das einzige war, was sie gerade vor der Eiseskälte in ihr retten konnte.

Mitras merkte, dass sie auf keine seiner Worte reagierte. Sie wirkte entrückt. “Kira, hörst du mich überhaupt?” Sie reagierte nicht und schluchzte weiter vor sich hin. Etwas verzweifelt nahm er sie ganz in den Arm. Einen Moment lang dachte er darüber nach, ob das überhaupt richtig war, bei ihren Vorerfahrungen, doch der Gedanke verschwand sofort wieder, als sie ihre Hände um seine Arme krampfte und sich an ihm festhielt. Er musste sie jetzt erst einmal stabilisieren. Was würde helfen? Er wirkte einen leichten Vitalisierungszauber. Normalerweise diente er zur Stabilisierung von Kranken, aber Mitras hoffte, dass er ihr so auch helfen konnte, also legte seine Hände auf ihren Rücken und ließ die Magie in sie hinein fließen.

Er umarmte sie, und Kira hatte das Gefühl, sich an ihm festhalten zu müssen, ihn festhalten zu müssen. Seine Hände lagen auf ihrem Rücken und sie spürte, wie die Wärme sich von ihnen ausbreitete, sie erfasste und erfüllte. Langsam verdrängte sie das Gefühl der Starre, und sie merkte, dass sie ihre Hände um seine Arme geklammert hatte, gegen ihn gelehnt war, ihn riechen konnte. Sie spürte seine Hände auf ihrem Rücken, jetzt nicht mehr so warm, aber haltend. Sie wurde gehalten. Zum ersten Mal seit dem der Tonklumpen explodiert war, hatte sie das Gefühl, nicht mehr aus Eis zu sein. Ein wenig spürte sie, wie peinlich ihr das Ganze war, aber gleichzeitig merkte sie auch, dass sie ihn nicht loslassen wollte. Sie seufzte und ließ den Kopf ganz gegen seine Brust sinken, lehnte sich in seine Umarmung. Nur ein kleinen Moment lang noch gehalten werden…

Mitras merkte, wie sie sich entspannte. “Bist du wieder bei mir?” Sie nickte schwach. “Gut, also noch mal. Keiner wird dich nach Bispar zurück schicken.” “Und wenn ich nicht zaubern kann?”, murmelte sie fast unverständlich in seine Robe. “Selbst dann nicht. Nur ein absoluter Unmensch, wie Thadeus zum Beispiel, würde dir so etwas antun.” Sie drehte den Kopf leicht und blickte ihn von unten an. Ihm fiel auf, dass ihre Augen ein sehr helles Grün hatten, heller, als er es von der ersten Begegnung in Erinnerung hatte. “Jeder außer dir würde das tun. Du bist einfach so gut…” Sie verstummte und ihr Gesicht färbte sich ein bisschen rot, was allerdings angesichts ihrer Blässe nur dazu führte, dass sie wieder etwas weniger totenbleich aussah. Er lachte leise auf. “Glaube mir, so schlecht sind die meisten Menschen nicht. Also gut, was ich eigentlich von dir wollte war, dass du dich von dem großen Schrecken erholst. Ich hatte gehofft, dass du nach ein paar Tagen Ruhe neu starten kannst.” Sie richtete sich etwas auf und sagte eifrig: “Ich kann starten! Wirklich. Ich habe gelernt. Ich kann schon drei Zauber auswendig mit allen Bewegungen: Schweben, Puffern und Gleiten.” Mitras ließ sie behutsam los. Seine Hände strichen über ihre Arme und als sie seine Hände berührte, hatte er kurz den Eindruck, sie würde mit den Fingern zucken, als wollte sie ihn festhalten, doch dann war der Moment vorbei und er schalt sich innerlich dafür, in einer solch kritischen Situation darüber nachzudenken, wie es war, von ihr festgehalten zu werden. Er stand auf und machte einige vorsichtige Schritte, um nicht auf ihre Notizen zu treten, ehe er sich wieder auf seinen Stuhl setzte. Sie hatte zarte, weiche Hände. Er schüttelte kurz den Kopf, um den Gedanken los zu werden, und sagte: “Ja, ich glaube dir, dass du gelernt hast, aber wir können nicht einfach loszaubern, während du hier fast vor Schwäche vom Stuhl fällst.”

Kira spürte eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung. Erleichtert, weil er so wunderbar war. Weil die Wärme seiner Umarmung in ihr floß wie Magie. Wahrscheinlich war es Magie, realisierte sie. Enttäuscht, weil sie eigentlich gehofft hatte, endlich beweisen zu können, dass sie nicht untauglich war. Und weil er sie losgelassen hatte. Verlegen schaute sie zu Boden. “Aber… du hast mich gestärkt. Ich… kann ich es nicht wenigstens probieren? Ich will… ich will einfach keine unfähige Schülerin sein…” Sie verstummte. Was sollte sie sagen? In den ganzen letzten Tagen hatte sie immer nur daran gedacht, dass sie die Zauber können musste. Und dass Abigail aufhören sollte, sie mit anderen Dingen zu stören. Dass Essen und Schlaf ja aber eigentlich notwendig waren, um genug Kraft zu haben, einen Zauber auszuführen, hatte sie verdrängt. Wie dumm sie war. Die Wärme in ihrem Rücken erinnerte sie daran, dass er sie nicht wegschicken wollte. Sie schaute ihn an. Er trug seine Arbeitsrobe, eine schlichte Version seiner Magierrobe, die er im Labor bevorzugte und saß zurückgelehnt in seinem Stuhl und musterte sie sorgenvoll. Wahrscheinlich fragte er sich, was er mit diesem Unglückshaufen von Schülerin jetzt anfangen sollte. Ein bisschen spürte sie einen Hauch von etwas anderem in seinem Blick, etwas, das sie nicht einordnen konnte. Sie versuchte, sich aufzurichten. Nicht schwach sein. Ihr Magen grummelte ein bisschen, aber Hunger war ihr vertraut genug, um ihn einfach ignorieren zu können. “Ich fühle mich wirklich gar nicht so schlecht. Du hast etwas gezaubert, oder?”

Sie würde jetzt nicht klein bei geben, was ihm ein bisschen imponierte. “Also gut, wir werden es jetzt probieren. Wenn du es schaffst, machst du drei Tage Pause um wieder zu Kräften zu kommen und dann legen wir wieder richtig los, wenn es aber nicht klappt, wird die ganze nächste Woche nicht gearbeitet!” Kira sah ihn an und lächelte beinahe, auch wenn es etwas gequält aussah. “Ich schaff das.”

Sie musste das schaffen. Sie durfte nicht wieder versagen. Sie durfte ihn nicht enttäuschen. Und außerdem – was genau sollte sie drei Tage, schlimmer, eine ganze Woche machen, wenn sie nicht lernen sollte? Haushalt und Schweine füttern standen vermutlich auch nicht auf der Liste der Dinge, die Mitras mit “nicht Arbeiten” meinte. Der Gedanke ließ fast eine Spur Belustigung in ihr aufkeimen, wurde jedoch schnell von der aufsteigenden Nervösität überdeckt. Sie würde zaubern. Jetzt. Sich nicht ablenken lassen, egal wie es schmeckte. Sie stand auf und begann, ihre Notizen wieder einzusammeln. “Was soll ich denn probieren?” Mitras schaute sie von der Seite an und lächelte, was ihr Herz kurz aussetzen ließ. „Naja, das Schweben, denke ich mal.“ Er ging zu seinem Schreibtisch, zog eine Schublade auf und nahm drei Holzkugeln heraus. „Mit diesen hier hat Nathanael mit mir geübt.“ Seine Miene verfinsterte sich kurz. „Das wäre eigentlich Thadeus Aufgabe gewesen… Aber egal.“ Er legte zwei der Kugeln auf der Kante des steinernen Beckens ab und ging mit der dritten in den Zirkel, indem sie auch das letzte Mal mit den Magieübungen begonnen hatten. „Komm her. Erst nochmal das konzentrierte Sammeln. Und wenn du ruhig und gleichmäßig im Fluss bist, kannst du den Zauber wirken.“ Er legte den Ball in die Mitte des Zirkels und begann, die Geräte, die er auch beim letzten Mal genutzt hatte, anzustellen. Kira stand auf und setzte sich ein kleines Stück von der Kugel entfernt in den Kreis. Sie hatte beinahe das Gefühl, ihr würde das Herz gleich vor Aufregung aus der Brust springen, aber sie konzentrierte sich und begann mit dem Kanalisieren. Ausatmen, Einatmen. Sie ließ die Magie abfließen und atmete sie wieder ein, bis sie das Gefühl hatte, ihr Atmen wäre fast wie das Rauschen der Wellen am Strand. Einmal veränderte sich die Struktur der Magie um sie – vielleicht hatte Mitras einen Zauber gewirkt. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, der Raum würde kurz nach Schokolade oder Nougat riechen. Ob das seine Magie war? Sie konzentrierte sich weiter auf das Atmen. Ruhig werden. Da ist die Kugel. Die Kugel schwebt gleich. Sie hob die Hand, schaute auf die Kugel, holte Luft – und ließ die Magie in ihre Handbewegung gleiten. Ihr Mund füllte sich mit einem Geschmack von Salz und gleichzeitig dem süßen Karamell das Kanalisierens. Entfernt hatte sie das Gefühl, das Rauschen des Windes in den Blättern zu hören, wie im Sommer im Wald. Sie blickte weiter auf die Kugel. Die Kugel schwebte. Die Kugel schwebte! Überrascht quietschte sie auf, woraufhin die Kugel zu Boden fiel. Hinter ihr gab es ein kurzes, dumpfes Geräusch, wie ein Echo des Geräusches, dass die Kugel machte, als sie vom Boden des Zirkels abprallte und dann einen kleinen Kreis rollte. „Sie ist geflogen! Mitras, hast du gesehen? Sie ist geflogen!“ Mitras stand schräg hinter ihr ihr, neben dem steinernen Becken, und hielt eine der anderen Kugeln in der Hand, die er betrachtete. „In der Tat.“, sagte er, mehr zu sich und der Kugel, als zu ihr gewandt. „Die Kugel ist abgehoben. Es hat also bestens geklappt. Und sobald du dich über die drei Tage hinweg erholt hast, wirst du auch noch eine ganze Menge weiterer Zauber erlernen und beherrschen.“ Kira spürte, wie die Erleichterung durch sie hindurch brach wie eine Welle durch eine Sandburg. Es hatte geklappt, sie war eine Magierin. Sie würde wirklich bleiben können. Sie ließ sich nach hinten auf den Boden fallen. Die Anspannung der letzten Tage wurde ihr bewusst. Ehe sie wusste warum, spürte sie, wie die Tränen wieder in ihr aufstiegen, und sie rollte sich zusammen und weinte, diesmal vor Glück, oder vor Erschöpfung, das konnte sie nicht so genau sagen.

Mitras betrachtete die Kugel in seiner Hand, sie hatte er noch fangen können, die dritte war irgendwo unter einen der Schränke gerollt. Er war erleichtert und besorgt zugleich. Erleichtert, dass das Trauma nur die Verwandlungsmagie betraf und sie nun einen für sie so wichtigen Erfolg erzielt hatte. Aber auch besorgt. Sie hatte den Magiefluß die letzten Male eigentlich schon gut unter Kontrolle gehabt, trotzdem waren nun die beiden anderen Kugeln mit abgehoben und das, obwohl sie in einer völlig anderen Richtung gelegen hatten. Und eigentlich auch außerhalb der Reichweite, die Schweben am Anfang hatte – normalerweise wirkte man diesen Zauber zu Beginn nur im Sichtfeld und dort auch nur etwa einen Meter. Bei diesem Zauber konnte durch ein zuviel an Magie nicht viel schief gehen, aber andere Zauber waren da durchaus gefährlicher. Brachten viele andere Lehrlinge kaum genug Potential auf, um Zauber anderer Schulen am Anfang überhaupt zu wirken, so musste er bei ihr zusehen, wie er sie gebremst bekam. Ihr Potential war wirklich unheimlich. 

Während er noch seinen Gedanken nachhing, rollte sie sich plötzlich förmlich in sich zusammen und begann wieder zu schluchzen. Besorgt war er schon fast auf und zu ihr hingesprungen, bis ihm ihre Aura auffiel. Er hatte die Zauber zur magischen Sicht noch nicht wieder beendet und sah nun wie sie immer noch stark schimmerte, aber nicht mehr in ängstlichen, verstörten Farben, sondern in grünlichen Tönen die Freude, die aber auch unendliche Erschöpfung ausdrückten. Behutsam ging er neben ihr auf die Knie und legte ihr eine Hand auf die bebende Schulter. „Alles wird gut, Kira, aber jetzt ist es definitv das Wichtigste, dass du wieder zu Kräften kommst. Es gibt ja auch gleich Abendessen. Morgen solltest du dir Ruhe gönnen und am Mafuristag vielleicht mal wieder in die Stadt fahren. Am Abend des Uldumstags, nach dem Abendessen können wir uns dann bei einem Gläschen zusammensetzen und besprechen wie es weiter geht. Ich denke mal, dass wir fürs erste bei Telekinesezaubern bleiben.“ Unter seinen Worten und seiner Berührung hatte sie sich wieder beruhigt. Er hatte keine Ahnung, ob sie alles verstanden hatte, was er gesagt hatte, aber nun richtete sie sich wieder auf und sagte: „Ist gut.“ Sie hielt einen Moment inne, ihr Gesicht nah an seinem und er hatte das Gefühl, als würden ihre hellgrünen Augen ihn heranziehen. Dann breitete sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht aus und sie umarmte ihn heftig. „Danke! Ich… ich bin dir so dankbar! Du bist der beste Mentor, den ich mir vorstellen kann!“ Er erwiderte die Umarmung vorsichtig. „Danke. Gut, ich würde mal sagen du machst dich jetzt erst einmal ein bisschen frisch und ich räume hier auf und dann hole ich dich gleich in deinem Zimmer für das Abendessen ab.“ Kira nickte, stand auf und hüpfte ein kleines Stück in die Luft. Ihr Grinsen war immer noch da und wärmte beinahe den Raum, so ansteckend und glücklich sah es auf. Er verspürte deutlichen Stolz und musste schmunzeln, während er ihr nach sah, wie sie leicht tänzelnd den Raum verließ. Ihr Hintern war durchaus fraulich, aber ihre Freude hatte den Charme eines Kindes. Seine Zuneigung für sie stieg auf jeden Fall an, und er merkte, dass er auch stolz war.

Dann verdunkelte sich seine Miene. Warum bedeutete es so viel für sie? Warum hatte sie drei Nächte lang gelernt, statt zu schlafen? Was war da in ihrer Vergangenheit, dass sie so antrieb? Die Angst vor Bispar konnte nicht nur an diesem Dorfadeligen liegen. Wenn Stefania da war, würde er sie um Hilfe bitten. Die Hellsichtschule konnte soetwas, in die Vergangenheit und an entfernte Orte blicken. Er hoffte, dass Stefania ihr Handwerk wirklich so gut beherrschte, wie William und Titus angedeutet hatten. Er musste herausfinden, was Kira innerlich so zerriss – anderenfalls wäre es sowohl für sie als auch für ihn gefährlich. Eine emotional instabile und so potente Magierin könnte ihm das Dach vom Kopf abheben lassen, und zwar im genauen Wortsinne. Grübelnd hob er die Kugeln auf und räumte die Notizen zusammen. Er legte alles sorgfältig auf den bisher leeren Schreibtisch, den er für sie vorgesehen hatte. Dann nutzte er einen Telekinesezauber, um den dritten Ball wieder unter dem Schrank hervorzuholen, und letztendlich beendete er alle Überwachungszauber und deckte die Geräte wieder zu. Mit William würde er auch noch reden müssen, fiel ihm ein. Warum hatte er gelogen?

Verzweiflung – 26. – 28. Lunet

Am nächsten Tag war Mitras früh auf den Beinen. Der Gedanke daran, was Kira für eine rücksichtslose Rabenmutter hatte, ließ ihn nicht los. Das eigene Kind wegen der Haarfarbe zu verstoßen war schon schlimm genug, es aber in solch einer Situation nicht zu unterstützen, war unverzeilch. Es wäre besser für sie, wenn er sie niemals zu fassen bekommen würde. Und was diesen Johann anging, da konnte er sich nur mit Mühe beherrschen nicht gleich in den nächsten Zug zu steigen um in den Norden zu fahren und ihn ob seiner Vergehen Kira – und sicher auch vielen anderen Mädchen gegenüber – zu einem Duell zu fordern. Da dieser Bastard aus einer Adelsfamilie, sicher irgendeiner der dortigen Barone, stammte, wäre es bei dem bloßen Verdacht sein gutes Recht gewesen. Und das Duell wäre lang gewesen. Kaum einer konnte Mitras mit dem Rapier das Wasser reichen und so ein Landpöbel würde sicher nicht in der Lage sein gegen ihn anzukommen. Und William, dem er von dem Vorfall berichtet hatte, wäre sicherlich ebenfalls mit von der Partie. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre auch direkt in den nächsten Zug gestiegen, aber Mitras hatte ihn zurückgehalten und ihm auch den Schwur abgenommen, die Geschichte für sich zu behalten. Es war letztendlich Kiras Entscheidung, wer davon wusste. Fast kam Mitras sich schon etwas schäbig dabei vor, es überhaupt an William weitergetragen zu haben, aber er hatte sich in seiner Wut darüber erst spät Gedanken gemacht. Früher oder später würde er sie in den Norden begleiten und ihr zu ihrer Rache verhelfen. Wobei ein richtiger Prozess mit einem Schuldspruch am Ende ihr wahrscheinlich mehr helfen würde.

Mitras riss sich aus diesen finsteren Gedanken. Im Moment würde er Kira am besten helfen, wenn er ihr erst einmal ein bisschen Ruhe gönnen und ihr dann mit den Telekinesezaubern ein Erfolgserlebnis verschaffen würde. Sollte das aber auch scheitern würde sie dringend Hilfe brauchen. Mitras war zwar ein brauchbarer Heiler, auch wenn ihn die Heilkunst nicht wirklich interessierte, aber seelische Leiden vermochte er nicht zu heilen. Es gab einige Magier der Hellsichtschule, die sich auch aufs heilen verstanden, aber Hellsicht- und Verwandlungsbegabungen vertrugen sich nicht gut, so dass diese Magier äußerst selten waren. Ein Priester würde ihr wohl eher helfen können. Mitras sollte sich wohl schon einmal umhören, welche von ihnen sich auf derartige Leiden verstanden. Aber gut, Kira hatte jetzt erstmal Ruhe und er viel zu viel zu tun. Um die Schule beliefern zu können, hatte er seine gesamten Vorräte verbraucht und alles was er bisher nachproduziert hatte, war ebenfalls zur Schule gegangen. Er hatte noch einen Monat, um die Ladung für die Generalität fertig zu bekommen, aber dank Kiras Hilfe konnte er nun auch wieder deutlich mehr produzieren. Und den Generator würde er die nächsten zwei Abende auch allein geladen bekommen. Er hatte vor dem Regenerationszauber auch schon andere Vitalisierungszauber versucht, aber nie mit der Menge an Energie, die Kira ihm gegeben hatte. Dazu wäre für ihn allein ein mindestens zweistündiges Ritual nötig und das hätte er nicht mehr durchgehalten. Nun aber strotzte er wieder vor Energie. Das Elektrum würde er schnell fertig bekommen und genug Überschuss produzieren, um seine Forschungen schnell wieder aufnehmen zu können.

Kira kam nicht zum Frühstück, aber das war schon in Ordnung. Nach dem Schrecken gestern musste sie sich ja ein bisschen ausschlafen. Er bat Abigail darum ihr später etwas hoch zu bringen und ging in den Keller um mit der Fertigung zu beginnen. Heute würde er seine Reste verarbeiten und dann Morgen, am Schengstag, neue Vorräte einkaufen. Ihm fiel ein, dass er und William sich dann am Abend auch wieder mit Titus treffen wollten. Er war gespannt darauf zu erfahren, was dieser herausgefunden hatte. Es war Zeit gegen die di Porrums vorzugehen, zu lange schon war diese Bedrohung aus seinem Fokus gerückt.

Die zwei Tage vergingen wie im Flug. Es tat ihm ein bisschen leid, dass er keine Zeit hatte noch einmal nach Kira zu sehen, aber das würde er morgen am Silenz nachholen. Heute hatte er sie noch gar nicht gesehen, aber er hatte das Haus auch schon früh verlassen und war zum Abendessen bei seinen Eltern geblieben. Nun musste er sich schon ein bisschen beeilen, um William noch rechtzeitig zu erreichen. Nach der unerfreulichen Szene mit dem Dockarbeiter hatte Titus sie zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte ganz klar vermeiden, dass die Leute aus dem Hafenviertel ihn noch einmal mit einem Adligen​​​​​​ sahen. Er lebte in zwei Welten und gehörte doch zu keiner so richtig dazu. Aber gerade diese Außenseiterrolle ermöglichte es ihm, seine teils schon sehr zwielichtigen Geschäfte zu tätigen. Titus folgte dabei allerdings einem gewissen Kodex und würde nie die Schädigung von Unschuldigen in Kauf nehmen. Er hatte sich vielmehr darauf spezialisiert, denen zu ihrem Recht zu verhelfen, die dies selbst nicht konnten und die Aufträge von Mitras und einigen anderen Wohlhabenden sorgten dafür, dass er sich das auch leisten konnte, ohne sofort mit dem Gesetz aneinander zu geraten. In der Folge war er bei den Ärmeren recht beliebt und wurde von den Reichen als nützlich erachtet, jedenfalls von denen, die seinen eigenen Moralvorstellungen genügten.

Titus wohnte in der Neustadt in einem der dortigen Händlerhäuser. Mitras hatte keine Ahnung, wie er es geschafft hatte an das Haus zu kommen, da die dort ansässigen Händlerfamilien diese alten Häuser als Statussymbol erachteten. Sie lebten innerhalb der alten Mauern, auch wenn es nur die zweite, neuere Mauer im Norden war und sie die erste Stadtmauer vom alten Palast trennte. Ähnlich wie die alten Adelshäuser, waren auch diese alten Händlerfamilien ein Anachronismus. Sie existierten ob des alten Reichtums und wurden nach und nach von den großen Händlern, wie zum Beispiel seinem Vater, verdrängt. 

Mitras erreichte das Haus zur gleichen Zeit wie William. „Na, da komm ich ja genau richtig. Wie war es bei deinen Eltern?“ „Gut, danke der Nachfrage und ist zu Hause alles in Ordnung?“ „Kira ist wieder nicht zum Abendessen herunter gekommen, ich mach mir Sorgen um sie.“ „Nun, wir wissen jetzt, dass sie schlimmes durch gemacht hat. Und der Zauberversuch hat sie genau in diese Situation wieder rein geworfen. Gib ihr etwas Zeit, sie soll sich erstmal davon erholen und braucht sicher Zeit für sich. Abby hat ja ein Auge auf sie.“ „Ha, na ja, …“ William wurde von Zuruf unterbrochen. „He, ihr beiden, wollt ihr hier nur vor meinem Haus rumlungern oder kommt ihr auch rein?“ Während Mitras noch mit William diskutiert hatte, war Titus aus dem Haus gekommen. Anscheinend hatte er sie gehört, wie sie so auf der Straße standen. „Guten Abend Titus. Entschuldige, William und ich hatten noch kurz etwas aus dem Haushalt zu klären. Ich bin schon den ganzen Tag unterwegs. Aber gut, wir sollten wirklich reinkommen.“ Titus lachte kurz auf, bis er die Mienen der beiden Männer im Lichtschein sah. „Gab es Probleme?“ Mitras sah ihn mit einem gezwungenen Lächeln an und antwortete: „Keine aktuellen. Nein, bei uns zu Hause ist alles gut. Aber ich brauche eventuell deine Hilfe in einer weiteren Angelegenheit.“ „Nun gut, aber kommt erstmal rein. Bei einem kleinen Schluck, lässt sich das alles leichter klären. Und meine Herren, den Schluck werden wir auch brauchen.“, fügte Titus mit einem Unheil verkündenden Unterton hinzu und geleitete sie hinein.

„Kindchen, du musst etwas essen.“ Abby schob sich durch die Tür ins Zimmer und blickte Kira vorwurfsvoll an. Kira schreckte hoch und warf eines der Bücher von der Tischkante. Verdammt. Sie war eingeschlafen. Schon wieder. Ihr rechter Arm tat weh, weil die Tischkante ungünstig gedrückt hatte. Sie blickte Abby an, die mit einer Mischung aus Sorge und Wut vor ihr stand, schon das dritte Mal am heutigen Tag. „Ja, Abby, ich werd was essen. Vielleicht eine Scheibe Brot?“ „Pff!“ Abby kam zum Tisch und schob noch zwei weitere Bücher zu Seite, was ein drittes abstürzen lies. Kira fing es eben in der Luft und fauchte:“ Pass doch auf! Das gehört Magister Mitras!“ Abby lies sich davon allerdings nicht beeindrucken. Sie setzte, nein, knallte, einen Teller auf den Tisch, auf dem belegte Brote und etwas Obst lagen. „Nicht eine. Du hast noch gar nichts gegessen seit gestern abend. Drei!“ Seufzend griff Kira nach einer Brotscheibe und linste dabei schon wieder auf den Zauber, den sie sich gerade versuchte einzuprägen. Lockere Hand. Wellenförmige… Abby wedelete mit der Hand vor ihrem Gesicht. „Kira? Nordgeist an Kira?“ Verärgert blickte Kira auf. „Was?“ Abby stemmte die Arme in die Seiten. „Du musst auch mal schlafen, Kindchen. Du hast schon Ringe unter den Augen. Das Buch ist morgen auch noch da.“ „Ja, aber wer weiß, ob ich es noch bin.“ Kira spürte, wie die Verzweiflung wieder in ihr hochstieg. Mitras hatte sie nicht weggeschickt, aber wenn sie nochmal versagte, würde er das sicherlich. Abby murmelte etwas, das sie nicht verstand. Sie schob den Teller mit den Broten etwas zur Seite, hob das heruntergefallende Buch auf und legte es auf den Tisch, ehe sie ging. Heute morgen hatten sie bereits eine ähnliche Diskusssion geführt, als Abby sie das erste Mal schlafend am Tisch gefunden hatte. Abby schien überhaupt nicht zu verstehen, wie ernst die Lage gerade war. Sie war hier, um zaubern zu lernen. Wenn sie nicht zaubern konnte, weil sie sich nicht davon lösen konnte, wie die Hände ihren Rock hochschoben und wie die Schreie von Johann hinter ihr her grellten, dann wäre sie nutzlos. Dann müsste sie nach Hause zurück. Und da wartete wahrscheinlich Johanns Vater nur darauf, ihr endgültig den Hals umzudrehen, so wie sie seinem Sohn den Arm verdreht hatte. Immerhin war er der Baron von Hagen. Sie musste zaubern können. Sie legte das Brot beseite, nahm sich das Buch und begann, wieder die Bewegungen des Schwebezaubers zu üben, an dem sie gesessen hatte, ehe sie eingedöst war.

Titus führte sie in ein kleines Wohnzimmer. Kaum, dass sie den Raum betreten hatten, sprang eine Frau auf mit schwarzen Haaren, die schon mit silbernen Fäden durchzogen waren, vom Sofa auf und fiel William um den Hals. „William! Es ist so lange her, schön dich endlich mal wieder zu sehen.“ Sie ließ ihn wieder los, ging etwas auf Abstand und fügte leicht vorwurfsvoll hinzu, „Du kannst dich ruhig mal öfter sehen lassen. Das letzte Mal ist ja schon ewig her“. Nun erst erkannte Mitras Stefania, Williams Schwester. „Ha, äh, ja, aber die Arbeit. Ich hab ja kaum Zeit für irgendwas.“ stammelte ihr Bruder verlegen. Mitras wunderte sich, war William nicht erst letztens weg gewesen, um sie zu besuchen? Er würde ihn später zur Rede stellen, jetzt war aber nicht der richtige Zeitpunkt für eine Szene. Mitras selbst war Stefania in den letzten Jahren nur ein paar Mal begegnet, als Kind aber deutlich häufiger. Sie war gut zehn Jahre älter als William und hatte ihn eine Zeit lang allein groß gezogen, als die beiden bei Verwandten in Albion untergekommen waren. Mitras wusste nicht mehr, warum sie ihre Eltern damals verlassen mussten, aber was der Grund auch war, so hatte er wenigstens die Chance gehabt William kennen zu lernen. Warum er sie aber nun mied, sollte er wohl besser bald mal herausfinden, jedenfalls wollte er nun nicht als Sündenbock herhalten und sagte: „Aber William, du weißt doch, ein Wort und du hast einen Tag frei.“ „Äh ja aber…“ „Nichts aber, wir klären das später in Ruhe. Werte Stefania, sollte ich dir in irgendeiner Weise deinen Bruder vorenthalten haben, so tut es mir leid.“ „So die Herren mögt ihr nun bitte Platz nehmen?“ Titus saß bereits am Tisch und blickte etwas finster drein. Schlagartig wurde Mitras ernst, was auch immer vorgefallen war, es musste sich um etwas größeres handeln, um den immer fröhlich wirkenden Titus so auf die Laune zu schlagen. Mitras setzte sich ihm gegenüber und eröfnete das Gespräch: „Sie sehen nicht glücklich aus, also muss etwas schief gelaufen sein, oder Sie haben andere wahrhaft schlechte Nachrichten.“ „Ich habe gar keine Nachrichten. Jeglicher Versuch die Manufaktur oder einen anderen Geschäftsbereich der di Porrums zu infiltrieren ist gescheitert. Ich habe sogar einen Mann verloren, einen sehr guten und einen Freund.“ „Das tut mir leid zu hören, wirklich. Hatte er Familie?“ „Hatte er.“ Presste Titus zwischen den Zähnen hervor. Mitras griff sofort in seine Tasche und sammelte ein paar Münzen zusammen. Er schob zehn Goldmünzen über den Tisch, ein kleines Vermögen. „Ich möchte dass die Witwe dieses Geld bekommt, richtet ihr mein aufrichtiges Beileid aus und sagt ihr, dass Geld keine Wunden heilen kann, ich aber auf keinen Fall will, dass aus meinem Auftrag heraus auch noch ihre Existenz und die Zukunft ihrer Kinder zerstört wird.“ Titus entspannte sich wieder ein bisschen. „Eine noble Geste Lord di Venaris, wir hätten uns auch so um die Familie gekümmert, aber ich weiß das hier sehr wohl zu schätzen.“ „Der Verlust ihres Freundes tut mir leid Titus, aber warum auf einmal diese Probleme? Es war schon immer schwer etwas aus den Geschäften der di Porrums zu erfahren, aber Sie konnten bisher doch immer zumindest Boten bestechen oder auch mal einen Buchhalter aushorchen. Was hat sich geändert?“ „Ich fürchte, es ist den di Porrums gelungen, mehr magische Unterstützung zu erlangen. Ein Vertrauter geht davon aus, dass sie einen guten Hellsichtmagier beschäftigen oder zumindest mit ihm zusammen arbeiten. Es wird sich dabei wohl mindestens um einen Magister handeln.“ Mitras fluchte ausgiebig. Wenn dieser Magier ihre Verteidigung schon so verstärkte, wie sehr konnte er sie dann im Angriff unterstützen. Er musste sich dahingehend unbedingt mit Nathanael beraten. Er selbst kannte keine Hellsichtmagier näher. Schon die Spiegel ohne größere Nachfragen zu bekommen war ein schwieriges und teures Unterfangen gewesen. „Nun das ist ein Problem, aber sagt Titus, Sie kennen nicht zufällig einen Hellsichtmagier, der mich bei der Verteidigung gegen diese neue Bedrohung unterstützen kann oder?“ „Nun, ich müsste erst Rücksprache mit meiner Quelle halten und ich bin mir auch noch nicht sicher, ob ich das will. Dieser Auftrag ist deutlich gefährlicher, als ich dachte.“ „Das verstehe ich. Mir geht es auch ausschließlich um die Defensive. Die di Porrums werden diesen Magier sicher auch offensiv einsetzen und ich brauche Schutz. Ich bin bereit sehr großzügig und diskret zu sein.“ „Das glaube ich Ihnen, ich werde es vorschlagen und dann sehen wie die Reaktion ausfällt.“ Mitras merkte, dass Titus alles versuchte, um ja keine Hinweise auf seinen Kontakt durchsickern zu lassen. Wer es auch war, die Person musste ihm wichtig sein. „Gut, ziehen sie ihre Leute so weit wie nötig zurück. Ich brauche weiter jede nur erdenkliche Information, aber sie sollen kein unnötiges Risiko eingehen. Ich verdopple den vereinbarten Preis, um das Risiko auszugleichen.“ Titus sah ihn erstaunt an und blickte kurz zu Stefania. Anscheinend war er so viel Entgegenkommen von seinen adeligen Kunden nicht gewohnt.

Mitras lehnte sich zurück. Die neue Bedrohung war besorgniserregend. Aber deswegen war er heute nicht hier. Er musste mehr über diesen Bastard Johann herausfinden. Kira hatte nur gesagt, dass er adelig war, aber nicht zu welchem Haus er gehörte. Offensichtlich war er nicht magisch, sonst hätte er sich wehren können. Aber das hieß nicht, dass es in seiner Familie keine Magier gab. Und selbst wenn sie zu den nichtmagischen Adelslinien zählte, war nicht klar wie groß ihr Einfluss war. Es konnte sehr wohl sein, dass Johann oder sein Vater in diesem Moment ihre Rache an Kira planten. Außerdem war dieser Johann ganz offensichtlich ein Schwein. Kira war sicher nicht sein erstes Opfer und wohl auch nicht sein letztes, auch wenn ihn die Verletzung wohl erstmal zur Ruhe bringen sollte. Aber darauf konnte und wollte Mitras sich nicht verlassen. Er wollte diesem Mistkerl das Handwerk legen. Aber dazu musste er erst mehr über diesen neuen Feind wissen.

„Gut, das Ganze ist eine besorgniserregende Entwicklung, aber heute bin ich eigentlich gar nicht wegen der di Porrums hier. Ich habe einen neuen Auftrag, weniger gefährlich, dafür mit mehr Reiseaufwand verbunden oder eben Hellsicht, wenn Ihr Kontakt dazu bereit ist. Es geht um meine Schülerin. Ihr ist Schreckliches wiederfahren und darüber muss ich mehr wissen, da es sowohl für mich, aber insbesondere für sie eine Gefahr darstellen könnte. Bei dem was ich nun wiedergebe, bitte ich alle Anwesenden um absolute Diskretion.“ Alle nickten. Mitras fuhr fort: „Das Erwachen von Magiern geschieht nicht immer ruhig und bei Kira war es besonders turbulent. Öffentlich heißt es, dass sie betrunken einen jungen Herren angegriffen hat. Tatsächlich hat sie sich aber gewehrt. Sie ist nur knapp und nur dank ihrer Fähigkeiten einer Vergewaltigung entgangen.“ William knurrte wütend: „Und ich bin immer noch der Meinung, dass wir keine Zeit verlieren sollten und sofort selbst nach Norden fahren sollten um den Kerl aufzuknöpfen!“ Stefania griff seinen Arm und drückte ihn. „Lass ihn ausreden.“ Mitras atmete langsam aus und fuhr fort: „Der Grund, warum ich diesen Johann noch nicht habe herschleifen lassen, um ihn vor Gericht zu stellen ist der, dass er adelig ist und ich nicht weiß, wie adelig. Kira konnte mir nur berichten, dass er von höherer Geburt ist und das kann alles heißen, vom Neffen eines Herzogs bis zum Bastard eines verarmten Barons. Ich muss also wissen um wen es sich handelt und wie ich an ihn heran kommen kann.“ Mitras hofte, dass, wenn er diesen Johann zur Strecke bringen würde, es Kiras Blockade lösen könnte. Das wollte er Titus gegenüber aber nicht unbedingt erwähnen. Informationen waren schließlich Geld wert. „Also Titus, ich habe nur den Namen Johann. Er ist adelig und aus der Gegend um Bispar. Er ist ungefähr 17 Jahre alt und hat gerade eine umfassende magische Behandlung seiner schwer verletzten Arme bekommen. Ich muss wissen, um wen genau es sich handelt und wie seine Verbindungen aussehen. Offiziell ist Kira der Aggressor in dieser Geschichte und nur die Entdeckung ihrer Fähigkeiten hat sie vor einem Schauprozess und einem Schuldspruch gerettet. Ich will, dass ihr Ruf wieder hergestellt wird und dass dieser elende Bastard nie wieder einer Frau leid zufügt.“ „Ihr wollt also einen Adeligen dingfest machen, der sich gern an kleinen Mädchen vergreift? Das gefällt mir. Betrachtet die Sache als erledigt, ich bringe Ihnen alle nötigen Informationen, um ihn anzuzeigen und fertig zu machen. Die Anhebung des Solds in der anderen Sache ist mehr als genug, das hier ist als Bonus mit drin. Als Zeichen, dass wir ihre Großzügigkeit zu schätzen wissen. Und weil mir die Sache zusagt.“ Stefania beugte sich lächelnd vor. „Ja, das habe ich mir gedacht. Mitras, ich kenne dich schon lange, und es zeigt sich mal wieder, dass du dein Herz immer noch am richtigen Fleck hast. Bring Kira hier zu mir, oder etwas, dass sie aus Bispar mitgebracht hat und dass ihr wichtig ist, dann werden wir rasch mehr wissen.“ Mitras blickte sie verblüfft an. „Zu dir?“ Titus schien leicht verzweifelt zu sein und schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. William grinste. „Mitras, da sie es selbst sagt, darf ich dir meine Schwester Stefania vorstellen? Hellsichtmagierin der Inuk, vom Rang einer Erzmagierin, wir ihr in der Gildenmagie sagen würdet.“ Mitras hatte das Gefühl, ihm würde kurz der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Stefania war Titus Quelle! Kein Wunder, dass er sie so schützte. Er räusperte sich. „Oh.“ Und nachdem er sich gesammelt hatte, fügte er hinzu: „Das ist mir eine Ehre, Stefania. Ihr hütet eure Geheimnisse gut.“ Stefania lächelte. Plötzlich verstand Mitras, warum er bei ihr immer das Gefühl gehabt hatte, keine Aura sehen zu können, obwohl selbst nichtmagische normalerweise eine Gefühlsaura hatten. Sie hatte sie vermutlich verborgen. Die Inuk, das fahrende Volk, hatten eigene Pfade und Wege, ihre magischen Kinder auszubilden, und Hellsicht kam bei Ihnen tatsächlich öfter vor als die anderen Magiearten. Das erklärte auch, warum William oft nur gesagt hatte, seine Schwester sei „weg“ und er „allein zu Hause“. Vermutlich war sie zu einem Lehrmeister oder einer Lehrmeisterin gereist. „Du brauchst jetzt nicht förmlich zu werden, Mitras. Ich hab dir sogar mal den Po abgewischt, auch wenn du dich daran vermutlich nicht mehr erinnern kannst.“ Das konnte er in der Tat nicht und war auch dankbar dafür. „In Ordnung. Gut, ja, etwas von Kira oder sie selbst sollte ich wohl herbringen können. Oder du besuchst uns am Mafuristag oder so und lässt dich von deinem Bruder bekochen.“ William wollte protestieren, wurde jedoch von Stefania unterbrochen. „Eine hervorragende Idee, kleiner Bruder, nicht wahr? Dann kannst du mir auch sagen, warum erst dein Arbeitgeber ein Geschäft mit uns haben muss, damit du wieder auftauchst.“ William schien nicht geneigt zu sein, auf diese Frage eine Antwort geben zu wollen. „Du bist doch die Magierin.“ grummelte er. „William!“ Ihr Lachen war ansteckend und freundlich. „Ich schaue nicht in deinen Kopf, selbst wenn ich es könnte.“ Sie blickte wieder zu Mitras. „Also ist es abgemacht. Ich komme herum, sobald es passt.“ Mitras nickte. Er spürte, wie die Gespräche ihn ermüdeten. Messerangriffe, Vergewaltigungen und verletzte Frauen gab es in diesem Land eindeutig zu viele. Eine Weile sprachen die vier noch über einige Tagesthemen der Hauptstadt und über die Pläne der Generalität, mit dem Elektrum einen neuen Eroberungszug starten zu können, und Mitras spürte, wie mutlos er dabei wurde. Schließlich verabschiedete er sich und ging stumm mit William nach Hause. Dieser schien seinen Gedanken ebenso nachzuhängen, und so verabschiedeten sie sich kurz, als sie im Haus waren, und Mitras ging rasch schlafen. Morgen würde er mit Kira reden, ihr ein paar Bücher zur Telekinese empfehlen und schauen, was er sich von ihr wohl für den Hellsichtzauber leihen konnte. Und dann würde er zumindest gegen einen dieser deprimierenden Zustände etwas tun können. Auch mit William würde er bald reden müssen. Was war vorgefallen, dass er Treffen mit seiner Schwester vortäuschte sie selbst aber mied. Er würde sicher Gründe dafür haben, aber Mitras spürte ein leichtes Stechen bei dem Gedanken, dass sein ältester Freund Geheimnisse vor ihm hatte und ihn und seine Schwester sogar anlog. Konnte er ihm wirklich noch trauen?

Der Geschmack von Angst – 25. Lunet 242 (Uldumstag)

Am nächsten Morgen konnte Kira beim Frühstück beinahe nichts essen, so aufgeregt war sie. Sie hatte gestern gemeinsam mit Mitras erneut den Generator geladen, und wieder waren sie nach etwa einer dreiviertel Stunde mit dem gesamten Prozedere durch gewesen. Auch diesmal hatte sich das Sammeln der Magie beinahe wie zeitlos angefühlt, und Kira hatte sogar das Gefühl gehabt, das leise Waldrauschen, dass sie während des Kanalisierens gehört hatte, hätte noch beim Schlafen gehen in ihren Ohren geklungen. Vermutlich war das auch der einzige Grund gewesen, warum sie überhaupt hatte einschlafen können.

Mitras sah sie schmunzelnd an, als sie nervös im Zirkel vor ihm stand und die Hände knetete. „Gut, Kira, wir beginnen erstmal mit Übungen zum Kanalisieren. Nervös sein ist normal, aber keine Sorge, bei deinem Potential wird dir das Zaubern nicht schwer fallen.“ Er schien nicht ganz von seinen Worten überzeugt zu sein, aber Kira spürte dennoch wie sie sich etwas entspannte. „Hast du dir eine Form überlegt?“, fragte ihr Mentor, während er seine Geräte justierte und aktivierte. „Ähm, ja, also, ich dachte ein Krug vielleicht? Einen einfachen, ohne Henkel? So wie das Glas an meinem Nachttisch?“ Eigentlich hatte sie sich bis heute morgen überhaupt nicht mit sich selbst einigen können und der Vorschlag war eher aus der Verzweiflung entstanden, irgendwas zu brauchen, doch zu ihrer Erleichterung nickte Mitras. „Gut. Dann setz dich. Wir wollen eine kleine Menge Magie. Zieh sie dir heran und halte sie.“ Kira setze sich, konzentrierte und sammelte die Engergie. Der erste Atemzug war zu angespannt, und sie spürte selbst, dass die Menge wohl gereicht hätte, einen komplett neuen Verjüngungszauber zu wirken. „Eine KLEINE Menge.“, mahnte Mitras. Kira spürte, wie ihre Unsicherheit stieg und ihre Wangen rot wurden. „Entschuldige.“, murmelte sie und ließ die Magie aus sich fließen. Konzentriert schaffte sie es nach zwei weiteren Versuchen, die von Mitras gewünschte Menge in sich zu halten. Er ließ sie die Magie halten und wahrnehmen, dann lösen und wieder neu diesselbe Menge heranziehen. Die Magie floß durch sie hindurch und hinterließ einen Geschmack von Karamellbonbons auf ihrer Zunge. Nach einer halben Stunde und etlichen Wiederholungen hatte sie das Gefühl, den Waldboden ihres Lieblingsortes im Moor riechen zu können und wurde endlich auch ruhiger.

„Gut. Dann konzentriere dich jetzt auf den Ton vor dir.“ Mitras, der seitlich neben ihr saß, deutete auf den Tonklumpen vor ihnen. „Lass die Magie in den Ton fließen. Lenke den Fluß mit deinen Händen. Denke daran, wie es aussehen soll. Und wenn du sprichst, lass die Magie los.“ Kira nickte. Die Aufregung stieg wieder sprunghaft an. Sie zog die Magie in sich, hob die Hände, sah den Klumpen Ton an… ein Krug… sie spürte die Magie in ihren Armen…der Geschmack auf der Zunge wurde beißender…plötzlich überrollte sie ein Gefühl von Ekel. Die Magie fühlte sich an wie Hände. Auf ihren Armen. An ihrer Brust. Hände, die sie nicht wollte. Scharfer Geruch von etwas Verbranntem erfüllte ihre Nase. Etwas knallte und sie drehte sich würgend zur Seite, hatte das Gefühl, ihr Innerstes würde nach außen gekehrt werden, während sie wieder in der Scheune stand, wieder ihm ausgeliefert war…

„Gut. Dann konzentriere dich jetzt auf den Ton vor dir.“ Mitras gab ihr noch eine Reihe weiterer Anweisungen, während er sich voll auf seine magischen Sinne konzentrierte. Er sah den Energiefluss. Sie hatte nun die richtige Dosierung gefunden und er sah an ihrer Aura, dass sie zwar aufgeregt war, sonst aber alles stimmte. Sie hatte die Menge gut unter Kontrolle und begann mit dem Zauber. Die Magie begann, in ihre Arme und Hände zu fließen. Sofort spürte Mitras, dass etwas nicht stimmte. Schlagartig veränderte sich ihre Aura, nackte Panik, die schnell von ihr Besitz ergriff. Um den Zauber noch zu unterbrechen war es schon zu spät, mit einem schmatzenden Knall explodierte der Tonklumpen und verteilte sich über das Labor. Wie durch ein Wunder wurde keines der Geräte umgeworfen, aber im Probenregal zersplitterte irgendwas. Im gleichen Moment durchfuhr ihn ein dumpfer Schmerz, ein Klumpen hatte ihn am Bauch getroffen und ihm die Luft aus den Lungen getrieben. Halb benommen ließ er sich in Kiras Richtung fallen, um die Magie, die sie gerade wieder sammelte, abzulenken. Merkbar benebelt wirkte er rasch einen defensiven Zauber, einen Schild, der das gröbste abfangen sollte. Er bekam Kiras Handgelenk zu fassen und zog recht grob die Magie aus ihr heraus, was sie mit einem schrillen Schrei und einem erneuten Sammeln weiterer Magie quittierte. Anhand ihrer Aura sah er klar, dass sie ihn angreifen würde, sie wirkte komplett von Sinnen. Mühsam um Atem ringend rief er: „Kira, ich bin es.. Mitras!“ Sie griff mit der zweiten Hand nach seinem Arm, versuchte, ihn wegzudrücken und kreischte: „Nein! Ich will das nicht!“ Er ließ los. „Kira! Kira! Es ist alles in Ordnung! Was willst du nicht?“

„Kira!“ Jemand rief ihren Namen. Jemand, der ein Freund war. Sie blickte auf. Mitras saß vor ihr. Mitras. Ihr Mentor. Sie blinzelte. An seiner Wange war eine Schramme und er hielt sich die Magengrube. „Oh, Geister!“ Hatte sie ihn verletzt? Schon wieder jemanden verletzt? Sie griff nach der Hand, mit der er sich neben ihr auf dem Boden aufstützte. „Mitras. Magister. Oh…“ Sie spürte, wie die Übelkeit nochmal wie eine Welle über sie rollte und krümmte sich zusammen. Er griff nach oben und hielt sie an den Schultern fest. „Was ist passiert?“ Sie keuchte, rang um Luft und Worte. Dann ließ sie sich gegen ihn sinken. Mitras. Sein Geruch hüllte sie ein, vertrieb den Geruch nach verbanntem Karamell, der ihre Übelkeit verstärkt hatte. Sie war in Sicherheit. Er hatte gefragt, was passiert war. Er war der erste, der sie wirklich gefragt hatte. Ein Freund. Mit leiser Stimme begann sie zu erzählen.

„Es war der Geburtstag von unserem Bürgermeister. Alle waren eingeladen, sogar ich. Und alle sind gekommen, auch aus den Nachbarsdörfen und auch die Adeligen aus Lührenburg und Hagen und so, die immer kommen, wenn es Met gibt und gutes Fleisch. Weiß jeder. Ich hab’s nicht gewusst. Ich hatte mein Winterkleid an, das ist mit Pelz besetzt, und unsere Festhalle ist warm. Ich hab Met getrunken, mit mir reden wollte eh niemand so richtig, Adrian war nicht da und Bruder Harras muss auf solchen Festen immer mit allen reden. Und mir war so warm…“ Sie verstummte kurz und schaute auf Mitras Hand, die ihre hielt, ehe sie stockend weiter sprach: „Ich… ich bin nach draußen gegangen, zur Scheune. Es war so warm… Ich hab… ich hab… mein Kleid aufgeknöpft. Ich wollte nur abkühlen. Ich hab nachgedacht, ob ich nach Hause gehen soll. Und als ich zur Tür gegangen bin, stand einer von den Adeligen da. Johann. Ich wusste seinen Namen, weil die anderen Mädchen über ihn gesprochen haben. Ich hab mein Kleid zugehalten und wollte an ihm vorbei…“ Sie stockte wieder. Sie hätte sich wegdrehen sollen, sich erst wieder richtig anziehen sollen. Mitras Hand umfasste ihre fest. Sie schaute auf seine Finger, warm und beschützend über ihre Hand gelegt. „Er hat mich gegriffen. Mich festgehalten. Und gesagt, ich solle mal zeigen, was ich da habe. Ich wollte nicht. Aber…“ Sie blickte Mitras schräg von unten an, ängstlich. Würde er verstehen, warum sie sich nicht einfach losgerissen hatte? „Du bist in Sicherheit, dir kann hier nichts passieren.“ Er löste den Griff um ihre Schulter etwas, wich aber nicht zurück. „Er ist adelig. Und ich nicht. Er…“ Sie schluckte und flüsterte die nächsten Worte. „Er hat meine Hand beiseite geschoben und meine Brust angefasst. Ich hab versucht mich zu drehen, weg, aber er war stark, und hat um mich gefasst. Es hat wehgetan. Und er… er hat gesagt, wenn ich stillhalte, wird es mir gefallen… aber es hat mir nicht gefallen. Und dann… dann… er hat… mit der Hand meinen Rock gegriffen, hier…“ Sie deutete mit der Hand an, wie Johann ihr den Rock fast bis zum Schritt hochgezogen hatte. „Und ich hab so Panik bekommen. Ich wollte nicht. Ich hab noch nie mit einem Mann geschlafen. Ich wollte nicht. Und irgendwie war da plötzlich ein Knacken und Knistern wie Feuer und es hat irre nach verbranntem Karamell gerochen so wie jetzt und ich wollte seine Hand wegziehen und dann hat er geschrien und losgelassen und ich bin gerannt, einfach nur gerannt und er hat geschrien, bis ich beim Waldrand war konnte ich ihn hören. Ich hab noch nie jemanden so schreien hören, das war fürchterlich.“ Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. Sie hatte nicht geweint seit der Nacht, in der sie sich an ihre Eiche gelehnt und geweint hatte, bis sie keine Tränen mehr in sich hatte. Jetzt schien es, als sei der Damm erneut gebrochen und sie schluchzte und schniefte und krallte sich dabei an Mitras Robe und Oberkörper fest. Seine Hand strich über ihren Rücken. Sie hatte das Gefühl, er wäre wütend, aber als sie nach einem kleinen Moment nach oben sah, war sein Gesicht so unbewegt wie immer. „Als ich später nach Hause gekommen bin, war niemand da. Ich bin in mein Zimmer gegangen. Am nächsten Morgen war es von außen abgeschlossen, und Bruder Harras war da, er hat vor der Tür gewartet, dass ich aufwache. Er hat mir gesagt, dass ich starke Magie gewirkt habe, böse, doch eine Hexe, aber ich bin keine Hexe und dass ich jetzt zur Gilde gehen werde. Ich hab Johann den Arm verdreht, die Kochen und die Muskeln, und niemand weiß, ob die Gildenmagier das wieder hinbekommen, aber sie versuchen es. Und er hat sich entschuldigt, dass er nicht aufgepasst hat, aber es war ja gar nicht seine Schuld…Meine Mutter war dagegen, dass ich weggeschickt werde, ich glaube, sie wollte mich lieber verbrennen oder so… auf jeden Fall hat sie das zu ihm gesagt. Gebrüllt. Und er hat ihr zugesprochen. Naja. Nachher hat sie ja Gold von dem Magier bekommen, der mich abgeholt hat, und dann war es ihr egal oder so. Und der Magier hat auch gesagt, die Heilung sei geglückt, aber das ich ziemlich gefährlich sei, zu unkontrolliert…“ Mitras hielt sie fest, und obwohl seine Umarmung etwas schützendes, tröstendes hatte, spürte sie auch deutlich, dass er wütend war. Kira sackte noch ein Stück mehr in sich zusammen.  „Es tut mir leid. Ich hab den Zauber nicht hinbekommen. Ich hab es wieder nicht kontrolliert.“ Bestimmt würde er sie zurückschicken. Sie wollte nicht zurück.

Sie wäre beinahe vergewaltigt worden und ihre Mutter dachte allen Ernstes nur daran, sie als Hexe verbrennen zu lassen! Innerlich tobte es in Mitras. Wäre auch nur eine der beiden Personen, Johann oder ihre Mutter hier, er wüsste nicht, was er ihnen antäte. Für die beiden war es sehr gut, außer Reichweite zu sein. Er versuchte sich zu beruhigen, das war jetzt nicht wichtig und konnte warten. Er musste sich wieder unter Kontrolle bekommen und sich um Kira kümmern. Sie hatte Schreckliches erlebt und der Zauber hatte sie komplett auf diese Ereignisse zurück geworfen. Kein Wunder, dass er so aus dem Ruder gelaufen war. „Kira, alles ist gut. Hier bei uns bist du sicher. Keiner wird dir etwas zu leide tun, solange ich es zu verhindern weiß. Mach dir über den Zauber keine Gedanken. Es ist nicht deine Schuld, dass er schief gelaufen ist. Magie wird stark von Emotionen beeinflusst und nach den Erlebnissen konnte das nichts werden. Du hast dem Mistkerl nichts angetan, jedenfalls nichts was er nicht auch absolut verdient hätte. Du hast ihn nicht angegriffen, du hast dich verteidigt. Und das mit Recht. Dieser Bastard sollte nun eigentlich in einem Kerker schmoren, ohne, dass ihn jemand wieder heilt.“ Mitras war außer sich. Einen Moment lang überlegte er, ob es nicht völlig unpassend war, dass er – ein ja doch eigentlich auch fremder Mann – sie anfasste. Auf der anderen Seite schien sie sich geradezu an ihm festzuhalten. Er ließ dennoch die Hand sinken, mit der er eben noch ohne darüber nachzudenken ihren Rücken gestreichelt hatte. Sie schniefte erneut. „Aber wenn ich nicht zaubern kann, kann ich doch auch nicht bleiben…“ „Da mach dir mal keine Sorgen drum. Du hast so ein großes Potential. Und jede Magieform fühlt sich anders an. Verwandlungsmagie ist jetzt negativ für dich behaftet. Das nennt man ein Trauma, daran müssen wir arbeiten, aber wenn du es überwinden kannst, dann kannst du auch Verwandlungsmagie anwenden. Erst einmal machst du jetzt ein paar Tage Pause. Du bist ja komplett fertig, und das ist ja auch verständlich. Danach werden wir es erst einmal mit Telekinese versuchen. Aber bis Miras wirst du dir erstmal frei nehmen und dann liest du dich ein bisschen in die Schule der Bewegung ein und wir besprechen am Abend, wie wir in der Woche weiter vorgehen.“

Er schickte sie nicht weg. Sie spürte unglaubliche Erleichterung. Sie bekam eine zweite Chance. Telekinese. Diesmal würde sie sich besser kontrollieren, nicht die Erinnerungen überhand nehmen lassen. Sie versuchte, ihn zaghaft anzulächeln. Die Schramme an seiner Wange war gar keine Schramme, sondern eine Spur vom Ton. Er hatte Ton auf der Robe und sie hatte sie nass geheult. Verlegen schaute sie sich um. Der Ton war überall im Raum. Aus dem Reagienzenregal rieselte feiner Staub aus einem zerbrochenen Glas zu Boden. „Oh, bei den Geistern.“ Verzweifelt blickte sie das Chaos an. Die Übelkeit ließ langsam nach. „Keine Sorge, das bekomme ich schnell wieder sauber.“ Mitras war ihrem Blick gefolgt. „Aber, sollte ich das nicht machen?“ Sie wischte mit der Hand über eine Tonspur auf dem Boden vor ihr, doch das vergrößerte den Fleck nur. Mitras griff ihre Hand. „Du ruhst dich jetzt aus und machst gar nichts mehr.“ Kira spürte deutlich seine Wut, auch wenn er sich bemühte, sie nicht zu offen zu zeigen. Betroffen ließ sie die Schultern sinken. Was nutzt alles Potential, wenn man es nicht nutzen kann. Was für eine schreckliche Schülerin sie nur war – ein fürchterliches Chaos hatte sie da angerichtet. Kein Wunder, dass er wütend auf sie war. Und trotz alledem bemühte er sich noch, freundlich zu bleiben und sie zu schonen. Es tat ihr fast körperlich weh, nicht selbst ihre Verfehlungen wieder wegzuputzen, aber sie stand gehorsam auf, verabschiedete sich leise und ging in ihr Zimmer. Dort zog sie die Robe aus, ihren Schlafanzug an und ließ sich aufs Bett sinken. Die Tränen waren wieder versiegt, doch sie fühlte sich völlig leer und verzweifelt. Nach einer Weile sammelte sie sich, holte sich das Buch zur Einführung in die Magie und begann, das Kapitel zur Telekinese zu lesen. Am Mirastag durfte es nicht noch einmal schief gehen!