Alte Rechnungen – 7. Lunar 242 (Uldumstag)

Der Rest der Woche verging mit Übungen zur Telekinese, Lernen der Theorie, Mathe, Physik, Geschichte, einigen weiteren Sitzungen, um den Generator zu laden und der Tatsache, dass sie es doch schaffte, Abby im Haushalt zu helfen, wenn Mitras nicht hinsah. Kira schaffte es, nicht jedes Mal nach einer Sitzung mit Mitras mit klopfendem Herzen auf dem Bett zu sitzen und fand, dass sie sich also gar nicht so schlecht anstellte als heimlich verliebte Schülerin. Das Laden war allerdings eine Ausnahme – auch wenn das Kanalisieren selbst sie zunächst davon ablenkte, wenn sie ins Bett ging, spürte sie überdeutlich Mitras Hände auf ihren Armen und hatte das Gefühl, das würde richtig prickeln. Aber in ihrem Zimmer sah Mitras sie ja nicht, also konnte sie dort ja heimlich verliebt sein. Am nächsten Uldumstag bestand Mitras darauf, dass sie sich einen Tag frei nähme – als ob sie nicht schon den Silenz mit Gesellschaftspielen und Lesen statt Lernen verbracht hätte – und so beschloss Kira, Sebastian zu suchen.

Sie fand ihn wie erwartet in der Bibliothek, und der junge Adelige freute sich so offensichtlich, sie zu sehen, dass Kira nochmal darüber nachdachte, ob er nicht vielleicht doch ein romantisches Interesse an ihr hatte. Allerdings war das unwahrscheinlich, schließlich war sie nur eine Gesprächspartnerin mit ungewöhnlichen Haaren für ihn. Ihr war sehr wohl bewusst, dass er sie mit auf Bälle oder ähnliche Ereignisse nehmen konnte, allein, weil durch ihre Haarfarbe alle dann auch auf ihn aufmerksam geworden wären. Und so wie sie es verstand, genoß Sebastian Aufmerksamkeit sehr. Ob es daran lag, dass er als adeliger, aber nicht magischer Sohn sich zwar alles erlauben konnte, aber auch in der Familie irgendwie derjenige war, der am wenigsten Sinn und Aufgabe im Leben hatte? Sein ältester Bruder war Elementarmagier, seit letztem Jahr sogar Magister, der zweitälteste Bruder übernahm die Geschäfte des Vaters und seine jüngere Schwester besuchte die Schule der Verwandlungsmagie. Nur Sebastian fröhnte außer seiner Leidenschaft für die Bibliothek wohl nur der für schöne Frauen, Pferde und gutem Essen. Wobei, dass musste sie eingestehen, man ihm das letztere kaum ansah. Seine Figur war wirklich sportlich. Er beendete seine Arbeit in der Bibliothek, nachdem sie eine Weile in Geografiebüchern zu Skirgardian gelesen hatte, wie auch die letzten Wochen. Insgeheim hoffte sie, Informationen zu Skirhexen zu finden, aber bisher war das einzige, was wirklich passte, die Beschreibung der Moore, von denen es wohl auch nördlich von Burnias einige gab. Da das Wetter heute ausgesprochen gut war, schlug Sebastian vor, dass sie einen Spaziergang statt des üblichen Teetrinkens machen könnten, und Kira willigte ein. Sie liefen auf der alten Stadtmauer entlang und Sebastian amüsierte sie mit Klatschgeschichten zu den Häusern der Adeligen in der Altstadt, die man von dort oben sehen konnte. In den alten Wallanlagen, in denen sie schon mit Abby und Tobey Picknick gegessen hatte, fanden sie eine schöne Bank, und Sebastian holte von einem der Bäcker Brötchen und Kuchen, während Kira zu seiner Überraschung aus der Patisserie einige Pralinen kaufte. „Lady Silva, woher dieser plötzliche Reichtum?“, fragte er neckend. Kira lief rot an. Er hatte Recht, die Pralinen waren teuer, aber da er in den letzten Wochen stets bezahlt hatte, hatte sie ihm etwas zurückgeben wollen. Sie dachte nach und sagte dann: „Naja, ich bekomme Taschengeld. Das soll ich für gute Dinge ausgeben. Und da immer nur die Post zu bezahlen ja nicht ganz so lecker oder spaßig ist, dachte ich, etwas Schokolade wäre richtig.“ Wenn sie ehrlich war, war sie auch schrecklich neugierig. Sie kannte Schokolade – aber sie hatte bisher nie mehr als ein Stück bekommen. Nun lagen vor ihr zehn Pralinen, und sie sahen so hübsch aus! Sebastian griff sich eine und lächelte sie an: „Also ist Mitras großzügig?“ Kira spürte, wie sie noch röter wurde. „Ja, sehr.“, hauchte sie. Sebastian aß die Praline, und Kira nahm sich auch eine. Sie schmeckte wirklich wundervoll. Eine Spur von Nougat erinnerte sie an den Geschmack von Zaubern, die Mitras gewirkt hatte, und sie lehnte sie nach hinten und schaute verträumt in den Himmel. Das Leben war so wundervoll. „Du magst ihn, eh?“ Sebastians Stimme war spöttisch, aber nicht bösartig. Kira schreckte zusammen und schaute verlegen zu Boden. „Ja, schon…“ Sebastian pfiff leise. „So schlimm?“ „Was meinst du?“ Sebastian lachte und stupste sie leicht an. „Hör mal, ich habe genug Mädchen gesehen, die sich verknallt hatten. Du läufst rot an wie eine Tomate und dein Blick schwebt auf Wolken, wenn man ihn erwähnt. Du magst ihn mehr als nur ein bisschen, habe ich Recht?“ Kira wusste nicht, was sie sagen sollte. Er hatte Recht, aber durfte er das wissen? Wie sollte sie es leugnen? Eigentlich hatten sie sich ja gerade erst auf das „du“ geeinigt, kannten sich doch kaum, aber andererseits wollte sie ja gern mit ihm befreundet sein, und zur Freundschaft gehört, dass man ehrlich ist. Letztendlich zuckte sie mit den Schultern und murmelte: „Kann sein. Ist ja aber egal, er interessiert sich sowieso nicht für mich, und selbst wenn, er ist ja viel älter und ich bin nur eine kleine Schülerin vom Dorf….“ Sebastian schaute sie an und nickte dann ernst. „Es wäre nicht ganz ungewöhnlich, aber auf jeden Fall einen kleinen Skandal wert, wenn er mit dir ins Bett gehen würde.“ „Sebastian!“, schimpfte Kira. „Was hast du nur für unanständige Gedanken in deinem Kopf!“ Sebastian grinste, beugte sich vor und flüsterte: „Gib zu, du hast darüber nachgedacht.“ Kira schaute ihm in die Augen. Er schaute spöttisch, aber da war noch etwas anderes, etwas trauriges, etwas verständnisvolles. Hatte sie darüber nachgedacht? Sie kämpfte mit sich. Ja, sie hatte darüber nachgedacht, aber sie hatte es auch schnell verworfen – Sex war immer noch nicht das, worüber sie unbedingt nachdenken wollte. Wobei, Mitras… „Erde an Kira!“ Sebastian schnipste mit den Fingern vor ihren Augen und sie zuckte heftig zusammen. Er grinste. „Ok, soweit haben wir das also geklärt.“ Er wurde ernst. „Keine Sorge, ich sage es niemandem. Ich weiß genau, wie es ist, jemanden zu begehren und zu lieben, der unerreichbar für einen ist.“ Neugierig sah Kira ihn an. „Wieso das? Ich dachte, es sei so leicht, die schönen Frauen zu bezirzen…“ Zumindest gemäß der Erzählungen, die sie in den letzten Wochen von ihm gehört hatte.  Sebastian lehnte sich zurück, wiegte den Kopf, schien nachzudenken. Dann sagte er leise: „Ich verrate dir ein Geheimnis, weil ich deines erraten habe. Manchmal ist es leicht, das stimmt, aber das hat was damit zu tun, welchen Stand man hat, weißt du? Eine Tochter eines neureichen Händlers fühlt sich geschmeichelt, wenn ein junger Adeliger ihr Avancen macht. Eine junge Magierin mag es vielleicht als Spaß sehen. Und wenn man oberhalb seines eigenen Standes fischen will… naja. Selbst wenn man erfolgreich ist, ist Liebe über den Stand hinweg immer noch unerreichbar. Und wenn man dann auch noch nichtmagisch ist…“ Kira schwieg einen Moment. Sebastian hatte Recht – insbesondere, wenn man bedachte, dass es durchaus möglich war, dass ein Adeliger eine Nicht-adelige heiratete, aber dass eine adelige Frau sich „unter Stand vergab“, war sehr verpönt, insbesondere, wenn es eine adelige Magierin wäre. Es dauerte einen Moment, ehe ihr in den Sinn kam, dass Sebastians Vater, wenn sie es richtig verstanden hatte, aber selbst ja gar nicht adelig und auch nicht magisch gewesen war, seine Mutter hingegen schon. Lag es daran? Spielte er auf seine Eltern an? War deren Ehe vielleicht doch nicht so glücklich, wie Mitras es mal dargestellt hatte? Sie schaute Sebastian an. Nein. Das war etwas persönliches. Etwas, das ihn selbst betraf. „Deine Eltern haben doch aber über Stand hinweg geheiratet.“, sagte sie. „Jaaaa! Das ist eine Ausnahme, weil meine Mutter einfach die Beste ist und sich nie an irgendwas hält, was vorgeschrieben ist, außer, es dient der Würde aller Menschen.“ Er hing eine Weile seinen Gedanken nach. „Hmm, auf jeden Fall befürchte ich, dass das nicht für mich gilt. Und auch nicht für den Rest der Gesellschaft. Aber schön wäre es. Naja. Sowas träumen Kinder. Aber ich bin ja erwachsen.“ Er wandte sich ihr zu. „Dein Fall hingegen ist ja nicht völlig hoffnungslos. Also, du siehst hinreißend aus und bist schlau. Sofern er auf flammend rote Haare steht, wirst du ihn bestimmt um den Finger wickeln können.“ Kira lachte, wenn auch etwas gezwungen. „Sag das nicht. Ich wette, er sieht mich höchstens als kleine Schwester oder so – und dafür kann ich schon sehr dankbar sein. Nicht alle bekommen so einen liebevollen Empfang in ihrem neuen Leben. Und außerdem“ , fügte sie leiser hinzu, „glaube ich kaum, dass ihm meine Haare besonders gefallen. Ich sehe ja aus wie eine Hexe, und die blöden Locken werden immer schlimmer.“ Sebastian lächelte auf seine übliche, leicht arrogante, leicht galante Art. „Lady Silva, wenn er die wundervollen Locken, die in der Tat scheinbar jede Woche etwas röter werden, nicht zu schätzen weiß, wird es bestimmt einige andere geben, die das können.“ Kira schubste ihn, in einer Mischung aus Verlegenheit und Necken. „Meint der Herr di Ferrus, ja? Aber selbst schätzt er es nicht, richtig?“ Im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Was ritt sie nur, eine derartige Frage zu stellen. Sebastian guckte sie verblüfft an, lächelte dann aber breit. Er nahm ihre Hand und sagte: „Kira, weißt du, wo ich dich das erste Mal gesehen habe?“ „In der Bibliothek?“ „Genau. Und weißt du, warum du dort warst?“ „Weil ich ein Buch über Etikette haben wollte?“ Sebastian lachte. „Ja und nein. Weil du lernen wolltest. Und du kommst nicht nur meinetwegen zu den Büchern. Du bist schlau, neugierig, eine starke Frau. Von Anfang an wollte ich mit dir befreundet sein, weißt du, richtig befreundet. Nicht irgendwie nur rumspielen, wie mit den Frauen, die ich auf irgendwelchen Bällen vorgestellt bekomme, die mich anhimmeln, wenn sie meinen Nachnahmen hören, sondern wirklich befreundet. So mit ehrlichen Gesprächen. Wie jetzt. Ich kann keine andere Frau lieben, mein Herz ist vergeben, ich kann nur spielen oder eben Freunde suchen. Ich hoffe, dass verletzt dich jetzt nicht.“ Kira saß einen Moment verblüfft und überwältigt da. So viel Ehrlichkeit hatte sie nicht erwartet. Sie sammelte sich kurz und schüttelte dann den Kopf. „Nein, das verletzt mich nicht. Danke für dein Vertrauen. War auch eine doofe Frage.“ Sebastian schüttelte leicht den Kopf. „Nein, alles gut. Die musste ja kommen, wenn ich immer so viel von anderen Frauen spreche. Aber ich schätze es wirklich sehr, wenn ich auch mal mit einer Frau wirklich reden kann. Ist einfach nicht dasselbe, wenn man mit einem Mann redet.“ Er setzte sich gerade hin und reichte ihr die Hand. „Freunde?“ Kira überlegte nicht lange. Sie griff seine Hand und schüttelte sie. „Freunde. Danke. Damit bist du offiziell der erste Freund, der nicht mindestens 10 Jahre älter oder 10 Jahre jünger als ich ist.“ Sebastian schaute sie verblüfft an, und Kira genoß es, eine Weile über die dämliche Dorfjugend in Bispar zu schimpfen, ehe sie mit Einbruch der Dämmerung zurück gingen. Sie fühlte sich entspannter danach, und glücklich. Schokolade, einen richtigen Freund und in ein warmes Zuhause zurückkehren können. Was für ein perfekter Tag, und das ganz ohne Lernen!

​Mitras schob nun schon die ganze Woche den Besuch bei Thadeus auf. Eigentlich wollte er ja Kiras Schulden​​​​​​ begleichen, da aber solche Fälle direkt von der Schule und nicht über die Gildenkasse abgerechnet wurden, musste er zu ihm. Als Schulleiter hielt er die Finanzen strikt unter seiner Kontrolle. Mitras war es zuwider, ihn deswegen aufzusuchen. Außerdem wollte er nicht, dass Thadeus auch nur auf den Gedanken kommen könnte, dass Mitras irgendeine persönliche Verbindung zu seiner Schülerin aufbaute. Dafür war Thadeus einfach zu gefährlich. Er würde nicht davor zurückschrecken, Kira irgendwie zu schaden, nur um ihn zu treffen. Im schlimmsten Fall würde er diese Information an die di Porrums durchstechen und sie die Drecksarbeit machen lassen. Und sollten sie dann auch noch dabei erwischt werden, würde er eben zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dass er sich offiziell von den di Porrums distanziert hatte, überzeugte Mitras nur teilweise – dafür war Thadeus einfach zu sehr an der Stabilität der alten Adelslinien interessiert, dass er jemanden wie Secus di Porrum völlig fallen ließ. Er überlegte schon die ganze Zeit, wie er das angehen sollte, es kam ihm aber keine Idee. Auch das Kira plötzlich zu Geld gekommen sei, wäre für Thadeus zu verräterisch.

​​​​​​​Er saß nun im Labor und wollte eigentlich noch ein paar Notizen übertragen, fand aber einfach keine Ruhe. Sein Blick schweifte über das Lagerregal und blieb an einer zerbrochenen Flasche hängen. Ein Spritzer Ton an der Schrankfläche dahinter verriet, was der Flasche zugestoßen war. Kiras erster Versuch einen Verwandlungszauber zu wirken hatte deutlich mehr Spuren hinterlassen, als er zuerst wahrgenommen hatte.

Mit einem Mal hatte er eine Idee. Warum sollte er nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Eilig zog er sich um und verließ das Haus in Richtung Schule. Es war nun kurz nach Mittag, er würde Thadeus also sicher in seinem Büro antreffen. Er wollte schnell sein, nahm also eine Kutsche und war binnen Minuten am Schulgelände angekommen. Vor der Tür der Leitungssekräterin blieb er stehen und sammelte sich. Für das was er vorhatte, musste er erbost genug aussehen. Der Gedanke, gleich vor Thadeus zu stehen, half ihm aber dabei, in die richtige Stimmung zu kommen. Er preschte also ins Büro hinein und rief in einem nur halb gespielten zornigen Tonfall: „Mitras di Venaris wünscht den Schulleiter zu sprechen. So bald wie möglich!“ „Bitte beruhigen Sie sich, ich werde Sie umgehend ankündigen.“ Die arme Frau wirkte recht verschreckt und huschte schnell in das Büro des Rektors hinein. Nach einem kurzen Gespräch kam sie wieder heraus: „Der Herr di Hedera empfängt Sie nun.“ sagte sie und setzte sich wieder, streng bemüht ihn nicht weiter anzusehen. „Gut!“ herrschte Mitras, so dass es im Nebenraum auch gehört werden konnte. Im Vorbeigehen jedoch ließ er unauffällig eine silberne Münze in der Tasche der Frau verschwinden. Mit Thadeus hatte sie es schon schwer genug, da musste sie nun nicht auch noch unter einem erbosten Magister leiden. Er schwang die Tür auf, stürmte theatralisch in den Raum hinein und warf sie hinter sich wieder zu. „Du wusstest, dass das Mädchen eine Katastrophe werden würde, oder?“ „Guten Tag, Mitras, was verschafft mir die Ehre?“ Thadeus Minenspiel war eine Mischung aus offener Belustigung, leichter Verblüffung und einer Spur Ärger ob der Anrede. „Das weißt du ganz genau, die Skir, die du mir untergeschoben hast, ist explodiert, hat mir das halbe Labor verwüstet!“ Nun fiel es Thadeus sichtlich schwer ein Lachen zu unterdrücken. „Nun Mitras, was meinst du, warum ich dich erst so spät habe zaubern lassen. Ohne familiäres Vorbild ist das nun einmal alles sehr viel schwerer. Aber ich hoffe mal, dass deine ‚wichtigen‘ Forschungen nicht all zu sehr darunter gelitten haben.“ Spätestens beim letzten Satz troff Thadeus Stimme geradezu vor Hohn, was hieß, dass Mitras ihn genau da hatte, wo er ihn haben wollte. Möglichst zornig klingend presste er hervor: „Keine Sorge, ich lasse mir von einer Stümperin nicht meine Arbeit ruinieren.“ Ruhiger fuhr er fort: „Wie viel schuldet sie der Schule für den Vorfall in Bispar? Die Heilung dieses Jungen war ja sicher nicht billig, oder?“ Resignierend fügte er hinzu: „Ich glaube nicht, dass sie allein jemals dafür aufkommen wird. Wer war es überhaupt? Ich hoffe, niemand wichtiges, oder?“ „Warte einen Moment, ich habe den Bericht hier.“ Sichtlich amüsiert suchte Thadeus in einer Mappe nach dem Dokument und holte es schnell hervor. „Sie hat einen jungen Adligen angegriffen. Keine Magier in der Familie, was dann auch erklärt, warum sie einen derartig schlammigen Flecken Erde als Lehen erhalten haben. Der Knabe heißt Johann di Lohnas. Seine Behandlung hat di Ajutas mit fünf Gold berechnet. Und ich nehme mal an, dass du diese Summe nun begleichen wirst?“ „Da sie es wahrscheinlich nie zum Magier bringen wird, will ich nicht auch noch das auf mir sitzen lassen.“ Knirschte er, kramte in seinen Taschen und knallte die fünf Münzen auf den Tisch. „Ich will der Familie schreiben und ihr meine persönliche Entschuldigung zukommen lassen, haben wir irgendwelche Kontaktdaten?“ „Nun, eigentlich darf ich die nicht einfach so herausgeben, insbesondere da deine Schülerin es war, die ihn geschädigt hat.“ antwortete Thadeus süffisant, zögerte dann aber einen Moment, „Aber ich denke ich kann hier eine Ausnahme machen.“ Er notierte alles nötige und reichte Mitras den Zettel. „Dir ist aber sicher bewusst, dass sie auch weiterhin deine Schülerin bleibt und das du auch weiterhin verpflichtet bist, dein Bestes zu geben, um sie für die Prüfung vorzubereiten, oder? Wir wollen doch nicht, dass unser Mustermagister gleich seine erste Schülerin verdirbt.“ Kalter Hohn lag in seinem Blick und Mitras knirschte so überzeugend wie möglich: „Ja, Schulleiter. Ich werde dafür sorgen, dass sie bei der Prüfung keine wichtigen Beteiligten verletzt.“ Mitras stockte kurz und fügte dann spitz hinzu: „Jedenfalls keine, dir mir wichtig sind. Die Schulden des Mädchens sind damit jedenfalls beglichen und alle von ihr Geschädigten ausgezahlt. Guten Tag.“ Mitras wandte sich um und schritt zur Tür. Thadeus jedoch rief ihm noch hinter her: „Ja, alle, alle außer dir.“ und konnte sich sein höhnisches Lachen nun nicht mehr verkneifen. Mitras war äußerst zufrieden mit sich und achtete tunlichst darauf, dass weder Thadeus noch seine Sekräterin sein Grinsen sahen. Er verließ die Schule und steuerte ein Café ein paar Blocks weiter an. Dort hatten sie einen ausgezeichneten Tee und wahrhaft göttliches Gebäck. Ihm war zum feiern zumute, warum also sollte er sich nicht etwas gönnen. Er nahm sich vor auf dem Nachhauseweg noch einen Zwischenstop bei Titus und Stefania einzulegen. Die genauen Daten von Johann würden ihnen sicher auch helfen.



Das Gute in allem – 1. Lunar 242 (Uldumstag)

„Man kann sie verbrennen, so wie früher!“ „Lauretta, sie ist deine Tochter!“ Kira wälzte sich unruhig hin und her. Sie war in ihrem Bett, oder in ihrem Zimmer? Die Umgebung wurde klarer. Ihr Zimmer. In Bispar. Die Nacht nach dem Unfall. Ihr war kalt, und als sie nach unten sah, sah sie, dass sie keinen Rock und keine Hose trug, stattdessen waren ihre Beine mit blutigen Handabdrücken verschmiert. „Tochter! Hexenbiest!“ Deutlich spürte sie die Angst und ihre Verzweiflung, auswegslos, eingesperrt. „Hexe!“ gellte es in ihren Ohren, immer wieder, die Stimme ihrer Mutter, die Stimmen der Dorfbewohner, dann die Stimme von Torge, dann Adrian, dann… warm, nah in ihrem Ohr: „Hexe? Kira?“ Die Stimme von Mitras. Sie drehte sich um. Stand plötzlich auf einer Wiese. Neben ihr Mitras, nicht ganz dort, eher ein Geist, wie aus dunklen, glitzernden Wolken geformt. Wind wehte durch ihre Haare. Mitras legte seine Arme um sie, und sie hatte das Gefühl, dass er alle Angst fortwischte, von ihrer Haut wischte, nur glitzernde Spuren blieben dort, wo er sie berührt hatte, und sie trug ihre Magierrobe, schwebte über der Wiese. „Hexe. Meine kleine Hexe…“, flüsterte er in ihr Ohr.

Sie schlug die Augen auf. Einen Moment lang musste sie sich orientieren. Uldum. Ihr Zimmer in Mitras Haus. Sie war in Sicherheit. Eine freie Magierin. Die Erinnerung an sein Flüstern in ihrem Ohr schickte ein heftiges Kribbeln durch sie hindurch. Wie schön es wäre, wenn er sie wirklich so halten würde… Sie seufzte. War sie verliebt? War sie wirklich in ihren Mentor verliebt? Und wenn ja, war das nicht einfach nur eine Schwärmerei, weil er sie aus dieser Misere befreit hatte, wie in ihrem Traum? Sie lag im Bett und grübelte. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Gründe fielen ihr ein, warum sie ihn so wahnsinnig anziehend fand – und das vermutlich auch, wenn er einfach nur in Bispar zu Besuch gekommen wäre. Verzweifelt grub sie sich in die Decke ein. Da war sie nun eine freie Magierin, musste endlich nicht heiraten, sich nicht mit Männern beschäftigen, und dann traf sie einen, den einen Mann, den sie wirklich spannend fand. Von dem sie sich nicht angeekelt fühle. Von dem sie sich sogar anfassen lassen wollte! Bei den Geistern. So durcheinander. Endlich frei, und dann nicht mehr frei sein wollen, sondern frei sein müssen. Mitras war so viel älter, so mächtig, mit einer kleinen Dorfhexe würde er vermutlich einfach nichts anfangen können. Wenn sie Glück hatte, würde er sie wie Frederike behandeln, wie eine jüngere Schwester… sehnsüchtig und zwischen Verzweiflung und dem Glücksgefühl des Geflüsters im Traum hin und her gerissen, lag sie eine ganze Weile noch wach, ehe sie ein traumloser Schlaf endlich erlöste.

Nach dem Abendessen, zu dem Kira knapp pünktlich kam, weil sie wieder in der Bibliothek gewesen war, bat Mitras Kira zu einer Partie Dame in den Wintergarten. Mittlerweile war sie richtig gut geworden und er genoß die Partien mit ihr. William war nicht so begeistert. Er spielte nur noch aus Höflichkeit mit ihr, da sie ihn fast immer vernichtend schlug. Sie setzten sich auf ihre üblichen Plätze. „Du eröffnest, oh, und ein Tipp, du solltest William zumindest gelegentlich gewinnen lassen. Er ist nicht der beste Verlierer.“ „Oh, ist gut.“ Sie wurde schon wieder rot, stellte er amüsiert fest. Sie begann das Spiel und bot ihm einen fordernden Schlagabtausch. Wie immer waren sie beide in der ersten Partie komplett still und konzentriert. Keiner wollte den anderen gewinnen lassen. Letztendlich triumphierte er aber wieder. „Gut gespielt. So langsam muss ich mich richtig anstrengen. Aber noch bist du zu gut durchschaubar. Vielleicht solltest du Sebastian mal auf ein paar Runden einladen.“ merkte er zwinkernd an und räumte das Brett ab um neu aufzubauen. Ihr Gesicht erreichte in der Zwischenzeit einen neuen Rotton. Anfangs hatte ihn diese Angewohnheit von ihr irritiert, aber mittlerweile war es für ihn fast schon so etwas wie ein Spiel sie so zu necken, dass sie wieder einmal rot anlief. Er achtete aber streng darauf, es nicht zu übertreiben und blieb stets bei harmlosen Scherzen. „Ähm, ja das könnte ich vielleicht machen.“ Mitras lachte. „Ich sagte es ja schon einmal, er ist kein schlechter Kerl und Freunde unter den di Ferrus zu haben ist nie verkehrt. Einer seiner älteren Brüder, Marcus, zählt zu meinen besten Freunden. Ein wahrhaft guter Kerl, auf den immer Verlass ist, und die Baronin wird dich sicher auch sofort ins Herz schließen.“ fügte er schelmisch hinzu. Sie schaute zu Boden und machte eine wischende Bewegung mit der Hand. „Erinnere mich doch nicht daran, dass er ein Baronssohn ist. Ist schon schlimm genug, dass er jedes Mal den Tee bezahlt, obwohl ich jetzt ja auch ein wenig Geld habe.“

Er eröffnete die zweite Partie und versuchte sie ein bisschen über Sebastian auszufragen. Sie schien sich wirklich langsam mit ihm anzufreunden. Mitras deutete dies als gutes Zeichen. Freunde waren wichtig, sie gaben einem Sicherheit und das brauchte sie jetzt. Kira ließ sich von seinen Sondierungen nicht ansatzweise so gut ablenken, wie er sich selbst durch seine Gedanken und gewann das zweite Spiel. „Mitras, das war zu leicht, was lenkt dich ab?“ Mitras war überrascht über diese offene Frage, sonst freute sie sich still in sich hinein. Der gelungene Zauber schien ihrem Selbstwertgefühl endlich ein bisschen dringend benötigten Aufwind gegeben zu haben. „Um ehrlich zu sein, habe ich über deine Kette nachgedacht.“ Er holte sie aus einer Tasche seiner Robe heraus und reichte sie ihr. „Danke, dass ich sie ausleihen durfte. Ich muss gestehen, ich habe mir Sorgen um dich gemacht und einen sehr vertrauensvollen Magier, der sich auf Hellsicht versteht, um Hilfe gebeten. Es tut mir leid, dass ich dich derart ausgespäht habe, aber du hast es ja selbst gesehen, starke Emotionen können deine Fähigkeiten zu Zaubern stark beeinträchtigen. Ich konnte durch das, was mir die Kette gezeigt hat, verstehen, wie übel dir in Bispar mitgespielt wurde. Es tut mir leid das so zu sagen, aber deine Mutter ist eine schreckliche Person. Ich hoffe, die Kette ist nicht von ihr?“ Sie nahm die Kette von ihm entgegen und er konnte förmlich spüren, wie sich ihre Laune eintrübte. „Nein, die Kette ist von Adrian, meinem älteren Bruder. Er hat sie mir von einer Reise mitgebracht.“ Sie saß still da und schaute auf die Kette. Mitras verfluchte sich innerlich ein wenig selbst, ihr die Laune derart getrübt zu haben. „Kira, es ist in Ordnung deiner Familie böse zu sein, allein was deine Mutter in der kurzen Episode von sich gegeben hat… So etwas sagt keine Mutter über ihr Kind, sie haben dich definitiv nicht verdient. Dich und dein Talent.“

Er hatte ihr nachspioniert. Kira wusste nicht genau, was sie fühlen sollte. In ihr tobte ein Sturm. Eben noch war sie entspannt und glücklich gewesen, hatte seine Anwesenheit genoßen. Jetzt fühlte sie sich verraten, hintergangen. Und gleichzeitig irgendwie sentimental, glücklich – weil er sich Sorgen gemacht hatte. Aus Sorge um sie hatte er versucht, mehr über sie herauszufinden. Hätte er nicht einfach fragen können? Sie krallte die Hand um ihre Kette. Sorge? Die Stimmen in ihrem Kopf klangen fast höhnisch. Sorge um dich? Wahrscheinlich eher Sorge um sich selbst. Und was maß er sich eigentlich an, über ihre Familie zu urteilen? Er wusste doch nichts, egal, was der Zauber ihm gezeigt hatte. Nichts darüber, wie viele Verwandten von Lauretta Silva bereits in den letzten Jahrhunderten unter den Schwertern der Skir gestorben waren. Nichts darüber, wie schwierig es war, auf dem Dorf genug zu verdienen, um ein Mädchen auf die weiterführende Schule zu schicken statt sie zu verheiraten. Nichts darüber, wie ihr Vater sich dafür eingesetzt hatte, dass sie von klein auf an bei Bruder Harras hatte lernen dürfen. Nichts davon, wie Adrian sie beschützt hatte – und wie viele Geschäfte dadurch vielleicht nicht zustande gekommen waren, dass er sich für seine kleine Schwester mehr als für den Profit interessiert hatte. Nichts darüber, wie sehr ihre Mutter darunter gelitten hatte, wenn die anderen im Dorf ihr unterstellten, mit einem Skir geschlafen zu haben statt mit ihrem Mann, weil ihre Tochter so anders aussah. Nichts darüber, wie sie Torge mit dem Kopf in den Wasserbottich getaucht hatte, weil sie so wütend auf ihre Mutter gewesen war. Nichts über die endlosen Streitgespräche mit ihren Eltern, die verzweifelt waren, weil niemand ihre Tochter würde heiraten wollen – und jemanden weiteres, der für das familiengeschäft untauglich war, nur durchfüttern war schwierig in einem Land wie Burnias. Nichts. Er wusste nichts. Sie war wild, nicht gehorsam, zu neugierig, seltsam, und sie sah aus wie eine Skir. Natürlich hatte ihre Mutter Schwierigkeiten mit ihr gehabt! Und auch, wenn sie sie dafür hasste, was sie gesagt hatte – ein Teil von ihr wusste, dass auch ihre Mutter kein grundsätzlich schlechter Mensch war. Oder ihr Vater. Nur – in den Worten von Bruder Harras – beschränkter in ihrer Sicht. Wie Mitras gerade. Der sah nur die Oberfläche. Sie schaute hoch. Er saß vor ihr, und seine eisblauen Augen brachten ihr Herz diesmal nicht zum flattern. Sie wirkten einfach nur kalt.

„Wer mich verdient hat, kann ich selbst entscheiden.“

Ihre Gefühle schlugen schlagartig um. Mitras konnte nicht sagen wieso, aber er spürte, dass er sie mit seinen Worten gekränkt hatte. Auf ihre Mutter schien sie hingegen nicht wütend zu sein, trotz allem was ihr diese Frau angetan hatte. „Das stimmt, Kira.“ Er wusste nicht was er dazu sagen sollte. Wäre er an ihrer Stelle, so würde sein Zorn auf diese Frau für den Rest seines Lebens anhalten. Sie betrachtete ihn einen Moment und das Schweigen hing über ihnen, fast greifbar wie eine Wolke.

Er war ratlos. Und wütend. Kira konnte nicht sagen wieso, aber sie konnte spüren, was er fühlte. Er verstand es nicht. In seiner perfekten Welt gab es sowas nicht – Hunger, Dorftratsch, Adelige, die dich straflos töten könnten. Sie dachte an Sebastian, der ihr gerade heute Nachmittag erzählt hatte, wie fürchterlich das Leben als Adeliger sein konnte, vor allem, wenn man es nicht schaffte, mal aus dem goldenen Palast hinauszuschauen. Weil man nur versteht, wofür man Worte hat, und nur Worte hat für das, was man verstehen kann, hatte sie selbst ergänzt und Vergnügen daran gefunden, ihr Wissen aus den Lehrstunden bei Mitras anbringen zu können. Sie schaute ihn wieder an. Er wirkte fast ein wenig nervös, aber offenbar kam es ihm nicht in den Sinn, dass es sie gestört haben konnte, dass er die Kette einfach genommen hatte, um sie auszuspionieren. Denn, das realisierte sie dank Sebastians Erzählungen, er war zwar ohne Dorftratsch aufgewachsen, aber in einer Welt, in der Intrigen auch mit magischen Mitteln ausgefochten wurden und in der Spionage genauso normal waren wie für sie die Tatsache, dass Ingali natürlich allen im Dorf von Kiras Ausrutscher im Moor erzählt hätte, wenn sie nicht von dem seltsamen Nebelstreif abgelenkt gewesen wäre. Sie holte Luft. Freie Magierin und seine Freundin, sagte sie sich. Er hat es verdient, etwas mehr zu verstehen.

„Mitras. Ich bin wütend, weil du meine Kette einfach genommen hast, um so einen Zauber zu wirken, statt mir vorher zu sagen, wofür du sie haben willst. Ich finde es nicht richtig, so im Leben anderer herumzuschauen, schon gar nicht mit Magie und ohne es abzusprechen. Man kann drüber reden, aber was jemand nicht sagen will, sollte geheim bleiben, findest du nicht?“ „Das habe ich nur zu deinem Schutz getan, aber…“ Mitras biss die Zähne zusammen. Im Grunde genommen, hatte er sie in dem Moment wie ein kleines Kind behandelt. Er fühlte sich mies. Da wollte er sie stärken und behandelte sie selbst nicht wie eine geachtete Erwachsene. Einen Moment lang rang er mit sich selber, dann sagte er: „Es tut mir leid. Ja, ich hätte mit dir reden sollen. Aber Kira, verstehe bitte auch meine Beweggründe. Durch Johanns Tat, und wahrscheinlich auch durch das Verhalten deiner Mutter, hast du ein Trauma erlitten. Für einen Magier ist das viel gefährlicher als jede andere Verletzung. Es kann dazu führen, dass dir die Magie entgleitet und du dir und anderen Schaden zufügst. Ich musste mehr darüber wissen, um dir helfen zu können.“ Kira sah ihn einen Moment an, und Mitras hoffte inständig, dass es die richtigen Worte gewesen waren. Dann verzog sich die gefühlte Wolke über ihnen etwas, als sie ihn sanft anlächelte. „Danke, dass du mir helfen willst.“ Sie überlegte einen Moment, dann beugte sie sich etwas vor und sagte leise und mit einem Schmunzeln: „Aber man hilft Menschen am besten, wenn man sie vorher fragt, welche Hilfe sie brauchen, Sensei.“ Mitras hatte das Gefühl, sie hätte ihm einen wohlgezielten Tritt in die Magengrube verpasst. Sensei. Das war ein Titel für einen vertrauten Lehrer oder Mentor. Aber gerade belehrte sie ihn – und das auch noch zu Recht! Er kam sich dumm vor. Sein kleines Eichhörnchen da vor ihm war kein kleines, niedliches Eichhörnchen, wurde ihm bewusst – sie war eine erwachsene Frau, schlau, wortgewandt und offenbar auch gütiger als er selbst. Er senkte den Kopf. „Verzeih.“ Einen Moment war es wieder still, dann griff sie seine Hand. „Mitras, ich verzeihe sogar meiner Mutter eine Menge. Warum sollte ich meinem Freund und Mentor nicht verzeihen, dass er sich um mich sorgt?“ Er blickte auf, und ihr Lächeln bohrte sich in sein Herz – so verletzt und so stark zugleich wirkte sie, und er spürte, dass er sie am liebsten an sich gezogen hätte.

Kira spürte, wie seine Verzweiflung und Nervösität abnahm. Seltsamerweise spürte sie sich selbst durch ihre eigenen Worte ebenso gestärkt. Beinahe hatte sie das Gefühl, die Hand von Bruder Harras auf ihrer Schulter zu spüren, sein wohlwollendes Brummen zu hören, wenn sie etwas gut gemacht hatte. Verstehe. Höre zu, verstehe. Verstehe, und verzeihe. Seine Worte machten jetzt beinahe noch mehr Sinn als zuvor. Sie lächelte. Das Gute sehen, das Schlechte verzeihen – das war defintiv etwas, das ihr schon in Bispar geholfen hatte. Das – und ihr Hang zu Streichen. Beinahe hätte sie gelacht, doch das hätte nicht zu Mitras ernstem Gesichtsausdruck gepasst. „Die Kette, Mitras, die ist von meinem Bruder Adrian. Der ist auch Teil meiner Familie. Und es verletzte mich, dass du sagtest, er hätte mich nicht verdient – denn er ist ein guter Mensch. Und ich mag ihn sehr.“

„Da hast du recht. Deinen Bruder habe ich unrecht getan. Du solltest wissen, was ich gesehen habe, war seine Rückkehr. Er ist sehr um dich besorgt. Du solltest dich bei ihm melden und ihm erzählen, was dir widerfahren ist. Am besten, bevor er eines Tages hier hereinplatzt und versucht, dich aus den Händen des bösen Magiers zu befreien.“ Kira lachte. „Das habe ich doch schon! Du hast mir Taschengeld gegeben. Wobei…“ Sie hielt inne. „Seitdem deine Mutter mir das Geld gegeben hat, war ich gar nicht mehr in der Stadt bei diesem Laden mit den Fliegen. Ich wollte ihm eigentlich eine kaufen. Mitras, kann man ein Paket magisch so versiegeln, dass nur eine bestimmte Person es öffnen kann? Ich will nicht, dass Torge die Fliege sieht. Der hat mir auch nie was mitgebracht, wenn er einkaufen war.“

Mitras überlegte. Es gab viele Zauber, die dafür geeignet waren Güter sicher zu verschicken. „Die Kette ist von ihm, sagtest du? Dann sollte es kein Problem sein. Der personenbezogene Teil ist das Schwerste daran, aber das Versiegeln ist einfach.“ Erst jetzt wurde ihm bewusst, was Kira da noch gesagt hatte. „Warum hat meine Mutter dir denn Geld gegeben? Sie kennt dich doch noch gar nicht richtig? Also versteh mich nicht falsch, sie wird ihre Gründe haben und damit gehört das Geld dir, ich verstehe nur nicht wieso?“ Kira wurde rot. „Äh. Naja, sie wollte sich bedanken, weil ich dir die Energie für diesen Verjüngungszauber gegeben habe… Aber ich werd nicht alles ausgeben, versprochen! Ich leg auch was zurück, um meine Schulden bei der Gildenkasse zu bezahlen!“ „Was für Schulden?!“ Sie schaute ihn verblüfft an. „Naja, die wegen Johanns Heilung. Die hat die Gildenkasse doch vorgestreckt.“ Daran hatte er gar nicht gedacht. Ihn selbst hatte das ja auch nie betroffen, denn die Regel, dass die Gildenkassen Schäden beglich, galt ja nur für magisch begabte Kinder, die bei der Entdeckung mehr machten, als etwas Erde zu formen und sich zudem die Behebung des magischen Schadens nicht direkt leisten konnte. Dennoch konnte er das so nicht stehen lassen. Er wollte ihr wenigstens diesen Druck nehmen. Außerdem war der Bastard ja wohl eigentlich selbst an seinen Verletzungen schuld, dafür sollte sie auf keinen Fall noch aufkommen müssen. „Tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht. Ich werde mich schnellstmöglich darum kümmern. Betrachte die Schulden als erledigt, von so etwas sollst du dich nicht ablenken lassen.“ Kira sprang auf und machte eine abwehrende Handbewegung, wobei sie das Spiel vom Tisch stieß. „Magister, nein! So meinte ich das nicht! Ich komme für meine Schulden selbst auf.“ Sie unterbrach seinen Protest mit einer weiteren Handbewegung. „Mitras! Du hast doch eben grad gesagt, dass es dir leid tut, einfach ungefragt zu helfen…“ „Gut, dann betrachte es als mehr als gerechtfertigte Bezahlung für die Unterstützung bei meinem Regenerationszauber. Ich verdanke dir eine Rundumerneuerung. Da ist es ja wohl das Mindeste.“ Kira sah ihn an, er spürte eine Mischung aus Verzweiflung und Staunen. „Äh, fünf Gold? Du hast nicht alle Speere am Ständer, oder? Fünf Gold für einmal Luftholen?“ Mitras lächelte kurz leicht gehässig: „Du hast recht, für eine derartige magische Anstrengung wären zehn Gold angemessener.“ Sie schnappte nach Luft. „Zehn? Mitras, hör auf! Ich helf dir wirklich gerne, ich mach das doch nicht, um reich zu werden, sondern weil du … ich … “ Sie brach ab und wurde rot bis zu den Ohrenspitzen. „Wer redet hier denn von reich werden. Dir bleiben fünf Gold. Das ist ja fast nichts.“ Kurz fühlte er sich ein wenig schuldig so zu protzen. Aber er genoß auch ihr Gesicht. Und sie musste lernen mit größeren Mengen Geld umzugehen, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Bei ihrem Potential würde sie sehr schnell, sehr viel Geld verdienen, wenn sie denn wüsste was sie für ihre Dienste verlangen könnte. Und dabei war er noch bescheiden geblieben. Die Regeneration ließ sich auch auf andere anwenden, war dabei aber nicht ansatzweise so erfolgreich. Nichtmagier konnten ihr Leben um gut zehn Jahre verlängern, und legten dafür in zahlreichen Sitzungen jeweils bis zu hundert Gold auf den Tisch. „Fast nichts? Mitras, da kann man sich eine Kuh für kaufen!“ Mitras lachte laut los. Sie mochte vielleicht eine gütige, erwachsene Frau sein, aber sie war trotzdem eindeutig ein Dorfkind. „Ja Kira, das stimmt wohl, aber ich kann mir auch einfach eine Herde mit einhundert Kühen kaufen und merke das noch nicht einmal. Zugegeben, das Elektrum hat dafür gesorgt, dass ich selbst für einen Magier sehr reich bin, aber dass wirst du auch sehr bald nach deiner Ausbildung sein.“ Sie sah ihn an und zog eine Schnute. „Siehst du, und dewegen will ich meine Schulden selbst zurückzahlen. Weil ich es irgendwann kann.“ Sie schaute ihn von der Seite an, merkte wohl, dass er sich davon nicht abspeisen lassen würde. „Ok. Ein Handel? 5 Silber für jeden Abend, den ich dir beim Laden helfe. Und ein Gold für den Regenerationszauber. Du wirst ja nicht mehr geben wollen als deine Mutter.“ Immer noch lachend schüttelte Mitras den Kopf. „Nein. 5 Silber für jedes Laden ist in Ordnung, aber du bekommst 5 Gold für den Regenerationszauber UND ich begleiche bei nächster Gelegenheit deine Schulden bei der Gilde. Anderenfalls musst du damit rechnen, dass du wie William ein Konto bei der Bank bekommst und dort jeden Monat heimlich mehr als 10 Gold landen.“ Sie schaute ihn an. Schüttelte den Kopf. Lächelte. Biss sich auf die Lippe. Rang mit sich, ganz offensichtlich. Er lächelte sie an, ganz der arrogante, reiche Magier, als der er sich gerade fühlte. Es fühlte sich gut an. Auch wenn seine letzte Hilfe sie verletzt hatte, er würde ihr helfen – und zumindest mit Geld konnte er ja ganz gut helfen. Es sollte ihr gut gehen. Letzendlich seufzte sie und sagte: „In Ordnung.“ Leise fügte sie hinzu: „Und danke.“ Er lächelte und hauchte einen Kuss auf ihre Hand. „Danke dir, schöne Frau.“ Innerlich amüsiert über ihre erneute tiefrote Gesichtsfärbung baute er das Spiel wieder auf und begann eine dritte Runde, die er letztendlich auch gewann, weil nun sie ganz offensichtlich jetzt von ihren Gedanken abgelenkt war.

Nach der dritten Runde beendete Mitras ihren gemeinsamen Abend, und Kira war ihm durchaus dankbar dafür. Ihre Gedanken fuhren Karussell. Sie zog sich beinahe wie eine Maschine aus, ganz automatisch, und ging ins Bett, während sie versuchte, das Chaos an Gedanken und Gefühlen in sich zu ordnen. Erstens, Mitras war so unglaublich reich, dass es einfach unbegreiflich war. Er hätte wahrscheinlich Bispar aufkaufen können. Wobei man den Kauf von hundert Kühen vielleicht nicht im Geldbeutel, aber ganz sicher im Arbeitsaufwand merken würde. Stadtschnösel. Zweitens, offenbar machte es ihm nichts aus, seinen Reichtum freigiebig zu verschenken. An dieser Stelle spürte sie, wie ihr Schwärmen für ihn sich deutlich vertiefte und sie seufzte schwer. Denn, drittens, behandelte er sie zwar äußerst galant – dieser Handkuss! – aber auch eher wie ein Kind, dass man zu seinem Glück zwingen muss. Sie sollte ihm böse sein, weil er sie nicht ernst nahm, weil er offenbar dachte, alles entscheiden zu können, in ihr Leben einzugreifen, alles anschauen zu können, zu urteilen… aber sie konnte ihm nicht böse sein. Er machte sich Sorgen um sie. Er versuchte, sie zu schützen. Sie drückte sich tief in die Kissen und lächelte selig. In seiner Gegenwart war sie sicher. Er war so ein guter Mann, freigiebig, liebevoll, beschützend… und sie war seine Schülerin. Natürlich behandelte er sie wie ein Kind – aus seiner Sicht musste sie ja wie eine unreife Pflaume wirken. Träumend legte sie die Hand gegen ihre Wange und wünschte sich, er würde sie dort küssen. Wenigstens hatte er ihre Hand geküsst, und es hatte sich gar nicht schlecht angefühlt. Sieh das Gute darin, sagte Bruder Harras Stimme in ihrem Kopf, und sie lächelte und schloß die Augen, dachte an Mitras Lächeln und das sanfte Gefühl ihrer Hand in seiner, an das Gefühl, beschützt zu werden, und ehe sie sich versah, schlief sie bereits.



Im Schatten der Heimat – 30. Lunet (Mafuristag)

Am nächsten Morgen wachte Kira erst auf, als es bereits hell war. Ihr Kopf fühlte sich völlig zerschlagen an und ein wohlbekannter dumpfer Schmerz zog sich durch ihren Unterleib. Sie zog sich mühsam aus dem Bett, um sich aus dem Schrank einige Hygieneartikel zu nehmen, die sie aus Bispar noch mitgebracht hatte. Warum musste das so weh tun, eine Frau zu sein? Und warum tat es die letzten beiden Male so verdammt mehr weh? Mit matschigem Kopf kuschelte sie sich wieder in die Decken und entdeckte dabei, dass auf dem Schreibtisch ein Tablett stand. Kurz überlegte sie, hinüberzugehen und zu schauen, was William ihr da wohl gemacht hatte, doch dann schoß ein heftiger Schmerz durch ihren Rücken und sie beschloß, doch lieber im Bett zu bleiben und die warme Decke auf dem Bauch zu behalten. Sie hatte ja eh frei. Eine freie Magierin… und trotz der Schmerzen im Kopf und im Unterleib lächelte sie zufrieden. Sie versuchte, sich den Niggel vom Nachtisch zu angeln, kam aber nicht ran und lies es letztendlich sein. Eine Weile döste sie einfach vor sich hin und lauschte den Geräuschen im Haus – Schritte, Stimmen… dann war sie wieder eingeschlafen.

Der Tag verging mit Dösen und Lesen. Irgendwann gegen Mittag stellte sie fest, dass das Essen nicht einfach nur von William oder Abby kommen konnte, denn es lag ein Warmhaltezauber auf dem Tee. Sie trank ihn vorsichtig und freute sich über die fürsorgliche Geste. Gegen Abend zog sie sich etwas an und ging zum gemeinsamen Abendessen nach unten, doch Mitras war nicht da, also konnte sie ihm nicht danken, und auf Herumscherzen mit William hatte sie keine Lust, also zog sie sich bald wieder ins Bett zurück. Schade, dass man die Heizsteine sich nicht direkt auf den Bauch legen konnte. Sie las eine Weile und beschloß letztendlich, diesen Tag einfach abzuhaken und früh schlafen zu gehen. Morgen würde es vermutlich schon besser sein, das war das letzte Mal ja auch so gewesen – wobei sie da angesichts der Tatsache, dass man sie wegen eines gewaltsamen Magieausbruches gerade in ihr Zimmer gesperrt hatte, auch wirklich andere Sorgen als eine ungewöhnlich stark schmerzende Regelblutung gehabt hatte.

Am Nachmittag des Mafuristags war Mitras gerade in der Bibliothek am recherchieren, als Abby hereinkam und Besuch ankündigte. Stefania war gekommen, ohne sich groß anzukündigen, wie es so ihre Art war. Mitras bat Abigail William Bescheid zu geben und bat ebenfalls um eine Kanne Tee. Dann ging er nach unten, um seine „große Ersatzschwester“ zu begrüßen. Sie wartete noch im Flur, als er gerade die Treppe herunter kam. „Guten Tag Stefania, ich hatte eigentlich erst später mit dir gerechnet und war noch am arbeiten. Du erwischst mich ein bisschen unvorbereitet.“ Mitras wusste, dass er bei ihr kein Blatt vor den Mund zu nehmen brauchte, sie mochte es lieber direkt und ehrlich. „Ich war eh gerade in der Gegend und es passte so ganz gut. Ich hoffe, ich störe nicht all zu sehr?“ Mitras lachte, „Nein, du störst nicht, aber ich habe dich hier warten lassen, obwohl ich dich hergebeten habe. Komm, lass uns im Salon Platz nehmen.“ Er öffnete ihr die Tür und führte sie in den Wintergarten und bot ihr einen Platz in der Sitzgruppe dort an und setze sich dazu. „William wird sicher auch gleich kommen. Aber bis dahin möchte ich noch einmal genau ausführen, worum es geht. Dieser Johann scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Kira hat panische Angst davor, wieder nach Bispar zurück zu müssen. Ich muss wissen, was der Grund dafür ist.“ „Ja, das verstehe ich. In dieser Phase ihrer Ausbildung könnte ein verborgenes Trauma richtig gefährlich werden und ich denke, dass du solch ein Wissen auch nicht missbrauchen würdest. Also gut, ich brauche einen persönlichen Gegenstand und es wird ein paar Tage dauern, bis sie ihn wieder haben kann.“ Ehe Mitras etwas erwidern konnte, kam Abby um die Ecke. „William lässt sich entschuldigen, anscheinend musste er noch einmal schnell für ein paar Besorgungen los. Sieht ihm gar nicht ähnlich, etwas für ein geplantes Essen zu vergessen.“ Sie stellte den Tee und ein Paar Tassen vor ihnen ab. „Abby, kannst du bitte noch ein Kännchen für Kira fertig machen? Stell es einfach in der Küche ab, ich bringe es ihr gleich selbst hoch.“ Sie zog eine Augenbraue verwundert hoch, sagte dann aber nur: „Ist gut.“ Abigail ließ sie wieder allein, nachdem sie beiden eine Tasse eingeschenkt hatte. Stefania blickte ihn von der Seite an. „Hast du was mit meinem Bruder angestellt?“ „Ich bin unschuldig und habe keine Ahnung was mit ihm los ist. Ich finde sein Verhalten auch mehr als seltsam.“ sagte er und zuckte mit den Schultern. „Aber wenn du möchtest, frage ich ihn bei nächster Gelegenheit einmal, warum er seine Schwester plötzlich meidet.“  „Wenn er selbst mit dir noch nicht darüber gesprochen hat, wird er irgendwas richtig dummes angestellt haben. Also lass es dabei beruhen, ich quetsche ihn schon noch selber aus. Aber nicht heute.“ „Gut, wenn du entschuldigst, ich sehe kurz nach Kira und sehe ob sie mir etwas borgt. Ihr geht es heute nicht so gut, sonst hätte ich euch auch einander vorgestellt.“ „Schon gut, ich kann mir vorstellen was sie gerade durchmacht, wenigstens ist sie bei euch in guten Händen. Ich warte hier.“

Mitras hatte den Tee aus der Küche geholt und war nach oben gegangen. Er klopfte bei Kira an, „Ja?“ antwortete sie nach einem kurzen Moment. Er trat ein und ihn zu sehen, jagte ihr anscheinend einen kleinen Schrecken ein. Anscheinend hatte sie mit Abby gerechnet und zog nun rasch die Decke hoch. Es war nicht so, dass sie nackt war, aber sie trug, soweit er es so schnell sehen konnte, noch ihr Nachtzeug. „Alles in Ordnung, Kira?“ Abby hatte gesagt, dass sie sich auch körperlich gerade nicht gut fühlte. So wie sie sich in die Kissen drückte, war das wohl auch die Wahrheit gewesen. Mitras wunderte sich, wie sie es bei der Wärme im Zimmer unter zwei Decken aushielt. „Ja schon, mir geht es nur nicht so gut. Aber es ist nichts ernstes und ist sicher in ein bis zwei Tagen wieder weg.“ sagte sie beschwichtigend.  Er schaute sie skeptisch an, aber die Ringe unter ihren Augen waren verschwunden und sie sah auch nicht mehr so bleich aus. Nur ihre Haare wirkten schon wieder heller. Oder täuschte das Licht? „Ich hatte ja gesagt, du brauchst ein paar Tage Ruhe. Nimm dir also ruhig noch mehr Zeit und wenn es schlimmer wird, sag Bescheid, dann hole ich einen Arzt.“ Kira schüttelte den Kopf und lief rot an. „Nein, nein, das wird nicht nötig sein.“ Mitras nickte und stellte den Tee auf den Tisch. „In Ordnung. Ich wollte dich um einen Gefallen bitten. Kann ich mir die Muschelkette ausleihen, die du mitgebracht hast? Ich würde sie gern einmal untersuchen.“ Kira blickte ihn verblüfft an, zuckte dann aber mit den Schultern, öffnete die Kette und gab sie ihm. „Die ist aber nichts besonderes.“ Mitras nahm die Kette und linste auf die Bücher, die auf ihrem Nachttisch lagen. „Niggel, aha, da hast du also deine Kenntnisse über Etikette her.“ Kira lief rot an. „Äh, ja.“ Mitras lächelte sie an. Vielleicht doch ein Eichhörnchen, dachte er bei sich amüsiert – hat rote Haare und lässt sich gut ablenken. Er verabschiedete sich und ging nach unten, um Stefania die Kette zu geben.

Stefania betrachtete die Kette neugierig, als er sie brachte. Sie legte sie auf den Tisch, murmelte einige Worte auf Inuk und strich ein paar Mal mit der Hand über sie, dann nickte sie zufrieden. „Das wird gehen. Und jetzt…“, sie wandte sich Mitras zu, der entspannt in seinem Sessel den Tee getrunken hatte: „… jetzt reden wir mal über dich.“ Mitras blickte sie erstaunt an und zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. „Du siehst deutlich jünger als, als ich dich in Erinnerung habe. Was ist geschehen?“ Mitras lachte. Das war es also. In einer gezielt eitlen Bewegung strich er sich eine Haarsträhne von der Stirn und lächelte sie an. „Ist es dir also aufgefallen? Ja, das habe ich Kira zu verdanken. Sie trägt Unmengen an Magie in sich und kann zudem die Magie in einem wahrhaftig irrsinnigen Tempo kanalisieren. Sie hat mir Magie übertragen, um mir beim Laden des Generators zu helfen. Und naja, was soll ich sagen? Ich wollte es vorher testen. Und sie hat mich plötzlich mit so viel Magie geflutet, und irgendwie kam mir dieser Zauber in den Sinn…“ Er verstummte. Es war seltsam, sich mit ihr, die er immer als eine Art ältere Schwester mit großer Reiselust gesehen hatte, über Magie zu unterhalten. Wie funktionierte Magie bei den Inuk überhaupt? „Dieser Zauber? Ist das etwas aus der Verwandlungsmagie?“ Stefania war merkbar interessiert. Mit einem Ruck überwand Mitras sein Zögern. „Möchtest du ihn lernen?“ Vielleicht würde er dabei auch einiges interessantes über die Magie der Inuk lernen, wenn er ihr dabei zusah. Sie dachte einen Moment nach, schüttelte dann aber den Kopf. „Wenn es Verwandlungsmagie ist, wird es vermutlich eh nicht klappen. Ich kann besser mit … nichtmateriellen Energien umgehen. Also ein Lüftchen kann ich vielleicht noch bewegen, aber meine Fältchen hier würden sich vermutlich nur verziehen.“ „Wie hast du Magie gelernt?“ Stefania schmunzelte. „Weniger mathematisch als du!“ Dann wurde sie ernst. „Kleiner Bruder, ich verstehe, dass du neugierig bist. Aber ich kann dir nicht zu viel darüber sagen. Anders als ihr halten wir unser Wissen in mündlichen Überlieferungen fest – und das auch, um es zu schützen. Bücher lassen sich nachlesen.“ Mitras nickte. Es gab viele Gründe, warum die Inuk in Albion öfter misstrauisch beäugt wurden – ihr Wissen im Bereich der Hellsichtmagie war defintiv einer davon. Sie betrachtete ihn nachdenklich. „Allerdings, was ich machen könnte… ich könnte dich sehen lassen, was ich sehe, wenn ich die Kette untersuche.“ Interessiert blickte Mitras sie an. „Das wäre wirklich spannend. Was brauchst du dafür?“ Stefania blickte sich um. „Zuallerst ein vernünftiges Essen. Dann Ruhe. Und ich nehme an, du hast irgendwo einen vernünftigen Zirkel? Ihr Buchmagier habt doch alle sowas…“ Mitras nickte. „Selbstverständlich. Heißt das, du würdest zum Essen bleiben und es dann gleich heute versuchen?“ Stefania dachte kurz nach und nickte dann. „Ich schicke eben eine Botschaft an Titus, dann kann ich auch bleiben. Dann ist es zumindest erledigt.“ „Gut, dann machen wir es so.“

Nachdem sie auch den zweiten Tag mehr oder weniger im Bett verbrachte, hatte Kira endlich das Gefühl, sich nicht mehr bei jeder Bewegung vor Schmerz krümmen zu müssen, also hörte sie mit dem Lesen auf, zog sich an und ging nach unten. Abby saß auf der Treppe und drehte sich freundlich lächelnd zu ihr um, als sie die Galerie entlang kam. „Na, Kindchen, besser heute?“ Kira nickte. Aus dem Salon klangen Stimmen. „Haben wir Besuch?“ Abby nickte: „Ja, Stefania ist da. Das ist Williams Schwester. Ich warte hier nur, ob Mitras oder sie etwas brauchen. Soll ich dich ankündigen?“ Verlegen stand Kira einen Moment auf der Treppe und sah an sich herunter. Sie trug ein blau-grünes Kleid, dass Abby ihr vor einigen Tagen fertig gestellt hatte. Es war schlicht, aber durch den edlen Stoff durchaus repräsentabel. Sie fasste sich kurz an den Hals und vermisste die Muschelkette. Ganz ohne Schmuck war es seltsam, sich den Gästen des Hauses zu präsentieren, stellte sie fest. Im Niggel, den sie den ganzen Morgen gelesen hatte, war ausführlich beschrieben, dass der erste Eindruck wichtig war, und dass angemessene Kleidung und Schmuck von der Dame von Adel erwartet wurden. Auch wenn es nur Williams Schwester war, sie sollte darauf achten, wie sie sich präsentierte. Ihr fielen die Ohrringe ein. „Nicht jetzt. Ich werde mich ein bisschen gästetauglicher machen und komme dann wieder.“ Abby zuckte mit den Schultern, widersprach aber nicht, also ging Kira zurück in ihr Zimmer, legte die Ohrringe an und kämpfte dann eine ganze Weile mit ihren Haaren, um sie zu einem vernünftigen Zopf zu flechten. Sie hatte schon immer Locken gehabt, aber in der letzten Zeit waren sie ja besonders schwierig zu bändigen. Irgendwie wirkten sie wirklich heller… sie grübelte. Natürlich kam der Braunton ihrer Haare auch von dem Walnussextrakt, mit dem sie sie gefärbt hatte, um nicht so aufzufallen, und auf den sie nun verzichten wollte. Aber selbst, wenn sie einen Ansatz gehabt hatte, hatte er nicht so deutlich rötlich gewirkt, wie die Spitzen ihrer Haare jetzt. Es sah fast aus, als würden sie von unten her heller und röter werden. Ob das an der Magie lag? Wenn das so weiter ging, würde sie bald wirklich ganz wie eine Skir aussehen… Eine Weile kämpfte sie doch wieder mit dem Gedanken, dann gelang es ihr, sich damit anzufreunden. Dann war sie eben eine Skirhexe. Eine freie Magierin konnte aussehen, wie sie wollte. Sie lächelte sich selbst im Spiegel an, atmete etwas Magie ein, sagte den Spruch auf und ließ probehalber ihre Bürste ein kleines Stück schweben und spürte, wie der Stolz durch sie hindurch floß. Sie konnte wirklich zaubern! Vorsichtig setzte sie die Bürste wieder ab. Ein Buch fiel vom Schreibtisch und ließ sie erschrocken zusammen zucken. Wie war das passiert? Sie sah sich um, doch der Rest des Raumes sah aus wie vorher. Vermutlich hatte es zu nah an der Kante gelegen. Sie beendete ihre Frisurbemühungen, hob es wieder auf und ging dann nach unten.

Mitras saß mit einer etwas älteren Frau im Esszimmer. Als Kira herein kam, unterbrachen sie ihr Gespräch und Mitras lächelte sie so freundlich an, dass Kira das Gefühl hatte, ihr Herz würde kurz stolpern. „Ah, da haben wir ja unsere Retterin meiner Jugend!“ Kira lief rot an. Warum hatte sie Mitras Jugend gerettet? Mitras stand auf, zog sie ganz in den Raum hinein und macht eine schwungvolle Handbewegung zwischen ihr und der Frau: „Darf ich dir vorstellen, Kira Silva, meine überaus begabte Schülerin, von der wir eben sprachen. Kira, das ist Stefania Brown, die ältere Schwester von William.“ Kira knickste höflich. Einen ausgelassenen und entspannten Mitras zu erleben, war immer noch verwirrend. Er wirkte viel mehr wie Frederike, stellte sie fest. Die ältere Frau vor ihr hatte ebenso wie William etwas bräunlichere Haut als Kira oder Mitras selber und lange, schwarze Haare. Sie trug einen langen, grünlichen Rock, der sich der neusten Mode folgend ein wenig bauschte, und ein Oberteil mit verschiedenen bunten Stickereien. Kira bewunderte die großen, goldenen Ohrringe, die sie trug. In den Ringen waren kleine Vögel aus Metal. Sie lächelte Kira freundlich an und reichte ihr über den Tisch hinweg die Hand. „Freut mich, dich kennen zu lernen.“ Kira nickte. Was sollte sie sagen? Du oder Sie? Immerhin war Stefania so alt, wahrscheinlich hätte sie auch ihre Mutter sein können… William erlöste sie aus der Verlegenheit. Er brachte aus der Küche einen großen Topf herein. „Bitte sehr, Tomatensuppe, wie mein Schwesterchen es liebt!“ Stefania klaschte in die Hände, um ihre Begeisterung zu zeigen, und gemeinsam mit Abby half sie William, allen aufzufüllen. Stefania saß auf Tobeys Platz, der wohl heute unterwegs war, wie Abby entschuldigend anmerkte. Die Tomatensuppe war tatsächlich sehr lecker, doch Kira merkte auch, dass sie das warme Essen schon wieder müde machte. Die Tage ohne Essen und Schlaf machten sich doch immer noch bemerkbar. Daher verabschiedete sie sich bald nach dem Essen und überließ sich bald wieder den weichen Daunen ihres Bettes, um für die neuen Zauberherausforderungen der nächsten Tage fit zu sein. Denselben Fehler würde sie nicht zweimal machen!

Beim Abendessen waren wieder alle entspannt. Auch William verhielt sich wieder normal. Mitras hatte ihn sich in einem passenden Moment zur Seite gezogen und dieser hatte ihm zu seiner Erleichterung verraten, warum er so verschlossen war – offenbar ging es um eine Liebelei mit einer Freundin seiner Schwester. Mitras hatte ihm klar gemacht, dass sein Verhalten Stefania eher aufmerksam machen würde. Dieser hatte Besserung gelobt und nun auch umgesetzt, wofür Mitras versprochen hatte, sein Geheimnis zu bewahren. Kurz nachdem Kira sich verabschiedet hatte, folgte Abby, die sich in ihr Haus zurückzog. „William, wir müssen dich nun leider auch allein lassen. Stefania möchte mir noch eine Kostprobe ihrer Fähigkeiten geben. Falls was ist, wir sind oben im Labor.“ „Und falls was ist, was nicht das Abbrennen des Hauses ist, behalt es für dich.“, ergänzte Stefania. William nickte und verbeugte sich gehorsam. „Ja, ich weiß schon, der nichtadelige Pöbel soll das Ritual nicht stören.“ Stefania versuchte, nach ihm zu hauen, er wich allerdings geschickt aus. Mitras lächelte. Ja, so kannte er die Geschwister. Ebenso wie in seiner Familie neckten sich die beiden gerne.

Mitras ging voran, öffnete ihr die Tür zum Labor und leitete sie in den hinteren Teil des Raumes zum Zirkel. „Entspricht er deinen Vorstellungen?“ Er blickte sie fragend an, nicht wissend, was sie nun eigentlich brauchen würde. „Doch, der ist gut. Die Kissen können weg, die stören nur, aber ansonsten reicht das schon.“ Mitras räumte die Kissen, die noch immer von Kiras Zauberversuch hier lagen, zur Seite und stellte auch die Geräte weg. „Sie hat eine schöne Aura, deine Kira. Und ungewöhnliche Haare. Skirvorfahren?“ Mitras zuckte mit den Schultern. „Das habe ich auch gedacht, aber sie weiß von keinen.“ Einen Moment lang schwieg die weitgereiste Magierin, dann lächelte sie geheimnisvoll und sagte: „Nunja, es würde vielleicht ihr Potential erklären. Aber was die Geister noch nicht aufdecken wollen, ruht, bis es aufgedeckt werden soll.“ Mitras blickte sie fragend an, doch Stefania setzte sich im Schneidersitz in die Mitte des Kreises und ignorierte seinen Blick. „Für den ersten Teil brauche ich Ruhe, am besten du gehst ein paar Schritte weg. Dann, wenn ich mit der Sondierung fertig bin, werde ich dich heranwinken. Wenn ich in der Phase spreche, kann ich den Kontakt zu den entfernten Bildern verlieren. Der Zauber orientiert sich am Gegenstand, an den Bindungen, die er hat oder hatte. Er ist sehr instabil, denn, was wir sehen und hören, stammt nicht nur von einem anderen Ort, sondern höchstwahrscheinlich auch von einer anderen Zeit. Hör mir jetzt also genau zu. Du wirst dich dort, mir gegenüber aber außerhalb des Kreises hinsetzen. Wenn ich dir meine Hände entgegenstrecke wirst du meine Unterarme greifen und dich auf mich konzentrieren. Danach kannst du alles mir überlassen, du darfst dich nur nicht gegen meinen Einfluss wehren, sonst komme ich nicht durch. Das übermitteln funktioniert nur, wenn dein Geist dafür offen ist. Hast du alles verstanden?“ „Ja. Abstand halten, ruhig bleiben. Bei Aufforderung herankommen, ohne den Kreis zu betreten. Auf Aufforderung deine Arme greifen, nicht die Hände und für alles offen sein.“ „Gut. Letzteres gilt nicht nur für die Kontaktaufnahme, sondern für den gesamten Prozess. Egal was ich dir zeige, du musst offen bleiben. Sobald du dich davon abwendest, verliere ich alles, was wir dann noch nicht zusammen gesehen haben. Das ist das Risiko bei diesem Zauber. Ich werde mich nun in eine Trance versetzen und bin erst wieder ansprechbar, wenn wir fertig sind.“ „Ist gut. Sollte ich doch zurückschrecken..?“ „Keine Sorge mir geschieht dabei nichts, nur das erlangte Wissen ist dann weg. Es ist schwer in Worte zu fassen. Es ist Magie, die sich nicht in eure Formeln fügen will, die sich nicht mit euren Mitteln beschreiben lässt.“ „Gut, ich glaube, ich habe verstanden.“ Mitras entfernte sich vom Kreis und setzte sich an seinen Schreibtisch, abwartend und neugierig was nun kommen würde. Die Magie der Inuk war komplett unbekannt und außer ihm gab es in den letzten Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit der Gründung der Schulen, nur eine Handvoll Magier, die ihr beigewohnt hatten. Er verstand im vollen Maße das Vertrauen, dass Stefania ihm hier gerade entgegenbrachte und er hoffte, dass er sich dessen als würdig erweisen würde.

Zuerst begann sie in einem unverständlichen Singsang vor sich hin zu murmeln, die Kette dabei fest in beiden Händen haltend. Dann kamen immer schwungvollerere Gesten hinzu, bei denen sie abwechselnd immer eine Hand von der Kette nahm und in immer komplizierteren Bewegungen durch die Luft fuhr. Bei der Beobachtung verlor er jegliches Zeitgefühl, aber er bemerkte, dass sich die Magie im  Raum um ihn langsam leerte. Als sie wieder ruhig wurde und ihm mit einer knappen Bewegung heranwinkte, konnte er nicht sagen ob zehn Minuten, eine Stunde oder die halbe Nacht vergangen war. Er setzte sich im Schneidersitz vor sie, streng darauf achtend, den Kreis nicht zu berühren und streckte die Arme aus. Er ergriff ihre Unterarme, woraufhin sie die seinen schon fast krampfend umschloß. Für einen kurzen Moment lag eine ungeheure Kraft in ihren Fingern, dann wurde ihr Griff sanfter. Er entspannte sich und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf sie und versuchte alles andere auszublenden. Er öffnete seinen Geist und spürte wie sie ihre Fühler nach ihm ausstreckte. Ihr Verstand berührte den seinen und er tauchte in eine Flut von Bildern ein, die erst völlig zusammenhangslos auf ihn einstürzten. Dann schwamm er plötzlich in einem Meer aus Nebel. Zuerst schemenhaft, dann immer detaillierter sah er eine Person vor sich. Ein junger Mann, etwas jünger als er. Kurze, hellbraune Haare, ein Schimmer von rot im Bart. Grüne Augen. Kiras Augen. Das musste Adrian sein, ihr Bruder, von dem sie erzählt hatte. Der Nebel lichtete sich weiter. Adrian stand in einem Flur und umarmte eine Frau, hochgewachsen, etwa Stefanias Alter, mit tiefschwarzen Haaren. „Hallo Mutter!“ „Schön, dass du wieder da bist!“ Sie zog ihn durch eine Tür am Ende des Flures, und Mitras spürte, wie er mitgezogen wurde, gebunden wohl an Adrian. Sein Blick auf den Raum war beschränkt, als sei er ein Stückchen oberhalb von Adrians Kopf festgebunden. Er konnte stets nur dorthin blicken, wo auch der junge Mann hinsah. Dieser blickte sich nun allerdings suchend im Raum um, in dem ein älterer Mann mit weißen Haaren und ähnlich grünen Augen und ein etwa 19 oder 20 Jahre alter Bursche mit mittellangem, schwarzen Haar und tiefschwarzen Augen standen. Vater und zweiter Bruder, dachte Mitras sich, und wurde durch die ausgetauschten Begrüßungen bestätigt. „Wo ist Kira?“ Die Mutter verzog das Gesicht. Der jüngere Bruder lachte, ein gemeines Lachen. „Hast du es noch nicht gehört? Sie hat Johann di Lohnas einen Arm verdreht, deine Lieblingsschwester ist nämlich doch eine richtige Hexe!“ Adrian machte eine überraschte Bewegung. „Was?“ „Sie hat magisches Talent.“ Der Vater versuchte offenbar, die Beschreibung zu beschwichtigen. „Talent?“ Die Stimme der Mutter gellte in Mitras Kopf nach. „Das nennst du Talent? Ich hab ein Hexenbiest gefüttert all die Jahre! Das hat sie alles nur von deiner Mutter! Wenn du mir früher gesagt hättest, was du da für Blut in dir trägst, hätte ich sie gleich töten können, ehe ihre Haare auch nur ein Stück an Schande über unsere Familie gebracht haben! Ein Mädchen wollte ich sowieso nie!“ Mitras spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen, um den Zauber nicht zu brechen. Der jüngere Bruder setzte der Triade der Mutter noch eine Spitze auf, als er höhnisch ergänzte: „Deine Lieblingsschwester ist auch gar nicht so Liebling, wie du immer dachtest! Sie hat wohl einen zuviel getrunken und ist dann rasend auf Johann losgegangen, als er ihr aufhelfen wollte. Wenn nicht ein Magier aus Uldum gekommen wäre, hätte er jetzt wahrscheinlich gar keinen Arm mehr.“ „Richtig!“, fiel die Mutter wieder ein, immer noch gegen den Vater gerichtet. „Das hast du davon, dass du ihr diese ganzen Extravaganzen hast durch gehen lassen. Das ganze Dorf redet über uns – nein, ganz Burnias!“ Adrian hob eine Hand. „Mutter, stopp. Nicht ganz Burnias, sonst hätte ich auf dem Weg hierher schon davon gehört. Was habt ihr mit ihr gemacht? Geht es ihr gut?“ Die Mutter schnaubte. Der Vater, der bisher Adrian nicht angeblickt hatte, sondern zur Seite gedreht gestanden hatte, schaute ihn nun an und nickte: „Jaja, es geht ihr bestimmt gut. Bruder Harras hat die Magierschule informiert, und sie ist jetzt in Uldum, geht zur Schule. Hatte sie doch immer gewollt.“ Der jüngere Bruder zischte. „Tsss. Ist schon unfair, warum sie auch noch dafür belohnt wird. Ich sag doch immer, Gewalt ist eben doch eine Lösung.“ Adrian wandte sich zu ihm um und herrschte ihn an: „Torge, hör auf damit. Sie ist allein in einer riesigen Stadt, bei fremden Leuten, wer weiß, wie es ihr geht. Ich glaube kaum, dass man das Belohnung nennen kann. Schlag dir deine fürchterlichen Gedanken aus dem Kopf von Gewalt als Lösung. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt.“ Immerhin waren anscheinend nicht alle in dieser Familie völlig daneben, dachte Mitras. „Wo ist Bruder Harras jetzt?“ „Vermutlich zuhause, aber Adrian, du kannst ihn doch jetzt nicht stören. Es ist schon spät! Iss mit uns. Wir haben dich so lange nicht gesehen. Wie war die Reise? Warst du erfolgreich? Hast du viel verdient?“ Die Stimme der Mutter war plötzlich sanfter, während sie ihren Sohn zum Esstisch bugstierte. Der Nebel nahm wieder zu, und plötzlich fand Mitras sich wieder auf dem Boden seines Labors wieder, mit einer Mischung aus Wut und Übelkeit im Magen.

Stefania hatte ihn losgelassen, er konnte nicht sagen, ob das schon vor Ende der Vision war oder erst danach. Ihre Hände lagen ruhig auf der Kette und sie schien noch in Trance zu sein. Plötzlich ging ein Beben durch sie und sie begann, heftig zu schluchzen. Sie sackte nach vorne und er konnte sie gerade noch auffangen. „Diese Monster, das eigene Kind, die Schwester so zu verstoßen!“ „Ja, Stefania, ich weiß.“ Er wartete, bis sie sich wieder gefangen hatte, und versuchte das Erlebte zu verarbeiten. Sich zur Ruhe zwingend ging er alles noch einmal durch, streng darauf bedacht nichts zu übersehen. Das erste, was ihm in den Sinn kam, war ein Name, di Lohnas. Damit konnte man arbeiten. Dann fiel ihm noch etwas anderes ein: „Das hat sie alles nur von deiner Mutter!“ Die grünen Augen stammten vom Vater. Ob das magische Talent und die roten Haare von seiner Mutter kamen? Kira kannte ihre Großmutter nicht. Er hatte es vermutet, aber nun war es Gewissheit. Ihre Großmutter musste von den Skir abstammen. Und wenn die großen Skirhexen nur halb so mächtig waren, wie die Geschichten aus dem letzten Krieg andeuteten, dann erklärte das sehr gut Kiras Kräfte. Stefania stand auf und schüttelte sich. „Brüderchen, lass dir eins sagen: Ich werde dir auf keinen Fall etwas berechnen für diesen Zauber. Und wann immer du wieder meine Hilfe brauchst, um ihr zu helfen, du kannst auf mich zählen. Du bist Familie, also ist sie jetzt auch Familie.“ Mitras neigte dankbar den Kopf. „Danke, große Schwester. Und danke für dein Vetrauen, mich das hier sehen zu lassen. Es war eine interessante Erfahrung, auch wenn der Inhalt der Vision alles andere als schön war.“ Er schwieg einen Moment. Mitras kannte Kira nun gerade mal fünf Wochen, doch sah er sie schon als Freundin. Als Familie. Ja, das fühlte sich richtig an. Er würde sie ausbilden, schützen – und auch für Gerechtigkeit sorgen, sobald es ging und mit Johann würde er beginnen. Er würde alles tun, was er konnte, um ihr ein besseres Leben zu bieten. Das hatte sein kleines, überaus mächtiges Eichhörnchen – oder doch Skirhexe? – auf jeden Fall verdient.

Er verschiedete Stefania, nachdem sie noch eine Weile über William und insgesamt die Familie gesprochen hatten. Nachdenklich ging Mitras danach den Flur entlang. In seinem Zimmer schaute er einen Moment lang den Spiegel an, dann aktivierte er die Runen und betrachtete Kira, die halb von der Decke bedeckt friedlich schlief. Eine lange Weile saß er einfach nur da und beobachtete sie, ihren friedlichen Atem, wie sich ihre Brust hob und senkte, und er spürte, wie es ihn beruhigte zu wissen, dass sie jetzt in Sicherheit war und dass es ihr gut ging.