Fortschritt – 8. Lunet 242 (Ingastag)

Am nächsten Morgen schlief Mitras fast bis halb neun. Als er zum Frühstück runterkam, stellte er fest, dass er auch Kira verpasst hatte. Laut Abigail war das Mädchen schon vor einer Stunde unten gewesen, hatte trotz ihrer Einwände beim Frühstück geholfen und war nach dem Essen gleich wieder nach oben verschwunden, um zu lernen. William leistete ihm beim Essen Gesellschaft, während Abigail nach drüben ging, um mit dem Nähen anzufangen. „Die Kleine macht einen eifrigen Eindruck, würde mich nicht wundern, wenn Abby ihre Nase gewaltsam aus den Büchern ziehen müsste, um sie zum Essen und Trinken zu bewegen.“ witzelte er. „Der Eifer wird schon früh genug verfliegen, es ist jetzt alles neu für sie und äußerst aufregend noch dazu. Aber sie wird schon bald merken, dass es noch mindestens einen Monat dauert, bis sie ihren ersten Zauber wirkt und auch danach wird es viel Theorie zu lernen geben. Ich hab an der Akademie einige erlebt, die total ernüchtert aus ihrem ersten Jahr gekommen waren. Ach, verdammt, ich war ja selbst nicht besser. Thadeus hat mir die erste Aufregung jedenfalls schnell ausgetrieben.“, entgegnete Mitras. „Ja, aber du bist nicht Thadeus. Du hast immerhin eine Seele. Wann hatte der dich überhaupt das erste Mal zaubern lassen?“ „Nach einem halben Jahr.“, antwortete Mitras frustriert. „Erst als ich alle Formeln des Grundlagenwerks auswendig rezitieren konnte, hat er mir das Kanalisieren beigebracht und bis ich dann wirklich gezaubert habe, hat es nochmal fast ein Vierteljahr gedauert. Und nein, keine Sorge, ich habe nicht vor so lange zu warten. Kira soll sich jetzt einen Überblick über den Stoff verschaffen und dann werde ich Praxis und Theorie ineinander fließen lassen. Ich weiß aber eben noch nicht, wie ihr Wissensstand ist, den muss ich jetzt erst einmal ausloten.“ William betrachtete ihn eine Weile und sagte dann: „Du schaffst das schon. Immerhin weißt du ja schon, wie man es nicht macht!“ Er lachte und stand auf, um in die Küche zu gehen. „Und im Zweifelsfall werden Abby und ich dir wohl schon zur richtigen Zeit einen Tritt verpassen, damit du die arme Kira nicht zu sehr kaputt machst.“ Mit diesen Worten verschwand er in die Küche. Mitras war Thadeus letzter Schüler gewesen, bevor dieser in den Rang eines Erzmagiers aufstieg. Zwei Jahre war er bei ihm gewesen, nachdem sein Talent mit vierzehn offiziell entdeckt wurde. Kira würde nur ein Jahr haben, darauf hatte Thadeus ausdrücklich bestanden, sie sei ja schon jetzt zu alt für das erste Semester. In Mitras Sicht war das auch wieder nur ein Manöver um gleichzeitig ihm zu schaden und eine weitere Magierin auszubremsen, die nicht den Familien entsprang. Thadeus gehörte zu der Fraktion unter den Gildenmagiern, die stark auf die Abstammung Wert legten, er selbst war einer langen Linie von Magiern entsprungen und in seiner Weltanschauung sollten nur die zu wahren Magiern herangezogen werden, die auf eine lange Erblinie zurückblicken konnten. Magier, wie Mitras oder jetzt auch Kira, die die ersten ihrer Linie mit Magiebegabung waren, sollten nicht in den Rang eines Magisters aufsteigen können. Bestenfalls sollten sie als Mätressen für die magischen Häuser dienen, um ihre magische Begabung in Form von Kindern in diese einfließen zu lassen. Bis er Mitras aufnehmen musste, hatte er auch nur Schüler aus alten Häusern akzeptiert, aber der alte Erzmagier Bartolomeus di Nostradus, damals Vorsitzender der Akademie, hatte Druck ausgeübt. Der gute Bartolomeus war trotz seines hohen Alters ein sehr progressiver Mann gewesen und konnte Thadeus und sein elitäres Gehabe nicht ausstehen. Hätte Thadeus Mitras nicht erfolgreich ausgebildet, hätte Bartolomeus seinen Aufstieg wahrscheinlich noch weit über seinen Tod hinaus verhindert. Mitras Abschluss war nicht überragend, aber gut genug. Aber dass er anschließend dann so schnell zum Magister aufgestiegen war, war Thadeus ein steter Dorn im Auge. Seitdem er selber Leiter der Akademie war, versuchte er seine Fraktion der Traditionalisten, wie sie sich selbst nannten, zu stärken, indem er Magister mit gleichen Ansichten gezielt förderte. Aber noch waren die Progressiven, wie zum Beispiel Nathanael di Blanca, in der Überzahl und gerade Nathanael tat alles dafür, dass das auch so blieb. Mitras verdankte dem Magister enorm viel, nach dem Jahr bei Thadeus hatte Nathanael in seiner Zeit an der Akademie dafür gesorgt, dass er voran kam und ihn auch gesellschaftlich gefördert. Thadeus hatte seine Ausbildung ab dem Moment torpediert, als sein Versagen nicht mehr direkt auf ihn zurück fallen konnte und Nathanael wiederum hatte ihn vor diesen Attacken beschützt. Mitras zog große Genugtung daraus, dass er das Werk Transmutatis ausgerechnet aus dem Haushalt der di Marantus hatte. Lucrecius Vater war einer der engsten Freunde von Thadeus gewesen –  nun war Mitras durch den Fall dieser verbohrten alten Familie aufgestiegen, welch hervorragende Fügung.

Mitras beendete sein Frühstück und ging William mit dem Tablett hinterher. Dieser war gerade dabei, eine Tasse Tee für ihn aufzusetzen. „Na, geht es erst ins Büro oder gleich nach unten?“ fragte er, während er mit den Kräutern für den Tee hantierte. „Erst nach oben. Ich muss mir die neue Formel noch einmal ansehen. Die andere Versuchsserie ist so sehr schief gelaufen, dass ich da nicht wie gehofft aufsetzen kann.“ entgegnete Mitras. William blickte auf und sagte zu ihm: „Ha, hört sich frustrierend an. Vielleicht solltest du dich wohl erstmal eine Weile auf etwas anderes konzentrieren?“ Mitras seufzte. „Würde ich gerne, aber das Laden des Generators alle zwei Tage ist auf Dauer ziemlich auszehrend. Wenn ich nicht bald eine Lösung dafür finde, ist es aus mit unserem Luxusstrom und wir müssen wieder auf Gas oder schlimmer noch Kohle umrüsten.“ „Nun, das wäre wohl schlimm. Gut. Übertreib es aber nicht.“ William wandte sich wieder dem Tee zu und erst jetzt fiel Mitras auf, dass er zwei Tassen vorbereitet hatte. „Na, dein Tee ist fertig, willst du die andere Tasse wohl selbst zu deiner Schülerin bringen oder soll ich das erledigen?“ fragte William. „Nein, schon gut, ich gehe eh nach oben, da kann ich die Tasse auch gleich mitnehmen und sehen, ob sie gut gestartet ist.“ Er nahm die beiden Tassen und verließ die Küche.

​Er brachte schnell seine Tasse weg und klopfte dann bei Kira an.​​​​​​ Als sie nicht reagierte, klopfte er ein zweites Mal, diesmal energischer. Ein erschrockenes „Ja-a, herein.“ Er öffnete die Tür und fand sie an ihrem Schreibtisch sitzend vor. Das Buch des Tages war bereits im dritten Kapitel aufgeschlagen, daneben lag eines der bereitgestellten Notizbüchern, schon beschrieben. „Ich sehe, Sie sind schon fleißig, während ich das Frühstück mal wieder verpasst habe. Nicht dass Sie sich wundern, meine Studien erfordern es, dass ich mir im Moment jede zweite Nacht in Meditation um die Ohren schlagen muss. Deswegen schlafe ich die anderen Nächte umso länger. Ach ja, mit schönen Grüßen von William, er hat uns Tee für die Arbeit gekocht und da ich eh gerade auf dem Weg nach oben war, dachte ich mir, ich sehe kurz nach Ihnen und bringe Ihnen Ihre Tasse vorbei, damit er nicht extra hochkommen muss.“ Er trat ins Zimmer, um ihr die Tasse zu bringen. „Oh, und wenn Sie möchten können Sie gerne etwas länger schlafen und mit mir frühstücken. In der Regel bin ich um halb neun unten. Wenn Sie dann also von neun bis 18 Uhr arbeiten reicht das völlig, nein, eigentlich sollten Sie zwischendrin auch noch eine Stunde Pause einplanen. Also übertreiben Sie es nicht.“, sagte er und stellte ihr die Tasse auf einen freien Platz auf dem Schreibtisch. „Wie Sie wünschen, Magister. Soll ich um 18 Uhr wieder ins Labor kommen?“ fragte sie nach einem Moment des Zögerns. „Ja. Und noch etwas, aufgrund meiner Studien stehe ich Ihnen die nächsten Nachmittage für Fragen nicht zur Verfügung. Ich hoffe, dass unsere abendlichen Sitzungen ausreichen werden.“ „Selbstverständlich, Magister, ich werde Sie nicht stören. Und danke für den Tee.“ „Bedanken Sie sich lieber bei William. Ich bin heute nur der Bote.“ entgegnete er schmunzelnd und verließ ihr Zimmer wieder. Beim Gang über den Flur dachte er kurz über die Notizen nach, die er beim Blick über ihren Schreibtisch überflogen hatte. Sie war anscheinend schon recht weit gekommen, arbeiten konnte sie also und ihr Wissen war deutlich höher, als er es bei einem Mädchen aus der tiefsten Provinz erwartet hätte. Anscheinend hatte sie doch Zugriff auf weitergehende Schulbildung, was nur bedeuten konnte, dass sie Fernunterricht bekommen hatte oder in einem Internat gelabt hatte. Anscheinend waren ihre Eltern doch nicht so arm, sonst wäre sie in ihrem Alter längst als Arbeitskraft gebraucht worden. Bei den Gedanken daran verfinsterte sich seine Miene. Das hieß dann aber auch, dass sie das Kind absichtlich ohne Mittel losgeschickt hatten. Es war für ihn kein Problem, sie einzukleiden und ihr ein paar Annehmlichkeiten zukommen zu lassen, aber eigentlich sollten die Eltern ihren Teil leisten. Ernährung und Unterbringung war nun Sache der Akademie, aber für alles weitere waren eigentlich die Verwandten zuständig. Die sieben Silber waren auf dem Land sicher eine Menge Geld, hier in der Hauptstadt war das aber fast nichts, es diente eher als Aufstockung dessen, was die Eltern den Kindern üblicherweise eh zusteckten. Auch seine Eltern,die ja nicht adelig waren, hatten ihm immer Geld gegeben, sobald er vorbei kam. In seiner Akademiezeit hatte er ja sogar wieder bei ihnen gewohnt, und sie hatten ihm das Geld der Akademie komplett gegeben, auch das, was sie eigentlich für Kost und Logi bekamen. Sollte Kira sich in den nächsten acht Tagen bewähren, würde er ihr Taschengeld noch einmal überdenken. Aber vielleicht tat er ihren Eltern auch unrecht, bevor er sich entgültig ein Bild machte, brauchte er mehr Informationen. Die Liste der Dinge, die er mit Titus besprechen musste, wurde immer länger. Er konnte es kaum erwarten, dass der Schengstag endlich kam.

In seinen Gemächern angekommen, setze er sich an seinen Schreibtisch und holte seine Unterlagen aus dem Geheimfach unter der dritten Schublade. Der Rammbockzauber gehörte zur Schule der Telekinese und diente früher zum Einreißen klassischer Festungsanlagen. Ein an einer Seite mit Eisen beschlagener Holzstamm wurde mit diesem Zauber an der anderen Seite gepackt und führte einen rhythmischen Schwung aus. Einmal gewirkt, musste der Zauber nicht durch einen Magier aufrecht erhalten werden, erforderte dafür aber eine ziemlich große Ladung. So musste der Rammbock nur an die einzureißende Mauer oder ein Tor geschoben und konnte dann allein gelassen werden. Dies und andere magische Manöver waren maßgeblich für den Aufstieg Albions und besonders die Siege im Norden und Osten mit verantwortlich.

Sein Ziel war es nun den Zauber so umzugestalten, dass er damit den Elektrumkern in eine geraden Vor- und Zurückbewegung versetzen konnte. Den Vormittag verbrachte er damit, die alten Formeln zu analysieren und den Zauber quasi zu sezieren. Er analysierte die einzelnen Komponenten der Formel und kam so langsam dahinter, wie der Zauber aufgebaut war. Die schon fast antike Magie war sehr schnörkelbehaftet, stammte sie doch noch aus den Anfängen der systematischen Erforschung der Magie. Viele Komponenten waren unnötig oder sogar komplett ohne magische Funktion. Alte Zauber nutzten oft schmückende Phrasen und ausladende Bewegungen. Reine Wichtigtuerei aus seiner Sicht. 

Der wirkungsvolle Teil des Zaubers bestand letztendlich aus einem Zugzauber und einem Stoßzauber, einem Magiespeicher, der das Konstrukt versorgte und einer Formel, die die Wirkung der Komponenten verband. Er ging ins Labor und analysierte jede Komponente einzeln, bis er ihre Wirkung exakt reproduzieren konnte. Der Zauber zog und stieß das verzauberte Objekt, die Schwungbewegung kam durch die Ketten, an denen der Rammbock normalerweise hing. Der Elektrumzylinder war eh schon gelagert, darum musste er sich also nicht mehr kümmern. Die einzige Modifikation die er einbringen musste, war, dass der Zylinder rechtzeitig wieder abgebremmst wurde. Die Verbindungskomponente ähnelte einer ihm bereits bekannten, so dass er sie erfolgreich anpassen konnte. Eine weitere Probe im Labor zeigte, dass er erfolgreich war. Die nötige Energiemenge war immer noch gewaltig, aber seiner Berechnung zufolge sollte eine Ladung von einer Stunde reichen. Er sah auf seine Taschenuhr. Es war gerade 15 Uhr, er hatte also noch Zeit. 

Er ging ins geheime Testlabor im Keller. Die Generatorattrappe stand schon bereit. William wusste, wie das Gerät vorzubereiten war und hatte ihm diese Arbeit irgendwann am Vormittag abgenommen, so dass beide Generatoren einsatzbereit waren. Er wählte den rechten aus und würde den linken Morgen starten. Er bereitete die magischen Dedektoren vor, errichtete die Schutzfelder und aktivierte die nichtmagischen Schutzvorkehrungen. Dann setzte er sich im Schneidersitz vor den Generator und begann die Energie zu sammeln. Nach einer Stunde war er soweit. Langsam erhob er die Arme und begann den Zauber zu weben. Fünfzehn Verse und diverse, den Magiefluß leitende Bewegungen waren notwendig, um ihn zu formen. Dann wirkte er ihn auf den Elektrumzylinder und stieß ihn mit seiner Hand in den Generator. Der Zauber begann und der Generator erwachte zum Leben. Der Zylinder schwang hin und her und das elektrische Feld baute sich auf. Die Attrappe hatte, im Gegensatz zu einem richtigen Generator, nur eine kleine Kupferspule. Sie reichte gerade aus, einen messbaren Stromfluss über ein paar Glühlampen und einem Ampermeter zu leiten. Ohmnas Amperitus war der Ingenieur, der den elektrischen Strom entdeckt hatte. Ihm zu Ehren wurde die Maßeinheit für die Stromstärke Amper genannt. Mitras konnte auf dem Gerät den erwarteten Ausschlag sehen, der Zylinder bewegte sich also wie vorgesehen.

Zufrieden verließ er das Labor und ging in die Küche. Er hatte nun noch eine knappe Stunde, bis Kira kommen würde und er merkte, wie hungrig er nun war. William bereitete gerade das Abendessen vor. Mitras belegte sich eine Scheibe Brot und unterhielt sich mit seinem Freund über den neuen Zauber und seine Hoffnung, nun endlich eine Lösung gefunden zu haben. Selbst wenn der Zauber nur genauso lang halten sollte, wie die aktuelle Variante, brauchte er nun deutlich weniger Zeit zum laden. Er nahm für sich und Kira noch etwas zu trinken mit und ging nach oben. Als er gerade an der Labortür ankam, ging Kiras Tür gerade auf und sie trat auf den Flur. „Guten Abend, ich scheine gerade noch rechtzeitig zu sein, um meine eigenen Vorgaben einzuhalten.“ sagte er lächelnd. Er hielt ihr die Tür auf und trat hinter ihr ein.

Kira saß schon eine Weile über der „Einführung in Geografie und Geschichte Albions“. Es war anlässlich des Friedensvertrages von Silias im Jahr 169 erschienen, und, da seitdem keine weiteren Grenzverschiebungen nach Kiras Wissen sattgefunden hatten, ziemlich aktuell, was die Kriege und Grenzen anbelangte. Sie hatte die ersten beiden Kapitel, die hauptsächlich den Gründer Albions, Miras di Tridita, lobten und die Großartigkeit des Reiches hervorhoben, gestern abend bereits überflogen, das meiste davon kannte sie schon. Nun las sie interessiert seit dem Frühstück über das Rasenna-Reich, das große Teile des Kontinents ursprünglich bedeckt hatte, und in der Zeit um 400 a.A. (ante Albion) von der Ost- bis zur Westküste und von den großen Seen bis in die Dschungel des Südens herein reichte. Natürlich gab es damals wesentlich weniger Fortschritt, auch die Magie war eher eine naturverbundene gewesen, die heute noch von den Priestern weiter gepflegt wurde, aber dennoch waren die Errungenschaften der Rasenna bis heute prägend: Sie bauten zahlreiche Straßen, gründeten Städte wie Uldum, dass immer schon als Hauptstadt des Reiches vom großen Hochplateu aus regierte, begründeten eine effektive Verwaltung und schufen Struktur und Ordnung in der Kultur. Auch Theater, Musik und Literatur waren durch sie geprägt. Der Pfad zu Savora, der stets als ein besonderes Kunstwerk bezeichnet wurde, stammte aus der Rasennazeit, erfuhr sie aus einem kleinen Exkurs, und sie las interessiert, wie dort Magie und das Behauen der natürlichen Steine zusammen genutzt worden waren. Die Ausführungen sagten nichts über konkrete Sprüche, führten aber aus, dass die kleinen Türme, die man in regelmäßigen Abständen an den Treppen des Weges fand, durch Magie gesichert seien und deswegen Wind und Wetter seit Jahrhunderten trotzten. Auch die Gleichmäßigkeit der Stufen sei durch Magie geformt worden, in Zwiesprache mit den Geistern der Berge, denen in Savora traditionell noch heute gehuldigt wurde. Kira fand einige Zeichnungen der Treppe und des Tempels von Savora und begann, nachdem sie einige Grunddaten zum Rasennareich in ihr Notizheft übertragen hatte, eine kleine Zeichnung, zu der sie anschließend eine Zusammenfassung zu den Errungenschaften im Rasennareich schreiben wollte. Das erste Klopfen an ihrer Tür überhörte sie fast, doch dann klopfte es nochmal deutlicher, und schlug erschrocken die Seite mit der Skizze zu und setzte sich gerade hin. Auf ihre Aufforderung trat Magister Mitras in die Tür. Er hielt einen Tee in der Hand und wirkte beinahe verlegen, als er sich entschuldigte, oft beim Frühstück nicht da zu sein, weil er sich um seine Studien kümmern müsse. Kira, die ihn bisher als dominant, geordnet und mächtig erlebt hatte, überlegte, dass er beinahe niedlich wirkte. Als ob er, der große Magister, sich bei ihr dafür entschuldigen müsste, dass er wichtigen Dingen nachging und lebte, wie er zu leben gedachte. „Oh, und wenn Sie möchten können Sie gerne etwas länger schlafen und mit mir frühstücken. In der Regel bin ich um halb neun unten. Wenn Sie dann also von neun bis 18 Uhr arbeiten reicht das völlig, nein, eigentlich sollten Sie zwischendrin auch noch eine Stunde Pause einplanen. Also, übertreiben Sie es nicht.“, sagte er und stellte ihr die Tasse auf einen freien Platz auf dem Schreibtisch. Sie schaute auf seine Hände, die ihr groß und dennoch so feingliedrig und edel vorkamen. Wenn er mit ihr frühstücken wollte, würde sie das natürlich machen, obwohl sie innerlich beweifelte, dass sie so lange würde schlafen können. Üblicherweise stand sie gegen 6 Uhr auf und fütterte die Schweine und Hühner. Hier bis sieben schlafen zu können, war ja eigentlich schon ziemlich viel Luxus. Aber wenn er selbst spät aufstand, war es schön ruhig im Haus, das hatte sie bereits heute morgen gemerkt. Sie würde einfach später frühstücken und schon gleich morgens nach dem Aufstehen und Waschen mit dem Lernen anfangen, dann könnte sie vielleicht abends etwas Zeit mit William, Abey oder Tobey verbringen, um mehr über das Leben in Uldum lernen zu können. „Wie Sie wünschen, Magister.“, sagte sie und ergänzte: „Soll ich um 18 Uhr wieder ins Labor kommen?“ Mitras bestätigte ihr die Verabredung und wies darauf hin, dass sie ihn in den nächsten Nachmittagen nicht stören sollte, da seine Studien ihn in Anspruch nehmen würden. Kira grübelte, was das wohl für Studien waren. Das Leben als Magister war wohl keine so leichte Angelegenheit. Sie merkte, dass sie das erstaunte, und scholt sich selbst für ihre Naivität. Hatte sie wirklich gelaubt, mit Magie würde alles ganz leicht laufen und es gäbe keine Probleme mehr? Selbst in den Berichten und Mythen zu Savora, die sie gerade gelesen hatte, wurde erwähnt, wie viele Opfer der Bergpfad gefordert hatte, weil überraschende Winde Priester erfassten und von Klippen wehten, die nicht genug Inbrunst in ihre Gebete legten. Magie, das wurde ihr deutlich bewusst, kostet Energie und Mühe, wie alles im Leben. Manchmal war es sogar leichter, Dinge nicht mit Magie zu betreiben, ganz abgesehen von der Tatsache, dass es viel zu wenig magisch begabte Personen gab, um alles mit Magie zu betreiben. Dass das kleine Dorf Bispar einen magisch begabten Priester gehabt hatte, war eigentlich auch schon ungewöhnlich. In Sibira und Feuersmoor, den Nachbarsorten, hatte es niemanden gegeben, der auch nur im Ansatz magisch begabt war, erinnerte sie sich. Wie in aller Welt hatte sie eigentlich magische Gene bekommen? Der Gedanke faszinierte sie, also bedankte sie sich ein wenig geistesabwesend bei Mitras, der noch etwas kurzes sagte und dann ging. Ihre Mutter und ihr Vater waren nicht magisch, auch ihr Großvater väterlichseits nicht. Ihre Großmutter väterlichseits hatte Kira nicht gekannt. Sie war vor ihrer Geburt gestorben, und Kira fiel auf, dass in der Familie auch kaum über sie gesprochen worden war. Der Großvater hatte sie in der Gegend von Bispar kennen gelernt, und sich deswegen dort niedergelassen, soviel wusste sie. Kiras Mutter stammte aus Flate, und deswegen kannte Kira auch die Küste: Sie war einmal mit Adrian dorthin gereist, um ihre Großeltern zu treffen, die eine kleine Fischerei dort betrieben. Sie erinnerte sich, wie sie aufs Meer gefahren waren und ihr fürchterlich schlecht geworden war, ehe Adrian ihr beigebracht hatte, sich auf den Horizont zu konzentrieren. Das hatte sie getan, und dann hatte sie dort den Sturm kommen sehen. Doch die Fischer hatten sie erst ausgelacht, sie würde sich das einbilden. Kira lächelte grimmig. Nichts hatte sie sich eingebildet, und sie waren knapp wieder heil in den Hafen eingelaufen, ehe ein heftiger Sturm die Stadt erwischt hatte. Großmutter Livia hatte geschimpft, doch die Fischer hatten beschworen, der Sturm sei nicht früher zu erahnen gewesen sein. Letztendlich endete es damit, dass sie wieder die „Komische“ war und den Rest des Aufenthaltes keiner mehr sie mit auf ein Boot nehmen wollte – was Kira nicht störte, dieses Geschaukel war definitiv nicht ihres gewesen. Sie ass den Fisch lieber, wenn er schon aus dem Wasser war, als ihn da heraus zu holen. Aber magisch war in der Familie ihrer Mutter auf jeden Fall auch niemand gewesen. Kira schüttelte den Gedanken an ihre Familie mit einem kleinen Schauder ab. Es konnte ja auch sein, dass sie die Magie gar nicht geerbt hatte, sondern einfach eine wilde Laune der Natur darstellte. Passte ja, sie war ja sowieso komisch, viel zu wild und mit roten Haaren und seltsamen Wahrnehmungen. Ein Trollkind, hatten die anderen sie manchmal getauft, nach einem alten Aberglauben der Skir an magische Wesen tief oben in den Wäldern am Nordkreis, die angeblich kleine Kinder stahlen und zu magsichen Mischwesen erzogen, um ihre perversen Gelüste nach Sex mit ihnen befriedigen zu können. Kira schüttelte sich ein zweites Mal. Die Skir waren defintiv barbarisch, ihren Kindern so etwas zu erzählen. Es gab bestimmt keine Trolle. Und sie war auch keiner. Und selbst wenn sie einer wäre, dann definitiv einer ohne irgendwelchen sexuellen Gelüste. Mit Ausnahme von Adrian fand sie nämlich die Vorstellung, von irgendeinem Mann auch nur angefasst zu werden, einfach nur beängstigend und abstoßend. Kurz blitzte die Erinnerung an Johanns Hände in ihr auf, doch sie schüttelte den Gedanken ab. Sie war Kira Silva und bald würde sie eine Magierin sein, und dann würde sich niemand mehr trauen, sie wegen roter Haare oder heraufziehenden Stürmen auszulachen oder sie gar anzufassen. Sie schaute auf die Locken, die sich über ihre Schultern ringelten. Je älter sie wurde, desto mehr wechselte das helle Rot, mit dem sie geboren war, in einen tieferen, rötlichen Ton, was ihr durchaus gefiel. Auf Verlangen ihrer Mutter hatte sie sie stets noch brauner gefärbt, aber eigentlich fand sie die Farbe von dunklem Wein oder Herbstlaub, die sich am Ansatz zeigte, ziemlich hübsch. Sie streckte sich einmal und schlug dann wieder die richtige Seite in ihrem Notizbuch auf, um ihre Zeichnung fortzusetzen. Sie konnte zwar nicht so gut zeichnen wie die Macher des Buches, aber sie hatte mit Bruder Harras schon manchmal geübt, Pflanzen genau zu zeichnen, um sie später bestimmen zu können, also war sie mit dem Ergebnis nach einer kleinen Weile ganz zufrieden. Schade, dass ich keine Buntstifte mitgebracht hatte, bedauerte sie. Allerdings war ihre Abreise aus Bispar – sie merkte, dass sie es schon nicht mal mehr als „zuhause“ bezeichnen konnte – auch reichlich überhastet gewesen, und sie hatte mehr über Kleidung als über alles andere nachgedacht. Sie las noch etwas und begann dann an der Zusammenfassung zu schreiben. Mittendrin klopfte es ein zweites Mal und Abigail guckte in den Raum. „Kindchen, willst du nicht vielleicht auch was zu Mittag essen?“ Kira blickte verblüfft hoch. „Äh…“ Abigail lachte und holte hinter ihrem Rücken ein Tablet mit Broten hervor. „Ja, das habe ich mir gedacht. Übernimm dich nicht und denk daran, Pausen zu machen.“ Sie stellte das Tablet auf den Schreibtisch und bewunderte Kiras Zeichnung ausführlich, was diese vor Stolz rot erglühend ließ. „Vielen Dank, Abigail.“ Die Haushälterin lächelte sie gutmütig an. „Alle sagen Abby zu mir, magst du das auch machen?“ Kira verschluckte sich fast am Brot ob des freundlichen Angebots, aber sie hustete kurz und nickte dann eifrig. „Gerne, Abby.“ „Fein.“ Abby ging wieder zur Tür und winkte noch einmal. „Wenn du nachher nach dem Abendessen Zeit hast, kommst du dann einmal mit rüber in unser Haus? Ich will ein wenig abstecken für deine Kleider.“ „Ja, natürlich.“ Kira nickte, und Abigail verschwand wieder. Der Rest des Nachmittags verging ungestört, und Kira schaffte es, alle Kapitel zum Rasenna-Reich zu beenden, was etwa ein Viertel des Buches bedeutete. Sie nahm sich vor, beim nächsten Ingastag den Bereich zur Geografie durchzuarbeiten und legte sich ein Lesezeichen ins Buch, ehe sie ihre Notizen zusammensammelte, sich die Haare richtete und dann gerade noch kurz vor 18 Uhr auf den Flur trat, um zu Mitras ins Labor zu gehen.

Sie setzten sich wieder auf ihre Plätze und er drehte sich zu ihr herum. Sie wirkte weniger nervös, als er erwartet hatte. Sie hatte schon eher einen regelrecht selbstsicheren Zug an sich, den er so an ihr noch nicht erlebt hatte, seit sie bei ihm war. Er warf einen Blick auf ihre Notizen, als sie diese gerade ordnete. Sie waren wohl geordnet und gut strukturiert. Er konnte zwar keine Einzelheiten lesen, dafür war der Blick zu flüchtig, aber der Ersteindruck war gut. Auf einer Seite, die sie hastig wieder verdeckte, war eine Zeichnung zu sehen. Wenn er richtig hingeschaut hatte, war diese wohl schnell, aber dennoch äußerst detailliert angefertigt worden und er fragte sich, wieso sie nicht wollte, dass er sie sah. Aber das konnte er später noch ergründen. Erstmal sollte er anfangen.

„Also gut. Welche Abschnitte des Buches haben Sie sich angesehen?“ fragte er an sie gewandt und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich habe die ersten Kapitel über die Gründung Albions überflogen, aber ich wusste schon, dass Miras di Tritida im Jahre Null Albion wieder begründet hat, hier in Uldum. Zuvor wurde die Hochebene und weite Teile des Kontinents vom Rasenna-Reich beherrscht, dass mit militärischen Erfolgen die Grundlage für unsere Kultur legte, die uns heutzutage ebenso den technischen wie auch den magischen und kulturellen Fortschritt gewährt.“ Sie schaute kurz auf ihre Notizen. „Über das Rasennareich wusste ich noch nicht so viel, deswegen habe ich die Kapitel dazu weiter gelesen. Das Reich im Jahre 1337 ante Albion begründet, denn in diesem Jahr wurde der Legende nach Uldum gegründet. Angeblich haben drei Magier die Hochebene durchschritten auf der Suche nach einem besonderen Ort, an dem sie sich niederlassen konnten, und hier, am Zusammenfluss von Avens und Corcio, trafen sie auf einen Berglöwen, der sich ihnen offenbarte und ihnen Fleisch brachte, als sie hungrig waren. Daher trug das Rasennareich ebenso wie die Stadt Uldum den Berglöwen im Wappen, und Miras hat dies für Albion übernommen. Die Magier begründeten dann auch die erste der vier magischen Schulen, die es heute noch in Uldum gibt: Die Schule der Elementarmagie. Sie kannten etliche Rituale, die der Art, wie wir heute Magie durchdringen, aber noch fern lag, aber dennoch ebenso wichtige gedankliche Grundlagen für unsere heutige Kenntnisse sind. Im Buch wurde ein weiteres Werk, „Frühgeschichte der Magie“, dazu empfohlen.“ Sie linste kurz auf ihre Notizen, um den Namen des genannten Buches zu prüfen. Mitras nickte stumm, hob eine seiner Brauen anerkennend und wartete darauf, dass sie fort fuhr. Bis hierher war ihr Vortrag für eine bloße Zusammenfassung schon sehr detailliert gewesen. Ob sie sich zu sehr in einem einzelnen Aspekt festgebissen hatte?

„Uldum wurde rasch ein wichtiges Zentrum, von dem aus das mit Magie gesegnete Königshaus Handelbeziehungen zu den umliegenden Städten aufbaute. Sie waren für die damalige Zeit ungewöhnlich gut organisiert, und so gelang es ihnen, mit präzisen Angriffen, guten Verhandlungen und einer effizienten Verwaltung, das ganze Hochland zu ihrem Land zu machen. Auch die Küstengebiete zwischen Olfiat und dem Dschungel im Süden gewannen sie rasch dazu. Etwa im Jahre 600 ante Albion begann dann der große Kriegszug, in dem ín vielen Generationen die Ausdehnung des Reiches nach Westen vergrößert wurde, bis es im Zeitraum von 450 bis 300 ante Albion seine größte Ausdehnung erreichte: Im Norden gründeten sie Agrippina am kleinen Fluss Lines und konnten dort über viele Jahrhunderte die Grenze zum Reich der wilden Skir halten, die sie zuvor aus den südöstlichen Gebieten vertrieben hatten, auch ihre damalige Hauptstadt Hrafjor an der Mündung des Haugar fiel dem Reiche nach zwei großen Feldzügen zu. Ebenso reichte es im Norden bis zum Olfiat und zum Fluss Granha, der heutzutage fest in der Hand der Skir ist. Die großen Seen bildeten die restliche Nordgrenze. Im Süden reichte das große Rasenna-Reich über die ganze Wüste bis zum heutigen Ort Sadones an der Westküste unseres Kontinents, den wir Anotal nennen. Die Alzadia aus den dampfenden Dschungeln verhinderten eine weitere Ausdehnung, da sie im Krieg auch Dämonen beschworen, aber im Osten gelang es den Kriegern und Magiern, auch Dschungelgebiete zu erobern, und das, was heute das Königreich Rigar ist, gehörte vollständig zu Rasenna. Ein derart großes Land erforderte eine effektive Verwaltung, und ebenso wie beim Kriegswerk gingen unsere Vorfahren auch hier systematisch, logisch und sinnvoll vor. Sie bauten Straßen, erfanden das Postsystem und öffentliche Kutschen, so dass jeder reisen konnte. Sie gründeten Schulen und brachten auch in entlegende Landstriche die Möglichkeit, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch der Wohlstand und der Reichtum machten auch unzufrieden, und so begannen politische Ränke und Machtspiele das Reich von innen heraus zu bedrohen. 242 ante Albion spaltete sich Rigar von Rasenna ab, es besteht seitdem als eigenes Reich.“ Kira holte Luft und trank einen Schluck aus der bereitstehenden Teetasse.

Mitras ging die Fakten, die sie gerade präsentiert hatte im Geiste durch und fand keine Ungenauigkeiten oder gar Fehler. Es wirkte so, als wenn sie die Kapitel über die Geschichte Rasennas schon fast vollständig durchgearbeitet hatte. Das konnte sie unmöglich innerhalb eines Tages geschafft haben. Entweder wusste sie vorher schon deutlich mehr, als sie Eingangs eingestanden hatte, was auf ein vermindertes Selbstwertgefühl schließen ließ. Oder sie hatte deutlich mehr Zeit in die Recherche gesteckt, als nur die Zeit vom Frühstück bis jetzt. Doch ehe er diesen Gedanken konkretisieren konnte, legte sie schon wieder los.

„Im Jahre 198 begann dann die Katastrophe, die das Ende des Rasennareiches einläutete: Der Exodus. Aus Dytica, dem Kontinent im Westen, von dessen Existenz die Menschen hier bisher nur wenig wussten, flohen die Angshire vor den schrecklichen Kriegen und Praktiken der Nangai​​​​​​ auf ihren schnellen Schiffen. Sie landeten zunächst im Skirgebiet nördlich von Agrippina, doch ihre Schiffe waren bald zu zahlreich und landeten überall an der nördlichen Westküste, und die Truppen des Reiches konnten sie bald nicht mehr aufhalten, sie eroberten ein Gebiet nach dem anderen. Gleichzeitig stritten sich die Herrscher in Uldum mit denen in Silias und Berg, und statt sich zusammenzuschließen, traten immer mehr Provinzen aus dem Reich aus, bis es schließlich etwa 100 Jahre vor der Gründung von Albion kein Rasenna mehr gab. In diesen hundert Jahren regierten die Fürsten in den kleinen Provinzen eigenmächtig, es einigte sie höchstens einmal eine gelungende Hochzeit. Doch Miras di Tritida sah, dass die Kultur, die so viele Jahrhunderte den Kontinent geprägt hatte, in den Herzen vieler Menschen noch stark war. Er sammelte Erzmagier aller Schulen um sich, führte Gespräche mit den Adeligen und Fürsten in und um Uldum und gründete letztendlich Albion, das nun wieder wächst und gedeiht.“ Kira verstummte, prüfte noch einmal ihre Notizen und blickte ihn dann erwartungsvoll an.

“ Das war sehr ausführlich. Wie lange haben Sie für die Recherche gebraucht und wie sehr konnten Sie dabei auf Vorwissen aufbauen?“ fragte er sie.

Kira überlegte einen Moment. „Also, ich glaube, ich bin um halb sieben aufgestanden und habe dann angefangen, aber ich wusste halt schon ein bisschen was über den Zerfall Rasennas und die Gründung von Albion. Ich wusste gar nicht, wie viel unserer modernen Errungenschaften in Erfindungen aus den Tagen vor Albion fusste, unser Geschichtslehrer hat das immer als Vorzüge Albions hervorgehoben. Ein bisschen Zeit habe ich verloren, weil ich mich mit der Geschichte um Savora genauer beschäftigt habe. Es wurde ja schon während der Frühzeit von Rasenna angefangen zu bauen, und die große Treppe fand ich faszinierend, von einer Verschmelzung von Magie und Handwerk zu so früher Zeit hatte ich vorher noch nichts gehört. Ich, hmm…“ Sie schaute verlegen auf ihre Blätter, blätterte dann darin und deckte die Zeichnung auf, die er vorhin schon kurz gesehen hatte. „Ich fand, es sieht wirklich schön aus, deswegen habe ich mir die Skizzen im Buch angesehen und eine eigene gemacht, wie ich es mir vorstelle… Naja, also, ich bin jetzt keine große Künstlerin, aber ich mag es, wenn meine Notizen auch in Bildern zeigen, was wichtig und schön ist.“

„Kann ich Ihre Skizze einmal sehen?“ fragte er neugierig. Kira reichte ihm das Heft, die Seite mit dem Bild aufgeschlagen. Es war handwerklich ordentlich. Sie hatte Schattierungen eingesetzt, einzelne Details herausgearbeitet und die Linienführung war auch genau. Man sah ihm allerdings auch an, dass sie keine gelernte Künstlerin war, einige Perspektivlinien waren verschoben, die Bäume ein wenig zu gleichmäßig, um realistisch zu wirken. Mitras musste sich aber eingestehen, dass er eine solche Zeichnung vermutlich nicht besser hinbekommen hätte. Kira rutschte ein wenig unruhig, nun doch nervös geworden, auf ihrem Stuhl hin und her. „Das ist eine wirklich gute Skizze geworden. Ich nehme an, Sie haben schon häufiger Szenen und dergleichen auf Papier festgehalten?“ „Hmm, danke. Ein bisschen, meistens eher Pflanzen. Ich wollte Pflanzenkundige werden, so wie Bruder Harras. Ein bisschen habe ich auch geträumt, die Geister würden mir ihre Gunst schenken, und mir ein bisschen Magie geben, wie bei ihm…“ Sie lachte verlegen. „Ist wohl ein bisschen mehr geworden, nur reichlich spät…“ „Das kann man wohl so sagen.“ antwortete Mitras lachend. „Sie können also Pflanzen malen und auch einige bestimmen? Darauf würde ich gerne ein anderes Mal zurück kommen. Neben der Verwandlungsmagie habe ich auch die Alchemie studiert, bin aber eher mit Mineralien und Erzen bewandert. Bei Pflanzen kann ich noch Unterstützung gebrauchen. Wer weiß vielleicht ergibt sich da was. Aber das ist jetzt noch Zukunftsmusik. Gut. Sie haben die Geschichte des Reiches Rasenna in kurzer Zeit sehr detailiert herausgearbeitet und kennen sich auch mit der jüngeren Geschichte Albions aus. Wie steht es um die Geografie?“ Kira zuckte mit den Schultern. „Naja, ich weiß, dass wir ein Hochland und ein großes Gebirge haben, und dass es die flache Marsch gibt, weiß ich ja leider aus eigener Erfahrung.“ Mitras stutze kurz bei der so negativen Erwähnung ihrer Heimat, wollte da jetzt aber auch nicht nachbohren. Dafür wäre später noch Zeit, wenn er mehr wusste. Dass man die Provinz nicht mochte, konnte er aber durchaus verstehen. Sie hatte schließlich wenig zu bieten außer, naja, Land. „Einiges konnte man ja auch schon auf den politischen Karten zu den Schlachtzügen sehen. Aber so viel wie in Geschichte weiß ich da nicht, Geschichte war immer mein Lieblingsfach, neben Biologie. Ich wollte diese Kapitel am nächsten Ingastag lesen, nachdem ich die anderen Bücher angelesen habe, wie Sie es angeordnet haben.“, ergänzte Kira. „Sie können natürlich aus Eigeninteresse jederzeit weitere Nachforschungen betreiben, aber sobald ich eine komplette Übersicht über ihren Wissensstand habe, werde ich einen weiteren Lehrplan ausarbeiten. Ich denke mal, dass Sie über Geschichte schon genug wissen um selbständig zu entscheiden wo und was Sie vertiefen wollen. Ich werde den Fokus dann verstärkt auf die anderen Gebiete legen.“ Folgsam senkte die junge Frau den Kopf. „Natürlich, Magister. Sind Sie denn für’s Erste zufrieden mit meiner Arbeit?“ Mitras lachte: „Natürlich bin ich das. Sie sollten sich einen groben Überblick verschaffen und was Sie geliefert haben, war ein detaillierter Aufsatz über die letzten 2000 Jahre Geschichte unserer Region. Das ist deutlich mehr, als ich erwartet habe.“  Kira atmete hörbar aus und lief auf ihm bereits bekannte Weise rot an. „Danke.“, hauchte sie. „Machen Sie weiter so, und wir werden hervorragend zusammen arbeiten können. Eine Mahnung habe ich aber noch. Sie sagten, dass sie bereits um halb sieben angefangen haben. Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie, vom Frühstück mal abgesehen, bis eben durchgearbeitet. Ich finde Ihren Enthusiasmus erfrischend, aber Sie stehen erst am Anfang Ihrer Ausbildung und es warten noch etliche harte Abschnitte auf Sie. Übertreiben Sie es nicht mit der Länge Ihrer Arbeit. Mit acht Stunden hätten Sie auch schon eine sehr gute Leistung erreicht und mich beeindruckt. Arbeiten Sie aber jeden Tag so hart, werden Sie irgendwann keine Kraft mehr haben, um weiter zu machen. Ich habe das in der Vergangenheit schon oft genug bei Kommilitonen erlebt. Aber jetzt sollten Sie sich kurz etwas frisch machen, es gibt gleich Abendessen.“ Kira nickte. „Ja, Magister. Bis später.“ Sie knickste leicht und verließ das Labor. Mitras saß noch einen Moment sinnend am Schreibtisch. Das hatte sich Thadeus bestimmt nicht so gedacht, als er ihm Kira zuwiesen hatte. Eine starke Schülerin, fleißig, folgsam. Von den „charakterlichen Fehlern und angrifflustigem Verhalten“, die im ersten Brief erwähnt worden waren und die die Zuweisung an die Akademie in Uldum rechtfertigten, war keine Spur zu sehen. Stattdessen schien sie ihn immer wieder überraschen zu können. Innerlich triumphierte Mitras ein wenig. Sollte der alte Sack doch sehen, um wie viel besser eine Magierin sein konnte, die „von niederer Geburt war“, wie Tadeus es ausdrückt, und von einem „halbgaren Alchemisten“ ausgebildetet werden würde. Kira bot auf jeden Fall das nötige Potential, um schon bei ihrer Aufnahme in die Akademie zu beeindrucken. Er würde sie unterstützen und stärken, dann würde auch er weiter an Ansehen und Macht gewinnen. Wieder sehnte er sich den morgigen Abend herbei, um mit Titus reden zu können. Seine Dienste würden sicher ein wenig Licht in die Mysterien um ihre Familie bringen können. Mitras gähnte kurz und beschloß dann, sich noch einige Minuten hinzulegen, ehe er zum Essen ging. Heute Nacht musste er wieder den Generator laden.

Nachdem Mitras sie entlassen hatte, brachte Kira ihre Unterlagen zurück in ihr Zimmer. Sie wusste, dass Geschichte eine ihrer Stärken war, aber dennoch war seine Anerkennung wirklich wichtig für sie. Das Wort „Zukunftsmusik“ schwirrte in ihrem Kopf, und kurz gab sie sich der Vorstellung hin, ihm tatsächlich von Nutzen sein zu können. Er war ein wundervoller Lehrmeister. Für einen Moment lang ließ sie sich aufs Bett sinken und betete zu allen Geistern der Stadt und zu denen, die ihr noch einfielen, dass sie ihn nie würde enttäuschen müssen. Er war so gütig zu ihr und liebevoll. Kira war überzeugt, dass sie vermutlich den besten Magister der Stadt erwischt hatte. Die anderen, denen sie in der Akademie begegnet war, waren zwar nicht unhöflich gewesen, aber ihnen hatte jedes Gefühl von Wärme gefehlt, dass sie bei Mitras nun so deutlich spürte. Sie dachte an den ersten Tag, an ihre Angst und das Gefühl, er hätte sie nicht im Haus haben wollen. Selbst da, so schien es ihr, war er nie ihr direkt gegenüber abweisend gewesen. Vielleicht war er auch einfach nervös, weil sie seine erste Schülerin war? Der Gedanke ließ Kira kichern. Aber obwohl ihr Mitras nahezu unfehlbar vorkam, war er angesichts dessen, wie er heute ihr den Tee gebracht hatte, gar nicht so unrealistisch. Sie grinste in sich hinein. Ein Magister, der statt seines Dienstboten den Tee brachte. Das war so unrealistisch, dass irgendwie alles andere realistisch wurde. Niemand, wirklich niemand, kicherte sie, würde ihr das glauben. Sie spürte, wie mit dem Kichern die Anspannung von ihr abfiel, die sich vor dem Gespräch aufgebaut hatte. Nach einer Weile fing sie sich, rückte ihr Kleid zurecht, ging zum Spiegel und flocht ihre Haare noch einmal sorgfältig neu, um zum Abendessen einigermaßen gut auszusehen. Sie trug ihre eigenen Kleider, während sie lernte, und da sie ja schon einen Moment auf dem Bett gelegen hatte, fehlte ihr die Zeit, nun noch das rote anzuziehen. Aber auf der anderen Seite gab es ja keinen Besuch, und Mitras hatte nichts zu ihrem Kleid gesagt, also ging das wohl auch so. Es ist ja eh ein Familienessen, schoß es ihr durch den Kopf, und die neuen Kleider sind ja doch sehr edel, die würde sie besser tragen, wenn es wirklich Besuch gab.

Sie ging nach unten. William und Tobey saßen bereits am Tisch, Abigail kam gerade durch die Gartentür herein. In ihren Haaren funkelten Wassertropfen, also schneite es wohl schon wieder. Kira grüßte die Anwesenden und setzte sich an ihren Platz. Auch Mitras trat hinter Kira durch die Tür und setzte sich. Seine Haare waren ein wenig zerstrubbelt, was Kira erleichterte – ein Familienessen, auch er war nicht besonders hergerichtet, also passte ihr Kleid. Auf dem Tisch standen heute nur zwei große Schalen, es gab eine Art Eintopf und dazu kleine, aus Teig ausgestochene Sterne, die wohl gekocht waren. Kira betrachtete sie neugierig. „Ha, das hast du noch nie gesehen, was?“, freute sich William. „Nein, tatsächlich nicht.“ Kira drehte das Teigstück auf ihrer Gabel. „Es kommt aus Rigar und heißt Nudel. Man kann den Teig in ganz vielen verschiedenen Formen ausstechen. Er wird dann kurz in Salzwasser gekocht. Praktischerweise kann man es auch nach dem Ausstechen trocknen und dann erst viel später kochen.“ Kira probierte vorsichtig. Das Teigstück, die Nudel, schmeckte kaum nach etwas, aber war trotzdem recht lecker. Sie füllte sich einige davon auf den Teller und gab dann einige Kellen vom Eintopf darüber, wie sie es bei Mitras und Tobey sah. Gemeinsam mit der Suppe schmeckten die Nudeln sogar ziemlich gut, und sie aß mit Begeisterung. Tobey beendete das Mahl als erster und strich sich wieder über den gut gefüllten Bauch. „Ich sag es ja oft, aber auch immer wieder gern: Einen Gott hast du da angestellt, Magister.“ William grinste breit. „Ha, stets zu Diensten, immer gern, Tobey. Gute Leute brauchen gutes Essen.“ Mitras lachte kurz. „Das geht so aber nicht, William, du machst auch gutes Essen, wenn wir ungute Leute zu Besuch haben.“ Er nahm einen weiteren Löffel, kaute kurz und sagte dann: „Bei guten Leuten und guten Essen: Silenz kommt übrigens Rieke wieder. Sie wünscht sich diese gefüllten Nudeltaschen, die du das letzte Mal gemacht hast.“ William dachte einen Moment lang nach und nickte dann. „Das sollte gehen, aber wir haben keine Tomaten mehr. Ich denke, man kann die Füllung auch mit Pilzen machen…“ Er blickte zur Seite an Mitras vorbei zu Kira. „Hat unsere wunderschöne neue Lady etwas gegen Pilze?“ Kira schüttelte den Kopf und überlegte, wie sie mit seinen Schmeichelein umgehen sollte, beschloss dann aber, sie einfach zu übergehen. Mitras nickte zufrieden. „Dann machen wir das so. Kira, ich vermute, Sie waren noch nie im Hochland, oder?“ Kira schüttelte wieder den Kopf. „Nun, dann werden wir, falls Sie Lust haben und das Wetter sich bessert, am Silenz eine kleine Kutschfahrt mit meiner Schwester unternehmen.“ Kira nickte mit deutlicher Begeisterung. Mehr vom Land zu sehen, wäre bestimmt interessant. Außerdem erlöste es sie von der Frage, was sie an Silenz machen sollte. „Das würde ich gerne machen.“

Auch die anderen waren nun mit Essen fertig. Abigail räumte das Geschirr zusammen und bat Tobey, noch eine Weile im Haus zu bleiben, sie wolle mit Kira Kleider anproben. Dieser bot daraufhin William seine Hilfe an, und Abigail holte Kiras Schuhe und einen Überwurfmantel aus dem Flur. „Komm, es ist ein wenig rutschig durch den neuen Schnee, sollte aber so gehen.“ Gemeinsam traten sie in den Garten hinaus. Im Schein der kleinen Lampe, die Abigail trug, sah Kira einen Pfad unter einigen Bäumen hindurch neben zwei länglichen Beeten, der auf eine niedrige Hecke zuführte. Dahinter lagen zwei Gebäude: Ein zweistöckiges Gesindehaus und eine niedriges, dunkles Gebäude ohne Fenster daneben. Abigail führte sie zum Gesindehaus, öffnete die Tür und winkte sie in den schmalen Flur.

Das Haus roch irgendwie vertraut. Kira brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es nach Kaminfeuer roch. Abigail führte sie durch den schmalen Flur, von dem einige Fenster abgingen, in ein kleines, gemütliches Wohnzimmer mit einer Couch und einem Sessel vor einem Kamin, der nun aber aus war, einigen Regalen mit wenigen Büchern und etlichen Körben und Schachteln darin und direkt am Fenster einer Nähmaschine auf einem großen Tisch. Gerade lagen verschiedene Bahnen eines Stoffes auf dem Tisch, dessen Farbe irgendwie zwischen Pflaume und roter Weintraube lag. „Schau, ich habe mit der Magierrobe angefangen, wer weiß, wann du zu irgendeinem offziellen Gildentreffen mit Mitras musst.“ Sie hob den Stoff an und Kira sah, dass es tatsächlich eine recht schlicht geschnittene Robe mit weiten Ärmeln war, wie sie im ganzen Reich von Magiern jeden Geschlechtes getragen wurden. Abigail hatte zwei silberne Bordüren angesteckt, auch die Ärmel waren noch nicht festgenäht, sondern nur gesteckt. Auf ihre Anweisung zog Kira ihr Kleid aus und schlüpfte in die Robe, um dann eine ganze Weile still zu stehen und nur ab und zu zu drehen, während Abigail unten den Saum absteckte. Danach prüfte sie den Sitz der Ärmel und zum Schluss steckte sie mit einem kleinen Zwinkern am Oberkörper einiges ab. „Das muss ja nicht aussehen, als käme es direkt aus der Rasenna-Mode, nicht? Ein bisschen Figur kann man schon reingeben.“ Kira nickte. Sie dachte daran, wie gut das grüne, sehr figurbetonte Kleid ausgesehen hatte. Es hatte auch Mitras gefallen und William hatte es ja wirklich ausführlich gelobt. Die Erinnerung lies sie grinsen, während sie Abigails Erklärungen zu den Kleidungsvorschriften lauschte: „Wenn du das erste Lehrjahr bestanden hast, kann ich die Bordüren festnähen. Bis dahin lege ich sie beiseite und es bleibt nur hier der silberne Saum am Ausschnitt, der dich als Magierin kennzeichnet. Die Robe muss übrigens nicht violett sein, aber ich fand, der Stoff passt zu deinen Haaren. Hast du gesehen, wie er im Licht den Farbton ein wenig ändert?“ Kira schaute nocheinmal hin. Tatsächlich schien der Stoff im Schatten violetter zu sein, während er im direkten Licht der elektrischen Lampe neben dem Tisch beinahe nur rötlich wirkte. „Ich wette, bei der Herstellung wurde auch Magie eingesetzt.“, plauderte Abigail. „Nimm mal die Arme hoch. Ja, so. Matthes wollte auf jeden fall viel zu viel Geld dafür, aber er probiert es jedes Mal wieder.“ Sie lachte kurz. „Nicht mit mir, nicht mit der alten Abby! Du kannst die Arme wieder runter nehmen.“ Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. „Das sollte reichen. Jetzt zum nächsten. Ich fand, das grün steht dir wirklich ganz gut, deswegen habe ich einen gemusterten Stoff in weiß und grün ausgesucht, schau.“ Sie holte einen wiesengrünen Stoff hervor, auf dem zahlreiche weiße Blüten abgebildet waren. „Ich dachte mir, daraus könnten wir ein Korsett machen, und dann einen Rock mit grünem Stoff und weißem Tüll und weißen Bändern. Und dann setze ich einige kleine Blüten aus goldenem Stoff darauf. Dann kannst du dazu auch den Hut tragen, den du heute schon hattest, mit den grünen und goldenen Bändern.“ Kira bestaunte den Stoff. „Wie bekommt man so ein Muster darauf?“ „Ich glaube, das wird direkt beim Weben gemacht. Aber es ist sehr aufwendig, deswegen sind solche feinen Muster teurer.“ Kira seufzte. „Das ist so unwirklich, Abby. Eine Woche füttere ich noch in den alten Hosen meines Bruders die Schweine und in der nächsten Woche sitze ich hier mit dir und bekomme Kleider maßgeschneidert. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, ich wache gleich auf, und dann war alles nur der beste Traum, den ich je hatte.“ Abigail schmunzelte. „Siehst du, deswegen Sieze ich dich auch nur, wenn wir nicht im Haus sind. Du wirst dich an deinen neuen Stand gewöhnen, aber ich bin mir sicher, das gelingt dir. Du hast das gestern schon ganz gut gemacht.“ Kira blickte sie an, wie sie den Stoff wegräumte und ein Maßband hevor holte. Eigentlich hätte sie mich immer Siezen müssen, stimmt, dachte sie. Aber das wäre so komisch gewesen, und so kühl. So war alles warm und willkommen, seitdem ich das Haus betreten habe. Einem plötzlichen Impuls folgend trat sie auf Abigail zu und schloß sie fest in die Arme. „Danke, dass du mich so lieb aufgenommen hast und danke, dass du mich gleich geduzt hast. Ich fühle mich viel weniger einsam, seitdem ich hier bei euch bin.“ Abigail strich ihr über den Rücken und sagte mit ein wenig belegter Stimme. „Kindchen. Kindchen. Alles gut. Natürlich bist du hier willkommen. Glaubst du, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich zuhause ausgezogen bin? Und dabei haben meine Eltern nur drei Straßen weiter gewohnt.“ Interessiert sah Kira sie an, während Abby nun mit einem Maßband ihren Oberkörper vermaß. „Wo kommst du her?“ „Ich bin in Durnum geboren, an der Grenze zu Rigar. Dort habe ich auch meine Ausbildung zur Schneiderin gemacht, und ich kann dir sagen, ich war ziemlich erfolgreich.“, erzählte Abigail stolz. „Meine Eltern stammen aus New-Jos, nördlich von Hjarfor, und als ich meine Großeltern dort nach dem Bau der Eisenbahn einmal besuchte, traf ich Tobey auf einem Dorffest. Es war sofort um uns geschehen!“ Einen Moment lang hielt Abigail sowohl in der Arbeit als auch in der Erzählung inne und lächelte in sich hinein. „Naja, und da er sowieso davon träumte, nach Albion zu kommen, habe ich ihn mitgenommen, und bin mit ihm hierher nach Uldum gezogen.  Erst lief es auch ganz gut, der Ruhm meiner Kleider war mir voraus geeilt…“ Abigail verstummte und notierte sich die Daten, die sie gerade gemessen hatte. „Na, als es dann nicht mehr so gut lief, trafen wir zum Glück Mitras. Er schützt uns, und ich bin wirklich glücklich, hier dienen zu können. Kein anderer Adeliger, egal ob durch Magie geadelt oder von Geburt an, behandelt Bedienstete so wie Mitras. Manchmal denke ich, ihm sind Stände eigentlich ganz egal, er spielt nur mit, weil er es muss…“ Kira schaute sie zweifelnd an. „Er war heute morgen aber wirklich ziemlich sauer, als ich waschen wollte.“ Abigail grinste sie an. „Das hätte ich dich sowieso nicht machen lassen. Du wirst schnell genug merken, dass dein Leben auch ohne selber waschen anstrengend wird. Schau dir unseren Magister an: Alle zwei Tage muss er im Moment den Generator aufladen mit seiner magischen Energie, und ich glaube, er schläft die ganze Nacht davor nicht. Deswegen war er auch so müde, als wir ihn heute morgen gesehen haben.“ „Alle zwei Tage eine ganze Nacht wach? Wie schafft er es, den Rest der Zeit noch so gut auszusehen?“, fragte Kira verblüfft, erinnerte sich aber dann auch daran, dass Mitras ja etwas ähnliches erwähnt hatte. „Das, Kindchen, ist sein Berufsgeheimnis!“, lachte Abigail. „Aber wenn du es schaffst, das aus ihm rauszukriegen, verrate es mir – ich wette, damit lässt sich auch Geld machen beim jungen Partyvolk.“ Sie lachten gemeinsam. Dann nickte Abigail zum Tisch hin und sagte: „Das genügt mir erstmal. Nun sollte ich ein paar Tage nähen können, und dann bitte ich dich wieder hierher. Magst du Tobey Bescheid geben, dass er wieder nach Hause kommen kann, wenn du rüber gehst?“ Kira nickte. „Danke, Abby. Ich freue mich so sehr auf die Kleider, die werden auf jeden Fall toll sein.“ Abigail winkte ab. „Das freut mich, aber die Freude ist ganz meinerseits. Ich fühle mich gleich 10 Jahre jünger, mich wieder durch die ganzen aktuellen Modezeitschriften zu wühlen und Kleider zu planen. Achja, bei jünger fühlen: Mitras wird heute abend wieder beschäftigt sein. Wenn du das Bad nutzen möchtest, wäre heute abend also eine gute Idee.“ „Oh, hmm… danke für den Hinweis. Muss ich da noch irgendwas beachten?“ Ein warmes Bad wäre bestimmt gut, und ein Luxus, den sie definitiv genießen wollte. „Nein, du kannst einfach warmes Wasser einlaufen lassen. Handtücher liegen im kleinen Regal, und oben steht eine Schale mit Badekugeln, die machen das Wasser schön schaumig. Gute Nacht und viel Spaß!“ Kira zog sich wieder an, verabschiedete sich und ging nach draußen. Der Schein von Lunet und Lunar ließ den Schnee im Garten glitzern, die Wolken hatten sich endlich verzogen. Einen Moment lang betrachtete sie das Gebäude, das gegenüber des Gesindehauses stand. Der Backsteinbau hatte nur ein etwas höheres Geschoß, vermutete sie anhand des großen Tores. An einer Ecke gab es einen langen Mast, von dem aus mehrere elektrische Leitungen zum Nachbarhaus und zur Straße führten. Ob Mitras dort den von Abby erwähnten magischen Generator betrieb und den Strom an die Nachbarschaft verkaufte? Sie spürte, wie die kalte Luft sie zum Frösteln brachte, also beendete sie ihre Beobachtungen und eilte aufs Haus zu, den gerade nur mit dem neuesten Schnee bedeckten Pfad folgend. In Mitras Fenster leuchtete schwaches Licht, und im Esszimmer saßen William und Tobey bei einer Partie Dame. Kira richtete Abigails Botschaft aus und ging dann in ihr Zimmer, um den Schlafanzug und ihre Seife zu holen.

Unten im Bad studierte sie einen Moment die Amaturen, ehe sie verstand, welchen Hahn man für heißes Wasser drehen musste. Dann ließ sie die runde Wanne in der Mitte des Raumes mit warmen Wasser vollaufen. Auf der runden Kante standen verschiedene kleine Karaffen mit Ölen. Kira überlegte, ob sie davon etwas nehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Die Öle waren bestimmt teuer gewesen und gehörten Mitras, sie hatte schon genug von ihm bekommen. Allein die Tatsache, dass sie baden durfte, war ja schon ein ziemlicher Luxus. Sie zog sich aus, legte ihr Kleid sogfältig auf einen bereitstehenden  Stuhl und ließ sich mit einem wohligen Seufzer ins Wasser gleiten. Das warme Wasser tat unglaublich gut, stellte sie fest. Es war schon lange her, dass sie in einem Badezuber gesessen hatte. Und diese gemauerte Wanne war nochmal deutlich interessanter, da sie so groß war, dass man sich beinahe lang darin ausstrecken und im Wasser schweben konnte. Sie legte den Kopf auf den Rand und ließ sich treiben. Die Erschöpfung breitete sich langsam in ihr aus, und sie sackte langsam nach unten ins Wasser. Als das Wasser über ihr Gesicht schwappte, wurde sie wieder wach. Sie schüttelte sich, angelte sich die Seife und wusch sich. Dann zog sie den Stöpsel am Boden der Wanne und stieg aus dem kühl gewordenen Wasser. Rasch trocknete sie sich ab, zog den Schlafanzug an, reinigte das Bad ein wenig und ging nach oben in ihr Zimmer. Sie hatte eigentlich noch in dem Buch mit den Gesellschaftsregeln lesen wollen, doch kaum war sie in ihrem Bett, fielen ihr bereits die Augen zu. Also kuschelte sie sich in die Decke, dachte kurz darüber nach, dass Magister Mitras wohl in seinem Büro das Laden des Generators vorbereitete, denn sie hatte einen Lichtstreif unter der Tür hindurchscheinen gesehen. Und dann war sie schon eingeschlafen.

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