{"id":35,"date":"2024-04-15T00:14:50","date_gmt":"2024-04-15T00:14:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=35"},"modified":"2024-04-15T00:22:53","modified_gmt":"2024-04-15T00:22:53","slug":"geschenktes-glueck-7-lunet-242-uldumstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/04\/15\/geschenktes-glueck-7-lunet-242-uldumstag\/","title":{"rendered":"Geschenktes Gl\u00fcck &#8211; 7. Lunet 242 (Uldumstag)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira wachte davon auf, dass es still war. Viel zu still. Sie blinzelte. Drau\u00dfen war es bereits hell. Kein Vogel sang. Sie lauschte einen Moment verwirrt. Kein Vogel, kein Hundegebell, niemand, der durch die Gegend rief. Sie war nicht zuhause. Nicht zuhause! Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und die Erinnerung an den gestrigen Tag st\u00fcrmten noch einmal auf sie ein. Die Reise, der Erzmagier, die Pr\u00fcfung, das Haus, Mitras, Abigail, William, Tobey&#8230; ihre Ausbildung. Ach, du meine G\u00fcte, ihre Ausbildung. Ruckartig setzte Kira sich auf. Wie sp\u00e4t war es? Sie blickte zur Uhr auf dem Schreibtisch. 8 Uhr 40! Oh, bei den guten Geistern! So sp\u00e4t! Sie sollte dringend aufstehen und mit den Studien anfangen. Magister Mitras hatte deutlich gesagt, dass er sie jeden Abend pr\u00fcfen w\u00fcrde, also w\u00fcrde sie jeden Tag ausreichend Stoff vorbereiten m\u00fcssen. Kira war mit Selbststudien und Pr\u00fcfungen vertraut, sie h\u00e4tte nach der Dorfschule auf das Gymnasium gehen k\u00f6nnen, doch L\u00fchrenburg war zu Fu\u00df zu weit weg, und eine Droschke oder ein Pferd jeden Tag zu bezahlen, war ihrer Mutter zu teuer gewesen, also hatte sie den Stoff mit der Post geschickt bekommen und durfte jeden Tag zwei Stunden zu Bruder Harras gehen, um dort zu lernen. &#8222;Aber nur, weil Bruder Harras das sagt!&#8220;, klang ihr die Stimme ihrer Mutter im Kopf. Wenn es nach der gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte man Kira an den ersten vorbeireisenden H\u00e4ndler verheiratet und sie m\u00f6glichst weit weg geschickt, nat\u00fcrlich nur gegen einen m\u00f6glichst guten Brautpreis. Kira sch\u00fcttelte sich bei der Erinnerung. Ja, wenn fremde M\u00e4nner zu Besuch gewesen waren, das waren die einzigen Momente, in denen ihre Mutter mal was gutes \u00fcber sie gesagt hatte. Und nat\u00fcrlich war dann ihre Schulbildung auch pl\u00f6tzlich was gutes gewesen. Sie war nicht die einzige in den umliegenden D\u00f6rfern, der Fernunterricht war \u00fcberall auf dem Land \u00fcblich, und es war auch gar nicht so un\u00fcblich, dass man nicht den vollen Unterricht von 6 oder 8 Stunden am Tag besuchte. Viermal im Jahr war sie zu den Pr\u00fcfungen gefahren, die sie meistens auch ganz gut bestanden hatte &#8211; Mathematik ausgenommen, sehr zum \u00c4rger ihres Vaters, der sie als &#8222;Schande einer H\u00e4ndlerfamilie&#8220; bezeichnet hatte. Aber Kopfrechnen war einfach langweilig. Und immer ging es um Geld. In Geometrie war sie nicht so schlecht gewesen. Also, naja. Zumindest war sie da nie durchgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie schwang sich aus dem Bett und tapste zur Toilette. Sie w\u00fcrde sich ein Fr\u00fchst\u00fcck holen und dann mit dem Buch zu Flora und Fauna beginnen. Und danach das Handbuch der Erstlingszauber. Sie sp\u00fcrte, wie sich Vorfreude darauf in ihr ausbreitete, nicht nur einen Tag, sondern viele Tage lang sorgf\u00e4ltig lesen, herausschreiben, lernen zu k\u00f6nnen. Sie holte sich mit dem Krug etwas Wasser, wusch sich fl\u00fcchtig und \u00f6ffnete dann den Schrank, um sich etwas zum Anziehen herauszusuchen. Unterw\u00e4sche war einfach, aber dann stand sie eine lange Weile vor dem Schrank und \u00fcberlegte. Selbst die Kleidung von Abigail wirkte ein wenig edler als ihre normale Alltagskleidung. Sie seufzte. Der Erzmagier hatte ihr gesagt, dass sie ein Taschengeld von Mitras bekommen w\u00fcrde. Scheinbar w\u00fcrde sie es dazu einsetzen m\u00fcssen, sich erstmal einige bessere Stoffe zu kaufen. Mit dem elektrischen Licht w\u00fcrde sie auch in den Abendstunden noch n\u00e4hen k\u00f6nnen, und so w\u00fcrde sie bestimmt einige Kleider n\u00e4hen k\u00f6nnen, die dem Haus mehr entsprachen. Schlie\u00dflich entschied sie sich f\u00fcr ein schlichtes gr\u00fcnes Wollkleid mit einer wei\u00dfen Unterbluse und einem wei\u00dfen Unterrock. Das Essemble sa\u00df bequem und w\u00fcrde sie beim Lernen nicht durch unn\u00f6tige steife Elemente st\u00f6ren. Sie flocht sich rasch die Haare zu einem dicken Zopf, das sparte das langwierige B\u00fcrsten, und zog sich die Haussschuhe an. Gerade, als sie so zur T\u00fcr ging, klopfte es. &#8222;Kindchen?&#8220;, klang Abigails Stimme durch die T\u00fcr. &#8222;Bist du schon wach?&#8220; &#8222;\u00c4h, ja.&#8220; Kira \u00f6ffnete die T\u00fcr. Abigail strahlte sie an. &#8222;Sogar schon angezogen!&#8220; Kira wurde ein bisschen verlegen. &#8222;Ich habe verschlafen, oder?&#8220; Abigail lachte. &#8222;Nein, gar nicht, ich sollte dich um 9 wecken, und du bist schon angezogen. Ein fr\u00fches V\u00f6gelchen bist du, oder?&#8220; &#8222;Um neun?&#8220;, fragte Kira ungl\u00e4ubig. &#8222;Der Magister sagte, du d\u00fcrftest heute ein wenig l\u00e4nger schlafen, weil dein Tag gestern ja sehr lang war. Normalerweise wecke ich dich um halb acht, William macht uns allen um acht Fr\u00fchst\u00fcck. Mitras isst nicht immer mit uns, aber du kannst dich gerne zu uns setzen, wenn du es magst. Alleine essen macht ungl\u00fccklich!&#8220; Dabei zwinkerte sie ihr freundlich zu. Kira versuchte ein freundliches L\u00e4cheln. Abigail war so nett zu ihr, netter als ihre Mutter jemals gewesen war. Es f\u00fchlte sich ein wenig komisch an, dass eine fremde Frau so warmherzig zu ihr war. Sie muss sich um mich k\u00fcmmern, schoss es Kira durch den Kopf. Sie ist die Angestellte. Ob Mitras ihr Anweisungen gegeben hatte? Nein. Mitras war so viel k\u00fchler und distanzierter, er w\u00fcrde nicht anweisen, besonders freundlich und liebevoll zu ihr zu sein. Es musste einfach ihre Art sein. Die gute Seele des Hauses, dachte Kira, w\u00e4hrend sie gemeinsam die Treppe runter zur K\u00fcche gingen. An der K\u00fcchent\u00fcr winkte Abigail ihr zu. &#8222;Ich hab schon gegessen und muss noch W\u00e4sche waschen, aber du kannst dir ein Tablett dort abholen. Mitras muss auch noch essen, glaube ich.&#8220; Achja, die W\u00e4sche. &#8222;\u00c4h, wo kann ich denn meine W\u00e4sche waschen?&#8220;, fragte sie, vor der K\u00fcchent\u00fcr stehend. &#8222;Sie waschen keine W\u00e4sche!&#8220;, erklang aus der Kellert\u00fcr rechts neben ihr streng Mitras Stimme. Kira qietschte erschrocken auf und fuhr herum. Im Kelleraufgang stand Mitras, in der selben Kleidung wie am Vortag. Er wirkte, als habe er kaum geschlafen, abgek\u00e4mpft und m\u00fcde. Gestern Abend schien er schon ersch\u00f6pft, aber nun wirkte er, als wenn er tagelang nicht geschlafen h\u00e4tte. Was tat er da unten blo\u00df?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ersch\u00f6pfung tat allerdings der Strenge und der Missbilligung in seiner Stimme keinen Abbruch. &#8222;Magister! Verzeihung, aber&#8230;&#8220; &#8222;Abigail w\u00e4scht Ihre W\u00e4sche. Sie stellt Ihnen einen Korb hin, wie bei mir auch.&#8220; Mitras trat auf sie zu, und Kira wich ein St\u00fcck zur\u00fcck, bis sie gegen die K\u00fcchent\u00fcr stie\u00df. Er griff nach ihrem Kinn und hob es nach oben, so dass sie ihm in die Augen sehen musste. Seine Augen waren hellblau, fast wie Eis, und funkelten sie mit einer Mischung aus Ersch\u00f6pfung und Wut an. &#8222;Sie sind eine junge Lady. Sie sind eine Magierin. Sie werden keine W\u00e4sche waschen, Sie werden nicht putzen, Sie werden nicht dienen. Stehen Sie gerade und sprechen Sie mir nach.&#8220; Er lie\u00df sie los und trat einen Schritt von ihr weg. Kira blickte weiter in seine Augen, sie traute sich nicht, wegzuschauen. &#8222;Ich&#8230; ich&#8230; bin eine Lady?&#8220;, sagte sie zaghaft. &#8222;Sie sind eine Lady.&#8220;, best\u00e4tigte Mitras. &#8222;Und Sie werden sich auch so benehmen. Ihr Verhalten wird unser Haus repr\u00e4sentieren. Und jetzt werden Sie Abigail eine Anordnung bez\u00fcglich Ihrer W\u00e4sche geben.&#8220; Scheu schaute Kira zur Seite, wo Abigail stand und offenbar schmunzelte, nun aber rasch ein ernstes Gesicht aufsetzte und sie erwartungsvoll anschaute. Kiras Gedanken rasten. Was f\u00fcr eine Anordnung? Die Hinweise zum Korb fielen ihr wieder ein. &#8222;Abigail, w\u00fcrdest du bitte einen Korb in mein Zimmer stellen und alle drei Tage meine W\u00e4sche waschen?&#8220;, fragte sie und linste dabei zu Mitras. Seine Mundwinkel zuckten, als unterdr\u00fccke er ein L\u00e4cheln, doch er nickte. &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich, Kindchen.&#8220; Jetzt grinste Mitras wirklich. &#8222;Du untergr\u00e4bst meine Erziehung mit so einer Anrede, Abby!&#8220;, beschwerte er sich. &#8222;Remus wurde nicht an einem Tag erbaut!&#8220;, gab Abigail schlagfertig zur\u00fcck, ehe sie sich umdrehte und im Flur verschwand. Mitras drehte sich wieder zu Kira um. &#8222;Wollen wir?&#8220; Er deutete dabei auf die T\u00fcr hinter ihr. &#8222;\u00c4h, ja, Magister.&#8220; Sie drehte sich um und \u00f6ffnete die K\u00fcchent\u00fcr. Die K\u00fcche war leer, aber auf der Anrichte standen zwei Tabletts, das eine mit einer langen Rispe von Lavendel auf der abgedeckten Tasse. Mitras ging an ihr vorbei und nahm das Tablett ohne Lavendel. &#8222;Kommen Sie, wir k\u00f6nnen im Esszimmer zusammen fr\u00fchst\u00fccken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mit dem Tablett in der Hand ging er ins Esszimmer her\u00fcber. Kira beeilte sich, ihres zu nehmen und ihm zu folgen. Er hatte eigentlich geglaubt, dass sie schon eine&nbsp;gewisse Erfahrung mit Bediensteten haben m\u00fcsste, waren ihre Eltern doch eigentlich erfolgreiche H\u00e4ndler. Aber anscheinend hatte er deren Stellung \u00fcbersch\u00e4tzt. Seine eigenen Eltern waren wohlhabend genug, um sich immer Bedienstete leisten zu k\u00f6nnen. Er konnte sich jedenfalls nicht entsinnen, dass es jemals eine Zeit ohne Hausm\u00e4dchen und Koch gegeben hatte. Lediglich der Garten fehlte ihnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Aber auch sonst machte er sich ein bisschen Sorgen um Kira. Sie war sehr zur\u00fcckgezogen und wirkte schon sehr eingesch\u00fcchtert. Er musste wohl wirklich ein bisschen darauf acht geben, ihr nicht mit zu viel H\u00e4rte zu begegnen, wie William gesagt hatte. Ob er wohl einen Hauslehrer f\u00fcr Umgangsformen einstellen sollte? Aber er verwarf den Gedanken. Er w\u00fcrde sie schon selbst formen und ihr das n\u00f6tige R\u00fcckgrat vermitteln, um auch hier zu bestehen. Au\u00dferdem konnte man nie wissen, wen man sich da ins Haus holte. Einige seiner Feinde warteten sicher nur darauf so einen Fu\u00df in die T\u00fcr zu bekommen. Auch wenn er deutlich weniger scheu gewesen war, so war auch er sehr introvertiert und hatte den Umgang mit der h\u00f6heren Gesellschaft erst von seinem alten Mentor Christobal di Pinzon lernen m\u00fcssen. So w\u00fcrde er das nun auch bei ihr machen. Und zur Not konnte er Christobal sp\u00e4ter um Hilfe bitten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Er stellte sein Tablett ab, wartete, bis sie es ihm gleich getan hatte und setzte sich dann. &#8222;Bedenken Sie, durch Ihre neu erwachten F\u00e4higkeiten sind Sie nun in einen neuen Stand aufgestiegen. Gew\u00f6hnen Sie sich daran, dass Dienerschaften und generell das &#8217;normale Volk&#8216; Ihnen bald mit Knicks und Verbeugung entgegen treten wird. Wir Magier bilden einen eigenen Stand parallel zum Adel, also \u00fcber allen anderen. Lassen Sie sich dies aber nicht zu Kopf steigen! Ich werde nicht tolerieren, dass sie anfangen Ihre Mitmenschen von oben herab zu behandeln. Zu Ihrer Ausbildung wird auch geh\u00f6ren, wie Sie sich wem gegen\u00fcber zu verhalten haben. Hier im Haus pflegen wir einen lockeren, famili\u00e4ren Umgang. Aber dennoch sind Sie jetzt eine Dame und sie die Bediensteten. Ihre Aufgabe ist das Lernen und sp\u00e4ter auch das Assistieren bei meinen Studien und letztendlich das Durchf\u00fchren eigener Studien. Abigails, Williams und Tobeys Aufgabe ist es, uns dabei alle weltlichen Probleme vom Hals zu halten.&#8220; &#8222;J&#8230; ja, Magister.&#8220; stotterte sie, v\u00f6llig \u00fcberfahren von seiner Standeseinweisung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nach dieser ersten Ansprache nahm er erst einmal eine der belegten Brotscheiben auf und begann zu essen. Sie schaute eine Weile nur auf ihr Tablett, brauchte wohl noch einen Moment, um das Gesagte zu verdauen, begann dann aber auch zu essen. Just in diesem Moment kam William herein. &#8222;Ha, ihr beide habt euch schon bedient. Ich wusste nicht, was du so magst, also habe ich erstmal von allem ein bisschen gemacht. Leg einfach die Sachen, die du nicht magst auf den rechten Tellerrand und was du vom Rest nicht schaffst, kannst du dann auf der linken Seite ablegen, damit ich es dir f\u00fcr sp\u00e4ter einpacken kann. Wird ja doch ein ereignisreicher Tag.&#8220; Der letzte Satz ging in ein fr\u00f6hliches Lachen \u00fcber und schon war er wieder in der K\u00fcche verschwunden. Sie schaute ihm leicht verdutzt hinterher und dann wieder auf ihren Teller, als \u00fcberlege sie, was sie davon nicht m\u00f6gen k\u00f6nne. Tats\u00e4chlich hatte sie bereits von dem meisten ein wenig probiert, alle Brote waren angeknabbert. Mitras legte das Brot, das er gerade a\u00df wieder ab, blickte zu ihr und sagte: &#8222;Achja, mit dem Lernen k\u00f6nnen Sie Morgen anfangen, zumal ich Ihnen ja noch gar keinen Lehrplan zugeteilt habe.&#8220; Geschweige denn, dass er bereits einen geschrieben hatte, aber da w\u00fcrde er sich sp\u00e4ter drum k\u00fcmmern. &#8222;Zum Stand eines Magiers geh\u00f6rt auch eine standesgem\u00e4\u00dfe Kleidung. Und Ihre Sachen weisen zwar eine gewisse Stilsicherheit auf, sind aber doch ziemlich gew\u00f6hnlich. Abigail war fr\u00fcher eine angesehene Schneiderin und hat schon so manches junges Adelsm\u00e4dchen eingekleidet und genau das wird sie heute mit Ihnen machen. Sie beide werden gleich in die Innenstadt aufbrechen. Abigail wird Ihnen zum einen die Stadt zeigen und einige wichtige&nbsp;\u00d6rtlichkeiten erkl\u00e4ren und zum anderen wird sie Ihnen alle W\u00fcnsche bez\u00fcglich Ihrer Kleidung erf\u00fcllen, solang diese nicht zu ausgefallen sind. Das meiste wird sie selbst anfertigen, richten Sie sich also schon einmal darauf ein, Ihre Studien die n\u00e4chsten Tage regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Anproben unterbrechen zu m\u00fcssen.&#8220; &#8222;A..a..aber ich habe doch gar kein Geld. Ich kann mir das alles noch gar nicht leisten.&#8220; stammelte sie \u00e4u\u00dferst verlegen. Das wiederum irritierte ihn. Ihre Eltern hatten ihr doch sicher Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt, oder etwa nicht? Er musste sich doch noch einmal \u00fcber sie informieren. Konnte es sein, dass ihr Gesch\u00e4ft so viel schlechter lief, als er erwartet hatte? Sicher, sie lebten in den neuen Nordprovinzen, aber dem Namen nach waren sie aus dem Reich hinzugezogen und keine Skir. Das sollte doch eigentlich hei\u00dfen, dass die Familie Geld hatte. Aber sie hatte definitiv Skirz\u00fcge. Allein das Haar war eher kastanienrot als braun, vielleicht doch Skirverwandschaft? Das w\u00fcrde die finanzielle Lage erkl\u00e4ren. Soweit er wusste, begegneten die Menschen aus den neuen Provinzen, die zum Gro\u00dfteil aus Berg stammten, was fr\u00fcher stark unter Skirpiraten gelitten hatte, den Nordmenschen mit Abscheu. Wenn ihre Mutter oder ihr Vater Skir waren, dann konnte das Gesch\u00e4ft nicht gut laufen. Hie\u00df es dort nicht &#8218;Kauf nicht bei Skir, wer wei\u00df, wem sie es gestohlen haben!&#8216; Er w\u00fcrde jedenfalls sein Informantennetzwerk darauf ansetzen m\u00fcssen. In der Hauptstadt war solcher Rassismus zwar eigentlich kein Problem, aber es war nie verkehrt sich abzusichern. Es w\u00fcrde einige Tage oder Wochen dauern, bis sie die n\u00f6tigen Informationen hatten, also musste er f\u00fcrs erste darauf achten, dass er sich nicht im Ton vergriff. Er&nbsp;wollte seine Sch\u00fcler nicht unn\u00f6tig besch\u00e4men. &#8222;Da machen Sie sich mal keine Sorgen drum. Ich werde Ihnen eine volle Garderobe bezahlen und nein, das werde ich nicht von Ihrem Taschengeld abziehen. Betrachten Sie es als Investition in meinen guten Ruf. Ihr Taschengeld dient einzig und allein der Zerstreuung und Erholung. Ich erwarte, dass Sie flei\u00dfig lernen und gute Ergebnisse abliefern, nicht, dass Sie zum Eremiten verkommen. Alles was zum Leben notwendig ist, wird von mir gestellt, inklusive Lehrmaterial.&#8220; &#8222;Da&#8230;danke.&#8220; brachte sie noch hervor und schien v\u00f6llig in sich zusammen zu sacken. Nach einem kurzen Moment begann sie leise zu schluchzen. &#8222;Habe ich etwas falsches gesagt?&#8220;, fragte er leicht besorgt und irritiert. &#8222;Nein, Magister, es ist nur so, Sie sind so gut zu mir. Allein das, was Sie mir jetzt in Aussicht stellen, ist mehr als ich mir vor einer Woche noch f\u00fcr den Rest meines Lebens erhoffen konnte. Nicht mal mein Bruder, der in viel h\u00f6herer Gunst bei meinen Eltern steht, hat zur Hochzeit eine ganze neue Ausstattung an Kleidung bekommen &#8211; also, und&#8230; also auf jeden Fall nicht mit so edlen Stoffen, wie Sie es tragen. Die sind ja magisch gewebt und die Weste ist so kunstvoll bestickt!&#8220;, platzte es aus ihr heraus, unterbrochen von einigen Schluchzern und ein bisschen Schniefen. &#8222;Und jetzt geben Sie so viel Geld f\u00fcr mich aus und obwohl ich doch sicher allen hier unn\u00f6tig zur Last falle, sind doch alle so gut zu mir. Das ist alles wie ein viel zu guter Traum&#8230;Wahrscheinlich werfen Sie mich eh n\u00e4chste Woche wieder raus, weil ich was vergesse oder irgendwas doof mache oder weil jemand&#8230;&#8220; Sie verstummte, anscheinend \u00fcberrascht von sich selbst. &#8222;Na ja, viel w\u00e4re jetzt aus meiner Sicht etwas \u00fcbertrieben. Kira, ich bin reich, wie Ihnen das Haus vielleicht schon verraten hat. Sie neu einzukleiden, wird in meinen Bilanzen noch nicht einmal auffallen. Umgekehrt w\u00fcrde es aber auf mich zur\u00fcckfallen, wenn sie zur Akademie oder zu irgendeinem gesellschaftlichen Ereignis gingen und dabei in der Kleidung einer einfachen Kaufmannstocher erscheinen. Ich bin als j\u00fcngster Magister seit einigen Jahren ber\u00fchmt, jeder schaut auf mich und meinen Haushalt, und nicht wenige hoffen, einen kleinen Skandal zu finden, um sich zu profilieren. Es ist also nicht ganz selbstlos, wenn ich Sie nun neu einkleide. Und da ich mir nat\u00fcrlich bewusst bin, dass Sie sich das, was ich mir als standesgem\u00e4\u00df vorstelle, nicht leisten k\u00f6nnen, zahle ich es auch. Andere Lehrmeister w\u00fcrden Ihnen das Geld wahrscheinlich recht drakonisch vom Lehrgeld, das die Gilde vorschreibt, abziehen, aber ich sehe nicht, warum ich das tun sollte. Meine Studienergebnisse haben mich zu einen sehr wohlhabenden Mann gemacht und derartige Kleinlichkeiten habe ich nicht n\u00f6tig.&#8220; antwortete er ihr. &#8222;Und was den Umgang angeht, auch wenn die drei meine Bediensteten sind, so bilden wir hier doch so etwas wie eine kleine Familie und Sie sind nun f\u00fcrs erste Teil dieser Familie. Ich w\u00fcrde es schwer missbilligen, wenn einer der drei Sie anders behandeln w\u00fcrde, als sie mich behandeln. Aber es gilt auch, dass Sie jetzt das vorletzte Wort und ich das letzte Wort haben. Wenn Sie eine Anweisung erteilen wird dieser Folge geleistet, au\u00dfer sie widerspricht einer meiner Anweisungen.&#8220; Er wartete, bis sie sich beruhigt hatte und nippte derweil an seinem Tee. William hatte ihn perfekt hinbekommen, genau die richtige Br\u00fchdauer, ein L\u00f6ffel Honig und ein, zwei Tropfen Bergamotte\u00f6l, wie er ihn mochte. &#8222;Sie bekommen sieben Silberm\u00fcnzen im Monat als Taschengeld im ersten Lehrjahr. Ich gebe die erste Rate Abigail gleich mit. Und im \u00fcbrigen werde ich Sie nicht wegen des erstbesten Fehlers rauswerfen. Fehler passieren und geh\u00f6ren zum Lernprozess dazu. So, und jetzt essen Sie ordentlich, der Ausflug mit Abigail wird anstrengend genug.&#8220;, endete er und griff sich sein angefangenes Brot wieder. Das gerade Geh\u00f6rte besorgte ihn. Es erschien fast so, als ob die Eltern ihr bewusst keine Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt hatten, so, als w\u00e4re sie das schwarze Schaf der Familie. Die Frage war: Wieso? Oder hatte sie Kiras erste Magieerfahrung&nbsp;so erschreckt? Es war schon ein ungw\u00f6hnlicher Vorfall gewesen, durch den ihre F\u00e4higkeiten entdeckt worden waren. Zum Gl\u00fcck hatte der B\u00fcrgermeister oder irgendjemand anderes mit Weisungsbefugnis richtig gehandelt und die Gilde informiert. Wer wei\u00df, was sonst passiert w\u00e4re. Das Bild der Magie war in den n\u00f6rdlichen Regionen immer noch stark durch das hexendominierte Erbe der Skir gepr\u00e4gt und so wie er geh\u00f6rt hatte, war der Aberglaube immer noch gro\u00df, bis hin zu einigen Hexenverfolgungen, die leider nicht immer von der Obrigkeit unterbunden worden waren. Ihre rot-braunen Haare und die gr\u00fcnen Augen lie\u00dfen sie einer Skir \u00e4hnlich sehen, vielleicht war sie selbst sogar angefeindet worden. Konnte es also sein, dass ihre Familie sie versto\u00dfen hatte? Aber nein, so wie es sich eben anh\u00f6rte, war es etwas anderes. Vielleicht lag es am Aberglauben? Selbst wenn die Eltern ihre Herkunft verbergen konnten, bei Kira w\u00fcrde das seit dem Vorfall nicht mehr gehen. Er musste unbedingt mehr heraus finden, auch um sie und wichtiger noch sich selbst, zu sch\u00fctzen. Am Schengstag w\u00fcrde er sich wieder mit Titus Tarens, seinem wichtigsten Informanten, treffen. Vorher konnte er nichts weiter tun, als Kira zu beobachten und vorsichtig auf Stichw\u00f6rter einzugehen. Kiras Verh\u00e4ltnis zu ihrer Familie schien sie sehr zu belasten und er wollte sie deswegen nicht ohne konkreten Anlass zu sehr bedr\u00e4ngen. Also hie\u00df es abwarten. Er beendete sein Fr\u00fchst\u00fcck,&nbsp;verabschiedete sich von ihr und w\u00fcnschte ihr einen sch\u00f6nen Tag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abigail holte Kira, die tats\u00e4chlich zu Williams Erstaunen fast alles vom Teller aufgegessen hatte, eine halbe Stunde nach dem Fr\u00fchst\u00fcck in ihrem Zimmer ab. Die Haush\u00e4lterin trug nun ein Wollkleid aus einer sehr fein gestrickten Wolle und dar\u00fcber einen Mantel mit Pelzbesatz und einen dazu passenden Hut. Sie sah so edel aus wie Kiras Mutter an einem Silenz und strahlte dabei mindestens doppelt so viel Vorfreude aus. &#8222;Komm, zieh dir rasch deinen Mantel an!&#8220; Sie hielt ihn ihr hin, so dass Kira bequem hineinschl\u00fcpfen konnte. &#8222;Die Kutsche wartet schon drau\u00dfen.&#8220; Kira folgte ihr. Die Vorfreude von Abigail f\u00e4rbte ein wenig auf sie ab, auch wenn sie sich gleichzeitig irgendwo zwischen besch\u00e4mt, sch\u00fcchtern, neugierig und \u00fcberfordert f\u00fchlte. Sie traten vor das Haus, wo am Tor tats\u00e4chlich eine kleine Stadtkutsche wartete. Es schneite schon wieder. Kira holte Luft und versuchte, eine Schneeflocke mit der Zunge zu fangen, wie sie es immer bei Schnee tat. Die Luft war irgendwie&#8230; k\u00e4lter. Schneidener. Das muss am Hochland liegen, scho\u00df es ihr durch den Kopf. Die Luft ist vermutlich trockener, so weit im Landesinneren. Abigail lief zur Kutsche voraus und \u00f6ffnete ihr die T\u00fcr. &#8222;Mylady, bitte steigen Sie ein.&#8220; Kira schaute sie ob der neuen Anrede einen Moment verbl\u00fcfft an, so h\u00f6flich war sie sonst nur bei der ersten Begr\u00fc\u00dfung gewesen, doch dann wurde ihr klar, dass der Kutscher nat\u00fcrlich nicht zum Haushalt geh\u00f6rte, und sie dachte wieder an die Predigt zu ihrem neuen Stand, die Mitras ihr gerade gehalten hatte. Sie nickte Abigail also nur kurz zu und bestieg dann vor ihr die Kutsche, um sich dort m\u00f6glichst nah an das Fenster zu setzen. Sie war neugierig. Nat\u00fcrlich hatte sie schon einige Teile von Uldum gesehen, als man sie vom Bahnhof zur Akademie gef\u00fchrt hatte, aber das hatte sich auf den Bahnhof, ein paar gr\u00f6\u00dfere Stadth\u00e4user im Hintergrund und eine prunkvolle Stra\u00dfe mit etlichen Pal\u00e4sten und Parkanlagen beschr\u00e4nkt, die&nbsp;ihr F\u00fchrer ihr auch nicht weiter erl\u00e4utert hatte. Den Rest der Zeit hatte sie in der Kutsche gesessen und nichts gesehen. Abigail wechselte einige S\u00e4tze mit dem Kutscher und stieg dann zu Kira in die Kutsche, die sich ein wenig ruckelnd in Gang setzte. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte weg von den eingez\u00e4unten Villen, dann wurde sie ein wenig schmaler und die Bebauung \u00e4nderte sich: Die Vorg\u00e4rten und Mauern um die Geb\u00e4ude verschwanden, nun schmiegte sich Hauswand an Hauswand. Die H\u00e4user waren drei- oder vierst\u00f6ckig, bei vielen gab es im unteren, etwas h\u00f6heren Geschoss Werkst\u00e4tten. Kira sah einen Schmied neben einer Schneiderei, daneben eine kleine B\u00e4ckerei, aus der ein verlockender Duft \u00fcber die Stra\u00dfe zog. Der Kutscher rief laut, um ein paar Kinder zu vertreiben, die vor der B\u00e4ckerei spielten &#8211; vermutlich auch, um bei Gelegenheit die Kunden um eines der Br\u00f6tchen anbetteln zu k\u00f6nnen, dachte Kira, der auffiel, wie schmal und hungrig die kleinen Leiber aussahen. Sie kannte Hunger &#8211; der Krieg um die Gebiete n\u00f6rdlich des Olfiat, zu denen auch der Distrikt Burnias geh\u00f6rte, in dem Bispar lag, war zwar schon seit fast hundert Jahren beigelegt, aber die Winter waren immer noch lang und trotz der guten Marschlande war das fruchtbare Land nicht in jedem Jahr bereit gewesen, f\u00fcr alle genug Korn und Obst zu produzieren. Kiras Eltern waren stets reich genug gewesen, schlimmere Phasen von ihr selbst abzuwenden, aber sie hatte gesehen, dass es anderen nicht immer so gut erging. Die Kinder hier waren nicht v\u00f6llig am verhungern, aber sie waren arm. Kira sp\u00fcrte, wie ihr eigenes Privileg, ihr Gl\u00fcck, sie \u00fcberw\u00e4ltigte, und sie dankte allen guten Geistern, die ihr einfielen, f\u00fcr ihre Gabe und die M\u00f6glichkeiten, die ihr neuer Lehrmeister ihr bot. Einige der Werkst\u00e4tten, fiel ihr auf, waren bereits richtige Manufakturen, man konnte Ru\u00df und Dampf&nbsp;aus den Schornsteigen aufsteigen sehen, von den Dampfmaschinen. Einmal musste sie f\u00fcrchterlich husten, als eine Ru\u00dfwolke vom Wind \u00fcber die Stra\u00dfe gedr\u00fcckt wurde, und auch Abigail fluchte leise, w\u00e4hrend sie sich bem\u00fchte, den Gestank mit ihrem Hut wieder aus der Kutsche zu wedeln. Kira stellte erstaunt fest, dass sie dabei einige Worte einer Sprache benutzte, die sie nicht kannte. Das war nicht Skirdisch, und es klang auch nicht nach Angshire. Ob das Astellianisch war? Woher kannte Abigail die Sprache? Kira selbst kannte Skirdisch nat\u00fcrlich, bis vor 150 Jahren hatte Bispar noch zum n\u00f6rdlichen Reich Skirgard geh\u00f6rt, und auch wenn die Gemeinsprache Rasenna das Skirdische verdr\u00e4ngt hatte, so wurde es doch im gesamten Gebiet noch verwendet &#8211; mindestens von den ebenso verhassten wie gef\u00fcrchteten Resten der Skirbev\u00f6lkerung, die dort noch lebten. Der gr\u00f6\u00dfte Teil ihrer Familie, soweit sie ihn zumindest kannte, stammte aus Albion und war erst nach der Erorberung \u00fcber den Olfiat in die neuen Provinzen gewechselt. Zwar sah sie selber denen, die noch aus Skirzeiten die Region bewohnten, durch ihre roten Haare \u00e4hnlich, aber ansonsten hatte sie mit Skir selber nichts zu tun. Zum Gl\u00fcck, wie Kira fand, so auszusehen, war schon schlimm genug. Die Eroberung durch Albion war ihrer Meinung nach eigentlich ein ziemlicher Gl\u00fccksgriff f\u00fcr die Region &#8211; sie war einigen Skirgardern begegnet, und die waren zumeist nicht so kultiviert, sondern eher wild, laut und ungest\u00fcm. Allgemein sagte man ihnen nach, sie seien grausame R\u00e4uber. Wie Kira selbst am eigenen Leib erfahren hatte, waren die Skir so ziemlich das Lieblingsfeindbild aller Menschen im Norden. Ohne die Herrschaft Albions w\u00e4re vermutlich auch etwas wie der Fernbesuch der h\u00f6heren Schule gar nicht denkbar gewesen, nach allem, was Kira \u00fcber Skirgard wusste, war das Land nicht so gut organisiert wie Albion, das auf der jahrhunderte alten Tradition des gro\u00dfen Rasenna-Reiches aufbaute, das zuvor beinahe den gesamten Kontinent beherrscht hatte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung an ihre Geschichtspr\u00fcfungen zur Geschichte Albions. Auf die glorreichen Nordkriege und welche Vorteile sie den eroberten Provinzen gebracht hatten, hatte ihr Lehrer viel Wert gelegt, und Kira war froh gewesen, dass er dank des Fernunterrichtes sie nicht gesehen hatte, wenn er mal wieder in einer seiner Lehrtexte \u00fcber die rothaarigen Hexen und die grausamen Schl\u00e4chter mit den blutroten B\u00e4rten herzog. Die Eroberung des Westens des alten Reiches durch die angshirischen Seefahrer von jenseits des Meeres, hatten Kira viel mehr interessiert, doch dazu gab es nur wenige Quellen. Bruder Harras hatte dazu gesagt, dass es ja wohl verst\u00e4ndlich sei, denn Geschichte w\u00fcrden die Sieger schreiben, nicht die Verlierer, und deswegen g\u00e4be es zum Thema der Angshire erst seit neustem in Albion \u00fcberhaupt Geschichte zu schreiben. Der Gedanke an Bruder Harras lie\u00df Kira ein wenig seufzen, so dass Abigail sie kritisch anschaute und aufh\u00f6rte, mit dem Hut zu wedeln. &#8222;Schau, dort ist der Fluss, der Avens, der unserer ganzen Region den Namen gab. Wir fahren gleich \u00fcber die Br\u00fccke, die dem Zusammenfluss von Avens und Corvio am n\u00e4chsten ist.&#8220; Sie zeigte nach drau\u00dfen, wo sich tats\u00e4chlich nun der Blick auf eine breite Uferpromenade, auf deren Fahrspur sie links abgebogen waren, und eine fast vier Kutschen breite Br\u00fccke \u00f6ffnete, die in einem hohen Bogen \u00fcber das grau-gelbe Wasser des breiten Stromes f\u00fchrte. Es hatte aufgeh\u00f6rt zu schneien. Die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfl\u00e4che. Sie schaute nach rechts, wo von Osten das deutlich blauere Wasser des Corvios heranfloss. W\u00e4hrend sie \u00fcber die Br\u00fccke fuhren, beobachtete Kira fasziniert, dass die beiden Gew\u00e4sser sich gar nicht sofort mischten, sondern, soweit sie es sehen konnte, beinahe nebeneinander her flossen. Allzu rasch passierten sie ein gro\u00dfes Tor in einer Stadtmauer, die den Stadtbereich vor ihnen umgab. &#8222;Nun beginnt die Altstadt.&#8220;, erkl\u00e4rte Abigail. Die Kutsche fuhr auf einen gro\u00dfen Platz, der an der s\u00fcdlichen Seite von einer sternf\u00f6rmigen Mauer begrenzt war. Zu ihrer Linken, also n\u00f6rdlich, stand eine Reihe von B\u00e4umen, die nun kahl waren und durch ihre auff\u00e4llige Rinde f\u00fcr Kira leicht als Platanen zu erkennen waren, auch wenn sie solche B\u00e4ume noch nie gesehen hatte. Hinter den B\u00e4umen waren die aufwendig verzierten Fassaden von dreigeschossigen H\u00e4usern zu erkennen, die zwar an einigen Stellen noch den Schnitt antiker Geb\u00e4ude aufwiesen, aber eindeutig den modischen Trends der letzten Jahre gefolgt waren und durch aufwendige Restaurierungen mit viel Stuck und Figuren ausgebaut worden waren. Sie bildeten Bl\u00f6cke, zwischen denen sich verschiedene Stra\u00dfen und Gassen \u00f6ffneten &#8211; manche schmal, nur f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger, einige breit genug f\u00fcr eine Kutsche oder sogar zwei. Der Kutscher lenkte das Gef\u00e4hrt zu einem Kutschenparkplatz an der Mauer. W\u00e4hrenddessen \u00f6ffnete Abigail ihre B\u00f6rse, z\u00e4hlte einige Silberst\u00fccke heraus und reichte sie Kira. &#8222;Magister Mitras bat mich, Ihnen Ihr Taschengeld gleich zu geben. Aber f\u00fcr heute stecken Sie es weg, ich habe genug Geld bekommen, um alles zu bezahlen, was Mylady braucht.&#8220; Kira dankte und nahm die M\u00fcnzen. Sieben Silber war ganz sch\u00f6n viel, fand sie. Sie steckte sie in ihre B\u00f6rse und versteckte diese sorg\u00e4ltig unterm Mantel. Abigail stand auf, \u00f6ffnete die Wagent\u00fcr und reichte Kira die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen. &#8222;Der Kutscher wird hier auf uns warten. Wir werden erstmal zu Peeks gehen, die haben ganz sch\u00f6ne Kleider f\u00fcrs Haus, auch mal was gem\u00fctliches, und Mylady kann eines gleich anbehalten, sie sehen auch gut genug f\u00fcr die Stadt aus.&#8220; Kira nickte und lie\u00df sich von Abigail in eine der Gassen f\u00fchren. Schon nach einigen Metern blieben sie vor einem Haus mit gro\u00dfen Schaufenstern stehen. An zwei Schaufensterpuppen waren ein rotbraunes und ein gelbes Kleid ausgestellt, das Fenster war zudem geschmackvoll mit Laub und einigen gro\u00dfen \u00c4sten geschm\u00fcckt. &#8222;Ts!&#8220;, sagte Abigail, &#8222;Sie haben die Winterkollektion noch nicht ausgestellt, mal sehen, vielleicht bekommen wir einige Herbstmodelle g\u00fcnstiger, die stehen Ihrer Haarfarbe besser als das Winter-Blau, das jedes Jahr so \u00fcberraschend wieder ganz aktuell ist.&#8220; Sie zog die Vokale bei &#8222;\u00fcberraschend&#8220; und &#8222;ganz&#8220; \u00fcberdeutlich in die L\u00e4nge, und Kira musste trotz des konstanten Gef\u00fchles von \u00dcberforderung l\u00e4cheln. In Bispar war man froh, wenn man Sommer- und Winterkleidung hatte, spezielle Kollektionen gab es nicht, auch wenn Kira durchaus in Zeitungen davon gelesen hatte. Dass Abigail den Rummel um spezielle Kollektionen f\u00fcr etwas albern hielt, fand sie erholsam in all den Regeln, Schickschnack und Pomp, die die Hauptstadt wohl pr\u00e4gten. Sie folgte ihrer F\u00fcherin in den Laden. Beim Eintreten klingelte eine kleine Glocke, und sie h\u00f6rten eine weibliche Stimme rufen: &#8222;Ich bin gleich da!&#8220; Kira schaute sich um. Auf Kleiderstangen hingen verschiedene Kleider an den W\u00e4nden, und in der Mitte des Raumes stand eine Gruppe von lebensgro\u00dfen Puppen zusammen, die offenbar schon winterliche Mode trugen: Die Farben war dunkel und bl\u00e4ulich. Kira gefiel eines der Kleider, weil es aus zwei Stoffen bestand: Unter einem fast transparenten, hellblauen Stoff, in den kleine Sterne oder Bl\u00fcten gestickt waren, lag ein dunkler, etwas schimmernder, fester Stoff. Unter der Brust wurden beide mit einer goldenen Bord\u00fcre zusammengehalten, die sich auch an den langen \u00c4rmeln wiederfand und mit einem Muster aus Halbmonden bestickt war. Abigail folgte ihrem Blick und schnalzte leicht mit der Zunge. &#8222;Sie haben Geschmack, Mylady. Das ist wirklich ein sch\u00f6nes Kleid, wie eine klare Nacht voller Sterne.&#8220; Kira nickte. &#8222;Glauben Sie, es steht mir?&#8220; Abigail l\u00e4chelte und nickte der Frau mittleren Alters zu, die gerade die Treppe von oben herab in den Laden kam. &#8222;Das werden wir sehen. Guten Tag, Frau Peek! Wir suchen eine neue Gaderobe f\u00fcr diese Lady. K\u00f6nnen wir mit dem Kleid hier beginnen?&#8220; Frau Peek, offenbar die Ladenbesitzerin, starrte Kira kurz an, nickte dann eifrig und begann sofort, die Schn\u00fcre des Kleides zu l\u00f6sen. &#8222;Wir haben dort hinten einen Bereich zum Umziehen, da k\u00f6nnen Sie den Mantel ablegen und die Kleidung wechseln. Brauchen Sie noch eine Gehilfin zum Umziehen?&#8220; Kira sch\u00fcttelte den Kopf. Einige der Kleider im Laden waren in der Taille aufwendig geschn\u00fcrt, aber mit Abigails Hilfe w\u00fcrde sie sie sicher anziehen k\u00f6nnen. Immerhin m\u00fcsste sie diese sp\u00e4ter ja auch alleine anziehen k\u00f6nnen, dachte sie, und fragte sich, ob sich adelige M\u00e4dchen denn je sebst anziehen. Sie ging zum Umkleidebereich und zog Mantel, Schuhe und ihr schlichtes gr\u00fcnes Kleid aus. Als sie ihre Haare aus dem Ausschnitt schob, dachte sie kurz an den Blick der Verk\u00e4uferin. Sie hatte auf ihre Haare geschaut. Alle schauten immer erst auf ihre Haare. Vielleicht sollte sie sie mal wieder f\u00e4rben, \u00fcberlegte sie. Abigail brachte ihr das neue Kleid, und Kira schl\u00fcpfte hinein. Es war offenbar ein wenig zu gro\u00df und schliff unten auf dem Boden, auch an der Brust musste sie etwas festhalten, damit es nicht rutschte. Abigail trat pr\u00fcfend einige Schritte zur\u00fcck und nickte wohlwollend. &#8222;Ja, das steht Mylady. Ich muss es nur ein wenig anpassen. Schauen Sie hier!&#8220; Sie zog den Vorhang des Umkleidebereiches ein wenig zur Seite und zeigte auf einen bodentiefen Spiegel, der dort an der Wand stand. Kira machte vorsichtig einige Schritte darauf zu und bewunderte dann im Spiegel, wie die Sterne des Stoffes bei jeder Bewegung leicht \u00fcber den Stoff dahinter glitten. &#8222;Es ist wundersch\u00f6n!&#8220;, hauchte sie. &#8222;Na, dann nehmen wir es. Eine sch\u00f6ne Kette dazu und ein passender Hut, dann kann man damit sogar abends G\u00e4ste empfangen, auch wenn der Schnitt nicht ganz dem neusten Stil entspricht. Ziehen Sie es aber wieder aus, ich schaue mal nach einigen mit \u00e4hnlichem Schnitt, die etwas kleiner sind. Die neumodischen Sachen sind eher unbequem, habe ich geh\u00f6rt.&#8220; Kira tat, wie gehei\u00dfen, und Abigail brachte nach einem kurzen Austausch mit der Ladenbesitzerin weitere Kleider, die sie nach und nach anprobierte. Sie fanden ein burgunderfarbenes, dass eine \u00e4hnliche goldene Bord\u00fcre hatte und bereits die richtige L\u00e4nge und Gr\u00f6\u00dfe besa\u00df, au\u00dferdem zwei gr\u00fcnliche, die eng am Oberk\u00f6rper geschn\u00fcrt werden konnten, aber kein Korsett hatten, so dass sie die Bewegungen nicht stark einengten. Die R\u00f6cke dazu waren daf\u00fcr umso weiter, sie bauschten sich geradezu auf, besonders hinten. &#8222;Das betont die wundervolle weibliche Figur!&#8220;, warb die Verk\u00e4uferin. &#8222;Ist diesen Sommer erst in Mode gekommen, und wir haben es hier der Bequemlichkeit wegen ohne die Stahlringe umgesetzt, dann kann man auch noch einen Kunden gut bedienen.&#8220; Sie zwinkerte und drehte sich elegant, um ihren eigenen Rock zu zeigen, der \u00e4hnlich geschnitten war, allerdings aus einem etwas schlichteren Stoff bestand. Abigail r\u00fcmpfte ein wenig die Nase. &#8222;Mylady kann sicher einige bequeme Sachen gebrauchen, aber sie wird keine Kunden bedienen. Ihr solltet da besser nichts verwechseln.&#8220; Die Verk\u00e4uferin zuckte leicht zusammen und schaute kurz zu Kira, die ob der harschen Worte von Agigail rot anlief, aber in Erinnerung an die Standpauke von Mitras schwieg. &#8222;Verzeihung, Mylady. Das war nat\u00fcrlich nicht so gemeint.&#8220;, entschuldigte sich die Handwerkerin. Kira nickte ihr zu und hoffte innerlich, dabei einigerma\u00dfen vornehm auszusehen. Bei einem der beiden gr\u00fcnen Kleider war die Brust mit R\u00fcschen verziert, die andere hatte &#8211; sehr elegant, wie Abigail feststellte &#8211; eine doppelte Reihe von Kn\u00f6pfen aus dem Horn von Zirgas, die im Gebirge Sitair westlich von Uldum lebten und als besonders selten galten. Die Verk\u00e4uferin betonte au\u00dferdem, seit dem Eingriff von Abigail noch deutlich f\u00f6rmlicher, dass die Farbe des Kleides hervorragend mit Kiras Haaren harmoniere, die Farben br\u00e4chten dieses &#8222;seltene, \u00fcberaussch\u00f6ne Rot&#8220; gut zur Geltung. Kira fragte sich, ob sie das ernst meinte, oder sich \u00fcber sie lustig machte, doch nichts in ihrer Stimme lie\u00df vermuten, dass sie die Haare nicht tats\u00e4chlich sch\u00f6n f\u00e4nde, was Kira verwunderte. Frau Peek empfahl, im Nachbargesch\u00e4ft Clopenbarg vorbeizusehen, man h\u00e4tte sich den Stoff damals geteilt und es g\u00e4be deswegen dort passende F\u00e4cher und H\u00fcte. Abigail nickte dazu. &#8222;Ja, das hatten wir vor. Wir nehmen alle vier.&#8220;, entschied sie, nachdem sie scheinbar Kira mit einem Blick um ihre Meinung gefragt hatte. In Wirklichkeit hatte Kira nicht das Gef\u00fchl, hier viel zu entscheiden, und sie wusste nicht, wie sie sich zwischen Freude, Unglauben und Scham ob ihres unversch\u00e4mten Gl\u00fcckes entscheiden sollte. Die Kleider waren wundersch\u00f6n, fand sie. Die beiden gr\u00fcnen betonten sogar ihre Brust ganz hervorragend. Kira drehte sich mit dem gekn\u00f6pften Kleid &#8211; eigentlich war es ein Dreiteiler aus Rock, Bluse und Jacket &#8211; etliche Male vor dem Spiegel und bewunderte den feinen Stoff zwischen ihren H\u00e4nden und die vorteilhafte Form, in die es Taille und Brust brachte. Sie sah wirklich wie eine junge Dame darin aus. Und auf keinen Fall wie jemand aus der hinterletzten Provinz. Eine elegante Dame. Der taillenbetonten Schnitt, erkl\u00e4rte ihr Abigail sp\u00e4ter, war erst vor wenigen Jahren wieder aufgekommen, zuvor trug man auch in Uldum nur die unter Brust geschn\u00fcrten und gerade nach unten fallenden Kleider wie das Sternenkleid, die das Augenmerk mehr nach oben auf die im Sommer sogar manchmal freiliegenden Schultern lenkten und die auch in L\u00fchrenburg und Bispar zu festlichen Anl\u00e4ssen verbreitet waren. W\u00e4hrend Kira sich noch selbst bewunderte, hatte Abigail l\u00e4ngst die Modalit\u00e4ten von Zahlung und Lieferung gekl\u00e4rt und die Handwerkerin verabschiedete sich mit einer deutlich tieferen Verbeugung als bei der Begr\u00fc\u00dfung von Kira. Das gekn\u00f6pfte Kleid, so Abigails Entscheidung, behielt Kira gleich an. Tats\u00e4chlich war das eine sehr schlaue Entscheidung, denn bei Clopenbargs, die wirklich nur zwei H\u00e4user weiter ihren Verkaufsladen hatten, fanden sie wie angek\u00fcndigt dazu passende Handschuhe, zwei F\u00e4cher, einen Muff und jeweils einen Hut mit passenden B\u00e4ndern, wobei einer der H\u00fcte und der Muff innen mit zartem, weichen, wei\u00dfen Fuchsfell gef\u00fcttert war, was Kira sehr bedauern lie\u00df, dass sie das dazu passende Kleid mit den Sternen nicht jetzt gleich tragen konnte. In einem kurzen Moment, als der Verk\u00e4ufer gerade ins Hinterzimmer ging, fragte Kira Abigail zweifelnd, ob denn vier H\u00fcte nicht zu viel seien, doch Abigail wischte ihre Bedenken mit einem gefl\u00fcsterten &#8222;Kindchen, genie\u00df doch einfach! Wir waren ja noch nicht mal beim richtigen Stoffladen.&#8220; beiseite, und setzte ihr dann einen der H\u00fcte auf, der mit goldenen und gr\u00fcnen B\u00e4ndern unter dem Kinn geknotet wurde.<br>Dort gingen sie allerdings danach hin. Abigail f\u00fchrte sie durch einige Gassen zu einer uralten Mauer, die sich quer durch die Stadt zog und sogar die etwas h\u00f6heren H\u00e4user \u00fcberragte. Die H\u00e4user wichen hier zur\u00fcck und gaben den Blick frei auf einen h\u00fcbschen Platz mit einer kleinen Parkwiese zur Rechten und einem aufwendig verzierten Torbogen. &#8222;Das ist die alte Stadtmauer. Es gibt drei Tore nach Norden hin. Westlich liegt das Westtor. Dies hier ist das Nordtor, das andere hei\u00dft Bibliothekstor, weil die gro\u00dfe Bibliothek von Uldum direkt daneben liegt.&#8220;, erkl\u00e4rte Abigail. &#8222;Eine Bibliothek? Kann dort jeder hinein?&#8220; Abigail sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Nein, man muss einen Ausweis beantragen. Aber wenn du m\u00f6chtest, k\u00f6nnen wir sp\u00e4ter dorthin gehen und ich b\u00fcrge f\u00fcr dich. Ich habe ein Siegel von Magister Mitras immer bei mir, das hilft, sich \u00c4rger vom Hals zu halten und wird dir auch leicht eine Berechtigung f\u00fcr einen Ausweis gew\u00e4hren.&#8220; Sie sprach leise, so dass die famili\u00e4re Ansprache nicht auffiel. Kira bewunderte, wie schnell Abigail zwischen der resoluten, aber absolut auf st\u00e4ndische Korrektheit bedachten Bediensteten und der warmherzigen Freundin und Mutter wechseln konnte. Sie folgte ihr die Stra\u00dfe entlang. Die H\u00e4user dieses Teils der Stadt sahen anders aus, auch wenn sie immer noch zu Bl\u00f6cken zusammengeschlossen waren: Die meisten hatten nun vier Geschosse, die Fassaden waren weniger aufwendig verziert und an einigen Stellen sah man den Geb\u00e4uden ihr Alter deutlicher an. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete sich die Stra\u00dfe und sie betraten einen gro\u00dfen, rechteckigen Platz, auf dem nun zur Mittagszeit ein reges Treiben herrschte. An einigen St\u00e4nden in der Mitte des Platzes konnte man kleine Leckereien und Getr\u00e4nke kaufen, und die H\u00e4ndler hatten Tische und St\u00fchle zu kleinen Sitzgruppen unter gro\u00dfen Schirmen arrangiert. Kutschen standen an verschiedenen St\u00e4nden bereit. Kira sp\u00fcrte, dass sie eigentlich schon wieder Hunger hatte, doch Abigail zog sie in einen Kontor an der Kante des Platzes. Anders als in den L\u00e4den, in denen sie zuvor waren, handelte es sich hier mehr um eine gro\u00dfe Lagerhalle, in der Ballen um Ballen Stoffe, Teppiche und Felle aufget\u00fcrmt lagen. Als der dicke Mann, der gerade an einem Tresen im Hintergrund etwas schrieb, die beiden bemerkte, ging ein Strahlen \u00fcber sein Gesicht. Er wieselte eifrig auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, und rief: &#8222;Abigail! Mein M\u00e4dchen! Endlich kommst du mal wieder!&#8220; Abigail lachte ihn freundlich an, wehrte aber die angedeutete Umarmung ebenso elegant wie bestimmt ab. &#8222;Matthes, nat\u00fcrlich komme ich wieder, was hast du erwartet?&#8220; Sie trat einen Schritt zur Seite, so dass er Kira sehen konnte. &#8222;Darf ich dir meine neue Lady, Kira Silva, Discipula von Magister Mitras, vorstellen?&#8220; &#8222;Madame, eine Ehre, eine Ehre!&#8220; Der Mann verbeugte sich tiefer und mit mehr Gelenkigkeit, als Kira ihm bei seiner Leibesf\u00fclle zugetraut h\u00e4tte, blinzelte ihr dabei aber auch zutraulich zu. Kira musste unweigerlich lachen, so witzig sah er dabei aus, und so lie\u00df sie es auch zu, dass er ihre Hand ergriff und einen angedeuteten Kuss darauf hauchte. &#8222;Wie kann ich euch dienen, Mylady?&#8220;, sagte er, eindeutig zu h\u00f6flich und ihren Stand durch das Pronomen erh\u00f6hend. &#8222;Ich werde endlich mal wieder n\u00e4hen k\u00f6nnen. Wir brauchen also Stoffe &#8211; f\u00fcr zwei Abendkleider, einen Mantel, eine Jacke und, naja, vielleicht noch ein oder zwei Alltagskleider. Und nat\u00fcrlich Stoffe f\u00fcr zwei Magierroben, und Silberfaden, wenn du hast.&#8220;, sagte Abigail an Kiras Stelle. Kira blickte sie erstaunt an. Bei allen Geistern. Sie rechnete kurz nach. Acht neue Kleider? Plus Mantel und Jacke? Plus Magierroben? Und dann auch noch Accessoires? Das war fast genauso viel, wie die Tochter des B\u00fcrgermeisters von Lohwingen, die wirklich viel f\u00fcr Kleider ausgab, als Mitgift in die Ehe mitgebracht hatte! Kira sp\u00fcrte, dass ihre Wangen schon wieder rot wurden. Sie hatte in den letzten zwei Jahren insgesamt zwei neue Kleider bekommen, und dass auch nur, weil Adrian ihrer Mutter eine Weile in den Ohren gelegen hatte, dass seine Lieblingsschwester unm\u00f6glich in immer ein und denselbem Kleid zu den Pr\u00fcfungen in L\u00fchrenburg reisen konnte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung. Adrian kannte ihre Mutter nur zu gut, was die anderen dachten, war ihr wichtig. Er hatte gewusst, dass sie dieses eine Winterkleid gerne gehabt h\u00e4tte, also hatte er ihre Mutter zum richtigen Zeitpunkt mit dem Hinweis auf L\u00fchrenburg gn\u00e4dig gestimmt, damit Kira sich genau dieses Kleid aussuchen konnte, obwohl es 25 Silber gekostet hatte. Ein warmes Gef\u00fchl von Liebe f\u00fcr ihren \u00e4lteren Bruder durchflutete Kira. Sobald es ihr m\u00f6glich war, w\u00fcrde sie ihm einen Brief schreiben, beschloss sie, und am besten auch etwas aus der Hauptstadt beilegen, vielleicht eine von den edlen Fliegen, die sie eben bei Clopenbargs gesehen hatte. Sie hatte allerdings auch das Preisschild gesehen, also w\u00fcrde der Brief wohl noch eine Weile warten m\u00fcssen, denn 10 Silber waren mehr, als sie in einem Monat als Lehrgeld bekam. Vermutlich war es mehr, als ihr Bruder in einer Woche verdiente. Und sie hatte gedacht, die sieben Silber seien viel! Aber n\u00e4chsten Monat w\u00fcrde sie genug haben, denn eigentlich musste sie sich ja nichts kaufen, sie bekam ja alles, und bis dahin w\u00fcrde sie auch einiges berichten k\u00f6nnen. Und wissen, ob es wirklich nicht alles nur ein Traum war. Abigail war, w\u00e4hrend Kira in Erinnerungen versunken war, schon mit Matthes&nbsp;weiter im Kontor verschwunden und diskutierte nun mit ihm \u00fcber einer Zeitschrift, in der er ihr wohl einige Modelle von Kleidern zeigte, wie viel von einem violetten, samtigen Stoff, vor dem sie gerade standen, man wohl f\u00fcr die \u00c4rmel brauchen konnte. Kira schlenderte zu ihnen her\u00fcber und schaute neugierig auf das Heft. &#8222;Ah, Mylady, setzt euch doch dort dr\u00fcben hin und schaut in die Magazine. Wenn euch etwas gef\u00e4llt, wird unsere beste Abby es Ihnen bestimmt anfertigen k\u00f6nnen. Vielleicht findet ihr ja sogar etwas, dass zu eurer pr\u00e4chtigen Haarfarbe passt.&#8220; Mit diesem Worten deutete der H\u00e4ndler auf eine kleine Sitzecke im hinteren Teil des Raumes. &#8222;Wirklich, Abby, wenn du noch schneidern w\u00fcrdest, m\u00fcsstest du sie als Model nehmen. So eine seltene Farbe!&#8220; Kira wurde etwas rot ob des nun zweiten Lobes f\u00fcr ihre von ihr so ungeliebte Haarfarbe und schaute zu Abigail, die Matthes spielerisch in die Seite knuffte, als er Kira als Model anpries, nun aber sie anschaute und&nbsp; zustimmend nickte. Also ging Kira zur Sitzecke. Hinter ihr pfiff Matthes laut, woraufhin ein etwa 11j\u00e4hriger Junge in der hinteren T\u00fcr auftauchte. &#8222;Mat, bring der Dame etwas Tee und Geb\u00e4ck.&#8220; Der Junge nickte, wendete sich um und kehrte nach eine Weile mit einem Tablett, auf dem eine dampfende Tasse und verschiedene Kekse lagen, zur Sitzecke zur\u00fcck. Er reichte es ihr mit einer gelenkigen und merkbar ge\u00fcbten Verbeugung, ehe er sich wieder zur\u00fcckzog. Dankbar nippte Kira am Tee und bl\u00e4tterte in den Magazinen, die auf dem Tischen lagen. Es handelte sich offenbar um Modezeitschriften, in denen verschiedene Modelle von Kleidern beworben wurde. Eines hatte sogar Fotos von echten Modellen statt Zeichnungen. Kira betrachtete die Fotos interessiert. Sie hatte geh\u00f6rt, dass man f\u00fcr diese Bildaufnahme lange still sitzen oder stehen musste. Tats\u00e4chlich wirkten die Frauen auch etwas steif auf den Bildern, aber das konnte auch an den aufwendigen, mehrlagigen Ballkleidern mit ausladenen R\u00f6cken liegen, die sie trugen. Bei einigen waren auch die Kr\u00e4gen so steif aufgerichtet, bis hin zu gro\u00dfen B\u00f6gen im Nacken, dass Kira \u00fcberlegte, ob sie nicht vielleicht immer so steif stehen bleiben mussten, wie die Bilder es zeigten. Sie sahen auch steif auf den gezeichneten Bildern aus. Ob die Bilder magisch gezeichnet waren? Kira hatte geh\u00f6rt, dass es Magier gab, die Farben auf einem Blatt magisch ver\u00e4ndern konnten, so dass sich genau das Bild ergab, dass sie im Kopf hatten. Die Fotografie war wohl ein Versuch, diese teure magische Malerei nachzuahmen. Es gab auch wirklich sch\u00f6ne Kleider. Eine ganze Weile bewunderte sie ein Modell auf einer der Farbzeichnungen mit schwarzem und rotem Stoff, bei dem die Raffungen durch kunstvolle Rosen aus Stoff gehalten wurden. Das Oberteil lag wie das, das sie gerade trug, eng an, lie\u00df aber Schultern und Dekollet\u00e9 frei. Die Frau auf der Zeichnung hatte auf jeden Fall dadurch eine sehr schmale, deutlich betonte Taille, was Kira gefiel. Es sah edel aus, fand sie. Sie trug auch eine passende Kette und Ohrringe, die wie winzige Rosen aussahen, und das Rosenmotiv fand sich auch auf dem Stoff der \u00c4rmel und, wenn sie das Bild richtig deutete, auf einigen Bahnen des Oberteils wieder. Abigail, die ihre Diskussionen \u00fcber das erste Kleid wohl abgeschlossen hatte, schaute \u00fcber Kiras Schulter und r\u00e4usperte sich. &#8222;Gef\u00e4llt Ihnen das, Mylady?&#8220; &#8222;Ja, ich mag Blumen.&#8220;, antwortete Kira. &#8222;Und diese schmale Taille ist vermutlich ziemlich unbequem, aber sieht wirklich gut aus, oder?&#8220; Abigail dachte einen Moment nach. &#8222;Ja, das k\u00f6nnte man mit einem Korsett machen. Ihr K\u00f6rperbau passt auch dazu, Sie haben genug H\u00fcften und schon von Natur aus eine schmale Taille und sch\u00f6ne Br\u00fcste, da wird man sogar ohne viel Hinterstopfen eine gute Silouette formen k\u00f6nnen.&#8220; Sie rieb sich begeistert die H\u00e4nde. &#8222;Da hinten gab es einen Stoff, der dazu passen k\u00f6nnte. Wartet hier, ihr werdet das Ergebnis m\u00f6gen.&#8220; Kira nickte. Sie w\u00fcrde alles m\u00f6gen. Sie liebte es jetzt schon. Und sie w\u00fcrde es mit Stolz tragen, wie eine richtige Prinzessin. Oder eine richtige Magierin, scho\u00df es ihr durch den Kopf. Sie w\u00fcrde auf B\u00e4lle gehen k\u00f6nnen, mit so einem Kleid. Oha. Sie w\u00fcrde die ganzen Regeln f\u00fcr so etwas lernen m\u00fcssen, wurde ihr bewusst. Wenn schon Einkaufen sie \u00fcberforderte, dann w\u00fcrde es ein Besuch in den h\u00f6heren Kreisen der Gesellschaft erst recht. Sie a\u00df die Kekse auf und beobachtete, wie Abigail und Matthes nach und nach durch den Raum wanderten und Matthes dabei Abigails Bestellungen aufnahm. Eigentlich war es ziemlich gem\u00fctlich hier, und das Murmeln von Matthes, Abigail und einigen anderen Kunden und einer weiteren&nbsp; H\u00e4ndlerin, die diese bediente, war eine angenehme Kulisse. Kira sp\u00fcrte, wie die&nbsp;Anspannung des Morgens von ihr abfiel, und sie fast ein wenig d\u00f6sig wurde, w\u00e4hrend die Zeit verstrich. Diese Bibliothek, die Abigail erw\u00e4hnt hatte, interessierte sie. Vermutlich w\u00fcrde es dort ein Buch \u00fcber die Regeln in Adelsh\u00e4usern und zum Umgang mit Magiern geben. Nochmal eine Standpauke von Mitras wollte sie auf keinen Fall riskieren. Schon gar nicht, nachdem er ihr gerade so gro\u00dfz\u00fcgig neue Kleider und anderes bezahlte. Sie legte den Kopf nach hinten in den Sessel und schloss die Augen, ohne jedoch ganz einzuschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etliche Zeit sp\u00e4ter kehrte Abigail munter schwatzend mit Matthes zu ihr zur\u00fcck. Sie unterhielten sich \u00fcber die Pr\u00fcfungen zur Akademie der Elementarmagier, die wohl vor kurzem gewesen war und \u00fcber die es einen langen Bericht in der Zeitung gegeben hatte, wie Kira aus dem Gespr\u00e4ch vermutete. Anscheinend war ein junges M\u00e4dchen dadurch aufgefallen, dass ihr Gesicht trotz offenbar versuchten Heilzaubern von h\u00e4sslichen Brandnarben gezeichnet war, sie aber dann einen besonders guten Eiszauber gezeigt hatte. &#8222;Na, verbrennen tun die sich doch alle mal!&#8220;, sagte Matthes leicht abf\u00e4llig. &#8222;Die Magier, die sind ein besonderes Volk. Die sch\u00fctzen uns, ja, und ist ja auch praktisch, aber in der N\u00e4he sein will man bei so einem Elementarzauber ja nun nicht.&#8220; Er senkte die Stimme und blickte kurz zu Kira hin, als wolle er nicht, dass sie ihn verst\u00e4nde: &#8222;Und bei anderen auch nicht unbedingt. Wie h\u00e4lst du das nur immer aus, Abby?&#8220; Kira schaute besch\u00e4mt zu Boden. Gespr\u00e4che auch aus einiger Entfernung verstehen zu k\u00f6nnen, war eine durchaus praktische Sache, aber manchmal w\u00fcnschte sie sich wirklich, sie w\u00fcrde nicht jedes Mal hinschauen. Magier waren notwendig. Und b\u00f6se. Die Unsicherheit und Angst, mit der der H\u00e4ndler sie kurz gemustert hatte, kannte Kira. So schauten die Dorfbewohner von Bispar auch den Magier an, der in L\u00fchrenburg den Bezirksrat beriet. Und noch viel mehr hatten sie sie so angeschaut, als sie nach dem Unfall mit dem Magier das Dorf verlassen hatte. Abigail zischte etwas, was Kira nicht verstand, da sie nicht hinschaute, und trat dann auf sie zu. &#8222;Mylady, wir sind hier fertig. W\u00fcnscht ihr noch etwas von der Stadt zu sehen?&#8220;, fragte sie freundlich und beugte sich dabei zu ihr. Kira nahm sich innerlich zusammen. Mit der Furcht w\u00fcrde sie sich wohl anfreunden m\u00fcssen. Es gab auch Menschen wie Abigail, William oder Tobey, rief sie sich in Erinnerung. Sie blickte zu Abigail hinauf: &#8222;Die Bibliothek?&#8220; &#8222;Achja!&#8220; Abigail schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. &#8222;Ja, nat\u00fcrlich. Da f\u00fchre ich d&#8230; Sie gleich hin. Kommen Sie!&#8220; Sie hielt ihr die Hand hin, und Kira ergriff sie, um aufzustehen, und hakte sich dann beim angebotenen Arm unter, was aufgrund der Tatsache, dass die Haush\u00e4lterin etwas kleiner und deutlich rundlicher als Kira war, ein wenig seltsam aussehen mochte. Kira jedoch sp\u00fcrte, dass die weiche W\u00e4rme, die Abigail ausstrahlte, und die warme Hand, die sie ihr auch auf den Arm legte, ihr Unwohlsein vertrieben. Sie \u00fcberlegte, was sie wohl einer Haush\u00e4lterin schenken oder geben d\u00fcrfte, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drau\u00dfen auf dem Platz schien die Sonne schon zwischen den H\u00e4userd\u00e4chern hervor und tauchte die verschneiten D\u00e4cher in glitzeriges, goldenes Licht. Die Gaslaternen waren noch aus, aber das tiefe Sonnenlicht brach sich in den Kristallgl\u00e4sern und brachte auch sie zum Funkeln. Kira staunte, dass die Stadt, die ihr zuvor so eng und dreckig vorgekommen war, so h\u00fcbsch aussehen konnte. Abigail f\u00fchrte sie \u00fcber den Platz. &#8222;Das ist sie schon, die ber\u00fchmte Bibliothek!&#8220; Sie deutete auf ein Geb\u00e4ude, dass eindeutig aus der Rasenna-Zeit stammte, mit wuchtigen Marmors\u00e4ulen vor einer fensterlosen Wand, die die umliegenden Geb\u00e4ude um mindestens ein Stockwerk \u00fcberragte. &#8222;Der Eingang f\u00fchrt auf die Hauptstra\u00dfe, der Platz hier ist wohl erst sp\u00e4ter endstanden.&#8220; Sie gingen um die Ecke des Geb\u00e4udes in eine&nbsp;breitere Stra\u00dfe, die vom Platz wegf\u00fchrte. Der Eingang der Bibliothek war ebenfalls von S\u00e4ulen eingefasst, mit einer auff\u00e4lligen Treppe. An den W\u00e4nden sah Kira Reliefs, die offenbar Eroberungen und Kriegsz\u00fcge des Reiches darstellten. Angesichts der Detailtiefe waren sie vermutlich magisch graviert worden. Abigail f\u00fchrte sie durch&nbsp;das breite Eingangstor und wandte sich dann gleich nach rechts, wo eine Angestellte an einem kleinen Tresen sa\u00df. Kira brauchte einen Moment, ihre Augen an das Dunkel zu gew\u00f6hnen, doch dann sah sie, dass der kleine Eingangsbereich sich durch einen Gang nach hinten hin zu einem scheinbar riesigen B\u00fcchersaal \u00f6ffnete. Abigail trat an den Tresen heran und gr\u00fc\u00dfte die Frau mit einem h\u00f6flichen Knicks. &#8222;Wir w\u00fcrden gern ein neues Bibliothekskonto f\u00fcr meine Herrin er\u00f6ffnen lassen.&#8220; Die Bibliothekarin musterte Kira und gr\u00fc\u00dfte sie dann mit einem knappen Nicken. &#8222;Das ist m\u00f6glich. Name?&#8220; &#8222;Kira Silva.&#8220;, sagte Kira. Die Frau schrieb den Namen in ein Buch. &#8222;Wer b\u00fcrgt f\u00fcr Sie?&#8220; &#8222;Magister Mitras di Venaris.&#8220;, sagte Abigail und holte dabei aus ihrem Geldbeutel ein kleines Siegel, dass sie vor die Bibliothekarin legte. Die Frau zog kurz die Augenbrauen hoch und schaute nocheinmal genau auf Kira, ehe sie Mitras Namen in eine zweite Spalte eintrug. Sie nahm ein Pl\u00e4ttchen aus Holz und schrieb dort ebenfalls Kiras Namen auf. Dann winkte sie Kira mit einer Handbewegung zu sich. &#8222;W\u00fcrden Sie hier bitte unterschreiben?&#8220; Kira nahm die Feder und unterschrieb auf dem K\u00e4rtchen im vorgesehenen Feld. &#8222;Die Bibliothek ist jeden Tag von 8 bis 22 Uhr ge\u00f6ffnet. Sie k\u00f6nnen jederzeit zum Lesen kommen. M\u00f6chten Sie ein Buch ausleihen, bringen Sie es hier nach vorne, dann wird es auf Ihren Namen eingetragen. B\u00fccher mit einem roten Stern am Einband d\u00fcrfen nicht ausgeliehen werden. Nach vier Wochen m\u00fcssen Sie jedes Buch zur\u00fcck bringen, ansonsten wird Ihnen ein Silber pro Buch und Woche als Strafe berechnet, bis Sie den Kaufpreis des Buches abbezahlt haben.&#8220;, rasselte die Frau die Regeln herunter. Kira nickte. &#8222;Sie finden dort vorne eine \u00dcbersicht, welche B\u00fccher wo stehen. Bitte stellen Sie ein Buch immer an den vorgesehenen Platz zur\u00fcck. Sie d\u00fcrfen in der Bibliothek nicht zaubern, nicht rauchen, nicht essen, nicht trinken. Wenn Sie ein Buch wieder abgeben wollen, geben Sie&nbsp;es uns hier am Tresen ab, wir r\u00e4umen es dann nach einer Zustandspr\u00fcfung weg. Sollten Sie ein Buch besch\u00e4digen, m\u00fcssen Sie daf\u00fcr vollst\u00e4ndig aufkommen. Wenn Sie ein bestimmtes Buch suchen, fragen Sie die Fachkr\u00e4fte, die sich \u00fcberall in der Bibliothek aufhalten. Sie erkennen sie an unserer Uniform.&#8220; Kira nickte und linste ungeduldig in Richtung der \u00dcbersichtstafel. Die Frau blickte sie \u00fcber die R\u00e4nder ihrer Brille streng an, doch dann stahl sich ein kleines L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht. &#8222;Viel Spa\u00df!&#8220;, endete sie ihre Rede. &#8222;Danke sehr!&#8220; Kira strahlte sie an, nahm das ihr hingereichte Pl\u00e4ttchen und ging so rasch, dass es gerade eben noch elegant aussah, zu der Tafel. Abigail winkte ihr zu und rief: &#8222;Mylady, wenn Sie erlauben, gehe ich kurz noch auf den Marktplatz. Ich hole Sie gleich wieder hier ab.&#8220; Kira winkte ihr zustimmend zu, schon halb zur Tafel gewandt. Magie f\u00fcr Magische und Nichtmagische &#8211; hinten links. Sachb\u00fccher Wissenschaft &#8211; davor. Sachb\u00fccher Kultur &#8211; in der Mitte. Der rechte Bereich war in verschiedene literarische Genres aufgeteilt, doch das interessierte Kira gerade nicht so sehr. Sie trat durch den kurzen Gang in die Halle hinein und sah, dass es links und rechts auch noch Treppenaufg\u00e4nge gab, die allerdings abgesperrt waren. Vermutlich gab es oben Leses\u00e4le und weitere, spezielle Abteilungen, in die man nur mit Einladung gehen konnte. An den Regalen vor ihr waren Schilder anbegracht, die verrieten, dass die Sachb\u00fccher zum Thema Kultur in verschiedene Themengebiete aufgeteilt waren, wie Theater, Musik, Literaturtheorie, Philospophie, Lebenskunst, Ehe und Haushalt, und &#8211; das war wohl der Bereich, den sie gerade suchte &#8211; Etikette. Sie schmunzelte ein wenig \u00fcber ihre eigene Naivit\u00e4t, gedacht zu haben, es g\u00e4be EIN Buch zu diesem Thema. Tats\u00e4chlich gab es wohl einen ganzen Bereich! Sie betrachtete das entsprechende Regal ein wenig hilflos. Welches der B\u00fccher eigenete sich wohl als Einstieg? &#8222;Kann ich Ihnen behilflich sein?&#8220;, fragte eine sanfte, m\u00e4nnliche Stimme pl\u00f6tzlich leise neben ihr. Kira schrak zusammen. Neben ihr stand ein junger Mann, vermutlich nur wenig \u00e4lter als sie. Er trug die blau-wei\u00dfe Uniform der Bibliothek, hatte braune Augen, seine schulterlangen, blonden Haare waren zu einem Zopf zusammengefasst und er trug einen kurzen, sorgf\u00e4ltig gepflegten Bart, der sein h\u00fcbsches Gesicht angenehm umrahmte. &#8222;\u00c4h, ja. Tats\u00e4chlich&#8230; also&#8230; ich suche ein Einstiegswerk \u00fcber die Regeln der Etikette im Adelsstand und &#8230; \u00e4h&#8230; bei Magiern. Also, was man so beachten und wissen muss&#8230;&#8220; Der junge Mann schaute sie neugierig, aber eindeutig freundlich an. &#8222;Sie sehen zwar nicht so jung aus,&nbsp; sind aber eine neue Discipula und bisher nicht adelig?&#8220; Kira nickte und sp\u00fcrte, dass sie schon wieder rot wurde. Innerlich verfluchte sie, dass ihre Gesichtsfarbe ihren Gem\u00fctszustand immer so einfach verriet. &#8222;Ja, ich bin vielleicht schon etwas alt, aber&#8230;&#8220; &#8222;Ah, keine Sorge,&#8220;, unterbrach er sie, &#8222;da gibt es ein ganz hervorragendes Buch seit einigen Jahren, der Autor ist Niggel. Antonius Niggel. Warten Sie&#8230;&#8220; Er trat ein wenig auf sie zu, und sie wich zur\u00fcck, so dass er das Regal absuchen konnte und nach kurzem Suchen ein Buch in einem gr\u00fcnen Einband aus einer Reihe gleich aussehender B\u00fccher zog. &#8222;Wir haben davon mehrere Exemplare angeschafft, Sie k\u00f6nnen es vorne gleich als Langzeitausleihe eintragen lassen und es dann bis zu ihrer Eingangspr\u00fcfung behalten.&#8220; Kira l\u00e4chelte ihn ein wenig scheu an. &#8222;Ist das so gefragt?&#8220; &#8222;Nein, naja, also, es gibt jedes Jahr vielleicht eine Handvoll Sch\u00fclerinnen oder Sch\u00fcler wie Sie. Machen Sie sich keine Sorgen, die Regeln wirken komplex, aber wenn man erstmal drin ist, schwimmt es sich auch in adligen Gew\u00e4ssern wie in normalem Wasser.&#8220; Er zwinkerte ihr zu. &#8222;Ich bin in einer Familie mit lauter Magiern aufgewachsen, und glauben Sie mir, die kochen auch nur mit Wasser.&#8220; Kira kicherte. &#8222;Ich bin Kira Silva.&#8220;, stellte sie sich vor. &#8222;Danke f\u00fcr die netten Worte, ich f\u00fchle mich schon gleich etwas besser.&#8220; Der junge Mann l\u00e4chelte sie breit an. &#8222;Sebastian di Ferrus, sehr angenehm. Ich freue mich, einer so sch\u00f6nen Dame behilflich sein zu d\u00fcrfen.&#8220; Kira sp\u00fcrte, wie sich die R\u00f6te wieder in ihrem Gesicht ausbreitete. &#8222;Danke.&#8220; Sie schaute verlegen den Gang hinab. &#8222;Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas suchen. Ich bin immer uldums- bis schengtags ab Mittags hier.&#8220; Mit einer kleinen Verbeugung verabschiedete er sich und verschwand zwischen den Regalen. Kira sah ihm einen Moment lang nach. Seine fr\u00f6hliche, offene Art erinnerte sie an Adrian, und sie \u00fcberlegte sich, ob sie nicht vielleicht wirklich an einem der drei genannten Tage ihre Studien an einen der Tische, die an der hinteren Seite des Saales standen, verlegen sollte, um ab und zu ein Wort mit ihm wechseln zu k\u00f6nnen. Ob er magisch begabt war? Aber dann w\u00fcrde er nicht als Bibliothekar arbeiten, oder? Nachdenklich betrachtete Kira das Buch in ihren H\u00e4nden und ging dann nach vorne, um es sich eintragen zu lassen. Die Bibliothekarin, die ihr den Ausweis gegeben hatte, trug es in ein gro\u00dfes Buch ein und erkl\u00e4rte ihr, dass diese Art von B\u00fcchern tats\u00e4chlich als Langzeitausleihe m\u00f6glich seien. Sie m\u00fcsse nur ein Datum nennen, zu der sie es zur\u00fcckbringen w\u00fcrde. Kira \u00fcberlegte. Einmal im Jahr wurden die Akademieanw\u00e4rter gepr\u00fcft. Wann w\u00fcrde wohl ihre Pr\u00fcfung sein? &#8222;Wissen Sie, wann die Pr\u00fcfung der Akademie f\u00fcr Verwandlungsmagie n\u00e4chstes Jahr sein wird?&#8220; Die Bibliothekarin \u00fcberlegte. &#8222;Hmm, dieses Jahr war es am 5. Laetar, n\u00e4chstes Jahr wird es auch irgendwann dann sein, aber genau wei\u00df ich es nicht.&#8220; Kira nickte. &#8222;Dann bringe ich es zum 30. Samhain zur\u00fcck.&#8220; Die Frau schrieb das Datum in ihr Buch und auf einen kleinen Zettel, den sie in das Buch legte, ehe sie es Kira zur\u00fcckgab. &#8222;Ja, das passt. Viel Erfolg beim Lernen!&#8220; &#8222;Danke!&#8220; Kira wandte sich um und sah Abigail, die gerade durch die T\u00fcr wieder herein trat. Gemeinsam gingen sie durch das zweite Tor in die Altstadt und dann zur Kutsche zur\u00fcck, w\u00e4hrend um sie herum langsam die D\u00e4mmerung einsetzte und die Gaslaternen anfingen&nbsp;zu leuchten. Kira merkte, dass sie m\u00fcde war, obwohl sie ja eigentlich die meiste Zeit kaum etwas getan hatte, au\u00dfer sich An- und Auszuziehen und Herumzusitzen. Bei der Kutsche angekommen, mussten sie zun\u00e4chst einige Pakete und T\u00fcten anrangieren, die von Peeks und Clopenbargs wohl dorthin geliefert worden waren. Kira linste in eine der T\u00fcten und freute sich, als sie den Sternenstoff des Winterkleides entdeckte. Sie setze sich vorsichtig hin und lehnte den Kopf ersch\u00f6pft an die Wand. &#8222;Vorsichtig, Mylady, der Hut!&#8220;, mahnte Abigail, die ebenfalls gerade einstieg. &#8222;Oh, achja.&#8220; Kira \u00f6ffnete die Hutb\u00e4nder. &#8222;Kann ich ihn hier drinnen absetzen?&#8220; &#8222;Hier in der Kutsche ja, es ist ja schon bald dunkel drau\u00dfen, da wird kaum jemand schauen. Aber ansonsten schickt es sich nicht, ohne Hut oder zumindest ein kleines H\u00fctchen herauszugehen, wenn man eine Dame von Stand ist. Und das sind Sie ja nun.&#8220; Kira nahm den Hut ab und schaute etwas verlegen zu Boden. &#8222;Noch nicht, eigentlich doch erst, wenn ich die Magisterpr\u00fcfung bestehe, oder?&#8220; &#8222;Naa, offiziell schon.&#8220;, beantwortete Abigail die Frage. &#8222;Aber auch sonst geh\u00f6ren Sie ja ab sofort zum Stand der Magier. Selbst wenn Sie Assistentin bleiben, nachdem Sie die Akademie beendet haben, sind Sie damit einem Adligen gleichgestellt. Also gew\u00f6hnen Sie sich daran.&#8220; Sie grinste Kira freundlich an. &#8222;Man kann ja eh nichts daran \u00e4ndern, als was man geboren wird, nicht?&#8220; Kira nickte. Ersch\u00f6pfung bereitete sich bleiern in ihr aus, und sie legte den Kopf wieder an die Wand und schlo\u00df die Augen, w\u00e4hrend die Kutsche sich ruckelnd in Bewegung setzte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kira wachte davon auf, dass es still war. Viel zu still. Sie blinzelte. Drau\u00dfen war es bereits hell. Kein Vogel sang. 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