Bodenkontakt – 30. Lunar (Mafuristag)

Am Abend half Kira William in der Küche. Sie war mittags eine Weile im Garten gewesen, wo er sie aufgestöbert hatte. Aufstöbern war hierbei auch genau das richtige Wort angesicht der Mengen an Schnee, die derzeit vom Himmel fielen. Kira hatte es nicht bemerkt, weil sie sich darauf konzentriert hatte, Magie zu sich zu ziehen. Im Schnee fühlte sich die Magie wie die Luft etwas kälter an, aber hier draußen konnte sie keine Beschränkungen wie drinnen spüren. Es waren einfach die doofen Wände, durch Wände konnte nichts fließen und man konnte da auch nicht durchgreifen. Es frustrierte sie, dass Mitras so tat, als sei es das Einfachste der Welt, magisch durch eine Wand zu greifen. Es machte doch auch viel mehr Sinn, dass Wände Dinge beschränkten! Während sie darüber noch nachdachte, hatte plötzlich William neben ihr gestanden und sie gefragt, ob es Probleme gäbe, dass sie sich zuschneien ließe. Sie hatte ihm ihr Leid geklagt, und auch, wenn er nicht wirklich irgendwas davon zu verstehen schien, schlug er ihr vor, ihm abends lieber bei der Erstellung von Schneeflocken zu helfen, statt sich diese in den Kragen rieseln zu lassen. Also stand sie nun mit ihm in der Küche und füllte einen weißen, weichen und fluffigen Teig in kleine Förmchen, die aussahen wie Schneeflocken. Zumindest behauptete William, dass Schneeflocken, wenn man sie mit einer Linse anguckte, so sechseckig wären. Sie hatte den Nachmittag über über die Fauna des Landes gelesen und so unterhielten sie sich über die verschiedenen Tiere, die es rings um Uldum gab. William war auch schon viel im Land herumgekommen und hatte viele verschiedene Tiere, auch magische, gesehen, und Kira hörte ihm neugierig zu, während sie langsam ihre Sorgen über das schlechte Magiegreifen im Labor verdrängte.

„Was ist denn dein Lieblingstier?“, fragte William neugierig. Kira dachte nach. „Hmm, ich mag das Meer nicht so, aber Delphine sind schon ziemlich toll, sie können sogar mit nichtmagischen Menschen reden. Eulen finde ich auch spannend, die können nach hinten gucken. Hmm… aber ich glaube, meine Lieblingstiere sind Wölfe. Es gibt in Burnias einige Wolfsrudel, angeblich soll es sogar magische Wölfe weiter oben im Norden geben. Das sind so majestätische Tiere!“ William nickte. „Ja, aber auch gefährlich. Ich bin da lieber etwas harmloser, ich mag Pferde – das liegt wohl in der Familie, wir ziehen alle gern übers Land, das liegt eben im Blut, und Pferde sind die wichtigsten Begleiter der Inuk.“ Kira sah ihn neugierig an. Er hatte bisher noch nicht viel darüber erzählt, wo er herkam, auch wenn sie den Erzählungen von ihm und Mitras wohl entnommen hatte, dass er dem fahrenden Volk entstammte. Sie traute sich, ihn weiter danach zu fragen, und fragte stattdessen: „Und was ist mit Mitras?“ William dachte kurz nach. „Ich glaube, er mag Katzen, Frettchen und Angora-Drachen. Das ist die kleinste Drachenart überhaupt und die einzige Flug- und Elementardrachenart, die noch in von Menschen besiedelten Gebieten leben. Sie erinnern in ihrer Gestalt an Otter, sind aber noch ein bisschen größer. Je nach Unterart haben sie, wie alle Elementardrachen entweder einen Eisatem oder einen Feueratem, und Mitras ist wohl mal einem mit Eisatem begegnet. Die großen Drachen findet er aber auch sehr interessant. Und außerdem, aber erwähn das bloß nicht und erst recht nicht, dass du das von mir weißt, hat er eine Schwäche für Eichhörnchen. Diese pelzigen Nager versetzen ihn in regelrechte Verzückung, wenn er mal eins sieht. Das würde er aber nie zugeben.“ Kira spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoß und sie beugte sich tiefer über das Blech, damit William es nicht merkte. Er hatte sie nach einem seiner Lieblingstiere benannt? Eines, dass ihn in Verzückung versetzte? Die Erinnerung an seine Hand, die über ihren Nacken strich, kehrte schlagartig zurück, und sie zitterte ein wenig mit der Spritztüte. „Alles in Ordnung?“ „Ja, alles klar, ich hab nur gekleckert.“ Rasch holte sie einen Lappen. Reiß dich zusammen, Kira. Er ist dein Mentor. Und ein Mann. Hör auf, solche Gedanken zu haben!

Mitras hatte Kira beim Abendessen beobachtet, aber es schien ihr wieder gut zu gehen. Trotzdem fragte er sie wegen des Ladens: „Geht es dir wieder besser? Ich kann sonst auch allein laden, wenn du dich noch zu schwach fühlst.“ Kira schüttelte den Kopf. „Nein, alles gut. Ich hab draußen gesessen und es war gar kein Problem, Magie zu greifen. Es ist wirklich nur die doofe Wand im Labor, beim Generator hatte ich auch noch nie Probleme.“ „Gut, dann werden wir es versuchen, aber sobald du merkst, dass etwas nicht stimmt, unterbrechen wir.“ Sie nickte eifrig. Mitras nickte und öffnete ihr die Tür zum Garten. Der Schneefall hatte aufgehört und die beiden Monde standen klar am Himmel. Mit einer leichten Handbewegung wischte Mitras den lockeren Schnee auf dem Weg beiseite, während Kira sich ihren Mantel umlegte. Die verbliebenen Reste knirschten trotzdem deutlich unter ihren Füßen. Obwohl sie mitten in der Stadt waren, war es im Garten unheimlich ruhig, was Mitras aber deutlich mehr zusagte, als das geschäftige Rumoren um sein Elternhaus, das bis tief in die Nacht anhielt. Die starken Mauern um den Garten dienten nicht nur dem Schutz, sondern auch der Ruhe. Auf halber Strecke blieb er kurz stehen und atmete tief ein. Kira wäre fast in ihn hinein gelaufen und flüsterte erschrocken: „Huch, ist da was?“ „Entschuldige, ich merke nur gerade, wie selten ich in letzter Zeit draußen war. Und gerade jetzt ist die Luft so wunderbar klar. Das passiert hier in der Stadt nicht so häufig. Ich hoffe, dass der Generator uns allen langfristig bei diesem Problem helfen wird. Auch wenn dann immer noch die Gerber, Schmiede und die anderen, sagen wir nicht so wohlriechenden Gewerbe da sind.“ Kira atmete ebenfalls tief ein und nickte. „Du hast Recht.“ Sie schwieg kurz, während sie weiter gingen. An der Tür zum Generatorhaus drehte sie sich um und betrachtete einen Moment lang den Garten, der im Mondschein glitzerte. Leise, so leise, dass er sie kaum noch verstand, sagte sie: „Die klare Luft und den Wald und all das, das vermisse ich schon…“ Mitras hielt ihr stumm die Tür auf und nahm sich vor, sobald als möglich wieder einen Ausflug mit ihr zu unternehmen.

„Achte bitte gleich beim Laden einmal genau darauf wie sich das Magiesammeln anfühlt und wo du deiner Meinung nach die Magie herbekommst. Vielleicht gibt uns das ein paar Hinweise, wieso deine Magie so anders ist.“ Kira runzelte die Stirn, nickte aber gehorsam. „Ja, Magister, mache ich.“ Sie ließ sich auf ihren Platz auf den Kissen sinken, schob die Ärmel etwas hoch, sah ihn aber nicht an, sondern scheu auf den Boden. Mitras hatte es anscheinend wieder einmal etwas zu harsch formuliert und nahm sich vor sich später dafür zu entschuldigen. Aber ihre Magie war nun einmal mit nichts zu vergleichen, was er kannte, und er vermutete, dass es für Kira sehr gut war, dass sie bei ihm gelandet war. Einige würden in ihr eher ein Versuchsobjekt als eine Schülerin sehen. Er selbst war zwar auch gezwungen mit ihr zu experimentieren, aber nur damit ihr kein Schaden durch ihre Fähigkeiten entstand. Er setzte sich ihr gegenüber hin und ergriff ihre Arme: „Gut, fangen wir an.“

Die erste Berühung seiner Hände ließ sie fast zusammenzucken. Sie atmete tief ein und aus, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen, wie sie es in der Meditation geübt hatten. Dann umfasste sie seine Unterarme wie schon etliche Male zuvor, öffnete ihre Sinne und begann, die Magie zu sich zu bitten. Rasch erfüllte das Rauschen der Nadelbäume ihre Sinne, wie üblich. Sie versuchte, den Fluss der Magie zu fühlen. Wo kam er her? Ein wenig waberte die Magie einfach um sie… dann nahm es eher ein Gefühl von stetigem Fließen ein, durch die Kissen in ihren Unterleib und von dort in ihre Arme, wo Mitras sie übernahm. Beinahe wirkte die Magie erdig, da sie so aus der Erde kam, und während sie darüber nachdachte, hatte sie fast das Gefühl, Sand im Mund zu haben. Plötzlich, für einen kleinen Moment, war die Magie kälter, klarer, und im nächsten Moment spürte sie, wie ein ebenso kalter Windhauch durch den Raum ging, vermutlich von einer Windböe, die gegen die Tür gedrückt hatte. Die Magie war im Boden, in der Luft, um sie herum. Nur dort, wo der Generator stand und dort, wo die Wände des Gerätehauses waren, war keine Magie. Sie öffnete die Augen. Kann man Magie sehen? Mitras konnte das. Sie sah nichts und schloß die Augen wieder. Wenn sie sehen könnte, konnte sie ihm eine bessere Antwort geben… Einer Eingebung folgend nahm sie etwas von dem Fluß, den sie in sich spürte, und konzentrierte ihn auf ihre Augen. Sehen können…

Das Gefühl von Sand im Mund wich einer seltsamen Mischung als Karamell und Salzgebäck. Als sie die Augen wieder aufschlug, schimmerte der Raum in allen Farben des Regenbogens. Einen Moment lang waberte alles, dann schärfte sich das Bild und sie konnte sehen, die Magie und auch den Raum. Die Magie war ein Schimmern oder ein leichtes Leuchten. Über den Boden zogen sich helle Streifen wie kleine und große Rinnsale, die sich zu ihr hinwanden. An den Wänden war es dunkler, nur ein dünnes Netz lag über den Steinen. Unter der Kante der Tür wirbelte Magie hinein und verteilte sich zu einem Glitzern in der Luft, bildete Gitter und Netze, die aufglommen und wieder verloschen, zu ihr hin wirbelten und floßen. Kira blickte auf Mitras. Er war der hellste Punkt im Raum. Einen Moment lang überlegte sie, wie man das Leuchten, das ihn umgab, beschreiben konnte. Glimmen passte vermutlich am besten, mal heller, dann wieder schwächer, wie eine Glut, stetig, wärmend. Sie spürte, wie ein Schwall Zuneigung durch sie hindurch ging. Goldene Schlieren durchzogen für einen Moment den Raum zwischen ihnen und legten sich über ihre umgreifenden Arme. Sie schloß die Augen wieder und konzentrierte sich, die Magie wieder gleichmäßig fließen zu lassen. Hoffentlich hatte Mitras nicht zu viel bemerkt von ihren Gedanken!

Der Fluß der Magie von Kira zu ihm geriet erst ins Stocken, dann wurde er von einer Welle an Emotionen überrascht. Ihm brandete eine Welle tiefer Zuneigung entgegen, die sich eindeutig auf ihn bezog. Kira mochte ihn, deutlich mehr als ihm bewusst gewesen war. Im gleichen Moment schmeckte er das Karamellaroma viel stärker auf den Lippen und der Zunge, sie hatte also gerade gezaubert? Er konnte nicht sagen welcher Art der Zauber war, oder was sie überhaupt angestellt hatte, aber er hatte deutlich wahrgenommen, dass sie etwas getan hatte. Mit der bereits gesammelten Magie, auf die er sich konzentrieren musste, hatte er aber nicht mehr genügend Kraft, um sich auch darüber noch Gedanken zu machen. Das Ganze hatte ihn sowieso schon ins Schwanken gebracht und wäre die Menge schon größer gewesen, dann hätte er wahrscheinlich einiges verloren. Das konnte er später mit ihr klären, jetzt musste er sich erst einmal weiter konzentrieren. Die weitere Aufnahme verlief reibungslos. Als er genug gesammelt hatte signalisierte er Kira wie üblich, dass es reichte und stand auf. Er ging zum Generator und fing an die Formeln und Gesten vorzutragen. Schnell merkte er, dass die Magie noch widerspenstiger war, als es bisher sowieso schon der Fall gewesen war. Er hatte sich eigentlich schon daran gewöhnt, dass die Magie von Kira zwar potent, aber auch schwerer unter Kontrolle zu halten war, aber heute war sie regelrecht stürmisch. Er konnte es nicht anders beschreiben und hatte es so auch noch nie bei anderen erlebt. Nach rund zehn Minuten war er dann aber durch und kontrollierte den Stromfluss. Der Generator lief wieder ohne Probleme und die Bewegung des Zylinders war ruhig und gleichmäßig.

Er drehte sich zu Kira um. „So, dass hätten wir. Ich hatte allerdings relativ zu Anfang einige Probleme. Du hast irgendwie Magie gewirkt, was uns beide aus den Takt gebracht hat, oder?“ Kira drehte den Kopf zur Seite und sah auf den Boden. „Hmm, tut mir leid. Ich wollte nur sehen können, wo die Magie herkommt, weil du gefragt hast…“ Mitras setzte sich wieder zu ihr hin. „Du wolltest sehen? Aber du hast die entsprechenden Zauber doch noch gar nicht gelernt, oder habe ich da was verpasst?“ Kira blickte ihn an, feuerrot im Gesicht. „Weiß nicht.“, sagte sie leise. „Aber ich habe gesehen, dass sie aus dem Boden kam. Und du … glimmst…“ Ihre Stimme brach und sie blickte wieder verlegen auf den Boden. Ihr musste bewusst geworden sein, dass er nicht nur den Zauber, sondern auch ihre Emotionen gesehen hatte. Allerdings interessierte er sich jetzt gerade nur für den Zauber, da das doch etwas wichtiger war. „Kira, das sollte kein Vorwurf sein. Aber du hast gerade Magie gewirkt, die du bei deinem Kenntnisstand noch gar nicht wirken können solltest. Ich versuche zu verstehen, was du getan hast, um dir beim weiteren Erlernen der Magie zu helfen. Es ist mir mittlerweile klar, dass du etwas besonderes bist, und dass du dich nicht klar mit den akademischen Begriffen und Erfahrungen abdecken lässt.“ Sie blickte auf und versuchte den Ansatz eines Lächelns. „Ich weiß, dass du mir helfen willst, Mitras. Du bist mein Freund.“ Sie griff nach seiner Hand und drückte sie leicht. „Ich weiß wirklich nicht, was ich gemacht habe. Ich wollte die Magie sehen können, und dann habe ich sie gesehen. So wie ich früher wollte, dass ein Schneeball hart wird oder ich unsichtbar oder der Tee sauer oder was auch immer, wenn ich es wirklich wollte, ist es eben passiert…“ Er ergriff ihre Hand auch mit der anderen, erwiderte den Druck leicht und lächelte sie ebenfalls an. „Das ist interessant, intuitive Magie ist ein Erkennungsmerkmal für junge Magier, aber ich habe noch nie von einem Fall gehört, bei dem es so deutlich war. Normalerweise gibt es einzelne zufällige Momente, die meistens mit starken Emotionen verbunden sind, weniger mit bewusstem, oder zumindest unterbewusstem Wollen. Aber auf der anderen Seite müssen auch alle anderen Schüler ihre Magie erst mühsam und mit vielen Übungen aktivieren. Bei dir scheint das auf jeden Fall kein Problem zu sein.“ Erst jetzt fiel ihm wieder ein, was sie eben gesagt hatte. „Du meintest, dass die Magie aus dem Boden kommt. In meiner Wahrnehmung ist der Magiefluß, außer in der Nähe von Kraftlinien, gleichmäßig. Ich kann aus einem beliebig großen Bereich Magie ziehen, wobei, beliebig ist nicht ganz richtig. Desto weiter ich greife, desto schwieriger wird es. Aber generell kann ich ohne Probleme Magie durch Wände hindurch greifen und normalerweise ist das auch nichts, was man extra lernen müsste. Für dich scheint sich der Magiefluß aber anders darzustellen, weniger homogen und wenn ich das richtig verstehe, dann auch deutlich komplexer und in festeren Bahnen, als ich ihn wahrnehme und greifen kann. Umgekehrt kannst du den Magiefluß deutlich leichter nutzen. Schon jetzt ist dein Potential sehr dicht an meinem dran.“ Kiras Gesichtsfarbe, die sich zwischenzeitlich normalisiert hatte, rötete sich wieder. „Das klingt irgendwie gut, wenn du sagst, ich sei etwas besonderes.“ Ihr Lächeln war irgendwo zwischen Stolz und Schmerz. „Normalerweise ist besonders sein nichts vorteilhaftes…“ Sie blickte ihn an. Eigentlich himmelte sie ihn an, oder bildete er sich das ein? Spontan nahm er sie in den Arm, gar nicht so genau wissend warum eigentlich, und sagte mit dem väterlichsten, fürsorglichsten Ton, den er hinbekam: „Kira, es ist auch nichts vorteilhaftes, also doch schon, weil deine Fähigkeiten weit über dem Durchschnitt liegen. Aber andere könnten in dir weniger eine talentierte Schülerin und mehr ein interessantes Studienobjekt sehen.“ Sie schmiegte sich an ihn und zog eine ausgesprochen niedliche, aber eindeutig gespielte Schnute. „Die anderen sind doof, das weiß ich schon, seitdem ich krabbeln kann. Aber du bist ja da und beschützt mich, nicht wahr, mächtiger Magister?“ Sie sah ihn von unten herauf mit ihren unglaublich grünen Augen an und drückte sich an ihn. Ein Schwall Zuneigung und Fürsorge erfasste ihn, diesmal aus seinem eigenen Herzen kommend. „Ja, das werde ich, so gut ich kann. Und das gleiche wird für Nathanael und auch für Sebastians Familie gelten. In jedem von uns wirst du wichtige Freunde und Verbündete finden.“ Während er sie so, in seinen Armen liegend, betrachtete kamen ihn langsam ziemlich unväterliche Gedanken. Jetzt gerade war sie ihm viel zu nahe und er merkte deutlich, wie lang es schon her war, dass er das letzte Mal eine Frau so in den Armen gehalten hatte. Sie zu küssen würde sich vermutlich gut anfühlen… Ehe er es recht wusste, hatte er sich ein Stück zu ihr herunter gebeugt, näher an ihr Gesicht, so dass er ihren Atem kurz auf seiner Wange spüren konnte. Dann riss er sich zusammen und ließ sie los. „Ähm, wir sollten dann aber wohl besser schlafen gehen.“, sagte er und stand auf. „Ja.“, hauchte sie und drehte den Kopf wieder verlegen zur Seite. Schweigend liefen sie gemeinsam zum Haus. Im Flur blieb sie stehen und drehte sich dann zum Bad. „Ich glaube, ich muss aber nocheinmal vorher in die Wanne. Wenn es dich nicht stört?“ Ihn stören? Ihm fielen einige Dinge ein, die ihn gerade mehr stören würden als seine hübsche Schülerin nackt in der Badewanne. Er räusperte sich, um seiner Stimme nichts von diesen Gedanken anmerken zu lassen und sagte: „Nein, keineswegs. Genieß den Abend und schlaf gut!“ Dann wandte er sich rasch nach oben, in seine Gemächer. Bloß nicht daran denken!

Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sich Kira dagegen und sank langsam zu Boden. Oh, meine Güte, fast hätte ich ihn geküsst. Ich hätte fast meinen Mentor geküsst. Wie peinlich! Wie … aufregend? Sie legte ihre Hand an ihre glühende Wange, wünschte sich, es wäre seine gewesen und spürte, wie die Erregung erneut von ihr Besitz ergriff. War es das, verliebt zu sein? Dass jede Berührung kribbelte? Dass sie sich wünschte, er hätte sie wirklich geküsst? Dass sie, auch wenn sie es kaum zugeben wollte, wissen wollte, wie es sich anfühlte, von ihm berührt zu werden? Überall?
Sie rappelte sich auf und begann sich auszuziehen, drehte die Hähne auf und ließ sich einen Moment lang von der Faszination ablenken, dass hier wirklich selbst so spät am Abend heißes Wasser aus der Leitung kam. Dann glitt sie ins warme Wasser, ließ sich seufzend nach hinten sinken und betrachtete kritisch, wie sich ihre Haare um ihre Brüste ringelten. Sie war zwar schon 17, aber wirklich große Brüste waren das nicht. Mitras war schon deutlich älter, bestimmt hatte er einiges an Erfahrung mit Frauen. Bestimmt hatte er schon mit vielen geschlafen, er sah gut aus und stammte aus einer reichen Familie. Wenn sie William richtig verstanden hatte, war er früher auch ein fröhlicher Draufgänger gewesen… Frustriert tauchte sie ins Wasser ab und blubberte einige Blasen nach oben. Warum war sie nicht älter? Hätte sie nicht seine Klassenkameradin sein können? Warum musste sie seine Schülerin sein? Wenn sie nicht so viel jünger wäre… vielleicht hätte er sie geküsst…

Mitras ging in die Bibliothek und schenkte sich aus seinem speziellen Vorrat einen besonders guten und teuren Rum ein. Dieser Genuß würde ihn sicher genug ablenken. Er wechselte den Raum und blieb vor seinem eigenen Bücherregal stehen. Hier befand sich zum einen sein verschlossener und mehrfach gesicherter Giftschrank, in dem er die weniger brisanten Werke unter seinen größten Kostbarkeiten verwahrte. Und außerdem seine private Sammlung an Romanen, Gedichtsbändern, Kurzgeschichten und Zeitschriften. Alles sah nach reiner Unterhaltung aus, auch um vom Safe abzulenken, der im unteren Teil des Schranks eingelassen war. Sein Blick schweifte über die Werke und er überlegte ob er nicht mal wieder eines von ihnen lesen sollte. Sein Blick blieb an einem Buchrücken hängen. Lady Novalis, er konnte sich gar nicht mehr erinnern, woher er es hatte, warum wusste er hingegen noch sehr genau. Er hatte die Familie di Ferrus durch seinen Vater kennen gelernt. Marcellus war derart wichtig für Cornelius, Sebastians Vater, dass sie auch einige Male auf das Gut in der Baronie eingeladen worden waren. Damals hatte er sich auch mit Marcus angefreundet. Auch als er schon ein Schüler der Magie war, hatte er das Gut noch einige Male besucht. Und irgendwann war ihm aufgefallen, wie gut Marcus Mutter eigentlich aussah. Der junge Mitras Venaris hatte sich in die Mutter eines seiner besten Freunde verliebt. Irgendwann in dieser Zeit war er dann über dieses Buch gestolpert. In ihm ging es um genau so eine Liebe, nur dass sie nicht unerwidert blieb. Die Lady Novalis, eine adlige Witwe, just in Lady di Ferrus Alter, verguckte sich in einen Jungen aus dem Dorf, in dem ihr Anwesen lag. Sie verführte diesen, der zufällig in Mitras damaligen Alter war, und schaffte es, dass aus seinem Verlangen nach ihr mehr wurde. Zum Glück war Mitras damals in einem recht offenen Freundeskreis, in dem alle sehr experimentierfreudig waren, so dass er bald Ablenkung in den Armen zweier Schwestern fand, die wirklich alles teilten. Bei der Erinnerung lachte Mitras kurz auf, ja er hatte es schon wild getrieben in seiner Jugend. Verliebt in die gutaussehende Tante, aber gleichzeitig in der Schule wild experimentierend. 

Hoffentlich kam Kira mit den auch heute noch sehr lockeren Sitten in der Schule zurecht. Kaum ein Schüler oder eine Schülerin schaffte es durch diese Zeit ohne seine oder ihre Unschuld zu verlieren. Und sie war dabei doch so vorbelastet. Er hatte ja schon gesehen, wie schwer sie sich tat. Unwilkürlich war er zum Spiegel getreten. Er stellte das Glas ab und stellte fest, dass es leer war. Er konnte sich gar nicht daran erinnern getrunken zu haben, so sehr war er in Gedanken versunken. Unruhig aktivierte er den Spiegel, gar nicht so recht wissend wieso. Sie war im Bad und er hatte sich fest vorgenommen sie in solchen Situationen nicht mehr zu beobachten, aber es ließ ihn einfach keine Ruhe. Ein Teil von ihm hoffte auch, sie noch im Wasser zu erwischen. Sie musste mittlerweile schon eine halbe Stunde dort drinnen sein. Nein, dachte er, wahrscheinlich ist sie bereits fertig und ich blicke nur in den leeren Raum. Er aktivierte die Rune für das Bad.

Kira schwebte im warmen Wasser und strich sich gedankenverloren über die Brüste, während sie sich mit geschlossen Augen vorstellte, wie Mitras sich über sie gebeugt hatte. Nicht mal die Vorstellung, seine Hände würden so wie ihre über ihre Brüste streichen, bereitete ihr noch Schrecken. Da war eigentlich nur der Wunsch, er wäre jetzt hier…

Sie war noch im Wasser. Die Wanne war fast voll und sie schwebte regelrecht im Wasser. Im schaumfreien Wasser, wie er feststellte. Und sie war komplett zu ihm hin ausgerichtet. Mitras schossen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Bei den Geistern, was für ein schöner Körper, mach den Spiegel aus, was tust du hier bloß, streichelt sie sich gerade selbst, was denkt sie da gerade nur, wie wahnsinnig schön sehen ihre Haare doch aus, wie sie ihren Körper so einrahmen… Mitras sah sie gebannt an.

Fast hatte sie wieder das Gefühl, seine hellblauen Augen schauten sie an, als durchzöge der Geschmack von Nougat ihren Mund. Sie ließ ihre Hand langsam nach unten gleiten, über ihren Bauch und reckte sich, um mit der anderen Hand die Kante des Beckens zu umfassen, um nicht unterzugehen, während sie sich sanft über den Mondhügel strich und die kleinen Schauer der Erregung genoß, die es in ihr auslöste.

Mitras schaffte es gerade wieder einen klaren Gedanken zu fassen, als ihre Hände zu wandern begannen. Während sie sich mit einer Hand festhielt, glitt die andere, Mitras Aufmerksamkeit deutlich stärker bindende Hand über ihren Bauch und strich sanft über die rotgoldenen Härchen. Nach einem für ihn scheinbar endlos langem Moment öffneten sich ihre Schenkel und einer ihrer Finger verschwand zwischen den Haaren und sank noch tiefer. Ihre Hand schob sich langsam vor und zurück. Eigentlich wollte er aufhören, sie nicht schon wieder in so einem intimen Moment belästigen, aber es war schon so lange her, wurde ihm bewusst, und sie würde es ja auch nicht erfahren. Erschrocken stellte er fest, dass seine eigenen Hände ebenfalls gewandert waren und seine Hose geöffnet hatten.

Sie ließ den Kopf ganz nach hinten sinken und genoß das Gefühl, wie die Wellen leicht gegen ihre Schenkel schlugen, während sie ihre Hand vor und zurück bewegte. Ob es sich so anfühlte, wenn eine fremde Hand die Schenkel berührten? Mitras Hand? Sie hatte in der Bibliothek neulich einen Roman gefunden, indem beschrieben war, dass der Mann die Frau dort sogar küsste… Küssen wäre für den Anfang auf jeden Fall gut… Sie ließ den Beckenrand los, um sich selbst die zweite Hand auf den Mund zu legen. Kein Geräusch, leise sein, niemand bemerkt mich…

Mitras konnte nicht mehr widerstehen, zu sehr erregte ihn, was er sah. Seine Linke legte sich um seinen Penis. Zu aufgewühlt, um noch einen einzigen Gedanken an Reue oder Scham zu verschwenden, genoß er nun vollkommen ihren Anblick, wie sie sich selbst verwöhnte, und tat es ihr gleich. Rythmisch fuhr seine Hand auf und ab und sein Atem wurde schneller. Ihre Beine waren weit geöffnet, während sich ihre kleinen, festen, wunderschönen Brüste nach oben wölbten, als sie den Rücken durchdrückte. Keuchend schnappte sie nach Luft, als ihre Hand wieder zwischen ihre Schenkel glitt und ein Finger ganz in ihr verschwand.

Mit einem langezogenen Stöhnen schwappte der Orgasmus über sie wie die Wellen, die über sie schwappten, als sie sich anschließend nach unten sinken ließ. Wenn sich Sex mit einem Mann…mit Mitras… auch nur halb so gut anfühlte, war es das defintiv wert. Sie tauchte wieder auf und schnappte nach Luft, dann rieb sie sich noch ein wenig über die Vulva, um die letzten prickelnden Wellen zu genießen und sich selbst zu reinigen. Dann drehte sie sich um und legte den Kopf auf die Kante, betrachtete sich verträumt im Spiegel, während sich die Entspannung in ihrem Körper ausbreitete. Hoffentlich würde sie das nicht jedes Mal machen müssen, um schlafen zu können, wenn sie vorher mit ihm geladen hatte…

​Mitras sah ihren Höhepunkt kommen. Immer wilder wurden ihre Bewegungen und seine folgten ihrem Beispiel. Als sie dann kam, gab es auch für ihn kein Halten mehr. Stöhnend sank er in sich zusammen, während sie an den Beckenrand krabbelte und sich ausruhte. Sie blickte wohl in den Spiegel, aber Mitras kam es so vor, als sehe sie ihn direkt an. Das war dann doch zu viel für ihn, von Schuldgefühlen übermannt dea​​​​​​ktivierte er hastig den Spiegel. Was war nur in ihn gefahren? Also außer diesem absolut unwiderstehliche Anblick, der ihn wahrscheinlich noch etliche Tage verfolgen würde, schlimmer noch als beim letzten Mal vor mehr als einem Monat. Zum Glück sah man ihm seine Gefühle nicht so leicht an wie Kira. Ein kleines, böses Stimmlein in ihm fragte sich, wie sehr sie wohl erröten würde, wenn sie wüsste, dass er sie gerade gesehen hatte, dass er alles gesehen hatte. Dieser Gedanke brachte ihn zum Schmunzeln, doch dann sanken seine Mundwinkel rasch wieder, als er daran dachte, wie viel Zuneigung sie ihm heute Abend entgegen gebracht hatte – und wie er es ihr gedankt hatte. Er würde ihr defintiv etwas Gutes in den nächsten Tagen zukommen lassen! Ermuntert von diesem Gedanken stand er auf, um sich zu reinigen und ins Bett zu gehen.

Zick-Zack – 30. Lunar 242 (Mafuristag)

Da Kira am vorigen Abend sich nicht mehr von Christobals Überschwang, und seinem Cider, erholt hatte, wartete Mitras mit dem Frühstück auf sie. Während er in letzter Zeit immer häufiger früh aufstand, wurde sie immer später. Und auch wenn es nach dem gestrigen Nachmittag absolut begründet war, so machte er sich doch ein bisschen sorgen. Sie war ein Mädchen vom Land und war das früh Aufstehen gewohnt. Auf der anderen Seite hatte er ihr auch gesagt, dass es völlig reichte, wenn sie gegen 9 Uhr begann. Gegen halb neun kam sie in die Küche. Ihre Haare wirkten so, als wenn sie den Kampf mit ihnen aufgegeben hatte und die Ringe unter ihren Augen sprachen Bände. Der Herzog war berühmt, oder besser berüchtigt, für seine Fruchtweine und Brände. Sein Herzogtum war eine der großen Obstkammern des Reiches und der Boden um den Olfiat sorgte immer für eine gute Ernte. Das zuckersüße Obst eignete sich hervorragend um besonders gehaltvolle Tropfen hervor zu bringen, die aber trotzdem noch lieblich süss waren. Halbstarke, die auch nur Anstalten machten sich auf den Feiern des Herzogs daneben zu benehmen, bekamen eine besondere Behandlung. Sie wurden vom Herzog persönlich mit einer Flasche, oder zweien, unterhalten. Meist blamierten sie sich nicht einmal eine halbe Stunde später so sehr, dass sie sich das nächste Jahr auf keinem, wie auch immer gearteten kulturellen Ereignis blicken lassen konnten.

„Guten Morgen Kira, setz dich und trinke erstmal diesen Tee. Du siehst so aus, als wenn du ihn brauchen könntest.“ Sie blickte auf und wurde sich wohl erst jetzt bewusst, dass ihr der gestrige Abend noch immer gut anzusehen war. Sie errötete sofort. Und Mitras ahnte schon, dass sie gleich die Flucht ergreifen würde. „Bitte, setz dich.“ sagte er mit soviel Autorität, wie er sich zutraute, ohne sie damit zu verletzen und fügte weicher hinzu: „Der Tee wird dir helfen. Du hast dich gestern gut geschlagen.“ Mit rauer Stimme und so schüchtern wie seit einem Monat nicht mehr antwortete sie: „Ja, danke.“ und setzte sich. Mitras hatte den Tee die ganze Zeit auf einer perfekten Temperatur gehalten und ihn vorher noch verzaubert, was ihn einiges an Zeit in der Küche gekostet hatte und William zu einem Kommentar über seine väterliche Fürsorge hingerissen hatte, die Mitras veranlasste, seinen Koch ausnahmsweise aus der Küche zu werfen. Außerdem war es eine gute Kräutermischung, die allein schon helfen würde. Mitras war sich sicher, dass Kira schon Erfahrung mit Alkohol hatte, aber dieser Rausch war überraschend gekommen und die Tropfen von Christobal konnten durchaus auch mal heftige Kopfschmerzen auslösen. Kira trank und ihre Miene hellte sich sofort auf. „Ich sagte ja, der Tee wird dir helfen. Christobals Fähigkeit in der Mathematik wird nur noch von seiner Trinkfestigkeit übertroffen. Und auch da hast du dich gut geschlagen. Christobal hatte aber auch keine bösen Absichten. Er vergisst nur sehr gern, dass nicht jeder seinen Cider so gut verträgt wie er. Insbesondere wenn er begeistert ist. Er hält dich im übrigen für grottenschlecht, aber sehr einfallsreich. Und letzteres ist es worauf es ihn ankommt. Er wird dich jeden Mirastag von 12 bis 16 Uhr unterrichten. Er wird schimpfen und fluchen, aber auch geduldig alles fünfmal erklären. Nimm es dir also bitte nicht zu Herzen, wenn er verbal grob werden sollte.“ „Ja, Magister. Der Tee ist gut. Der ist aber auch magisch, oder?“ Mitras lachte, „Ja, gut erkannt. Ich habe den Tee verzaubert. In ein paar Minuten solltest du von dem Kater nichts mehr merken. Es wird sicher nicht dein letzter Umtrunk gewesen sein und da ist auch überhaupt nichts schlimmes dran, solang du es nicht übertreibst. Sollte dir der Kopf am nächsten Morgen wieder einmal schwer sein, frag mich nach dem Tee, wenn ich ihn dir nicht auch schon gemacht habe. Der Zauber ist nicht ganz ohne, es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du ihn lernen kannst. Es ist einer der Vorzüge eines Verwandlungsmagiers.“ Kira zuckte bei dem letzten Satz zusammen. Mitras hatte geredet ohne nachzudenken und bereute es sofort. „Keine Sorge, du bist bereits eine Magierin, auch die Verwandlungsmagie wird dir schon noch gelingen.“ Niedergeschlagen erwiederte sie ein genuscheltes: „Na, wenn du meinst.“ „Ja, Kira, das meine ich und ich werde dir dabei helfen wo und wie ich nur kann. Deine Telekinesezauber gelingen dir ja auch immer besser. Mit der Verwandlungsmagie verbindest du starke negative Emotionen. Wir werden von nun an jeden Tag mit einer Meditationsstunde beginnen. Außerdem habe ich deinen Lehrplan noch etwas überarbeitet, keine Sorge du behältst deine Freiheiten, warum auch nicht, du machst ja auch große Fortschritte. Wir treffen uns gleich im Labor, erst meditieren wir und dann gehen wir den neuen Plan durch.“

Kira hatte sich schnell umgezogen und mit neuem Elan den Kampf gegen ihre Haare wieder aufgenommen und diese nun auch gebändigt. Sie schämte sich ein wenig dafür, dass sie so zerzaust zum Frühstück gegegangen war – aber sie hatte ja schon wieder verschlafen! Sie würde Abby tatsächlich bitten müssen, sie zu wecken, irgendwie wachte sie nicht mehr von alleine auf. Sie war Mitras für seinen Tee außerordentlich dankbar. Tatsächlich hatte sie keine Ahnung, wie sie ins Bett gekommen war, wahrscheinlich hatte Mitras sie dort hingebracht. Aber ihr Herz beschleunigte immer noch, wenn sie an die Fahrt in der Kutsche dachte. Sein warmer Arm um sie und sein Geruch und das kibbelige Gefühl des Alkohols in ihrem Bauch, kombiniert mit dem berauschenden Gefühl des Erfolges bei Christiobal hatten sie innerlich schweben lassen. Wenn sie nicht so müde gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich versucht, ihn zu küssen, und daher war sie heute morgen ausgesprochen dankbar, dass sie einfach eingeschlafen war. Nicht auszudenken, wenn sie das wirklich gemacht hätte, worüber sie da im Wegdämmern nachgedacht hatte! Jetzt saß sie vor dem Spiegel und seufzte schwer. Die Haare sahen nun ordentlich aus, auch die Schatten unter den Augen waren verschwunden. Kein Grund mehr, hier sitzen zu bleiben. Wie sollte sie jetzt mit Mitras meditieren, ohne dass er die ganzen Schmetterlinge in ihrem Bauch bemerkte? Sie atmete Magie ein und drehte sich dann zu ihrem Schreibtisch um. Mit einem Blick umfasste sie die zwei Stapel Bücher, die dort lagen, ließ sie mit einer Handbewegung abheben und konzentrierte sich einige Minuten darauf, sie in einem komplizierten Kreismuster umeinander schweben zu lassen, ohne dass sie sich aufblätterten. Ihre Übungen der Telekinese hatten sich nämlich als recht hilfreich erwiesen. Wenn sie sich ausreichend auf etwas konzentrieren musste und dabei viel Magie verbrauchte, sank ihre Anspannung, wie sie vor einer Weile herausgefunden hatte. Also hatte sie diesen Büchertanz erfunden, den sie öfters nutzte, ehe sie mit Mitras den Generator laden ging, um ihre Aufregung abflauen zu lassen. Die Bücher nicht aufblättern zu lassen war das wirklich schwierige daran, dafür hatte sie fast eine Woche gebraucht, ehe es geklappt hatte. Mit einem tiefen Luftzug ließ sie alle Bücher wieder geordnet auf den Tisch sinken, stand auf und ging ins Labor. Eigentlich war es ein ziemliches Luxus, lächelte sie in sich hinein, wenn das relevanteste Problem war, wie man die eigenen Verliebtheit vor dem Mentor verbarg, während man in Reichtum schwelgen und Magie lernen darf!

Mitras saß bereits an seinem Schreibtisch und hielt einen Zettel in der Hand. Er lächelte ihr freundlich zu und sagte: „Hier, ich habe den Plan schon aufgeschrieben, du brauchst nicht mitschreiben. Falls du etwas ändern willst, sag es ruhig.“ Er wartete einen Moment, bis sie sich gesetzt hatte, und las dann vor: „Gut, wir treffen uns also jeden Morgen von 9 bis 10 hier, um zu meditieren, natürlich außer am Silenz. Du solltest vorher gefrühstückt haben. Von Mafuris bis Schengs machen wir direkt im Anschluß Übungen zu Telekinese – gern auch anderes, wenn du möchtest – entweder gemeinsam oder du übst hier im Raum alleine, während ich arbeite. Ich habe deine Übungen zu selten beobachtet, das soll sich nun ändern. Am Mirastag hast du nach dem Meditieren Pause und dann von 12 bis 16 Uhr Mathematik bei Christobal. Lass dich nicht jedes Mal vom ihm anschließend zu einem Schnaps bequatschen.“ Kira lief rot an. Nein, das würde sie bestimmt nicht. Das wäre zu gefährlich für ihre, hmm, Integrität. Mitras lächelte und Kira war dankbar, dass er nicht gut genug in Hellsicht war, um ihre Gedanken lesen zu können. Er fuhr fort: „Mafuris, Ingas und Schengs wirst du nachmittags von 13 bis 17 Uhr Zeit haben, dich weiter in die nichtmagischen Themen einzuarbeiten. Am Mafuris und Ingastag sind wir Abends mit Laden beschäftigt, da ich aber auch einen Überblick über deine sonstigen Studien haben möchte, treffen wir uns am Schengstag, sofern ich da bin, nach dem Abendessen für zwei Stunden, in denen du deine Ergebnisse der Woche präsentierst. Am Uldumstag möchtest du dich vermutlich mit Sebastian treffen oder in die Bibliothek gehen, das bleibt dein freier Tag, du kannst machen, was du magst. Und Silenz hast du frei und wenn du dort liest, dann nur aus der Abteilung der schönen Literatur in unserer Sammlung, verstanden?“ Er blickte sie mit einer Mischung aus Strenge und Fürsorge an, die ihren gerade beruhigten Herzschlag wieder springen ließ. Unsere Sammlung – hatte er gerade seine Bibliothek als ihre gemeinsame Sammlung bezeichnet? War sie wirklich schon so sehr Mitglied seines Haushaltes? Sie fühlte sich willkommen, obwohl eine kleine Stimme in ihrem Kopf deutlich moserte, dass die Formulierung von Mitras vermutlich nicht so gemeint war. Sie nickte. „Danke, Magister. Ich habe keine Veränderungswünsche.“ Mitras reichte ihr das Papier. „In Ordnung. Dann beginnen wir jetzt mit der Meditation und dann bin ich gespannt, welche Zauber du dir aus dem Telekinesebuch schon herausgenommen hast.“

​Für Mitras ging die Meditation wie im Flug vorbei. Ihm tat es  gut, sich einmal am Tag ​​​​​​etwas Ruhe zu gönnen, auch wenn seine Forschungen dadurch noch langsamer vorankamen, als sie es nun sowieso schon taten. Aber Zeit in Kira zu investieren hatte sich als lohnend herausgestellt, wenn man bedachte, wie viel besser es ihm nun emotional und körperlich nun ging. Selbst zu seinem alten Mentor hatte er nun wieder Kontakt. Selbst wenn ihn die Forschungen immer noch mit Sorgen erfüllten, Zeit mit ihr gab ihm das Gefühl, nicht mehr nur davon zerfressen zu werden, was seine Erfindung anrichten könnte. Er unterdrückte den Impuls, sich die Lippen abzulecken, um mehr vom Karamellgeschmack zu bekommen, der nach dem Meditieren oft im Raum lag. Ihm war klar, dass es von ihr kam und eine Nebenwirkung des ruhigen Magieströmens war, aber der Impuls war zeitweilig sehr deutlich. Er kannte es von niemandem anderen, dass der Geschmack der Magie den Raum erfüllte, wenn die Person meditierte, aber Kira war eben etwas besonderes. Gespannt setzte er sich auf seinen Stuhl, lächelte sie an und sagte: „Dann lass mich mal sehen, was du geübt hast. Brauchst du etwas, die Kugeln?“ Kira stand in der Mitte des Kreises und lächelte ihn an. Sie sah nun entspannter aus und strahlte regelrecht. Ihre Augen wirkten nun klar und das Grün leuchtete regelrecht mit ihren roten Haaren um die Wette. Er schluckte, nun da es ihm wieder besser ging, wurde ihm auch immer stärker bewusst wie gut sie aussah. Nicht nur ihr bildhübsches Gesicht, auch ihre Figur war hinreißend. Er schüttelte kurz den Kopf, was sie dazu veranlasste ihn verunsichert und fragend anzusehen. „Es ist alles gut Kira. Mir kam nur gerade ein Gedanke, der mich zu sehr abgelenkt hatte.“ Ihre Miene änderte sich in neugierig. Doch den Geistern sei Dank traute sie sich nicht zu fragen. Stattdessen atmete sie ein, um Magie an sich zu ziehen. Mitras beeilte sich, die magische Sicht zu aktivieren. Sie schimmerte merkbar heller als zu Beginn ihrer Übungen, was bewies, dass sie wirklich regelmäßig geübt haben musste. Ihm kam der Gedanke, dass das Magie-Transferieren beim Laden vielleicht auch dazu beitrug, dass sie mehr Magie halten konnte und er machte sich innerlich eine Notiz, auch selbst wieder mit Übungen zur Steigerung des eigenen Magieniveaus zu beginnen. Nicht, dass seine Schülerin ihn schon vor Antritt der Akademie übertraf! Das würde Thadeus sicher zum Lachen bringen, wenn er wüsste, was Mitras gerade dachte. Grimmig lächelnd wandte Mitras wieder seine Aufmerksamkeit zu Kira. Es würde Thadeus nämlich auch gehörig schlucken lassen, wenn er wüsste, wie hell seine neue Schülerin gerade leuchtete, während sie mit Leichtigkeit mehrere Kugeln um sich kreisen ließ. Moment, Kugeln? Das eine war gar keine Kugel, das war eines seiner Magiebücher, das eben noch hinter ihm auf dem Schreibtisch gelegen hatte! Kaum hatte er den Gedanken beendet, flog auch schon ein weiteres an ihm vorbei. Kira jonglierte nun mit den drei Kugeln, die eine Acht über ihrer linken Hand bildeten und den beiden Büchern, die sie mit der rechten dirigierte. An ihren Lippen konnte er ablesen, dass sie bereits einen weiteren Zauber vorbereitete. Ihre Linke bewegte sie zur Formung des Zaubers, während die Kugeln einfach weiter ihre Acht flogen, nun frei im Raum. Eines der Bücher löste sich aus dem Kreis, in dem es sie umflogen hatte, schwebte vor sie und öffnete sich durch einen leichten Wink ihrer Hand. Sie neigte den Kopf und die Seiten blätterten weiter. Mitras stand neben seinem Stuhl, ohne sich bewusst zu sein, wie er aufgestanden war. Natürlich hatte er derartiges schon gesehen, jeder Kirmesmagier beherrschte solche Jonglage, aber doch nicht nach nur ein paar Wochen Übung! Und sie sprach die Formeln nicht mal laut! Bei den Geistern, Thadeus würde ausrasten, wenn er das wüsste. Kira kam zum Ende und legte die Bücher wieder genau da ab, wo sie sie aufgelesen hatte. Die Kugeln hingegen verblieben in der Acht. Mitras sah, dass sie einen Aufrechterhaltungszauber gewirkt hatte und dieser würde wohl auch noch eine ganze Weile wirken. 

Im Kopf überschlug er die Zauber, die sie gewirkt hatte. Sie hatte mit den Kugeln begonnen, ein einfacher Trick, der die Kugeln in einem bestimmten Muster fliegen ließ. Einfache geometrische Formen so in Bewegung zu versetzen war leicht und eigentlich auch alles was er erwartet hatte. Dann kamen die Bücher hinzu. Sie hatte sie eins nach dem anderen mit einem Greif-und-Hol Zauber zu sich gebracht, davon gab es in ihren Büchern mehrere und er konnte nicht sagen, welchen sie gewählt hatte. Was ihn erstaunte, war, dass sie zu dem Zeitpunkt die Jonglage noch direkt aufrecht erhalten hatte. Dann hatte sie den Zauber auch auf die Bücher angewandt, diese dabei mit einem Bindungszauber geschlossen gehalten. Diese Zauber musste man einzelnd auf jedes Ziel werfen. Diese Zauber waren die ersten, die sie mit einem Aufrechterhaltungszauber gewirkt hatte. Dann hatte sie den Bewegungszauber so verlagert, dass die Bücher hinter ihr flogen. Sie brauchte also keinen Sichtkontakt mehr, um den Zauber aufrecht zu halten, zumindest wenn sie selbst das Zentrum der Bewegung war. Erst jetzt hatte sie die Acht autark gemacht und auch an diesen Zauber eine Aufrechterhaltung angebunden, um anschließend das eine Buch zu sich zu holen und es aufzublättern. Sie hatte also mehr oder minder gleichzeitig vier Zauber gewirkt, einige mehrmals. Diese hatte sie teilweise direkt und andere nachträglich modifiziert. Mitras merkte erst jetzt, dass sein Mund offen stand. „Verdammt Kira, weißt du was du da gerade alles gemacht hast?“ Er brauchte einen Moment, um aus seiner Verblüffung wieder herauszukommen, und lachte auf. „Bei den Geistern Kira, mit der Darbietung wärst du jetzt Schülerin der Schule der Kinetik und hättest die Prüfung wahrscheinlich sogar als Beste bestanden. Die Zauber selbst sind zwar simpel und andere Schüler würden sicher mit komplizierteren kommen, aber die Komposition…“ Er stockte kurz. Kira stand etwas außer Atem vor ihm und wurde gerade bis zu den Ohrspitzen rot. „Derartige Verknüpfungen und auch das nachträgliche Modifizieren eines bereits gewirkten Zaubers, das ist alles Stoff, den du erst in der Schule lernen solltest. Ach, Kira!“ Er lachte erneut auf und entspannte sich. Was hatte er für eine Schülerin! Mit wenigen Schritten stand er vor ihr, umfasste ihre Hüfte und wirbelte sie umher, wie er es oft mit seiner Schwester tat, wenn er sich freute. „Du bist die beste Schülerin, die sich ein Magister wünschen kann!“

Kira schwindelte, während sie versuchte, seine Worte in sich aufzunehmen. Beste Schülerin? Sie klammerte sich mit den Händen an seinen Oberarmen fest, während er sie langsam wieder herunterließ und fühlte die Hitze seines Körpers nah an ihrem, selbst durch beide Roben hindurch. Ihr Gesicht glühte. Es gefiel ihm, das Üben hatte sich gelohnt. Und dabei war das eben gar nicht so schwierig gewesen – sie hatte nur gezeigt, was sie schon sicher konnte. Freude und Glück und sein Geruch verstärkten das Gefühl von Schwindel und sie griff mit den Armen um ihn, um sich an ihn zu drücken und nicht umzukippen. „Danke.“, flüsterte sie.

Immer noch komplett berauscht und von Euphorie erfüllt erwiederte Mitras ihre Umarmung und strich ihr väterlich über die Haare und die Schultern. Sie hatte kaum einen Monat gebraucht, um so weit zu kommen. Gut, sie hatte ein enormes magisches Potential, welches aufzubauen für die meisten Schüler sonst schon das erste große Problem war, aber auch das sichere Erlernen der Sprüche und Gesten. Und Verknüpfungen waren noch viel schwerer. Sie hatte sogar begonnen, Gesten und Sprüche zu minimieren. Dabei kam ihm eine Idee. Er schob sie ein Stück von sich weg und schaute sie verschmitzt lächelnd an. „Was meinst du, bist du bereit für ein kleines magisches Telekinese-Duell mit deinem alten Magister?“

Kira hatte noch das Gefühl seiner Hand auf ihren Haaren und in ihrem Nacken. Seine sanfte Berührung hatte ihr alle Härchen auf den Armen aufrecht stehen lassen und als sein Finger wie versehentlich hinter ihrem Ohr längstgestrichen war, hatte es sich angefühlt, als seien tausend Blitze durch ihren Körper gefahren. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, was er gesagt hatte. „Ein Duell?“, wiederholte sie, mehr um von ihrem eigenen Zustand abzulenken. Sie war tatsächlich erregt, verdammt. Mitras schien nichts bemerkt zu haben, den Geistern sei dank. „Na ja, es ist eher ein Spiel, um das schnelle Wirken von Sprüchen zu üben. Wir nehmen einen kleinen, weichen Ball.“ Er holte kurz aus und ein ziemlich staubiger Ball kam aus einem der hinteren Regale angeflogen. Er klopfte ihn kurz ab, bevor er fortfuhr. „Und schleudern ihn hin und her. Ziel ist es ein magisches Netz hinter dem Gegner zu erreichen. Wenn ich den Ball mit Magie werfe, musst du ihn fangen und zurück werfen, bevor er das Netz berührt.“ Das klang nach einem Spiel, dass sie auch ohne Magie kannte, die anderen Jugendlichen hatten es öfters auf dem Dorfplatz gespielt, und Adrian manchmal mit ihr auf dem Hof. „Wie Zick-Zack?“ Mitras nickte. „Ja, magisches Zick-Zack. Der Ball darf nicht die Hände oder den Körper der Mitspielenden berühren.“ Er hob die Hände und ein Geruch nach Nougat begleitete die Zauber, mit denen er den Raum in ein Spielfeld verwandelte. Als Kira sich drehte, konnte sie das Netz sogar etwas außerhalb des ganzen Kreis erahnen, es schimmerte leicht in der Luft. Mitras ging einige Schritte zurück, lächelte sie an und fragte: „Bereit?“ Ein Ballspiel wie mit Adrian, aber diesmal mit Magie. Und wie sie bereit war! Sie hob die Hände und atmete Magie ein, so viel wie sie halten konnte. „Bereit!“

Mitras fing an und warf den Ball in die Luft wo er auf der Höhe, die Mitras haben wollte, stehen blieb. „Gut, ich fange an.“ Mitras stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen einen halben Meter vor seinem Netz und war äußerlich völlig unbeweglich. Der Ball flog los, von einem schnellen Gedanken angestoßen. Er prallte in der Mitte zwischen ihnen auf und flog auf Kira zu, die ihn mit einer Handbewegung in seine Richtung in der Luft stoppen ließ. „Mova!“, rief sie, und der Ball schoß zurück zu Mitras, der ihn ohne eine Bewegung stoppte und ebenso schnell zurück schnellen ließ. Eine Weile hörte man nur noch Kiras Atmen und ihre Bewegungen, da sie ab dem zweiten Wurf nur noch die Lippen bewegte. Mitras hatte schon lange nicht mehr gespielt, und beim fünften Wurf lenkte ihn kurz ein Blick auf ihre nackten Beine ab, als sie sprang, um den Ball noch zu erwischen, und sich die Robe aufbauschte. Mit einem Pfeifgeräusch knallte der Ball in das Netz hinter ihm und blieb in der Luft hängen. „Jaaaaaaa!“ Kira sprang in die Luft und jubelte. Er ärgerte sich kurz, sie hatte eine Lücke ausgenutzt, an der er selbst schuld war. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. „Nicht schlecht.“ Der Ball schnellte auf die Position zurück, an der er am Anfang des Spiels in der Luft gehangen hatte und zischte sofort in Kiras Richtung. Mitras hatte ihm einen leichten Spinn versetzt und als der Ball den Boden berührte, flog er in eine komplett andere Richtung weg, als Kira anhand des Winkels erwartet hatte. Sie keuchte, schrie „Silente!“, riß die rechte Hand hoch und stoppte ihn knapp vor ihrem Netz. Einen Moment sammelte sie sich, dann drehte sie sich zu Mitras um und ihre Augen funkelten. „Wie macht man das?“ Mitras lächelte selbstzufrieden „Ich habe dem Ball zwei Stöße gegeben. Der erste greift im Zentrum des Balls an und der zweite gleichzeitig am Rand.“ Sie runzelte die Stirn, dachte einen Moment nach, blickte dann auf den Ball und sagte: „Mova!“ Gleichzeitig bewegte sie die rechte Hand, als würde sie werfen. Der Ball prallte in der Mitte auf und sprang in einem gespiegelten Winkel nach oben, direkt auf Mitras Gesicht zu. Er stoppte ihn kurz vor seinen Augen. Sie hatte keine zwei Zauber gewirkt wie er. Warum hatte der Ball dennoch die Richtung geändert? Er erinnerte sich an William früher. Sie hatten das Spiel durchaus gemeinsam gespielt, Magier gegen Nicht-Magier. Und der konnte Bälle auch so springen lassen. Hatte sie die Handbewegung nachgeahmt und auf den Ball übertragen? Sie stand breitbeinig vor ihm, bereit für den nächsten Wurf und grinste ihn herausfordernd an. Er grinste ebenfalls. Dieser kleinen Trickserin würde er schon zeigen, dass er mehr Übung hatte! Er versetze dem Ball, während er ihn noch festhielt, mehrere Stöße und brachte ihn in eine komplizierte Drehung, ehe er ihn sehr weit nach links schoß. Der Ball traf auf den Boden auf und flog nach rechts, begann aber sofort einen Bogen und flog letztendlich wieder links an Kiras Kopf vorbei und traf ins Netz, was den Treffer mit einem lauten Pfeifen quittierte. „Ah!“, kreischte sie, dann griff sie sich magisch den Ball und schleuderte ihn rasch zurück, wieder mit einem leichten Dreh. In Folge erwischte sie zwei seiner gedrehten Bälle, aber dann trafen die nächsten drei das Netz. Sie keuchte heftig und er sah, dass der Schweiß ihr Gesicht herunter lief. Nach dem dritten Treffer von ihm drehte sich ihr Ball nicht mehr, und nachdem er das vierte Mal ihr Netz getroffen hatte, griff sie nach dem Ball, der nun aber mit einem leichten „Pflopp“ zu Boden fiel. Keuchend ließ sie sich neben den Ball fallen. „Uff, Magister, ich kann nicht mehr! Da ist einfach keine Magie mehr über!“ Mitras sah sie verwirrt an. „Wieso keine Magie mehr?“ Er aktivierte den Analysezauber wieder, betrachtete sie eingehend und sah, dass ihre Aura schon recht schwach war. Sie hatte kaum noch Magie in sich und konnte anscheinend auch keine mehr sammeln. Erschrocken wob er einen zweiten Zauber, um den Fluß der Magie betrachten zu können. Er hatte genug Magie, warum war sie plötzlich so leer? Ihr Potential war doch nicht so weit unter seinem und um sie herum war doch eigentlich genug Magie! Die Farben verschwammen kurz vor seinen Augen und er sah, dass innerhalb des Labors keine greifbare Magie mehr übrig war. Er selbst konnte wie alle Magier über die physischen Grenzen des Raumes hinausgreifen und dort war das Level nur unwesentlich niedriger als normal. Dort sah es so aus, als wenn ein Magier gerade eine Reihe von kleinen Zaubern gewirkt hatte. Aber innerhalb des Raumes waren die Magieflüsse völlig ausgedünnt. Während er schaute, floß auch langsam wieder Magie in den Raum, auch wenn er nicht genau sagen konnte, woher sie kam. Ein wenig mehr kam vom Fenster, das machte Sinn, da es nicht ganz dicht war und dort auch Luft eindrang. Es war faszinierend. Er wusste, dass man Gebiete leeren konnte, aber Räume? Mit einem schnellen Zauber öffnete er das Fenster. Schneeflocken stoben herein. „Versuche bitte etwas Magie zu sammeln.“ Angestrengt griff sie wieder in den Strom und konnte diesmal wieder Magie sammeln. Mitras sah das deutliche Band, das vom Fenster zu ihr ging. „Kira, du lässt die Wände dich blockieren. Ich weiß nicht wieso, aber du hast den Raum komplett geleert, ohne die Magie außerhalb überhaupt anzurühren. Versuche bitte, dir vorzustellen, dass die Wände gar nicht da sind, greif durch sie hindurch.“ Er schloß das Fenster wieder und wartete ab, was passierte.

​​​​​​Kira fühlte sich, wie nach einem Hochflug plötzlich auf dem Boden aufgeschlagen. Der Mangel an Magie tat beinahe in der Magengrube weh, sie hatte während des Spiels nicht gemerkt, wie sie alles aufgebracht hatte. Das kleine bisschen von eben half, aber jetzt war der Raum irgendwie wieder stickig. Sich vorstellen, die Wand wäre nicht da? Das sagte er so leicht. Sie starrte auf die Wand. Ja, sie konnte spüren, dass dahinter Magie war, aber sie konnte nicht hindurch. Das war… unnatürlich. Ihr Kopf rauschte. Sie hatte das Gefühl, ihr würde schlecht werden. Da war nicht genug. Das ging doch nicht! Erschöpft ließ sie sich ganz zu Boden sinken. Da hatte ihr Magister ihr aber gut gezeigt, dass sie noch viel zu lernen hatte. Sie wusste nicht, ob sie sich ärgern sollte. Das Hochgefühl des Spiels hing doch noch ein wenig in ihr, und ihr Verstand realisierte auch, dass er sie nicht kritisiert hatte, sondern sie einfach nur unterrichtete. Auf dem Boden liegend, starrte sie weiter die Wand an. Blöde Wand! Da müsste doch nur ein kleines Loch drin sein, dann könnte die Magie doch mit der Luft hinein. Frustriert schloß sie die Augen, zu müde, um noch mehr zu machen.

Mitras sah wie sie sich bemühte. Aber sie bekam die Magie nicht zu fassen, es war als wenn die Wand sie komplett abschirmte. Es gab Verzauberungen und auch Materialien, die dafür sorgen konnten, dass der Magiefluß unterbrochen wurde, aber nichts davon war beim Bau dieses Hauses zum Einsatz gekommen und er selbst konnte ja auch ohne Probleme in einem weiten Radius Magie sammeln. „Lass gut sein Kira, ich weiß nicht was dich blockiert, aber anscheinend kannst du nicht so wie ich durch die Wände hindurch Magie sammeln. Für mich sind die Wände gar nicht richtig da, wenn ich nach Magie greife. Ich kann sie sehen, aber ich ziehe die Magie eben hindurch. Warte kurz.“ Er öffnete das Fenster wieder, kalte Luft und Schneeflocken ignorierend. „Greif nicht aktiv danach, das könnte gerade zu viel für dich sein. Aber du solltest dich gleich erstmal in den Garten setzen oder einen kurzen Spaziergang machen.“ Mitras hatte so etwas noch nie gesehen. Konnte das mit ihrem hohen Potential zu tun haben? Er würde so bald wie möglich mit Nathanael darüber reden müssen. Er war der einzige von dem Mitras aufgrund seines Wissens Antworten erwarten konnte und dem er auch weit genug vertraute. Sie nickte und rappelte sich langsam auf. „Geht schon wieder.“ Besorgt blickte er ihr nach, wie sie den Raum verließ. Sie war eine hervorragende Schülerin, eine ganz besondere Frau, und die Geheimnisse um sie waren im gleichen Maße faszinierend und besorgniserregend.

Curriculum nach di Pinzon – 29. Lunar 242 (Mirastag)

Nach der Meditationsstunde fühlte er selbst sich wieder ruhiger und auch Kira schien es gut getan zu haben. Sie aß noch mit ihnen zu Mittag, machte sich mit Abbys Hilfe fertig und brach dann mental wie optisch gut gerüstet auf. Mitras wollte sich in der Zwischenzeit ihrer weiteren Ausbildung widmen. Er hatte Kira seit der erfolgreichen Telekinetik-Übung weitesgehend freie Hand gelassen und sie hatte sein Vertrauen nicht missbraucht, sondern sich weiter fleißig in alle Gebiete hineingearbeitet, und vergrößerte so ihr magisches wie normales Allgemeinwissen stetig. Primär ging es ihm darum den Überblick über ihren Fortschritt zu behalten, zumal sie die abendlichen Treffen, hauptsächlich wegen seiner Arbeit, häufiger als ihm lieb war ausfallen lassen hatten. An den Abenden, an denen sie zusammen geladen hatten, waren sie vorher teilweise gar nicht mehr zusammen gekommen. Aber tägliche Abfragen waren bei Kira auch gar nicht nötig. Wenn er jeden zweiten Abend sich mit ihr zusammen setzte und ein oder zweimal die Woche mit ihr Magie übte, dann sollte das reichen. Das Wichtigste waren die Meditationsübungen. Er notierte sich alles und begann einen weiteren Lehrplan für die nächsten zwei Monate zu erstellen, danach würde er weiter sehen. Vielleicht schafften sie es bis dahin auch, Kiras Trauma durch die Meditation soweit in den Griff zu bekommen, dass sie sich wieder an Verwandlungsmagie heran wagen konnte.

Julius setzte Kira ein wenig vor der Mittagsstunde, zu der sie bei Herzog di Pinzon sein sollte, ab, und so hatte sie die Gelegenheit, diesmal den Park vor dem Gebäude etwas genauer zu betrachten, während sie den Weg hinauf schlenderte. Natürlich war es jetzt Winter, aber selbst jetzt konnte man erahnen, dass dies eine wundervolle Anlage mit vielen verschiedenen Obstbäumen und anderen Bepflanzungen war. Die Spur eines Ampas zog sich quer durch den Hauch frischen Schnees, der am Vormittag gefallen war, und Kira erinnerte sich an Adrian, der ihr einen Ampa von der Jagd mitgebracht hatte, sie aber erst hatte abbeißen lassen, nachdem sie ihm alle Multiplikationsreihen aufgesagt hatte. Sie seufzte ein wenig, dann straffte sie sich und richtete sich auf. Wie bei den Prüfungen in Lührenburg war sie allein, und sie würde es auch allein bestehen. Mitras hatte ihr gesagt, dass er sie zur vierten Nachmittagsstunde abholen würde. Das war lang, aber sie versuchte, sich nicht zu ängstigen – das war vor einer Prüfung eh nicht hilfreich.

Wieder empfing sie der Butler, David, wenn sie sich recht erinnerte. Ihre Gesellschafterin vom letzten Mal, Susanna, war nicht zu sehen, aber das war auch nicht so schlimm. Kira hatte das Gefühl gehabt, sich eher mit einer Puppe zu unterhalten, da die junge Angestellte offenbar von Christobal einen Plan bekommen hatte und von diesem auch gar nicht abgewichen war. Fragen zu ihrer Herkunft oder ihrer Familie war sie höflich ausgewichen, stattdessen hatte sie ihr auf dem Klavier vorgespielt. Kira hatte nicht gewusst, was sie sich wünschen sollte an Stücken, aber darauf war Susanna wohl vorbereitet gewesen. Sie konnte gut spielen, aber Kira machte sich nicht viel aus Musik, also hatte sie ebenso höflich zugehört und sich die Gemälde angeschaut.

Herzog di Pinzon empfing sie in einem Raum, in den locker zweimal das Studierzimmer von Bruder Harras gepasst hätte. Er war mit dunklen Teppichen ausgelegt und an den Wänden standen unzählige Bücher. Ein seltsames Gebilde aus Metall und ein Globus standen in der Nähe eines großen Schreibtisches, hinter dem Christobal saß und schrieb, als David sie herein führte. „Ah, Lady Silva! Willkommen!“ Kira knickste angemessen, worauf der Herzog eine leichte Verbeugung andeutete – von hochrangigem Adeligen zu niederer Adeligen – und sie zu einem Stuhl vor dem Tisch führte. „Gut. Ich weiß nicht, ob Mitras es Ihnen gesagt hat, aber ich pflege keine Frauenzimmer zu unterrichten. Meistens bleibt ihr Verstand sowieso für die klaren, abstrakten Formen der Mathematik verschlossen. Vernunft, Lady Silva, ist eine Gabe der Geister, aber sie ist eben nicht gleichmäßig verteilt.“ Eingeschüchtert schaute Kira auf den Stapel Papier, der vor ihr auf dem Tisch lag. Was sollte sie dazu sagen? Er hatte nicht Unrecht, nur der Teil mit den Frauen klang unfair. „Ihr habt vermutlich Recht, Herzog di Pinzon. Deswegen ist es auch eine große Ehre für mich, hier sein zu dürfen.“, sagte sie unterwürfig. Immerhin war er ein Proffessor der Mathematik, also waren aus seiner Sicht wahrscheinlich ziemlich viele Menschen dumm, sie eingeschlossen. Pinzon schaute sie einen Moment an und schmunzelte dann leicht. „Das ist angenehm zu hören.“ Er deutete auf die Papiere. „Ich habe ein paar kleinere Aufgaben vorbereitet. Sie nehmen sich jetzt bitte ganz in Ruhe eine Aufgabe nach der anderen vor und versuchen sie so gut sie können zu lösen. Keine Sorge, ich gehe davon aus, dass Sie nicht alles lösen können, sonst bräuchten Sie meine Hilfe nicht mehr.“ Kira nickte stumm. Sie fühlte sich ziemlich erdrückt, der Raum und sein Auftreten raubten ihr das kleine bisschen Zuversicht, mit dem sie aus der Meditationsstunde gekommen war. Allerdings kannte sie dieses Gefühl zu gut – von ihrer Mutter, ihrem Vater, den Lehrern in Lührenburg. Dass ein Mädchen, dass aussieht wie eine Skir und reiten kann wie ein Junge auch noch lernen darf, war eben meistens nicht auf Gegenliebe gestoßen, und ihr Vater hatte es ihr zwar ermöglicht, aber er war auch immer streng gewesen. Besonders in Mathematik war sie schlimmere Beschimpfungen gewöhnt als die Aussagen des Herzogs, die er sogar noch in einem sachlichen, fast herzlichen Ton vorbrachte. Also griff sie zögerlich nach dem ersten Papier und dem Stift, der daneben lag und begann zu lesen.

Auf jedem Blatt war oben in kleiner, gut lesbarer Schrift eine Aufgabe geschrieben. Erleichtert stellte Kira fest, dass sie die erste sogleich mit den Mitteln, die Abby ihr beigebracht hatte, lösen konnte, und so begann sie erst langsam, dann immer zuversichtlicher, zu schreiben. Nicht alle Aufgaben kamen ihr so vertraut vor, aber Christobal saß ruhig in einem Sessel und las, als ob Kira gar nicht da wäre, und so grübelte sie eine Weile über jede Aufgabe, ehe sie sie beiseite legte und die nächste anfing, wenn ihr nichts einfiel. Ein paar Mal kamen ihr später Gedanken, als sie gerade über etwas anderes nachdachte, und nach einer ganzen Weile begann das Knobeln sogar Spaß zu machen. Die Aufgaben waren nicht wie das, was sie aus dem üblichen Mathematikunterricht kannte, es waren fast kleine Geschichten, quasi Rätsel, bei denen man rechnen oder zeichnen musste, um sie zu lösen. Irgendwann stand Pinzon auf und stellte sich neben sie, um ihr über die Schulter zu schauen. Sie schrieb ihre Überlegung zu Ende auf und schaute ihn dann an. „Ich denke, das genügt. Es ist schon bald drei, wir wollen uns ja auch noch unterhalten. Möchten Sie einen Tee?“ Kira blickte erschrocken zum Fenster und stellte fest, dass draußen heftiges Schneegestöber herrschte, was beinahe den Eindruck von Dämmerung erweckte. „Schon fast drei? Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist…“ Christobal lächelte sie freundlich an. „Das habe ich gemerkt. Sie waren ganz versunken, das gefällt mir. Dann schauen wir uns das doch mal an.“ Er griff nach den Blättern, setzte sich auf die andere Seite des Tisches und begann, Blatt für Blatt sorgfältig zu lesen. Manchmal runzelte er die Stirn, manchmal nickte er zustimmend, und ab und zu schnaubte er belustigt oder ablehnend. Kira saß auf ihrem Stuhl und hatte das Gefühl, dass ihr wirklich sehr übel war, so nervös war sie. Ob es gereicht hatte? Über die Rätsel hatte sie beinahe vergessen, dass dies hier ja eine Prüfung ihrer Tauglichkeit als Schülerin war. Als er beinahe durch war, betrachtete er ein Blatt besonders lang, dann legte er es vor sich auf den Tisch. Kira sah, dass es bei dieser Aufgabe darum ging, die Fläche eines runden Blumenbeetes zu bestimmen. Sie hatte keine Ahnung, wie man die Fläche eines Kreises bestimmte, also hatte sie versucht, den Kreis mit Rechtecken zu füllen – die einzige Form, von der sie nach der Lektüre des Mathematikbuches wusste, wie man den Flächeninhalt berechnete. Di Pinzon stach mit dem Finger beinahe auf eine der kleine Skizzen, die sie sich am Rand gemacht hatte. „Was haben Sie sich hierbei gedacht?“ Kira schaute auf die Skizze. „Oh, ähm, naja, ich dachte, wenn man den Kreis da so mit eckigen Dingen füllt, wie ich das gemacht habe, bleiben ja immer so, naja, Tortenstückchen oder so, über. Man hat immer zu wenig, man müsste was dazu tun. Und ich hab halt überlegt, dass ich einige Rechtecke da rechts zu groß mache und die anderen zu klein, dann müsste es ja in der Mitte etwas besser stimmen.“ Sie blickte nervös zu di Pinzon. Sie hatte diesen Gedanken nicht weiter verfolgt, weil es schon mühsam gewesen war, nur die sechs Rechtecke zu zeichnen und zu berechnen, besonders, weil sie ja kleiner als das echte Blumenbeet zeichnen musste. Ob sie es doch hätte machen sollen und sich hätte mehr Zeit nehmen sollen? Vielleicht fand der Herzog sie nun zu wenig sorgfältig? Doch dieser schlug mit der flachen Hand auf das Blatt, so dass Kira vor Schreck zusammen zuckte, und rief: „David!“ Der Butler stand sofort in der Tür. „Einen Cider bitte! Ich muss mit meiner ersten Schülerin anstoßen!“ Er war aufgesprungen und um dem Tisch herum gelaufen. Nun stand er vor Kira und blickte sie begeistert an. „Lady Silva, ich nehme zurück, was ich über die Vernunft der Frauenzimmer gesagt habe. Sie haben tatsächlich etwas davon! Das ist eine hervorragende Idee, tatsächlich machte man es früher genau so, ehe man die exaktere Formel für die Kreisberechnung fand. Sie haben ganz eindeutig keine Ausbildung in Mathematik bekommen, ihre Art, Dinge aufzuschreiben ist grauenhaft, aber sie haben Kreativität und Vernunft, damit werden wir arbeiten. Aber wagen Sie es bloß nicht, irgendwem davon zu erzählen! Herzog di Pinzon unterrichtet keine Frauen – nur diese eine Magierin, dass das klar ist.“ Er klopfte ihr auf die Schulter und Kira hatte das Gefühl, ein riesiger Stein falle mit herunter. Sie wurde rot und kämpfte gleichzeitig sehr damit, nicht vor Erleichterung loszuheulen. Sie hatte bestanden! Und das sogar mit einer Aufgabe, die sie gar nicht richtig gelöst hatte! Die Vorstellung, die der Herzog von Mathematik hatte, war defintiv seltsam, aber nicht schlecht – sie würde vielleicht sogar bei dieser Mathematik Spaß haben. Und sie hatte ihn überzeugt. Sie konnte es gar nicht glauben. Pinzon redete noch weiter, doch sie verstand ihn nicht, so sehr rasten ihre Gedanken und Emotionen durcheinander. Irgendwann drückte ihr der Butler mit einer leichten Verbeugung ein Glas in die Hand und di Pinzon prostete ihr zu, also trank sie das Glas in einem Zug aus und spürte, wie ihr der Alkohol in den Kopf stieg. Christobal war wie ausgewechselt. Er redete in einem fort, nahm ein Blatt nach dem anderen und schimpfte über ihre Art, die „schöne Mathematik“ aufzuschreiben, korrigierte Rechenfehler und erklärte ihr, wie man die Rätsel lösen konnte. Kira bemühte sich, so gut es ging, alle seine Hinweise zu behalten – bestimmt würde er sie beim nächsten Mal danach fragen – aber sie spürte, wie schwer es ihr fiel.

​Mitras err​​​​eichte das Anwesen kurz vor vier und war nun doch sehr besorgt. Christobals Ansprüche waren hoch und zu allem Überfluss auch noch speziell. Reine Kaufmannsmathematik würde ihn nur langweilen, egal wie gut Kira diese Aufgaben nun lösen konnte. Kira würde am Boden zerstört sein, wenn di Pinzon sie ablehnen sollte. Er hoffte inständig, dass er ihr nicht zu viel zugemutet hatte. Mit steigenden Sorgen dachte er daran, wie sie nach dem Misserfolg beim ersten Zauber reagiert hatte. Aber auf der anderen Seite hatte er einfach nicht die Zeit ihr selbst Mathematik Unterricht zu geben und er musste sich eingestehen, dass er in dem Bereich auch kein guter Lehrer wäre. Mathe war ihm immer leicht gefallen und ihm fehlte das Verständnis für die Probleme einer weniger guten Schülerin. Di Pinzon war ein strenger, aber auch verständnisvoller Lehrer. Er würde sicher auch niemandem zumuten, bei Mitras lernen zu müssen, oder?

Seine Sorgen schwebten wie eine zusätzliche Gewitterwolke über seinem Kopf, als wenn das Schneegestöber, dass seit zwei Stunden immer schlimmer wurde, nicht schon schlimm genug wäre. Mühsam stapfte er die Treppe hinauf und wunderte sich, dass noch keiner die Tür öffnete. Erst als Mitras schon davor stand und den eigentlich nur als Dekoration angebrachten Türklopfer ergreifen wollte, fing die Tür an sich zu öffnen. Hinter der Tür stand ein ihm unbekannter Page und fragte kleinlaut: „Herr Graf Magister di Venaris?“ „Ja, der bin ich.“ antwortete Mitras förmlich und geduldig. „Ah gut, treten Sie ein. Der Herzog erwartet sie bereits.“ Mitras folgte ihm ins Haus und wunderte sich, dass es nicht David war, der ihn empfangen hatte. Als er gerade an der Treppe angekommen war, eilte dieser mit einer Flasche in der Hand an ihm vorbei die Treppe hinauf. Noch im laufen rief er ihm zu: „Ah gut, Herr di Venaris, sie werden bereits erwartet. Ich kündige Sie an.“ Kurz hielt er inne, dann winkte er einem der Pagen zu, der an der Tür zum Studierzimmer stand, und befahl: „Ein Glas für den Grafen noch!“ Aus dem Studierzimmer drang Christbals Stimme in einem Mitras wohlbekannten Ton: Er dozierte. Über Mathematik. Und er war ganz offenbar guter Laune. Mitras war erfreut, aber auch alamiert. Kira hatte es offenbar irgendwie geschafft ihn zu beeindrucken, was schon einmal ein gutes Zeichen war. Andererseits, sie war seine Discipula, dass sie es schaffte, den Herzog zu beeindrucken, war ja gar nicht so überraschend. Mitras spürte, wie stolz er auf sie war. Aber er musste sich nun auch beeilen und dazwischen gehen. Christobal würde sonst erst aufhören, wenn sie völlig überfordert zusammenbrach. Er trat in den Raum, als David ihn angekündigt hatte. Kira saß auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch, den Kopf hochrot und ein halbvolles Glas Cidre in der Hand. Sie starrte auf das Blatt vor sich und wirkte wie eine Mischung aus völlig fertig und sehr glücklich. Als Mitras eintrat, blickte sie auf und ein Strahlen ging über ihr Gesicht. „Mitras, ich kann ein bisschen Mathe!“ Sie sprang auf und lief auf ihn zu, die Arme ausgebreitet. Ohne lang nachzudenken, öffnete er die Arme und sie hüpfte, nein sprang ihm beinahe hinein, drückte sich an ihn und quietschte: „Ich kann ein bisschen Mathe und ich kann einen Kreis berechnen und ich kann bleiben, bin ich gut?“ Mitras war sichtlich verwirrt, aber auch erfreut. „Ja, bist du.“ An Christobal gewandt ergäntzte er:“ Wie ich sehe konnte sie dich überraschen. So ausgelassen habe ich dich seit deinem letzten Lieblingsschüler Baltasar nicht mehr erlebt.“ Christobal lachte. „Sie hat keine Ahnung, aber sie hat eine Intervallschachtelung gefunden. Und die Idee von Ober- und Untersummen ausgenutzt. Keine Ahnung, aber du hattest Recht, sie ist vernünftig und fleißig. Da kann was draus werden. Und sie sieht dabei besser aus als Baltasar.“ Erst jetzt realisierte er Christobals vielsagenden Blick und realisierte, dass er Kira immer noch im Arm hielt und zu allem Überfluss hatte er ihr die ganze Zeit über die Schulter gestreichelt. Sie wirkte wie die pure Glückseligkeit und schmiegte sich in seinen Arm. Vermutlich hatte sie ihm das mit dem Eichhörnchen verziehen oder es über die Prüfung vergessen. „Komm Mitras, nimm dir ein Glas und lass uns noch einmal gemeinsam darauf anstoßen!“ forderte ihn der Herzog auf.

Drei Gläser später verabschiedete Mitras sich letztendlich von seinem alten Mentor und führte Kira zu Julius Kutsche, den er draußen hatte warten lassen. Kira war eindeutig angetrunken. Sie hatte sich zwar gut halten können, als sie drinnen tranken, doch draußen auf der Treppe war sie beinahe ausgerutscht, was Mitras dazu veranlasst hatte, sie doch wieder in den Arm zu nehmen und zu stützen. Beim Einsteigen in die Kutsche kicherte sie und als er ebenfalls saß, schob sie sich an ihn heran und unter seinen Arm, um sich an ihn zu lehnen. Erleichtert über den guten Ausgang dieses Wagnis legte er den Arm ganz um sie und zog sie zu sich. Ihr warmer Körper neben ihm fühlte sich gut an. Beinahe zu gut, realisierte er, als Julius vor ihrem Haus hielt und Mitras Kira nur unwillig von sich schob. „Komm, wir sind da.“ Sie antwortete nicht. Sanft hob er ihren Kopf hoch, doch sie sackte gegen ihn. Sie war eingeschlafen! Schmunzelnd umfasste Mitras sie und hob sie mit etwas magischer Unterstützung hoch. Das war wohl doch etwas zu viel für sein kleines Eichhörnchen!

Eichhörnchen – 29. Lunar 242 (Mirastag)

Nachdem sie von Herzog di Pinzon wieder zuhause waren, eröffnete Mitras ihr, dass sie von ihm Mathematikunterricht bekommen würde. Schon übermorgen stehe eine Probestunde an. Mitras sagte zwar, er habe großes Zutrauen in sie, aber Kira saß abends im Bett, streichelte den neuen Mantel und grübelte verzweifelt darüber, wie sie sich am besten darauf vorbereiten konnte, von einem Proffessor in Mathematik unterrichtet zu werden. Sie durfte auf keinen Fall Mitras enttäuschen. Natürlich war sie in den letzten Wochen durch das ständige Training mit Abby besser geworden, aber würde sie einen Proffessor davon überzeugen können, dass er mehr als diese eine Probestunde opferte? Mitras hatte gesagt, dass Christobal sie prüfen würde… Herrjeh. Eine Prüfung in Mathe. Und das schon in zwei Tagen. Letztendlich kuschelte sie sich ganz in den Mantel und zwang sich zur Ruhe. Sie würde schlafen, essen und dann den Silenz nutzen, um sich in die weiteren Themen des Mathematik-Lehrbuchs zumindest ein wenig einzulesen. Aber sie würde nicht denselben Fehler nochmal machen, sich vor Stress bis zur Erschöpfung zu verausgaben. Mitras glaubte an sie…. ein kleines bisschen flatterte es in ihrer Magengegend bei diesem Gedanken und sie gab sich diesem Gefühl hin, die eine Hand fest in ihrem wundervollen Mantel ihres wundervollen Mentors verkrallt, die andere um den Achat um ihren Hals gelegt. Ihr wundervoller, reicher, großzügiger, schlauer Mentor glaubte an sie. Es dauerte nicht lange, bis sie in einen traumlosen Schlaf hinüberglitt.

Am Morgen des Miras wurde Kira von Mitras selbst geweckt. Er hatte am Abend mit ihr gemeinsam geladen und sie hatte ihn zu den gelesenen Themen ausgefragt, bis er verblüfft gefragt hatte, woher sie all diese Begriffe kannte und sie freundlich gerügt hatte, als sie erzählt hatte, dass sie den Tag mit lernen verbracht hatte. Kira fand, dass sogar sein Rügen ausgesprochen angenehm war, und musste sich sehr bemühen, ihre Emotionen so verschlossen zu halten, dass sie beim Kanalisieren ihm nicht auffielen. Er hatte sie anschließend ins Bett gebracht und einen Moment an ihrem Bett gesessen, um sicher zu gehen, dass sie nicht wieder aufstand. Kira fand das ein bisschen albern – sie war ja keine fünf mehr – aber auch sehr schön. Am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt, aber das hatte sie sich nicht getraut. Auf jeden Fall hatte es sehr geholfen, nicht mehr über Mathematik nachzudenken. Umsehr dachte sie jetzt darüber nach, während sie sich anzog und zum Frühstück nach unten ging.

Mitras stellte fest, dass Kira nicht mehr so früh wach wurde wie früher. Im besten Fall hatte sie sich einfach nur an das Leben in der Stadt gewöhnt oder aber das Laden setzte ihr nun auch zu. Er würde das im Auge behalten müssen. Da heute ihr großer Tag war, wollte er sie lieber persönlich wecken. Er klopfte an ihre Tür, erhielt aber keine Antwort. Ohne direkt zum Bett zu sehen, öffnete er die Tür langsam und steckte den Kopf hindurch. „Guten Morgen Kira, es ist Zeit aufzustehen. Hast du das Laden gut überstanden?“ Vom Bett kam zunächst ein Rascheln und Wühlen, dann eine verschlafene und verunsicherte Antwort: „Guten Morgen… Wie spät ist es? Habe ich schlimm verschlafen?“ Mitras lachte. „Nein, alles gut. Es ist gerade acht Uhr und Zeit für das Frühstück. Ich wollte nur nach dir sehen und dir sagen, dass du dir erstmal was bequemes anziehen sollst. Ich möchte nach dem Frühstück noch eine Meditationsübung mit dir machen.“ Mehr Verunsicherung lag in ihrer Stimme, als sie antwortete: „Ich zieh mich an, ja, ich komme gleich.“ Mitras warf einen flüchtigen Blick auf Kira. Sie wirkte noch sehr verschlafen und ihre Haare verteilten sich in wilden, roten Locken rund um ihren Kopf. Es war ein unglaublich niedliches Bild, das sie abgab. Vorsichtig schloß er die Tür wieder, ging wieder nach unten und nahm sich eine Tasse Tee, die William in der Zwischenzeit fertig gemacht hatte. Die anderen waren mit dem Frühstück schon fertig und bis auf William schon gegangen, bis Kira kam. Sie trug ihre Robe und hatte ihre Haare gebändigt und zu einem Zopf verflochten, wie Mitras bedauernd feststellte. Er mochte es, wenn sie die Haare offen trug, mit zerzauster Mähne sah sie geradezu umwerfend niedlich aus. Aber mit dem anstehenden Besuch bei Christobal war ihre Frisur so besser. Sie setzte sich und blickte scheu auf:  „Entschuldigt die Verspätung, ich habe wohl zu fest geschlafen.“ „Auch wenn die anderen durch ihre Geschäftigkeit und Abwesenheit gerade etwas anderes sugerieren, es ist vollkommen in Ordnung um acht Uhr aufzustehen, insbesondere nachdem wir geladen haben. Bei den Geistern, ehe ich deine Hilfe hatte, habe ich nach dem Laden erst um neun geschlafen! Ich hatte mich eh schon gefragt, wann es anfangen würde an dir zu zehren. Vielleicht sollte ich dich nicht zu hart in Beschlag nehmen. Das wichtigste für dich ist die Ausbildung und nicht deinem Mentor seine Pflichten abzunehmen.“ „Nein, nein das geht schon. Ich habe nur nicht so gut geschlafen wegen.. naja wegen Mathe und der Prüfung.“ gestand sie rot werdend. Er konnte sich nicht erinnern, wann er eine Frau so anziehend fand. Mitras schüttelte sich. Was dachte er da? Sie war immerhin seine Schülerin und auch viel zu jung, als dass er solche Gedanken haben sollte. „Keine Sorge Kira, es ist weniger eine Prüfung als vielmehr ein Versuch herauszufinden, wie weit du bist und wo er ansetzen sollte. Wir werden gleich aber erstmal eine Stunde zusammen meditieren. Mir ist aufgefallen, dass du immer noch Probleme damit hast deine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Auch gestern Abend habe ich wieder gemerkt, wie es in dir tobt. Ich weiß, dass ich dir mit dem Laden eine ganze Menge abverlange und auch wenn du das sehr gut machst und es beeindruckend ist, welche Mengen an Magie du bereits kontrollieren kannst, durch deine Emotionen besteht dabei auch immer ein Risiko für dich. Ich habe deswegen beschlossen, dass wir nun erst einmal jeden Morgen zusammen eine Stunde meditieren.“ „Ja.“ antwortete Kira verlegen. „Kopf hoch, kleines Eichhörnchen, du bist viel weiter als alle Discipuli vor dir. Auch was das Lernen angeht, die eine Stunde wird dich nicht zurückwerfen und dir langfristig helfen noch besser im Zaubern zu werden.“ Verdammt, hatte er das gerade laut gesagt? William war gerade in der Küche. Mitras blickte kurz auf, Kira war feuerrot, er konnte aber nicht abschätzen, ob sie es überhaupt gehört hatte. Sie blickte ruckartig nach unten, als ihre Blicke sich trafen, nahm das Brot und biss hinein, scheinbar ganz auf das Essen konzentriert.

Mitras hatte es in wenigen Sätzen geschafft, sie ihre Sorgen über die Mathematik-Prüfung vergessen zu lassen. Er hatte ihre Gefühle bemerkt. Wie unsäglich peinlich! Und während sie noch darüber grübelte, wie sie ihm weiter würde helfen können – sie WOLLTE ihm helfen, immerhin war er derjenige, für den sie so ziemlich fast alles tun würde – sagte er: „Kopf hoch, kleines Eichhörnchen.“ Eichhörnchen? Sie fühlte, wie ihr die Farbe ins Gesicht schoß. Er hatte einen Kosenamen für sie benutzt? Oder war das Hohn? Sie blickte ihn an. Er guckte ein bisschen erschrocken. Nicht höhnisch. Kira senkte rasch den Blick und versuchte, sich aufs Atmen und Essen zu konzentrieren. Hatte Sebastian Recht? War es vielleicht gar nicht so abwegig, dass er sie mochte? Eichhörnchen klang ganz niedlich. Bestimmt wegen ihrer Haare. Ohje, was sollte sie jetzt sagen? Am besten nichts, dann sagst du auch nichts falsches. War das ein Kosename für ein Kind oder für eine Frau? Was dachte er über sie? Sie musste sich doch heute auf Mathe konzentrieren… Atmen. Ganz ruhig atmen. Meditieren war vermutlich eine ganz gute Idee, aber mit Mitras? Atmen. Geht wieder. Sie sollte sich nicht so viele Gedanken machen. Atmen. Eichhörnchen. Der Gedanke prickelte durch sie hindurch. Eichhörnchen gefiel ihr. Sie holte tief Luft und schaute wieder hoch.

Mitras scholt sich innerlich selbst. Er wollte sie beruhigen nicht durcheinander bringen oder gar verärgern. Er wusste doch wie verletztlich sie auf ihre Haarfarbe und vermeintliche Skirherkunft reagierte. Und jetzt nannte er sie Eichhörnchen. Was war nur los mit ihm? Erst war er gestern einfach an ihrem Bett geblieben und hatte sich beherrschen müssen, sie nicht in den Arm zu nehmen, dann heute morgen ihre Haarmähne und jetzt das. Eigentlich ging es ihm nun seit dem Regenerationszauber deutlich besser und er war eigentlich auch deutlich fokussierter, aber irgendwie geriet dies in Kiras Nähe immer wieder ins Wanken. Mitras aß schweigend auf, eine tiefe Meditation würde ihm nun auch gut tun. 

Als wäre nichts gewesen, stand er auf und wandte sich an Kira: „Gut, lass uns gleich nach oben gehen. Jetzt eine Stunde meditieren und zur Ruhe kommen und dann klappt es nachher auch mit der Mathematik.“  Er ging voran zum Labor hoch und sie folgte ihm, immer noch ein bisschen rot. Mitras hoffte, dass sie nicht wütend auf ihn war. Er holte die Kissen von ihrem Lagerplatz und drapierte sie am Kreis. Dieser war für die Übung zwar nicht nötig, aber es fühlte sich einfach richtig an, sie am Kreis anzuordnen. „Gut, setz dich. Ich werde dich nun leiten.“

Während Kira Mitras Stimme lauschte, schloß sie die Augen. Sie kannte die Anweisungen – ruhig atmen, schwer werden, locker werden – aber es war etwas anderes, seine warme, weiche und männliche Stimme zu hören, als es sich selbst vorzusprechen. Sie hatte das Gefühl, seine Wörter seien wie eine Schnur, der sie folgen konnte, und es fiel ihr wirklich leichter, loszulassen und ihre Gefühle langsam wegzuatmen. Beinahe war es wie beim Laden, als würde sie schweben, und sie hatte auch ein wenig den Eindruck, das Rauschen von Tannen zu hören. Mitras Stimme verklang, einen langen Moment lang saßen sie einfach still voreinander, und Kira hatte das Bedürfnis, seine Stimme wieder zu finden, nicht allein zu sein. Sie öffnete die Augen und sah ihn an, wie er da saß, seinen Kopf gesenkt, den Rücken gerade, ein schöner Mann, falls es das gab… im Augenwinkel hatte sie das Gefühl, goldene Schlieren würden durch den Raum wabern, und das Geräusch des Windes in den Tannen verstärkte sich. Dann blinzelte sie, und alles war wie vorher, ruhig und entspannt. Sie atmete tief ein und aus. Keine Gefühle würden sie bei der Prüfung heute stören. Sie würde das schon hinbekommen. Und vielleicht, vielleicht mochte Mitras sein kleines Eichhörnchen sogar genug, dass sie selbst dann dableiben durfte, wenn Herzog di Pinzon sie nicht unterrichten wollte…