Sebastian zeigte sich am nächsten Tag hinreichend beeindruckt von Kiras leisem Bericht, den sie ihm in einem kleinen Nebenraum des Lesesaals gab – natürlich nicht, ohne vorher den Raum nach magischen Spionen abgesucht zu haben. Gemeinsam lasen sie anschließend in ein paar historischen Büchern über die Skir, weiterhin auf der Suche nach Hinweisen zu den Hexen der Skir, aber außer schaurigen Kriegsmärchen fand Kira nur den Hinweis, dass Skirhexen wohl durchaus einige Spionagezauber konnten. „Sie reisen durch den Raum wie ein Geist“, schrieb einer der Autoren, „und willst du ihnen schaden, musst du ihren Körper finden. Aber dieser wird zumeist eifrig bewacht von ihrem Gemahl, der die Hexe mit Leichtigkeit selbst an den fernsten Orten erreichen kann.“ Wie genau dieser Zauber aber funktionierte, stand dort leider nicht weiter. Sebastian tröstete sie, indem er ihr von den magischen Versuchen in Grundlagen der Elementarmagie erzählte, die seine Schwester anscheinend gerade plagten, und ihr ein passendes Buch besorgte, das es in Mitras Bibliothek nicht gab. Bis zum Shengstag gelang es Kira damit sehr zu Mitras Bewunderung, einen winzigen Ball aus Wasser in ihrer Hand zu erzeugen. Nunja, eigentlich eher eine Pfütze, aber immerhin. Sie beschloß, passende Telekinesezauber zu üben, damit das Wasser bei ihr ebenso schön über der Hand in einer Kugel fließen konnte, wie es das bei Mitras tat, als er ihr vorführte, wie der Zauber aussehen konnte. Am Abend des Shengstages zog Mitras sich eine ganze Weile mit Stefania in sein Labor zurück, weshalb Kira erst überlegte, ob sie weiter in ihrem Zimmer üben sollte, es dann aber nach einigen Versuchen abbrach – erstens hatte sie auf den Teppich gekleckert und zweitens spürte sie auch hier wieder, dass es mühsam war, sehr lange viel Magie zu sich zu ziehen. Sie grübelte, warum Mitras das so leicht fiel und warum es beim Laden des Generators noch nie dazu gekommen war, dass sie das Gefühl gehabt hatte, der Raum sei leer. Allerdings brachte sie dieser Gedanke letztendlich zurück zu dem Anblick von Mitras, der das Wasser über seiner Hand hatte tanzen lassen, und sie seufzte verliebt und ließ sich auf den Tisch sinken, um sich dieser Erinnerung hinzugeben. Er hatte so gut ausgesehen, und das Wasser und seine Augenfarbe hatten so gut zusammen gepasst… Nach einer Weile des Schwärmens setzte sie sich entschlossen hin, holte ihre kürzlich gekauften Buntstifte hervor und begann, aus der Erinnerung ein Bild zu malen. Das würde sie gut versteckt immer bei sich haben können!
Am Morgen des Silenz wachte sie erholt und aufgeregt auf. Heute hatte Mitras ihr angekündigt, dass sie mit Frederieke und ihren beiden Kindern, Valencia und Julius, einen Ausflug zur Klippe oberhalb des Palastes unternehmen würden. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah dicke Flocken Schnee rieseln. Hoffentlich wurde der Ausflug nicht abgesagt! Rasch zog sie sich an und ging nach unten, wo William bereits dabei war, den Frühstückstisch zu decken.
„Guten Morgen, Kira!“, begrüßte er sie. „Na, hast du das Langschlafen wieder eingestellt?“ Kira nickte ein wenig verlegen. „Kann ich dir helfen?“ versuchte sie abzulenken. William schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich ist alles fertig, nur der Herr des Hauses fehlt. Magst du ihn wecken?“ Kira bejahte und ging nach oben, stand dann aber verlegen vor Mitras Zimmertür. Was sollte sie sagen? Sein Schlafzimmer hatte sie noch nie von innen gesehen. Sollte sie nur klopfen? Eigentlich war sie schon gespannt, wie dieser Raum aussah – ob er ihn ebenso gut ausgestattet hatte wie ihr eigenes Zimmer? Sie hob die Hand und klopfte. Nichts geschah. Etwas lauter klopfte sie erneut.“Jaja, Abby, ich komme ja schon, hat William dich wieder hochgescheucht? Es ist doch noch genug Zeit bis Frederieke kommt, da muss er nicht so rumdrängeln!“ Kira zögerte. Was sollte sie sagen? Ehe sie sich sammeln konnte, ging die Tür auf und Mitras stand vor ihr. Er hatte eine schwarze, dicht gewebte Leinenhose an und sonst nur ein noch nicht zugeknöpftes Hemd, was ihr einen deutlichen Blick auf seine Brust gab. Sein Oberkörper war muskulöser als sie bei seiner Statur erwartet hatte. Erschrocken wich sie ein Stück zurück und blickte nach unten, was allerdings nur dazu führte, dass ihr Blick über seinen ebenso muskulösen Bauch wanderte. „Oh, guten Morgen Kira. Mit dir habe ich jetzt gar nicht gerechnet.“ Er wirkte plötzlich ein wenig verlegen und begann schnell das Hemd zuzuknöpfen. „Aber ich nehme mal an, dass ich deinen Besuch auch dieser frühmorgendlichen Nervensäge William verdanke, oder?“ Kira blickte angestrengt zu Boden und nickte heftig. „Tu…tut mir leid.“ Sie hatte das Gefühl, dass ihr Kopf rauschte. Vermutlich war sie fürchterlich rot. Sie linste ein wenig nach oben und bemerkte, dass ein Teil von ihr tatsächlich bedauerte, dass er gerade den letzten Knopf des Hemdes schloß. „Er sagte, ich solle dich zum Frühstück holen, alles andere sei schon fertig.“ Mitras lachte. „Gut, gut, sag ihm ich komme gleich, und kopf hoch, so schlimm sehe ich nun auch wieder nicht aus.“ sagte er mit einem schelmischen Grinsen und drehte sich wieder in sein Zimmer um. „Nein, gar nicht!“ platzte es aus ihr heraus, ehe sie darüber nachdachte. Dann schluckte sie. Oh, Geister, hatte sie das wirklich laut gesagt? Mitras reagierte nicht, und Kira ergriff die Flucht in ihr eigenes Zimmer, wo sie sich eine Weile in ihr Kopfkissen vergrub, bis das Rauschen des Blutes in ihren Ohren aufhörte und ihr Atmen wieder normal funktionierte. Wieso hatte sie ihr loses Mundwerk immer noch nicht im Griff, hatte ihr der ganze Ärger in Bispar nicht gereicht? Sie schimpfte mit sich selber und merkte dabei nicht, dass jemand in den Raum getreten war. Erst als Mitras sich hinter ihr räusperte, fuhr sie hoch.
Mitras hatte das erste Klopfen gar nicht richtig mitbekommen, er war da noch mitten in seinen Übungen gewesen. Er war nach wie vor kein Morgenmensch, aber seit er den Regenerationszauber angewandt hatte, war er morgens deutlch fitter und früher auf den Beinen. Das nutzte er nun schon seit einigen Wochen, um sich auch körperlich wieder in Form zu bringen. Seine Bewegungen wurden langsam wieder fließender und geschmeidiger und er vermochte den Rapier nun schon fast wieder so künstlerisch zu führen wie früher. Nun war er gerade dabei sich vom Schweiß zu befreien und sich für das Frühstück fitt zu machen, als es klopfte. Als er die Tür öffnete und dann plötzlich Kira statt Abby vor ihm stand, überraschte ihn das doch sehr. Erst an ihrer Reaktion merkte er, dass er sich noch nicht weiter angezogen hatte, aber so viel Schüchternheit hatte er trotzdem nicht von ihr erwartet. Er war doch sicherlich nicht der erste Mann, den sie mit offenem Hemd sah. Sie sah gut aus, und selbst wenn es auf dem Dorf wahrscheinlich nur Deppen gab – einige noch idiotischer, wie er selbst hinzufügte – so nahm er doch an, dass sie schon sexuelle Erfahrungen gemacht haben musste. Kurz blitzte die Erinnerung an ihre Erzählung über den Angriff des Baronsbastards auf, und er korrigierte seine eigene Einschätzung. Sie hatte noch nie mit jemandem geschlafen, nun gut, aber es gab ja auch einiges, was man davor tun konnte. Warum sollte ein schönes Mädchen wie sie nicht auch ein paar nicht ganz so bescheuerte Verehrer gehabt haben? Auf jeden Fall war ihre Reaktion amüsant. Und dann erst ihre Verteidigung seines Aussehens! Süss von ihr, dachte er grinsend bei sich, und kam sich nochmal fünf Jahre jünger vor. Er drehte sich noch einmal zur Tür um, aber da war sie schon weg. Da er sie nicht die Treppe runtergehen hörte, war sie wohl nochmal in ihr Zimmer gegangen. Er zog sich schnell fertig an und trat auf den Flur. Ihre Tür war offen, dennoch klopfte er von außen einmal, erhielt jedoch keine Reaktion. Er zuckte mit den Schultern und trat ein. Sie lag auf dem Bett, den Kopf in die Kissen gedrückt, schluchste aber nicht. Einen Moment hatte er sich schon Sorgen gemacht, dass diese doch so harmlose Szene sie getroffen haben könnte, aber das war wohl nicht der Grund. Er räusperte sich laut, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie fuhr hoch, und ihre fahrigen Bewegungen erinnerten ihn so deutlich an ein Eichhörnchen, dass man dabei aufschreckte, wie es eine Nuss öffnete, dass er beinahe gelacht hätte. „Ich dachte ja nicht, dass du bei dem Anblick gleich wie ein erschrecktes Eichhörnchen vor dem Wolf ins Nest flüchtest.“ neckte er sie. „Komm, lass uns zusammen runter gehen. Jetzt warten sie bestimmt schon auf uns.“ Kira, deren Gesichtfarbe sich normalisiert hatte, lief wieder rot an. „Ich bin nicht…“ Sie brach ab. „Magst du Eichhörnchen?“ Die Frage überraschte ihn. „Ähm ja, doch sehr. Ich meine, wie kann man diese kleinen süßen Dinger nicht mögen.“ Nun merkte er, wie er leicht errötete. Er wusste selbst nicht, was er an diesen kleinen flauschigen Nagern so toll fand, aber eine Welt ohne sie fände er doch sehr traurig. Kaum etwas konnte ihm den Tag so sehr versüßen, wie einem roten Eichhörnchen zu begegnen. Kira schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie stand ganz auf, strich ihr Kleid glatt und ging an ihm vorbei. „Dann geht dein Eichhörnchen jetzt natürlich mit dir frühstücken.“, sagte sie, nicht besonders laut, aber er hatte es dennoch gehört, und er folgte ihr mit einem breiten Grinsen.
Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle und gerade, als Mitras aufstand, klingelte es an der Tür. Abby lief hinaus und nach wenigen Minuten hörte Kira ein lautes Kreischen. „Onkel Miiiiiitraaaas! Onkel Miiiitraaaas! Wir sim da!“ Kleine Füße trappelten und dann stürmte erst ein Mädchen zwischen 6 oder 7 und anschließend ein etwa halb so alter Junge ins Esszimmer. Die Kleine war eindeutig ein Kind der Familie Venaris, sie hatte lange braune Zöpfe und ebenso eisblaue Augen wie Mitras. Ihr Bruder hingegen, der noch eine Winterjacke und seine Mütze trug, hatte anscheinend deutlich hellere Haare und grünlich-dunkle Augen, kam also vermutlich mehr nach seinem Vater. Kira wusste schon, wie die beiden hießen: Valencia und Julius. Erstere sprang Mitras, der aufgestanden war, beinahe in die Arme, und er hob sie hoch in die Luft, was sie mit einem freudigen Lachen quittierte. „Is auch! Is auch!“, quengelte ihr kleiner Bruder, und Mitras ließ seine Schwester los, hob ihn locker hoch und schwang ihn herum, wobei er fast die Lampe über dem Tisch getroffen hätte. Kira musste unwillkürlich lachen. Schade, dass Mitras keine eigenen Kinder hatte, dachte sie, er wäre bestimmt ein guter Vater. „Bist du Onkel Mitras neue Frau?“, fragte Valencia, die nun plötzlich vor ihr stand. Kira blickte sie verblüfft an. „Äh, nein, ich bin… äh, seine Discipula.“, stammelte sie. Seine Frau zu sein war selbst für ihre verliebte Vorstellung gerade etwas zu viel. „Was ist eine Discipula?“ „Das ist jemand, der lernt, Magie zu benutzen. Und dein Onkel erklärt Kira, wie das geht. So wie deine Lehrer dir erklären, wie Lesen und Schreiben geht.“, antwortete Frederieke, die hinter den Kindern ins Zimmer getreten war und Kira blickte sie dankbar an. „Warum lernt Kira Magie? Ich will auch Magie lernen!“ Frederieke lächelte ihre Tochter an. „Nun, dazu muss man das Talent haben. Wir werden sehen, ob du das auch hast, aber noch bist du etwas zu jung dafür. Und jetzt erstmal Schluß mit Fragerei.“ Valencia zog eine Schnute, schwieg aber. Kira fand, dass die Fragerei eigentlich nur halb so schlimm war – immerhin war es wichtig, Fragen zu stellen. Mitras Nichte schien ausgesprochen neugierig zu sein, ein aufgewecktes Mädchen auf jeden Fall. Kira mochte sie – wobei, sie mochte eigentlich alle aus der Familie Venaris.
Nach einigen Worten der weiteren Begrüßung traten sie alle wieder in den Flur hinaus und zogen sich warm an. Kira nahm den neuen Mantel und erntete dafür begeistertes Lob von Frederieke, die erst Kiras Aussehen und dann Mitras Geschmack bei der Wahl lobte und anschließend feststellte, dass Mitras und Kira nun auch äußerlich gut zusammen passten, was Kira ein wenig rot anlaufen ließ und dazu führte, dass sie rasch als Erste vor die Tür trat. Es hatte aufgehört zu schneien, der ganze Garten lag von einer dichten Schicht Schnee bedeckt da, und zwischen den Wolken brach langsam die Sonne wieder hervor. Auf dem Platz vor dem Haus wartete bereits eine Kutsche, die Frederieke wohl mitgebracht hatte, und in die sie sich nun alle zusammen mit zwei großen Körben Essen, die William ihnen brachte, hineinquetschten. Dann brach die Kutsche auf und Abby winkte ihnen noch, während sie das große Tor in der Mauer hinter ihnen schloß.
Während der Fahrt diskutierten die beiden Kinder lautstark, wer auf welchem Bein von Onkel Mitras sitzen durfte und Frederieke lachte ihn gründlich dafür aus, dass er nun beide Kinder auf dem Schoß balancieren musste, während sie sich gemütlich ausstrecken konnte. Kira kam sich ein wenig fremd im Familienkreis vor, also rückte sie ans Fenster und sah hinaus. Solange sie innerhalb von Uldum waren, war der Schnee bereits festgetreten oder sogar schon geräumt, so dass sie gut vorankamen. Aber sobald sie die Stadtgrenze hinter sich hatten, wand sich der verschneite Weg über immer steiler werdende Hügel durch einen Wechsel von Büschen, freien Flächen und einzelnen Bäumen und die Pferde hatten ordentlich damit zu kämpfen, die Kutsche durch den Schnee zu ziehen. Bereits ein kleines Stück außerhalb der Stadt hielten sie darum an und der Kutscher bat Mitras um Hilfe, um statt der Räder vorbereitete Kufen anzubringen.
Mitras nickte bereitwillig, zögerte dann aber. „Habt ihr was dagegen, wenn meine Schülerin versucht, die Kutsche magisch anzuheben? Sie übt gerade solche Zauber.“ Der Kutscher rutschte vom Bock und schüttelte den Kopf. „Wie die Herrschaften es wünschen, ich muss nur die Kufen anschrauben können.“ , sagte er, und ging, um die Deichsel kurz zu lösen und die Pferde ein Stück beiseite zu führen. Begeistert rieb Mitras sich die Hände. „Frederieke, nimm mal die Kinder aus der Kutsche!“ , forderte er seine Schwester auf, die dem lachend Folge leistete. „Wasum?“ , fragte Julius. „Weil dein Onkel Quatsch vorhat. Komm, wir stellen uns da zu den Bäumen.“, antwortete seine Mutter kopfschüttelnd und grinsend, was Valencia dazu brachte, aufgeregt zu hüpfen und beinahe auszurutschen. „Jaaa, Quatsch! Onkel Mitras, mach Quatsch!“ Mitras schüttelte den Kopf. „Nein, keinen Quatsch. Kira, komm zu mir.“ Kira trat zögerlich zu ihm. Es war eine Sache, im Labor Zauber zu üben, aber eine ganz andere, hier vor Publikum einen ganz neuen Zauber auszuprobieren. Mitras musste ihr Zögern wahrnehmen, denn er lächelte ihr aufmunternd zu und sagte: „Den Zauber kennst du schon, das ist derselbe wie bei den Bällen. Du greifst einfach dort in der Mitte an und hebst die Kutsche nur ganz leicht auf dieser Seite an. Ich helfe, wenn nötig.“ Kira atmete tief ein, um die Nervosität zu überdecken. Dann schloss sie gehorsam die Augen und öffnete ihre magischen Sinne. Der ganze Wald um sie herum schwappte beinahe über vor Magie. Das hatte sie ja schon beim letzten Mal bemerkt, doch nun wurde es noch deutlicher. Sie hatte beinahe das Gefühl, auch ohne den passenden Zauber die ganze Magie um sich fühlen, fast sehen zu können. Mit derselben Leichtigkeit wie beim Laden zog sie Magie in sich hinein, öffnete dann die Augen und blickte die Kutsche an. Dort greifen, anheben, nicht umkippen. Sie bewegte die Hände langsam und vorsichtig, der Zauber sollte genau werden… die Kutsche wackelte. Mehr Kraft? Sie ließ mehr Kraft in die Verbindung fließen. Neben ihr hörte sie Mitras Stimme: „Oh, nicht so…“ Er brach ab, als die Kutsche mit einem Ruck nach oben schoß und ein Stück über ihren Kopf in der Luft hängen blieb. Kira spürte, wie er ebenfalls magisch nach dem Gefährt griff. Verblüfft schaute sie die Kutsche an. Sie hing etwas schräg, aber sie hing komplett in der Luft. Valencia und Julius quietschten begeistert. Der Kutscher, der mit den Kufen ein Stück neben ihnen stand, kratzte sich am Kopf und sagte: „Könnten Sie die etwas tiefer hängen, Mylady oder Mylord? Ich komme so ja nicht ran.“ Ehe Kira reagieren konnte, presste Mitras ein: „Aber nicht spontan loslassen!“ hervor. Sie nickte, war aber ein bisschen beleidigt. Was dachte er denn, dass sie eine Kutsche aus zwei Meter Höhe fallen lassen würde? Vorsichtig, wie beim Üben mit den Bällen, senkte sie die Hände ein wenig und die Kutsche folgte der Bewegung. Mitras seufzte leise und ließ seine Hände sinken. Er drehte sich zu ihr, aber Kira beachtete ihn nicht. Der Zufluss der Magie war hier draußen anscheinend wie im Generatorhaus gar kein Problem, aber die Kutsche stabil und ruhig zu halten, so dass der Kutscher die Kufen montieren konnte, war es durchaus. Aber sie blendete die Stimmen der Kinder aus, schaute nur auf die Kutsche und konzentrierte sich. Es gelang. Auch wenn sie einige Male etwas wackelte, es gelang. Mitras sprach die ganze Zeit nicht mehr, bis sie die Kutsche vorsichtig zu Boden gleiten ließ. Dann schaute er sie einen langen Moment an, und Kira war sich nicht sicher, ob er schimpfen oder sie in den Arm nehmen wollte. Die Entscheidung wurde ihm aber von Valencia abgenommen, die wie von der Feder geschnellt auf Kira zugeschossen kam, sobald ihre Mutter sie losgelassen hatte und sie begeistert umarmte. „Das war so irre! Du bist riiiiichtig stark! Wenn Onkel Mitras dir alles beigebracht hat, bringst du es dann mir bei?“ Kira spürte, dass sie beinahe kichern musste. Sie war ungemein erleichtert, auch diese erneute Prüfung gemeistert zu haben. Und außerdem konnte sie eine Kutsche fliegen lassen, das war ein durchaus berauschendes Gefühl! Lächelnd sah sie Valencia an und antwortete diplomatisch: „Wenn du das Talent hast, werde ich noch keine Magistra sein, aber vielleicht zeigt dein Onkel es dir dann. Und wenn nicht, kannst du ja einfach lernen, eine Kutsche mit Mechanik anzuheben. Oder eine Flugmaschine zu bauen.“ Valencia klatschte begeistert in die Hände. „Ja, super!“ „Dafür muss man aber lesen und schreiben lernen.“, sagte Frederieke, die mit Julius auf dem Arm von hinten durch den Schnee heran stapfte. Valencias Gesicht verdunkelte sich kurz und nahm dann einen sehr ernsten Gesichtsausdruck an. „Dann werde ich das ab sofort lernen.“ Frederieke zog die Augenbrauen hoch und nickte zustimmend. Zu Mitras und Kira gewandt murmelte sie: „Danke! Davon versuche ich sie schon seit Wochen zu überzeugen!“
Mitras trat einen Schritt zurück, während die Kleine Kira weiter umschwärmte und überlegte, was da gerade passiert war. Der Zauber war nicht schwer und auch dafür geeignet große Lasten tragen, aber das erforderte Übung und vor allem viel Magie. Auf der anderen Seite hatte Kira ein großes Potential und beherrschte den Zauber schon sehr gut. Trotzdem, dass sie die Kutsche plötzlich so hoch geworfen hatte, das hatte ihn stark überrascht. Er hatte gesehen, dass sie am Anfang nachjustieren musste, was ja auch zu erwarten war, bisher hatte sie ja nur mit kleinen Gegenständen geübt. Wenigstens hatte sie letztendlich die Kutsche genug stabilisiert, so dass der Kutscher seine Arbeit machen konnte. Kira hatte die Höhe problemlos halten können, aber ihr fehlte die Übung auch alle anderen Faktoren unter Kontrolle zu halten, dass hatten die Bewegungen der Kutsche deutlich erkennen lassen. Der eigene Energiefluß, der Wind, bewegliche Teile der Ladung. Mitras hatte konstant einen Zauber zum Auffangen bereit gehalten, aber zu seinem Erstaunen hatte es schließlich geklappt, ohne dass er weiter eingreifen musste. Gerade der Magiefluß machte ihm aber Sorgen. Das hatte sie schon besser hinbekommen. Am Anfang hatte sie beim ersten nachjustieren beinahe die Kontrolle verloren, so viel Energie war plötzlich in ihren Zauber eingegangen. Er nahm sich vor sie später danach zu fragen, was da los war. Warum fiel es ihr hier draußen anscheinend wieder schwerer, die Magie genau zu dosieren? Und wieso stand ihr überhaupt so viel Energie so leicht zur Verfügung? Ein bisschen beängstigend war das schon. Wie sollte er sie gut schulen, wenn selbst kleine Übungen zu schwebenden Kutschen führen konnten?
“Nun gut, ich denke es kann weiter gehen, oder?“ wandte er sich an den Kutscher. Dieser nickte, nachdem er gerade die Pferde wieder vor die Kutsche gespannt hatte, und sich nun wieder auf den Kutschbock setzte. Er hielt den beiden Frauen die Tür auf, hob Valencia in den Wagen und stieg dann selbst ein. Valencia war immer noch ganz aufgeregt und kuschelte sich an Kira, die nun im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand. Julius war hingegen deutlich reservierter – ihm schien die Vorführung eher etwas Unbehagen bereitet zu haben. Er kam aber gleich wieder zu ihm und machte es sich auf seinem Schoß bequem. Immerhin ein Kind weniger, dachte er sich. So ließ sich das Gewicht aushalten.
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