Waldrauschen – 10. Firn 242 (Silenz)

Der Weg zog sich in kleinen Windungen erst durch die Hügel, dann steiler einen Hang hinauf. Kira nahm sich vor, eine gute ältere Schwester zu sein und erklärte Valencia, was für Bäume und Sträucher draußen standen, sofern sie selbst ihre Namen kannte. Die Landschaft war schön, auch wenn der Bewuchs sich merkbar von den flachen Gegenden in Burnias unterschied. Da auch der Schnee manches Bestimmen erschwerte, fragte sie auch Mitras öfters, doch dieser gab freimütig zu, von Pflanzen nicht so viel zu wissen, also versprach sie Valencia, sich das Aussehen dieser Bäume zu merken und in der Bibliothek später nachzuschlagen. Die Fahrt verging nun recht kurzweilig und sie fühlte sich nicht mehr so ausgeschlossen.

Der Hang endete in einer Anhöhe, auf der einige kleine Häuser standen. Sie schmiegten sich an die steile Felswand hinter sich, als würden sie dort vor Stürmen Zuflucht suchen wollen. Eines der Gebäude war ein Gasthaus, was leicht daran zu erkennen war, dass dort schon mehrere Kutschen standen. Als sie auf dem Platz ankamen und austiegen, entdeckte Kira auch, warum dies ganz offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel war: Die Aussicht war wirklich gut. Die Hügel zu ihren Füßen breiteten sich zu einer weiten Ebene aus, an deren östlichen Rand die Häuser von Uldum zu sehen waren, und ganz in der Ferne sah sie auch zwischen den Häusern den Avens bräunlich-grünlich heraus fließen und sich durch die verschneite Landschaft winden. Mitras trat hinter sie. „Warte nur, bis wir oben auf der richtigen Plattform sind, da sieht es noch besser aus!“ Der Kutscher einer nahebei stehenden Kutsche, der ihn wohl auch gehört hatte, mischte sich ein: „Gnädiger Herr, die Plattform oben ist nicht geräumt, deswegen kann man sie heute leider nicht besuchen.“

„Keine Sorge, das hält mich nicht auf, das Räumen übernehme ich selbst.“ Um seine Aussage zu unterstreichen, schob er mit einem Zauber ein bisschen Schnee am Straßenrand zusammen und formte in Windeseile einen kleinen Schneemann daraus. „Angeber.“, stichelte seine Schwester von der Seite, während die Kinder vergnügt quietschten. „Wie ihr meint, Herr.“, antwortete der Kutscher leicht ehrfürchtigt, aber auch weiterhin skeptisch. „Gut, wollen wir erst hochgehen, oder erst etwas essen?“ „Essen!“, sagte Julius. „Hochgehen!“, rief Valencia. „Nein, erst essen.“, entschied Frederieke. „Gut, wenn alles geklappt hat, ist ein Tisch für uns dort oben reserviert.“ Mitras zeigte auf das Fenster oben im ersten Stock des Gasthauses. Er ging vor und öffnete die Tür, hielt sie auf und wartete bis alle eingetreten waren. Eine Schankmaid nahm sie in Empfang. „Werter Herr, die Damen. Wir bieten Ihnen um diese Zeit warme Getränke und eine Auswahl an Erfrischungen an. Aber die Küche wird erst in den späten Nachmittagsstunden, wenn die Wanderer wiederkommen, eröffnet.“ „Kein Problem, wir haben etwas dabei. Ich hatte für unsere Rast aber auch reservieren lassen.“ „Der Herr di Venaris nehme ich an?“ „Jawohl.“ „Wir haben Sie bereits erwartet, folgen Sie mir bitte.“ Sie ging voran zur rechten Seite des großen Raumes, wo eine Wendeltreppe zu einer Galerie führte. Diese überspannte das vordere Drittel des Schankraumes und bot einer weiteren Garnitur aus Bänken und langen Tischen am Geländer, sowie einem Separe an der Frontwand Platz. In dieses leitete sie die Maid. Ein großes Fenster bot einen wunderbaren Ausblick und zwei Öfen links und rechts der Tür spendeten trotz der Scheibe genug Wärme.

Mitras, ganz der Gentleman bot seinen beiden Damen nacheinander Plätze an den Kopfenden des quer zum Fenster stehenden Tisches an und setzte sich mit den Kindern an die lange Seite, die dem Fenster zugewandt war. Valencia setzte sich dabei zu Kira, während sich Julius an seine Mutter hielt. „Für die Kinder je eine heiße Schokolade bitte.“ An Frederieke und Kira gewandt fragte er: „Und was hättet ihr gerne?“ „Ich nehme auch Schokolade.“, sagte Kira. „Tee, bitte, mit Milch und Zucker.“, sagte seine Schwester. „Gut, für mich auch eine Schokolade, aber mit einem kleinen Schuss Rum, vom Besten bitte.“ „Sehr wohl.“, antwortete die Kellnerin und verschwand. Mitras hiefte den ersten schweren Korb auf den Tisch. „Was hat William uns denn alles mitgegeben?“ Tatsächlich hatte sich William wohl schon einige Tage auf diese Picknickkörbe vorbereitet – er hatte kleine Pastetchen gebacken, die die Form verschiedener Tiere hatten, und winzige Kuchen mit verschiedenen Glasuren, dazu Fleischbällchen, zwei Salate und eine Schüssel vor geschnittenen Obst. Aus dem zweiten Korb tauchten belegte Brote und niedlich dekorierte Kekse, wieder in den Tierformen, auf. Sie aßen und Frederieke erzählte ihnen von den ersten Fortschritten, die Valencia in Mathematik machte, was diese auch durch das eifrige Abzählen der verbleibenden Kekstiere unterstrich. Julius kletterte irgendwann auf den Schoß seiner Mutter, und als alle fertig waren, war er bereits eingeschlafen. Auch Valencia rutschte gegen ihn und gähnte. „Na, so wird das nichts.“ sagte Frederieke resignierend. „Sonst geht ihr beide allein nach oben. Wenn die beiden mit ihrem Mittagsschlaf fertig sind, kommen wir noch nach.“ Mitras blickte fragend zu Kira herüber. „Bereit für den Aufstieg?“ Sie nickte. „Gut, dann brechen wir beide schon einmal auf. Ich räume dabei auch den Weg frei und sorge dafür, dass ihr sicher hinterher gehen könnt.“ Mitras und Kira halfen dabei die Reste wieder einzupacken und er nahm die beiden Körbe schon einmal mit zur Kutsche. Er zeigte nach oben die Klippe hinauf, weit oberhalb des Gasthauses. „Siehst du das Geländer dort oben, das ist unser Ziel.“ Auf der Uldum abgewandten Seite der kleinen Siedlung begann ein steiler Aufstieg, der sich einmal um den Berg herum wand. Mitras ging voran und wischte den Schnee zur Seite, solange unter ihnen nichts als die Natur war. Im oberen Drittel hingegen wischte er den Schnee zur Felswand und formte dort Klötze aus ihm. „Unter uns liegt bereits das Palastgelände und wenn ich den Schnee hier weiter so zur Seite schiebe, erschlägt er da unten noch jemanden.“ Kira beugte sich ehrfürchtig ein wenig über das Geländer und linste nach unten. Dann schaute sie zu den Klötzen. „Wie macht man das? Auch den Schneemann vorhin, ich habe versucht, es nachzumachen, aber bei mir fällt der Schnee gleich wieder auseinander…“ „Ich presse den Schnee magisch zusammen, verändere dann aber auch seine Struktur. Das ist dann kein Telekinese Zauber mehr, sondern einer aus der Schule der Veränderung. Wenn du dich sicher genug fühlst, können wir nächste Woche einen neuen Versuch starten, aber jetzt zerbrich dir darüber nicht den Kopf, wir sind gleich oben und die Aussicht ist gerade viel wichtiger als alle Sorgen, glaub mir.“ sagte er und zwinkerte ihr zu. Sie zog eine Schnute. „Zeig ihn mir wenigstens!“ „Nun gut, dann pass auf.“ Mitras nannte ihr den aus drei Worten bestehenden Spruch und demonstrierte ihr die Gesten. „Er ist ganz einfach, sobald wir deine Blockade überwunden haben, kannst du ihn auch sofort. Aber mit einem Trauma ist nicht zu spaßen, setz dich also nicht unter Druck.“ Sie nickte artig und er begann, weiter die Stufen hinauf zu steigen. Als er die Kante der Plattform erreichte, machte er einige Schritte, bei denen er den Schnee zu einem großen Haufen zusammenschob. Ehe er allerdings genug Magie sammeln konnte, um die Plattform mit einem Schwung reinigen zu können, traf ihn plötzlich von hinten ein Schneeball am Kragen. Kira stand hinter ihm und nickte, verschmitzt grinsend und herausfordernd, während bereits sechs Schneebälle um sie herumflogen. Mitras riss die Hände hoch, wirbelte eine Wolke auf und verpulverte sie, ehe er sich nach links fallen ließ und zwei der Bälle bereits an ihm vorbei flogen. Kira schrie fröhlich „Zum Angriff!“ und stürmte die letzten Stufen hinauf, den nächsten Ball ohne Magie werfend. „Na warte!“ Mitras formte gleichzeitig ein Duzend weicher Schneebälle und ließ sie nach oben, außer Sicht aufsteigen, dann wirbelte er seine Wolke zur Seite, um Kira mit drei weiteren Bällen zu attackieren. Sie wich diesen geschickt aus und hob Schnee für einen weiteren Ball auf, als sie der erste Ball von hinten traf. Aufkreischend rollte sie sich zur Seite weg, so dass die nächsten Bälle nur seinen vorher aufgetürmten Wall trafen. „Das ist mies! Von hinten!“ „Und von Oben!“ rief er zurück und ließ vier weitere Bälle auf sie herab sausen, während er gleichzeitig Magie sammelte um weitere Bälle zu formen. Einen Moment lang achtete er nicht auf sie. Im nächsten Moment traf ihn ein Ball so ins Gesicht, dass er die Konzentration verlor und statt seiner geplanten Schneekugeln nur eine weitere Wolke Schnee auffwirbelte. Auch über die verbliebenen Bälle in der Luft verlor er die Kontrolle. Wenigstens trafen zwei der herunterfallenden Kugeln Kira und lenkten sie lange genug ab, so dass er sich wieder sammeln konnte. Sie rappelte sich wieder auf und hechtete gleichzeitig in seine Richtung. Er spürte wie sie wieder Magie sammelte, setze aber schon selbst zu mehreren Zaubern an. Er ließ aus allen Richtungen lose Schneekugeln auf Kira zu fliegen, während er heimlich wieder ein kleines Arsenal sammelte. Sie ließ sich davon aber nicht aufhalten, riss die Arme hoch und schrie: „Attacke!“, während sie vor ihm eine Wand von Schnee magisch anhob. Im nächsten Moment traf ihn die Fuhre an der Brust, gefolgt von einem magisch verstärkten Windstoß, mit dem sie den Schnee hochgehoben hatte. Er taumelte, verlor aber nicht wieder die Kontrolle. Er ließ sich fallen, um ihr vorzumachen, dass sie ihn wieder überrascht hatte und wurde dann tatsächlich davon überrascht, dass sie sich mit voller Wucht auf hin fallen ließ. „Ok, du willst unfair spielen, das kann ich auch!“ rief er, hob sie magisch an, stellte sie vorsichtig ab und ließ dann gezielt seine immer noch kreisenden Bälle auf sie hernieder fahren. Sie kreischte, als der erste Ball sie im Kragen traf, und riss die Hände hoch. „Wah, kalt!“ Sie zog Magie in einem Tempo heran, dass er beinahe das Gefühl hatte, er würde einen Luftzug spüren, und wehrte die letzten fünf Bälle ab, indem sie einen Art Schild über sich erzeugte, an dem die Bälle abprallten. Er war beeindruckt, einen derartigen Zauber hatte er noch nicht bei ihr gesehen. Sie schüttelte sich den Schnee aus dem Kragen und schnaubte: „Du warst zuerst unfair!“ Er lachte: „So, so, wo war ich denn unfair?“ „Bälle von hinten! Und vor allem hast du deine Bälle nicht mit der Hand gemacht!“ Der Schnee hing in ihren Haaren, in ihrem Kragen, eigentlich war sie komplett in Schnee eingehüllt. Sogar an den Augenbrauen hingen Schneebröckchen. Sie sah unglaublich niedlich aus, und er hatte das Gefühl, kichern zu müssen. Er war schon lange nicht mehr so entspannt gewesen. „In einem magischen Schneeballduell muss man nunmal mit allem rechnen. Warte, halt kurz still. Ich kümmere mich um den Schnee.“ Ein weiterer Zauber befreite sie von Schnee und Nässe und hüllte sie kurz in eine Dampfwolke ein. „So, das sollte besser sein.“, sagte er und wiederholte die Prozedur bei sich selbst. „Bleib noch einen Moment stehen, ich kümmere mich um die Plattform.“ Sie schnaubte noch einmal, drehte sich um und stapfte trotz seiner Ansage zum Geländer. Er sammelte den Schnee mit Ausnahme einer kleinen Fläche um sie herum und schob alles in der von der Treppe abgewandten Ecke zusammen. Einem Impuls folgend begann er den Schnee zu formen.

Kira trat an die Kante des Geländers. Sie wusste nicht, ob sie wütend oder glücklich sein wollte. Mit Mitras eine Schneeballschlacht zu machen war fast so lustig wie mit Adrian, aber es war defintiv herausfordernder. Sie wünschte, sie könnte die Bälle so schnell formen, wie er es tat… sie müsste nur Verwandlungsmagie wirken. Ob sie es probieren sollte? Dann allerdings blickte sie herunter und vergaß die Überlegungen erstmal. Von links kam der Avens und glitzerte in der Sonne und unter ihr lag ein riesiger Bau samt Parkanlage. Der Schnee glitzerte auf den Dächern. Von hier oben wurde ihr das Ausmaß des Palastes erst richtig bewusst. Dahinter lagen die Dächer der Stadt, ebenso vom Schnee glitzernd. Feine Rauchfäden stiegen aus den vielen Schornsteinen empor. Ein wenig wirkte es, als breite sich die riesige Stadt bis zum Horizont aus. Erst als sie genauer hinsah, konnte sie die Grenzen der Stadt erkennen, die Klippen auf der anderen Seite, und ein wenig auch den Corvio. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Sie hatte nicht gehört, wie Mitras an sie herangetreten war und nickte ein wenig erschrocken. „Fast noch besser als die Nachtansicht.“ Da hatte er allerdings ihre Hand gehalten, und deswegen fand sie den Besuch dort immer noch besser. Sie schaute zu ihm hoch. Er sah ebenso wie sie über das Land. Vorsichtig stellte sie sich etwas näher an ihn heran und blickte wieder auf die Stadt. Das war ihre neue Heimat. Sie seufzte und fröstelte ein wenig, als ein kalter Windhauch die Klippe hoch strich. Ein bisschen vermisste sie Bispar… also eigentlich die Wälder und die Moore. Aber der Anblick hier war definitiv auch schön. „Du siehst aus, als wenn du frieren würdest. Komme her.“ sagte Mitras, öffnete seinen Mantel und hielt ihn für sie auf. Sie fror eigentlich gar nicht so, aber ihr Herz machte einen Sprung und sie schlüpfte flink unter seinen Arm und in den Mantel. Genüßlich legte sie den Kopf an seine Brust und atmete seinen Geruch ein, während sie durch die halb geschlossenen Augenlider das helle Licht des Schnees flimmern ließ. Jetzt war das eine bessere Plattform als die in der Stadt! Er legte den Arm um sie, reagierte aber nicht weiter. Einen scheinbar endlosen Moment lang standen sie so aneinander geschmiegt da. Kiras Hand lag um seine Hüfte und sie widerstand der Versuchung, sie ein wenig zu bewegen, zu fühlen, wie er sich anfühlte. Seine Nähe wirkte beinahe berauschend. „Heute ist ein schöner Tag, der beste seit langem. Und das verdanke ich auch dir. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Thadeus mir eine so wunderbare Schülerin, Assistentin und Freundin schickt.“ kicherte Mitras. Sie nickte. „Wer hätte gedacht, dass mein neues Leben so wunderbar ist… und ich einen so tollen Mentor habe… den besten.“ Und den schönsten. Und überhaupt einen perfekten Mann. Aber das traute sie sich nicht zu sagen. Stattdessen zog sich sich noch etwas näher an ihn heran. Am besten wäre es, wenn sie ihn nicht mehr loslassen musste. „Kleine Schmeichlerin. Ich wundere mich, wo Frederieke bleibt, ob sie wohl noch kommt?“ Sie konnte ruhig unten bleiben, dachte Kira.

Mitras war hin und hergerissen. Er genoß Kiras Nähe, wie sie sich so an ihn schmiegte, und er merkte sehr wohl, dass sie diese Gefühle erwiderte. Aber er war auch ihr Lehrer, dass er sie durch die Spiegel beobachtet hatte war schon schlimm, nun aber gingen seine Gedanken deutlich weiter. Aber wollte Kira wirklich das Gleiche wie er? War das nicht eher die Umarmung einer Tochter für ihren Vater oder Onkel? Für sie war er ja auch ihr großartiger Mentor, wie sie nicht müde wurde zu sagen. Verdammt, es war doch einfach zu lange her, dass er das letzte Mal mit einer Frau zusammen war. Seit Claudia gegangen war hatte er sich so in die Arbeit vergraben, dass dafür keine Zeit mehr geblieben war. Er hatte aber bisher auch einfach kein Interesse mehr gehabt und jetzt fühlte er sich wieder wie ein wolllüstiger Jüngling. Verdammt, wo blieb eigentlich seine Schwester? Als Kira erneut fröstelte, legte er seinen Arm etwas enger um sie und ließ subtil ein wenig Wärme in sie strömen. Ihr war definitiv auch kalt, sollten sie vielleicht doch schon wieder runtergehen? Aber nein, Frederieke liebte diesen Platz, wenn sie jetzt gehen würden, wäre sie ihm wahrscheinlich eine ganze Weile böse. Mitras atmete einmal tief durch und versenkte sich kurz in eine tiefe Meditation, so gut es jedenfalls ging. Er entspannte sich etwas und konnte sich nun darauf einlassen Kira so an sich geschmiegt zu spüren. Seine beste Freundin suchte einfach nur Wärme und genoß die Aussicht. Sie standen noch eine Weile so beieinander, als Mitras die Kinder auf der Treppe hörte. Kira schien sie auch bemerkt zu haben, denn sie schlüpfte aus seinem Mantel hinaus, stellte sich wieder neben ihn und begrüßte die drei, als sie um die letzte Biegung kamen.

Eine Weile beobachtete Kira einfach nur, wie Frederieke Julius daran hinterte, zu nah an die Klippe zu kommen und gleichzeitig selbst nah genug heran trat, um die Aussicht genießen zu können. Valencia ließ sich von Mitras erklären, welche Teile der Stadt man sehen konnte. Kira bemühte sich, ihren Herzschlag und Atmen wieder zu beruhigen. Sie dankte den vielen Meditationsstunden, die ihr geholfen hatten, ihre Gefühle nicht überdeutlich zu zeigen. In ihrem Bauch flogen immer noch tausende Schmetterlinge. Hier oben zu stehen, seine Wärme zu spüren – auch seine magische Wärme, sie hatte den Zauber wohl bemerkt – war ein neuer Höhepunkt in ihrem Leben. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so wohl, so geborgen und behütet gefühlt zu haben wie in diesem Moment. Auch wenn sie seine Familie mochte, als sie die Stimmen auf der Treppe gehört hatte, hätte sie sie am liebsten in die tiefsten Skirwälder gewünscht. Doch sie hatte sich selbst so über diesen Gedanken erschrocken, dass sie ihn sehr schnell wieder verworfen hatte. Niemals würde sie seiner Familie wieder etwas böses wünschen – schließlich war es diese Familie, die ihr diese neue Heimat schuf, sie willkommen geheißen hatte und ihr mehr Unterstützung zukommen ließ, als sie es bei ihrer eigentlichen Familie je erlebt hatte. Verglichen mit seiner Mutter und Schwester, die sie ja eigentlich kaum kannten, mit di Pinzon und ganz besonders Abby, Tobey, William und Mitras selber, waren selbst Bruder Harras und Adrian nicht so warm und unterstützend gewesen, realisierte sie. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch wichen einem warmen Gefühl von Zuneigung für alle diese neuen und lieben Menschen, und eine kleine Träne des Glücks ran über ihre Wange. Nachdenklich betrachtete sie die Skulptur, die Mitras aus dem Schnee der Plattform geformt hatte. Es sah aus wie ein Mensch, wie eine Frau, irgendwie vertraut. Neugierig trat sie näher. Es dauerte einen langen Moment, dann realisierte sie, wieso die Kinder ihren Namen und nicht den von Mitras gebrüllt hatten, als sie auf die Plattform gekommen war. Mitras hatte sie dargestellt, wie sie zum Sprung bereit auf dem Boden hockte, einen Schneeball in der Hand. Ihre Haare aus Eis ringelten sich und schienen mit dem Mantel fast zu wehen. Ehrfürchtig hob sie die Hand und berührte die Figur. Es war längst kein Schnee mehr an der Oberfläche, sondern wirklich hartes Eis. Kira sah sich selbst in das Eisgesicht. Das sah wie eine glückliche junge Frau aus, und obwohl es erkennbare Fehler gab, war die Ähnlichkeit doch frapprierend. Sah Mitras sie so? Als junge, lebendige Frau mit einem fröhlichen Lachen? War sie so? Bisher hatte sie sich selbst eher als des wilde Waldkind gesehen, die unbeliebte, komische Hexe, das Trollbiest, das Bücher und Pflanzen mehr mochte als Menschen… Die Tränen floßen nun noch mehr. Sie ließ sich gegenüber der Figur auf die Stufen sinken. „Alles in Ordnung? Gefällt sie dir nicht?“ Mitras stand plötzlich neben ihr. Kira schluckte und beeilte sich, den Kopf zu schütteln. „Nein, nein, sie ist wunderschön. Ach, Mitras…“ Hilflos blickte sie ihn von unten herauf an. Wie sollte sie ihm erklären, was für ein Segen er für sie bedeutete? Dass er ihr ein neues Leben gab, eine neue Sicht – und auch die Chance, sich selbst völlig neu zu entdecken, ihre Ängste abzulegen? Er reichte ihr eine Hand, zögerlich ergriff sie diese. Er zog sie hoch und nahm sie in die Arme. „Na, was ist es denn?“ fragte er behutsam. Sie umarmte ihn heftig und drückte sich an ihn. „Danke!“, flüsterte sie in sein Ohr. „Ich bin einfach so glücklich. Du machst mich so unglaublich glücklich, und stark… und ich sehe so schön aus, also, die Figur von mir…“ Sie schluchzte und drückte sich fest an ihn.

Und schon war sie wieder das verletzte Mädchen, dass er so unbeding beschützen wollte. Aber selbst darin sah er eine gewisse Stärke. Sie hatte sich bisher, so schien es, allein gegen die ganze Welt gestemmt. Mitras konnte sich gar nicht vorstellen, was das bedeutete, oder nachvollziehen wie wichtig es ihr war, dass sie nicht mehr allein war. Aber diese talentierte junge Frau verdiente es, jede nur mögliche Unterstützung zu erhalten. Mitras lachte kurz. „Nun, ich habe mich nur bemüht meine wilde Schülerin so abzubilden, wie ich sie eben gesehen habe, bevor ihr verzweifelter Widerstand an meiner Macht zerbrach. Wohl wissend, dass ich jeden Sieg bis zum letzten auskosten muss, solange ich noch kann. Irgendwann werden solche kleinen Duelle für mich ganz schön frustrierend enden.“ , versuchte er sie mit Humor wieder aufzubauen. Für einen Moment lang waren ihre Gesichter dicht beeineinander und er hatte fast das Gefühl, sie würde ihn gleich küssen. Dann hauchte sie erneut „Danke“ und ließ ihn los. „Was macht ihr hier?“, fragte Frederieke hinter ihm. Kiras Gesichtsfarbe rötete sich leicht. „Ich habe mich für die Skulptur bedankt.“, sagte sie. Und zu seiner Überraschung umarmte sie als nächstes auch seine Schwester und den kleinen Julius, den sie trug. „Danke euch auch! Danke, dass ich bei euch sein darf!“ Mitras lachte und trat von hinten an sie ran und legte ihr einen Arm auf die Schulter. „Nun streng genommen darfst du nicht, du musst. Aber ich denke es gibt schlimmeres.“ Seine Schwester sah erst Kira, dann ihn und dann nochmal die Statue an. „Angeber! Aber ernsthaft, Kira, wir haben dich gern bei uns. Du bist eine gute Frau. Mitras kann sich glücklich schätzen, endlich mal jemand gefunden zu haben, der ihn auch mit Schneebällen angreift, obwohl er Magie benutzt.“ Sie grinste beide an. „Das hat sie doch gemacht, oder? Du hast dir das nicht ausgedacht, so gut kannst du nicht formen.“ „Naja, ja. Sie hat mich kurz ein oder zweimal überrascht. Mehr aber auch nicht.“ gestand er. Seine Schwester musste Julius absetzen, so sehr lachte sie. Sie lachte ihn ganz erkennbar aus. Ihr Gelächter lockte sogar Valencia vom anderen Ende der Plattform zu ihnen. „Gut, der Tag wird nicht jünger. Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt wieder runtergehen, ich noch eine Runde Schokolade spendiere und wir wieder fahren. Ach und Frederieke…“ Er griff magisch nach ein bisschen Schnee von einem entfernten Ast eines Baumes, formte schnell einen Ball daraus und ließ ihn über das Geländer und direkt auf seine Schwester zu fliegen, nur um ihn kurz vor dem Aufschlag in eine pulvrige Wolke zu zerstäuben, die Frederieke einhüllte, was sie übelst schimpfen ließ. Lachend drehte er sich zur Treppe und wich wissend einem Ball aus, den er Kira eben schon zusammenklauben hatte sehen. „Nana, nochmal klappt das nicht.“, rief er lachend zurück und ging weiter. 

Frederieke griff Kiras Hand, als diese wieder in den Schnee griff. „Lass, nicht auf der Treppe. Sonst machen die Kinder das nur nach.“ Kira nickte und ließ die Hand sinken, obwohl es wirklich in ihr prickelte, die erneute Herausforderung anzunehmen. Wenn sie wie er den Schnee mittels Veränderungsmagie zu Bällen formen konnte… Dann würde er das vielleicht nicht sehen… Oh, wie sie ihn für dieses Spiel noch mehr liebte! Sie hatte vorhin wirklich kurz darüber nachgedacht, ob sie ihn für seine lieben Worte hätte küssen dürfen, aber sich dann doch nicht getraut. Irgendwann vielleicht auf die Wange, irgendwann würde sie ihn küssen, weil er so perfekt war. Sie ließ Frederieke mit den Kindern vorgehen und betrachtete einen kleinen Haufen Schnee, der auf einem Vorsprung neben ihr lag. Das Rauschen des Waldes erfüllte ihre Ohren, fast hatte sie das Gefühl, er würde sie ermutigen. Das waren nur drei Worte… und sie würde ihn nochmal überraschen können… sie atmete Magie ein. Für Mitras. Für mich. Der Geschmack von verbranntem Karamell in ihrem Mund. Für Mitras. Für seine Hände um mich, wie eben. Sie bewegte die Hände. Der Schnee bewegte sich, formte sich. Der Geschmack wich einem sanften Geschmack nach Sahnekaramell. Und dann lag da vor ihr ein Schneeball. Sie schlug sich die Hand auf den Mund, um ihr aufgeregtes Qietschen zu unterdrücken. Vorsichtig hob sie den Schneeball hoch. Naja, eigentlich war es eher eine sehr schiefe Schneekartoffel. „Kira?“, rief Mitras von weiter unten. „Jaja, ich komme!“ Ihre Stimme überschlug sich. Ehrfürchtig betrachtete sie nochmal den Schneeball. Ihre Schneekartoffel. Dann begann sie so rasch sie konnte, die Stufen hinab zu steigen, die Kartoffel vorsichtig vor sich her tragen. Ihr Herz raste und mehrfach rutschte sie beinahe aus, aber das tat dem unglaublichen Gefühl von Stolz und Freude in ihr gar keinen Abbruch. Sie hatte das Gefühl, vom Berg herunter zu schweben.

Mitras schaute besorgt zu, wie Kira die letzten Stufen mehr herunter sprang als ging. Er hatte wohl die Treppen vom Schnee befreit, aber glatt war es immer noch. Offenbar ging es ihr wirklich gut. Ihr Gesicht war hochrot und ihre Augen strahlten und funkelten vor Freude. Als sie nah genug heran war, sah er den Schneeball in ihrer Hand. „Na, noch einen Versuch?“ Er hob die Hände, bereit zur Verteidigung, doch sie machte keine Anstalten zu werfen. Statt dessen kam sie schliddernd vor ihm zum Stehen und hob den ziemlich zerknautscht aussehenden Schneeball unter seine Nase. „Ich hab ihn gemacht!“, platze es aus ihr heraus. „Hmm, das kannst du sonst doch besser?“  „Nein, ich meine, selbst gemacht, wie du!“ Dann fiel ihm die Struktur auf, er aktivierte seine magische Sicht und sah noch Spuren des Zaubers. „Moment, du hast ihn mit Magie geformt, der Zauber ist dir also geglückt? Kira, das ist großartig!“ Er strahlte sie freudig an, was sie ebenso strahlend erwiderte. Im nächsten Moment wurde ihm allerdings klar, was das bedeutete – sie hatte Veränderungsmagie gezaubert. „Dir ist aber bewusst, dass das durchaus auch schief gehen hätte können, oder? Aber gut, ich bin erleichtert, dass dir nichts passiert ist. Das ist ja dann tatsächlich ein wichtiger Durchbruch. Wir werden es heute Abend im Garten noch einmal probieren. Dann aber mit meiner Aufsicht und ein paar Messgeräten, nur zur Sicherheit.“  Ihr Lächeln schwand ein bisschen. „Ich musste es einfach probieren… und…“ Ihr Grinsen war plötzlich so breit, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Hinter ihm kreischten Valencia und Julius. „… der ist für Frederieke.“ Ein Schneeball traf seinen Hinterkopf. Kira schüttete sich vor Lachen aus und versprach zwischendurch immer wieder, dass sie es bis zu Hause nicht wieder machen würde. Frederieke und die Kinder lachten ebenso. Mitras ließ ihr den Erfolg, beseitigte aber den Schnee von seinen Sachen und ging Richtung Gasthaus. „Jaja, ist gut, ich schulde euch noch eine heiße Schokolade. Will noch wer was essen? Noch ist reichlich da und der Tisch ist den ganzen Tag reserviert.“ Die Kinder liefen voraus und Mitras folgte ihnen, innerlich sehr zufrieden über diesen wundervollen Silenz.

Als Kira am Abend des Silenz endlich ins Bett sank, hatte sie das Gefühl, von Bispar bis Sibirien gelaufen zu sein. Aber sie war so unglaublich glücklich! Mitras und sie hatten sich nach der Rückkehr tatsächlich noch eine Schneeballschlacht im Garten geliefert. Natürlich hatte sie wieder verloren, aber immerhin hatte sie mit zwei Bällen getroffen – und anders als beim Zick-Zack hatte er diesmal den Kampf abgebrochen. Sie hatte wie im Wald auch im Garten gar kein Problem, Magie zu greifen – im Gegenteil, es schien ihr dort sogar besonders leicht zu fallen. Mit magischer Sicht hatte sie gesehen, dass es einige Stellen gab, an denen die Magieflüsse beinahe aus dem Boden zu sprudeln schienen, wie kleine Büschel aus Schilfgras, besonders in der Nähe der hinteren Wand. Vermutlich war das auch der Grund, warum das Laden für sie kein Problem darstellte. Mitras war über ihre Beschreibung nicht wirklich erstaunt gewesen, hatte aber nicht weiter erklärt, warum es in seinem Garten so viel Magie gab, obwohl er es zu wissen schien. Interessiert hatte ihn nur ihre Beschreibung des grasartigen Aussehens, das er nach eigenen Angaben nicht sehen konnte. Eigentlich hatte auch nicht er den Kampf abgebrochen, sondern Abby, die sie zum Essen hineinrief. Danach waren sie zum Laden gegangen, und Kira war sich ziemlich sicher, dass Mitras ihre Verliebtheit und ihr Glück hatte spüren müssen, so voll war sie davon, während sie die Magie durch sich strömen ließ. Aber er hatte den Zauber so ruhig wie immer gewoben und sie hatte ihm wie immer dabei zugesehen und die Eleganz seiner Bewegungen genossen. Sie seufzte glücklich. Und dann war sie schon eingeschlafen, im Kopf noch das leichte Rauschen des Waldes, das ihr schon immer Glück bedeutet hatte.

Quatsch machen – 10. Firn 242 (Silenz)

Sebastian zeigte sich am nächsten Tag hinreichend beeindruckt von Kiras leisem Bericht, den sie ihm in einem kleinen Nebenraum des Lesesaals gab – natürlich nicht, ohne vorher den Raum nach magischen Spionen abgesucht zu haben. Gemeinsam lasen sie anschließend in ein paar historischen Büchern über die Skir, weiterhin auf der Suche nach Hinweisen zu den Hexen der Skir, aber außer schaurigen Kriegsmärchen fand Kira nur den Hinweis, dass Skirhexen wohl durchaus einige Spionagezauber konnten. „Sie reisen durch den Raum wie ein Geist“, schrieb einer der Autoren, „und willst du ihnen schaden, musst du ihren Körper finden. Aber dieser wird zumeist eifrig bewacht von ihrem Gemahl, der die Hexe mit Leichtigkeit selbst an den fernsten Orten erreichen kann.“ Wie genau dieser Zauber aber funktionierte, stand dort leider nicht weiter. Sebastian tröstete sie, indem er ihr von den magischen Versuchen in Grundlagen der Elementarmagie erzählte, die seine Schwester anscheinend gerade plagten, und ihr ein passendes Buch besorgte, das es in Mitras Bibliothek nicht gab. Bis zum Shengstag gelang es Kira damit sehr zu Mitras Bewunderung, einen winzigen Ball aus Wasser in ihrer Hand zu erzeugen. Nunja, eigentlich eher eine Pfütze, aber immerhin. Sie beschloß, passende Telekinesezauber zu üben, damit das Wasser bei ihr ebenso schön über der Hand in einer Kugel fließen konnte, wie es das bei Mitras tat, als er ihr vorführte, wie der Zauber aussehen konnte. Am Abend des Shengstages zog Mitras sich eine ganze Weile mit Stefania in sein Labor zurück, weshalb Kira erst überlegte, ob sie weiter in ihrem Zimmer üben sollte, es dann aber nach einigen Versuchen abbrach – erstens hatte sie auf den Teppich gekleckert und zweitens spürte sie auch hier wieder, dass es mühsam war, sehr lange viel Magie zu sich zu ziehen. Sie grübelte, warum Mitras das so leicht fiel und warum es beim Laden des Generators noch nie dazu gekommen war, dass sie das Gefühl gehabt hatte, der Raum sei leer. Allerdings brachte sie dieser Gedanke letztendlich zurück zu dem Anblick von Mitras, der das Wasser über seiner Hand hatte tanzen lassen, und sie seufzte verliebt und ließ sich auf den Tisch sinken, um sich dieser Erinnerung hinzugeben. Er hatte so gut ausgesehen, und das Wasser und seine Augenfarbe hatten so gut zusammen gepasst… Nach einer Weile des Schwärmens setzte sie sich entschlossen hin, holte ihre kürzlich gekauften Buntstifte hervor und begann, aus der Erinnerung ein Bild zu machen. Das würde sie gut versteckt immer bei sich haben können!

Am Morgen des Silenz wachte sie erholt und aufgeregt auf. Heute hatte Mitras ihr angekündigt, dass sie mit Frederieke und ihren beiden Kindern, Valencia und Julius, einen Ausflug zur Klippe oberhalb des Palastes unternehmen würden. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah dicke Flocken Schnee rieseln. Hoffentlich wurde der Ausflug nicht abgesagt! Rasch zog sie sich an und ging nach unten, wo William bereits dabei war, den Frühstückstisch zu decken.

„Guten Morgen, Kira!“, begrüßte er sie. „Na, hast du das Langschlafen wieder eingestellt?“ Kira nickte ein wenig verlegen. „Kann ich dir helfen?“ versuchte sie abzulenken. William schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich ist alles fertig, nur der Herr des Hauses fehlt. Magst du ihn wecken?“ Kira bejahte und ging nach oben, stand dann aber verlegen vor Mitras Zimmertür. Was sollte sie sagen? Sein Schlafzimmer hatte sie noch nie von innen gesehen. Sollte sie nur klopfen? Eigentlich war sie schon gespannt, wie dieser Raum aussah – ob er ihn ebenso gut ausgestattet hatte wie ihr eigenes Zimmer? Sie hob die Hand und klopfte. Nichts geschah. Etwas lauter klopfte sie erneut.​​​​​​​“Jaja, Abby, ich komme ja schon, hat William dich wieder hochgescheucht? Es ist doch noch genug Zeit bis Frederieke kommt, da muss er nicht so rumdrängeln!“ Kira zögerte. Was sollte sie sagen? Ehe sie sich sammeln konnte, ging die Tür auf und Mitras stand vor ihr. Er hatte eine schwarze, dicht gewebte Leinenhose an und sonst nur ein noch nicht zugeknöpftes Hemd, was ihr einen deutlichen Blick auf seine Brust gab. Sein Oberkörper war muskulöser als sie bei seiner Statur erwartet hatte. Erschrocken wich sie ein Stück zurück und blickte nach unten, was allerdings nur dazu führte, dass ihr Blick über seinen ebenso muskulösen Bauch wanderte. „Oh, guten Morgen Kira. Mit dir habe ich jetzt gar nicht gerechnet.“ Er wirkte plötzlich ein wenig verlegen und begann schnell das Hemd zuzuknöpfen. „Aber ich nehme mal an, dass ich deinen Besuch auch dieser frühmorgendlichen Nervensäge William verdanke, oder?“ Kira blickte angestrengt zu Boden und nickte heftig. „Tu…tut mir leid.“ Sie hatte das Gefühl, dass ihr Kopf rauschte. Vermutlich war sie fürchterlich rot. Sie linste ein wenig nach oben und bemerkte, dass ein Teil von ihr tatsächlich bedauerte, dass er gerade den letzten Knopf des Hemdes schloß. „Er sagte, ich solle dich zum Frühstück holen, alles andere sei schon fertig.“ Mitras lachte. „Gut, gut, sag ihm ich komme gleich, und kopf hoch, so schlimm sehe ich nun auch wieder nicht aus.“ sagte er mit einem schelmischen Grinsen und drehte sich wieder in sein Zimmer um. „Nein, gar nicht!“ platzte es aus ihr heraus, ehe sie darüber nachdachte. Dann schluckte sie. Oh, Geister, hatte sie das wirklich laut gesagt? Mitras reagierte nicht, und Kira ergriff die Flucht in ihr eigenes Zimmer, wo sie sich eine Weile in ihr Kopfkissen vergrub, bis das Rauschen des Blutes in ihren Ohren aufhörte und ihr Atmen wieder normal funktionierte. Wieso hatte sie ihr loses Mundwerk immer noch nicht im Griff, hatte ihr der ganze Ärger in Bispar nicht gereicht? Sie schimpfte mit sich selber und merkte dabei nicht, dass jemand in den Raum getreten war. Erst als Mitras sich hinter ihr räusperte, fuhr sie hoch. 

Mitras hatte das erste Klopfen gar nicht richtig mitbekommen, er war da noch mitten in seinen Übungen gewesen. Er war nach wie vor kein Morgenmensch, aber seit er den Regenerationszauber angewandt hatte, war er morgens deutlch fitter und früher auf den Beinen. Das nutzte er nun schon seit einigen Wochen, um sich auch körperlich wieder in Form zu bringen. Seine Bewegungen wurden langsam wieder fließender und geschmeidiger und er vermochte den Rapier nun schon fast wieder so künstlerisch zu führen wie früher. Nun war er gerade dabei sich vom Schweiß zu befreien und sich für das Frühstück fitt zu machen, als es klopfte. Als er die Tür öffnete und dann plötzlich Kira statt Abby vor ihm stand, überraschte ihn das doch sehr. Erst an ihrer Reaktion merkte er, dass er sich noch nicht weiter angezogen hatte, aber so viel Schüchternheit hatte er trotzdem nicht von ihr erwartet. Er war doch sicherlich nicht der erste Mann, den sie mit offenem Hemd sah. Sie sah gut aus, und selbst wenn es auf dem Dorf wahrscheinlich nur Deppen gab – einige noch idiotischer, wie er selbst hinzufügte – so nahm er doch an, dass sie schon sexuelle Erfahrungen gemacht haben musste. Kurz blitzte die Erinnerung an ihre Erzählung über den Angriff des Baronsbastards auf, und er korrigierte seine eigene Einschätzung. Sie hatte noch nie mit jemandem geschlafen, nun gut, aber es gab ja auch einiges, was man davor tun konnte. Warum sollte ein schönes Mädchen wie sie nicht auch ein paar nicht ganz so bescheuerte Verehrer gehabt haben? Auf jeden Fall war ihre Reaktion amüsant. Und dann erst ihre Verteidigung seines Aussehens! Süss von ihr, dachte er grinsend bei sich, und kam sich nochmal fünf Jahre jünger vor. Er drehte sich noch einmal zur Tür um, aber da war sie schon weg. Da er sie nicht die Treppe runtergehen hörte, war sie wohl nochmal in ihr Zimmer gegangen. Er zog sich schnell fertig an und trat auf den Flur. Ihre Tür war offen, dennoch klopfte er von außen einmal, erhielt jedoch keine Reaktion. Er zuckte mit den Schultern und trat ein. Sie lag auf dem Bett, den Kopf in die Kissen gedrückt, schluchste aber nicht. Einen Moment hatte er sich schon Sorgen gemacht, dass diese doch so harmlose Szene sie getroffen haben könnte, aber das war wohl nicht der Grund. Er räusperte sich laut, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie fuhr hoch, und ihre fahrigen Bewegungen erinnerten ihn so deutlich an ein Eichhörnchen, dass man dabei aufschreckte, wie es eine Nuss öffnete, dass er beinahe gelacht hätte. „Ich dachte ja nicht, dass du bei dem Anblick gleich wie ein erschrecktes Eichhörnchen vor dem Wolf ins Nest flüchtest.“ neckte er sie. „Komm, lass uns zusammen runter gehen. Jetzt warten sie bestimmt schon auf uns.“ Kira, deren Gesichtfarbe sich normalisiert hatte, lief wieder rot an. „Ich bin nicht…“ Sie brach ab. „Magst du Eichhörnchen?“ Die Frage überraschte ihn. „Ähm ja, doch sehr. Ich meine, wie kann man diese kleinen süßen Dinger nicht mögen.“ Nun merkte er, wie er leicht errötete. Er wusste selbst nicht, was er an diesen kleinen flauschigen Nagern so toll fand, aber eine Welt ohne sie fände er doch sehr traurig. Kaum etwas konnte ihm den Tag so sehr versüßen, wie einem roten Eichhörnchen zu begegnen. Kira schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie stand ganz auf, strich ihr Kleid glatt und ging an ihm vorbei. „Dann geht dein Eichhörnchen jetzt natürlich mit dir frühstücken.“, sagte sie, nicht besonders laut, aber er hatte es dennoch gehört, und er folgte ihr mit einem breiten Grinsen.

Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle und gerade, als Mitras aufstand, klingelte es an der Tür. Abby lief hinaus und nach wenigen Minuten hörte Kira ein lautes Kreischen. „Onkel Miiiiiitraaaas! Onkel Miiiitraaaas! Wir sim da!“ Kleine Füße trappelten und dann stürmte erst ein Mädchen zwischen 6 oder 7 und anschließend ein etwa halb so alter Junge ins Esszimmer. Die Kleine war eindeutig ein Kind der Familie Venaris, sie hatte lange braune Zöpfe und ebenso eisblaue Augen wie Mitras. Ihr Bruder hingegen, der noch eine Winterjacke und seine Mütze trug, hatte anscheinend deutlich hellere Haare und grünlich-dunkle Augen, kam also vermutlich mehr nach seinem Vater. Kira wusste schon, wie die beiden hießen: Valencia und Julius. Erstere sprang Mitras, der aufgestanden war, beinahe in die Arme, und er hob sie hoch in die Luft, was sie mit einem freudigen Lachen quittierte. „Is auch! Is auch!“, quengelte ihr kleiner Bruder, und Mitras ließ seine Schwester los, hob ihn locker hoch und schwang ihn herum, wobei er fast die Lampe über dem Tisch getroffen hätte. Kira musste unwillkürlich lachen. Schade, dass Mitras keine eigenen Kinder hatte, dachte sie, er wäre bestimmt ein guter Vater. „Bist du Onkel Mitras neue Frau?“, fragte Valencia, die nun plötzlich vor ihr stand. Kira blickte sie verblüfft an. „Äh, nein, ich bin… äh, seine Discipula.“, stammelte sie. Seine Frau zu sein war selbst für ihre verliebte Vorstellung gerade etwas zu viel. „Was ist eine Discipula?“ „Das ist jemand, der lernt, Magie zu benutzen. Und dein Onkel erklärt Kira, wie das geht. So wie deine Lehrer dir erklären, wie Lesen und Schreiben geht.“, antwortete Frederieke, die hinter den Kindern ins Zimmer getreten war und Kira blickte sie dankbar an. „Warum lernt Kira Magie? Ich will auch Magie lernen!“ Frederieke lächelte ihre Tochter an. „Nun, dazu muss man das Talent haben. Wir werden sehen, ob du das auch hast, aber noch bist du etwas zu jung dafür. Und jetzt erstmal Schluß mit Fragerei.“ Valencia zog eine Schnute, schwieg aber. Kira fand, dass die Fragerei eigentlich nur halb so schlimm war – immerhin war es wichtig, Fragen zu stellen. Mitras Nichte schien ausgesprochen neugierig zu sein, ein aufgewecktes Mädchen auf jeden Fall. Kira mochte sie – wobei, sie mochte eigentlich alle aus der Familie Venaris.

Nach einigen Worten der weiteren Begrüßung traten sie alle wieder in den Flur hinaus und zogen sich warm an. Kira nahm den neuen Mantel und erntete dafür begeistertes Lob von Frederieke, die erst Kiras Aussehen und dann Mitras Geschmack bei der Wahl lobte und anschließend feststellte, dass Mitras und Kira nun auch äußerlich gut zusammen passten, was Kira ein wenig rot anlaufen ließ und dazu führte, dass sie rasch als Erste vor die Tür trat. Es hatte aufgehört zu schneien, der ganze Garten lag von einer dichten Schicht Schnee bedeckt da, und zwischen den Wolken brach langsam die Sonne wieder hervor. Auf dem Platz vor dem Haus wartete bereits eine Kutsche, die Frederieke wohl mitgebracht hatte, und in die sie sich nun alle zusammen mit zwei großen Körben Essen, die William ihnen brachte, hineinquetschten. Dann brach die Kutsche auf und Abby winkte ihnen noch, während sie das große Tor in der Mauer hinter ihnen schloß.

Während der Fahrt diskutierten die beiden Kinder lautstark, wer auf welchem Bein von Onkel Mitras sitzen durfte und Frederieke lachte ihn gründlich dafür aus, dass er nun beide Kinder auf dem Schoß balancieren musste, während sie sich gemütlich ausstrecken konnte. Kira kam sich ein wenig fremd im Familienkreis vor, also rückte sie ans Fenster und sah hinaus. Solange sie innerhalb von Uldum waren, war der Schnee bereits festgetreten oder sogar schon geräumt, so dass sie gut vorankamen. Aber sobald sie die Stadtgrenze hinter sich hatten, wand sich der verschneite Weg über immer steiler werdende Hügel durch einen Wechsel von Büschen, freien Flächen und einzelnen Bäumen und die Pferde hatten ordentlich damit zu kämpfen, die Kutsche durch den Schnee zu ziehen. Bereits ein kleines Stück außerhalb der Stadt hielten sie darum an und der Kutscher bat Mitras um Hilfe, um statt der Räder vorbereitete Kufen anzubringen.

Mitras nickte bereitwillig, zögerte dann aber. „Habt ihr was dagegen, wenn meine Schülerin versucht, die Kutsche magisch anzuheben? Sie übt gerade solche Zauber.“ Der Kutscher rutschte vom Bock und schüttelte den Kopf. „Wie die Herrschaften es wünschen, ich muss nur die Kufen anschrauben können.“ , sagte er, und ging, um die Deichsel kurz zu lösen und die Pferde ein Stück beiseite zu führen. Begeistert rieb Mitras sich die Hände. „Frederieke, nimm mal die Kinder aus der Kutsche!“ , forderte er seine Schwester auf, die dem lachend Folge leistete. „Wasum?“ , fragte Julius. „Weil dein Onkel Quatsch vorhat. Komm, wir stellen uns da zu den Bäumen.“, antwortete seine Mutter kopfschüttelnd und grinsend, was Valencia dazu brachte, aufgeregt zu hüpfen und beinahe auszurutschen. „Jaaa, Quatsch! Onkel Mitras, mach Quatsch!“ Mitras schüttelte den Kopf. „Nein, keinen Quatsch. Kira, komm zu mir.“ Kira trat zögerlich zu ihm. Es war eine Sache, im Labor Zauber zu üben, aber eine ganz andere, hier vor Publikum einen ganz neuen Zauber auszuprobieren. Mitras musste ihr Zögern wahrnehmen, denn er lächelte ihr aufmunternd zu und sagte: „Den Zauber kennst du schon, das ist derselbe wie bei den Bällen. Du greifst einfach dort in der Mitte an und hebst die Kutsche nur ganz leicht auf dieser Seite an. Ich helfe, wenn nötig.“ Kira atmete tief ein, um die Nervosität zu überdecken. Dann schloss sie gehorsam die Augen und öffnete ihre magischen Sinne. Der ganze Wald um sie herum schwappte beinahe über vor Magie. Das hatte sie ja schon beim letzten Mal bemerkt, doch nun wurde es noch deutlicher. Sie hatte beinahe das Gefühl, auch ohne den passenden Zauber die ganze Magie um sich fühlen, fast sehen zu können. Mit derselben Leichtigkeit wie beim Laden zog sie Magie in sich hinein, öffnete dann die Augen und blickte die Kutsche an. Dort greifen, anheben, nicht umkippen. Sie bewegte die Hände langsam und vorsichtig, der Zauber sollte genau werden… die Kutsche wackelte. Mehr Kraft? Sie ließ mehr Kraft in die Verbindung fließen. Neben ihr hörte sie Mitras Stimme: „Oh, nicht so…“ Er brach ab, als die Kutsche mit einem Ruck nach oben schoß und ein Stück über ihren Kopf in der Luft hängen blieb. Kira spürte, wie er ebenfalls magisch nach dem Gefährt griff. Verblüfft schaute sie die Kutsche an. Sie hing etwas schräg, aber sie hing komplett in der Luft. Valencia und Julius quietschten begeistert. Der Kutscher, der mit den Kufen ein Stück neben ihnen stand, kratzte sich am Kopf und sagte: „Könnten Sie die etwas tiefer hängen, Mylady oder Mylord? Ich komme so ja nicht ran.“ Ehe Kira reagieren konnte, presste Mitras ein: „Aber nicht spontan loslassen!“ hervor. Sie nickte, war aber ein bisschen beleidigt. Was dachte er denn, dass sie eine Kutsche aus zwei Meter Höhe fallen lassen würde? Vorsichtig, wie beim Üben mit den Bällen, senkte sie die Hände ein wenig und die Kutsche folgte der Bewegung. Mitras seufzte leise und ließ seine Hände sinken. Er drehte sich zu ihr, aber Kira beachtete ihn nicht. Der Zufluss der Magie war hier draußen anscheinend wie im Generatorhaus gar kein Problem, aber die Kutsche stabil und ruhig zu halten, so dass der Kutscher die Kufen montieren konnte, war es durchaus. Aber sie blendete die Stimmen der Kinder aus, schaute nur auf die Kutsche und konzentrierte sich. Es gelang. Auch wenn sie einige Male etwas wackelte, es gelang. Mitras sprach die ganze Zeit nicht mehr, bis sie die Kutsche vorsichtig zu Boden gleiten ließ. Dann schaute sie einen langen Moment an, und Kira war sich nicht sicher, ob er schimpfen oder sie in den Arm nehmen wollte. Die Entscheidung wurde ihm aber von Valencia abgenommen, die wie von der Feder geschnellt auf Kira zugeschossen kam, sobald ihre Mutter sie losgelassen hatte und sie begeistert umarmte. „Das war so irre! Du bist riiiiichtig stark! Wenn Onkel Mitras dir alles beigebracht hat, bringst du es dann mir bei?“  Kira spürte, dass sie beinahe kichern musste. Sie war ungemein erleichtert, auch diese erneute Prüfung gemeistert zu haben. Und außerdem konnte sie eine Kutsche fliegen lassen, das war ein durchaus berauschendes Gefühl! Lächelnd sah sie Valencia an und antwortete diplomatisch: „Wenn du das Talent hast, werde ich noch keine Magistra sein, aber vielleicht zeigt dein Onkel es dir dann. Und wenn nicht, kannst du ja einfach lernen, eine Kutsche mit Mechanik anzuheben. Oder eine Flugmaschine zu bauen.“ Valencia klatschte begeistert in die Hände. „Ja, super!“ „Dafür muss man aber lesen und schreiben lernen.“, sagte Frederieke, die mit Julius auf dem Arm von hinten durch den Schnee heran stapfte. Valencias Gesicht verdunkelte sich kurz und nahm dann einen sehr ernsten Gesichtsausdruck an. „Dann werde ich das ab sofort lernen.“ Frederieke zog die Augenbrauen hoch und nickte zustimmend. Zu Mitras und Kira gewandt murmelte sie: „Danke! Davon versuche ich sie schon seit Wochen zu überzeugen!“

Mitras trat einen Schritt zurück, während die Kleine Kira weiter umschwärmte und überlegte, was da gerade passiert war. Der Zauber war nicht schwer und auch dafür geeignet große Lasten tragen, aber das erforderte Übung und vor allem viel Magie. Auf der anderen Seite hatte Kira ein großes Potential und beherrschte den Zauber schon sehr gut. Trotzdem, dass sie die Kutsche plötzlich so hoch geworfen hatte, das hatte ihn stark überrascht. Er hatte gesehen, dass sie am Anfang nachjustieren musste, was ja auch zu erwarten war, bisher hatte sie ja nur mit kleinen Gegenständen geübt. Wenigstens hatte sie letztendlich die Kutsche genug stabilisiert, so dass der Kutscher seine Arbeit machen konnte. Kira hatte die Höhe problemlos halten können, aber ihr fehlte die Übung auch alle anderen Faktoren unter Kontrolle zu halten, dass hatten die Bewegungen der Kutsche deutlich erkennen lassen. Der eigene Energiefluß, der Wind, bewegliche Teile der Ladung. Mitras hatte konstant einen Zauber zum Auffangen bereit gehalten, aber zu seinem Erstaunen hatte es schließlich geklappt, ohne dass er weiter eingreifen musste. Gerade der Magiefluß machte ihm aber Sorgen. Das hatte sie schon besser hinbekommen. Am Anfang hatte sie beim ersten nachjustieren beinahe die Kontrolle verloren, so viel Energie war plötzlich in ihren Zauber eingegangen. Er nahm sich vor sie später danach zu fragen, was da los war. Warum fiel es ihr hier draußen anscheinend wieder schwerer, die Magie genau zu dosieren? Und wieso stand ihr überhaupt so viel Energie so leicht zur Verfügung? Ein bisschen beängstigend war das schon. Wie sollte er sie gut schulen, wenn selbst kleine Übungen zu schwebenden Kutschen führen konnten?

​“Nun gut, ich denke es kann weiter gehen, oder?“ wandte er sich an den Kutscher. Dieser nickte, nachdem er gerade die Pferde wieder vor die Kutsche gespannt hatte​​​, und sich nun wieder auf den Kutschbock setzte. Er hielt den beiden Frauen die Tür auf, hob Valencia in den Wagen und stieg dann selbst ein. Valencia war immer noch ganz aufgeregt und kuschelte sich an Kira, die nun im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand. Julius war hingegen deutlich reservierter – ihm schien die Vorführung eher etwas Unbehagen bereitet zu haben. Er kam aber gleich wieder zu ihm und machte es sich auf seinem Schoß bequem. Immerhin ein Kind weniger, dachte er sich. So ließ sich das Gewicht aushalten.

Gegenspionage – 6. Firn 242 (Mafuristag)

Am Mirasmorgen ließ Kira sich von Abigail wecken, sobald diese ins Haus kam. Am Abend des Silenz war sie zwar eigentlich früh genug zuhause gewesen, aber an Mathematik zu denken war ihr angesichts dessen, was am Nachmittag passiert war, unmöglich gewesen. Erst dieser unsympathische Magier, Mitras Angeberei und Gezänke und dann, als Ausgleich, der Ausflug zur Plattform und das gemeinsame Laden danach. Es war defintiv der romantischste Moment in ihrem ganzen Leben gewesen, dort oben zu stehen, die Lichter nach und nach aufflammen zu sehen und dabei seine Hand zu halten. Wenn man ehrlich war, war es vermutlich der einzige romantische Moment, den sie bisher erlebt hatte, aber das machte es nur noch aufregender. Sie konnte lange nicht schlafen, und als sie letztendlich in einen unruhigen Schlaf hinüber glitt, träumte sie von Mitras, der unruhig durch das Haus lief und einen unsichtbaren Feind jagte, der mit der schmierigen Stimme des Grafen di Porrum rief: „Sie ist deine Schwäche!“ Entsprechend zerschlagen kroch sie am Miras morgens aus dem Bett, aber sie wollte weder Mitras noch den Herzog di Pinzon enttäuschen, also gab sie sich Mühe, die restlichen Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen, ehe sie zur Meditationsstunde und zum Frühstück ging. 

Pinzon war zwar nicht ganz zufrieden, aber er wertschätzte, dass sie sich erkennbar Mühe gegeben hatte, und hielt ihr einen neuen Vortrag samt neuen Aufgaben. Als sie an diesem Abend nach Hause kam, brummte ihr Kopf und sie fühlte sich, als sei ein ganzer Achtspänner über sie gefahren. Oder eine Eisenbahn. Auf jeden Fall etwas großes. Sie aß ein wenig der Reste vom Mittag und entschuldigte sich dann. Noch ehe die Uhr sieben zeigte, war sie eingeschlafen und schlief diesmal einen tiefen, festen Schlaf ohne Träume, aus dem Abigail sie diesmal nicht wecken brauchte, weil sie wie früher schon um halb sieben aufwachte. Erholter vergrub sie sich in das Buch zur Elementarmagie, um wenigstens ein bisschen auf die Lehrstunde mit Mitras vorbereitet zu sein.

Mitras trat auf dem Weg zum Frühstück auf den Flur und wäre beinahe in Kira gelaufen, die zur gleichen Zeit aus ihrem Zimmer kam. „Guten Morgen, da war ich wohl beinahe etwas zu schwungvoll unterwegs. Wie ich sehe, geht es dir heute besser. Ich hatte schon Sorge, dass ich dich mit dem Laden vorgestern Abend zu sehr beansprucht hatte, so zerschlagen wie du gestern Morgen ausgesehen hast.“ ​​​​​​Kira schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das übernimmt mich nicht, mach dir keine Sorgen. Ich habe nur schlecht geträumt.“ „Nun gut, allerdings sind Träume nichts was man als Magier auf die leichte Schulter nehmen sollte. Erst recht nicht, wenn man ein gewisses Talent zur Hellsicht hat. Heute Vormittag bringe ich dir einen der grundlegensten Zauber bei.“ Mitras stockte und lachte kurz. „Wobei beibringen vielleicht das flasche Wort ist. Gewirkt hast du ihn schon, aber ich werde dir zeigen, wie er richtig ausgeführt wird. Sehr viel mehr werde ich dir im Bereich Hellsicht aber nicht beibringen können, wenn du dort ähnlich begabt wie in der Telekinese bist, habe ich aber eine Idee, wen wir fragen könnten, um dich weiter zu schulen. Magst du mir von deinem Traum erzählen?“ Kira, die vor ihm die Treppe herunter ging, schwieg einen langen Moment. Unten blieb sie stehen, drehte sich zu ihm um und fragte unsicher: „Muss ich?“ „Nun, wenn du nicht möchtest, musst du natürlich auch nicht. Es kann aber sein, dass du hellseherische Träume hast, nicht jedes Mal natürlich. Ich weiß nicht, was diese Träume auslöst. Ich selbst hatte noch keinen, aber meine Begabungen liegen auch woanders, eher so im Bereich Berge versetzen.“ Mitras musste kichern, tatsächlich hatte er mal einen gewaltigen Findling bewegt, der bei einem größeren Steinschlag nördlich von Uldum eine größere Straße blockiert hatte. Nathanael hatte ihn dorthin geschickt, als er noch Gehilfe war. Er hatte ihn oft herum geschickt um Leuten mit seiner Magie zu helfen. Im Nachhinein betrachtete Mitras das als gute Übungen und außerdem hatte er so bei vielen Menschen einen guten Eindruck hinterlassen, da Nathanael selten Geld für seine Dienste nahm. Kira lief rot an und sagte: „Ja, in Ordnung. Aber ich glaube nicht, dass dieser hier wichtig war.“ Mitras vermutete, dass er es war – allein ihre Weigerung, davon zu erzählen, machte ihn neugierig. Was brachte seine Schülerin wohl um den Schlaf, war aber nicht für seine Ohren bestimmt? Er hoffte nur, dass die Begegnung mit di Porrum sie nicht so sehr wie ihn selber belastet hatte. Er hatte den Abend des Silenz bei einem guten Glas Rum verbracht, aber war aus dem Grübeln über die Begegnung kaum heraus gekommen. Es machte ihm wirklich Sorgen, Secus könnte seinen Schützling ins Visier nehmen, und allein die Tatsache, dass er sich Sorgen machte, machte ihn angreifbar, was ihn ärgerte. Und das wiederum ärgerte ihn noch mehr, dass es ein Wicht wie Secus schaffte, ihm seine Freude über seine wunderbare Schülerin zu schmälern!

Das Frühstück war entspannt und die Meditation ruhig verlaufen. „Gut Kira, du machst Fortschritte beim ruhig werden. Das wird dir in der Zukunft sicher helfen. Was dir auch helfen wird, ist das Magie sehen. Es zählt zwar offiziell zur Schule der Hellsicht, wobei einige Magier auch der Überzeugung sind, dass es ein temporärer Veränderungszauber ist, aber der Zauber ist so elementar und auch wichtig, dass ihn eigentlich jeder beherrscht. Er ist auch tatsächlich nicht sonderlich schwer.“ Kira nickte und Mitras begann ihr den kurzen Vers vorzusagen. Der Zauber war gestenlos und in der Regel konnten die meisten Schüler ihn recht bald auch ohne Vers ausführen. Auch das erklärte Mitras ihr. „Gut, wie du einen Zauber beendest weißt du ja, also versuche es erst einmal mit dem Spruch. Sobald du ihn gewirkt hast, siehst du dich hier im Labor um und nennst die magischen Artefakte, die du sehen kannst.“

Kira nickte. Sie stellte sich in die Mitte des Raumes, atmete ruhig ein, nahm Magie in sich auf und kanalisierte sie mit den Worten „Vimeo magico!“ mit geschlossenen Augen, so wie Mitras es erklärt hatte. Sie spürte ein Prickeln in den Augen, ähnlich dem beim Laden vor vier Tagen, und als sie die Augen öffnete, sah sie die Magie fließen. Mit Ausnahme eines kleinen Raumes direkt um sie selber war der Raum mit Magie gefüllt, als sei es eine Vase voller Nebel. An einigen Stellen lag der dünne Schleier etwas dichter, an anderen war kaum ein Glitzern zu erkennen. An den Wänden sah sie dasselbe Netz wie in der Generatorhalle, allerdings viel deutlicher und wesentlich engmaschiger, es schien, als sei die Wand selbst verzaubert, und am Fenster rieselte die Magie durch die Ritzen geradezu herein. Im Schrank und an den Wänden leuchteten nun plötzlich verschiedene der Gerätschaften auf, das mochten die Artefakte sein, die Mitras angesprochen hatte. Sie schaute zu ihm und sah dasselbe Glimmen, diesmal etwas schwächer als beim Laden. Das machte Sinn, Mitras wirkte ja auch gerade keinen Zauber. Während sie ihn ansah, bewegte sich der Nebel um ihn plötzlich, und sie realisierte, dass er die Magie zu sich zog. Im nächsten Moment leuchteten seine Augen heller auf. „Du hast einen Zauber gewirkt, denselben wie ich, oder?“, fragte sie. „Gut beobachet, ja das habe ich. Und was kannst du sonst noch entdecken?“ Sie schaute sich um. „Da, der Heizstein leuchtet jetzt etwas anders. Ich kann sehen, dass er Magie in sich trägt, sie ist in ihm wie eine kleine Flamme. Und dort, auf deinem Schreibtisch, steht ein Beutel, der glimmt wie du, fühlt sich nach deiner Magie an.“ Mitras nickte zufrieden. „In der Tat, in dem Beutel sind einige Talismane, die ich vorbereitet habe. Sie lösen Schutzzauber aus, wenn man verletzt wird, oder helfen, etwas schweres anzuheben.“ Kira blickte sich weiter um. „Im Schrank liegen Kräuter, die Magie in sich tragen.“ Mitras zog erstaunt eine Augenbraue hoch, was angesichts seiner leuchtenden Augen komisch aussah. „Stimmt. Wie kannst du sehen, dass es Kräuter sind?“ Kira schaute wieder zum Schrank. „Sie haben einen Stiel und Blüten?“ Mitras schwieg kurz und sagte dann leise: „Das kannst nur du sehen, gut gemacht. Ich kann Formen nicht so genau erkennen.“ Kira spürte, wie seine Worte sie etwas verlegen machten, also blickte sie erneut zum Schrank. Einer der Steine, die auf der Kante lagen, glomm ganz schwach. Sie ging einige Schritte darauf zu. Diese Magie wirkte anders. Während die Magie der Kräuter wie ein wirres Geflecht aussah und die Talismane ein konstantes Glimmen von sich gaben, überzog diesen Stein ein wabenförmiges Muster, dass nur schwach aufglomm und wieder verschwand. Sie hatte sogar das Gefühl, je genauer sie hinsah, desto weniger konnte sie die Magie sehen. „Was ist das hier?“, fragte sie und deutete auf den Stein. „Das?“ Mitras kam zu ihr heran. „Nein, das ist nichts, da ist keine Verzauberung drauf. Warum fragst du?“ Verunsichert betrachtete Kira den Stein. Hatte sie sich getäuscht? Gerade, als sie den Kopf drehte, um die Geräte im Zirkel stattdessen zu betrachten, glomm er erneut kurz auf. Sie drehte sich zurück. Doch, da war etwas. Sie nahm ihn in die Hand. Was war das? Es fühlte sich ungut an, löste das Gefühl aus, den Stein rasch wieder hinzulegen. Sie ließ ihn wieder los und schaute Mitras an. „Irgendwas ist aber mit dem. Haben Steine eine eigene Magie wie Kräuter?“ Mitras betrachtete den Stein ein langen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, sie können ein Heim für Geister sein, aber das sind sie eigentlich nicht, wenn man sie von ihrem Fundort entfernt. Und einen Geist würde ich auch sehen können.“ Wieder schwieg er einen Moment. „Bist du dir sicher, etwas zu sehen?“ Sie nickte. Sie hatte etwas gesehen. Würde Mitras es abtun wie alle anderen auch, wenn sie etwas ungewöhnliches gesehen hatte? So wie den Sturm? Sie hoffte, er würde ihr glauben, und spürte, dass sie Angst vor seiner Antwort hatte.

Mitras war beunruhigt. Der Stein war ein einfaches Mineral, er wusste nicht einmal mehr, wo er ihn her hatte. Er sammelte schon lange seltene Steine und bekam immer wieder welche geschenkt. Er nahm ihn und verstärkte den Zauber, konnte aber weiter nichts sehen. Aber seine Finger prickelten ganz leicht, etwas unangenehmes ging von dem Stein aus. Doch Mitras widerstand dem Drang den Stein einfach wegzulegen und betrachtete ihn genauer. Seine Wahrnehmung war wohl zu schwach. Er blickte zu Kira auf und nun wurde ihm auch klar, dass er ihrer Meinung hier trauen konnte. Ihre Augen leuchteten intensiv und allein der Anblick legte einen starken Karamellgeschmack auf seine Zunge. „Du hast recht, Kira. Irgendwas stimmt mit dem Stein hier nicht. Beschreibe mir bitte genau, was du siehst.“ Er legte den Stein ab, damit seine eigene Aura sie nicht ablenkte und wartete. Kira sah den Stein an, drehte einige Male den Kopf und kniff die Augen zusammen. Ihre Aura war mit einer Mischung aus roten und grünen Schlieren durchzogen, offenbar hatte sie ihre Emotionen beim Zaubern also immer noch nicht ganz unter Kontrolle. Das war jetzt aber erstmal nebensächlich. „Er ist ziemlich dunkel, also eigentlich, als ob Magie dort fehlen würde, die ist sonst ja eigentlich überall ein bisschen. Sieht eher so aus wie die Wand. Aber an der Oberfläche ist ein Muster, das glüht auf, wenn ich nicht direkt darauf schaue. Es ist wabenförmig und seine Farbe ist rötlich. Wenn ich den Stein anfasse, will ich ihn wieder weglegen, und…“ sie griff nach dem Stein. „… und ja, das Wabenmuster ist dann auch irgendwie hier auf meiner Hand, aber auch nur ganz kurz.“ Sie legte den Stein rasch wieder hin. Mitras griff hinter sich und ließ sich auf den Stuhl fallen. Bei den Geistern! Was sie da beschrieb, hatte er schonmal gelesen. Wabenmuster, die beim direkten Hinsehen verschwinden. Das war ein Zauber, um Magie zu verbergen, allerdings einer der höheren Klassen. Er selber hätte diese Art Magie niemals wirken können, aber er wusste, wo in seinem Haus es diesselbe Magie gab: Auf seinen Spiegeln. So verbarg man Artefakte, deren Ziel ist war, jemanden zu belauschen oder zu beobachten. „Verdammt, das ist ein Tarnzauber und in der Regel werden damit Spionagezauber maskiert.“ Mitras ärgerte sich über sich selbst, wie hatte ihm das nur passieren können. Wo kam dieser Stein überhaupt her? Er erinnerte sich einfach nicht mehr und das besorgte ihn nur noch mehr. Die Frage war nun, was hatte der Spion alles gesehen? Seine Experimente, Kiras Übungen? Die wichtigsten Sachen erledigte er aus Prinzip im Keller, aber die Experimente zu den Bezirken hatte er hier abgehalten. Und mit Kira übte er sowieso hier. Verdammt, was, wenn es noch mehr Spione gab? Hoffentlich reichten Kiras Fähigkeiten auch für diese. Aber dann würde sie  auch die Spiegel sehen. Und außerdem, wenn er jetzt mit ihr ganz offensichtlich das Haus absuchte und dabei vielleicht mit ihr sprach, würde die Person, die diesen Spion platziert hatte, möglicherweise noch mehr über Kiras Talent erfahren. Sie zu schützen war wichtig! Im Labor gab es Schutzzauber, natürlich, die Zauber von außen ebenso behindern sollten wie Zauber von innen daran hinderten, nach draußen zu gelangen. Diese Schutzwälle waren ein Standard bei magischen Laboren – zu oft hatten Magier versehentlich ihre Nachbarn getötet, weil ein Zauber herumsprang. Wenn er Glück hatte, war dieser Stein also gar nicht in der Lage gewesen, Gespräche aus diesem Raum nach draußen zu übertragen. „Ich werde etwas probieren.“, sagte er entschlossen. „Setz dich dort auf deinen Stuhl und behalte die magische Sicht aktiv. Du kannst zusehen. Ich werde versuchen, ob ich den Tarnzauber brechen kann.“ Kira nickte und setze sich. Mitras nahm den Stein, legte ihn in die Mitte des Zirkels und holte einige Utensilien aus dem Regal. Zunächst malte er sehr sorgfälltig mit Silberkreide einige weitere nötige Symbole hinzu. Als weitere Foki benötigte er drei, nein besser vier Goldwachskerzen. Gerade Symmetrien waren für diesen Zauber wichtig. Nebenbei erklärte er Kira, was er tat und was das für Materialien waren. Die Kreide war genau das, Kreide mit Silberstaub durchsetzt. Die Kerzen allerdings hatten keine Spur Gold in sich. Ihre Farbe erhielten sie von einer magischen Bienenart und sie verstärkten Magie. Ohne sie wäre er gar nicht in der Lage diesen Zauber zu wirken, aber so wurde er genug verstärkt. Er ergänzte den Aufbau um zwei Kraftfoki, einfache Magiespeicher, die man für Rituale vorbereiten konnte. Er hatte viele davon, da er früher viel mit ihnen experimentiert hatte. Leider war es nicht möglich die Energie eines Fokuses auf das Elektrum zu übertragen, aber jetzt gaben sie für ihn nützliche Batterien ab, mit denen er das Wirken beschleunigen konnte.

Als er alles zusammen hatte, begann er den Zauber. Die Formel war lang und kompliziert. 10 Verse, jeder mit anderen Gesten unterlegt. Er brauchte fast fünf Minuten für die Durchführung, dann begann die Magie zu wirken und es gab einen lauten Knall, als wenn ein schwerer Hammer auf den Stein gekracht wäre. Aber nachdem der dabei entstandene Rauch abgezogen war, war der Stein noch völlig intakt. Mitras erholte sich kurz und betrachtete ihn. Nun konnte er den Zauber klar erkennen. Es war ein Hellsichtzauber, in der Tat. Er wirkte ein paar Analysezauber, was ihn aufgrund ihrer Komplexität so sehr anstrengte, dass ihm der Schweiß die Stirn herunter lief. Zu seiner Erleichterung bestätigte sich seine Hoffnung. Es war ein Zauber, der über einen längeren Zeitraum aufnahm, aber er konnte nicht auf das vom Stein gesehene zugreifen, ohne den richtigen magischen Schlüssel zu kennen. Aber immerhin wusste er nun, dass auch die Gegenseite nicht an diesen Stein herankommen würde. Wer auch immer die Gegenseite war. Wer schaffte es diesen Stein bis in sein Labor zu bringen? Hatte er ihn vielleicht selbst hier her gebracht? Eigentlich war er sehr widerstandsfähig, aber wie sonst sollte der Stein hier herein gekommen sein? Es half nichts weiter zu grübeln. Er legte den Stein wieder in den Kreis und begann mit dem nächsten Zauber. Die Kerzen flammten kurz auf, brannten binnen kürzester Zeit auf ein Drittel ihrer Größe herunter und nach einem lautlosen Lichtblitz hörte der Stein auf zu existieren. „Das, Kira, hat nun nicht nur den Stein, sondern auch den Zauber darauf vernichtet. Es war die sicherste Methode alle gestohlenen Erkenntnisse, die hier gesammelt wurden, auszulöschen. Du hast mir gerade wieder einmal sehr geholfen. Aber ich fürchte wir müssen nun erst einmal das Haus durchsuchen. Ich kann das Risiko nicht eingehen, dass das nicht der einzige Spion war.“ Kira nickte. Mitras schaute sie einen Moment lang an. In diesem Raum war die Schutzwand, und wer auch immer versucht hatte, ihn auszuspionieren, hatte das vorher gewusst. Was aber, wenn in den anderen Räumen Gegenstände lagen, die direkt übertrugen? Und wie konnte er die Spiegel vor ihr verbergen? Er könnte die Spiegel deaktivieren, aber dafür brauchte er Zeit… „Ich befürchte, dass außerhalb dieses Labors Gegenstände sein könnten, die nicht nur aufzeichnen. Es wäre verdächtig, wenn du sie gezielt entdeckst. Darum schlage ich vor, dass du nun einmal durch die Küche, das Esszimmer und den Salon läufst und aufmerksam schaust. Merke dir, was du siehst, und berichte mir später davon. Dann kann ich entfernen, was dort vielleicht platziert wurde, ohne dass wir Aufmerksamkeit auf dein Talent ziehen.“ Kira nickte folgsam, stand auf und begann, langsam nocheinmal das Labor abzusuchen. Als sie fertig war, ging sie die Treppe herunter. Mitras ging, sobald sie durch die Tür im Salon verschwunden war, in sein Zimmer. Es würde ihn einiges an Magie kosten, die Spiegel später wieder zu aktivieren, aber angesichts dessen, was er darüber schon gesehen hatte, sollten sie doch besser sein Geheimnis bleiben…

Als Kira etwa eine dreiviertel Stunde später wieder im Labor vor ihm stand, konnte man ihr die Anstrengung deutlich ansehen. Sie setzte sich auf den Boden. „Uff. Einen Zauber so lange zu halten ist gar nicht so einfach. Ich habe einen weiteren Gegenstand gefunden, der dasselbe Wabenmuster zeigt – eine Vase unten im Schrank des Salons, dort, wo auch die anderen Vasen stehen.“ Mitras atmete erleichert auf. Der Schrank stand ziemlich in der Ecke und war recht dickwandig. Wenn er Glück hatte, hatte die Vase dort zwar gestanden, aber nichts hören können von dem, was am Tisch gesprochen worden war. Und vom Wintergarten, in dem Kira den Oleander so fulminant verzaubert hatte, war es auf jeden Fall weit genug weg! „Wie sieht sie aus?“ Kira beschrieb ihm die Vase und Mitras klingelte Abigail herein. Nach einer kurzen Erklärung einigten sie sich darauf, dass Abigail die Vase herausnehmen würde, einige Blumen hineinstellen würde und dann damit zum Gesindehaus gehen würde. Und – ganz aus Versehen – würde sie sie dabei fallen lassen. Dann konnte sie sie in den Kamin des Gesindehauses werfen. Mitras würde den Kamin später magisch reinigen und so jeglichen Zauber, der eventuell verblieben war, vernichten. Er beschloß, selbst einen Abhorchzauber auf eine andere Vase zu wirken zu lassen, um zu testen, wie gut man aus dem Schrank heraus Gespräche belauschen konnte und hoffte, damit seine Unruhe und Sorge etwas schmälern zu können. Stefania würde ihm sicher behilflich sein können. Da Kira sich immer wieder die Augen rieb, bot er ihr eine Pause an, was sie dankbar annahm, und während Abby die Vase heraus brachte, setzen die beiden sich einen Moment in den Wintergarten und tranken einen Tee. Anschließend bat er sie, nun auch die restlichen Räume zu durchsuchen. Sie fand zu seiner Beruhigung nichts.

Als sie im Keller vor der Geheimtür standen, hielt Kira allerdings inne. Sie schaute auf die Wand. Mitras schmunzelte. Er hätte sie sowieso gebeten, das Labor im Keller ebenfalls abzusuchen. „Nun, siehst du etwas?“, fragte er sie. Sie schaute ihn an und er hatte den Eindruck, sie sei ein wenig verlegen. Dann deutete sie zielgenau auf den magischen Schlüsselstein. „Da ist etwas. Aber es ist kein Wabenmuster.“ Mitras nickte und öffnete erst mit einem magischen Stoß das Schloss, dann entriegelte er den mechanischen Teil der Tür. Zu seiner Enttäuschung reagierte Kira nicht so überrascht, wie er erhofft hatte, aber nun, sie hatte ja auch den Schlüsselstein schon gesehen. Er führte sie in das Labor und war sehr erleichtert, dass sie auch dort keine weiteren Spione fand. Sie deaktivierte den Zauber und er nutzte die Gelegenheit, ihr das Labor und die Testgeneratoren zu zeigen. Anschließend aßen sie mit den anderen zu Abend, und natürlich rätselten sie alle, woher die beiden Spione stammten. Abby erinnerte sich, dass die Vase mit einem großen Gesteck anlässlich Mitras Geburtstag zusammen ins Haus gekommen war, aber sie wusste nicht mehr, wer es geschickt hatte. Vom Stein wusste niemand etwas. Mitras versuchte, Kira zur Erholung vom Laden zu befreien, aber sie bestand darauf, ihm helfen zu dürfen, und so beschloßen sie den Tag gemeinsam. Mitras spürte deutlich, dass sie stolz darauf war, ihm helfen zu können, es lag in ihrem Magiefluß, der außerdem keine Anzeichen der Erschöpfung anzeigte, die er nach der Suche deutlich bei ihr bemerkt hatte. Sie hatte Recht – das Laden, dass ihn über die Monate so ausgezehrt hatte, machte ihr kaum Schwierigkeiten, wohingegen das Aufrechterhalten des Sichtzaubers im Haus sie deutlich mehr mitgenommen hatte. Er musste wirklich dringend mit Nathanael reden, um diesem Mysterium auf die Spur kommen zu können. Warum überhaupt konnte Kira anscheinend alle Magieformen so gut, aber ausgerecht Verwandlungsmagie nicht? Diese hatte bei der Sondierung doch die stärksten Werte gezeigt. Lag es nur am Trauma? Zu welchen Höhen in der Verwandlungsmagie würde sie wohl in der Lage sein, wenn sie das Trauma überwand? Wenn Verwandlung wirklich ihr stärkstes Gebiet war, war dort einiges zu erwarten. Andererseits erschien es Mitras mittlerweise genauso möglich, dass die Sondierung sich geirrt haben könnte. Das allerdings war dann nur zu seinem Vorteil, anders hätte er sie wohl kaum als Schülerin bekommen, aber auch über die Zuverlässigkeit der Sondierung würde er mit Nathanael sprechen  – außerdem würde er ihm auch von den Spionen erzählen. Ob Titus etwas über die Spione wusste? Er würde sowieso auch mit Stefania reden müssen, denn alleine konnte er die Vase nicht verzaubern. So sehr er Kira vertraute – eine Expertin der Hellsicht war sie nicht. Am besten ließ er Stefania noch einmal die Räume durchsuchen, jetzt, wo die Spiegel sowieso ausgeschaltet waren. Bei der Gelegenheit konnte er sie dann auch gleich fragen, ob sie sich vorstellen könnte, Kiras Hellsichtfähigkeiten weiter zu schulen. Solche Fähigkeiten, das wusste er, führten selten dazu, dass man viele Freunde gewann, und er wünschte sich für Kira, dass sie ihre Schulzeit unbeschwert erleben konnte, also musste eine Hellsichtausbildung unbedingt im Geheimen erfolgen. Und auch, wenn nichts dieser Pläne seine Sorgen und seinen Ärger über die Spionageversuche mindern konnte, so merkte er doch, dass es ihm gut tat, Zukunftspläne dieser Art zu schmieden und sich um seine wunderbare neue Freundin, die ihm gerade an diesem Tag wieder bewiesen hatte, wie wertvoll sie sein konnte, zu kümmern.

Flater Orangentorte- 4. Firn 242 (Silenz)

 Mit dem neuen Oberteil mit dem feinen grünen und weißen Blütenmuster, dass Abby erst vor wenigen Tagen fertiggestellt hatte und dem passenden grünen Rock dazu, mit Hut und Handschuhen und natürlich den wundervollen Ohrringen, die Mitras ihr geschenkt hatte, fühlte sich Kira fast vornehm genug, um mit ihrem Magister ausgehen zu können. Einen Moment lang stand sie vor dem Spiegel und überlegte, dann setzte sich sich nocheinmal, holte ihre selten genutzten Schminksachen hervor und legte ein ganz wenig grüne Farbe auf ihre Augenlider. Ja, jetzt war es perfekt!

Mitras wartete bereits unten in der Halle auf sie und nickte ihr freundlich anerkennend zu. „Das Korsett steht dir! Hat Abby es erst die letzten Tagen fertig gestellt oder hebst du dir so schöne Stücke etwa für einen Ausflug mit deinem alten Mentor auf?“ Kira spürte, wie sie – mal wieder – rot anlief. „Es ist neu.“ sagte sie. „Und du bist gar nicht so alt.“ Mitras lächelte und bot ihr seinen Arm an. „Irgendwann werde ich neben meiner fleißigen und überaus begabten Schülerin aber ganz alt aussehen!“ Kira protestierte, während sie sich einhakte: „Mitras, du bist der jüngste Magister der letzten Jahrzehnte, erfolgreich, reich und gutaussehend. Ich bin nur ein Dorfkind mit roten Haaren, schlechten Mathekenntnissen und einem Talent für Pferde, ich werde dich niemals alt aussehen lassen.“ Mitras sah sie einen Moment still an, die Hand schon auf dem Türknauf, und Kira schaute in seine eisblauen Augen, bis ihr Herz raste. Dann hob er die Hand, legte sie auf ihre Schulter und sagte ernst: „Diese Sicht auf dich ist das, was ich meine Feinde gerne glauben lassen würde, denn es ist gut, unterschätzt zu werden, bis man wirklich stark ist. Aber du solltest niemals vergessen, dass ich in dir eine begabte …“, er stockte kurz, „eine begabte und schöne Frau sehe, die ein faszierendes Talent und geheimnisvolle Potentiale hat. Und ich freue mich, dabei sein zu dürfen und dir helfen zu können, diese Potentiale zu entfalten, auch wenn du mich dabei in mancherlei Bereichen sicherlich überflügeln wirst.“ Kira wusste nicht, was sie sagen sollte, also sagte sie nichts und senkte verlegen den Kopf, um nicht zu zeigen, wie rot sie wurde und wie sehr seine Worte sie mit Glück erfüllten. Später wusste sie nicht, wie sie zum Café gekommen waren, denn der Sturm aus tausend kleinen Faltern in ihr ließ ihr keine Ruhe, bis Mitras ihr vor einem etwas kleineren Haus zwischen höheren Wohnhäusern aus der Kutsche half und sie dann los ließ. Sie staunte darüber, dass es anscheinend mitten in der Stadt ein kleines Haus gab, dass aussah, als hätte es auch in der Nähe von Flate auf einem Hügel liegen können: Mit einem kleinen Vorgarten, in dem es zwischen Blumenbeeten einen gewundenen Gang und einige kleine runde Terrassen gab, auf denen abgedeckte Tische standen, einem Dach aus Schilf und einer Wand aus roten Ziegeln zwischen dicken Bohlen. Hinter dem Haus ragten zwei große Bäume hervor. Mitras war ihrem Blick gefolgt und schmunzelte. „Ja, tatsächlich ist es von Anfang an als Café geplant gewesen, und um Gäste anzulocken baute der Besitzer statt eines großen Hauses eine kleine Berger Kate. Dort drinnen gibt es Mittags den besten Fisch und nachmittags hervorragende Torten. Komm, ich habe einen Tisch reservieren lassen!“

Zu Kiras Belustigung bestellte Mitras eine Flater Orangentorte. Sie konnte ihm nicht erklären, warum sie darüber kichern musste, aber sie nahm sich fest vor, es Abby zu erzählen. Am Anfang hatte sie sich im Café etwas unwohl gefühlt – etliche Personen hatten sich nach ihr und Mitras umgedreht – aber er hatte einen Tisch bestellt, der etwas in einer Nische lag, und so konnte sie sich entspannen und ihr Stück Schokladentorte mit einer ihr unbekannten, rotlichen Fruchtmasse darin genießen. Die Süße der Schokolade in Kombination mit der Säure der Früchte schmeckte hervorragend, und sie schaute Mitras dabei an, während sie das Gefühl im Mund genoß, spürte, wie ihr Herz klopfte und stellte fest, dass heimliches Verliebtsein Ähnlichkeiten mit dieser Torte hatte. Es schmeckte gut, aber war auch ziemlich säuerlich. Naja, immerhin war es keine Orangentorte, obwohl die Variante, die Mitras da vor sich stehen hatte, wirklich viel Sahne beinhaltete.

Mitras war nicht entgangen, dass ihr die Blicke zu schaffen machten. Er war selbst auch nicht gerade erpicht darauf im Mittelpunkt zu stehen und hatte zu ihrer beider Glück eine der Nischen reserviert. Nun merkte er ihr an, dass sie sich entspannte. Er konnte sich nur keinen Reim darauf machen, was sie an der Tortenwahl so lustig fand. Sowohl für Uldumer als auch Burniaser Verhältnisse war Flater Orangentorte ein absoluter Exot. Normalerweise mochte Mitras sie auch nicht sonderlich, normalerweise jedenfalls. Das ursprüngliche Rezept war ihm zu bitter, aber hier hatten sie die Torte ein wenig abgewandelt, so dass sie süßer war. Christobal war ein großer Freund dieser Torte, die wohl durch seine Urgroßtante oder eine andere entfernte Verwandte in die Familie gebracht worden war. So hatte Mitras sie letztendlich auch kennen lernen müssen und Christobal ließ es auch nicht zu, dass jemand in diesem Backwerk etwas anderes sah, als ein Meisterwerk.

​“Warum denkst du, dass ich andere Magieformen probieren sollte, Magister? Und welche überhaupt?“, fragte Kira, als sie ihre Torte fast aufgegessen hatte.​​​​​​ „Weil du anscheinend schon unterbewusst Zugang zu den eher priesterlich angehauchten Varianten der Elementarmagie gefunden hast. Priester wirken Zauber ähnlich wie wir, nur dass sie zum einen nicht selbst Magie schöpfen, dafür brauchen sie die Hilfe von ihnen wohlgesonnenen Geistern, und zum anderen formen sie die Magie nicht durch Formeln, sondern durch Gebete oder Gesänge. Beides ist natürlich auch wieder eine Form von Formulierung, aber nicht so exakt wie in der Gildenmagie, was dann wiederum ausladendere Formulierungen nötig macht. Du selbst brauchst keine Hilfe von Geistern und hast deine eigene Magie genutzt. Wobei es hier seltsam wird. Normalerweise unterscheiden sich die reinen Magieströme von Priestern und Zauberen, was dazu führt, dass sie die Zauber der jeweils anderen Proffession nicht wirken können. Das scheint für dich aber nicht zu gelten, was wohl daran liegt, dass du so lange mit deinem Bruder Harras zusammen warst. Ich weiß nicht wie, aber unterbewusst hast du gelernt deine Magie für seine Zauber zu nutzen. Ich glaube, dass es dir dadurch auch leichter fallen könnte, verwandte Elementarzauber zu erlernen. Die Systematik der Magie hast du ja schon anhand der Telekinese erfahren. Deswegen glaube ich auch, dass du mich irgendwann überflügeln wirst. Natürlich nicht in der Verwandlung unbelebter Materie, aber Elementarmagie liegt mir selbst überhaupt nicht. Du scheinst da ein breiter aufgestelltes Talent zu haben. Das ist recht selten, aber auch nicht komplett ungewöhnlich. Nur dein Potential, das ist mir so noch nicht begegnet, wird für dich aber hoffentlich auch kein Problem sein.“ Kira schaute ihn aufmerksam an, ihre Wangen ein wenig gerötet, und ab und zu runzelte sie die Stirn oder wiegte den Kopf, wie sie es oft tat, wenn sie über seine Vorträge nachdachte. Mitras spürte wieder einmal, wie stolz er darauf war, eine solche Schülerin unterweisen zu können. „Deine Erzählung über deinen imaginären Freund deuten auch noch auf ein weiteres Talent hin. So wie du ihn beschrieben hast, würde ich eher auf einen Geist tippen, der sich bewusst an dich gehangen hatte, weil du ihn sehen kannst. Tatsächlich ist es vielen Kindern begrenzt möglich Geister zu sehen, wenn diese es denn wollen, aber die meisten verlieren diesen Kontakt dann schon im frühen Alter wieder. Bleibt der Kontakt länger bestehen als bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine hellseherische Begabung. Neben den Priestern sind es vor allem die Zauberer der Hellsicht Schule, die mit Geistern kommunizieren können. Wobei das natürlich nur ein Aspekt dieser Lehre ist. Du siehst also, deine Fähigkeiten sind breit aufgestellt. Du solltest dich in allen Schulen ein bisschen ausprobieren, damit sich die Magie immer natürlicher für dich anfühlt. Ich hoffe, dass sich dann auch irgendwann deine Angst vor der Verwandlungsmagie löst.“

Ja, das wäre tatsächlich gut. Aber jetzt gerade, in diesem vornehmen Café und Mitras Stimme lauschend, die ihr eine unglaublich Zukunft vorhersagte und sie ja geradezu mit Komplimenten überschüttete, hatte Kira nicht das Gefühl, dass sie sich noch vor igrendwas fürchtete – nicht mal mehr, von einem Mann angefasst zu werden. Sie würde jemanden wie Johann das nächste Mal einfach mit Magie umpusten. Sie grinste. Mitras erwiderte ihr Lächeln, doch dann wurde seine Minie plötzlich steif und verärgert. Sie drehte sich, um seinem Blick zu folgen und sah, wie der Kellner zwei Männer in Anzügen an einen Tisch nicht weit von ihnen geleitete. Der altere der beiden trug silberne Stickereien am Kragen und an den Ärmeln seines Jackets, war also ein Magier. Er blickte einmal durch den Raum, und offenbar erkannte er Mitras ebenso, wie Mitras ihn erkannt hatte. Etwas verschlagenes glitt über sein Gesicht und Kira wusste instinktiv, dass sie diesen Mann nicht mochte. Irgendwas an ihm erinnerte sie auch an Johann, und während er auf ihren Tisch zutrat, verschwand all ihr Hochgeühl schlagartig und wich einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend.

Kira nahm alles, was er sagte, gut auf, er konnte es förmlich sehen wie es in ihrem Kopf arbeitete und sie anfing Möglichkeiten wahrzunehmen. Kira bot auch für ihn Chancen, durch sie erfuhr er, dass es gar nicht so schlecht war Lehrer zu sein, vorausgesetzt der Schüler oder die Schülerin war so fähig wie Kira. Nach seinem Monolog blickte er sich kurz zufrieden um, es schien ein vollkommener Nachmittag zu werden. Er genoß die Zeit sehr, bis sein Blick auf zwei neue Gäste fiel, die gerade eingetreten waren und nun fast direkt auf sie zu geleitet wurden. Die Gebrüder di Porrum. Er riss sich stark zusammen, um sich nicht sofort seine komplette Abscheu anmerken zu lassen, aber es gab nichts, was ihn diesen Tag mehr verderben konnte als diese beiden. Während Cepus sich an den angewiesenen Tisch setzte, blickte ihn Secus direkt an und kam auf ihn zu. Unter dem Tisch glitten Mitras Hände unwillkürlich zu den Elektrumarmbändern. Er trug sonst keine Waffen, auch weil er Kira in der Stadt ein Gefühl von Sicherheit geben wollte. Außerdem war ein Rapier in einer Umgebung wie dieser doch unschicklich. Aber diese eigene Sicherheit hatte er gebraucht und es war den verschlungenen Bändern ja auch nicht anzusehen, dass sie innerhalb eines Augenblickes zu tödlichen, nahezu alles schneidenden Klingen werden konnten. „Ah Magister Mitras, hat es euch doch einmal aus der Alchimistenhöhle getrieben?“, begann Secus mit einem überaus höflichen Ton, der seine Beleidigung doch nicht verbergen konnte. „Und wer ist diese rothaarige Begleitung?“ „Nun Secus, als ehrenwerter Magister der Schule verbringe ich viel Zeit mit den wichtigen Forschungsaufträgen, ebenso mit den Aufträge des Königshauses und nun habe ich auch noch die Freude mich, in Vorbereitung auf meine weitere Gildenkarriere, als Lehrmeister zu profilieren. Diese werte Dame hier ist meine Schülerin Kira Silva. Kira, dies ist Graf Secus di Porrum. Ein früherer Schüler von Erzmagier di Hedera.“ Secus  deutete eine Verbeugung Kira gegenüber an und verbesserte: „Magister di Porrum. Sie haben mein Beileid.“ Kira schaute ihn kühl an und deutete mit einer leichten Kopfbewegung eine Verbeugung an, gerade genug, um den Regeln der Höflichkeit zu folgen. „Ich wüsste nicht, wofür man mich bedauern müsste, Graf di Porrum.“ Mitras musste sich zusammen reißen, nicht laut aufzulachen. Das war sein Mädchen! Mit nur einem Satz nahm sie das ganze Gehabe seines Gegners einfach auseinander. Secus runzelte die Stirn und sagte gehässig: „Nun, das kann ich mir bei Ihrer Herkunft lebhaft vorstellen.“ Zu Mitras gewandt ergänzte er: „Wenn es Sie dann zu sehr einnimmt, ein ehrenwerter Mentor zu sein, können Sie ja jederzeit auf mein Angebot zurückkommen. Aber ich werde den Preis, den ich bereit bin zu zahlen, verringern, wenn Sie noch lange warten.“ „Das wird nicht nötig sein. Ich habe bereits einen Vertrag mit der Schule der Verwandlung abgeschlossen. Der Erzmagier di Hedera hat mir den äußerst fähigen Erzmagier di Camino, ein ausgezeichneter Metallurge, zur Unterstützung zur Seite gestellt. Natürlich wird mich die Schule nur bei der Grundlagenforschung unterstützen, da ich bisher der einzige bin, der die Geheimnisse dieses neuen Stoffes wirklich zu meistern verstanden hat. Dafür wurde ich ja auch von der Gilde und dem König ausgezeichnet. Wenn Sie eine ähnliche Expertiese vorbringen könnten, dann würde ich Ihr Angebot ja in Betracht ziehen, aber so. Es tut mir leid. Ich fürchte, das würde Sie doch zu sehr fordern.“ Mitras war absichtlich ein wenig lauter geworden und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass sich bereits mehrere Leute in ihre Richtung umgedreht hatten und sicher auch genug vom Gespräch mitbekamen. Das wurde nun wohl auch Secus bewusst, der sich errötend und wütend kurz umsah.“Das wird dir noch leid tun!“, zischte er leise, ehe er sich umdrehte und zu seinem Bruder zurück ging, der am anderen Tisch stehen geblieben war. Er sagte kurz etwas und rauschte dann zur Tür hinaus, seinen Bruder hinter sich. Einen Moment lang war es still, dann begannen an allen Tischen die Gespräche wieder, als sei allen bewusst geworden, wie unhöflich die Stille war. Mitras atmete einige Mal bewusst ein und aus, um seine Gefühle zu kontrollieren, und schaute dann Kira an. Sie hatte das wunderbar gemacht, aber dennoch… ein unbestimmtes Gefühl von Sorge lag auf seiner Brust. Secus war nachtragend, er würde auch nicht vergessen, dass sie ihn hatte auflaufen lassen. Er hoffte inständig, dass er danach Secus selbst genug gereitzt hatte, um von Kira abzulenken. Er sollte ihr vielleicht nun auch ein paar Zauber zur Selbstverteidigung beibringen. Nur zur Sicherheit.

Kira aß schweigend ihre Torte auf. Sie schmeckte gar nicht mehr so gut, seitdem sie den Disput zwischen Mitras und diesem Graf di Porrum angehört hatte. Zu sehr fühlte sie sich an die Dispute ihrer Eltern erinnern, an Torges Gehässigkeit und an das Geschwätz der Dorfweiber, denen es ja doch immer nur darum ging, sich selbst besser dastehen zu lassen. Mitras war erfolgreich, aber dass er das so hervorhob, war ihr bisher nicht begegnet, und sie fand, dass es diesem schmierigen Mann gegenüber zwar wohl angemessen war, aber Mitras hätte dabei nicht so laut werden müssen. Kira mochte nicht, wenn jemand laut wurde, egal warum. Und jemanden anderen öffentlich bloßzustellen, und sollte er noch zu unsympathisch sein, hinterließ einen schalen Geschmack in ihrem Mund. Was, wenn Mitras sich so gegen sie richtete? Das würde sie vermutlich nicht aushalten, realisierte sie. Zu oft war sie selbst Ziel von Spott und Hohn gewesen. Von anderen würde sie es ertragen, aber der Ton, den sie eben an Mitras gehört hatte, machte ihr Angst. Vom ihm, unter allen Menschen, von ihm würde sie sowas nicht ertragen. Nachdenklich rührte sie in ihrem Tee herum und spürte, wie ihr das Herz wehtat bei dem Gedanken, nicht mehr in seiner Nähe sein zu können, von ihm abgelehnt zu werden. Was war nur in den letzten Wochen mit ihr passiert, dass ihr es plötzlich so wichtig war, was jemand anderes über sie dachte? Sie war doch immer frei gewesen, selbst ihre Mutter hatte sie nicht so getroffen, wie Mitras Stimme und auch nur der Gedanke daran, dass er sich gegen sie richten könnte, es jetzt gerade tat. Sie schaute ihn vorsichtig von unten herauf an. Er saß schweigend da und sah sie an, aber sie konnte keinerlei Ablehnung entdecken. Machte er sich Sorgen?

Mitras merkte, dass Kira nun besorgt und niedergeschlagen war. Dieser verfluchte Bastard hatte ihnen beiden den Nachmittag gehörig verdorben. Wie konnte Mitras das nur wieder richten? Mittlerweile fing es auch an zu dämmern. Von hier war der obere Teil des Avens nicht weit. Dort gab es einen leichten Hügel mit einer kleinen Aussichtsplattform. Vom Aristrokratenviertel konnte man von dort zwar nichts sehen, aber das Händlerviertel, die Altstadt, der Hafen, all das lag darunter ausgebreitet und auch die Gebiete im Norden konnte man sehen, wenn es nicht zu viel Nebel über dem Avens gab. Weit war es nicht. „Kira, ich möchte dir noch etwas zeigen. Der Tag soll auf einer besseren Note enden. Wenn du nichts dagegen hast, werden wir jetzt noch einen kleinen Spaziergang machen.“ Kira nickte. „Selbstverständlich, Magister.“ Die förmliche Rede stach ein bisschen, war aber hier in der Öffentlichkeit wahrscheinlich angebrachter als sein eigener vertraulicher Tonfall. „Gut.“ Er winkte einen der Kellner heran und beglich die Rechnung und ergänzte sie, mit einem Nicken auf den leeren Tisch, an dem die di Porrums sich hatten setzen wollen, um ein großzügiges Trinkgeld. Es ärgerte ihn, dass er nirgends vor den Übergriffen seiner Feinde sicher war, aber so konnte er sich wenigstens bei dem unnötig in Mitleidenschaft gezogenen Personal entschuldigen. Der Kellner nickte mit einem wissenden Blick und sagte dann zum Abschied: „Meine Dame, mein Herr, ich hoffe Sie bald wieder in unserem Haus begrüßen zu dürfen.“ Er verbeugte sich noch einmal tief. Mitras war nicht entgangen, dass er sehr darauf geachtet hatte, dass andere es mitbekamen, wer der Meinung des Personals nach der Störenfried gewesen war.

Mitras geleitete Kira aus dem Haus und die Straßen entlang zu der Plattform. Sie wirkte immer noch ziemlich niedergeschlagen und das bedrückte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Doch als sie auf der Plattform standen und unter ihnen in der lilanen Dämmerung die Lichter der Stadt nach und nach aufglühten, fand sie zu seiner Erleichterung zu ihrer üblichen Unbeschwertheit zurück und staunte über die Aussicht. Er unterdrückte den Implus, sie in den Arm zu nehmen, und fasste nur ein wenig ihre Hand, um sie zu drücken, und sagte: „Es freut mich, dass dir deine neue Heimat gefällt.“ Kira lächelte ihn scheu an, erwiederte den Druck aber und flüsterte, den Blick über die Stadt gleiten lassend: „Heimat. Danke, dass du mir eine gibst.“ Einen Moment lang standen sie schweigend, dann kamen von unten die Treppe herauf einige Leute und Mitras beeilte sich, ihre Hand loszulassen. Man war nirgendwo sicher, und derartige Vertrautheit sollte besser niemand wahrnehmen, dass war ihm nach dem heutigen Nachmittag nocheinmal deutlich bewusst geworden.

Exotische Magie – 4. Firn 242 (Silenz)

Einige Tage später, am Silenz, saß Kira im Wintergarten und beobachtete Tobey, der im Beet herum kroch und die Pflanzen versorgte. Sie hatte vor sich ein Notizbuch liegen, in das der Herzog di Pinzon ihr am Mirastag nach einem langen Vortrag über Gleichungen und die Möglichkeiten, sie durch Geometrie zu lösen, einige Aufgaben notiert hatte, und versuchte eher unmotiviert, die Linien für die letzte Aufgabe so so korrekt zu zeichnen, dass man die Lösungen ablesen konnte. Er hatte in seiner kleinen, sauberen Handschrift hinter jede Aufgabe auch die Lösung notiert und ihr deutlich gesagt, dass er nicht daran interessiert sei, ob sie diese raten könne, sondern ob sie sie begründen könne. Kira hatte Sebastian davon erzählt, allerdings nur flüsternd, der Herzog hatte ja deutlich gesagt, dass ihre Stunden bei ihm ein Geheimnis bleiben sollten. Sie fand aber, dass Sebastian eine Ausnahme von allem sein konnte – immerhin hatte sie ihm ja auch erzählt, dass sie ein wenig in ihren Mentor verliebt war, und mehr Geheimnis ging ja wohl schlecht. Sebastian hatte sich beinahe an seinem Tee verschluckt, so sehr hatte er lachen müssen, und ihr dann erzählt, dass Herzog Christobal di Pinzon durchaus auch Vorlesungen an den Akademien als Gastdozent hielt, und auch an der Universität für Nichtmagische Wissenschaft berühmt-berücht war für seine Vorträge. „Er ist ein Genie, glaube ich“, sagte Sebastian, „aber ein sehr schrulliger Mann manchmal.“ Er hatte ihr auch Hilfe bei den Hausaufgaben angeboten, aber Kira wollte sich nicht zu sehr helfen lassen, eigentlich war der Vortrag ganz verständlich gewesen, und seitdem die Mathematik mehr war als Kaufmannsaufgaben fand sie sie auch nicht mehr ganz so schlimm. Stattdessen hatte sie es vorgezogen, sich von Sebastian dabei helfen zu lassen, aus dem Theaterprogramm, dass ihr Guardia Engel hatte schicken lassen, ein Stück auszusuchen. „Julis und Roma“, hatte sie nämlich herausgefunden, war ein dramatisches Stück um zwei unglücklich Verliebte Adelige, die wegen eines Familienstreites nicht zusammen sein dürfen. So etwas romantisches fand Kira unpassend für einen Theaterbesuch mit einer alleinstehenden Witwe, also überlegten sie und Sebastian, dass sie lieber die in einigen Wochen beginnende Aufführung von „der gebrochene Teller“ ansehen könnte, da es ein lustiges Stück über eine „schändliche Tat und die Versuche, diesselbe zu verbergen“ sei. Kira war noch nie im Theater gewesen und Sebastian bestätigte, dass eine Komödie als Einstieg wohl besser geeinigt sei als eine Liebestragödie. Gemeinsam verfassten sie eine Antwort an die Großmutter von Maximilian Engel und Sebastian kümmerte sich sogar um einen Boten.

Tobey fluchte, als er in einige Dornen im Beet an der Hauswand griff. Kira spürte, wie eine Welle von Sehnsucht über sie rollte. Sie vermisste Bruder Harras. Er hatte auch immer an irgendwelchen Pflanzen herumgewuselt, während sie am Tisch saß und lernte. Ihr Bruder Adrian hatte auf ihren Brief geantwortet, er freue sich sehr, dass es ihr gut gehe. Zuhause sei alles wie gewohnt. Er wirkte ein wenig unbeholfen, wahrscheinlich hatten die anderen ihm ziemliche Schauergeschichten erzählt, aber sie war sehr erleichtert gewesen, dass er ihr überhaupt schrieb. Sie sollte wirklich auch Bruder Harras mal schreiben. Gedankenverloren streckte sie die Hand nach einem Blatt des Oleanders aus, das neben ihr über den Tisch ragte, und strich darüber. Es fühlte sich gut an. Sie dachte daran, wie Bruder Harras neben den Pflanzen gestanden hatte, sie gestreichelt hatte und gesungen. Er bat die Geister um Hilfe, das wusste sie, und von dem, was sie bis jetzt außerdem über Magie wusste, nahm sie an, dass er außerdem Magie kanalisiert hatte und die Pflanzen damit gefüttert hatte. Leise begann sie zu summen. „Hmmm…hmhmm.. Gäa, meine Mutter, Gäa, mein Vater, schenke uns allen, was uns soll gefallen… hmhm…“ Leise prickelte ein bisschen Magie in ihren Händen, und sie öffnete sich, ließ sie zu der Pflanze fließen. „Hhmmhmmm… was soll uns gefallen, was soll uns ernähren, kannst du uns gewähren…hmhmmm…“

Den Rest der Woche war Mitras zum Glück viel zu sehr von seiner Arbeit eingespannt gewesen und war Kira außer beim Essen, Laden und ihren Lehr- und Meditationsrunden nicht über den Weg gelaufen. Beim Essen lenkten ihn die anderen ab, und in ihrer Lehrstunde hatte der anstehende Stoff und die zeitliche Distanz geholfen. Aber die erste Meditation war schwer gewesen und das Laden danach erst…

Mitras wusste rückblickend nicht was ihn so sehr die Kontrolle hatte verlieren lassen. Ja, sie sah sehr gut aus und ja seine letzte Frau war sehr lange her. Aber sie war auch seine Schülerin und dann war da noch die Geschichte mit Johann. Wobei – das mit der Schülerin oder dem Schüler hielt diverse andere Mentoren auch nicht auf, aber trotzdem. Sie war noch jung und unerfahren, und die Begegnung mit diesem möchtegern adeligen Bastard hatte sicher Spuren hinterlassen. Er musste außerdem darauf achten insbesondere öffentlich nicht zu vertraut mit ihr umzugehen. Ihm war erst jetzt bewusst geworden, wie sehr das die Fasade von der nervigen Ablenkung, die er Thadeus gegenüber aufgebaut hatte, sonst zerbröckeln könnte. Und er wollte gar nicht erst daran denken, was die di Porrums ihr antun könnten, wenn sie zu früh feststellen sollten, dass sie ihm wichtig war.

All diese Gedanken liefen seinen eigentlichen Plänen für den Nachmittag komplett entgegen. Er hatte sich überlegt, vielleicht auch aus schlechtem Gewissen, sie in ein Café in der Nähe des Avens, auf der anderen Seite des Händlerviertels einzuladen. Aber gut, er war ja auch für ihre gesellschaftliche Bildung verantwortlich und da gehörte auch die Caféhauskultur der Hauptstadt dazu. Und außerdem hatte er den vorzüglichen Kuchen dort schon viel zu lange nicht mehr genoßen, und für Kira war es eine gute Belohnung für all die Leistungen, die sie in letzter Zeit vollbrachte.

Er kam nun gerade die Treppe herunter, nachdem er sie weder in ihrem Zimmer noch in der Bibliothek angetroffen hatte. Sie würde wohl im Wintergarten sein, soweit er wusste, war sie dort fast genauso häufig wie in der Bibliothek. Er öffnete die Tür und hörte sie schon beim Eintreten irgendwas halb summen halb singen. Er erkannte die Melodie aber nicht. Sie saß mit dem Rücken zu ihm am Oleanderstrauch. Ein Oleanderstrauch, der trotz des gleichmäßigen Klimas im Wintergarten üblicherweise seine gelben Blüten nur vom späten Frühling bis in den Herbst hinein zeigte und damit dann das Herzstück des mittleren Beetes war. Doch nun, mitten im Winter, von gestern auf heute, blühte er! Nur einige Blüten, aber sie leuchteten deutlich gelb zwischen dem Grün des Busches, und während Mitras verblüfft hinsah, öffnete sich vor seinen Augen eine weitere. Kira hatte ihn immer noch nicht bemerkt. Sie strich gedankenverloren über eins der Blätter und summte weiter. Einer Eingebung folgend beschwor Mitras seine magische Sicht herauf. Sie zauberte eindeutig, es war jedoch keine klar definierte Magie, aber auch kein chaotischer Ausbruch. Es sah am ehesten so aus wie die Magie eines Priesters, aber Mitras konnte keine Geister sehen, die aktiv halfen. Außerdem war es eine Magieform, die er bei ihr noch gar nicht beobachtet hatte. Auch wenn Priester ihre Magie von Geistern erhielten und sie in Form von Gebeten wirkten, so folgten sie doch den üblichen Regeln. Nur, dass sie aufgrund der Geisterbindung in der Regel nur Heilungsmagie und Elementarmagie wirken konnten. Nur wenige starke Priester hatten leichte hellseherische Fähigkeiten, die dann auch von den Geistern abhängig war, die sie umgaben.

Kira wirkte nun ganz beiläufig, was einem Priester Jahre der Übung gekostet hätte. Da fiel es Mitras wieder ein. Der Dorfpriester, sie hatte viel Zeit mit ihm verbracht. Sicher hatte sie sich einiges von ihm abgeschaut, nur dass sie keine Geister als Hilfe brauchte. Aber nach einer so langen Zeit konnte es gut sein, dass sie sich einige der Gebete oder Rituale abgeschaut oder intuitiv gelernt hatte. Nach ihren Erfolgen mit der Telekinese wirkte sie nun also auch Elementarzauber, wobei sie diese wohl schon länger kannte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie steckte weiterhin voller Überraschungen. Er trat leise an sie heran und blickte über ihre Schulter. „Na, meine zauberhafte Schülerin ist ganz versunken darin meinen Garten zu verzaubern?“  

Als Mitras Stimme plötzlich nah an ihrem Ohr erklang, riss Kira vor Schreck beinahe das Blatt ab. Sie sprang nach oben und zur Seite, und nur Mitras schneller Reaktion verdankten die beiden, dass sie nicht mit den Köpfen zusammen stießen. „Ich… äh… was?“ Sie schaute den Oleander an. Hatte er eben auch schon Blüten gehabt?

Mitras wich aus und hielt sie fest, damit sie sich nicht selbst umwarf und lachte. „Ruhig, wie ich sehe erwische ich dich an deinem freien Tag gleich bei zwei Sachen, die du heute nicht tun solltest. Ein bisschen spät für Mathehausaufgaben oder? Aber was mich wirklich interessiert, hast du bewusst die Pflanze verzaubert oder geschah das versehentlich?“

Kira spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. „Ich hab gestern schon angefangen!“, protestierte sie, dann wurde ihr bewusst, was er als zweites gesagt hatte. Gezaubert? Sie schaute auf den Oleander. Es war Winter, er hätte nicht blühen können. Obwohl, die Bougainvillea blühte ja auch, obwohl es Winter war. Verwirrt sah sie die Blüten an. Die waren gelb, und gelbenOleander hatte sie noch nie gesehen. Wenn er vorhin schon geblüht hätte, wäre ihr das doch aufgefallen! Hatte sie wie Bruder Harras ihn durch ihr Singen zum Blühen gebracht? Freude schwappte über sie hinweg und sie hob staunend die Hand, um eine Blüte zu berühren. Im nächsten Moment saß sie auf der Bank und heulte. Sie vermisste das Gartenhaus von Harras!

Was war denn nun los? War er zu grob gewesen? Nicht genau wissend, was er jetzt tun sollte, setzte er sich zu ihr: „Es ist schon gut, Kira. Solange den Pflanzen nichts passiert, kannst du sie gerne verzaubern.“ fing er unsicher an. „und nein, ich bin dir wegen der Mathehausaufgaben nicht böse, auch wenn du sie eigentlich schon erledigt haben solltest.“ Sie schniefte, griff sich dann in den Ausschnitt des Kleides und zog ein Taschentuch hervor. „Nein, nein, das ist es nicht!“ Eine Schniefer und Hickser folgten, und sie putzte sich die Nase. „Ich hab mich nur gefreut und ich vermisse Bruder Harras einfach… er war der einzige, der mir immer zugehört hat. Außer ihm hatte ich nur zwei richtige Freunde, meinen Bruder und Atlas, aber der war ja nicht echt.“ „Ein frühkindlicher imaginärer Freund?“ Sie schaute ihn an und zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Er war ein Hund und konnte mit mir sprechen, nennt man das dann einen imaginären Freund? Bruder Harras meinte, er könne ihn nicht sehen, und Atlas hat gekichert und gesagt, das solle er auch nicht, weil er erwachsen sei. Ich fand Atlas aber sehr real! Erst als meine Regelblutung eingesetzt hat, habe ich ihn nicht wieder gesehen.“ „Hm, es könnte sein, dass dein Freund sehr wohl real war.“ grübelte Mitras laut. Es gab viele Berichte über Kinder, bei denen später eine magische Begabung entdeckt wurde, die Geister sehen konnten. Oft nahm die Schule der Hellsicht solche Kinder auf, die diese Geistererscheinung lange und besonders intensiv sahen. Bis zum Einsetzen der Pubertät klang eigentlich recht intensiv, wenn er es sich recht überlegte. Eine intuitive Grundfähigkeit, auch Hellsicht zu wirken, würde ebenfalls erklären, warum sie vor einigen Tagen den Magiefluss hatte sehen können. Er fasste sich an den Kopf. Bei den Geistern, erst Elementarmagie mit Priestergesang, dann Hellsicht. Was steckte heute wohl noch in seinem kleinen Wundermädchen? „Kira, ich glaube, wir sollten wirklich andere Zauber probieren. Ich werde dir nachher zwei Bücher hinlegen, Einstiege zur Hellsicht und zur Elementarmagie. Und dann werden wir mal schauen, wie du dich da schlägst. Aber jetzt…“ er blickte sie so streng wie möglich an und deutete auf das Notizbuch. „…jetzt wirst du diese eine Aufgabe da meinetwegen beenden, und dann wirst du deine Sachen wegräumen und dir etwas feineres anziehen. Ich würde dir gern ein besonders gutes Café zeigen, sie machen tollen Kuchen.“

Andere Magie? Kira war gleichzeitig aufgeregt, nervös, glücklich, ängstlich, neugierig und … naja, hauptsächlich aufgeregt. Sie freute sich jetzt schon auf übermorgen, wenn sie Zeit zum Lesen hätte. Mathe würde sie heut abend zu Ende machen. Mit dem Tuch wischte sie sich die letzten Spuren der Tränen ab und nickte. Sie hatte Mitras zu ihrem Bedauern in der Woche gar nicht so oft gesehen und so vermischte sich in die Freude über die neue Magie noch viel mehr die Freude, Zeit mit ihm verbringen zu können und mehr von Uldum zu sehen. Rasch sammelte sie ihre Unterlagen zusammen, strahlte Mitras noch einmal an und huschte nach oben, um sich umzuziehen.