{"id":46,"date":"2024-04-15T00:25:24","date_gmt":"2024-04-15T00:25:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=46"},"modified":"2024-04-15T00:25:24","modified_gmt":"2024-04-15T00:25:24","slug":"lichtblitze-11-12-lunet-242-mirastag-mafuristag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/04\/15\/lichtblitze-11-12-lunet-242-mirastag-mafuristag\/","title":{"rendered":"Lichtblitze &#8211; 11.+12. Lunet 242 (Mirastag\/Mafuristag)"},"content":{"rendered":"\n<p>\u200b<\/p>\n\n\n\n<p>Kira wachte am n\u00e4chsten Tag wieder gegen sieben Uhr drei\u00dfig auf. Offenbar hatte sich ihr K\u00f6rper an diese etwas sp\u00e4tere Uhrzeit nun gew\u00f6hnt. Sie zog ihr Hauskleid aus Bispar an, kuschelte sich in den Sessel und las das Kapitel zu Familienbeziehungen zu Ende, dass sie gestern nicht ganz geschafft hatte. Demnach war die Familie Venaris aber auf jeden Fall sehr ungezwungen. Niggel f\u00fchrte zwar aus, dass Liebe und W\u00e4rme die Familie pr\u00e4gen sollten, aber er legte auch dar, dass Respekt und die n\u00f6tige Distanz wichtige Tugenden seien, da man sein Vertrauen nur wenigen Personen schenken solle, und diese selten in der Familie zu finden seien. Schlie\u00dflich g\u00e4be es zahlreiche Beispiele, wo selbst die Kinder die Eltern betrogen haben oder umgekehrt. Kira stimmte ihm zu, in ihrer Familie galt das auf jeden Fall, aber die Venaris schienen all diese Regeln auf erfrischende und angenehme Art und Weise ausgesetzt zu haben. Wenn ich mal heirate, m\u00f6chte ich auch so eine Familie, dachte Kira. Dann allerdings scholt sie sich selber f\u00fcr den Gedanken. Warum sollte sie heiraten wollen? Sie war ja jetzt frei. Und wenn sie doch jemals jemanden w\u00fcrde heiraten m\u00fcssen, dann m\u00fcsste es jetzt schon jemand sein wie Magister Mitras &#8211; gutaussehend und erfolgreich und f\u00fcrsorglich und m\u00e4chtig. Sie grinste. Luftschl\u00f6sser bauen konnte sie immer schon gut. Vermutlich w\u00fcrde niemand vom Kaliber eines Magisters wie Mitras sie auch nur zur Kenntnis nehmen. Und sie wollte ja auch gar nicht, dass M\u00e4nner sie besonders zur Kenntnis nahmen. Da kam nur Mist bei raus, sagte ihr die bisherigen Erfahrungen. Beleidigungen, Angriffe und, naja, die Sache mit Johann. Sie schaute auf die Uhr. Bald viertel vor neun. Zeit, zum Fr\u00fchst\u00fcck zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitras sa\u00df bereits am Tisch. Er sah wieder m\u00fcde und abgeschlagen aus. Kira versp\u00fcrte einen Hauch von Mitleid. Dieser Generator, den er da betrieb, war ziemlich aufwendig, dass er jede zweite Nacht daf\u00fcr arbeiten musste. Warum machte er&nbsp;es \u00fcberhaupt nachts? Sie gr\u00fc\u00dfte ihn freundlich und holte sich ihr Essen. &#8222;Magister?&#8220; Mitras schaute sie an. &#8222;Abby hat mir gesagt, dass Sie sich um den Generator k\u00fcmmern. Was ist das f\u00fcr ein Generator und warum m\u00fcssen Sie die Nacht durch an ihm arbeiten?&#8220; &#8222;So, hat sie das? Na ja, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter h\u00e4tte ich Sie sowieso mit meiner Forschung vertraut gemacht. Aber jetzt gibt es nur die Kurzfassung, da ich unbedingt etwas Schlaf nachholen muss. Mein Reichtum basiert auf einem Element, genauer einer Legierung, die ich auf magischen Wege mithilfe einer verloren geglaubten alchemistischen Formel erschaffen konnte. Diese verbindet magische und ferromagnetische Eigenschaften miteinander und bietet so viele neue M\u00f6glichkeiten. Eine davon ist es einen Stromgenerator mit Magie zu betreiben. Meine Forschungen drehen sich nun darum, wie ich diesen Prozess vereinfachen kann und vor allem wie ich das ewige Laden optimieren kann. Ich zeige es Ihnen heute Abend etwas ausf\u00fchrlicher, wenn sie m\u00f6chten.&#8220; Kira nickte. &#8222;Ja, sehr gerne!&#8220; &#8222;Gut, damit wir alles schaffen sollten Sie dann schon um 17:30 Uhr kommen. Es macht nichts, wenn Sie sich daf\u00fcr im Politikteil etwas k\u00fcrzer fassen. Sie haben ja schon in Geschichte bewiesen, dass Sie eine schnelle Auffassungsgabe f\u00fcr sozialwissenschaftliche Themen haben.&#8220; Kira freute sich, allerdings fand sie seine Aussage zum &#8222;k\u00fcrzer fassen&#8220; auch reichlich unn\u00f6tig. Es war 9 Uhr, bis 17 Uhr blieb ihr genug Zeit, das erste Kapitel des heutigen Buches, &#8222;Von Krieg und Staaten&#8220; zu lesen und mit Abby Mathematik zu \u00fcben. Sie nickte und begann zu essen. Mitras beendete sein Fr\u00fchst\u00fcck, verabschiedete sich und ging nach oben. Kira folgte ihm, nachdem sie das Geschirr wegger\u00e4umt hatte, und stand dann einen Moment unschl\u00fcssig im Flur herum. So, ihr Magister schlief jetzt? Das hei\u00dft, er w\u00fcrde sicher nicht mitbekommen, was sie jetzt tat. Das mit dem Geschirr hatte er auch schon nicht bemerkt, obwohl sie damit angefangen hatte, als er noch in der T\u00fcr war. Ein kleines L\u00e4cheln stahl sich auf ihr Gesicht. Aber erst Mathematik. Nicht, dass sie&nbsp; sich davon wieder ablenken lie\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzte sich also an den Schreibtisch und rechnete motiviert die restlichen Aufgaben des Kapitels zum Dreisatz zuende. Nachdem sie nun verstanden hatte, worauf sie achten musste, waren zwar einige Aufgaben immer noch schwer zu verstehen und bei zweien hatte sie wohl auch einen Fehler gemacht &#8211; die Ergebnisse machten einfach logisch keinen Sinn &#8211; aber sie kam doch deutlich besser voran als zuvor. Nach etwa zwei Stunden waren alle Aufgaben erledigt. Sie packte die Sachen zusammen und sammelte dann ihre Unterw\u00e4sche der letzten Tage und das Kleid, dass sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, zusammen in einen Korb, den Abby ihr daf\u00fcr bereit gestellt hatte. Vorsichtig lugte sie aus der T\u00fcr, doch im Flur war alles ruhig. Sie schlich zu Mitras T\u00fcr und lauschte. Ja, er schlief auf jeden Fall, wie das leise Schnarchen anzeigte. Sie grinste. Es war nat\u00fcrlich v\u00f6llig albern, aber sie fand, dass ein paar Geheimnisse zu haben und sich nicht an alles zu halten, was ihr vorgepredigt wurde, ihr bisher im Leben weitaus mehr geholfen hatte als alle anderen Angewohnheiten. Also hatte sie nicht vor, sich das hier nehmen zu lassen, und wenn es nur um etwas kleines wie W\u00e4sche waschen als adelige Dame ging. Sie holte den W\u00e4schekorb und ihre Mathesachen und suchte Abby. Diese war unten im Salon dabei, wieder alles herzurichten und zu putzen, was gestern beim Essen verdreckt worden war. &#8222;Abby, kannst du mir zeigen, wie das mit dem W\u00e4schewaschen hier geht?&#8220; Abby schaute sie einen Moment verwundert an. &#8222;Aber&#8230;&#8220; Dann hellte sich ihr Gesicht auf. &#8222;Ach, du wolltest mir ja helfen. Hast du auch Mathe gemacht?&#8220; Kira nickte. &#8222;Du musst mir nicht helfen, Kindchen. Mitras hat schon zus\u00e4tzlich bezahlt heute morgen, er sagte, er wollte dir eh einen Mathelehrer suchen und erstmal sei es gut, wenn ich das mache.&#8220; Kira zog eine Schmolllippe. Dieser d\u00e4mliche Magister schaffte es echt, ihr selbst ein kleines bisschen Freiheit und Spa\u00df zu verderben! &#8222;Aber wenn ich es will? Wir erz\u00e4hlen einfach niemandem davon! Ich hab zuhause immer die W\u00e4sche gemacht.&#8220; Abby blickte sie einen Moment nachdenklich an, dann schmunzelte sie und zuckte mit den Schultern. &#8222;In Ordnung, ich schau mit die Aufgaben an und dann zeig dir die Waschk\u00fcche.&#8220; Rasch breitete Kira ihre Rechnungen aus, und Abby pr\u00fcfte sie. Mit ihrer Hilfe gelang es Kira, auch die letzten beiden Aufgaben zu verstehen, und sie freute sich, als Abby sie f\u00fcr ihre gute Arbeit lobte. Gemeinsam gingen sie anschlie\u00dfend in den Keller. Kira schaute auf die Wand links von der Treppe, doch selbst im Schein der elektrischen Lampe konnte sie nichts erkennen, was darauf hindeutete, dass diese Wand eine T\u00fcr war. Sie folgte Abby nach rechts in den Gang, von dem zwei T\u00fcren abgingen. Der hintere der beiden R\u00e4ume entpuppte sich als Heizungsraum, indem auch ein kleiner Herd zum Erhitzen des Wassers und etliche Bottiche standen, in denen man W\u00e4sche waschen konnte. Unter der Decke waren Schn\u00fcre angebracht, an denen bereits einige W\u00e4schest\u00fccke hingen, die Abby nun pr\u00fcfend bef\u00fchlte. &#8222;Du kannst die hier abnehmen und in den Korb da legen, ich hole sie mir sp\u00e4ter.&#8220; Kira nickte. Abby ging wieder nach oben, und die n\u00e4chsten beiden Stunden war Kira damit besch\u00e4ftigt, ihre W\u00e4sche zu waschen, auszuwringen und zum Trocken aufzuh\u00e4ngen. Sie lauschte dabei immer wieder, ob ja niemand die Kellertreppe herunter kam, aber es blieb alles still. Schlie\u00dflich hing alles gut auf der Leine, und sie ging die Treppe wieder nach oben, lugte vorsichtig durch die T\u00fcr und schl\u00fcpfte dann thriumphierend in den Flur. Nicht erwischt worden zu sein bei etwas, was man nicht tun durfte, aber niemand schadete, war einfach wundervoll. Das war definitiv das beste W\u00e4schewaschen meines Lebens, grinste in sich hinein. Fr\u00f6hlich \u00f6ffnete sie die K\u00fcchent\u00fcr, aus der bereits ein leckerer Duft drang. William war dabei, die Bratenreste des Vortages aufzuw\u00e4rmen. &#8222;Hallo, William!&#8220;, strahlte sie ihn an. &#8222;Oh, unsere junge Sch\u00fclerin! Wo kommst du denn her?&#8220; &#8222;Ich, hmm&#8230; von der Arbeit?&#8220;, gab Kira zur\u00fcck. &#8222;Arbeit? Und die macht dir so viel Spa\u00df, dass du mich mit einem so umwerfenden L\u00e4cheln begl\u00fccken kannst?&#8220; &#8222;\u00c4h&#8230;&#8220; Kira dachte kurz nach. Auch wenn sie durchaus gerne Streiche spielte und sich nicht immer an Anweisungen und Regeln hielt, log sie doch recht ungern. William schaute sie grinsend an. Er deutete auf ihre H\u00e4nde. &#8222;Hast du dich unserem werten Magister etwa widersetzt und doch deine W\u00e4sche gewaschen?&#8220; Kira sp\u00fcrte, wie sie feuerrot anlief und versteckte rasch ihre H\u00e4nde, die tats\u00e4chlich vom Wasser aufgequollen waren, hinter dem R\u00fccken. &#8222;Darf man hier nicht mal einfach so l\u00e4cheln?&#8220;, versuchte sie abzulenken. William lachte schallend. &#8222;Kira! Ernsthaft? H\u00e4ttest du nicht wenigstens einen anst\u00e4ndigen Streich spielen k\u00f6nnen, wenn du dich schon an ihm austoben willst? Warum \u00fcberhaupt?&#8220; Kira lie\u00df sich von dem Lachen anstecken und gab sich geschlagen. &#8222;Ich hab mich ge\u00e4rgert, weil er mich so wegen Mathematik angepflaumt hat. Ist halt n schwieriges Thema in meiner Familie&#8230; naja, auf jeden Fall hat Abby vorgeschlagen, ich k\u00f6nne ihr bei der W\u00e4sche helfen, wenn sie mir bei Mathe hilft, und ich fand, das sei ein guter Weg. Bitte sag Mitras nichts, ja?&#8220; Sie blickte ihn mit ihrem Bettelblick an, der bei Adrian stets half. &#8222;Ha, meine G\u00fcte, schau mich nicht so an. F\u00fcr wen h\u00e4lst du mich? Ich habe viel schlimmere Streiche von Mitras gedeckt, ich werde dich bestimmt nicht f\u00fcrs W\u00e4schewaschen verpetzen!&#8220; Kira setzte sich auf einen Stuhl, der zuvor in der Ecke gestanden hatte, und angelte sich etwas kalten Braten. &#8222;Was f\u00fcr Streiche denn?&#8220; William grinste. &#8222;Das solltest du mal seine Schwester fragen. Sobald er wusste, wie man gezielt Magie so einsetzt, dass man einen Stoff festkleben lassen kann, hat er es ein paar mal eingesetzt, um sie auf irgendwelchen St\u00fchlen kleben zu lassen. Einmal sogar in der Oper, wo sie ja noch nicht mal schimpfen konnte! Und da war er ja schon \u00e4lter und reifer und Thadeus hatte ihm schon ganz sch\u00f6n zugesetzt. Rate mal, zu was er die Erde in Christobals Garten verformt hatte!&#8220; Kira zuckte mit den Schultern. &#8222;Einer Frau?&#8220; William sch\u00fcttelte sich vor Lachen. &#8222;Einem Penis! Wir haben einen richtig sch\u00f6nen, h\u00fcfthohen Penis vor seiner Terrasse geformt, und Mitras hat ihn ungeplanter Weise magisch fest werden lassen.&#8220; Kira lachte, bis ihr die Tr\u00e4nen kamen. Sie konnte sich \u00fcberhaupt nicht vorstellen, dass der ernste, w\u00fcrdevolle Mitras mit William heimlich an einer Penisskulptur aus Erde herumklopfte, und das auch noch im Garten eines Adeligen!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest des Tages verging wie im Fluge. Sie a\u00df mit William zu Mittag, der sie dabei mit einigen weiteren Geschichten aus Mitras Jugend erheiterte, etwa, wie sie Obst aus Christobals Garten geklaut hatten und letztendlich darin endeten, sich um den Garten zu k\u00fcmmern, der ohne G\u00e4rtner eher vor sich hin verwilderte. Die Sache mit dem Penis war aber auf jeden Fall unangefochtene Spitze, fand Kira, und sie sp\u00fcrte, wie ein gro\u00dfer Teil ihrer Scheu, die sie in Mitras Gegenwart trotz allen Nettigkeiten und trotz aller W\u00e4rme versp\u00fcrt hatte, dahin schmolz. Sie waren sich gar nicht so un\u00e4hnlich, Mitras und sie, auch wenn Mitras offenbar aus einer viel netteren und viel reicheren Familie stammte. Aber zumindest der j\u00fcngere Mitras, den William da beschrieb, hatte eine \u00e4hnliche Vorliebe f\u00fcr kleine Streiche gehabt, hatte auch den Ruf gehabt, zu wild zu sein, hatte Grenzen \u00fcberschritten, ohne dabei b\u00f6se zu sein. Obwohl Thadeus von William nicht positiv beschrieben worden war, erschien es ihr, als sei der Schulleiter ein sehr weiser Mann, dass er sie genau diesem Hause zugewiesen hatte. Ein Magister, der in den Adel hingeboren worden war, h\u00e4tte sich vermutlich weniger in Kiras Lage hineinversetzen k\u00f6nnen, w\u00e4re weniger nachsichtig gewesen, und auch, wenn sie sich in einem anderen Haushalt genauso angestrengt h\u00e4tte &#8211; genauso gl\u00fccklich wie hier w\u00e4re sie vermutlich nirgendwo geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stellte den Nachmittag \u00fcber eine \u00dcbersicht \u00fcber das K\u00f6nigshaus Leonidas zusammen, dass seit 142 die K\u00f6nige von Albion stellte und etliche Reformen umgesetzt, sowie die Gebiete im Norden und Osten erorbert hatte. Insbesondere hatten die Herrscher dem Parlament direkte Verf\u00fcgungsgewalten entzogen. Nun konnte der K\u00f6nig Albion&nbsp;quasi alleine regieren &#8211; der Staat geh\u00f6rte dem K\u00f6nigshaus, und was der K\u00f6nig sagte, galt als Gesetz. Nur die Tatsache, dass einige der Distrikte, insbesondere Lingusia und Sybergia, unter der Verwaltung des Parlamentes standen, sicherte diesem ein wenig Macht \u00fcber die Lehen und die dortige Politik zu. Jeder Distrikt entstandte je nach Gr\u00f6\u00dfe eine feste Anzahl Personen, die den Distrikt im Parlament vertraten. Das Parlament verwaltete dann den Haushalt des Reiches und die ihm zugewiesenden Lehen. Es setzte sich aus je 10 Vertretern der 4 Gilden, 20 Vertretern der &#8222;gro\u00dfen Familien&#8220; und den 100 Vertretern der Distrikte zusammen. Parlamentarier zu werden, war ein hoher Rang und sicherte ein f\u00fcrstliches Gehalt, aber eigentlich, dachte Kira bei sich, ist das auch nur eine Methode, den Adel besch\u00e4ftigt zu halten und sich die Geldverwaltung vom Hals zu halten, wenn letztendlich eh der K\u00f6nig die Gesetze beschlie\u00dft, die Richter ernennt und das Milit\u00e4r befehligt. Die Methode war aber recht erfolgreich. Immerhin hatte es seit der Regenschaft der Leonidas kein weiterer Adeliger&nbsp;mehr geschafft, durch spontane Alleing\u00e4nge einen Krieg zu starten, wie es im Jahr 99 geschehen war, als eine Gruppe Adeliger die Nordkriege ausl\u00f6sten, indem sie begannen, n\u00f6rdlich des Olfiat Siedlungen anzugreifen. Die Ostkriege waren, soweit sie es aus landl\u00e4ufigen Erz\u00e4hlungen wusste, von den Angshire selbst ausgel\u00f6st worden. Das Buch wies allerdings darauf hin, dass Timothy di Leonidas, der zur Zeit der Ostkriege regierte, diese &#8222;freudig annahm&#8220;. Dazu gab es sp\u00e4ter noch ein Kapitel. Sie war gespannt und markierte sich das Kapitel mit einem Lesezeichen. Dann schaute sie auf die Uhr. Es war 17:20. Gerade noch Zeit, sich etwas frisch zu machen. P\u00fcnktlich um 17:30 klopfte sie, gut vorbereitet und noch besser gelaunt, an die Labort\u00fcr. Mitras \u00f6ffnete ihr und bat sie herein. Sie schaute ihn an. Er trug wieder die schwarze Hose, das wei\u00dfe Hemd und die schwarze Weste, wie fast immer, und wirkte deutlich erholter als am Morgen. Sie stellte sich vor, dass dieser elegante, gutaussehende Mann als junger Magier eine Penisskulptur geformt hatte und musste dann sehr darum k\u00e4mpfen, nicht laut zu lachen. M\u00fchsam unterdr\u00fcckte sie ihr Grinsen und setzte sich auf den Stuhl vor ihm, bereit f\u00fcr die Erkl\u00e4rungen und Pr\u00fcfungen des Tages.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitras ging, nachdem er ein paar Stunden Schlaf nachgeholt hatte, in sein Labor, um die Ger\u00e4te, die den W\u00e4rmezauber \u00fcberwacht hatten, zu untersuchen. Mit einigen einfachen Zaubern konnte er die Bewegung des Zaubers auf ein Blatt Papier \u00fcbertragen und stellte dabei fest, dass der Zauber deutlich schneller erloschen war, als erwartet. Es war schon relativ sp\u00e4t, so dass er keine Zeit hatte, sich das alles genau anzusehen, also begn\u00fcgte er sich damit, alles zu dokumentieren und die einzelnen Drucke in zeitlicher Abfolge zu ordnen. So konnte er noch kein Muster erkennen, aber das ergab sich ja vielleicht Morgen bei genauerer Analyse.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Gegen viertel nach f\u00fcnf hatte er soweit alles fertig und verstaute die Mappe mit den Aufzeichnungen&nbsp;erst einmal in seinem Schreibtisch und bereitete sich auf Kira vor. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sie wieder auf die Minute p\u00fcnktlich war. Er stand kurz auf und bat sie herein. Sie trat ein, begr\u00fc\u00dfte ihn und blickte ihn kurz, irgendwie vergn\u00fcgt an, bevor sie wieder etwas ernster wurde, sich setzte und ihre Unterlagen ordnete. Mitras wunderte sich&nbsp;\u00fcber diesen Anflug von Heiterkeit, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Sie sa\u00df vor ihm und unterdr\u00fcckte offenbar ein Grinsen, was in ihrem Gesicht kleine Gr\u00fcbchen in den Wangen zur Folge hatte. Warum auch immer sie so gut gelaunt war, es sah auf jeden Fall sehr niedlich aus. Mitras r\u00e4usperte sich, um sich konzentrieren zu k\u00f6nnen, und fragte: &#8222;Heute reden wir also \u00fcber Politik?&#8220; Kira nickte. &#8222;Gut, dann fassen Sie einmal zusammen, was Sie an dem Lehrbuch besonders interessiert hat.&#8220; Sie schilderte ihm, was sie \u00fcber die Organisation der Distrikte, den Aufstieg des Hauses Leonidas&nbsp;erarbeitet hatte und wie es die K\u00f6nige der Linie schafften, ihre Macht immer mehr zu festigen. Wie immer war ihr Vortrag sowohl detailreich als auch unterhaltsam, ohne dabei vom Wesentlichen zu sehr abzuschweifen. Er korrigierte ein wenig ihre Vorstellung von den Lehnspflichten eines Adeligen &#8211; zwar waren Magier immer zum Kriegsdienst verpflichtet, aber ansonsten geh\u00f6rte dieser Dienst nicht mehr standardm\u00e4\u00dfig zu den Plichten eines Lehnsherrens, man konnte sich auch mit Geld oder Waren davon befreien. Und da viele Adelige gar kein Lehen besa\u00dfen, war es noch weniger so, dass alle Adeligen im Kriegfalle zur Armee eingezogen wurden. Danach wandten sie sich der Mathematik zu. Wie von ihm vermutet hatte Abigail mit ihr das erste Kapitel durchgearbeitet und die Aufgaben bereits besprochen. Er pr\u00fcfte, ob sie das Grundprinzip besser verstanden hatte, indem er ihr einige Aufgaben vorlegte, die er sich selbst ausgedacht hatte. Sie brauchte zwar merkbar Zeit zum Rechnen, doch es gelang ihr, alle richtig zu l\u00f6sen. Er war positiv \u00fcberrascht. Sie hatte sich binnen zwei Tagen signifikant verbessert. Anscheinend hatte Abigail es geschafft ihren Widerwillen der Mathematik gegen\u00fcber zu \u00fcberwinden. Sie musste wahrscheinlich immer noch einiges aufholen, aber ihre L\u00f6sungen und ihre \u00dcberlegungen, die sie beim Rechnen verbalisierte, entsprachen nun schon eher dem Niveau, mit dem er gerechnet hatte. &#8222;Gut. Sie haben es anscheinend geschafft, ihr Verst\u00e4ndnis deutlich zu verbessern. Lernen sie weiter mit Abigail und versuchen Sie sich auch ruhig an den folgenden Kapiteln. Konzentrieren Sie sich aber zun\u00e4chst auf die anderen Lehrb\u00fccher, so wie wir es besprochen haben, und lernen sie Mathematik in kleinen H\u00e4ppchen.&#8220;, lobte er sie sichtlich zufrieden. Sie strahlte ihn an, zun\u00e4chst offenbar erfreut \u00fcber sein Lob, dann stahl sich etwas anderes, schalkhaftes in ihre Augen, w\u00e4hrend sie ihn ansah, biss sie sich ein wenig auf die Lippen, um ihre Erheiterung zu unterdr\u00fccken. Mitras fand es schade, dass sie sich anscheinend der Freude nicht ganz hingeben konnte, aber es erinnerte ihn auch an sich selber. Auch er neigte ja dazu, seine Gef\u00fchle nur selten offen zu zeigen und er hatte sich schon des \u00d6fteren selbst dabei erwischt, wie er ein L\u00e4cheln aus Freude \u00fcber ein Lob unterdr\u00fcckt hatte, um dem Gegen\u00fcber nicht zu zeigen, dass es ihm etwas bedeutete. Hoffentlich wird sie mir irgendwann mehr vertrauen als ich meinen Mentoren je vertraut habe, dachte er. Das war defintiv etwas, was er Thadeus zuschreiben konnte &#8211; vor seiner Lehre bei ihm war er nicht so misstrauisch gewesen, eher ein wilder, sorgloser Junge. Manchmal vermisste er die alten Tage, an denen er mit William durch die Viertel gezogen war. Er seufzte und l\u00e4chelte sie dann freundlich an, damit sie nicht dachte, das Seufzen gelte ihr. &#8222;Nun denn, ich hatte Ihnen einen Einblick in meine Forschungen versprochen. Kommen Sie mit.&#8220;, sagte er, stand auf und ging in den hinteren Teil des Labors. Er nahm das Tuch vom Elektrumzylinder, stellte kurz einige der empfindlicheren Ger\u00e4te zur Seite und blickte sich zu ihr um. &#8222;Sehen Sie sich diesen Zylinder an. K\u00f6nnen Sie mir sagen aus welchem Material er besteht?&#8220; Sie kam n\u00e4her und betrachtete die Probe ausf\u00fchrlich. &#8222;Nur zu fassen Sie ihn ruhig an. Es ist nichts gef\u00e4hrliches daran.&#8220; ermutigte er sie. Sie streckte die Hand aus und strich \u00fcber den unterarmlangen, handtellerbreiten Zylinder. &#8222;Ein Metall? Es ist glatt und k\u00fchl und die Farbe ist silbrig, also kann es kein Gold sein, aber f\u00fcr Silber ist es auch zu bl\u00e4ulich&#8230; und andere Metalle au\u00dfer Silber, die silbrig sind, kenne ich nicht.&#8220;&nbsp;Er l\u00e4chelte ein wenig schelmisch und mit Stolz in der Stimme antwortete er ihr: &#8222;Nun, es h\u00e4tte mich auch schwer schockiert, wenn Sie das Metall identifiziert h\u00e4tten. Was Sie da vor sich haben ist eine recht komplexe Legierung, die ich Elektrum getauft habe. Es besteht zu einem Teil aus Silber, zu einem Teil aus Cadmium und aus einem neuen Stoff, den ich Venarium genannt habe. Erg\u00e4nzt wird das Ganze dann noch durch einen Teil Titan. Diesen neuen Stoff und die Legierung habe ich vor einigen Jahren bei der Erforschung alter alchemistischer Werke entdeckt.&nbsp;Eigentlich sollte dabei unter Zuhilfenahme von Magie ein Material entstehen, das der Stein der Weisen genannt wird und als Schl\u00fcssel die Transmutation unedler Metalle hin zu Gold erm\u00f6glichen sollte. Tja, den Stein der Weisen habe ich nicht entdeckt, daf\u00fcr aber ein Material, dass selbst Stahl in allen Punkten \u00fcberlegen ist und das anders als Stahl oder einfaches Eisen einen Vorteil bietet. Es reagiert auf Magie.&#8220; Er wandte sich kurz um und ging zu einem der Schr\u00e4nke hinter dem Versuchsaufbau. Er kramte kurz darin herum und zog zwei Schwerter heraus, die er dann Kira zeigte. Das Schwert, dass er in der rechten trug war, ein normales Infanterieschwert aus Stahl, nur, dass es nicht geschliffen war und zahlreiche Scharten aufwies. Das Rechte war ein Rapier. Die Klinge und der Griff wirkten wie aus einem einzigen St\u00fcck geformt und es sah sehr scharf aus. Es gab keinerlei N\u00e4hte oder sonstige Bearbeitungsspuren. &#8222;Was Sie hier sehen, ist ein normales Langschwert aus Stahl und mein erstes Erzeugnis aus dem Elektrum. Ich brauchte damals Geld, um meine Forschungen weiter zu treiben. Also bin ich bei der Generalit\u00e4t vorstellig geworden, nachdem ich ein Patent beantragt hatte. Ich demonstrierte den Nutzen meines neuen Materials, indem ich mit diesem Rapier hier das Langschwert so zugerichtet habe. Die Klinge des Schwertes ist aus bestem mehrfach gefalteten Waffenstahl und ich habe sie mit einem Duzend Schl\u00e4gen einer deutlich d\u00fcnneren Klinge fast schon unbrauchbar gemacht. Einer Klinge, die ich mithilfe von Magie binnen eines halben Tages geformt hatte. Ich hatte gehofft, dass mir die Generalit\u00e4t gr\u00f6\u00dfere Mengen abkauft und ich so meine Forschungen weiter treiben konnte. Waffen waren jedenfalls nie meine direkte Intention. Dummerweise sah man in der Generalit\u00e4t noch viel mehr Potential zum Kriegseinsatz eines solchen Materials, als nur harte Rapiere damit zu erzeugen. Wissen Sie, ich habe Kontakte zum K\u00f6nigshaus und die musste ich damals v\u00f6llig ausreizen, sonst h\u00e4tte man mir meine Forschungen damals schon weg genommen. Nun habe ich ein Geheimpatent und einen Lieferauftrag. Das einzig Gute daran ist, dass die Generalit\u00e4t nun nochmal deutlich mehr pro Gramm zahlt als ich erwartet hatte. Und ich muss die Schwerter nicht selber formen. &#8220; Er kicherte zynisch in sich hinein. &#8222;Es gibt im Milit\u00e4rhaushalt wahrscheinlich einen eigenen Buchungspunkt mit Namen Mitras di Venaris.&#8220;&nbsp;Er r\u00e4usperte sich und blickte wieder zu ihr. &#8222;Mein eigentliches Ziel ist es einen elektrischen Generator zu entwickeln. Alle ferromagnetischen Stoffe, die wir kennen, und auch Kupfer sind antimagisch. Warum wei\u00df keiner, auch weil es auf dem ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen Kupfer und den Ferromagneten gibt. Das Elektrum ist aber auch ferromagnetisch, obwohl es magisch ist. Nicht nur das, es ist ein \u00e4u\u00dferst potentes Material, dessen magische Eigenschaften enorm sind. Sie gehen \u00fcber alles Bekannte hinaus. Wie ich k\u00fcrzlich feststellen musste sogar noch mehr, als ich mir vorstellen konnte &#8211; die Zauber scheinen durch das Material wandern zu k\u00f6nnen. Ist Ihnen das Prinzip eines elektrischen Generators \u00fcberhaupt gel\u00e4ufig?&#8220;<\/em> <em>Kira sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Es ist eigentlich recht einfach. Wird ein Eisenmagnet durch eine Kupferschlaufe gef\u00fchrt, dann erzeugt das in ihr einen Strom. Viele Windungen sorgen dabei f\u00fcr mehr Strom. Der flie\u00dft aber nur, wenn sich der Magnet bewegt. Bisher arbeiten Generatoren entweder mit Verbrennungs\u00f6fen durch Dampfantrieb oder durch Wasser- oder Windkraft. Mein Ziel ist es einen Generator zu entwickeln, der einen Elektrummagneten nutzt, der durch Magie bewegt wird. Der Zylinder hier ist so ein Elektrumkern. Er kann leicht magnetisiert werden. Das Problem ist nur, dass er, soweit ich es bisher erforscht habe, diese Gr\u00f6\u00dfe haben muss, um einigerma\u00dfen produktiv Strom zu erzeugen. Der Zauber, den ich derzeit f\u00fcr die Bewegung nutze, erfordert gro\u00dfe Mengen an Magie und wirkt dann nur zwei Tage. Ich bin also noch weit von einem praktischen Nutzen entfernt. Und frustrierender Weise sind meine j\u00fcngsten Ans\u00e4tze, die Dauer zu verl\u00e4ngern oder einen alternativen Zauber zu finden, gescheitert.&#8220; Kira schaute ihn nachdenklich an. &#8222;Gibt es in der Magie auch eine Art &#8222;Energieerhaltungssatz&#8220; wie in der Physik?&#8220; &#8222;Ja, zumindest wird das vermutet. Allerdings wissen wir nicht genau, wie magische Energie und physikalische Energie zusammenh\u00e4ngen. Manchmal meditiert man eine ganze Nacht, um einen Block zwei Tage in Bewegung zu halten, und dann kommt ein Telekinetiker und schleudert mal eben einen zwei Tonnen Block nach kurzem Kanalisieren \u00fcber eine Stadtmauer.&#8220; Kira wirkte nachdenklich. Ihre Miene war v\u00f6llig ernst geworden. &#8222;Man verbindet sich mit der Magie wie mit den Geistern, oder? Vielleicht ist es eine Frage der Tiefe dieser Verbindung&#8230;&#8220;&nbsp; Mitras zog kurz eine Augenbraue hoch. Der Gedanke war nicht abwegig, aber es \u00fcberraschte ihn, dass eine v\u00f6llig ungelernte und unerfahrene Sch\u00fclerin ihn \u00e4u\u00dferte.&#8220;Ich habe mich nie sonderlich tief mit der Verbindung der Priester mit der Geisterwelt besch\u00e4ftigt, aber die astralen Lebewesen und die Magie kommen, soweit wir das heute sagen k\u00f6nnen, aus derselben Quelle. Woher wissen Sie von den Verbindungen? Wieder ihr Priester?&#8220; Kira nickte. &#8222;Wir haben uns manchmal dar\u00fcber unterhalten. Er hat mir versucht zu erkl\u00e4ren, wie es sich anf\u00fchlt, zu den Geistern Kontakt aufzunehmen, und wenn es mir sehr schlecht ging, habe ich auch versucht, zu ihnen zu sprechen. Keine Ahnung, ob sie mich erh\u00f6rt haben, aber manchmal gab es schon seltsame Dinge, die dann passiert sind&#8230; deswegen habe ich davon getr\u00e4umt, Priesterin werden zu k\u00f6nnen, wenn ich die Matura geschafft h\u00e4tte.&#8220;&nbsp;Mitras sah sie ein bisschen mitleidig an. &#8222;Nun, aus diesem Traum w\u00e4re nichts geworden. Bei Ihrem ersten Gespr\u00e4ch im Priesterseminar oder wo auch immer Sie f\u00fcr eine Ausbildung hin gegangen w\u00e4ren, h\u00e4tte man Ihre Begabung erkannt und Sie w\u00e4ren dann auch an einer Magierschule gelandet. Auch die Zeichen und Ereignisse, die Sie beobachtet haben, gehen wohl eher auf das Konto Ihrer eigenen F\u00e4higkeiten, als auf das der Geister.&#8220; Kira schaute zu Boden. &#8222;Kann es denn nicht auch sein, dass man magisch begabt ist und dennoch mit den Geistern sprechen kann?&#8220; &#8222;Das ist schon m\u00f6glich, ich glaube, im Bereich der Hellsicht wird es auch manchmal probiert. Aber wer magisch begabt ist, muss geschult werden, sonst k\u00f6nnen diese Kr\u00e4fte dem Tr\u00e4ger und anderen schaden &#8211; und ich vermute, dass wissen Sie sehr genau.&#8220; Kira zuckte zusammen und nickte. &#8222;Machen Sie sich keine Sorgen, ich verurteile Sie nicht f\u00fcr das was da vorgefallen ist. Sie hatten in dem Moment keine Kontrolle \u00fcber Ihre Kr\u00e4fte.&#8220; Kira schaute ihn an. F\u00fcr einen Moment sah er in ihrem unglaublich traurigen Gesicht ein L\u00e4cheln aufblitzen, das dort gar nicht hinpasste. Sie setzte an, etwas zu sagen, brach dann aber ab und wurde wieder traurig. &#8222;Aber ich wollte ihm wehtun. Denken Sie nicht auch, dass mich das zu einem schlechten Menschen macht? Bruder Harras hat gesagt, der Wunsch h\u00e4tte sich in dem Zauber manifestiert. Ich wollte seinen Arm verdrehen.&#8220; Mitras dachte an Vorgestern, sowohl an die di Porrums, als auch an die Kneipe. &#8222;Dass Sie ihm weh tun wollten allein, macht Sie noch nicht zu einem b\u00f6sen Menschen. Der Grund daf\u00fcr entscheidet.&#8220; Und Mitras wusste, dass er am Hafen nur knapp am falschen Grund vorbei gekommen war. &#8222;Hmhm.&#8220; Kira schien mit den Tr\u00e4nen zu k\u00e4mpfen. Sie wischte sich \u00fcber die Augen. &#8222;Warum laden Sie den Generator eigentlich nachts?&#8220;, wechselte sie das Thema. Mitras lie\u00df die Frage nach dem Grund auf sich beruhen und beantwortete ihre Frage: &#8222;Aus zwei Gr\u00fcnden, der Generator ist noch nicht kommerziell einsatzbereit und ich m\u00f6chte meine Forschung solange m\u00f6glichst geheim halten, bis ich das \u00e4ndern kann. Der andere Grund ist wesentlich trivialer, ich muss eine gro\u00dfe Menge Magie kanalisieren, was Stunden dauert und in dieser Zeit muss ich ungest\u00f6rt bleiben. Da bietet es sich nunmal an Nachts zu arbeiten, auch wenn das f\u00fcrchterliche Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden hat.&#8220; Er l\u00e4chelte m\u00fcde und g\u00e4hnte&nbsp;beim letzten Satz theatralisch. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon fast Zeit f\u00fcr das Abendessen war. &#8222;Gut, das reicht erst einmal. Wenn Sie noch Fragen zu meiner Forschung haben, nur zu, aber jetzt geht es erstmal zum Abendessen.&#8220; Kira nickte. &#8222;Ich bringe meine Sachen weg.&#8220; Mitras sah ihr nach, wie sie aus der T\u00fcr verschwand. Was war der Grund gewesen? Warum weinte sie beinahe, aber traute sich nicht, ihn zu nennen? Und was hatte sie in ihren Erinnerungen trotz allem erheitert? W\u00e4hrend Mitras noch voller Sorge \u00fcber seine Sch\u00fclerin und ihre Vergangenheit nachdachte, verstaute er die Schwerter und deckte den Zylinder wieder ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kira lief in ihr Zimmer. Der Grund. Der Grund entscheidet. Ob Magister Mitras ihr den Grund glauben w\u00fcrde? Dass sie Johann nicht angegriffen hatte, um ihm zu schaden, sondern um sich zu verteidigen? Aber wer glaubte einer jungen Magierin, die eh immer nur dadurch aufgefallen war, dass sie sich nicht an Regeln hielt? Vor allem, wenn der, der die andere Geschichte erz\u00e4hlte, ein Adeliger war und sie nur ein Dorfm\u00e4dchen? Sie verfluchte sich selbst ein wenig. Sich nicht an Regeln zu halten, hatte ihr Freiheiten erm\u00f6glicht, und kleine, gl\u00fcckliche Momente. Diese Selbstzweifel hatte sie schon in den drei Tagen \u00fcberwunden, die ihre Eltern sie in ihrem Zimmer eingesperrt hatten. Aber wenn&#8230; wenn sie doch etwas weniger Streiche gespielt h\u00e4tte. Etwas weniger oft&#8230; anders&#8230; gewesen w\u00e4re. Ein bisschen weniger. Vielleicht h\u00e4tte ihre Mutter sich dann angeh\u00f6rt, was sie zu sagen hatte? Vielleicht h\u00e4tte man ihr dann geglaubt? Vielleicht glaubte Mitras ihr dann jetzt? Sie seufzte schwer. Ja, an dieser Stelle war sie schon einige Male gewesen in den drei Tagen Gefangenschaft. Aber wenn sie ehrlich war, h\u00e4tte ihre Mutter ihr vermutlich nie geglaubt &#8211; dazu hatte sie auch vor dem Vorfall schon zu sehr gewollt, Kira w\u00e4re gar nicht erst geboren worden. Und wie damals sprach auch jetzt die Erinnerung an die warme Stimme von Bruder Harras zu ihr: Sie hatte stets getan, was richtig war. Warnungen ausgesprochen. Unrecht ger\u00e4cht. Sie hatte Spa\u00df daran gehabt, andere hinter das Licht zu f\u00fchren, aber sie war nicht b\u00f6sartig. Und deswegen hatte sie sich auch nichts vorzuwerfen. Sie war, wie sie war. Und es war nicht ihre Schuld, dass die Dorfbewohner, ja selbst ihre eigenen Eltern, sie nicht als das sehen konnten, was sie war &#8211; eine kluge Frau, die ihren eigenen Weg ging. Kira seufzte erneut. Sie vermisste den Trost und die warmen Umarmungen ihres Ersatz-Opas, wie sie ihn manchmal liebevoll genannt hatte. Vielleicht sollte ich ihm auch einen Brief schreiben und ihn fragen, ob ich Mitras sagen sollte, was vorgefallen ist? Irgendwann findet er es ja vermutlich eh heraus. Hoffentlich. Ich will nicht, dass er mich f\u00fcr b\u00f6sartig h\u00e4lt. Aber ich habe ja nicht mal Harras gesagt, was wirklich passiert ist. Er hat auch gar nicht gefragt, fiel ihr auf. Hatte er von sich aus angenommen, sie habe einen guten Grund gehabt? Immerhin hatte er in den drei Tagen immer wieder nach ihr geschaut, mit ihr gesprochen, sie hatte sogar das Gef\u00fchl gehabt, noch im Traum mit ihm zu sprechen, allerdings mehr \u00fcber Pflanzen als \u00fcber die Verletzungen, die sie Johann zugef\u00fcgt hatte. Ist Verteidigung ein Grund, jemanden zu verletzen? War es \u00fcberhaupt richtig gewesen, sich zu verteidigen? H\u00e4tte sie nicht einfach nachgeben sollen? Johann hatte ja gesagt, ihr Aussehen w\u00e4re schuld gewesen, weil sie sich nicht richtig bewegt und angezogen hatte&#8230; war sie selber schuld? Gedankenverloren schaute sie auf ihre B\u00fccher und Materialien in ihrer Hand. Sie musste zum Abendessen. Sie war jetzt hier. Es machte keinen Sinn, sich jetzt \u00fcber die Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen. &#8222;Das macht nur unn\u00f6tig Sorgenfalten!&#8220;, klang die Stimme von Adrian in ihrem Kopf. Sie l\u00e4chelte ein wenig. Langsam legte sie die B\u00fccher weg, lief zum Waschbecken und wusch sich die Tr\u00e4nen vom Gesicht, ehe sie nach unten ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abendessen blieben William und Mitras im Esszimmer sitzen und spielten eine Partie Dame. Kira sah interessiert zu, und spielte dann zun\u00e4chst eine Runde gegen William und anschlie\u00dfend gegen Mitras, verlor aber beide Runden. Es war ihr egal. Sie wollte nicht allein oben im Zimmer sein und war dankbar, mit den beiden M\u00e4nnern zusammensitzen zu k\u00f6nnen. Nachdem sie drei weitere Spiele beobachtet hatte, gewann sie eines gegen Mitras, der ihr mit einem L\u00e4cheln gratulierte, das Kira das Gef\u00fchl gab, ihr Herz w\u00fcrde kurz einen Schlag aussetzen. Meistens sah ihr Mentor ernst und nachdenklich aus, oder m\u00fcde und abgek\u00e4mpft, doch wenn er l\u00e4chelte, schien sogar in seinen eisblauen Augen ein kleines bisschen Sonne zu funkeln. Kira r\u00e4umte den Spielplatz und beobachtete Mitras, wie er die n\u00e4chste Runde mit William spielte. Er hatte ein feines Gesicht mit kantigen, aber nicht zu rauen Konturen, fand sie. Um den Mund herum gab es kleine Stoppeln, die ihr bisher nicht aufgefallen waren, vermutlich rasierte er sich t\u00e4glich. Seine Haare waren braun, teilweise schwarz, etwa einen halben Finger lang und sorgf\u00e4ltig geschnitten. Eine kleine, etwas l\u00e4ngere Str\u00e4hne an der rechten Schl\u00e4fe schien sich nicht an die allgemeine Ordnung halten zu wollen und rutsche ihm immer wieder in die Stirn, von wo er sie ab und zu mit einer fl\u00fcchtigen Bewegung wieder nach oben schob. Kira \u00fcberlegte, wie alt er sein mochte. Er sah gut aus, nicht eine wei\u00dfe Str\u00e4hne war zu sehen, also konnte er nicht viel \u00e4lter als 45 sein. Er sah aber mehr wie 35 aus. Schade, dass er so selten l\u00e4chelt, dachte sie. Mit diesem L\u00e4cheln k\u00f6nnte er bestimmt einige Frauen erobern. Warum war er eigentlich nicht verheiratet? Sie legte den Kopf auf den Tisch und beobachtete ihn von schr\u00e4g unten, wie er konzentriert das Spielfeld betrachtete. Er war schlau, und ehrgeizig. Dass er den Einsatz des Elektrums als Waffe ablehnte, sprach daf\u00fcr, dass er einen guten Charakter hatte und vern\u00fcnftig war. Nur Narren w\u00fcnschen sich Krieg, hatte ihr Vater stets gesagt, und in diesem Punkt hatte er sicher Recht gehabt. Sie dachte \u00fcber die Beziehungen zum K\u00f6nighaus nach. Ob sie auch irgendwann einmal den Palast von innen w\u00fcrde sehen k\u00f6nnen? Das w\u00fcrde ihr doch nie jemand in Bispar glauben. Vetr\u00e4umt l\u00e4chelte sie vor sich hin. Die w\u00fcrden sowieso allerhand nicht glauben&#8230; Penisskulpturen. Sie grinste in sich hinein. William und Mitras spielten neben ihr, der Raum war warm, ruhig und friedlich. Langsam d\u00f6ste sie ein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Am n\u00e4chsten Tag setzte Mitras seine Forschungen fort. Kira war gestern Abend einfach am Esstisch eingeschlafen und lie\u00df sich auch nicht mehr wecken. Mitras konnte ihr das auch nicht ver\u00fcbeln. Er hatte Abigail noch einmal gerufen und sie gebeten, ihm dabei zu helfen, Kira ins Bett zu bringen. Sie hochzubringen, war kein Problem. Er hob sie einfach mit einem Zauber an und brachte sie hoch. Der delikate Teil war es, sie in ihr Nachtzeug zu stecken. Mitras wollte sie nicht einfach in ihren normalen Kleidern schlafen legen. Er hielt sie waagerecht in der Luft und drehte sich um, w\u00e4hrend Abby sie umzog, damit auf keinen Fall der falsche Eindruck entstand. Obwohl er zugeben musste, dass der Anblick ihres R\u00fcckens im Spiegel h\u00fcbsch gewesen war&#8230; Doch dass er so dachte, sollte niemand wissen. Seine Feinde w\u00fcrden Kira sicher gern als Angriffsfl\u00e4che nutzen &#8211; entweder, um seinen Ruf durch den Schmutz zu ziehen oder indem sie ihr direkt Schaden zuf\u00fcgten. Nein, er konnte es sich nicht leisten, eine Frau interessant zu finden. Als Abby fertig war, legte er Kira im Bett ab und seine Haush\u00e4lterin deckte sie zu.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nun war bereits der halbe Tag vergangen. Nachdem er beim letzten Versuch mit W\u00e4rme gearbeitet hatte, war heute Ver\u00e4nderungsmagie dran. Telekinese hatte er durch den zerst\u00f6rten Generator bereits beobachten k\u00f6nnen und er legte keinen Wert darauf, das&nbsp;zu wiederholen. Um keinen Schaden anzurichten, hatte er sich etwas einfaches ausgesucht. Ertastete man das Material magisch, konnte man kleine, einzelne Zellen im Material entdecken. Das war ihm beim Wandern der W\u00e4rme aufgefallen. Nun brachte er ganz bewusst einen Bereich am Mantel zum leuchten. Ein kleiner Lichtpunkt tauchte auf und strahlte wei\u00dfes Licht ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Den restlichen Nachmittag behielt er den Zylinder im Auge, w\u00e4hrend er Notizen anfertigte und mit seinem Bericht anfing. Nach einer Weile fing das Licht an zu wandern, oder vielmehr zu springen. Innerhalb eines Lidschlages erlosch es an der einen Stelle und tauchte an einer benachbarten auf. Nach ein paar Spr\u00fcngen wechselte es pl\u00f6tzlich die Farbe, statt wei\u00df leuchtete es nun gelb und w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Stunden sprang es weiter und wechselte immer wieder die Farbe. Zeitweise verschwand es auch ganz, aber ein Magie erkennen Zauber zeigte, dass es nur ins Innere gesprungen war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie immer erschien Kira p\u00fcnktlich und auch, wenn sie zwischendurch vom Zylinder abgelenkt wurde, war ihr Vortrag zur Physik wieder gut. Jedenfalls, was das allgemeine Verst\u00e4ndnis anging. Sie konnte noch nicht mit Variablen rechnen, aber das hatte er schon erwartet. Er konnte ihr aber ansehen, dass sie das sehr belastete. &#8222;Machen Sie sich keine Sorgen, den Umgang mit mathematischen Formeln und wie wir damit Sachen in der Physik und auch in der magischen Forschung darstellen, werden Sie schon noch lernen.&#8220;, sagte er in einem m\u00f6glichst aufmunterndem Tonfall. Ihre Rechenergebnisse bei den linearen Aufgaben waren wieder besser geworden und das Lob, dass er ihr daf\u00fcr gab, baute sie sichtlich wieder auf. Gegen Ende konnte sie dann auch ihre Neugier nicht mehr unterdr\u00fccken und fragte nach dem Lichtpunkt. &#8222;Ich habe einen Punkt auf der Oberfl\u00e4che zum Leuchten gebracht und nun wandert der Punkt durch so nicht sichtbare Strukturen im Material.&#8220;, antwortete er ihr. &#8222;Wenn Sie einen kleineren Zylinder oder eine andere Form verwenden und mehr als nur einen Punkt darauf leuchten lassen, k\u00f6nnten Sie Schmuck daraus fertigen.&#8220;, schlug sie vor. Er lachte und antwortete: &#8222;Ja, das ist keine schlechte Idee. Der Zauber wirkt allerdings nur ein paar Stunden und m\u00fcsste eigentlich schon l\u00e4ngst erloschen sein. Das Elektrum scheint auch nicht geeignet zu sein, dauerhafte Verzauberungen zu halten, leider. Nur Zauber die auf die Form wirken, die funktionieren seltsamerweise fast ohne Begrenzung. Aber alle anderen Verzauberungen verl\u00f6schen irgendwann.&#8220; Und wie auf Kommando erlosch das Licht und lie\u00df sich auch im Inneren des Materials nicht mehr erkennen. &#8222;Hmm, interessant, Telekinesezauber wirken k\u00fcrzer als erwartet. Verwandlungsmagie daf\u00fcr l\u00e4nger. Der W\u00e4rmezauber lag ungef\u00e4hr im Rahmen.&#8220;, gr\u00fcbelte Mitras. &#8222;Was hat das zu bedeuten, Magister?&#8220; &#8222;Das kann ich noch nicht sagen, aber es ist eine interessante Entdeckung. Gut, aber nun geht es erst einmal zum Essen und dann geht es f\u00fcr mich zum Generator.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kira folgte ihm zum Essen. Als sie heute morgen aufgewacht war, hatte sie sich zu ihrer Verwunderung im Bett wiedergefunden, sogar in Schlafsachen. William hatte ihr auf ihre Nachfrage, als sie um acht herunter ging, um sich Fr\u00fchst\u00fcck zu holen, erkl\u00e4rt, was passiert war. Abby hatte unter Kichern hinzugef\u00fcgt, wie versch\u00e4mt sich Mitras umgedreht hatte. Kira hatte eine Weile dadr\u00fcber nachgedacht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte. Es war ziemlich gut, dass Mitras ganz offensichtlich Anstand und Manieren hatte, und sich bem\u00fchte, ihr nicht zu nahe zu treten. Sehr proffesionell, und es gab ihr auch ein Gef\u00fchl von Sicherheit, stellte sie fest. Obwohl Mitras ein attraktiver Mann war, war er ja immer noch ein Mann, und vielleicht h\u00e4tte sie ihn durch etwas zu lose Bekleidung ebenfalls zu sehr reizen k\u00f6nnen. Sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Da war aber auch ein Funken Bedauern in ihr. Sie war sich nicht sicher, ob sie Mitras ablehnen w\u00fcrde. Dieser Gedanke hatte sie zun\u00e4chst ziemlich erschreckt und dann eine Weile vom Lernen abgehalten. M\u00e4nner waren grob und gef\u00e4hrlich und nach allem, was sie \u00fcber Sex wusste, war das f\u00fcr M\u00e4nner eine angenehme und auch recht notwendige Angelegenheit. Bei Frauen hingegen hatte sie etliche Horrorgeschichten geh\u00f6rt &#8211; wenn man ehrlich war, eher belauscht &#8211; und nur einige gute Varianten. Ihre Mutter selbst hatte nie mit ihr \u00fcber Sex gesprochen, nur ihr Vater, und der war dabei recht unsicher gewesen. Selbst die Lehrer in der Volksschule waren weniger am stottern gewesen. Kira am\u00fcsierte sich in der Erinnerung stets dar\u00fcber. Sie hatte kein besonders intensives Verh\u00e4ltnis zu ihrem Vater, er war oft weg, und wenn er wiederkam, h\u00f6rte er stets erst die Geschichten seiner Frau \u00fcber sein &#8222;unm\u00f6gliches Trollbalg&#8220;, ehe er mit ihr selber sprach. Au\u00dferdem nutzte er f\u00fcr ihr Verst\u00e4ndnis den Stock oder einen G\u00fcrtel zu oft als Erziehungsmittel. Kira wusste, dass er sie durchaus auch manchmal verteidigte, dass auch die Tatsache, dass sie weiter zur Schule hatte gehen d\u00fcrfen, auf dem Eingreifen des Vaters beruhte, aber herzlich konnte man das Verh\u00e4ltnis wirklich nicht nennen. Er war als Mann eben seinen S\u00f6hnen mehr zugetan, zumal diesen ja auch gesellschaftlich mehr Wert zugemessen wurde als einer Tochter, insbesondere einer, die aussah wie die allgemein verhassten Skir.<br>Kira betrachtete Mitras, Abby, Tobey und William, wie sie beim Essen sa\u00dfen und sich unterhielten. Sie hatte sich bereits heute vormittag gefragt, ob ihre Vorstellung, alle Menschen in Albion w\u00fcrden die Skir hassen, vielleicht gar nicht richtig war. Keiner der drei und auch niemand sonst in der Hauptstadt wie die H\u00e4ndler oder Rieke hatte bisher dasselbe Misstrauen oder gar Abneigung gezeigt, dass ihr sonst entgegen schlug. Die H\u00e4ndler hatten ihr Haar ja sogar gelobt! Woran das wohl lag? Als alle mit dem Essen fertig waren, nahm sie ihren Mut zusammen und wandte sie sich an Mitras: &#8222;Magister, ich habe eine Frage.&#8220; Mitras schaute sie neugierig an und nickte, auch die anderen wandten sich ihr zu. &#8222;In Burnias werden Skir oft angespuckt oder verachtet. Es gibt dort auch wenige mit solchem Aussehen&#8230; also, wie ich&#8230; zumindest nicht in den D\u00f6rfern um L\u00fchrenburg, erst in Libekke oder so, habe ich geh\u00f6rt. Hier in Uldum werde ich zwar angesehen, aber es ist weniger ver\u00e4chtlich. Ihr habt nicht mal gezuckt, als ihr meine Haare gesehen habt. Kennt man die Skir hier nicht?&#8220; Eine Weile herrschte verbl\u00fcfftes Schweigen am Tisch. Dann redeten sowohl Abigail als auch Mitras gleichzeitig. &#8222;Warum sollte man die Skir hassen?&#8220;, fragte Abby, w\u00e4hrend Mitras emp\u00f6rt sagte: &#8222;Jemanden wegen seines Aussehens zu verachten, ist falsch!&#8220; Kira war verbl\u00fcfft und beschlo\u00df, auf Abbys Frage zu antworten: &#8222;Na, weil sie uns \u00fcberfallen und uns das Land wegnehmen, grausam und brutal sind.&#8220; Mitras schaute sie scharf an. &#8222;Kira, wenn man ganz ehrlich ist, haben WIR den Skir ihr Land weggenommen, nicht umgekehrt. Das, was Sie da sagen, klingt f\u00fcr mich nach ziemlichen Vorurteilen, die einer Dame eigentlich nicht gut anstehen.&#8220; Kira \u00f6ffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Nat\u00fcrlich wusste sie, dass das in den Nordkriegen eroberte Land den Skir geh\u00f6rt hatte. In Libekke gab es auch noch viele Skirfamilien, aber sie war selbst noch nie dort gewesen. Aber das restliche Land, besonders das, was nun zum Distrikt Burnias geh\u00f6rte, war vorher kaum besiedelt gewesen. Die Skir waren eben unzivilisierte J\u00e4ger, die mit dem fruchtbaren Land wenig anfangen konnten, oder etwa nicht? Sie dachte nach. War das, was sie in der Schule und im Dorf geh\u00f6rt hatte, vielleicht falsch? Zumindest nicht ganz richtig, erkannte sie. Es musste Skir in Burnias gegeben haben, sonst w\u00e4re das Gebiet nicht &#8222;in den Nordkriegen erobert&#8220; worden. Wo waren die vor 150 Jahren geblieben? Sie hatte sich das nie gefragt. Skir waren die Feinde, und sie sah einfach aus wie der Feind, so war es ihr ganzes Leben gewesen. Sie schaute Mitras an. &#8222;Entschuldigt, Magister. Ich wollte nicht unangemessen sein. Es ist nur&#8230; ich habe bisher nie erlebt, dass viele Menschen die Skir anders sehen.&#8220; Oder mich, f\u00fcgte sie in Gedanken hinzu. Eigentlich waren Bruder Harras, ihr Bruder Adrian und ein bisschen ihr Vater die einzigen gewesen, sie sie nicht als Feind betrachtet hatten. Also hatte sie die Skir als Feinde betrachtet, als diejenigen, weswegen sie leiden musste. Sie schaute zu Boden. Etwas in ihr br\u00f6ckelte. War es falsch gewesen? Die Reaktion von Abby und Mitras zeigte ihr ja deutlich, dass die Sicht auf die Skir als verachtete Feinde hier zumindest nicht \u00fcblich war. &#8222;Die Gegenden im Norden sind oft von Siedlern aus Berg und der restlichen Ostk\u00fcste besiedelt worden, die seit Jahrhunderten unter einzelnen Skirangriffen leiden &#8222;, sagte William vers\u00f6hnlich. Mitras nickte und erg\u00e4nzte: &#8222;Lesen Sie mehr dar\u00fcber, wenn Sie das n\u00e4chste Mal Geschichte lernen. Ich habe in unserer Hausbibliothek auch einige Werke speziell zu Handel und Krieg mit den Skir, glaube ich. Es w\u00e4re verst\u00e4ndlich, dass in den n\u00f6rdlichen Provinzen die Skir oft als Feinde dargestellt werden, es ist sogar vielleicht politisch gewollt. Aber die Menschen vergessen zu schnell, dass auf einen \u00dcberfall auch immer zehn gute, Reichtum bringende Handelsfahrten kamen, egal ob es um Rhodestaria, Skir oder Astellia geht.&#8220; Geschichte wird von den Siegern geschrieben, fiel Kira die Aussage von Harras wieder ein, und zum ersten Mal hatte sie das Gef\u00fchl, diese Aussage ein bisschen zu verstehen. Sie schaute auf ihre H\u00e4nde, die sie unbewusst im Scho\u00df verkrampft hatte. Hie\u00df das auch, dass all die Beleidigungen, all die Missgunst, die die anderen sie hatten erleben lassen, gar nicht nat\u00fcrlich war, sondern ein Fehler, ein Vorurteil? Sie hatte das Gef\u00fchl, etwas in ihrem Inneren w\u00fcrde gleich rei\u00dfen. Die Skir waren nicht immer b\u00f6se. Sie war nicht der Feind. Sie war nicht &#8230; wirklich nicht schuld? In ihr tobte ein Sturm an Gef\u00fchlen, Wut, Verzweiflung, Unglaube, \u00c4rger, \u00c4rger \u00fcber sich selber&#8230; warum hatte sie so einen Gedanken nicht vorher gehabt? Wenn sie nun dar\u00fcber nachdachte, hatte Bruder Harras sogar \u00f6fters Dinge gesagt, die eigentlich dasselbe andeuteten &#8211; weder war Kira b\u00f6se, noch waren es die Skir. Sie sp\u00fcrte, wie ihr die Tr\u00e4nen in die Augen scho\u00dfen. Was war sie nur f\u00fcr ein dummes Dorfkind. Scham mischte sich in das Gef\u00fchlschaos. Sie schluckte. &#8222;Wenn ihr mich entschuldigen w\u00fcrdet&#8230;&#8220; Sie stand auf, knickste kurz und ging hinaus, eilte fast in ihr Zimmer und vergrub sich unter den Decken. Dann kamen die Tr\u00e4nen. Erst langsam, dann immer mehr. Sie weinte, weinte \u00fcber ihre Herkunft, ihr Aussehen, \u00fcber diese andere Welt hier, die ihr die Fehler der alten Welt so klar vor Augen hielt, weinte \u00fcber sich und ihre eigene Dummheit, weinte vor Erleichterung, vor Wut, vor Trauer.&nbsp; Sp\u00e4ter h\u00f6rte sie Abby und Mitras auf dem Flur sprechen und vergrub sich noch tiefer in den Kissen, wollte nicht mit ihnen reden oder sich erkl\u00e4ren, aber es kam niemand herein, und sie war dankbar daf\u00fcr.&nbsp; \u200b<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u200b Kira wachte am n\u00e4chsten Tag wieder gegen sieben Uhr drei\u00dfig auf. Offenbar hatte sich ihr K\u00f6rper an diese etwas sp\u00e4tere Uhrzeit nun gew\u00f6hnt. Sie zog ihr Hauskleid aus Bispar an, kuschelte sich in den Sessel und las das Kapitel zu Familienbeziehungen zu Ende, dass sie gestern nicht ganz geschafft hatte. 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