{"id":11,"date":"2024-04-14T23:33:23","date_gmt":"2024-04-14T23:33:23","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=11"},"modified":"2024-04-15T00:22:35","modified_gmt":"2024-04-15T00:22:35","slug":"die-ablenkung-6-lunet-242-mafuristag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/04\/14\/die-ablenkung-6-lunet-242-mafuristag\/","title":{"rendered":"Die Ablenkung &#8211; 6. Lunet 242, Mafuristag"},"content":{"rendered":"\n<p>Z\u00f6gerlich setzte Kira ihren Rucksack ab und reichte den Pelzumhang der f\u00fclligen Frau, die ihr die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und ihr Hausschuhe hingestellt hatte. Der Vorraum war in warmes elektrisches Licht eines gro\u00dfen Kronleuchters getaucht, der von der hohen Decke hing. Der Boden des rechteckigen Raumes war mit aufwendigen Fliesen ausgelegt, die verschiedene Hinweise auf die Gilde der Verwandlungsmagie enthielten. Kira erkannte einige wieder, die sie vor wenigen Stunden an den T\u00fcren der gildenmagischen Schule f\u00fcr Heil-, Verwandlungs- und Ver\u00e4nderungsmagie zu Uldum gesehen hatte. An der rechten Wand war eine Treppe, die zu einer Galerie f\u00fchrte. Und dort oben stand ein gro\u00dfer, offensichtlich gut trainierter Mann mittleren Alters mit kurzen, dunklen Haaren. Magister Mitras, dachte Kira. Er w\u00fcrde ihr Lehrmeister und Mentor sein, hatte der Schulleiter bestimmt. Kira schluckte. Der Mann wirkte nicht so bedrohlich oder abwertend wie die Erzmagier, mit denen sie bisher Kontakt gehabt hatte, aber irgendwie pr\u00e4senter. Kira hatte das Gef\u00fchl, er sei ihr vertraut, als habe sie ihn schon mal gesehen, doch gleichzeitig sp\u00fcrte sie auch, wie er sie abw\u00e4gend anschaute. Er war nicht erfreut dar\u00fcber, dass sie hier war, schoss es ihr kurz durch den Kopf. Sie schloss die Augen, um ihren Mut zu sammeln. Wie hatte sie immer davon getr\u00e4umt, dass bei ihr ein magisches Talent entdeckt werden w\u00fcrde, dass sie raus aus dem 200 Seelendorf Bispar kommen k\u00f6nnte. Priesterin hatte sie werden wollen, wie Bruder Harras, den die Geister erh\u00f6rten&#8230; Doch in keinem ihrer Tr\u00e4ume war die Idee gewesen, dass ihr Talent so gef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnte, dass ihre Eltern sie gar nicht schnell genug loswerden konnten. Ja, nun, sie hatte kein gutes Verh\u00e4ltnis zu ihren Eltern gehabt &#8211; zu viele Fragen, zu vorlaut, zu wild, ein Hexenbiest mit roten Haaren, ein Skirbalg, keine gute Heirat w\u00fcrde sie kriegen, hatte ihre Mutter stets geschimpft, eigentlich sogar gar keine&#8230; Aber rausgeworfen&#8230; und ihr beinahe den Tod zu w\u00fcnschen&#8230; Kira erschauerte innerlich. Ihre Mutter hatte sich erst vers\u00f6hnlich gezeigt, als Bruder Harras das Gold erw\u00e4hnt hatte, dass die Familie bekam, wenn ein magisch begabtes Kind an die Gilde \u00fcbergeben wurde. Nichts w\u00fcrde schlimmer werden. Dieser Mann bestimmt auch nicht. Immerhin w\u00fcrde er ihr Wissen beibringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schlug die Augen wieder auf. Der Mann war die Treppe herunter gekommen und n\u00e4herte sich ihr bis auf 2 Meter. Seine Augen waren seltsam hell und blau, er roch angenehm nach einem ihr unbekannten Kraut und war sorgf\u00e4ltig rasiert, fiel ihr auf, aber er wirkte m\u00fcde. Er trug eine schwarze Stoffhose, schwarze Lederschuhe, die offenbar noch nie drau\u00dfen gewesen waren, ein wei\u00dfes Hemd und eine aufwendig, mit silbernen F\u00e4den bestickte Weste. Kiras Eltern waren H\u00e4ndler, von allen im Dorf hatten sie beinahe das meiste Gold besessen, aber im Vergleich zu dieser Weste kam sich Kira fast ein wenig sch\u00e4big gekleidet vor. Sie verbeugte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin&#8230; \u00c4h&#8230; Ich soll ihre Sch\u00fclerin sein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er musterte sie mit gerunzelten Augenbrauen. &#8222;Sie sind allein?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;\u00c4h, ja&#8230; Also, eine Kutsche hat mich hergebracht&#8230;&#8220; Verlegen schaute Kira auf ihre F\u00fc\u00dfe. Vermutlich werden Sch\u00fcler normalerweise von stolzen Eltern gebracht, dachte sie, und ihre Wangen brannten vor Scham.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ts.&#8220; Mitras machte eine wegwerfende Handbewegung. &#8222;Dann kommen Sie.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schl\u00fcpfte in die Hausschuhe und folgte ihm die Treppe hinauf. Die Frau, vermutlich die Haush\u00e4lterin, hatte ihren Rucksack und ihre Tasche genommen und ging bereits voraus. Man hat mich erwartet, dachte Kira. Erwartet und es ist ein Zimmer vorbereitet. Sie sp\u00fcrte, wie etwas von ihrer Anspannung abfiel. Nichts w\u00fcrde schlimmer werden, und erwartet zu werden war etwas, dass definitiv nicht schlimm war, sondern sich sogar ziemlich gut anf\u00fchlte. Mit neu gewonnener Neugierde betrachtete sie die Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Galerie ging in einen langen Flur \u00fcber, von dem links und rechts T\u00fcren abgingen. Der Boden war mit einem langen, rotbraunen Teppich bedeckt und zwischen den T\u00fcren waren an den W\u00e4nden Leuchter angebracht, deren Form&nbsp;an Kerzen erinnerten, aber definitiv elektrisch betrieben wurden. Kira betrachtete sie im Vorbeigehen. Sie hatte schonmal elektrisches Licht gesehen &#8211; bei der Hochzeit ihres \u00e4ltesten Bruders &#8211; aber es war auf dem Land nur mit aufwendigen Generatoren m\u00f6glich, Strom zu erzeugen. Selbst ihre Eltern, die viel Wert auf ein repr\u00e4sentatives Haus legten, hatten Kerzen und Gaslampen. Kira fragte sich, warum ihr neuer Hausherr keine Irrwische als Lampengeister hielt. Sie hatte mal geh\u00f6rt, dass man die kleinen magischen Wesen fangen und in Lampen sperren konnte. Sie sollten ein ganz besonderes Licht geben.<br>Von den Kerzenlampen geschickt bestrahlt hingen auch einige Bilder. Sie zeigten Gebirgsw\u00e4lder im Herbst und Winter und passten damit zu den grau-wei\u00dfen Tapeten und dem r\u00f6tlichen Teppich. Vielleicht waren es echte Orte aus dem Gebirge westlich von Uldum, das lange Zeit die nat\u00fcrliche Grenze Albions gebildet hatte.<br>Am Ende des Ganges war ein kleines Fenster, durch das das letzte Tageslicht fiel. Kira war schon von drau\u00dfen aufgefallen, dass das zweist\u00f6ckige Haus, das so im Vergleich zu den umliegenden H\u00e4usern auff\u00e4llig niedrig war, nicht direkt an das Nachbarshaus grenzte, sondern durch einen gepflasterten Weg von ihm getrennt war. Ob es hinten Stallungen oder einen Garten gab?<\/p>\n\n\n\n<p>Magister Mitras war mit der Haush\u00e4lterin in dem letzten Raum auf der linken Seite verschwunden. Kira beeilte sich, ihm zu folgen und betrat ein etwa 15 Quadratmeter gro\u00dfes Zimmer. Es war zweigeteilt &#8211; auf der rechten Seite stand ein Bett und ein Kleiderschrank und links vom dicken, flauschigen Teppich in der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch neben einem halb gef\u00fcllten B\u00fccherregal. Kira blieb staunend in der T\u00fcr stehen. Der Raum war gr\u00f6\u00dfer als jedes Zimmer, in dem sie je gewohnt hatte. Und alles war furchtbar edel, vom dunklen Tropenholz des Bettes und des Schrankes \u00fcber die gepr\u00e4gte, gr\u00fcn-goldene Tapete bis hin zu den B\u00fcchern, die offenbar in Leder eingebunden waren. Neben dem Bett stand ein kleiner Waschtisch mit einer leeren Porzellanschale und daneben ein Waschkrug und ein Glas. Ein Glas. Ein echtes Glas, rund geblasen. Kira \u00fcberlegte, ob sie jemals ein Glas einfach so zum Trinken gesehen hatte. An der gegen\u00fcberliegenden Wand war ein kleiner Erker mit Fenstern, durch die das Abendlicht auf einen gelblichen Sessel fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen\u201c, der Magier machte dabei eine Handbewegung zum B\u00fccherregal hin, \u201eschnellstm\u00f6glich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen m\u00fcndlichen Bericht geben. Um&#8230;\u201c Er hielt kurz inne und blickte auf die kleine, aufwendige Standuhr, die auf einem Brett oberhalb des Studiertisches stand. \u201eUm 18 Uhr erwarte ich Sie dazu dann jeden Tag im Labor.\u201c Kira nickte. Lesen. Oha, lesen und lernen. Das w\u00fcrde sie bestimmt machen. Dann fiel ihr der Brief ein, den ihr der Schulleiter gegeben hatte. \u201e\u00c4h, ich soll Ihnen einen Brief geben.\u201c Sie \u00f6ffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche den versiegelten Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nahm ihn entgegen, griff sich an den linken \u00c4rmel und hielt pl\u00f6tzlich ein kleines, d\u00fcnnes Messer in der Hand, mit dem er das Siegel aufbrach. So sehr Kira sich auch bem\u00fchte, dieses Messer konnte unm\u00f6glich dort gewesen sein, und es verschwand auch einfach wieder. Sie sp\u00fcrte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen. Es war real. Er hatte dieses Messer teleportiert oder irgendwie anders magisch hergezaubert. Sie stand vor einem echten Magier und w\u00fcrde lernen, Magie zu nutzen. Die Angst krampfte pl\u00f6tzlich ihren Magen zusammen. Was, wenn sie wieder&#8230; wenn diesmal der Schaden nicht behebbar war&#8230; was w\u00e4re gewesen, wenn der Erzmagier, den Harras gerufen hatte, die H\u00e4nde von diesem Idioten Johann nicht wieder h\u00e4tte hinbiegen k\u00f6nnen? W\u00e4re sie dann \u00fcberhaupt hier oder doch eher in irgendeinem dunklen Kerker? Kira sp\u00fcrte, wie sich ihr die Kehle zuschn\u00fcrte und sie sch\u00fcttelte leicht den Kopf, um das Gef\u00fchl loszuwerden. Sie war hier in diesem absolut wundersch\u00f6nen Zimmer und sie w\u00fcrde ihren Magister nicht entt\u00e4uschen. Sie w\u00fcrde einfach nie wieder so w\u00fctend werden. Dann w\u00fcrde schon nichts passieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitras legte die Sch\u00fcrze ab und ging zur T\u00fcr. Es hatte gel\u00e4utet und das konnte nur hei\u00dfen, dass seine erste Sch\u00fclerin angekommen war, denn anderen Besuch erwartete er heute nicht. Vor drei Tagen war Erzmagier Thadeus di Hedera, Schulleiter der gildenmagischen Schule f\u00fcr Heil-, Verwandlungs- und Ver\u00e4nderungsmagie zu Uldum, pers\u00f6nlich erschienen, um ihm zu er\u00f6ffnen, dass er nun, da er den Rang des Magisters bereits ein halbes Jahr trug, seinen Verpflichtungen nachkommen m\u00fcsse und seine erste Sch\u00fclerin auszubilden habe. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen w\u00fcrde, er hatte aber gehofft, dass es noch eine Weile dauern w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Doch nun trat er aus seinem oberen Labor heraus auf den Flur und blickte die junge Frau an, die neben Abigail stand. Sie war gr\u00f6\u00dfer als die gute Abby, aber nicht sehr. Er sch\u00e4tzte sie auf rund 1,65m. Auff\u00e4llige rot-braune Haare fielen ihr in leichten Locken bis \u00fcber die Schultern. Skirvorfahren, vermutete Mitras. Ungew\u00f6hnlich, aber durchaus interessant. Sie stammte ja wohl auch aus den n\u00f6rdlichen Provinzen, da konnte das schon mal sein. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel vom wilden, barbarischen Charakter, der den n\u00f6rdlichen V\u00f6lkern nachgesagt wurde. Kinder oder Jugendliche, die ungew\u00f6hnliche oder problematische Charakterz\u00fcge zeigten, wurden traditionell der Schule in Uldum, der Hauptstadt Albions, zugewiesen, um gut beobachtet und kontrolliert werden zu k\u00f6nnen. Zumindest ihr erstes Magiewirken lie\u00df vermuten, dass sie viel vom wilden Charakter ihrer Vorfahren geerbt hatte, wenn er Thadeus&nbsp;Andeutungen richtig verstanden hatte. Er lie\u00df den Blick tiefer schweifen. Unter dem blauen Rock und der schlichten Jacke zeichnete sich ein fraulicher K\u00f6rper ab. Immerhin sah sie gut aus. Die Frage des Charakters w\u00fcrde sich sp\u00e4ter kl\u00e4ren. Mitras fand, dass jeder sich in solchen Fragen besser selbst eine Meinung machen sollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Langsam ging er die Treppe herunter. Der Erzmagier hatte sich nicht einmal die M\u00fche gemacht, ihr eine Begleitung mit zu geben. W\u00e4hrend Mitras noch gr\u00fcbelte, ob dies eine gezielte Beleidigung oder einem anderen Umstand geschuldet war, stellte sie sich unbeholfen vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Magister Mitras di Venaris? Mein Name ist Kira Silva. Ich bin&#8230; \u00c4h&#8230; Ich soll ihre Sch\u00fclerin sein.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er musterte sie argw\u00f6hnisch und fragte zur Sicherheit noch einmal nach. &#8222;Sie sind allein?&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;\u00c4h, ja&#8230; Also, eine Kutsche hat mich hergebracht&#8230;&#8220; eingesch\u00fcchtert starrte sie auf ihre F\u00fc\u00dfe. Er musste seine Wut auf Thadeus und diese ganze Schule im Zaun halten. Sie konnte nichts daf\u00fcr, war es nun eine Beleidigung oder ein Versehen. Sie wirkte nicht so, als w\u00fcsste sie, dass junge Magierlehrlinge von einem Magister der Gilde, oft einem Lehrer der Schule, an den Mentor \u00fcbergeben wurden. Insbesondere wenn ihr erstes Anzeichen von magischer Begabung so destruktiv verlaufen war. Doch von nun an w\u00e4ren alle ihre Fehler automatisch seine, und genau das hatte Thadeus wohl mit der fehlenden Begleitung sagen wollen: Da musste Mitras alleine durch, von der Schule war keine Unterst\u00fctzung zu erwarten. &#8222;Ts.&#8220; zischte Mitras, drehte sich um und ging die Treppe wieder hinauf. &#8222;Dann kommen Sie.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Weg zu ihrem Zimmer musste reichen, um die Fassung wieder zu erlangen. Immerhin war sie eine ansehnliche junge Frau. Ihre Kleidung war l\u00e4ndlich schlicht, verriet aber, dass sie wusste, sich zu kleiden. Er w\u00fcrde sie dennoch neu ausstatten m\u00fcssen. Auch ihr \u00c4u\u00dferes fiel letztendlich auf ihn zur\u00fcck. Er wusste, dass einige Magister ihre Discipuli regelrecht herausputzten und mehr wie teure Haustiere herumpr\u00e4sentierten. Mitras hielt davon nichts und hoffte inst\u00e4ndig, dass diese Pfauen wenigstens halb so viel Energie in die Ausbildung steckten wie in das \u00c4u\u00dfere.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Am Kopf der Treppe angekommen blickte er kurz wehm\u00fctig auf die Labort\u00fcr, aber die Arbeit musste warten, leider. Thadeus wusste, dass er sich in einer kritischen Phase befand, seit Monaten kaum Fortschritt hatte, und es sah ihm \u00e4hnlich, Mitras nun solche St\u00f6cke zwischen die Beine zu schmei\u00dfen. Er hoffte inst\u00e4ndig, dass sie wenigstens ein bisschen gebildet war. Aber ihrer Kleidung nach war sie wenigstens keine Bauerstochter, also w\u00fcrde sie wohl lesen k\u00f6nnen. Er bog nach links in den Korridor ab und ging den Flur entlang an den zwei G\u00e4stezimmern sowie der Treppe zu Williams Zimmer zur linken, seiner Bibliothek und seinen Privatgem\u00e4chern zur rechten vorbei.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sein schlichtestes G\u00e4stezimmer hatte er als ihre neue Unterkunft auserkoren. Erst hatte er \u00fcberlegt, sie im Personalhaus auf der anderen Seite des Gartens einzuquartieren, aber das erschien ihm dann doch unangemessen. Immerhin war sie eine Magierin, auch wenn sie noch ohne Ausbildung war. Au\u00dferdem stand hier einer der magischen Spiegel. Es war zwar unschicklich G\u00e4ste auszuspionieren, aber er konnte gar nicht vorsichtig genug sein und so konnte er sie immer im Auge behalten. Das Zimmer war urspr\u00fcnglich f\u00fcr die einfachsten seiner G\u00e4ste gedacht, aber dennoch geschmackvoll eingerichtet. Er hatte den Raum ein bisschen umdekoriert. Die kleine Sitzecke und einer der dazugeh\u00f6rigen Sessel waren entfernt worden, um dem Schreibtisch und dem B\u00fccherregal Platz zu machen. Den verbliebenen Sessel hatte er ans Fenster stellen lassen. Sollte sie auch nur halb so belesen sein wie er, w\u00fcrde sie diese Ecke sehr zu sch\u00e4tzen wissen. Seit dieses Monstrum von einem Geb\u00e4ude gegen\u00fcber gebaut worden war, war das Licht in den anderen beiden Zimmern schlechter geworden. Lediglich hier hatte man noch bis zum Sonnenuntergang gutes Licht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Seit er seinen Generator im Ger\u00e4tehaus betrieb, war das freilich kein Problem mehr. Sein ganzes Haus war elektrisch versorgt. Er produzierte sogar soviel Strom, dass er seine Nachbarschaft mit beliefern konnte, um so seine Haushalts- und Personalkosten abzudecken, nicht dass das noch n\u00f6tig war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er baute sich vor dem Schreibtisch auf und drehte sich zu ihr um. Abigail stellte die Sachen seiner k\u00fcnftigen Discipula vor dem Kleiderschrank ab und blickte kurz zu ihm. Mit einem kurzen Nicken und kaum wahrnehmbaren L\u00e4cheln entlies er sie und blickte zu seiner neuen Sch\u00fclerin. \u201eSie werden hier wohnen. Ich erwarte, dass Sie die Grundlagen\u201c , er zeigte auf die vorbereiteten B\u00fccher, \u201eschnellstm\u00f6glich durcharbeiten und mir jeden Abend einen kurzen m\u00fcndlichen Bericht geben. Um&#8230;\u201c Er hielt kurz inne und blickte zu der Standuhr, die er extra f\u00fcr den Arbeitsplatz angeschafft hatte. \u201eUm 18 Uhr erwarte ich Sie dazu dann jeden Tag in meinem Labor.\u201c<\/em> <em>Immer noch sehr versch\u00fcchtert, sah er doch keine negative Reaktion auf seine Worte. Vielmehr war da ein Aufflackern von Vorfreude. Doch dann schien ihr etwas einzufallen. \u201e\u00c4h, ich soll Ihnen einen Brief geben.\u201c Sie \u00f6ffnete ihre Jacke und griff aus der Innentasche einen mit dem Siegel der Gilde versehenden Brief.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er nahm ihn entgegen und griff kurz an den Rand seines linken \u00c4rmels. Ein kurzer Gedanke, um den Zauber zu wirken und ein metallener Streifen, der sich dort im Stoff verbarg, wurde&nbsp;zu einem kleinen Messer, welches er zumeist als Brief\u00f6ffner benutzte. Er \u00f6ffnete den Brief, verwandelte es zur\u00fcck und lies es als Reif wieder in seinem \u00c4rmel verschwinden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er \u00fcberflog das Schreiben. Es waren die Ergebnisse der Sondierung, die bei jedem Entdecken von Magie vom Schulmeister durchgef\u00fchrt wurde, aber diese Werte konnten unm\u00f6glich stimmen. Ja, sie war schon deutlich \u00e4lter als eine normale Sch\u00fclerin, die zu einem Mentor gegeben wurde, aber dennoch &#8211; Was heckte Thadeus aus, dass er ihm eine derartige Sch\u00fclerin \u00fcberstellte? Gerade im Bereich der Verwandlungsmagie waren ihre Ergebnisse \u00fcberragend. Nat\u00fcrlich sagte die Sondierung nichts dar\u00fcber aus, ob sie letztendlich wirklich gut zaubern konnte &#8211; daf\u00fcr war Magiewirken zu komplex und hing von zu vielen Faktoren ab, aber dennoch&#8230; Sollte es ihr gelingen, dieses Potential voll zu entwickeln, k\u00f6nnte sie eine der gr\u00f6\u00dften Magierinnen ihrer Disziplin werden &#8211; und war damit auch f\u00fcr den tradtionalistisch eingestellten Schulleiter, der erfolgreiche Magier lieber nur aus den Kreisen der alten Adelsfamilien stammend sah, eine Gefahr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie erschien ihm in einem v\u00f6llig neuen Licht. Aber warum wollte der Erzmagier unbedingt, dass er sie unterrichtete? Hatte er die Sondierung nicht gekannt, als er sie Mitras zuwies und wollte nun nicht von seinem Wort abweichen? Oder sch\u00e4tzte er die destruktive Gefahr und charakterlichen Schw\u00e4chen der jungen Frau so hoch ein, dass er davon ausging, Mitras damit schaden zu k\u00f6nnen? Thadeus war Mitras Erfolg ein Dorn im Auge, hatte er doch immer prognostiziert, aus seinem ehemaligen Sch\u00fcler w\u00fcrde nie etwas werden. Oder war sie eine Spionin? Mitras schaute kurz zu ihr hin\u00fcber. Sie stand ein wenig gedankenverloren vor ihm, anscheinend zu versch\u00fcchtert, um selbst aktiv zu werden. Nein, eine Spionin war sie vermutlich nicht, dazu war sie zu unsicher. Fast noch ein M\u00e4dchen, eine junge Frau aus einer Dorfprovinz mit einer so hohen Grundbegabung, aber eigentlich schon fast zu alt f\u00fcr eine Magieentdeckung und dann auch noch mit dem Makel einer gewalt\u00e4tigen Ersthandlung. Hier lag ein Geheimnis vor ihm, das er noch nicht ergr\u00fcnden konnte. Er fragte sich, ob Thadeus ihn deshalb mit genau dieser Sch\u00fclerin bedacht hatte &#8211; das Mysterium um sie zu l\u00f6sen, w\u00fcrde ihn von der Arbeit ablenken. Und wenn er sich nicht um seine Arbeit k\u00fcmmerte, w\u00fcrden andere vielleicht den Ruhm einheimsen, mit dem von ihm gefundenen Material gro\u00dfartige Erfindungen zu t\u00e4tigen. Andere, die mehr in Thadeus Gunst standen&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er wurde sich pl\u00f6tzlich der leichten W\u00e4rme in seinem R\u00fccken bewusst. Er hatte zu lange dicht am Stein gestanden. Nach au\u00dfen hin eine einfache zur Schau gestellte Mineralienprobe war das Calcit eines seiner ersten Experimente gewesen, und sein erster Schritt von dieser elendigen Kohle loszukommen. Dieser Stein und viele andere waren mit einem einfachen Zauber belegt worden, der sie dazu brachte, W\u00e4rme zu emittieren. Ein Elementarzauber in einem Ritual gebunden. Nichts allzu au\u00dfergew\u00f6hnliches, aber f\u00fcr einen Sch\u00fcler der Verwandlungsmagie war es schon recht ungew\u00f6hnlich gewesen, einen solchen Zauber f\u00fcr ein Schulprojekt&nbsp;zu w\u00e4hlen. Ausgerechnet einen Elementarzauber zu w\u00e4hlen, sein schw\u00e4chstes Gebiet, naja au\u00dfer der Hellsicht, hatte seine Lehrer \u00fcberrascht und ihm eine Menge Pluspunkte eingebracht. Und Mitras fand, dass ihm der Zauber wirklich sehr gut gelungen war &#8211; in der Zwischenzeit konnte er sehr viele Mineralien in solche Heizsteine umwandeln, mehr, als die meisten Verwandlungsmagier konnten, und sein Haus konnte daher beinahe mit dem eines Erd-Elementarmagiers mithalten. Zumindest was die Heizquellen und ihre Optik anbelangte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er riss sich von diesen Erinnerungen los und blickte zu ihr hin\u00fcber. Ihr Gesicht war sichtlich ger\u00f6tet und ihm wurde bewusst, dass sie immer noch die dicke Reisejacke trug. &#8222;Sie sollten die Jacke vielleicht ablegen. Das Haus ist gut geheizt.&#8220; Unter seinen Worten schreckte sie f\u00f6rmlich auf, als wenn sie tief in Gedanken versunken war. &#8222;Oh ja, Sie haben recht, \u00e4h Magister.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie kn\u00f6pfte die Jacke auf und schien seinen musternden Blick nicht wahrzunehmen. Unter der Jacke trug sie eine schlichte Bluse, die die Schultern fast frei lie\u00df. Sie b\u00fcckte sich und raffte den Rock und den Unterrock, um dicke Wollgamaschen auszuziehen. Ihr Oberteil lie\u00df dabei einen tiefen Blick in ihren Ausschnitt zu, fiel ihm auf, und er musste kurz schlucken. Auch ihre kurz aufblitzenden Beine waren wohl geformt und ihre Haut hell und ebenm\u00e4\u00dfig. Keine Narben verunzierten sie. Sie sah defintiv sehr gut aus. Und er hatte schon lange keine Frau mehr so genau angesehen. Er sch\u00fcttelte kurz den Kopf, um den Gedanken rasch wieder los zu werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie legte ihre Kleidung sorgf\u00e4ltig auf das Bett und setze sich dann, eine Hand auf dem Bauch, daneben. Ihm fiel auf, dass sie schrecklich m\u00fcde aussah, sogar ein wenig bleich. Er hatte gar nicht bedacht, dass sie ja nun schon einen recht aufreibenden Tag hinter sich hatte, sie musste sehr fr\u00fch in der Provinz abgereist sein. &#8222;Ich nehme an, Sie haben Hunger?&#8220; Sie nickte heftig. &#8222;Nat\u00fcrlich, einen Moment.&#8220; Er schnippte kurz mit dem Finger, was das kleine Gl\u00f6ckchen, das Abigail trug, anschlagen w\u00fcrde. Einen kurzen Moment sp\u00e4ter war sie auch schon da. Anscheinend hatte die Gute im Flur gewartet. &#8222;Abigail, sei so gut und bereite ein paar Sandwiches vor, oder lass William das machen, und bringe sie hier auf das Zimmer.&#8220; &#8222;Jawohl.&#8220; sagte sie l\u00e4chelnd und war auch schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Ihre neue Mitbewohnerin wirkte sichtlich \u00fcberfordert. Wahrscheinlich war es das erste Mal, dass sie von Bediensteten versorgt werden w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie schwieg einen Moment, k\u00e4mpfte mit sich selbst, und fragte dann leise: &#8222;Magister, \u00e4hm, gibt es irgendwelche Regeln, die ich im Haus beachten muss?&#8220; &#8222;Hmm, es wird wohl das Beste sein, wenn ich Ihnen eine F\u00fchrung durch das Haus gebe. Sagen wir in einer Stunde. Richten Sie sich ein und essen sie etwas, dann klopfen sie an mein Labor. Die letzte T\u00fcr am Flur auf der linken Seite.&#8220; &#8222;Jawohl, Magister.&#8220; Ohne ein weiteres Wort verlie\u00df er das Zimmer. Vielleicht w\u00fcrde diese Ablenkung doch erfreulicher sein als erwartet. Wenn er sie richtig formte, konnte sie eine wertvolle Assistentin werden. Sie schien noch v\u00f6llig arglos zu sein und frisch vom Land konnte sie auch noch nichts von den ewigen Intrigen in der Hauptstadt, erst recht in der Gilde, wissen. Vom &#8222;schlechten Charakter&#8220;, den Thadeus angedeutet hatte, sah er jetzt noch nichts. Das konnte nat\u00fcrlich noch kommen&#8230; Er w\u00fcrde sie sorgf\u00e4ltig vorbereiten m\u00fcssen, ehe er sie das erste Mal aufs offene Parket des Lebens in der Stadt lassen konnte, aber daf\u00fcr war noch Zeit. Keiner erwartete, neue Sch\u00fcler auf \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen zu sehen. Erst wenn einige Wochen oder Monate ins Land gegangen waren, wenn es Sommer werden w\u00fcrde, w\u00fcrden die B\u00e4lle und unleidigen Einladungen zu Gesellschaften eintrudeln. Dann w\u00fcrde sie sich beweisen m\u00fcssen. Kurz kam ihm der Gedanke, dass Thadeus vermutlich sich schon vorher bem\u00fchen w\u00fcrde, sie zu blamieren, aber er schob ihn beseite. Ein Problem nach dem anderen angehen. Jetzt konnte er sich erstmal wieder der Arbeit widmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kira lie\u00df sich auf das Bett fallen, als er gegangen war. Sie blickte sich um. Nun fielen ihr weitere Details des Raumes auf. In der Ecke hinter der T\u00fcr war eine kleine Holzwand eingezogen &#8211; vermutlich verbarg sich hinter der schmalen T\u00fcr eine Toilette. Das kannte sie von zuhause. In der anderen Ecke, neben der Zimmert\u00fcr, stand ein dreieckiger Tisch mit einer Schublade. Seine Beine waren auff\u00e4llig geschwungen. Ein Schminktisch, und darauf stand ein Spiegel. Nicht ein poliertes St\u00fcck Metall, ein richtiger Spiegel. Beinahe w\u00e4re sie aufgestanden, um sich selbst anzuschauen, doch dann blieb sie ersch\u00f6pft sitzen. Der Raum war, obwohl es keinen Ofen gab, tats\u00e4chlich angenehm warm und sie war nun schon seit vor dem Sonnenaufgang unterwegs. Erst die Reise mit der Kutsche, dann mit der Eisenbahn und dann war sie in diese riesige Stadt gekommen. Ein Meer von D\u00e4chern, die Beschreibungen in den Zeitungen waren wahrlich nicht \u00fcbertrieben gewesen. Der Magier, der sie abgeholt hatte, war mit ihr vom Bahnhof aus zu einem pomp\u00f6sen Palast gegangen, den er als das \u201eGildenhaus\u201c bezeichnet hatte. Und dort war sie dem Erzmagier Thadeus vorgestellt worden. Er war h\u00f6flich gewesen, aber sie hatte deutlich gesehen, wie er die Miene verzogen hatte, als ihr Begleiter sie vorstellte. \u201eKira Silva aus Bispar. Die junge Dame, die dem Baronssohn die H\u00e4nde verdreht hat.\u201c Kira seufzte. Wie lange das wohl noch an ihr haften w\u00fcrde? M\u00fchsam raffte sie sich auf und setzte sich an den Schreibtisch, um die belegten Brote zu essen, die die Haush\u00e4lterin herein gebracht hatte, kaum, dass Magister Mitras gegangen war. Sie schmeckten wirklich gut. Obwohl bei dem Hunger, den sie hatte, vermutlich alles gut geschmeckt h\u00e4tte. Zum ersten Mal seit der schrecklichen Nacht vor vier Tagen &#8211; oder waren es drei gewesen &#8211; f\u00fchlte sie sich ein wenig sicher. Selbst wenn ihr Mentor nicht allzu begeistert davon schien, dass sie hier war, er meinte es nicht b\u00f6se mit ihr. Mit dem Verschwinden des Hungers fiel auch ein weiterer Teil der Anspannung von ihr ab und sie sp\u00fcrte, wie unendlich ersch\u00f6pft sie war, zu ersch\u00f6pft, um sich \u00fcber ihr neues zuhause wirklich freuen zu k\u00f6nnen.<br>Der Erzmagier hatte sich eine Weile mit ihr unterhalten und nebenbei ein Protokoll ausgef\u00fcllt. Und dann hatte er ihr eine Kugel in die Hand gegeben und ihr gesagt, sie solle sich entspannen. Das war gar nicht einfach gewesen, denn die Kugel hatte ziemlich gekribbelt. Kira vermutete, dass sie durchleuchtet worden war. Bruder Harras hatte ihr erz\u00e4hlt, dass es f\u00fcr sowas Artefakte gab. Als sie ihm die Kugel nachher zur\u00fcckgeben durfte, hatte er sie lange nachdenklich angeschaut. Kira hatte schon Angst, dass sie jetzt doch wieder zur\u00fcck geschickt werden w\u00fcrde. Bestimmt war sie gar nicht so begabt. Immerhin war noch nie jemand in ihrer Familie magisch gewesen. Aber dann hatte er genickt, etwas ins Protokoll geschrieben und gemurmelt: \u201eWir werden sehen. So schlimm wird es schon nicht werden.\u201c Kira war sich sicher, dass sie das eigentlich h\u00e4tte gar nicht verstehen sollen, aber da sie jahrelang ja meistens den anderen Kindern nur aus der Entfernung zugeschaut hatte, war sie ziemlich gut darin geworden, von den Lippen abzulesen. Und dann hatte er den Brief fertig geschrieben, ihn gesiegelt und ihr das Versprechen abgenommen, ihn nicht selber zu lesen und nur Magister Mitras zu geben. Anschlie\u00dfend hatte er sie sogar bis zur Kutsche begleitet und dem Kutscher die Adresse genannt. Und nun war sie hier. \u201eSo schlimm wird es schon nicht werden.\u201c Nein, vielleicht war sie nicht so begabt, aber sie w\u00fcrde flei\u00dfig lernen. Ihr war durchaus bewusst, dass sie hier nur zur Probe war. Sp\u00e4ter w\u00fcrde es eine Aufnahmepr\u00fcfung geben, sp\u00e4testens nach einem Jahr, das hatte ihr der Erzmagier&nbsp;gesagt: &#8222;Aufgrund Ihres Alters bleibt Ihnen nicht viel Zeit. Sie werden jetzt ein Jahr von Magister Mitras vorbereitet. Der wird ganz gut zu Ihnen passen, er sollte doch ganz genau wissen, von wo Sie beide herkommen und wo ihr Platz ist.&#8220;&nbsp;Sie w\u00fcrde es diesem Erzmagier beweisen, dass sie nicht so schlimm war und dass man sie nicht zur\u00fcck nach Bispar schicken m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschlossen stand sie auf und begann, ihre Kleidung in den Schrank einzur\u00e4umen. Einen gr\u00fcnen Samtrock und ein passendes Oberteil legte sie aufs Bett. Nat\u00fcrlich war es nicht so elegant und schick wie die Weste oder die Hose ihres neuen Meisters, aber sie w\u00fcrde sich bem\u00fchen, einen guten Eindruck zu machen. Vorsichtig \u00f6ffnete sie die T\u00fcr zur Toilette und stellte erfreut fest, dass es hier tats\u00e4chlich flie\u00dfendes Wasser gab. Neben dem Loch, das als Toilette diente, gab es einen Hahn und einen Krug. Man konnte also Wasser auf die Hinterlassenschaften kippen, um sie wegzusp\u00fclen. Kira grinste. Was f\u00fcr ein Luxus! Keine zehn Pferde kriegen mich wieder aus diesem Haus, schwor sie sich, w\u00e4hrend sie den Krug vom Waschtisch neben dem Bett holte, den Hahn aufdrehte und ihn f\u00fcllte, um sich waschen zu k\u00f6nnen. Sie zog sich aus und stapelte die getragene W\u00e4sche auf dem Stuhl am Schreibtisch. Sie w\u00fcrde die Haush\u00e4lterin fragen, ob sie einen Korb bekommen k\u00f6nnte und wo sie waschen k\u00f6nnte. Langsam und sorgf\u00e4ltig wusch sie sich und zog sich neu an. Ihre B\u00fcrsten brachte sie zum Schminktisch und betrachtete sich dann ausf\u00fchrlich im Spiegel. Drau\u00dfen war die Sonne untergegangen, also knipste sie die Lampe am Schminktisch an und wieder aus und wieder an und betrachtete fasziniert, wie der kleine Draht in ihr aufleuchtete und wieder verglomm. Das Ticken der Uhr erinnerte sie, dass sie ja zur Hausf\u00fchrung gehen sollte, und sie schaute auf die Uhr. 10 Minuten noch. Sie richtete ihre Haare und steckte die vorderen Str\u00e4hnen mit einer kleinen Spange hinterm Kopf fest. Dann stand sie auf und betrachtete noch einen kleinen Moment die B\u00fccher, die sie in der n\u00e4chsten Zeit lesen sollte.<br>\u201eHandbuch der Erstlingszauber\u201c &#8211; das klang nicht schlecht. \u201eVon Krieg und Staaten\u201c &#8211; ob das etwas zur Geschichte des Landes enthielt? Heeresstrategien waren nicht so interessant, aber es war spannend, wie sich alles auf G\u00e4a entwickelt hatte. Bruder Harras hatte leider wenig dazu gehabt, was typisch war f\u00fcr jemanden wie ihn, der sich mehr auf die spirituellen Belange konzentrierte. \u201eK\u00f6nigsberger Mathematik\u201c und \u201eEinf\u00fchrung in Geografie und Geschichte Albions\u201c &#8211; Mathematik war nicht so ihres, aber das w\u00fcrde schon gehen. Noch ein Geschichtsbuch war auf jeden Fall gut. Dann gab es da \u201eDie bewegte Welt\u201c und \u201eWort und Sinn\u201c, das sagte ihr nichts. Daneben stand allerdings, wesentlich spannender, \u201eDie kleine Magiekunde\u201c und \u201edie magische Flora und Fauna Albions\u201c. Sie strahlte. Pflanzen mochte sie, und etwas \u00fcber magische Tiere zu erfahren w\u00fcrde bestimmt auch toll sein. Sie nahm das letzte Buch und legte es sich aufs Bett, ehe sie mit einem Blick auf die Uhr aus dem Zimmer trat und die T\u00fcr schlo\u00df, um \u00fcber den Gang zu der Labort\u00fcr zu eilen. Vor der T\u00fcr holte sich nochmal tief Luft, dann klopfte sie vorsichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wieder im Labor angekommen wandte er sich seiner Forschungsstation zu. Diverse magische Aparaturen waren um einen Zirkel aufgestellt. In der Mitte stand nach wie vor der Zylinder aus Elektrum, jenem Material, dass er vor drei Jahren bei seinen alchemistischen Forschungen entdeckt hatte. Eigentlich hatte er versucht auf Basis von altem alchemistischen Wissen, dass er vor f\u00fcnf Jahren nicht ganz legal aus der Sammlung eines nichtmagischen Herzogs beschafft hatte, Gold herzustellen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Werk Transmutatis war unter gelehrten Alchemisten ein Mythos und galt als lange verloren. Und dann war da dieser Ball gekommen. Claudia, seine damalige Partnerin, hatte ihn dorthin mitgeschleppt. Gelangweilt hatte er sich irgendwann nach den ersten T\u00e4nzen in die Bibliothek geschlichen. Niemand war dort und so wie die Werke aussahen, waren sie auch schon ewig nicht gelesen worden. Eine Sammlung rein des Protzens wegen. Und da stand es. Der heilige Gral einer ganzen Zunft, im Besitz eines alten Narrens, der wahrscheinlich noch nicht einmal richtig lesen konnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Herzog Lucrecius di Marantus war der f\u00fcnfte Sohn einer langen, reichen und vor allem magischen Adelslinie. Komplett unbegabt hatte ihn die Familie genauso fallen lassen wie seine ebenso unbegabten \u00e4lteren Geschwister. Die Linie drohte zu brechen und seine Eltern griffen zu drastischen und hoch illegalen Mitteln. Ein Ritual, das angeblich magische Bef\u00e4higung erzwang, sollte durchgef\u00fchrt werden &#8211; von den Eltern an den ersten vier Kindern. Der F\u00fcnfte galt allgemein als missraten und so banden sie ihn nicht ein. Und nun &#8211; eine Katastrophe und sechs verkohlte Leichen sp\u00e4ter &#8211; war die Linie endg\u00fcltig beendet und der neue Herzog lebte fortan nur noch daf\u00fcr, auch das Erbe endg\u00fcltig zu verprassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitras schaffte es, ein Duplikat des Buches zu erzeugen und bei einem weiteren Ball ins Geb\u00e4ude zu schmuggeln. Eigentlich hatte William das Duplikat erschaffen. Mitras hingegen schaffte es, die B\u00fccher auszutauschen und bis der Lederband des falschen Buches das n\u00e4chste Mal bewegt werden w\u00fcrde, w\u00e4ren l\u00e4ngst alle Spuren, die zu ihm f\u00fchren k\u00f6nnten, kalt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er l\u00f6ste sich aus seinen alten Erinnerungen. Gold hatte er keines gewonnen, aber das Elektrum getaufte Material. Es hatte gleichzeitig magnetische und magische Eigenschaften und eignete sich so zur \u00dcbertragung magischer Energie in Elektrizit\u00e4t. Und alles was nun noch n\u00f6tig war, war ein einfacher Bewegungszauber. Telekinese war zwar seine st\u00e4rkste Disziplin nach der Verwandlungsmagie, aber er wusste auch, dass die permanente Bewegung aufwendig war. Dennoch war das Elektrum sein gro\u00dfer Durchbruch. Die Entdeckung und der Verkauf von mittlerweile einer Tonne des Materials hatte ihm den vorzeitigen \u00dcbergang zum Magister und gro\u00dfe Reicht\u00fcmer eingebracht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Doch nun musste er sich st\u00e4ndigen Versuchen erwehren, die Formel zu stehlen. Nicht wenig seines neuen Verm\u00f6gens war in die Sicherung des zweiten Labors im Keller geflossen. Auch das K\u00f6nigshaus hatte seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber ihn erhoben, im Tausch gegen f\u00fcnfhundert Kilogramm im Jahr, je ein Viertel pro Quartal. Aber kaum einer dachte bei dem Material an Energiegewinnung. Zu gro\u00df waren die M\u00f6glichkeiten in der Waffenfertigung, war es doch in der Lage, die antimagischen Eigenschaften von Eisen zu umgehen und konnte somit leicht zu harten und pr\u00e4zisen Schwertern geformt werden, die zudem mit verschiedenen Zaubern belegt werden konnten. Mitras sorgte sich darum. Sollte es ihm allerdings gelingen, einen dauerhaften Bewegungszauber auf einen Barren oder Zylinder zu wirken, w\u00fcrde das eine quasi unendliche Stromquelle bedeuten. Die zivile Nutzung w\u00fcrde dann jede milit\u00e4rische Anwendung in den Schatten stellen, hoffte er. Doch bisher war es ihm lediglich gelungen ein aufwendiges Ritual zu erschaffen, mit dem er seinen Elektrumgenerator zwei Tage in Betrieb halten konnte. Erst galt es in tiefer Meditation magische Energie zu sammeln und diese dann auf den Kern zu \u00fcbertragen. Eine halbe Nacht Meditation, Vor- und Nachbereitung kosteten zu viel von seiner Zeit und Kraft, insbesondere, da das Elektrum seltsamerweise keine Magie annahm, die vorher in einem Kraftfokus oder einem Amulett gespeichert war.&nbsp;Es konnte aber einen Telekinese Zauber aufnehmen und bewahren, auch wenn es sich innerhalb der Kupferspule befand. Das allein war schon ein gewaltiger Durchbruch gewesen. Nun galt es einen Zauber zu erfinden, der den Kern m\u00f6glichst lange in Bewegung halten konnte, um so elektrische Energie zu erzeugen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Auch wenn ihm eine kriegerische Nutzung widerstrebte, so war er an diesen Ambitionen keineswegs unschuldig. Es war ein von ihm gefertigtes Rapier gewesen, dass das Interesse der Generalit\u00e4t geweckt hatte. Diese Demonstration hatte ihm den lukrativen Vertrag eingebracht und so sein Haus und seine Forschungen finanziert. Auch sch\u00e4tzte Mitras die Eleganz, Sch\u00e4rfe und Widerstandsf\u00e4higkeit der Elektrumwaffen. Schwerter allgemein, aber besonders Rapiere faszinierten ihn und mit dem Elektrum war es m\u00f6glich, Klingen auf magischem Wege genau nach der eigenen Vorstellung zu formen und auch wieder umzuformen. Anders lie\u00df es sich aber auch nicht bearbeiten. Der Schmelzpunkt lag noch \u00fcber dem von Wolfram, war also ohne magische Hilfe in kaum einem Hochofen zu erreichen. Aber wozu auch schmelzen, schmieden und schleifen, wenn es sich durch Magie in jede nur erdenkbare Form bringen lie\u00df. So konnte er eine Waffe pr\u00e4sentieren, die allen Stahlwaffen \u00fcberlegen war. Er hatte einige M\u00fche in die Gestaltung gesteckt und die Klinge war deutlich d\u00fcnner als bei einem gew\u00f6hnlichen, geschmiedeten Rapier. Hinzu kam noch, dass sie um ein vielfaches sch\u00e4rfer war. Und dennoch war sie weit widerstandsf\u00e4higer als Eisenklingen. Kettenhemden waren gegen diese Waffe nutzlos, was sie zur idealen Verteidigungswaffe f\u00fcr Magier machte. Und mit gen\u00fcgend Kraft konnte man sogar Panzerplatten im richtigen Winkel durchdringen. All das hatte der Generalit\u00e4t den Mund w\u00e4ssrig gemacht, insbesondere die Tatsache, dass das nur die Spitze des Eisbergs war. Was er aber verheimlicht hatte, war die leichte Verformbarkeit des Stoffes. Man konnte mit der richtigen Magie einen Gegenstand leicht in mehrere Formen verwandeln und er hatte sich eine ganze Reihe von Artefakten erschaffen, die auf dem ersten Blick komplett harmlos waren. Seine Brief\u00f6ffner war da noch eine kleine Spielerei, die er im \u00c4rmel seiner Magierroben verbarg. Im schlimmsten Fall gab er auch einen guten Dolch ab. Aber daf\u00fcr hatte er eigentlich andere besondere&nbsp;Schmuckst\u00fccke. Er hatte zwei Armreife, die sich mehrmals um den Unterarm wanden und komplizierte Muster darstellten. Gleichzeitig reichte die Elektrummenge des einen, um ihn in einen Rapier, deutlich einfacher gestaltet, als sein \u00f6ffentlich getragener, zu verwandeln. Niemand vermutete, dass die runden Elemente des Schmucks sich zu einer Klinge formen konnten. Der andere Armreif lie\u00df sich zu einem Armschutz mit Krallen auf der Au\u00dfenseite verwandeln, die sowohl als Klingenf\u00e4nger als auch als m\u00f6rderische Klauen, die stark blutende Wunden rei\u00dfen konnten, dienten. Aber das war nun wirklich das letzte, was er wollte. Gerade diese Klaue war ihm absolut zuwider, aber sie hatte sich leider schon bew\u00e4hrt. Er trug die Armreifen nur, wenn er mit \u00c4rger rechnete. Aber das kam nun immer h\u00e4ufiger vor. Zwei Mal war er seit seinem Durchbruch \u00fcberfallen worden. Das erste Mal war er nur mit M\u00fche und wegen seines normalen Elektrumrapiers entkommen. Danach hatte er die Armreifen entwickelt, f\u00fcr alle F\u00e4lle in denen das Tragen einer Waffe nicht m\u00f6glich war. Eine zivile Nutzung war ihm deutlich lieber, aber f\u00fcr seinen Schutz ben\u00f6tigte er diese versteckten Waffen. Aber eigentlich wollte er technische Ger\u00e4te entwickeln und mit Magie verbinden und keine Mordinstrumente schaffen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er ordnete noch eine Weile seine Notizen vom Vormittag, ein weiterer Versuch war gescheitert und hatte nicht einmal eine winzige Verl\u00e4ngerung der Wirkung ergeben. Dann klopfte es an der T\u00fcr. Er hatte gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen war.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z\u00f6gerlich setzte Kira ihren Rucksack ab und reichte den Pelzumhang der f\u00fclligen Frau, die ihr die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und ihr Hausschuhe hingestellt hatte. Der Vorraum war in warmes elektrisches Licht eines gro\u00dfen Kronleuchters getaucht, der von der hohen Decke hing. 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