Am Mirastag begleitete Mitras Kira auf dem Weg zum Matheunterricht, um dann zu Nathanael weiter zu fahren. Der Magus empfing ihn in seinem Anwesen, das gar nicht so weit weg vom Anwesen di Pinzons entfernt lag. Es war aber im Vergleich zur Herzogsresidenz geradezu bescheiden, auf dem ersten Blick jedenfalls. Es war eins der Eckhäuser eines ganzen Wohnblocks, der am Rand des Adelsviertels errichtet worden war. Die Gebäude waren zweistöckig, wobei das Erdgeschoss ein bisschen höher gebaut war als die beiden darüber liegenden Geschosse. Außerdem war der ganze Block voll unterkellert. Nathanaels Eckhaus verfügte außerdem über einen Turm, der direkt an der Ecke des Hauses drei Geschosse empor ragte und im Dach ein kleines Observatorium beheimatete. Der Eingang zum Gebäude war wiederum im Fuß des Turmes. Anders als die rechteckigen und kleiner geschnittenen mittleren Elemente des Blocks waren die vier Eckgebäude quadratisch und verfügten auch über die größten Gärten. Der Turm war allerdings Nathanaels Alleinstellungsmerkmal. Die Astronomie war schon immer das Steckenpferd des Magus und soweit Mitras wusste gehörte ihm mehr als nur das Eckhaus von diesem Block. Der ganze Komplex war auch hochmodern, vollelektrisiert, mit perfekter Wasserversorgung und komplett neu. Mitras lebte bereits ein Jahr in seinem Haus, als er zum Einzug des Magus eingeladen worden war.
Mitras hatte nie herausgefunden, woher Nathanael so viel Geld hatte, um sich nicht nur eines dieser Anwesen zu leisten, sondern gleich mehrere, die er dann zu horrenden Summen an erfolgreiche Händler oder sehr vermögende Adelige vermietete. Mitras gab gerne mal mit seinem Geld an, aber selbst eines der kleineren Häuser in der Mitte zu kaufen, würde seine gesamten Mittel komplett aufbrauchen und ihn dann noch zwingen Kredite aufzunehmen. Nathanael verkaufte nichts, jedenfalls nichts von dem Mitras wusste, und auch wenn sein vorheriger Posten als Bibliothekar der Gilde durchaus viel Prestige inne hatte, so war die Besoldung doch eher bescheiden. Aber trotzdem ließ Nathanaels Reichtum Mitras geradezu arm aussehen.
Der Butler, der Mitras die Tür öfnete, geleitete ihn in den zweiten Stock, wo Nathanael ihn bereits im Turmzimmer erwartete. Der Raum war nahezu kreisrund, bis auf die gerade Wand, die ihn von der Bibliothek davor abtrennte. Der Boden war von einem dicken dunkelgrünen Teppich bedeckt. Jede Wandfläche, die nicht aus einem Fenster bestand, war von Bücherregalen in Beschlag genommen worden. Hier standen Nathanaels Schätze und in einer kleinen Komode befand sich sein Whisky Vorrat. Mitras wusste, was für eine Ehre es war, dass neben den ganzen hochwertigen Sorten auch eine Flasche Rum stand. Oder stehen sollte, denn jetzt gerade befand sie sich auf einem kleinen Beistelltisch neben einem 25 jährigen besonders teuren Whisky, von dem Mitras wusste, dass es Nathanaels Lieblingstropfen war, den er aber nur in Momenten der Entspannung herausholte. Links und rechts des Tisches standen zwei sehr bequeme Ledersessel. Im Linken von der Tür ausgesehenen saß dann nun auch der Magus. „Ich grüße dich mein Freund.“ sprach er freundlich und prostete ihm mit seinem Whiskyglas zu. „Setz dich und bedien dich. Womit kann ich dir helfen?“ Mitras schenkte sich ein Glas von dem Rum ein, die Flasche war deutlich älter als Kira und wahrscheinlich teurer als sein halber Bestand an Rumsorten, und setzte sich. „Nun mein Freund, es sind zwei Sorgen die mich hertreiben, also neben der allgemeinen Freude dich mal wieder besuchen zu können.“ sagte er und prostete nun seinerseits Nathanael zu. „Zum einen das Dauerärgernis Secus und zum anderen einige Besonderheiten bezüglich meiner Schülerin.“ „Kira, richtig? Sie bereitet dir doch hoffentlich keine Probleme oder? Sie wirkte auf mich wie ein anständiges, talentiertes Mädchen.“ „Nun was den Anstand angeht, kommt sie ganz nach ihrem Mentor…“ „So schlimm?“ Unterbrach ihn Nathanael lachend. Gespielt entrüstet antwortete er: „Nein, so gut. Und nein, sie bereitet mir keine Probleme, aber sie weist diverse Besonderheiten auf, die ich so noch nicht erlebt habe. Ihr Potential ist jetzt bereits sehr groß, ihr gelingen mittlerweile Zauber aller Schulen, Hellsicht am besten. Sie hat mit einem einfachen Magie entdecken Zauber gut verborgene Spionagezauber in meinem Haus entdeckt.“ „Moment, was hat sie gefunden?!“ Nathanael beugte sich ruckartig vor. „Wie gesagt zwei Sorgen, aber da komme ich gleich drauf zurück. Nathanael, kann es sein, dass ihre Begabung falsch eingeschätzt wurde?“ „Nun, die Artefakte, die wir für die Messung benutzen sind tatsächlich recht störungsanfällig, was keine der Schulen jemals offen zugeben würde, am wenigsten die Schule der Hellsicht, die sie erschafft. Aber mit der Kernbegabung liegen sie immer richtig. Und ja es ist extrem selten, dass ein Magier in allen vier Bereichen brilliert, aber es kommt vor.“ „Wirklich? Ich kenne keinen, bei dem das der Fall ist.“ Nathanael lachte abermals. „Doch, tust du. Mich. Und ja, ich hänge es nicht gerne an die große Glocke, ich glaube, du bist der erste in den letzten zehn Jahren, dem ich das erzähle. Was Kira angeht, habe ich eine Vermutung. Erzähl mir mehr.“ Mitras sah seinen Freund und Mentor erstaunt an. Wenn das stimmte, war es ein enormer Vertrauensbeweis. Nathanael offenbarte seine Geheimnisse nicht leichtfertig.“Also, wie gesagt, ihr fallen alle Zauber leicht, meistens jedenfalls…“ Mitras berichtete von all seinen Beobachtungen in den letzten Wochen, wie Kira plötzlich trotz aller Übung auf der Bergstraße die Kontrolle verlor, wie sie ihre Magiesicht beschrieb, dass sie Probleme hatte in Räumen Magie zu sammeln, und diese anscheinend gezielt aber unbewusst entleerte und von physischen Hindernissen wie Wänden gehemmt wurde. Er berichtete von ihren intuitiven Fähigkeiten, die es ihr ermöglichten Zauber zu wirken, ohne deren konkrete Struktur zu kennen, auch wenn das nur sehr rudimentär zu klappen schien. Und er berichtete von dem Geist, der sie als Kind begleitet hatte. Nathanael hörte aufmerksam zu und nickte gelegentlich. Als Mitras endete, nahm er einen tiefen Schluck und antwortete: „Nun Mitras, deine Schülerin ist eindeutig eine Skirhexe, beziehungsweise ein Nachkomme einer ihrer Linien.“ „Ja, Nathanael, das vermute ich auch schon länger und darüber haben wir ja auch schon spekuliert.“ „Ja, aber Mitras, weißt du auch, was das heißt?“ Mitras sah ihn verwirrt an. „Wie, was das heißt? Nun ja, sie wird ein paar Besonderheiten aufweisen, ähnlich wie die Inuk.“ „Ah, du bist dem Geheimnis schon auf der Spur. Ich wusste gar nicht, dass du dich mit dem fahrenden Volk auskennst.“ „Naja, auskennen ist nicht der richtige Begriff, aber ich kenne eine ihrer Magierinnen, was aber auch schon mehr ist als ich dir eigentlich sagen dürfte.“ Nathanael lächelte wissend. „Schon gut, von mir droht ihr keine Gefahr. Mitras, was den Gildenmagiern des Reiches nicht bewusst ist, die Gildenmagie kratzt nur an der Oberfläche der magischen Möglichkeiten. Sowohl die Skir, als auch mein Ursprungsvolk haben eine deutlich tiefere Verbindung zur Magie als es die Erben der Rasenner haben. Ich weiß nicht, woran das liegt. Aber magiebegabte Skir und Astellianer sind deutlich mächtiger als die stärksten Gildenmagier. Sie kommen aber wohl auch seltener vor. Und Kira macht da keine Ausnahme. Sie ist aber nicht nur stärker, für sie funktioniert Magie anders als für dich. Und auch für mich. Ich kann nur aufgrund meiner eigenen Unterschiede spekulieren, wie es sich für sie auswirkt, die Skir sind mir auch fremd. Soweit ich vermute, haben die Skir ebenso wie ich eine stärkere Bindung an die Geister und die uns umgebende Natur. Wir können somit auch die Magie genauer sehen und punktueller beeinflussen – gleichzeitig wirken unsere Zauber aber, hmm… weiter in die allgemeine Umgebung hinein. Was die Unterschiede anbelangt – soweit ich weiß, ist es nicht im Wesen der Hexen, ihre Umgebung zu drangsalieren. Die Grausamkeiten, die man ihnen nachsagt, habe ich noch nie bestätigt gesehen, sie sind nicht grausamer als ein Wintersturm. Der kann durchaus gefährlich sein, aber er ist ein Teil der Natur und somit auch nicht in besonderem Maße grausam, wie es manche Menschen sind. Viele Skirhexen, denen ich begegnet bin – und das waren nicht besonders viele – hatten Tiere oder sogar Geister als ständige, loyale Begleiter, die ihnen, wenn ich das richtig vermute, aus einem Gefühl der Zuneigung und Liebe folgen. Das passt zu deinem Bericht über den unsichtbaren Freund.“ Mitras sah ihn sprachlos an. Er hatte gewusst, dass Nathanael aus dem Dschungelreich stammte, aber diese Enthüllung über seine und Kiras Herkunft überwarf vieles, was er über Magie wusste – er hatte stets geglaubt, alle Magier seien gleich. Kira würde ihn also schon bald überflügeln, zumindest was die Bandbreite ihrer Zauber anbelangte. Das hatte er zwar schon vermutet, aber es knickte ihn nun doch ein bisschen. Aber gut, es gab Schlimmeres. Viel wichtiger war, konnte er der Lage noch Herr bleiben? „Nathanel, wenn das alles stimmt, wie soll ich dann als ihr Mentor genügen? Ich beherrsche nur die Hälfte der Magie, die ihr offen steht und ich werde dann auch schon bald nicht mehr fähig sein, sie bei Fehlern zu schützen. Verdammt, wenn Thadeus davon erfährt…“ „Wird er nicht!“, schnitt Nathanael ihm das Wort energisch ab. „Und mach dir keine Sorgen, du bist fähig genug für sie zu sorgen. Wenn ich es richtig entsinne, bezeichnete sie dich als Freund, richtig?“ Mitras nickte. „Nun, dann wirst du ihr ein Freund sein. Das braucht sie am meisten – gute Freunde und Partner, die sie stützen und auch leiten, wenn das zuviel an Macht einem zu Kopf steigt. Ich bin auch zuerst gildenmagisch ausgebildet worden, es schadet nicht. Man entdeckt die eigenen Besonderheiten nach und nach, und abgesehen davon, dass sie dir ab und zu mal was in die Luft heben wird – oder sprengen – wird nichts schlimmes passieren. Wir sind, soweit ich es erlebt habe, tief mit der Magie verbunden, der Wille zu überleben lässt da auch spontane Zauber zum eigenen Schutz zu. Und außerdem – du musst ihr gar nicht alles selber beibringen. Einen guten Elementarmagier werde ich wohl finden können, der sie unterrichtet, aber es genügt, wenn wir das angehen, sobald sie in der Schule ist, bis dahin sollten deine Fähigkeiten und die Bücher genügen. Und die Hellsicht – vielleicht kann deine Inuk da helfen?“ Mitras schwieg einen Moment. Die Zweifel ebten nur langsam ab. „Nun gut, ich gebe mein Bestes.“, sagte er schließlich mit einem Seufzen. „Und ich werde Hilfe annehmen. Aber ich werde auch versuchen mehr über ihre Herkunft heraus zu finden. Zu wissen, woher sie stammt und ob es da noch mehr Verwandte gibt, kann sicher helfen.“ „Gut, halte mich bitte auf dem Laufenden, was das angeht. Es könnte auch politisch irgendwann noch wichtig werden.“ Nathanael wiegte ein wenig den Kopf. „Aber es kann sein, dass du da gegen Mauern rennst – die Hexen sind nicht ohne Grund unbekannt bei uns. Sie schützen sich und die Ihren, indem sie uns im Unwissen lassen. Im Süden ist es im Übrigen das Gleiche. Es war nicht leicht für mich, mehr über meine Herkunft heraus zu finden.“ Nathanael nahm einen weiteren Schluck und blickte bedeutungsschwer in den Raum, ohne noch etwas zu dem Thema zu sagen. Mitras dachte daran, dass er die friedliche Haltung der Hexen als Unterschied bezeichnet hatte – bedeutete das, dass sie Astellanier und ihre Verbindung zur Natur es nicht waren? Doch er traute sich nicht, weiter zu fragen. Die Informationen, die er gerade erhalten hatte, waren der Geheimnisse genug für einen Tag, und er war dankbar für Nathanaels Vertrauen.
“Gut, Mitras, du hast noch eine Sorge, die di Porrums? Sind die Spione von ihnen platziert worden?“ Mitras seufzte erneut. „Wenn ich das wüsste!“ Er beschrieb, dass die Nachforschungen von Titus am Mord seines Mitarbeiters gescheitert waren und berichtete anschließend detailliert über die Spione. „Hmm, schade, dass du beide zerstört hast, aber es ist wohl besser so. Ich glaube aber nicht, dass sie dir irgendwie geschadet haben. Der Stein muss wieder eingesammelt werden und so wie die Vase stand wird sich darüber nichts wichtiges in Erfahrung bringen lassen. Außerdem glaube ich nicht, dass sie nach Außen übertragen hat. Du solltest dich aber gegen weitere Einbrüche wappnen. Wer auch immer dir den Stein untergejubelt hat, wird ihn auch wieder herausholen wollen. Und ja, so ein leichtsinniger Plan kann nur von den di Porrums kommen. Andere wären da subtiler. Ich habe nachher etwas für dich, du hast zwei Eingangstüren, oder?“ Mitras nickte verwirrt. „Gut, ich habe einige mit Konterzaubern versehene Artefakte, die sehr unauffällig sind und dich warnen, wenn nochmal so ein Spionagezauber auf diesem Wege in dein Haus kommt. Ich nutze sie selbst, und glaub mir sie funktionieren und sind notwendig. Ich werde mal meine eigenen Kontakte wachklopfen und sehen, ob ich herausfinde was Secus im Schilde führt. Aber genug jetzt davon. Lass uns den Rest des Nachmittags über angenehmeres plaudern.“ Es fiel Mitras zwar eine Weile noch schwer, aber letztendlich entspannte er sich und sie redeten über Nathanaels Pläne, ein weiteres Haus weiter die Straße hinauf zu kaufen, ebenso wie seine Überlegungen zum Frühlingsfest der Gilde und Mitras Forschungen zum Elektrum. Als er Kira abholen musste, hatte er die neuen Erkentnisse schon gut genug verarbeitet, um sich nichts mehr anmerken zu lassen, und so endete der Tag so gewöhnlich wie jeder andere Miras.
Nach dem Laden am Mafuristag schaffte Kira es kaum noch, einzuschlafen. Mitras Hände auf ihrer Haut und sein Anblick, als er elegant den Zauber wob, waren nach den Ereignissen am Silenz einfach zu verlockend geworden. Sie erwischte sich mehrfach dabei, wie sie darüber nachdachte, ob sie ihn einfach küssen sollte, und verwarf es dann ganz schnell wieder. Als sie dann endlich schlief, hatte sie wilde Träume, aus denen sie keuchend und voller Erregung aufwachte. Wie sollte das so weiter gehen? Sie fühlte sich einsam und hilflos. In Bispar hatte sie viele Probleme gehabt, aber nie solche. Sie hatte immer gewusst, wer sie war und was sie wollte. Sie erwartete ungeduldig den Nachmittag, um mit Sebastian sprechen zu können.
Er wartete bereits vor der Bibliothek auf sie. „Hallo, Kira!“, winkte er. „Hast du Lust, heute mal mit zu mir nach Hause zu kommen? Mir ist es einfach zu kalt und matschig heute hier draußen.“ „Musst du nicht arbeiten?“, fragte Kira erstaunt. Sebastian zuckte mit den Schultern und grinste sie an. „Ich habe meine Schicht getauscht, seitdem du jeden Uldum hier bist, komme ich eh nachmittags nicht genug zum Arbeiten.“ Kira wusste nicht, was sie sagen sollte. „Aber…“ Sebastian nahm ihren Arm und wischte ihren Widerstand beiseite. „Shh, wird meine beste Freundin wohl schweigen?“ Sie schwieg. Beste Freundin klang gut. „Also, gespannt auf meine Jungesellenbude?“ Sie lächelte und hakte sich richtig ein. „Natürlich!“ „Ist auch nicht weit weg.“ Sebastian führte sie zum äußeren Rand der inneren Altstadt. Bei einem dreigeschoßigen Haus mit weißer Fassade blieb er stehen. „Tadaa! Naja, also, natürlich wohne ich nicht im ganzen Haus. Mir gehören oben ein paar Zimmer.“ Kira blickte das Haus hinauf. „Aber selbst das ist ja schon eine Menge, dass du in der Altstadt wohnst, hätte ich nicht gedacht.“ Sebastian lächelte. „Meine Frau Mama lässt sich nicht lumpen, stimmt schon. Komm!“ Er führte sie durch das dunkle Treppenhaus nach oben. Tatsächlich hatte er mit ein „paar“ Zimmern recht – es waren nämlich zwei, wobei das Wohnzimmer ziemlich groß war und eine kleine Küche enthielt. „Hast du gar keine Bediensteten?“, fragte Kira erstaunt, während sie sich im Wohnzimmer umsah. Neben einem großen Sofa gab es mehrere Sessel und einen kleinen Ofen. Eine Ecke war eindeutig zum Essen eingerichtet, dort stand ein großer Tisch mit vier Stühlen. Eine Vitrine war mit verschiedenen Mineralien und einigen ausgestopften Tieren gefüllt, die restlichen Wände waren hingegen mit Bücherregalen versehen. Es war ein wenig, als käme man in eine gemütliche Version einer Bibliothek. So, wie sie Sebastian von Anfang an gemocht hatte, mochte sie auch seine Wohnung. Er legte seinen Mantel ab und zuckte nachlässig mit den Schultern. „Meistens esse ich eh bei meinen Eltern oder im Restaurant, und zum putzen kommt die Haushälterin meiner Eltern einmal die Woche, das genügt.“ Interessiert betrachtete Kira das einzige Gemälde, dass über dem Sofa hing. Es zeigte eine Familie, aber ganz eindeutig nicht Sebastians, wie sie anhand der dreiblättrigen Blüten auf den Umhängen schloß – diese Art der Lilien durften nur Mitglieder des Königshauses tragen. Sebastian folgte ihrem Blick. „Hast du sie schonmal gesehen?“ Kira schüttelte den Kopf. Sebastian kletterte auf das Sofa, nachdem er seine Schuhe ausgezogen hatte, und zeigte auf die verschiedenen Personen. „König Elon di Leonidas, Königin Liliane, Kronprinz Aurel, Prinz Belisar, Prinzessin Kristina und…“, er stockte kurz, „Prinzessin Amelie.“ Neugierig sah Kira ihn an. Er war tatsächlich ein bisschen rot geworden. Sie blickte nocheinmal auf das Bild. Die beiden Prinzessinnen waren auf dem Bild etwa 13 oder 14. Sie sahen sich so ähnlich, dass Kira vermutete, dass sie Zwillinge waren. Ob eine von ihnen seine geheime Liebe war? Das würde dann allerdings zweierlei bedeuten: Erstens war seine Familie noch mächtiger, als sie vermutet hatte, denn Sebastian hatte mal angedeutet, dass er seine geheime Liebe schon als Kind gekannt hatte. Als Kind Kontakt zum Königshaus zu haben, war schon etwas. Und zweitens hatte er dann tatsächlich Recht damit, chancenlos zu sein als nichtmagischer Adeliger. Die Sprösslinge des Königshauses wurden stets magisch verheiratet, und diese Heiraten dienten mehr der Politik als der Liebe, soweit wusste Kira schon aus den Erzählungen von Sebastian, Abby und Tobey, die alle drei mit großer Freude alle Geschehnisse der oberen Adelshäuser verfolgten und, soweit Kira verstand, auch gerne darüber tratschten. Sie hatte sich bisher dafür nicht so interessiert, aber wenn ihre Vermutung stimmte, verstand sie plötzlich deutlich besser, warum Sebastian sich für solchen Klatsch so interessierte. Er mochte ihren Blick bemerkt haben, denn er fragte eilig: „Möchtest du was trinken?“ Kira nickte. Falls sie Recht hatte, würde er ihr es erzählen, wenn die Zeit reif war. Sie ließ sich aufs Sofa sinken. Liebe war so kompliziert! Sebastian, der mit zwei Gläsern Wasser wieder in den Raum kam, lachte sie an. „Du siehst völlig fertig aus. Hat unser guter Magister dich so hart schuften lassen?“ Kira lief bei der Erwähnung von Mitras sofort rot an. „Nein…“, sagte sie mit kläglicher Stimme. „Er ist zu gut zu mir…“ Sebastian lachte sie aus. Nein, eigentlich lachte er mit ihr, realisierte sie, als sie selbst von seinem Lachen angesteckt grinsen musste. Es war aber auch zu albern! Da saß sie hier, wurde mit Geld und Zuneigung und Spaß übergoßen und war immer noch nicht zufrieden. „Soso, was hat er denn getan, dein Angebeteter?“ Erst zögerlich, dann immer schneller werdend erzählte sie ihm vom Laden, vom Ausflug und der Umarmung, von der Eisfigur, von seinem Lächeln und von ihren Gedanken. Letzteres kostete sie einiges an Überwindung, aber Sebastian war ein aufmerksamer und rücksichtsvoller Zuhörer und der private Raum half ebenfalls. Letztendlich saß sie mit einer Mischung aus Schwärmen, Heulen und Verzweiflung auf seinem Sofa und schüttete alles aus, was sich in den letzten Wochen angesammelt hatte – von ihrer Unsicherheit im Umgang mit Herzog di Pinzon, der konstanten Angst, doch wieder heimgeschickt zu werden, Mitras Arroganz beim Treffen mit den di Porrums bis hin zu ihren Gedanken über Sex, die sie selbst so gar nicht einordnen konnte. Irgendwann hörte Sebastian auf, ihre Erzählung zu kommentieren und hörte still zu, nur als sie anfing zu weinen, reichte er ihr stumm ein Taschentuch. Als sie geendet hatte, öffnete er die Arme, und sie ließ sich gegen ihn sinken. Einen langen Moment saßen sie schweigen auf dem Sofa, dann befreite sich Kira vorsichtig aus der Umarmung und richtete sich etwas verlegen auf. „Tut mir leid. Das war vielleicht ein bisschen viel…“ Er schüttelte den Kopf. „Alles gut. Wir wollten Freunde sein, und Freunde hören auch einander zu.“ Kira schluckte. Freunde war ein so seltsames Wort für sie. „Danke. Ich weiß nicht genau, wie Freundschaft eigentlich funktioniert, aber ich bin dir sehr dankbar, dass ich endlich mal über all das sprechen konnte. Sonst habe ich ab und zu mit meinem Bruder gesprochen, er war mein Vertrauter, aber wenn man ehrlich ist, ist er eigentlich nur selten da und wenn er da ist, hat er wenig Zeit. Ich glaube, er mag mich, aber so wie du mir gerade zugehört hast, so haben mir bisher nur Geister und die Bäume zugehört.“ Sebastian strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute sie ernst an. „Dein Leben war wirklich nur halbschön, oder?“ Sie nickte. „Und mein neues Leben ist ein bisschen zu schön…“ Er lachte. „Ahja, aber dein Humor ist wieder da. Schau, was das Problem mit dem Sex anbelangt, ich habe nichts dagegen, dir einiges zu zeigen, als Freunde eben. Hier in der Stadt ist es nicht unüblich, dass Freunde auch körperliche Freuden miteinander teilen – wenn alle Beteiligten das wollen.“ Kiras Kopf rauschte. Von ihm Dinge gezeigt bekommen? Sebastian sah gut aus und war sicherlich sehr erfahren, aber die Vorstellung, mit ihm intim zu werden, ließ eher Alarmglocken als Vorfreude in ihr schrillen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann das nicht. Ich… ich will nur… nur dass er mich anfässt, niemand sonst.“ Sebastian war zu ihrer Erleichterung nicht beleidigt, sondern lächelte sie verständnisvoll an. „Das ist in Ordnung, du bestimmst, was du willst. Du bist eine freie Magierin, niemand kann dich zwingen – und das sollte meiner Meinung nach sowieso für jede Frau gelten.“ Dem konnte Kira vorbehaltlos zustimmen. Sie überlegte kurz, ob sie Sebastian von Johann erzählen sollte, ließ es dann aber. Persönliche Enthüllungen hatte sie heute genug gehabt. Sie schaute ihn von der Seite an, wie er auf dem Sofa saß, das Glas in der Hand. Die Strähne fiel schon wieder nach vorne, fast in die Augen. „Weißt du, dass du mich gerade ein wenig an meinen Bruder erinnerst? Wie eine bessere Version von ihm, mit mehr Zeit, mehr Fürsorge und mehr Geld.“ Sebastian lachte schallend. „Ist das jetzt ein Kompliment für mich oder eine Beleidigung für deinen Bruder?“ Sie grinste. „Eigentlich ein Kompliment für euch beide. Ich vermisse ihn oft. Wie gesagt, er war mein vertrautester Mensch in Bispar, und der netteste. Bruder Harras war eher mein Mentor, und er hat mich für die Lehrstunden auch durchaus viel arbeiten lassen, aber das ist in Ordnung. Ich vermisse die Fröhlichkeiten meines Bruders und die Wärme und Ruhe von Bruder Harras. Und die Wälder um Bispar, die sind etwas besonderes.“ Seufzend ließ sie sich tiefer aufs Sofa sinken. „Und dennoch bin ich unendlich froh, hier zu sein, mit einem tollen besten Freund, großartigen Chancen zum Lernen und einen viel zu gutaussehendem Mentor.“ Sebastian grinste. „Da du deine sexuellen Gelüste ja nicht anderswo ausleben möchtest, sollten wir dann wohl einen Plan schmieden, wie du ihn verführen kannst, nicht?“ Kira sprang fast vor Schreck auf. „Nein! Das geht nicht! Das kann ich doch nicht machen!“ Sebastian stellte das Glas ab, weil er zu sehr lachen musste. „Neeein?“, ahmte er sie nach. „Wieso denn nicht?“ „Weil… Weil er viel älter ist als ich. Weil er mein Mentor ist. Weil es seinem Ruf schaden würde. Und ich glaube, er will das auch gar nicht. Ich kann ihn doch nicht zu etwas bringen, was er nicht will. Und ich weiß ja selbst nicht mal, ob ich überhaupt Sex mit einem Mann haben will.“ Sebastian lachte immer noch. „Glaub mir, Kira, das willst du. Wenn der Mann es richtig macht, ist Sex auch für die Frau ein großes Vergnügen. Die Horrorgeschichten, die du da eben erzählt hast, sind möglicherweise wahr – aber nur, wenn die Männer einen Scheiß auf das Wohl ihrer Frauen geben.“ Kira blickte zu Boden und schwieg einen Moment. „Ja, kann sein. Ich bin aber irgendwie noch nicht so weit. Ich glaube, ich bräuchte da erstmal ein Buch zu oder so…“ „Wenn es weiter nichts ist, warte kurz. Es gibt kein Buch, dass Sebastian di Ferrus nicht hat. Oder so.“ Er stand auf und ging in den Nebenraum, was vermutlich das Schlafzimmer war. Kira spähte durch die Flügeltür und sah ein ausladendes Himmelbett im astellanischen Stil, eine Rarität. Vorhänge und Tücher schmückten die verschlungenen Pfeiler. Ein vermutlich ziemlich guter Ort für das, worüber sie eben gerade sprachen, schoß es ihr durch den Kopf, doch ehe sie darüber weiter nachdenken konnte, stand Sebastian bereits wieder vor ihr und hielt ihr ein schmales Buch in einem schlichten Ledereinband hin. „Bitte sehr, Bettlektüre.“ Kira nahm das Buch zögerlich entgegen und wollte es aufblättern, aber er hielt die Hand darüber. „Nein, pack es ein und lies es zuhause in Ruhe. Mit abgeschlossener Zimmertür ist es meiner Erfahrung nach am besten. Und sei nicht scheu. Sex ist dafür da, uns zu entspannen und Freude zu genießen. Die Sache mit den Babys kann man zweitrangig sehen.“ Kira prustetete. „Das würde Bruder Harras auf jeden Fall anders sehen!“, sagte sie in Erinnerung an die endlosen Vorträge, die er ihr und allen anderen Mädchen im Dorf über die Erfüllung der mütterlichen Pflichten gehalten hatte, insbesondere, wenn er gerade mal wieder bei einer Geburt helfen durfte. „Dein Harras ist ja auch alt, Priester und vom Dorf, der muss das anders sehen.“ Sebastian sah auf die Uhr. „Musst du eigentlich zum Abendessen zuhause sein?“ Erschrocken blickte Kira selbst auf die Uhr. „Herrjeh, eigentlich schon!“ „Kein Problem, es gibt einen Kutschstand nicht weit von hier. Wasch dir eben in der Küche das Gesicht, du siehst ganz verheult aus, dann bringe ich dich eben rüber.“ Gehorsam stand Kira auf, konnte es sich aber nicht nehmen, ihn nochmal fest in den Arm zu nehmen, ehe sie aufbrachen. „Danke! Wenn ich dir irgendwie helfen kann, sag es nur.“ Sebastian nickte, aber Kira sah auch, dass er nicht glaubte, dass sie ihm bei irgendwas würde helfen können.
Mitras hatte den ganzen Lunar durch nichts weiter von di Camino gehört, war nun aber von ihm zu einer Demonstration eingeladen worden. Während Kira zu ihrem freien Nachmittag aufbrach, machte Mitras sich auf den Weg zur Schule, wo der Professor ihn in einer kleinen Werkstadt erwartete. In dem Raum standen zwei Manequins mit Rüstungen. Die Linke war eindeutig aus Elektrum und der Magier, der sie geformt hatte, hatte all sein ganzes künstlerisches Talent in sie gelegt. Soweit Mitras es beurteilen konnte, war die zweiteilige Rüstung, bestehend aus einer den Bauch mitbedeckenden Brustplatte und einem genauso langem Rückensegment, ungefähr einen Millimeter stark. Für eine Rüstung schon lächerlich dünn, aber bei diesem Material sollte es reichen. Verschiedene wie eingeätzt oder graviert wirkende Zierelemente ließen sie fast wie eine Paraderüstung wirken, aber Mitras wusste, dass sie mehr sein würde. Die andere, eine einfache Eisenrüstung gleicher Bauart, aber deutlich schlichter, war wohl rund drei Millimeter stark, also eine normale Infanterie Rüstung. Mitras schätzte, dass die Elektrumrüstung trotz der deutlich geringeren Stärke, wohl nur geringfügig leichter sein würde als ihr Gegenstück. Eisen war zwar schon schwer, aber das Elektrum übertraf bei gleichem Volumen selbst Blei. „Werter Magister di Venaris, ich grüße Sie!“ Di Camino kam auf ihn zu und schüttelte ihm überschwänglich die Hand. „Professor. Ich nehme an, dass dieses schöne Stück aus ihrer Fertigung ist?“ „Ist sie nicht vorzüglich gelungen? Stellen Sie sich nur vor, was das für eine Wirkung auf den Feind hat, wenn ein jeder Fußsoldat gerüstet wie ein König dem Feind gegenüber steht. Und erst die Festigkeit, sie überbietet jede Hoffnung meinerseits. Es hat, neben dem Lehrbetrieb nur leider eine ganze Weile gedauert, erst einmal alle Unterlagen zu sichten und mich mit dem Material genau vertraut zu machen. Ich habe meinerseits einen Bericht über meine Forschungen angefertigt, den Sie gleich mitnehmen können. Aber nun ersteinmal sehen Sie hier. Harald! Fange mit der Eisenrüstung an, tu dein Schlimmstes!“ Harald, ein wahrer Hühne, trat aus der Ecke hervor. „Sehr wohl, Herr Professor.“ Er trug einen mächtigen Zweihänder in den Händen und schwang ihn mit ganzer Kraft gegen die Brustplatte aus Eisen. Die Holzfigur wurde von hinten mit massiven Eichenbalken gestützt und das war auch der einzige Grund, warum sie nicht an der Wand hinter ihr zerschellte. Die Platte wies eine deutliche Kerbe auf und der Träger würde jetzt mit gebrochenen Rippen am Boden liegen. Mitras konnte sich aber nicht vorstellen, dass dieser Schlag der Klinge sonderlich gut getan hatte. Dann stach Harald mit großer Wucht auf eine unbeschädigte Stelle auf der Brust ein und das Schwert, nun wahrscheinlich stumpf, drang in das Holz ein und blieb mit der Spitze stecken. Harald riss es wieder heraus und brachte das geschundene Großschwert zu einem Tisch, auf dem bereits ein zweites lag, dass er nun ergriff. Der Elektrumrüstung drohte nun die gleiche Behandlung. Doch als Harald das Schwert nach seinem Hieb hochhielt, war die Brustplatte unbeschädigt, die Klinge jedoch wies eine mehrere Zentimeter lange Kerbe auf. Der Soldat wäre sicher immer noch von der Wucht übel zugerichtet worden, aber er würde wohl kampffähig bleiben. Mitras wechselte auf magische Sicht und lächelte. „Beeindruckend Professor. Aber Sie haben etwas wichtiges vergessen.“ Mitras wirbelte herum und ließ den Ring an seinem rechten Arm zu einem Dolch werden und warf ihn auf die Rüstung. Gleichzeitig wirkte er einen einfachen Verformen Zauber auf diese und bevor der Dolch traf, öffnete sich die Rüstung genau dort, wo er einschlug, wie eine Blume. Der Dolch steckte in dem nun ungeschützten Holz der Figur und zitterte. „Ich hatte euch gesagt, dass das Material in Form gehalten werden muss. Wenn es nicht magisch geschützt wird, kann der Feind unsere Soldaten schneller entkleiden, als es die leichten Damen in einem Bordell vermögen.“ „Also wirklich Magister, ihr wisst wie ihr jemanden den Tag verderben könnt.“, sagte di Camino, sah dabei aber nicht besonders geknickt aus. „Ja, mir ist bewusst, dass die Rüstung versiegelt werden muss. Aber auch diese Zauber sind nicht von Dauer. Kommt mit. Hier diskutiert es sich nicht gut.“ Mitras trat noch an die Puppe heran und mit einem schnippsen floß der Dolch wieder um sein Handgelenk. Dann folgte er di Camino und sie gingen in dessen Büro.
Mitras setzte sich und blickte den Professor an. „Mit den Bindungszaubern habe ich noch nicht viel experimentiert, die Kinetik hat mich aus naheliegenden Gründen mehr interessiert. Sagt di Camino, wie lange wirkt ein normaler Formbindungszauber?“ „Zehn Tage. Deutlich länger als Zauber aller anderer Gattungen, aber letztendlich dissipiert auch hier die Magie. Aber es ist kein Abfließen wahrzunehmen, wieso verschwindet die Magie einfach so?“ „Das, werter Kollege, ist eine unserer wichtigsten Fragen, und leider bin ich genauso ratlos wie Sie. Ich habe das Phänomen umfangreich untersucht, konnte aber nichts darüber in Erfahrung bringen. Unsere Sinne und Geräte scheinen nicht fein genug zu sein, um den Magieabfluß zu sehen oder den Verbraucher wahrzunehmen. Aber sagt, die Rüstung, warum eine Infanterie Rüstung? Elektrum ist in der Herstellung enorm aufwändig und ein ganzes Regiment mit Harnischen auszustatten würde Ummengen an Material verschlingen. Wolltet ihr nicht eigentlich Kavalarie Rüstungen fertigen?“ Di Camino lachte: „Ja, und davon bin ich nicht abgerückt. Aber als ich letztens einen Gardeinfanteristen der königlichen Wache sah in dieser albernen pompösen Silberrüstung, da dachte ich mir, wäre es nicht viel sinnvoller, wenn sie eine dekorative und schützende Rüstung tragen würden? Außerdem experimentiert es sich mit den Puppen leichter. Ich kann so besser die Schadenswirkung beurteilen. Und Sie haben ja gesehen, was der gute Harald selbst einem Soldaten in Elektrumrüstung antun kann. Ich wollte dem König ein Geschenk machen und ihm so eine Rüstung anfertigen.“ „Eine lobenswerte Idee, der Harnisch würde zu dem Rapier passen, den er von mir erhalten hat. Ich habe ihn auch darauf aufmerksam gemacht, dass er das Schwert vor Gebrauch verzaubern muss. Ein Gegner muss diese Lücke natürlich erst erkennen, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Aber sagen Sie eine klassische zweiteilige Rüstung? Ist das nicht viel zu unflexibel? Sie können das Material in jede beliebige Form bringen. Erinnern Sie sich noch an die alten Bänderrüstungen aus dem Rasennareich? Nach heutigen Maßstäben wären sie viel zu lose und leicht mit einem Rapier oder Pfeil zu durchstoßen, aber da das Elektrum magisch geformt und nachjustiert werden kann, könnte eine ähnliche, aber deutlich sichere Rüstung gefertigt werden, die sich dann mit den Bewegungen des Trägers mit verformt und ihn so mehr Freiheit gibt.“ „Verdammt, Sie haben recht! Warum habe ich daran nicht gedacht? Ich war so von der künstlerischen Wirkung der Garderüstung fasziniert, dass ich keinen Gedanken an ihre Praktikabilität verschwendet habe. Danke di Venaris!“ „Nicht der Rede wert. Aber sagen Sie, was denkt der Dekan über ihre Fortschritte?“ „Ach, er jammert rum, dass das alles zu lange dauert, aber ich musste nunmal erst einmal Ihren Wissenstand einholen. Die Idee einer unbesiegbaren, gepanzerten Phalanx schien ihm aber zu gefallen. Merkwürdig nicht wahr? Aber was anderes Magister, ich muss sie noch einmal um eine Probe des Venariums bitten. In dem Stoff muss es einen Hinweis auf das Geheimnis der verschwundenen Magie geben.“ Mitras überlegte, das könnte in der Tat sein. Anfangs hatte er das Venarium sehr genau untersucht, aber da hatter er noch nichts über das Elektrum gewusst und würde das Venarium heute wahrscheinlich anders angehen. Aber wenn er dies nun an di Camino abtreten konnte, dann würde er die Grundlagenforschung geliefert bekommen, während er sich weiter auf anderes konzentrieren konnte und di Camino wäre von der Waffenforschung abgelenkt. „Also gut, Professor. Ich kann Ihnen aber nur einen Kilogramm überlassen. Mehr habe ich im Moment nicht auf Lager.“ Di Caminos Augen leuchteten auf, „Ich danke Ihnen, das sollte füs erste reichen. Nun gut, Sie haben sicher auch noch zu tun. Hier ist mein Bericht.“ „Vielen Dank, ich kenne einen vertrauensvollen Boten, den werde ich Morgen mit dem Venarium zu Ihnen schicken. Ich kann ihn nur empfehlen, falls Sie mal einen zuverlässigen Boten benötigen.“ „Ich werde ihn mir mal ansehen, danke für den Hinweis. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen Professor.“ Mitras verließ das Büro und machte sich auf den Heimweg. Was di Camino nicht wissen musste war, dass der Bote einer von Titus Männern war. Er war sicher vor den Kräften der Unterwelt, stand teilweise sogar unter deren Schutz. Und er würde Titus alles berichten, was er über di Camino in Erfahrung bringen konnte. Mitras war zufrieden.
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