Ganz nach Protokoll – 27. Lunar 242

Am Schengstag scheuchte Abigail Kira schon früh herum, um sie zu baden und ihr die Haare zu bürsten. Kira war nervös, aber wie beim Besuch von Nathanael war die Haushälterin noch deutlich nervöser als sie selbst. Nach ein paar Stunden kam Kira sich wie ein gestriegeltes Pferd vor, herausgeputzt zur Vorführung. Sie sah allerdings wirklich gut aus, sogar ihre Locken hatte Abigail kunstvoll hochgesteckt. Dazu trug sie einen grünen Rock mit vielen gerafften Falten und ein seidenes Oberteil mit Korsett, auf dem auf grünem Stoff hauchdünn silbrige Blätter abgedruckt waren. Die Kette und die Ohrringe passten perfekt dazu, ebenso der hellgrüne Hut mit den weißen und silbrigen Bändern, den Abigail aus ihrem eigenen Kleiderschrank herbei zauberte. Selbst die Schuhe waren neu und passten mit einem leichten Grünton im weichen Leder zu den restlichen Sachen. Woher Abby sie hatte und warum sie Kira perfekt passten, verriet sie nicht, aber Kira vermutete, dass entweder sie selbst oder Mitras da entsprechend vorgesorgt hatten und fühlte sich wie eine Prinzessin. Als Abby fertig war, betrachtete sie Kira eine Weile und sagte dann zufrieden mehr zu sich selbst: „Ja, eine magische Adelige, aber nicht zu aufällig, richtig für einen Mittagsbrunch am Schengstag, und das Grün steht dir ganz ausgezeichnet und der Hut ist auch richtig für diese Saison.“ Kira lächelte sie an und bedankte sich mit einem Knicks, was Abby lächeln und begeistert klatschen ließ. „Ja! Du wirst uns keine Schande machen.“ Kira freute sich über das Lob, holte sich ihren Mantel und trat mit neuem Mut aus dem Haus, wo Mitras bereits bei einer Kutsche wartete. Er trug seine übliche schwarze Hose und dazu eine grünliche Weste mit aufwendigen silbernen Stickereien über einem weißen Hemd. Sein Mantel war ebenso wie ihrer am Kragen mit Pelz besetzt, nur dass er offenbar mehr Geld dafür ausgegeben hatte, denn der Pelz war hellweiß. Vielleicht ein weißer Fuchs? Kira kannte kaum Tiere, die einen so weißen Pelz hatten. Ob er die Grundfarbe seiner Weste passend zu ihrem Kleid ausgesucht hatte? Auf jeden Fall passten sie gut zusammen.

Mitras hatte sich gerade ein wenig mit dem Kutscher Julius unterhalten und diesen beiläufig über die Situation in der Stadt ausgefragt. Anscheinend wurde es auf der anderen Seite des Corvius im Hafenviertel immer unruhiger. Julius selbst, der meistens Adelige oder reiche Händler fuhr, wollte die Brücken seit einigen Tagen nicht mehr passieren, er gab zu, dass er schon entsprechende Aufträge abgelehnt hatte, und meinte, dass bereits einige seiner Kollegen dort drüben überfallen worden waren. Mitras konnte sich kaum vorstellen, dass die Wache so etwas zu ließ, aber ehe er sich noch weiter Gedanken darüber machen konnte, kam Kira aus dem Haus. Sie hatte den Mantel noch offen und er konnte das Kleid sehen, das sie trug. Abby hatte sich einmal mehr selbst übertroffen. Es passte perfekt zu Kira und betonte ihre natürliche Schönheit. Das Kleid und auch die Frisur ließen Kiras alten Mantel nur um so älter und unscheinbarer wirken. Es war kein schlechtes Stück, aber es passte nun wirklich nicht mehr zu ihrer Gaderobe, jedenfalls nicht zu solchen Anlässen. Auch wenn sie in dem Kleid die richtige Wirkung erzielen würde, konnte er sie mit diesem Mantel so nicht vorführen. Christobal würde sie sicher sehen, bevor die Dienerschaft ihr den Mantel abgenommen hätten, und er würde sicher Anstoß daran nehmen. William, der sich durchaus auch zu kleiden wusste, war als Jugendlicher grundsätzlich irgendwo herumgeklettert – so waren sie ja auch in di Pinzons Garten gelangt, allerdings zum Preis eines Hosenbeins von William. Der hatte sich die Kleidung der beiden genau angeschaut. Mitras war sich wohl bewusst, dass er seine Förderung durch den Herzog nicht nur, aber durchaus zu wesentlichen Teilen der Tatsache verdankte, dass er an diesem Tag bessere Kleidung als ein durchschnittlicher auf den Straßen spielender Junge getragen hatte. Di Pinzon war traditionell, und als traditioneller Adeliger achtete er auch auf Statussymbole. Mitras griff in seine Westentasche und zog eine silberne Uhr hervor, ein Geschenk von Christobal selbst zu seiner Magisterprüfung. Die Zeit reichte noch. „Hallo Kira, du siehst umwerfend aus. Allerdings müssen wir dir noch einen neuen Mantel besorgen. Für einen Spaziergang in der Stadt ist er mehr als gut genug, aber wir sind auf dem Weg zu einem Essen mit einem Herzog und Ehrenprofessor der Universität zu Uldum. Auch wenn er ein Freund von mir ist, so ist er doch ein sehr standesbewusster Mann.“ Kira, die zu Beginn bei seinem Lob zu strahlen begonnen hatte, sah ihn verunsichert an und zupfte am Kragen ihres Mantels. „Noch ein Geschenk?“, fragte sie verlegen. „Mehr eine Notwendigkeit. Vergiss nicht, es ist meine Aufgabe dich vorzubereiten und auszustatten. Und wenn ich dich dabei vielleicht ein bisschen besser ausstatte, als nötig, dann ist das nur deinen bisschen besseren Leistungen geschuldet.“ Kira lief rot an. „Danke.“ hauchte sie, und er hatte fast den Eindruck, sie würde ihn dabei anhimmeln, aber das bildete er sich vermutlich nur ein.

Eine Stunde später standen sie vor dem Anwesen Christobals. Kira trug nun einen Mantel aus feinster Wolle, verziert mit weißen Stickereien und einem ebenso weißen Pelz, wie er trug. Der Hermelin war selten – nur wenige Händler trauten sich über das Binnenmeer, um ihn zu horrenden Preisen von den Skir zu erwerben. Also hatte auch der Mantel einige Goldmünzen gekostet, und Kira war immer noch feuerrot im Gesicht, ein Zustand, den sie seit dem Zeitpunkt hatte, als Mitras seine Börse herausgeholt hatte. Er wandte sich zu ihr, nachdem Julius losgefahren war. „Kira? Versuch mal, etwas ruhig zu atmen, so wie bei den Meditationsübungen.“ Er musste zugeben, dass er ihre sprachlose Freude, gemischt mit Verlegenheit und Scheu, sehr niedlich und erfreulich fand, aber jetzt wäre es wohl besser, wenn sie sich etwas sammeln würde. Sie blickte ihn einen Moment an, dann nickte sie, straffte die Schultern und richtete sich mit dem Einatmen auf, wie sie es bei der Meditation gelernt hatte. Es dauerte einen Moment, aber ihre Gesichtsfarbe normalisierte sich und die Scheu verschwand aus ihrer Haltung. Nun war sie die umwerfende junge Magierin, die di Pinzon beeindrucken würde – genug, dass er ihr Unterricht geben würde, hoffte Mitras. Er musste aber zugeben – egal wie dieses Essen und das Gespräch danach ausgehen würde, er war jetzt schon wahnsinnig stolz auf sie und ihre Entwcklung im letzten Monat.

Er wandte sich zu dem großen Tor, das genau in diesem Moment aufschwang, als er darauf zutrat. Zwei Wächter standen seitlich hinter der Mauer, einer der beiden bediente die Winde, die das Tor öffnete, der zweite grüßte die beiden mit einer tiefen Verbeugung. Mitras nickte ihm zu. Sicher wurden sie bereits vom Haupthaus beobachtet, irgendein Bote würde losgelaufen sein, sobald Julius vor dem Tor gehalten hatte. Er reichte Kira seinen Arm und führte sie über den breiten Sandweg auf das prunkvolle Gebäude zu, dessen Kern Pinzons Großvater wohl einst als vorrübergehende Resizenz hatte errichten lassen, wenn ihn die gesellschaftlichen Verpflichtungen aus seinem Herzogtum in Sybergia nach Uldum gerufen hatten. Damals war das Bauland westlich des Avens noch nicht so begehrt gewesen, da der neue Palast noch nicht auf dem Hügel gewesen war und nur einige Händler und Handwerker hier bauten. Dementsprechend großzügig war die Anlage. Christobals Vater hatte das ursprüngliche Gebäude zu einem wahren Palast ausgebaut, was einen nicht kleinen Teil des Reichtums der Familie gefressen hatte. Einen Reichtum, der unter den alten Adelshäusern seinesgleichen suchte. Neben den Einnahmen aus ihrem fruchtbaren Lehen kontrollierten die di Pinzons eine der wichtigsten Handelrouten nach Norden und hatten auch schon zu Zeiten, als das Land jenseits des Flusses noch den Skir gehörte und das Rasenna Reich noch bestand, viel Handel dorthin betrieben. Auch heute noch unterhielt der Herzog noch wichtige Handelsbeziehungen in den Norden und konnte sich so sein auschweifendes Leben hier leicht finanzieren, wo andere Adlige hinter ihrer Fassade aus Pomp, ausschweifenden Festen und teuren Schmuck Berge von Schulden verbargen. Nach den Baumaßnahmen seines Vaters hatte Christobal sich selbst den Luxus gegönnt, einen Teil des Gartens nachträglich mit einem Ballhaus zu bebauen, und dennoch gab es noch einen kleinen Garten mit verschiedenen Obstbäumen und einer erlesenen Auswahl an Blumen. Es gab Gerüchte, dass Christobals Frau, die früh bei einem Überfall ums Leben kam, die Blumen geliebt hatte, und ihr zu Ehren pflegte der alte Herr sie immer noch selbst. Christobal sprach allerdings selten von seiner Frau oder seiner Familie – auch seine Schwester war bei diesem Überfall gestorben und sein ungeborenes Kind – also wusste Mitras nicht genau, ob das Gerücht stimmte oder nur eine ausgedachte Geschichte war, um das manchmal wohl etwas schrullige Verhalten des Herzogs zu erklären.

Mitras hatte einiges vom Umgang mit Geld von seinem Mentor übernommen, auch wenn er in der Außenwahrnehmung deutlich bescheidener geblieben war. Aber di Pinzon protze nicht nur, er war auch äußerst wohltätig. Mehrere Knabenschulen, Suppenküchen, Hospizen und andere soziale Einrichtungen hatte er gegründet. Er sagte immer, dass es die Pflicht des Adels sei die Armen und Schwachen zu beschützen, nur das die Bedrohungen heute andere seien als in den fernen Tagen, als das erste Reich gegründet worden war. Er war also im Großen und Ganzen ein gütiger und großherziger Mann, nur seine Verbohrtheit über die Rolle der Frau in der Gesellschaft hatte zu regelmäßigen, teils hitzigen Diskussionen zwischen ihnen geführt. Zum Glück hatten sie sich darüber nicht zerstritten, wie es bei Christobal und Felicia di Ferrus, Sebastians Mutter, der Fall war. Mitras stimmte es immer wieder traurig, dass die beiden, die sich doch in so vielen Ansichten ähnlich waren, sich so wenig leiden konnten. Er wusste aber auch, dass Christobal sehr verbohrt war und auch Felicia einen gewaltigen Dickschädel hatte. 

Mitras bot ihr nun den Arm dar, damit sie sich bei ihm unterhaken konnte. Sie zögerte nur kurz und hakte ihren Arm dann in der korrekten Weise ein, was er mit einem kurzen Lächeln und einem Nicken quittierte und ging dann los auf den Haupteingang des Hauses zu. Das Gebäude ragte aus einem steileren Hang heraus, was dazu führte, dass die dreigeschößige Vorderfront mehr als 16 Meter in die Höhe ragte, währen das gut 20 Meter weiter hinten liegende Ende des Gebäudes nur noch zwei Geschoße überhalb der Erde hatte. In zwei doppelten Bögen führten Treppen zu einer kleinen Terrasse vor der Tür. Genau in der Sekunde als Mitras und Kira die letzte Stufe hinter sich ließen schwang die Tür auf und ein Diener in der Lifre des Herzogtums stand seitlich versetzt und verbeugte sich vor ihnen. „Guten Tag Herr di Venaris, Mylady. Herzog di Pinzon erwartet sie bereits.“ Vermutlich gab es im ganzen Reich kein förmlicheres, ja schon versnobtes Wesen wie Christobals obersten Buttler David Mordomo. „Guten Tag David. Dürfte ich Sie wohl darum bitten unsere Mäntel zu nehmen?“ „Jawohl, mein Herr. Ich werde sie Ihnen umgehend abnehmen.“ Er wandte sich zunächst zur Tür und schloss diese, ehe er sich zu Kira umwandte, „Gestatten, Mylady?“ Kira, schon wieder leicht errötend, drehte ihm galant den Rücken zu und ließ den Mantel ein wenig runter rutschen, nur so weit, dass er ihn ihr ohne weiteres abnehmen konnte. „Ja, bitte.“ Mitras war erstaunt über die Akkuratheit ihrer Gesten und wie sie korrekt auf den Diener reagierte. Sie musste den Niggel wesentlich intensiver durchgearbeitet haben, als er dachte. Das würde nun sehr viel wert sein, da Christobal bereits in seiner üblichen Spähecke auf der Galerie im ersten Stock stand. Er war dort gut verborgen und konnte gleichzeitig seine Gäste beobachten und sich ein Bild von ihnen machen. Nur weil Mitras wusste, worauf er achten musste, konnte er feststellen, dass sie bereits beobachtet wurden.

Kira spürte, wie ihr Herz immer noch zu schnell schlug. Mit Mitras einzukaufen war, obwohl sie die ersten Geschäfte in Uldum ja schon mit Abigail und Sebastian erlebt hatte, eine wirklich zugleich wunderschöne und erschreckende Erfahrung. Er war zielstrebig zu einem Laden in der Altstadt gegangen, der in einer kleinen Gasse verborgen lag. Dort hatte es verschiedene Mäntel gegeben, doch der Verkäufer hatte Mitras nur gesehen, sich tief verbeugt und die beiden anschließend direkt in ein Hinterzimmer geführt, als seien sie Mitglieder in einem Geheimbund. Nachdem er erfahren hatte, für wen ein Mantel gesucht wurde, hatte er sie kurz allein gelassen und war anschließend mit drei Mänteln zurückgekehrt, einer edler als der andere. Kira hatte noch nie so edle Pelzmäntel gesehen. Mitras hatte sie alle drei anprobieren lassen und sie gefragt, welcher ihr gefiele. Sie wusste nicht, was der Mantel gekostet hatte, für den sie sich letztendlich zögerlich entschieden hatte, aber er war unglaublich. Außen bestand er aus einer feinen, eng gewobenen Wolle, doch innen lag ein weiches, helles Fell von einem Tier, das sie nicht kannte – und sie hatte sich die ganzen Beschreibungen, die der Händler heruntergerasselt hatte, auch nicht merken können – und am Kragen und an der Kapuze hatte er einen ebenso weißen Pelzbesatz wie Mitras Mantel. Hermelin hieß das, soweit hatte sie zuhören können, und sie hatte auch schonmal davon gehört, ihr Vater hatte einmal damit geprahlt, so ein Fell erstanden und zu einem sehr guten Gewinn weiter verkauft zu haben. Als Mitras den Händler letztendlich bezahlte, hatte er gar nicht erst zu Silber gegriffen. Kira hatte sehr wohl gesehen, dass es mehrere – auf jeden Fall mehr als drei – Goldmünzen gewesen sein mussten, die er dem Händler gab, und seitdem wusste sie nicht, ob sie ihm um den Hals fallen oder sich schuldig fühlen sollte, weil er ihretwegen so viel Geld ausgeben musste. Mitras hatte sie angelächelt, als sie wieder zur Kutsche gegangen waren, und gesagt, dass sie „sehr hübsch“ aussähe, und das hatte wirklich nicht geholfen, ihren Puls zu beruhigen. Erst die Atemübungen, die er ihr angeordnet hatte, und ihre jahrelange Übung darin, den Anschein von Normalität zu wahren, hatten bewirkt, dass sie nicht mehr so rot im Gesicht war und wahrnehmen konnte, zu was für einem beeindruckenden Anwesen sie gefahren waren. Vom riesigen Tor über den wundervoll angelegten Garten mit Rosenstöcken und verschiedenen Arten von Büschen, die selbst im Schneematsch gut aussahen, bis hin zum großen, hoch aufragenden Gebäude sagte alles hier, dass der Besitzer sowohl reich als auch mächtig war – aber auch geschmackvoll, wie sie feststellte.

Sie dankte sich selbst, den Niggel weiter durchgearbeitet zu haben und mit Sebastian vor einer Weile schon im Café das korrekte Empfangen geübt zu haben, als ihr der Butler den schönen Mantel abnahm. Mitras blickte nervös zur Galerie hin, die oberhalb des großen Raumes verlief. Hatte er nicht gesagt, Christobal di Pinzon sei sein Mentor gewesen? Offenbar hatten die beiden kein so entspanntes Verhältnis, wie Mitras es mit dem Herzog di Blanca pflegte, denn soweit Kira Mitras schon kannte – so nervös hatte sie ihn noch nicht gesehen. Sie schaute sich neugierig um. Die Empfangshalle war deutlich größer als die bei Mitras, und an ihrem Ende gab es in der Mitte eine riesige Treppe, die hinauf zur Galerie führte. An den Wänden waren verschiedene Gemälde und elektrische Leuchter, an der Decke hing ein riesiger Kronleuchter, der das Licht in glitzrigen Kristallspittern auffing und den Raum so ein wenig funkeln ließ. Der Boden war mit einem bläulichen, dicken Teppich bedeckt.

„Mitras di Venaris, ich freue mich, dich wieder begrüßen zu dürfen!“ Erstaunt blickte Kira zur Treppe, auf der nun plötzlich ein mittelgroßer Mann mit weißen Haaren und einem sorgfältig geschnittenen weißen Bart stand. Sie konnte sein Alter schwer schätzen, seine Haare sprachen für älter als 60, aber seine Hände, seine Haut und seine Bewegungen wirkten jünger. Kira überlegte kurz, ob er auch diesen Verjüngungszauber genutzt hatte, der Mitras hatte jünger und frischer aussehen lassen. Mitras verbeugte sich, nicht besonders tief, aber deutlich respektvoll und Kira beeilte sich, ebenfalls eine Verbeugung zu machen – sie achtete darauf, dass sie dabei angemessen knickste, wie es sich für eine junge Dame von niedrigem Adel gehörte, und verbeugte sich auch tiefer als Mitras. Immerhin war er durch seinen Magistertitel wie ein Graf, und sie hatte ja eigentlich gar keinen Titel. Sie beobachtete, wie Mitras ihrem Gastgeber die Hand schüttelte, und revidierte ihre Einschätzung über die Vertrautheit des Verhältnisses. Obwohl beide sich sehr genau an das Protokoll hielten, war Wärme und Zuneigung aus ihren Bewegungen und Berührungen zu lesen. Nach einigen kurzen Sätzen drehte sich Mitras halb zu ihr, zog sie ein Stück näher und sagte: „Christobal, ich stelle dir Kira Silva vor, meine Discipula. Kira, dies ist Proffessor Herzog Christobal di Pinzon, mein Mentor.“ Kira knickste erneut und grüßte den Herzog: „Es ist mir eine Ehre, in eurem Haus zu Gast sein zu dürfen, geschätzter Herzog di Pinzon.“ Der Herzog zog mit einer Mischung aus Erstaunen und Anerkennung eine Augenbraue hoch, während er schmunzelnd mit der formell korrekten, aber merkbar auch ehrlich gemeinten Floskel antwortete: „Die Ehre ist ganz meinerseits.“ Dann wandte er sich an Mitras: „Ich sehe, meine Erziehung hat Früchte getragen, dass du auch ein Kind vom Dorfe gut schulen konntest. Gut gemacht, mein Junge!“ Dabei klopfte er ihm leicht auf die Schulter, nickte Kira nocheinmal zu und wandte sich ab, um die beiden ins Haus hinein zu führen. Kira blickte Mitras an, dieser lachte, während er di Pinzon folgte: „Nein, nein, Christobal, bei mir ist, wie du ja so schön sagtest, Hopfen und Malz verloren. Für ihre guten Manieren ist die junge Dame selbst verantwortlich. Kira ist eine außergewöhnlich talentierte und fleißige Schülerin.“ Kira spürte, wie sie schon wieder rot wurde. Di Pinzon blieb stehen und drehte sich erst zu Mitras, dann zu ihr um. Er betrachtete sie einen Moment, dann blickte er wieder zu Mitras. „So, so.“, sagte er. „Also ausnahmweise mal eine fleißige Frau?“ „Ja, ja. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Wobei ich für diesen Fund Thadeus dankbar sein muss.“ Der Herzog lachte und drehte sich wieder zum Gehen. „Siehst du, Thadeus ist nicht der Böse, als den du ihn immer darstellen willst. Er leitet die Schule mit Verstand.“ Kira folgte den beiden und überlegte wieder einmal, dass Christobal damit durchaus Recht haben konnte. Mitras gegrummelte Antwort hatte sie nicht verstanden, aber sie hatte den älteren Mann erneut zum Lachen gebracht. Abgesehen vom etwas steifen Verhalten fand sie den Herzog symphatisch. Er wirkte ein wenig großväterlich auf sie und erinnerte sie auch entfernt an ihre Großmutter in Flate – obwohl di Pinzon wesentlich netter wirkte.

Das Essen verlief ruhig. Mitras und Christobal tauschten alte und neue Geschichten aus, der Herzog fragte Kira freundlich, aber oberflächlich nach ihrem Leben aus und der Braten war ganz ausgezeichnet. Ein interessanter Zufall war, dass auch Christobals Großmutter aus Flate kam, aber der Herzog war noch nie in Flate gewesen und so vertieften sie diesen Gesprächspunkt nicht weiter. Kira schlug sich gut. Sie antwortete flüssig und passend auf Christobals Fragen und Kommentare, machte kaum Fehler beim Besteck – nur ihren Löffel legte sie falsch ab – und war dabei auch noch hübsch anzusehen. Mitras war sehr zufrieden und fand, dass sich die Investion in den Mantel allein dadurch schon gelohnt hatte. Sie verdiente ihn auf jeden Fall. Nach dem Essen winkte Christobal eine der vielen Bediensteten heran, die die ganze Zeit um sie herum schwirrten. „Nina, sei so gut, wir gehen in den Salon. Vielleicht kannst du Lady Silva etwas Gesellschaft leisten, ihr könnt in das Musikzimmer gehen.“ Die junge Angestellte knickste höflich und wandte sich dann zu Kira. „Mylady, würden Sie mit mir gehen? Wenn Sie mögen, kann ich Ihnen etwas vorspielen, während die Herren ihren Absacker zu sich nehmen?“ Kira schaute kurz zu Mitras, der ihr zunickte. Er hatte damit gerechnet, dass Christobal auf die klassische geschlechtergetrennte Zeit nach dem Essen bestehen würde und hatte sich schon gefragt, wie Kira diese Zeit allein verbringen sollte. Aber er hatte seinen Mentor mal wieder unterschätzt. Natürlich hatte er Vorkehrungen getroffen. Kira verabschiedete sich mit einem höflichen Knicks, nachdem sie sich – ganz dem Protokoll folgend – für das Essen bedankt hatte, und folgte der jungen Frau. Auch di Pinzon stand auf und gemeinsam gingen sie in den nahegelegenen Salon, indem schon auf einem kleinen Tisch der typische Kräuterschnaps bereit stand, den die Herren nach dem Essen zu sich nahmen. Mitras ließ sich in einen der Sessel gleiten, nahm das kleine Glas und prostete Christobal zu. „Auf den besten Lehrer in allen gesellschaftlichen Belangen des Adels und der Mathematik!“ Der Herzog lachte, hob ebenfalls sein Glas und trank. „So, so. Was soll ich für dich tun, dass du so schmeichelst?“  Mitras lehnte sich zurück. „Ich kann es nicht leugnen, ich möchte tatsächlich zwei Dinge von dir. Du hast gesehen, Kira ist eine gute Discipula, fleißig und lernwillig, mit guten Manieren. Das ist allerdings eine Information, die ich zunächst nicht weit verbreiten möchte. Auch wenn du es nicht glauben magst, ich glaube nicht, dass Thadeus sie mir aus Freundlichkeit zugewiesen hat. Ihre magische Entdeckung war problematisch, er vermutete wohl eher einen anderen Charakter und wollte mir damit Schwierigkeiten machen. Ich bitte dich also, dein Wissen über sie mit niemandem zu teilen.“ Christobal schwieg einen langen Moment, dann setzte er sich in den Sessel ihm gegenüber und nickte. „Thadeus mag bürgerliche Magier nicht, dass weiß ich selbst. Und dir eine Frau zu geben, ist auch nicht gerade ein Zeichen von Hochachtung. Du willst ihn am Ende des Jahres überraschen?“ „Ja, das würde ich gerne.“, bestätigte Mitras, obwohl „überraschen“ nicht ganz das Wort gewesen wäre, dass er gewählt hätte. „Blamieren“ traf es wohl eher. „Danke für dein Vertrauen.“, sagte di Pinzon. „Ich werde dein Geheimnis bewahren. Und das zweite?“ Mitras kratzte sich ein wenig verlegen am Kopf. „Ja, das ist das etwas schwierigere. Kira hat eine sehr gute Grundausbildung in fast allen Bereichen, sie liest flüssig und lernt schnell, aber in Mathematik ist sie leider gar nicht gut ausgebildet worden. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht…“ Er schaute Christobal erwartungsvoll an. Diese schaute zunächst verblüfft, dann verärgert. „Eine Frau unterrichten? Mitras, du weißt, dass ich das noch nie getan habe!“ Mitras nickte. Er hatte so eine Reaktion befürchtet und war daher vorbereitet. „Christobal, ja, das weiß ich. Aber sei ehrlich, wenn eine Frau es wert wäre, von einem Meister wie dir unterrichtet zu werden, dann eine wie sie: Fleißig, lernwillig, klug und magisch.“ Christobal schwieg einen Moment. „Ein Meister bin ich, ja?“ „Natürlich. Du hast mich ausgebildet, und du hast mir beigebracht, stets nur das Beste zu wollen und das Beste zu nehmen. Ich brauche einen Mathematiklehrer für sie, und ich halte mich an deinen Rat – ich möchte den Besten, und das bist du.“ Wieder schwieg Christobal einen langen Moment, doch Mitras konnte deutlich sehen, dass seine Mundwinkel zu einem leichten Schmunzeln zuckten. Schließlich seufzte er und sagte mit einem Lächeln: „Ich habe dich auf jeden Fall gut darin ausgebildet, die richtigen Wörter zu finden, um jemanden zu überzeugen. In Ordnung. Sie kann zu einer Probestunde kommen, am nächsten Miras. Aber nur, weil ich nicht gegen meine eigenen Prinzipien verstoßen will und du Recht damit hast, dass ich der Beste bin. Wenn sie mich im Unterricht überzeugt, dass sie etwas lernen kann von der schönen Mathematik, obwohl sie eine Frau ist, kann ich sie an jedem Miras unterrichten, aber wir werden Stillschweigen darüber bewahren. Die anderen Mitglieder des Psi-Clubs würden mich glatt auslachen, wenn sie wüssten, dass ich eine Frau unterrichte.“  Der Psi-Club war eine der elitären Clubs, die sich im Umfeld der Universität gebildet hatte, und soweit Mitras wusste, ließ er nur männliche Mitglieder zu. Er seufzte erleichtert und reichte seinem Mentor die Hand. „Abgemacht. Die Geheimhaltung ist sicherlich für uns beide passend. Ich denke nicht, dass sie dich enttäuschen wird.“ Christobal schüttelte seine Hand. „So überzeugt? Vielleicht solltest du sie heiraten, wenn du ihr so zugetan bist.“ Mitras spürte, wie eine Mischung aus Belustigung und Genervtheit in ihm aufstieg. Warum schlugen ihm alle vor, sie zu heiraten? Sie war doch noch so jung, und außerdem hatte er den Plan, irgendwann zu heiraten, aufgegeben, als Claudia ihm damals so deutlich gesagt hatte, dass er als Ehemann und Partner für keine Frau mit Geist und Ehre zu gebrauchen sei. Er seufzte. „Ich werde sie bestimmt nicht heiraten, sie ist meine Discipula.“ Christobal schmunzelte, nun wieder der vergnügte ältere Mann, als der er die meiste Zeit wirkte. „Das wäre ja nun kein Hinderungsgrund, denk an di Filnos, der hat sogar seine 15jährige Discipula noch in ihrem ersten Jahr geheiratet und nun bekommt sie schon das dritte Kind.“ „Ja! Aber einen Schulabschluss hat sie nicht bekommen. Er hätte sich durchaus etwas Zeit lassen können.“, fuhr Mitras auf. „Wir sagen stets, dass alle magischen Menschen ausgebildet werden sollen, aber wenn dann eine schwanger wird, ist es mit der Ausbildung nicht mehr weit her.“ Di Pinzon machte eine wegwerfende Handbewegung, die Mitras zu gut kannte. „Sie wurde ja ausgebildet, sie wird keinen Schaden anrichten. Frauen brauchen keine Kampfmagie, da kennst du meine Meinung ja, eine gute Frau ist eine gute Ehefrau, und die hat di Filnos in seiner Discipula sicher gefunden. Aber schon gut, ich weiß, dass dich solche Wahrheiten aufregen, lassen wir das Thema. Deine Discipula bekommt ja nun vielleicht Unterricht, da kannst du dich ja nicht beschweren.“ Mitras schluckte mit dem letzten Rest des Schnapses aus dem Glas seinen Ärger mit herunter. Christobal hatte in einem Recht: Da er Mitras Anfrage positiv beantwortet hatte, konnte Mitras sich nicht beschweren, und am Besten war es, dieses Thema einfach zu meiden, um den Herzog nicht zu verärgern.

Gesellschaften – 17. Lunar – 25. Lunar 242

In der folgenden Woche übte Kira mit Mitras die verschiedenen Varianten der Bewegungszauber. Schweben gelang ihr besonders gut, auch Gleiten klappte, wobei Mitras einige Male verhindern musste, dass auch das Möbilar sich einige Meter voran bewegte. Nachdem er Kira darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie ihren Radius aktiv begrenzen musste, ließen die versehentlichen Bewegungen nach. Das Meditieren, obwohl sie sagte, dass sie es täglich übte, schien nur bedingt zu klappen: Ihre Aura schimmerte immer noch mit vielen roten Schlieren, sobald sie übten, aber Mitras schob es auf die Tatsache, dass sie sich auch immer noch über jeden gelungen Zauber wie ein Kind zur Frühlingsfeier freute. Am Ingas prüfte er wieder Mathematik und stellte erfreut fest, dass die letzten Wochen intensive Betreuung durch Abby geholfen hatte, ihre grundlegenden Lücken so weit zu schließen, dass sie nun wie eine Kaufmannstochter rechnen konnte. Abby hatte es sich offenbar auch nicht nehmen lassen, ihr ein wenig Geometrie zu zeigen, was Kira genutzt hatte, um eine bunte Zeichnung von ineinander verschlungenen Kreisen anzufertigen. Stolz zeigte sie ihm die Stifte, die sie gekauft hatte, und er erklärte ihr, dass es einen speziellen Zweig der Magie gab, der sich der Gestaltung von Bildern und Gemälden widmete – mit Ritualen aus Veränderungs-, Telekinese- und Elementarmagie konnte man die Farben auf dem Malgrund so formen, dass sich genau das Bild ergab, dass man im Kopf hatte. Zumindest, wenn man gut genug in den Ritualen war. Kira war begeistert, doch er musste gestehen, dass er von dieser Form der „Gesellschaftszauberei“ nichts weiter wusste. Stattdessen brachte er ihr am Silenz Schach bei, ein Spiel, dass neben Dame gerne auf den Gesellschaften gespielt wurde und als hohe Kunst der Strategie galt. Er beobachtete sie, wie sie vor ihm saß, in einem rötlichen Kleid mit goldenen Bändern, die Haare kunstvoll geflochten angesichts des Familienessens am Silenz, und erfreute sich, wie gut sie sich nach nur wenigen Wochen eingelebt hatte. Eigentlich hatte er bis zum neuen Jahr warten wollen, aber nun sprach nichts mehr dagegen, sie zumindest Christobal di Pinzon, seinem alten Gönner, vorzustellen. Er war ein Adeliger der alten Schule und galt als Koryphähe der Mathematik. Mitras wusste, dass er auch anderen jungen Adeligen Unterricht erteilte und hatte sich schon überlegt, dass er ein guter Mathematiklehrer für Kira sein konnte. Vieles von dem, was Mitras über die Etikette der Adelshäuser und die Mathematik wusste, hatte er selbst ja auch von Christobal gelernt. Er musste sich nur überlegen, wie er Christobal dazu brachte, eine Frau zu unterrichten. Im Allgemeinen hielt er nämlich nicht viel davon, dass Frauen etwas anderes taten, als gut auszusehen und die Kinder zu erziehen. Mitras seufzte bei dem Gedanken. Er hatte wirklich viele Nächte mit dem sonst von ihm sehr geschätzten Mann über diese Frage diskutiert, aber Christobal fand, dass die Rolle der Frau immer so gewesen sei und man deswegen jetzt auch nichts daran ändern müsste. Und er war ja auch nicht alleine mit diesem Gedanken… Nun, vielleicht konnte eine intelligente Frau wie Kira da mehr bewegen. Der Gedanke gefiel Mitras, also beschloß er, sich bei Christobal anzukündigen. Die Zeiten, in denen er unankündigt über den Gartenzaun zu ihm ging, waren ja seit über einem Jahrzehnt vorbei.

Am Uldumstag übten Mitras und Kira vormittags die Meditation. Sie war eigentlich gar nicht so schlecht darin, aber in seiner Gegenwart war es deutlich schwieriger. Als Mitras endlich damit zufrieden war, weil ihre Aura nicht mehr allzudeutlich die Gefühlsfarben erkennen ließ, war Kira beinahe eingeschlafen, so entspannt war sie. Sie ließ sich nach hinten auf ihr Sitzkissen sinken und beobachtete, wie Mitras aufstand und sich streckte. Eigentlich hatte sie ja zur Bibliothek gewollt, aber einfach liegen bleiben schien auch eine ganz gute Option… einfach liegen bleiben und Mitras beim Arbeiten zusehen. Er betrachtete sie einen Moment von oben und fragte dann: „Ist das eigentlich noch Meditation oder schon Schlaf?“ Er lächelte dabei, aber Kira fühlte sich dennoch ertappt. Rasch richtete sie sich auf und nutzte ihre offenen Haare, um zu verbergen, dass sie rot anlief. „Äh, nein, ich schlafe doch nicht im Unterricht!“ Mitras lachte herzlich und reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. „Das wäre aber ungewöhnlich, eigentlich passiert das allen irgendwann mal beim Üben der Meditation.“ „Naja, dann habe ich vielleicht ein bisschen gedöst…“ Sie lächelte ihn auch an. Auf jeden Fall war sie entspannt und fühlte sich erholt, wie immer nach den Meditationsübungen, zu denen er sie immer öfters bat. Mitras nickte, wurde dann aber ernst. „In Ordnung. Trotzdem sollten wir mal schauen, wie wir die nächste Zeit gestalten. Der Lehrplan, den ich aufgestellt hatte, hat sich ja nun erübrigt. Ich würde dir gern meinen alten Mentor Christobal di Pinzon vorstellen. Er ist ein Adeliger alter Schule und ein hervorragender Mathematiker. Wenn er zustimmt, kann er den Unterricht von Abby übernehmen, denn du hast dich gut entwickelt. Und dann müssen wir mal schauen, wie wir Meditation, Zauberübungen und das restliche Lernen strukturieren, ohne dass du so erschöpft wirst, dass du mir öfters hier einschläfst.“ Kira schluckte. Ein Adeliger „alter Schule“ klang nicht unbedingt aufmunternd. Andererseits war das ja wohl jener Lord di Pinzon, der den jungen Mitras in seinem Garten hatte werkeln lassen, also konnte das kein schlechter Mensch sein.  „Wir sind übermorgen bei ihm zum Essen eingeladen. Das wird auch die erste Gelegenheit für dich zu zeigen, was du über Etikette gelernt hast.“, fuhr Mitras fort. Kira nickte, nun doch deutlich nervös. Mitras schien es zu sehen – vermutlich spiegelte es sich deutlich in ihrer Aura – denn er lächelte sie aufmunternd an, legte den Arm um ihre Schulter und drückte sie kurz. „Alles wird gut. Du bist intelligent, wirst wunderschön aussehen und dich gut zu verhalten wissen. Ich glaube an dich!“ Kira spürte, wie seine Berührung wie ein Blitzschlag durch sie fuhr und bemühte sich, ruhig und kontrolliert zu atmen, damit er nicht zu viel davon in ihrer Aura sehen konnte. Nach einem kurzen Moment des Sammelns fragte sie zur Ablenkung: „Im Niggel steht, man solle darauf achten, das Kleid und Schmuck zusammen passen. Meinst du, Frederieke würde mir ein bisschen passenden Schmuck leihen?“ Mitras hielt kurz inne und schlug sich dann mit der Hand an die Stirn. „Achja, du erinnerst mich an etwas. Ich denke, Frederieke würde dir bestimmt was leihen, aber ich glaube, ich habe was besseres. Wenn du nachher aus der Bibliothek wieder da bist, komm zu mir, dann kann ich es dir geben.“ Neugierig schaute Kira ihn an, traute sich aber nicht, weiter nachzufragen. Sie verabschiedete sich und ging nach dem Mittagessen wie beinahe jeden Uldumstag zum Kutschstand.

Als sie beinahe an der Kutsche war, hörte sie plötzlich hinter sich eine männliche Stimme: „Lady Kira?“ Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann Mitte zwanzig auf sie zueilen. Er trug eine schwarze Leinenhose und einen guten, aber nicht übermäßig pompösen Mantel. „Ah, Lady Kira!“ Er blieb stehen und verbeugte sich, als Nichtadeliger vor einer Adeligen, erkannte sie. „Verzeihen Sie, dass ich Sie einfach so anspreche, aber ich wollte mich unbedingt noch einmal bei Ihnen persönlich bedanken. Mein Name ist Maximilian Engel. Sie haben meiner Großmutter das Leben gerettet.“ Kira lächelte ihn freundlich an. „Gerne, Herr Engel. Vielen Dank für den Korb meinerseits. Die Schokolade war ganz hervorragend.“ Galant verbeugte sich Maximilian Engel ein zweites Mal. „Das war das Mindeste! Meine Großmutter wünscht sich, Sie einmal zum Essen einladen zu können, oder ins Theater, wenn Ihnen das lieber ist. Dürfte ich so verwegen sein, danach zu fragen?“ Kira wusste nicht, was an der Frage verwegen war und nickte verlegen. Sollte sie zusagen? Sie war noch nie im Theater gewesen. Was würde Mitras dazu sagen? Er mochte Engel auf jeden Fall nicht. Aber er wirkte nicht gefährlich, höchstens ein bisschen gestelzt. Seltsam, dass gerade ein Nicht-Adeliger ihr gegenüber der Erste war, der ihr zu förmlich vorkam. Doch dann erinnerte sie sich an ihr eigenes Gefühl, wenn sie in Bispar mit einem Adeligen reden musste. Man ist ausgeliefert, wurde ihr bewusst. Also bemühte sie sich um ihr freundlichsten Lächeln, nickte entschlossen und sagte: „Ich werde gerne mit Ihrer Großmutter ins Theater gehen. Allerdings bin ich völlig unbewandert in diesen Dingen, ich werde mich Ihrer Empfehlung anschließen müssen, was denn ein gutes Stück wäre.“ Maximilian Engel strahlte sie erfreut an. „Keine Sorge! Ich sende Ihnen einen Boten mit Programmen und Sie können sich aussuchen, was Ihnen zusagt. Die Familie Engel steht Ihnen zur Verfügung, wann immer Sie es wünschen.“ Verlegen schaute Kira ihn an. Übertrieb er da nicht etwas. „Aber ich halte Sie auf, verzeihen Sie!“ Er trat an ihr vorbei auf die nächste Droschke zu, hielt ihr die Tür auf und reichte ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen zu helfen. Kira warf einen kurzen Blick zu Julius Kutsche, wusste aber nicht, wie sie die Hilfe höflich ablehnen konnte, also stieg sie in die von ihm ausgewählte Droschke. Er schloß die Tür, winkte und sie hörte durch die Wand, wie er dem Kutscher zurief: „Zur Altstadt!“ und ihm einige Münzen hochreichte. Verblüfft ließ sie sich auf die Kissen sinken. Woher wusste er, wohin sie wollte?

Über diese Frage grübelte sie immer noch, als sie sich später mit Sebastian im Café traf. Sie überlegte, ob sie ihm von Engel erzählen sollte. Würde er auch schimpfen? Sie hatte keine Lust, sich mit ihm zu streiten. Letztendlich vergaß sie ihre Probleme aber, als sie Sebastian um die Ecke kommen sah. Er sah übel aus. Sein rechtes Auge war blau geschwollen und quer über die Wange zog sich ein häßlicher Schnitt. „Oh, meine Güte, was ist dir denn passiert?“ Sebastian lächelte sie schief an. „Ich wollte auch mal so heroisch sein, aber bei mir reagieren Pferde nicht so lieb wie bei dir!“ Kira betrachtete ihn prüfend. Sie war sich ziemlich sicher, dass er log – die Schramme sah eher nach einer Klinge als nach etwas aus, was ein Pferd verursachen würde. Aber offenbar wollte er nicht darüber reden, denn er schob sich auf die Bank neben sie und fragte: „Und wie läuft es im Hause Venaris?“ Kira erzählte ihm mit leiser Stimme von ihren Problemen bei der Meditation, was ihn fürchterlich erheiterte und zum Lachen brachte, obwohl er mehrfach schmerzhaft das Gesicht verzog. Anschließend fragte sie ihn zu di Pinzon aus. Sebastian kannte ihn als den kinderlosen Sprößling eines alten Adelsgeschlechts. Seine Frau war wohl früh verstorben und hatte nie wieder geheiratet. „Er soll ganz gute Parties machen, so richtig schicke Bälle, aber ich kann da nicht hin, er mag meine Mutter auf den Tod nicht. Sie ist ihm zu wenig fraulich.“ „Wie meinst du das?“ fragte sie. „Naja, er ist ein recht konservativer Mann, mit einem noch konservativeren Frauenbild. Wenn es nach solchen wie ihm gehen würde, dann hätte meine Mutter den erstbesten Adligen heiraten und ihm dann die Kontrolle über die Baronie überlassen sollen. Frauen und Macht das passt ihm nicht.“ „Das klingt tatsächlich sehr traditionell. Wieso will Mitras mich zu so einem zum lernen schicken?“ Sebastian zuckte mit den Schultern „Vielleicht weil er gut ist? Ich habe gehört, er kümmert sich öfters um die Söhne reicher Handelsfamilien oder um junge Adelige mit Aufstiegschancen. Mitras ist vermutlich nicht sein einziger Schützling, ich habe nichtmal gewusst, dass er überhaupt von di Pinzon gefördert worden ist.“ Kira nickte nachdenklich. Mitras würde einen Grund haben, ausgerechnet diesen Adeligen als potentiellen Lehrer auszuwählen. Ihr wurde bewusst, dass das Treffen am Schengstag vermutlich eine Prüfung war, ob sie überhaupt aufgenommen wurde, und sie beschloss, sich sorgfältig vorzubereiten, um Mitras nicht zu enttäuschen. Dazu gehörte dann wohl gutes Aussehen und gute Gesprächsthemen. Also fragte sie Sebastian den Rest des Nachmittags über alles aus, was er zu den angesagten Gesprächsthemen rund um Uldum wusste – von Klatsch über das Königshaus bis hin zu den Unruhen, die in den Hafenbezirken wohl immer wieder aufkamen. Nebenbei erfuhr sie so auch, dass Maximilian Engel wohl in Adelskreisen sowohl berühmt als auch berüchtigt war. Die Zeitschrift, für die er schrieb, deckte Skandale auf – besonders in Adelskreisen. Sebastian sah das allerdings deutlich entspannter als Mitras, er hielt die „rote Nelke“ nämlich für eine hervorragende Informationsquelle, um langweilige Empfänge mit pikanten Gesprächsthemen füllen zu können. Er stellte auch die These auf, dass Engel mit irgendjemandem aus dem Königshaus verbunden sein musste, schließlich tauchte er immer wieder auf Feiern auf, obwohl ihn so richtig niemand da haben wollte. Kira gestand ihm dann doch, dass sie ihm heute Mittag begegnet war und erzählte von der Einladung seiner Großmutter. Sebastian fand die Einladung zu ihrer Überraschung völlig nachvollziehbar und empfahl „Julis und Roma“, ein Stück eines Rigaer Autors, das wohl gerade sehr angesagt war. „Es ist sogar ziemlich realistisch, obwohl es schon 100 Jahre als ist!“, sagte er und rieb sich dabei über die verletzte Wange. Kira versprach, es sich anzusehen und ihm anschließend zu berichten.

Kira kehrte erst kurz vor dem Abendessen von ihrem wöchentlichen Bibliotheksausflug zurück, also bat er sie danach ins Labor, wo er die Kette, die er bei seinem Vater mitgenommen hatte, bereit gelegt hatte. „Wann hast du eigentlich Geburtstag?“, eröffnete er das Gespräch in Erinnerung an den Auftrag seines Vaters. Sie blickte ihn verblüfft an. „Äh… 26. Samhain… warum?“ Mitras grinste in sich hinein. Gemessen an ihrer Reaktion auf die Ohrringe würde das hier sehr niedlich werden. „Naja, weil meine Familie meinte, sie müssten dir ja noch was zum Geburtstag schenken. Oder was zum Einstand. Auf jeden Fall sollst du was kriegen.“ Er holte die Schachtel hervor. „Das ist für meine beste Schülerin, damit sie bestens aussehen wird.“ Sie starrte einen Moment auf die Schachtel, nahm sie dann zögerlich an und setze sich auf ihren Stuhl. Mitras merkte, dass er sein Grinsen gar nicht unterdrücken konnte. Sie zu beschenken war besser als das sonstige Schenken, fiel ihm auf. Sie reagierte so herrlich. Vorsichtig öffnete sie die Schachtel und schaute hinein. Staunen und Freude waren deutlich auf ihrem Gesicht ablesbar und erfüllten ihn mit Zufriedenheit. „Mitras, das ist wunderschön!“, hauchte sie. „Und ganz passend zu den Ohrringen.“, ergänzte er selbstgefällig. Sie nickte und wischte sich leicht mit der Hand über das rechte Auge. „Danke!“ Sie nahm die Kette aus der Schachtel und versuchte, sie sich umzulegen. Er stand auf und fragte: „Soll ich?“ Sie nickte und reichte ihm die Kette und er beugte sich über sie, um sie ihr umzulegen. Sie roch nach etwas Rauch der Stadt, nach Wald und Karamell, das war ihm schon beim Kanalisieren öfters aufgefallen. Seine Hand strich kurz über ihren Hals und sie zuckte ganz leicht zusammen. Er unterdrückte den Impuls, sie ganz in den Arm zu nehmen, um sie vor den Schrecken, die selbst eine leichte Berührung für sie offenbar bedeutet, abzuschirmen. Er wollte sie beschützen, aber sie in den Arm zu nehmen, hätte wohl eher das Gegenteil bewirkt. Sie stand auf und der Drang verschwand so schnell, wie er gekommen war. Gemeinsam gingen sie zu ihrem Zimmer, wo sie die Kette noch ausgiebig im Spiegel bewunderte und sich etliche Male bedankte. Schließlich ging er wieder in sein Zimmer und sank glücklich auf sein Bett. Verblüffend, dass es so glücklich machen konnte, jemanden anderem eine Kleinigkeit zu schenken!

Unter die Hufe der Presse – 13. Lunar (Uldumstag) – 16. Lunar (Silenz) 242

Am Uldumstag ging Kira zuerst zu Clopenbargs und kaufte die Fliege, die ihr schon bei ihrer ersten Einkaufstour aufgefallen war. Sie kam sich fürchterlich reich vor, als sie die 10 Silber aus dem Geldbeutel abzählen musste – Mitras hatte ihr den „Lohn“ für das Generatorladen von Abby auszahlen lassen und zum ersten mal in ihrem Leben war ihr Geldbeutel sogar prall gefüllt, obwohl sie einige der Münzen zuhause gelassen hatte. Sie bummelte durch die Stadt und entdeckte in einem Schaufenster, dass es hier einen Laden speziell für Buntstifte und Papier gab. Sehnsüchtig bestaunte sie den großen Kasten mit 120 verschiedenen Farbtönen, der im Schaufenster ausgestellt war. Er kostete allerdings auch 10 Gold. Dafür warb das Plakat neben den Stiften damit, dass sie „sehr geeignet auch für Farbmagie“ waren, und sie fragte sich, wie das wohl funktionierte. Ob sie sowas lernen konnte? Gehörte es zur Schule der Verwandlungsmagie? Sie beschloß, Mitras bei Gelegenheit zu fragen. Nach einem weiteren Moment des Zögerns traute sie sich letztendlich auch, den Laden zu betreten. Wie vermutet führten sie auch kleinere Pakete an Stiften, und sie kaufte für 5 Silber einen kleinen Packen und für weitere 5 Silber einen Block edles Zeichenpapier.

Sebastian und sie trafen sich im Café, und sie präsentierte stolz ihre Einkäufe, woraufhin er sie ein wenig auslachte – er fand ihr Erstaunen über so viel Geld „ausgesprochen niedlich“, wie er sagte. Sie verbot ihm daraufhin, ihr den großen Stiftekasten zu kaufen, was er lachend zusagte. Gemeinsam mit ihm schrieb sie auf einem der Bögen in abwechselnd bunten Farben einen neuen Brief an Adrian, in dem sie ihm Geschichten über das Königshaus erzählte, die Sebastian ihr diktierte. Leider konnte sie nicht gleich zur Post gehen, erst musste Mitras das Paket zuhause versiegeln. Dennoch genoß sie den Tag sehr und hatte wirklich das Gefühl, dass sie sich immer mehr wie eine junge Lady benahm. Sie fragte sich, wie sie all das gute Karma, dass das Leben gerade über sie schüttete, jemals ausgleichen sollte.

Gegen späten Nachmittag brachen sie wieder auf. Das Wetter war immer noch kalt, aber sehr sonnig, und Sebastian bot ihr an, mit ihr die Hauptstraße hinauf zu laufen, statt eine Kutsche zu nehmen, um die Sonne zu genießen. „Ich hörte von meinem Bruder, dass das Wetter bald wieder schlechter wird.“ Erstaunt hatte Kira sich erklären lassen, dass die Elementarmagier, zu denen auch sein Bruder gehörte, die Veränderungen in der Luft sogar einige Tage im Vorraus spüren konnten. Starke Magister könnten sogar das Wetter lokal beeinflußen, berichtete Sebastian und Kira grübelte, warum dann nicht immer zur Erntezeit Magier das Wetter anpassten, damit das Heu nicht nass wurde. Darauf wusste Sebastian allerdings keine andere Antwort außer der Vermutung, dass es zu teuer sei und das bisschen Heu ja auch so in die Scheunen käme, was Kira mit einem gemurmelten „Stadtschnösel“ quittierte. Er ignorierte das, oder hatte es nicht gehört, das war vermutlich auch besser. Stattdessen erklärte er ihr, während sie über die Avensbrücke liefen, was für neue Manufakturen es bei den Handwerkerhäusern gab, auf die sie zugingen. Der Wind strich über das Wasser und Kira zog ihren Mantel etwas enger an sich. Das grüne Kleid, das sie heute trug, war ja sehr hübsch, aber Abby hatte es defintiv nicht für einen Spaziergang im Winter gedacht. Plötzlich hörten sie vor sich Schreie und Hufgetrappel, und durch ihre etwas erhöhte Position auf der Brücke erfassten sie rasch, welch ein Unglück sich vor ihnen ereignete. Eine kleine Droschke mit nur einem Pferd davor schlingerte auf der Hauptstraße entlang, drohte jeden Moment zu kippen. Der Kutscher war nirgends zu sehen, doch das Pferd war eindeutig in Panik und stürmte auf die Brücke zu. Mit einem raschen Blick erfasste Kira die Gefahr: Die Brücke war breit, aber statt mit glatten, großen Steinen war der Boden dort mit kleinen Pflastersteinen ausgelegt, die sich den leichten Bewegungen einer Brücke besser anpassen konnten. Durch den kalten Wind vom Wasser her war das Pflaster relativ glatt. Das Pferd würde in diesem Tempo möglicherweise ausrutschen, auf jeden Fall aber würde der unebene Grund die Kutsche noch mehr kippen lassen. War noch jemand darin? Ja, sie glaubte eine Bewegung zu sehen. Ohne lange zu überlegen lief sie einige Schritte nach vorne, an den Rand der Brücke und hob die Arme, wie sie es schon einige Male getan hatte, um das Pferd zu stoppen. Durchgehende Pferde waren keine Seltenheit, und Adrian hatte mit ihr geübt, wie man in so einem Fall handeln musste, um die Handelsfracht retten zu können. „Brrrrr!“ Das Pferd scheute kurz, gut, jetzt war es neben ihr, sie griff in die Zügel, brrr, ruhig, ruhig atmen, ein bisschen spürte sie plötzlich Magie in sich, Konzentration, ruhig… ruhig, mitlaufen, nicht hinfallen, ruhig… sie fing sich ab, einige Schritte noch, dann stand das Pferd. Sie kraulte seinen Hals, ganz konzentriert, damit es sich nicht gleich wieder losriss. Um sie klangen Stimmen, sie hörte Schritte, dann berührte sie jemand an der Schulter und sie blickte zur Seite. Es war Sebastian. Jemand anderes griff die Zügel des Pferdes und Kira ließ sich von einem sichtlich aufgeregten Sebastian einige Schritte zur Seite ziehen. Dabei stolperte sie und wurde von ihm aufgefangen, ein Blick nach unten zeigte ihr auch rasch warum: Ihr Rock war zerrissen und flatterte in Fetzen um ihre Beine. So ein Kuhmist. Das schöne Kleid! „Was sollte denn das?“, schimpfte Sebastian, kaum dass sie einige Meter vom Pferd weg waren. „Was fällt dir ein, dich einem Pferd in den Weg zu stellen?“ Kira sah ihn verblüfft an. „Naja, ich wollte es aufhalten?“, fragte sie vorsichtig. Warum regte er sich so auf? „Das kann doch der Kutscher machen oder ein Bediensteter oder, bei den Geistern, auch irgendein Mann! Guck dich doch an, dein Kleid ist zerrissen, wie siehst du aus! Ich dachte, du wolltest dich wie eine Dame verhalten!“ Verdutzt sah Kira ihn an. Der Wind bauschte den zerrissenen Rock auf und sie griff rasch nach unten, um ihre Beine bedeckt zu halten, und lief rot an. Es stimmte schon. Da waren eine Menge Leute um sie herum, und wirklich angezogen sah sie jetzt nicht mehr aus. Auf jeden Fall nicht wie eine adelige Dame. „Ich… ich wollte nur helfen…“ „Helfen ist gut, aber so ein Pferd ist doch gefährlich! Das hätte dich bis sonstwo schleifen können!“ Zustimmendes Nicken von dem Mann, der das Pferd hielt. Sebastian zog seinen deutlich längeren Mantel aus und hielt ihn ihr hin. Kira nahm ihn und zog ihn an, was ihr einen Moment gab, sich zu sammeln. Etliche Leute um sie herum tuschelten, zwei halfen einer alten Dame aus der Kutsche, die ganz offenbar sehr mitgenommen, aber unverletzt war. Wenigstens hatte sie das Kleid nicht umsonst zerrissen. Und es war ja nicht ihr erstes zerrissenes Kleid, dachte sie, wenn auch das teuerste. „Das hätte mich nicht bis sonstwo geschliffen.“, sagte sie leise zu Sebastian. „Glaubst du, das war das erste Pferd, was ich gestoppt habe?“ Sebastian schüttelte den Kopf. „Nein, aber das erste, bei dem du als junge Magierin von der ganzen Stadt beobachtet wirst. Du machst dich zum Stadtgespräch, ehe du überhaupt die erste Prüfung abgelegt hast.“ Kira zischte: „Na und? Ich war auch schon Dorfgespräch, bevor ich sprechen konnte!“ Verägert drehte sie sich um und lief über die Brücke zurück. Wahrscheinlich war Julius noch irgendwo dort. Auf einen weiteren Spaziergang war ihr auf jeden Fall jede Lust vergangen. Die kleine Menge machte ihr sofort Platz, und nach nur wenigen Schritten rief Sebastian ihr hinterher: „Warte! Kira, warte, das war nicht so gemeint!“ Er lief hinter ihr her und holte sie auf der Mitte der Brücke ein. „Warte, sei nicht böse, entschuldige. Du hast ja Recht, es war gut, das Pferd zu stoppen. Eigentlich hätte ich das machen müssen.“ Kira sah ihn von der Seite an, blieb aber nicht stehen. „Bitte, Mylady Silva, Verzeihung.“ Er machte eine Verbeugung im Laufen, was ziemlich albern aussah und ihr ein kurzes Lächeln abrang. „Ah, guck, ein Sonnenschein. Verzeih meine harschen Worte, ja? Ich kauf dir ein neues Kleid, wenn du erlaubst. So kannst du wohl kaum zu deinem ganz wundervollen Magister nach Hause kommen.“ Kira blieb stehen. Dieser Schnösel machte sie mehr fertig als das Pferd! Sie kämpfte mir ihrer Wut. Wahrscheinlich hatte er Recht. Erstens war sie eine Frau, von denen erwartete man ja sowieso, dass sie zart und hübsch waren, und zweitens wollte sie ja eigentlich wirklich lernen, sich wie eine adelige Frau zu benehmen – alles andere brachte Mitras vermutlich Ärger ein, und das wollte sie nicht. Und wenn sie mit zerrissenem Kleid nach Hause kam, würde das vermutlich eine Menge Ärger geben. Selbst wenn der Ärger wahrscheinlich nur ein Bruchteil dessen war, was ihre Mutter veranstaltet hatte, wenn sie ein Kleid zerrissen hatte. Sie sah Sebastian an. Der konnte es sich leisten. Hatte er sie vorhin nicht noch wegen des Geldes ausgelacht? „In Ordnung. Bei Peeks.“ Sebastian richtete sich auf, strahlte sie an und ergriff ihren Arm. „Selbstverständlich, Mylady.“ Kira verdrehte die Augen, ließ sich aber von ihm zum Laden begleiten.

Bei Peeks erfuhr sie dann, dass Sebastians Vorliebe für schöne Frauen offenbar noch übertroffen wurde durch seine Leidenschaft für schöne Kleider. Er wirbelte durch den Laden und zog ein Kleid nach dem anderen hervor. War Kira beim ersten Besuch schon überfordert gewesen, kam sie sich nun wie eine Ankleidepuppe vor. Auch die Verkäuferin, die beim ersten Besuch höflich und zuvorkommend wirkte, hatte sich bei seinem Eintreten beinahe bis zum Boden verbeugt und sprühte nun beinahe vor Eifer. Sogar die neuesten Stücke aus dem Lager brachte sie nach vorne. Ohne, dass Kira viel dazu sagen konnte, lagen bald vier Kleider vor ihr, die Sebastian als „tragbar“ bezeichnete, und eines fand sie schöner als das andere. „Welche gefallen dir?“ Kira sah die vier Kleider an. Das eine war grün wie das, was zerrissen war, und es bestand auch aus Rock und Oberteil. „Das dort wäre doch ein guter Ersatz.“ Sebastian kniff die Augen zusammen. „Ja, stimmt, aber das mit dem grünen Muster hier“ , er deutete auf das entsprechende Kleid, das durch einen Aufdruck von verschieden hellen Blättern einen atemberaubenden Farbverlauf hatte, „ist schon etwas hübscher, findest du nicht?“ Kira nickte leicht: „Ja, schon, aber ich kann ja nicht immer aussehen, als ginge ich gerade zu einem Empfang.“ Nachdenklich wiegte Sebastian den Kopf, schob nochmal eines der anderen Kleider zur Seite. Dann zuckte er mit den Schultern. „Stimmt schon. Offenbar brauchst du ja auch Kleider zum wilde Pferde zähmen. Dann nehmen wir halt beide. Und den Rock von dem einfachen da kannst du ja gleich anbehalten.“ Kira wollte protestieren, schluckte den Protest dann aber herunter. Er hatte Geld. Und das Kleid war wirklich schön. „Danke.“ Sebastian lächelte sie an. „Gerne. Tut mir echt leid, dass ich vorhin erstmal so geschimpft habe. Eigentlich erinnerst du mich an meine Mutter. Sie hätte sowas auch gemacht. Aber ich weiß auch, wie viele Schwierigkeiten sie deswegen ständig hat. Danke, dass du mein Geschenk annimmst. Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so unnütz.“ Verblüfft über seine Ehrlichkeit schaute Kira ihn an, aber er meinte es wirklich so. Er trägt sein Herz auf der Zunge und ist doch völlig verschlossen, stellte sie erstaunt fest. Auf jeden Fall war es spannend, mit ihm unterwegs zu sein, und scheinbar auch nützlich, schmunzelte sie, während die Verkäuferin die Bezahlung entgegen nahm und anfing, alles bis auf den neuen Rock einzupacken.

Am Vormittag des nächsten Tages war Mitras gerade mit der Vorbereitung eines Zaubers beschäftigt, den er am Elektrum ausprobieren wollte, als es an der Labortür klopfte. „Herein.“ rief er und erwartete schon halb, dass Kira eintreten würde, um irgendeinen Spruch zu trainieren. Als er sich jedoch zur Tür umdrehte, stand Abygail in der Tür. „Mitras, unten steht ein Herr Engel und bittet um ein Gespräch mit Kira.“ „Bitte was? Das ist doch dieser Reporter von diesem Schmierenblatt, blaue Tulpe oder so!?“ „Äh, nein, ich glaube es heißt Rote Nelke.“ „Egal, jag ihn fort. Kira wird sich mit derartigen Gestalten noch früh genug herumschlagen müssen. Fürs erste muss das noch nicht sein. Das ausgerechnet die Schreiber von diesem Aufwieglerblatt als erstes hier aufschlagen und sie belästigen.“ „Ja, Mitras ich kümmere mich darum.“ Kopfschüttelnd verließ Abby den Raum. Ärgerlich musste Mitras daran denken, wie gerade die Reporter dieses Blattes mit ihm umgesprungen waren, als er durch das Elektrum wohlhabend und einflussreich geworden war. Er hatte sich immer bemüht genug für die Armen zu tun. Er hatte mit Williams Hilfe Suppenküchen errichtet, ein Armenhaus und zwei Waisenhäuser finanziert. Und dennoch hatten diese Bastarde es gewagt, ihn als den neuen aristrokratischen Erzdämonen des Mammons zu verschreien.

Bisher hatte er es noch nicht an die große Glocke gehängt, dass er eine Schülerin hatte. Sonst wären die Schmeißfliegen von der Presse schon eher über ihn oder schlimmer über sie hergefallen. Nicht ohne Grund hatte er sich in den letzten Jahren so zurückgezogen, dachte er grimmig. Natürlich, da war viel Arbeit gewesen, aber dieses ständige Herumgehopse der selbsternannten „Berichterstatter“ war auch einfach lästig. Wie also hatte jetzt ausgerechnet die welke Nelke von ihr erfahren? Könnten die di Porrums so niederträchtig gewesen sein? Sie hatten sicher durch Thadeus von Kira erfahren. Auch wenn Secus bei Thadeus unten durch war, hätte sein alter Meister dies garantiert als Chance gesehen ihn und Secus gegeneinander auszuspielen. Aber die di Porrums waren selbst ein beliebtes Ziel für die Nelke und noch dazu ein viel attraktiveres als er. Auch Thadeus selbst kam nicht in Frage, kaum einer in Uldum hasste dieses Klatschblatt mehr als er. Und er selbst hätte auch nicht die Presse auf sie gehetzt. Er hat andere Mittel und Wege um uns zu schaden, dachte Mitras. Andere Parteien, die schon von seiner Schülerin wissen konnten und ihm schaden wollten, fielen ihm nicht ein. Oder wurde er doch ausspioniert? Am besten wäre es wohl doch mal mit Kira zu reden.

Er ging zu ihrem Zimmer und klopfte, bekam jedoch keine Antwort. Seit sie mit dem Zaubern angefangen hatten, las sie allerdings auch immer häufiger in der Bibliothek, also ging er dorthin. Sie war tatsächlich da, aber er blieb einen Moment beim Tisch stehen, um den Anblick zu erfassen, der sich ihm bot. Sie lag auf dem kleinen Sofa unter dem Fenster. Eigentlich war das Sofa deutlich zu klein, um darauf zu liegen, also lag sie mit dem Kopf auf der Sitzfläche, hatte ihre Beine jedoch halb auf der Lehne und halb auf der Fensterbank dahinter abgestellt. Ihr Rock war ihr dadurch bis auf den Bauch gerutscht und es wirkte, als blicke er auf ein großes Buch mit roten Haaren auf einer Wolke aus Stoff, aus dem zwei Beine mit Strümpfen hervorschauten. Zwei sehr hübsche Beine, wie er zugeben musste, aber ein Buch mit Stoff und Beinen sieht auch dann noch ausgesprochen witzig aus. Ein bisschen von seiner Anspannung und dem Ärger schmolz in ihm, während er sie schmunzelnd betrachtete. Er räusperte sich, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Sie quietschte erschrocken auf, rutschte durch die aprupte Bewegung vom Sofa herunter und das Buch fiel vor ihr mit einem satten Knall auf den Boden. „Mi… Mitras!“ Erschrocken zog sie den Rock nach unten. „Hallo Kira.“ sagte er und bemühte sich, ein Lachen zu verkneifen. Ernster fuhr er fort: „Eben war ein Journalist an der Tür und wollte mit dir sprechen. Und da nun die ersten auf dich aufmerksam werden, wird es wohl Zeit für eine Lektion im Umgang mit der Presse. Die können noch deutlich gefährlicher werden als alle meine sonstigen Feinde zusammen.“  Kira lief sofort feuerrot an. „Oh, woher wissen die, wo ich wohne? Ich hab doch nichtmal meinen Namen gesagt!“ Dann schlug sie sich mit der Hand auf den Mund, als seien ihr die Worte unwillentlich herausgerutscht und sie blickte ihn mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Schreck an.“In Ordnung.“ Er holte Luft. Offenbar war der Reporter doch nicht aus losen Vermutungen heraus gekommen. „Kira, was hast du angestellt?“ Sie druckste einen Moment herum, dann sagte sie verlegen: „Ich hab vielleicht mich nicht so ganz damenhaft verhalten. Aber da war ein Pferd, und die Kutsche wäre umgekippt oder es wäre gestürzt, wenn niemand es gestoppt hätte, also hab ich es gestoppt, und, naja… es ist halt auf meinen Rock getreten… und dann ist der zerissen…“ „Also Moment einmal, langsam von vorne. Du hast dich vor ein durchgehendes Pferd gestellt. Das dann auch noch eine Kutsche zog?“ Kira nickte. „Kira, du hättest umkommen können!“ „Bah, nicht du auch noch! Sebastian hat mir auch schon ne Lektion vor den ganzen Leuten erteilen wollen!“ Kira sprang vom Boden auf, konnte aber nicht an ihm vorbei. „Als ob das mein erstes Pferd gewesen wäre, was ich anhalte. Das ist nicht schwer, und ohne dieses ganze Gebausche von Rock wäre dabei bestimmt auch nichts kaputt gegangen. Tut mir auch leid. Ich hab den Rock ersetzt, also eigentlich hat Sebastian ihn neu gekauft, Abby wird gar nichts merken, und den kaputten kann ich flicken. Was denkt ihr denn alle bloß, warum eine Frau da nicht auch eingreifen kann? Immerhin war das Leben der alten Dame in der Kutsche in Gefahr!“, schimpfte sie, ohne Luft zu holen. Mitras war verdutzt. „Woher weißt du wie man ein Pferd anhält?“ „Häh, weil mein Bruder mir das erklärt hat? Wie sonst rettet man die ganze Ware? Kannst das Pferd ja nicht damit weglaufen lassen… Und ich hab das sogar schon mit 12 gekonnt, da hat sogar mein Vater gestaunt.“ Mitras seufzte „Gut, gut. Ich habe verstanden. Als Tochter eines Fuhrunternehmers ist das wahrscheinlich auch normal. Aber Kira, hier in der Stadt können das nur die wenigsten. Da erschreckt es die Leute, wenn du dann plötzlich vor ein durchgehendes Pferd springst, da alle dann damit rechnen, dass es dich über den Haufen rennt.“ Schnippisch warf sie den Kopf nach hinten. „Da hat sich niemand erschrocken. Die haben ja nur geguckt. Keiner hat irgendwas gemacht. Ist das so, bei euch Städtern, dass ihr euch lieber gegenseitig die Nase pudert, als jemandem zu helfen?“ „Nun, Sebastian hat sich erschrocken und ich will gar nicht darüber nachdenken, was ich getan hätte, wenn ich dich plötzlich einer solchen Gefahr ausgesetzt gesehen hätte.“ Sie verdrehte genervt die Augen. „Das war keine Ge-“ Sie hielt inne und blickte ihn kurz an, wurde dann schlagartig rot. „Oh, äh…“ „Ja, für dich nicht, da du ausgebildet darin bist. Etwas was ich eben nicht berücksichtigt habe. Aber weißt du eigentlich, wie viele Menschen jedes Jahr umkommen, weil sie von durchgegangenen Kutschen überrollt werden? Und ja, wahrscheinlich hast du recht, vielleicht sollten mehr Menschen wissen, wie man ein Pferd stoppt.“ gestand Mitras resignierend ein. „In Ordnung, ich gestehe mit deinem Wissen, war das, was du getan hast, das einzig Richtige. Sei aber bitte trotzdem vorsichtig. Bei einem Pferd mag dir das problemlos gelingen, aber ein Vierspanner ist da schon was ganz anderes, selbst wenn du die Pferde davon überzeugen kannst zu halten, wird der Wagen euch alle dann doch mitreißen.“ Kira ließ sich auf das Sofa fallen und bückte sich, um das Buch aufzuheben. „Ja, in Ordnung, Magister.“ „Gut, aber deswegen wollte ich eigentlich gar nicht zu dir. Die Presse ist auf dich aufmerksam geworden, also solltest du vorsichtig sein.“ Kira schaute ihn von unten herauf an und zuckte mit den Schultern. „Ja, mach ich, aber ich hab schon zu Sebastian gesagt, ich war ja schon Dorfklatsch, bevor ich reden konnte, ein bisschen mehr Klatsch halte ich schon aus.“ Mitras seufzte und setzte sich zu ihr, was zwar etwas eng war, aber ging. „Das ist nicht nur ein bisschen Klatsch. Viele Leute glauben, was geschrieben wird. Manchmal einfach nur deswegen, weil es geschrieben ist, weil sich jemand die Mühe gemacht hat, es zu drucken. Weil es gedruckt ist, muss es ja stimmen. Und wenn die Tageszeitungen über dich schreiben, dass du bei deinem Einstand einen ganz hervorragenden Eiszauber gezeigt hast, aber daneben eine Zeichnung deines von Brandnarben durchzogenen Gesichtes packen, dann kann dich das möglicherweise deinen Forschungsposten kosten – weil dein Geldgeber plötzlich diesen Schmierblättern und ihren Andeutungen, mit dir stimme etwas nicht, mehr Glauben schenkt als dir selber.“ Schade eigentlich um die junge Magierin, der das in diesem Jahr wohl gerade erst passiert war. Kira schaute ihn nachdenklich an und nickte dann, und er nutzte die nächste halbe Stunde, um ihr weitere Tipps und Hinweise zu geben, die er zu Gesprächen mit Reportern und anderen Berichterstattern kannte.

Als Kira an diesem Abend im Bett lag, brauchte sie ein Weile, um schlafen zu können. Das Gespräch mit Mitras ging ihr nicht aus dem Kopf. Er hatte nichtmal über das zerrissene Kleid geschimpft, stattdessen machte er sich Sorgen um sie. Wie fürsorglich und liebevoll er war. Dennoch war sie auch ängstlich. Hatte sie mit dem raschen Eingreifen zu viel Aufmerksamkeit erzeugt? Würde man jetzt über sie und Sebastian schreiben? Woher wussten sie überhaupt ihren Namen? Am besten ging sie in der nächsten Zeit nicht mehr so viel aus…

Am Silenz erlöste ein Bote sie von ihren Zweifeln. Kira und Mitras saßen gerade im Wintergarten bei einer Partie Dame, als Abby aufgeregt herein kam und einen großen Korb auf den Salontisch stellte. „Mitras, das ist gerade für Kira abgegeben worden. Ich glaube, es ist von dem Herrn Engel…“ Neugierig trat Kira an den Korb heran. Es sah aus wie ein üblicher Präsentkorb, allerdings mit einer durchaus edlen Auswahl. „Für mich?“, staunte sie und blickte zwischen Abby, Mitras und dem Korb hin und her. Mitras wirkte sehr ablehnend. „Ja, und eine Karte.“ Abgail reichte ihr eine Karte. Neugierig klappte sie sie auf und las vor: „Liebe Kira, leider weiß ich Ihren Nachnahmen nicht, aber ich konnte dankenswerterweise ihren Wohnort ausfindig machen. Sicherlich fragen Sie sich, was der Korb soll, daher werde ich mich Ihnen kurz vorstellen: Mein Name ist Maximillian Engel, ich bin der Enkelsohn von Guardia Engel, die Sie am Uldumstag vor einem großen Unglück bewahren konnten. Seien Sie daher bitte versichert, dass ich Ihnen unendlich dankbar bin. Ich hoffe, der Korb enthält einige Annehmlichkeiten für Sie, da ich sie leider am Ingastag nicht antreffen konnte, um mich persönlich zu bedanken. Meine Großmutter ist die einzige Familie, die ich noch habe, ein Unfall oder gar ihr Tod hätte mich schwer getroffen. Sollten Sie je etwas benötigen, wenden Sie sich gern an mich. Ich stehe in Ihrer Schuld. Hochachtungsvoll, Maximilian Engel.“ Erstaunt ließ sie das Blatt sinken und schaute Mitras an, der eine Hand auf den Henkel des Korbes gelegt hatte. „Äh… meint er das ernst?“ Mitras nahm ihr den Brief ab und las ihn selbst noch einmal. „Nun, wie es aussieht muss ich mich wohl bei dem Herrn Engel entschuldigen.“ „Was für ein Unglück?“, fragte Abby. Kira lief rot an und blickte hilfesuchend zu Mitras. Musste sie Abby gestehen, dass sie eines der neuen Kleider zerissen hatte? „Nun, es hat sich gezeigt, dass unsere kleine Heldin hier einige praktische Erfahrungen im Umgang mit Tieren gesammelt hat, die man hier in der Stadt viel zu selten antrifft. Erinnerst du dich noch an den Reporter vorgestern? Es scheint so als wenn Kira seine Großmutter gerettet hat, indem sie ihre durchgehende Kutsche gestoppt hat. Zum Preis eines Rockes, den ihr der junge di Ferrus ersetzt hat.“ Abby riß die Augen auf. „Was? Und davon erzählst du nichts?“ Kira schaute verlegen zur Seite. „Naja, ich dachte, du bist sauer, weil der Rock kaputt gegangen ist, und Sebastian war ja auch sauer, weil er fand, es sei nicht besonders damenhaft…“ Sie brach leiser werdend ab. Mitras wirkte, als müsste er sich ein Lachen verkneifen. Abby holte tief Luft und brach dann in eine Triade aus, die darstellte, dass es wirklich undamenhaft sei, es wirklich schade um den Rock wäre, sie wahnsinnig sei, und außerdem, was bezahlte der junge di Ferrus etwas wie ein neues Kleid für sie, lief da etwas? Kira versuchte mehrfach, sie zu unterbrechen, es gelang ihr jedoch nicht, und sie wusste nicht, ob sie sich verkriechen oder wütend werden sollte. „Abby, es reicht.“ unterbrach Mitras sie letztendlich mit einem leichten Lachen. „Ja, ich war zuerst auch entsetzt, aber Kira ist in einer Familie groß geworden, die ihr Geld mit Handel betreibt. Sie hat Erfahrung mit Kutschen, mehr als wir anderen zusammen, wahrscheinlich. Alles was sie getan hat, war ihr Wissen nach bestem Gewissen zum besten einzusetzen. In der Theorie also genau das, was wir eigentlich von jedem unserer ach so hehren Magier erwarten. Und ja, um das Kleid ist es schade, aber Geld ist so ziemlich das Letzte, worum wir uns Sorgen machen müssen.“ „Und ich hab nichts mit Sebastian!“, fiel Kira heftig ein. Bestimmt war sie schon wieder rot im Gesicht, aber auf keinen Fall wollte sie, dass Mitras dachte, sie würde sich leichtfertig auf andere Männer einlassen. „Geld, Geld!“ Abigail warf die Hände in die Luft. „Ein Kleid ist ein Kunstwerk, nicht einfach nur Geld!“ Sie beruhigte sich etwas. „Wo ist es denn, dass zerrissene Kleid?“ „In meinem Schrank.“, murmelte Kira. Abby seufzte. „Wenigstens etwas. Leg es mir raus. Ich schaue, was da zu retten ist.“ Kira nickte, und um dem weiteren Gewitter zu entkommen, wandte sie sich dem Korb zu. Neugierig packte sie die verschiedenen Dinge aus: Ein Strauß Blumen, allerdings aus Papier gefertigt, sehr aufwendig, eine Flasche Wein, einige Stücken Käse und eine Schachtel Pralinen. Mitras nickte anerkennend. „Ich wusste gar nicht, dass man mit so einem Käseblatt so gut verdienen kann.“ „Wieso Käseblatt?“, fragte Kira, woraufhin Mitras sich ausgiebig darüber ausließ, dass Engel Reporter einer Boulevard Zeitung sei, über die er auch seine kommunistischen Ansichten verbreite, die aber primär Skandale von Adligen ausgrub. Meist schlecht belegt und wohl auch öfter mal erfunden. Rote Rose oder so hieß es – Abby korrigierte: Nelke – und dass dort mal ein sehr unfairer Bericht über ihn abgedruckt gewesen sei. Ab etwa der Hälfte der Erzählung begann Kira zu begreifen, dass erstens Abby seine Aufregung gar nicht für angemessen hielt, wahrscheinlich las sie die Zeitung sogar regelmäßig, wenn Kira ihren Gesichtsausdruck richtig deutete, und zweitens Mitras wesentlich mehr auf die öffentliche Meinung seiner selbst gab, als er es gestern im Gespräch über die Presse zugegeben hatte. Ein bisschen fand sie das niedlich, also setzte sie sich an den Tisch, stützte den Kopf auf die Hände und genoß es, seiner kräftigten Stimme zuzuhören, während er sich aufregte und dabei wild gestikulierte. Abby verabschiedete sich kurz nachdem er dabei angefangen hatte, über die nicht vorhandene Recherchefähigkeiten der Reporter der Zeitung herzuziehen, und so konnte Kira sich ganz darauf konzentrieren, ihn nicht zu sehr anzuhimmeln und dabei doch die Show zu genießen.

Schwebend voran- 11. Lunar 242 (Mirastag)

Am nächsten Mirastag gelang Kira endlich, die Kugel anzuheben und so gezielt im Kreis schweben zu lassen, dass sie dabei weder Mitras noch etwas anderes im Labor traf. Sie hielt sogar die gleiche Höhe! Mitras lächelte sie an und lobte: „Sehr gut! Offenbar lernst du auch die Praxis schnell.“ Darauf lief Kira allerdings rot an und fand sich peinlich berührt auf ihrem Stuhl wieder, innerlich ein wenig darüber verzweifelnd, dass sie ihren Herzschlag so wenig unter Kontrolle hatte. Mitras nahm sie mit in die Bibliothek und gab ihr einige Bücher mit verschiedenen kleinen (und großen, wie er betonte) Telekinesezauber, mit dem Auftrag, die kleineren und leichteren davon selbst zu üben – allerdings verbunden mit einer kleinen Kritik, trotz ihrer Bemühungen hatte er bemerkt, dass sie viel zu aufgeregt war. Sie dankte den Geistern, dass man Stress, Aufregung, Erregung und Liebe in der Aurafarbe nicht richtig auseinanderhalten konnte. Mitras wies sie an, neben den Zauberbewegungen auch Meditation zu üben. Dafür erteilte er ihr auch die Erlaubnis, das Labor ohne ihn betreten zu dürfen, und Kira spürte, wie sie vor Freude und Stolz nahezu glühte. Nicht mal mehr Mathematik erschien ihr jetzt als eine Bedrohung, da die Übungen mit Abby, die sie meistens am Silenz machten, ebenfalls langsam besser wurden. „Land in Sicht!“, hatte Abby es genannt. Sie bedankte sich bei Mitras, nahm das Buch und zog sich glücklich summend auf das kleine Sofa zurück, das zwischen den Buchreihen der Bibliothek unter dem Fenster zum Garten stand. Dort war es gemütlicher als in ihrem Zimmer am Schreibtisch zu lesen, aber man schlief auch nicht so schnell ein wie im Bett. Besonders, wenn sie nebenbei noch keine Notizen machte, sondern sich erstmal nur einlas, hatte sie diesen Platz zu ihrem Lieblingsplatz auserkoren.

​So langsam stellte sich wieder etwas Normalität im Haus ein. Kiras Versuche wurden immer besser, nur das Fokusieren klappte noch nicht so. Er wirkte nun immer vorsorglich einen großflächigen Neutralisierungszauber​ auf den Bereich außerhalb des Zirkels, um das spontane Abheben von Gegenständen zu verhindern. Zunächst wollte er nicht weiter darauf eingehen, dass Kiras Zauber viel zu mächtig waren. Es ging ihm nun erst einmal darum, dass sie Kontrolle und Sicherheit lernte. Er grübelte die ganze Zeit darüber nach, wie er das Überschussproblem lösen konnte.

Am Mirastag kam ihm dann eine Idee. Kira hatte es gerade geschafft, eine Kugel kontrolliert fliegen zu lassen, ohne das sie dabei etwas anstieß oder er aus dem Weg springen musste. Es war also Zeit für weitere Zauber, doch anstatt ihr den nächsten Anfängerzauber vorzugeben, wollte er ihr nun etwas schwereres auftragen. In der Bibliothek lagen schon Bücher bereit. Er bat sie also mitzukommen, wobei ihm, die Magiesicht immer noch aktiv, auffiel, dass ihre Aura stark aufgewühlt und tiefrot mit grünen Schlieren war. Ihre Aura hatte insgesamt an Leuchtkraft gewonnen, seidem sie regelmäßig kanalisierte und auch aktiv zauberte, doch so farbkraftig sah sie selten aus. Der Erfolg war ihr also anscheinend sehr wichtig, gut so. Wenn sie mit Herz und Seele dabei war, konnte es nur besser werden. Dennoch musste sie ruhiger werden. In der Bibliothek angekommen, lief er noch einmal zu einem der hinteren Regale und fischte ein kleines Büchlein heraus. „Mir ist eben deine Aura aufgefallen, du wirkst ziemlich aufgewühlt. Und auch wenn dir der Zauber trotzdem gelungen ist, solltest du daran arbeiten ausgeglichener ans Werk zu gehen. Dieses kleine Buch hier kann dir dabei helfen. Es ist eine Meditationsanleitung. Ich möchte, dass du es dir ansiehst und die Übungen daraus verinnerlichst. Du musst sie nicht alle können. Such dir die aus, die für dich am besten funktionieren.“ Er gab ihr das Buch und ging zu dem Arbeitstisch, auf dem bereits ein kleiner Stapel lag. Er griff sich ein Buch mit schwerem Ledereinband heraus. Das Basiswerk der Bewegung. Eigentlich war es für Schüler in der Vorbereitung, insbesondere wenn sie keine Telekinetiker waren, zu schwer. Aber er wollte sehen, wie sie sich damit schlug. „Hier, arbeite die ersten fünf Kapitel durch und such dir ein paar Zauber aus, die du ausprobieren willst. Die meisten sind recht einfache Grundlagenzauber, da sind aber auch schwerere dazwischen. Die Bewegungsabläufe sind in der Telekinese aufwändiger, als bei uns. Zum üben darfst du gerne ins Labor gehen. Wenn du dir mit den Abläufen sicher genug bist, kannst du mich dazu rufen. Dann kannst du den Zauber auch testen.“ Kira strahlte ihn an und nahm sich beide Bücher. Sie tanzte mehr als das sie ging, ihr lockiger Zopf hüpfte mit den Schritten über ihren Rücken und sie fing an, eine ihm unbekannte Melodie zu summen, während sie quer auf das kleine Sofa setze, um zu lesen. Es war schon sehr süß, wie sie sich so quietschvergnügt an die Arbeit machte. Vom Stolz auf seine Schülerin erfüllt ging er zurück zum Schreibtisch im Labor, um seine eigene Arbeit fortzusetzen. Titus hatte ihm geschrieben, anscheinend hatte er mit dem Namen was anfangen können. Das Haus di Lohnas war ein nichtmagisches kleines Adelsgeschlecht. Aufgrund von Verdiensten im Krieg hatte Johanns Urgroßvater Land in Burnias bekommen und dort die Baronie Lohwingen gegründet. Ein Siedlerort wie Bispar, aber etwas größer. Johann war der fünfte Sohn des aktuellen Barons und ohne der Beihilfe einer Seuche oder ähnlichem hatte er keinerlei Aussicht auf irgendeine Form von Erbe. Bestenfalls lebte er auf der Tasche seines Vaters und später auf der seines älteren Bruders. Er war ein schon fast zu leichtes Ziel, aber Mitras wollte abwarten, was Titus Leute vor Ort noch weiter ausgraben konnten. Der Bursche rechnete aber sicher nicht damit, dass ein Graf – denn als solcher galt er als Magister – seine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hatte. Der Schlag würde ihn vollkommen unvorbereitet und wehrlos treffen. Mitras lächelte grimmig in sich hinein. Geschah ihm Recht.