Waldrauschen – 10. Firn 242 (Silenz)

Der Weg zog sich in kleinen Windungen erst durch die Hügel, dann steiler einen Hang hinauf. Kira nahm sich vor, eine gute ältere Schwester zu sein und erklärte Valencia, was für Bäume und Sträucher draußen standen, sofern sie selbst ihre Namen kannte. Die Landschaft war schön, auch wenn der Bewuchs sich merkbar von den flachen Gegenden in Burnias unterschied. Da auch der Schnee manches Bestimmen erschwerte, fragte sie auch Mitras öfters, doch dieser gab freimütig zu, von Pflanzen nicht so viel zu wissen, also versprach sie Valencia, sich das Aussehen dieser Bäume zu merken und in der Bibliothek später nachzuschlagen. Die Fahrt verging nun recht kurzweilig und sie fühlte sich nicht mehr so ausgeschlossen.

Der Hang endete in einer Anhöhe, auf der einige kleine Häuser standen. Sie schmiegten sich an die steile Felswand hinter sich, als würden sie dort vor Stürmen Zuflucht suchen wollen. Eines der Gebäude war ein Gasthaus, was leicht daran zu erkennen war, dass dort schon mehrere Kutschen standen. Als sie auf dem Platz ankamen und austiegen, entdeckte Kira auch, warum dies ganz offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel war: Die Aussicht war wirklich gut. Die Hügel zu ihren Füßen breiteten sich zu einer weiten Ebene aus, an deren östlichen Rand die Häuser von Uldum zu sehen waren, und ganz in der Ferne sah sie auch zwischen den Häusern den Avens bräunlich-grünlich heraus fließen und sich durch die verschneite Landschaft winden. Mitras trat hinter sie. „Warte nur, bis wir oben auf der richtigen Plattform sind, da sieht es noch besser aus!“ Der Kutscher einer nahebei stehenden Kutsche, der ihn wohl auch gehört hatte, mischte sich ein: „Gnädiger Herr, die Plattform oben ist nicht geräumt, deswegen kann man sie heute leider nicht besuchen.“

„Keine Sorge, das hält mich nicht auf, das Räumen übernehme ich selbst.“ Um seine Aussage zu unterstreichen, schob er mit einem Zauber ein bisschen Schnee am Straßenrand zusammen und formte in Windeseile einen kleinen Schneemann daraus. „Angeber.“, stichelte seine Schwester von der Seite, während die Kinder vergnügt quietschten. „Wie ihr meint, Herr.“, antwortete der Kutscher leicht ehrfürchtigt, aber auch weiterhin skeptisch. „Gut, wollen wir erst hochgehen, oder erst etwas essen?“ „Essen!“, sagte Julius. „Hochgehen!“, rief Valencia. „Nein, erst essen.“, entschied Frederieke. „Gut, wenn alles geklappt hat, ist ein Tisch für uns dort oben reserviert.“ Mitras zeigte auf das Fenster oben im ersten Stock des Gasthauses. Er ging vor und öffnete die Tür, hielt sie auf und wartete bis alle eingetreten waren. Eine Schankmaid nahm sie in Empfang. „Werter Herr, die Damen. Wir bieten Ihnen um diese Zeit warme Getränke und eine Auswahl an Erfrischungen an. Aber die Küche wird erst in den späten Nachmittagsstunden, wenn die Wanderer wiederkommen, eröffnet.“ „Kein Problem, wir haben etwas dabei. Ich hatte für unsere Rast aber auch reservieren lassen.“ „Der Herr di Venaris nehme ich an?“ „Jawohl.“ „Wir haben Sie bereits erwartet, folgen Sie mir bitte.“ Sie ging voran zur rechten Seite des großen Raumes, wo eine Wendeltreppe zu einer Galerie führte. Diese überspannte das vordere Drittel des Schankraumes und bot einer weiteren Garnitur aus Bänken und langen Tischen am Geländer, sowie einem Separe an der Frontwand Platz. In dieses leitete sie die Maid. Ein großes Fenster bot einen wunderbaren Ausblick und zwei Öfen links und rechts der Tür spendeten trotz der Scheibe genug Wärme.

Mitras, ganz der Gentleman, bot seinen beiden Damen nacheinander Plätze an den Kopfenden des quer zum Fenster stehenden Tisches an und setzte sich mit den Kindern an die lange Seite, die dem Fenster zugewandt war. Valencia setzte sich dabei zu Kira, während sich Julius an seine Mutter hielt. „Für die Kinder je eine heiße Schokolade bitte.“ An Frederieke und Kira gewandt fragte er: „Und was hättet ihr gerne?“ „Ich nehme auch Schokolade.“, sagte Kira. „Tee, bitte, mit Milch und Zucker.“, sagte seine Schwester. „Gut, für mich auch eine Schokolade, aber mit einem kleinen Schuss Rum, vom Besten bitte.“ „Sehr wohl.“, antwortete die Kellnerin und verschwand. Mitras hiefte den ersten schweren Korb auf den Tisch. „Was hat William uns denn alles mitgegeben?“ Tatsächlich hatte sich William wohl schon einige Tage auf diese Picknickkörbe vorbereitet – er hatte kleine Pastetchen gebacken, die die Form verschiedener Tiere hatten, und winzige Kuchen mit verschiedenen Glasuren, dazu Fleischbällchen, zwei Salate und eine Schüssel mit geschnittenem Obst. Aus dem zweiten Korb tauchten belegte Brote und niedlich dekorierte Kekse, wieder in den Tierformen, auf. Sie aßen und Frederieke erzählte ihnen von den ersten Fortschritten, die Valencia in Mathematik machte, was diese auch durch das eifrige Abzählen der verbleibenden Kekstiere unterstrich. Julius kletterte irgendwann auf den Schoß seiner Mutter, und als alle fertig waren, war er bereits eingeschlafen. Auch Valencia rutschte gegen ihn und gähnte. „Na, so wird das nichts.“ sagte Frederieke resignierend. „Sonst geht ihr beide allein nach oben. Wenn die beiden mit ihrem Mittagsschlaf fertig sind, kommen wir noch nach.“ Mitras blickte fragend zu Kira herüber. „Bereit für den Aufstieg?“ Sie nickte. „Gut, dann brechen wir beide schon einmal auf. Ich räume dabei auch den Weg frei und sorge dafür, dass ihr sicher hinterher gehen könnt.“ Mitras und Kira halfen dabei die Reste wieder einzupacken und er nahm die beiden Körbe schon einmal mit zur Kutsche. Er zeigte nach oben die Klippe hinauf, weit oberhalb des Gasthauses. „Siehst du das Geländer dort oben, das ist unser Ziel.“ Auf der Uldum abgewandten Seite der kleinen Siedlung begann ein steiler Aufstieg, der sich einmal um den Berg herum wand. Mitras ging voran und wischte den Schnee zur Seite, solange unter ihnen nichts als die Natur war. Im oberen Drittel hingegen wischte er den Schnee zur Felswand und formte dort Klötze aus ihm. „Unter uns liegt bereits das Palastgelände und wenn ich den Schnee hier weiter so zur Seite schiebe, erschlägt er da unten noch jemanden.“ Kira beugte sich ehrfürchtig ein wenig über das Geländer und linste nach unten. Dann schaute sie zu den Klötzen. „Wie macht man das? Auch den Schneemann vorhin, ich habe versucht, es nachzumachen, aber bei mir fällt der Schnee gleich wieder auseinander…“ „Ich presse den Schnee magisch zusammen, verändere dann aber auch seine Struktur. Das ist dann kein Telekinese Zauber mehr, sondern einer aus der Schule der Veränderung. Wenn du dich sicher genug fühlst, können wir nächste Woche einen neuen Versuch starten, aber jetzt zerbrich dir darüber nicht den Kopf, wir sind gleich oben und die Aussicht ist gerade viel wichtiger als alle Sorgen, glaub mir.“ sagte er und zwinkerte ihr zu. Sie zog eine Schnute. „Zeig ihn mir wenigstens!“ „Nun gut, dann pass auf.“ Mitras nannte ihr den aus drei Worten bestehenden Spruch und demonstrierte ihr die Gesten. „Er ist ganz einfach, sobald wir deine Blockade überwunden haben, kannst du ihn auch sofort. Aber mit einem Trauma ist nicht zu spaßen, setz dich also nicht unter Druck.“ Sie nickte artig und er begann, weiter die Stufen hinauf zu steigen. Als er die Kante der Plattform erreichte, machte er einige Schritte, bei denen er den Schnee zu einem großen Haufen zusammenschob. Ehe er allerdings genug Magie sammeln konnte, um die Plattform mit einem Schwung reinigen zu können, traf ihn plötzlich von hinten ein Schneeball am Kragen. Kira stand hinter ihm und nickte, verschmitzt grinsend und herausfordernd, während bereits sechs Schneebälle um sie herumflogen. Mitras riss die Hände hoch, wirbelte eine Wolke auf und verpulverte sie, ehe er sich nach links fallen ließ und zwei der Bälle bereits an ihm vorbei flogen. Kira schrie fröhlich „Zum Angriff!“ und stürmte die letzten Stufen hinauf, den nächsten Ball ohne Magie werfend. „Na warte!“ Mitras formte gleichzeitig ein Duzend weicher Schneebälle und ließ sie nach oben, außer Sicht aufsteigen, dann wirbelte er seine Wolke zur Seite, um Kira mit drei weiteren Bällen zu attackieren. Sie wich diesen geschickt aus und hob Schnee für einen weiteren Ball auf, als sie der erste Ball von hinten traf. Aufkreischend rollte sie sich zur Seite weg, so dass die nächsten Bälle nur seinen vorher aufgetürmten Wall trafen. „Das ist mies! Von hinten!“ „Und von Oben!“ rief er zurück und ließ vier weitere Bälle auf sie herab sausen, während er gleichzeitig Magie sammelte um weitere Bälle zu formen. Einen Moment lang achtete er nicht auf sie. Im nächsten Moment traf ihn ein Ball so ins Gesicht, dass er die Konzentration verlor und statt seiner geplanten Schneekugeln nur eine weitere Wolke Schnee auffwirbelte. Auch über die verbliebenen Bälle in der Luft verlor er die Kontrolle. Wenigstens trafen zwei der herunterfallenden Kugeln Kira und lenkten sie lange genug ab, so dass er sich wieder sammeln konnte. Sie rappelte sich wieder auf und hechtete gleichzeitig in seine Richtung. Er spürte, wie sie wieder Magie sammelte, setze aber schon selbst zu mehreren Zaubern an. Er ließ aus allen Richtungen lose Schneekugeln auf Kira zu fliegen, während er heimlich wieder ein kleines Arsenal sammelte. Sie ließ sich davon aber nicht aufhalten, riss die Arme hoch und schrie: „Attacke!“, während sie vor ihm eine Wand von Schnee magisch anhob. Im nächsten Moment traf ihn die Fuhre an der Brust, gefolgt von einem magisch verstärkten Windstoß, mit dem sie den Schnee hochgehoben hatte. Er taumelte, verlor aber nicht wieder die Kontrolle. Er ließ sich fallen, um ihr vorzumachen, dass sie ihn wieder überrascht hatte und wurde dann tatsächlich davon überrascht, dass sie sich mit voller Wucht auf hin fallen ließ. „Ok, du willst unfair spielen, das kann ich auch!“ rief er, hob sie magisch an, stellte sie vorsichtig ab und ließ dann gezielt seine immer noch kreisenden Bälle auf sie hernieder fahren. Sie kreischte, als der erste Ball sie im Kragen traf, und riss die Hände hoch. „Wah, kalt!“ Sie zog Magie in einem Tempo heran, dass er beinahe das Gefühl hatte, er würde einen Luftzug spüren, und wehrte die letzten fünf Bälle ab, indem sie einen Art Schild über sich erzeugte, an dem die Bälle abprallten. Er war beeindruckt, einen derartigen Zauber hatte er noch nicht bei ihr gesehen. Sie schüttelte sich den Schnee aus dem Kragen und schnaubte: „Du warst zuerst unfair!“ Er lachte: „So, so, wo war ich denn unfair?“ „Bälle von hinten! Und vor allem hast du deine Bälle nicht mit der Hand gemacht!“ Der Schnee hing in ihren Haaren, in ihrem Kragen, eigentlich war sie komplett in Schnee eingehüllt. Sogar an den Augenbrauen hingen Schneebröckchen. Sie sah unglaublich niedlich aus, und er hatte das Gefühl, kichern zu müssen. Er war schon lange nicht mehr so entspannt gewesen. „In einem magischen Schneeballduell muss man nunmal mit allem rechnen. Warte, halt kurz still. Ich kümmere mich um den Schnee.“ Ein weiterer Zauber befreite sie von Schnee und Nässe und hüllte sie kurz in eine Dampfwolke ein. „So, das sollte besser sein.“, sagte er und wiederholte die Prozedur bei sich selbst. „Bleib noch einen Moment stehen, ich kümmere mich um die Plattform.“ Sie schnaubte noch einmal, drehte sich um und stapfte trotz seiner Ansage zum Geländer. Er sammelte den Schnee mit Ausnahme einer kleinen Fläche um sie herum und schob alles in der von der Treppe abgewandten Ecke zusammen. Einem Impuls folgend begann er den Schnee zu formen.

Kira trat an die Kante des Geländers. Sie wusste nicht, ob sie wütend oder glücklich sein wollte. Mit Mitras eine Schneeballschlacht zu machen war fast so lustig wie mit Adrian, aber es war defintiv herausfordernder. Sie wünschte, sie könnte die Bälle so schnell formen, wie er es tat… sie müsste nur Verwandlungsmagie wirken. Ob sie es probieren sollte? Dann allerdings blickte sie herunter und vergaß die Überlegungen erstmal. Von links kam der Avens und glitzerte in der Sonne und unter ihr lag ein riesiger Bau samt Parkanlage. Der Schnee glitzerte auf den Dächern. Von hier oben wurde ihr das Ausmaß des Palastes erst richtig bewusst. Dahinter lagen die Dächer der Stadt, ebenso vom Schnee glitzernd. Feine Rauchfäden stiegen aus den vielen Schornsteinen empor. Ein wenig wirkte es, als breite sich die riesige Stadt bis zum Horizont aus. Erst als sie genauer hinsah, konnte sie die Grenzen der Stadt erkennen, die Klippen auf der anderen Seite, und ein wenig auch den Corvio. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Sie hatte nicht gehört, wie Mitras an sie herangetreten war und nickte ein wenig erschrocken. „Fast noch besser als die Nachtansicht.“ Da hatte er allerdings ihre Hand gehalten, und deswegen fand sie den Besuch dort immer noch besser. Sie schaute zu ihm hoch. Er sah ebenso wie sie über das Land. Vorsichtig stellte sie sich etwas näher an ihn heran und blickte wieder auf die Stadt. Das war ihre neue Heimat. Sie seufzte und fröstelte ein wenig, als ein kalter Windhauch die Klippe hoch strich. Ein bisschen vermisste sie Bispar… also eigentlich die Wälder und die Moore. Aber der Anblick hier war definitiv auch schön. „Du siehst aus, als wenn du frieren würdest. Komm her.“ sagte Mitras, öffnete seinen Mantel und hielt ihn für sie auf. Sie fror eigentlich gar nicht so, aber ihr Herz machte einen Sprung und sie schlüpfte flink unter seinen Arm und in den Mantel. Genüßlich legte sie den Kopf an seine Brust und atmete seinen Geruch ein, während sie durch die halb geschlossenen Augenlider das helle Licht des Schnees flimmern ließ. Jetzt war das eine bessere Plattform als die in der Stadt! Er legte den Arm um sie, reagierte aber nicht weiter. Einen scheinbar endlosen Moment lang standen sie so aneinander geschmiegt da. Kiras Hand lag um seine Hüfte und sie widerstand der Versuchung, sie ein wenig zu bewegen, zu fühlen, wie er sich anfühlte. Seine Nähe wirkte beinahe berauschend. „Heute ist ein schöner Tag, der beste seit langem. Und das verdanke ich auch dir. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Thadeus mir eine so wunderbare Schülerin, Assistentin und Freundin schickt.“ kicherte Mitras. Sie nickte. „Wer hätte gedacht, dass mein neues Leben so wunderbar ist… und ich einen so tollen Mentor habe… den besten.“ Und den schönsten. Und überhaupt einen perfekten Mann. Aber das traute sie sich nicht zu sagen. Stattdessen zog sich sich noch etwas näher an ihn heran. Am besten wäre es, wenn sie ihn nicht mehr loslassen musste. „Kleine Schmeichlerin. Ich wundere mich, wo Frederieke bleibt, ob sie wohl noch kommt?“ Sie konnte ruhig unten bleiben, dachte Kira.

Mitras war hin und hergerissen. Er genoß Kiras Nähe, wie sie sich so an ihn schmiegte, und er merkte sehr wohl, dass sie diese Gefühle erwiderte. Aber er war auch ihr Lehrer, dass er sie durch die Spiegel beobachtet hatte war schon schlimm, nun aber gingen seine Gedanken deutlich weiter. Aber wollte Kira wirklich das Gleiche wie er? War das nicht eher die Umarmung einer Tochter für ihren Vater oder Onkel? Für sie war er ja auch ihr großartiger Mentor, wie sie nicht müde wurde zu sagen. Verdammt, es war doch einfach zu lange her, dass er das letzte Mal mit einer Frau zusammen war. Seit Claudia gegangen war hatte er sich so in die Arbeit vergraben, dass dafür keine Zeit mehr geblieben war. Er hatte aber bisher auch einfach kein Interesse mehr gehabt und jetzt fühlte er sich wieder wie ein wolllüstiger Jüngling. Verdammt, wo blieb eigentlich seine Schwester? Als Kira erneut fröstelte, legte er seinen Arm etwas enger um sie und ließ subtil ein wenig Wärme in sie strömen. Ihr war definitiv auch kalt, sollten sie vielleicht doch schon wieder runtergehen? Aber nein, Frederieke liebte diesen Platz, wenn sie jetzt gehen würden, wäre sie ihm wahrscheinlich eine ganze Weile böse. Mitras atmete einmal tief durch und versenkte sich kurz in eine tiefe Meditation, so gut es jedenfalls ging. Er entspannte sich etwas und konnte sich nun darauf einlassen Kira so an sich geschmiegt zu spüren. Seine beste Freundin suchte einfach nur Wärme und genoß die Aussicht. Sie standen noch eine Weile so beieinander, als Mitras die Kinder auf der Treppe hörte. Kira schien sie auch bemerkt zu haben, denn sie schlüpfte aus seinem Mantel hinaus, stellte sich wieder neben ihn und begrüßte die drei, als sie um die letzte Biegung kamen.

Eine Weile beobachtete Kira einfach nur, wie Frederieke Julius daran hinterte, zu nah an die Klippe zu kommen und gleichzeitig selbst nah genug heran trat, um die Aussicht genießen zu können. Valencia ließ sich von Mitras erklären, welche Teile der Stadt man sehen konnte. Kira bemühte sich, ihren Herzschlag und Atmen wieder zu beruhigen. Sie dankte den vielen Meditationsstunden, die ihr geholfen hatten, ihre Gefühle nicht überdeutlich zu zeigen. In ihrem Bauch flogen immer noch tausende Schmetterlinge. Hier oben zu stehen, seine Wärme zu spüren – auch seine magische Wärme, sie hatte den Zauber wohl bemerkt – war ein neuer Höhepunkt in ihrem Leben. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so wohl, so geborgen und behütet gefühlt zu haben wie in diesem Moment. Auch wenn sie seine Familie mochte, als sie die Stimmen auf der Treppe gehört hatte, hätte sie sie am liebsten in die tiefsten Skirwälder gewünscht. Doch sie hatte sich selbst so über diesen Gedanken erschrocken, dass sie ihn sehr schnell wieder verworfen hatte. Niemals würde sie seiner Familie wieder etwas böses wünschen – schließlich war es diese Familie, die ihr diese neue Heimat schuf, sie willkommen geheißen hatte und ihr mehr Unterstützung zukommen ließ, als sie es bei ihrer eigentlichen Familie je erlebt hatte. Verglichen mit seiner Mutter und Schwester, die sie ja eigentlich kaum kannten, mit di Pinzon und ganz besonders Abby, Tobey, William und Mitras selber, waren selbst Bruder Harras und Adrian nicht so warm und unterstützend gewesen, realisierte sie. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch wichen einem warmen Gefühl von Zuneigung für alle diese neuen und lieben Menschen, und eine kleine Träne des Glücks ran über ihre Wange. Nachdenklich betrachtete sie die Skulptur, die Mitras aus dem Schnee der Plattform geformt hatte. Es sah aus wie ein Mensch, wie eine Frau, irgendwie vertraut. Neugierig trat sie näher. Es dauerte einen langen Moment, dann realisierte sie, wieso die Kinder ihren Namen und nicht den von Mitras gebrüllt hatten, als sie auf die Plattform gekommen war. Mitras hatte sie dargestellt, wie sie zum Sprung bereit auf dem Boden hockte, einen Schneeball in der Hand. Ihre Haare aus Eis ringelten sich und schienen mit dem Mantel fast zu wehen. Ehrfürchtig hob sie die Hand und berührte die Figur. Es war längst kein Schnee mehr an der Oberfläche, sondern wirklich hartes Eis. Kira sah sich selbst in das Eisgesicht. Das sah wie eine glückliche junge Frau aus, und obwohl es erkennbare Fehler gab, war die Ähnlichkeit doch frapprierend. Sah Mitras sie so? Als junge, lebendige Frau mit einem fröhlichen Lachen? War sie so? Bisher hatte sie sich selbst eher als das wilde Waldkind gesehen, die unbeliebte, komische Hexe, das Trollbiest, das Bücher und Pflanzen mehr mochte als Menschen… Die Tränen floßen nun noch mehr. Sie ließ sich gegenüber der Figur auf die Stufen sinken. „Alles in Ordnung? Gefällt sie dir nicht?“ Mitras stand plötzlich neben ihr. Kira schluckte und beeilte sich, den Kopf zu schütteln. „Nein, nein, sie ist wunderschön. Ach, Mitras…“ Hilflos blickte sie ihn von unten herauf an. Wie sollte sie ihm erklären, was für ein Segen er für sie bedeutete? Dass er ihr ein neues Leben gab, eine neue Sicht – und auch die Chance, sich selbst völlig neu zu entdecken, ihre Ängste abzulegen? Er reichte ihr eine Hand, zögerlich ergriff sie diese. Er zog sie hoch und nahm sie in die Arme. „Na, was ist es denn?“ fragte er behutsam. Sie umarmte ihn heftig und drückte sich an ihn. „Danke!“, flüsterte sie in sein Ohr. „Ich bin einfach so glücklich. Du machst mich so unglaublich glücklich, und stark… und ich sehe so schön aus, also, die Figur von mir…“ Sie schluchzte und drückte sich fest an ihn.

Und schon war sie wieder das verletzte Mädchen, dass er so unbeding beschützen wollte. Aber selbst darin sah er eine gewisse Stärke. Sie hatte sich bisher, so schien es, allein gegen die ganze Welt gestemmt. Mitras konnte sich gar nicht vorstellen, was das bedeutete, oder nachvollziehen wie wichtig es ihr war, dass sie nicht mehr allein war. Aber diese talentierte junge Frau verdiente es, jede nur mögliche Unterstützung zu erhalten. Mitras lachte kurz. „Nun, ich habe mich nur bemüht meine wilde Schülerin so abzubilden, wie ich sie eben gesehen habe, bevor ihr verzweifelter Widerstand an meiner Macht zerbrach. Wohl wissend, dass ich jeden Sieg bis zum letzten auskosten muss, solange ich noch kann. Irgendwann werden solche kleinen Duelle für mich ganz schön frustrierend enden.“ , versuchte er sie mit Humor wieder aufzubauen. Für einen Moment lang waren ihre Gesichter dicht beeineinander und er hatte fast das Gefühl, sie würde ihn gleich küssen. Dann hauchte sie erneut „Danke“ und ließ ihn los. „Was macht ihr hier?“, fragte Frederieke hinter ihm. Kiras Gesichtsfarbe rötete sich leicht. „Ich habe mich für die Skulptur bedankt.“, sagte sie. Und zu seiner Überraschung umarmte sie als nächstes auch seine Schwester und den kleinen Julius, den sie trug. „Danke euch auch! Danke, dass ich bei euch sein darf!“ Mitras lachte und trat von hinten an sie ran und legte ihr einen Arm auf die Schulter. „Nun streng genommen darfst du nicht, du musst. Aber ich denke es gibt schlimmeres.“ Seine Schwester sah erst Kira, dann ihn und dann nochmal die Statue an. „Angeber! Aber ernsthaft, Kira, wir haben dich gern bei uns. Du bist eine gute Frau. Mitras kann sich glücklich schätzen, endlich mal jemand gefunden zu haben, der ihn auch mit Schneebällen angreift, obwohl er Magie benutzt.“ Sie grinste beide an. „Das hat sie doch gemacht, oder? Du hast dir das nicht ausgedacht, so gut kannst du nicht formen.“ „Naja, ja. Sie hat mich kurz ein oder zweimal überrascht. Mehr aber auch nicht.“ gestand er. Seine Schwester musste Julius absetzen, so sehr lachte sie. Sie lachte ihn ganz erkennbar aus. Ihr Gelächter lockte sogar Valencia vom anderen Ende der Plattform zu ihnen. „Gut, der Tag wird nicht jünger. Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt wieder runtergehen, ich noch eine Runde Schokolade spendiere und wir wieder fahren. Ach und Frederieke…“ Er griff magisch nach ein bisschen Schnee von einem entfernten Ast eines Baumes, formte schnell einen Ball daraus und ließ ihn über das Geländer und direkt auf seine Schwester zu fliegen, nur um ihn kurz vor dem Aufschlag in eine pulvrige Wolke zu zerstäuben, die Frederieke einhüllte, was sie übelst schimpfen ließ. Lachend drehte er sich zur Treppe und wich wissend einem Ball aus, den er Kira eben schon zusammenklauben hatte sehen. „Nana, nochmal klappt das nicht.“, rief er lachend zurück und ging weiter. 

Frederieke griff Kiras Hand, als diese wieder in den Schnee griff. „Lass, nicht auf der Treppe. Sonst machen die Kinder das nur nach.“ Kira nickte und ließ die Hand sinken, obwohl es wirklich in ihr prickelte, die erneute Herausforderung anzunehmen. Wenn sie wie er den Schnee mittels Veränderungsmagie zu Bällen formen konnte… Dann würde er das vielleicht nicht sehen… Oh, wie sie ihn für dieses Spiel noch mehr liebte! Sie hatte vorhin wirklich kurz darüber nachgedacht, ob sie ihn für seine lieben Worte hätte küssen dürfen, aber sich dann doch nicht getraut. Irgendwann vielleicht auf die Wange, irgendwann würde sie ihn küssen, weil er so perfekt war. Sie ließ Frederieke mit den Kindern vorgehen und betrachtete einen kleinen Haufen Schnee, der auf einem Vorsprung neben ihr lag. Das Rauschen des Waldes erfüllte ihre Ohren, fast hatte sie das Gefühl, er würde sie ermutigen. Das waren nur drei Worte… und sie würde ihn nochmal überraschen können… sie atmete Magie ein. Für Mitras. Für mich. Der Geschmack von verbranntem Karamell in ihrem Mund. Für Mitras. Für seine Hände um mich, wie eben. Sie bewegte die Hände. Der Schnee bewegte sich, formte sich. Der Geschmack wich einem sanften Geschmack nach Sahnekaramell. Und dann lag da vor ihr ein Schneeball. Sie schlug sich die Hand auf den Mund, um ihr aufgeregtes Qietschen zu unterdrücken. Vorsichtig hob sie den Schneeball hoch. Naja, eigentlich war es eher eine sehr schiefe Schneekartoffel. „Kira?“, rief Mitras von weiter unten. „Jaja, ich komme!“ Ihre Stimme überschlug sich. Ehrfürchtig betrachtete sie nochmal den Schneeball. Ihre Schneekartoffel. Dann begann sie so rasch sie konnte, die Stufen hinab zu steigen, die Kartoffel vorsichtig vor sich her tragen. Ihr Herz raste und mehrfach rutschte sie beinahe aus, aber das tat dem unglaublichen Gefühl von Stolz und Freude in ihr gar keinen Abbruch. Sie hatte das Gefühl, vom Berg herunter zu schweben.

Mitras schaute besorgt zu, wie Kira die letzten Stufen mehr herunter sprang als ging. Er hatte wohl die Treppen vom Schnee befreit, aber glatt war es immer noch. Offenbar ging es ihr wirklich gut. Ihr Gesicht war hochrot und ihre Augen strahlten und funkelten vor Freude. Als sie nah genug heran war, sah er den Schneeball in ihrer Hand. „Na, noch einen Versuch?“ Er hob die Hände, bereit zur Verteidigung, doch sie machte keine Anstalten zu werfen. Statt dessen kam sie schliddernd vor ihm zum Stehen und hob den ziemlich zerknautscht aussehenden Schneeball unter seine Nase. „Ich hab ihn gemacht!“, platze es aus ihr heraus. „Hmm, das kannst du sonst doch besser?“  „Nein, ich meine, selbst gemacht, wie du!“ Dann fiel ihm die Struktur auf, er aktivierte seine magische Sicht und sah noch Spuren des Zaubers. „Moment, du hast ihn mit Magie geformt, der Zauber ist dir also geglückt? Kira, das ist großartig!“ Er strahlte sie freudig an, was sie ebenso strahlend erwiderte. Im nächsten Moment wurde ihm allerdings klar, was das bedeutete – sie hatte Veränderungsmagie gezaubert. „Dir ist aber bewusst, dass das durchaus auch schief gehen hätte können, oder? Aber gut, ich bin erleichtert, dass dir nichts passiert ist. Das ist ja dann tatsächlich ein wichtiger Durchbruch. Wir werden es heute Abend im Garten noch einmal probieren. Dann aber mit meiner Aufsicht und ein paar Messgeräten, nur zur Sicherheit.“  Ihr Lächeln schwand ein bisschen. „Ich musste es einfach probieren… und…“ Ihr Grinsen war plötzlich so breit, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Hinter ihm kreischten Valencia und Julius. „… der ist für Frederieke.“ Ein Schneeball traf seinen Hinterkopf. Kira schüttete sich vor Lachen aus und versprach zwischendurch immer wieder, dass sie es bis zu Hause nicht wieder machen würde. Frederieke und die Kinder lachten ebenso. Mitras ließ ihr den Erfolg, beseitigte aber den Schnee von seinen Sachen und ging Richtung Gasthaus. „Jaja, ist gut, ich schulde euch noch eine heiße Schokolade. Will noch wer was essen? Noch ist reichlich da und der Tisch ist den ganzen Tag reserviert.“ Die Kinder liefen voraus und Mitras folgte ihnen, innerlich sehr zufrieden über diesen wundervollen Silenz.

Als Kira am Abend des Silenz endlich ins Bett sank, hatte sie das Gefühl, von Bispar bis Sibirien gelaufen zu sein. Aber sie war so unglaublich glücklich! Mitras und sie hatten sich nach der Rückkehr tatsächlich noch eine Schneeballschlacht im Garten geliefert. Natürlich hatte sie wieder verloren, aber immerhin hatte sie mit zwei Bällen getroffen – und anders als beim Zick-Zack hatte er diesmal den Kampf abgebrochen. Sie hatte wie im Wald auch im Garten gar kein Problem, Magie zu greifen – im Gegenteil, es schien ihr dort sogar besonders leicht zu fallen. Mit magischer Sicht hatte sie gesehen, dass es einige Stellen gab, an denen die Magieflüsse beinahe aus dem Boden zu sprudeln schienen, wie kleine Büschel aus Schilfgras, besonders in der Nähe der hinteren Wand. Vermutlich war das auch der Grund, warum das Laden für sie kein Problem darstellte. Mitras war über ihre Beschreibung nicht wirklich erstaunt gewesen, hatte aber nicht weiter erklärt, warum es in seinem Garten so viel Magie gab, obwohl er es zu wissen schien. Interessiert hatte ihn nur ihre Beschreibung des grasartigen Aussehens, das er nach eigenen Angaben nicht sehen konnte. Eigentlich hatte auch nicht er den Kampf abgebrochen, sondern Abby, die sie zum Essen hineinrief. Danach waren sie zum Laden gegangen, und Kira war sich ziemlich sicher, dass Mitras ihre Verliebtheit und ihr Glück hatte spüren müssen, so voll war sie davon, während sie die Magie durch sich strömen ließ. Aber er hatte den Zauber so ruhig wie immer gewoben und sie hatte ihm wie immer dabei zugesehen und die Eleganz seiner Bewegungen genossen. Sie seufzte glücklich. Und dann war sie schon eingeschlafen, im Kopf noch das leichte Rauschen des Waldes, das ihr schon immer Glück bedeutet hatte.

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