{"id":48,"date":"2024-04-15T00:26:01","date_gmt":"2024-04-15T00:26:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=48"},"modified":"2025-01-12T22:54:00","modified_gmt":"2025-01-12T22:54:00","slug":"uldums-gassen-13-lunet-242-uldumstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/04\/15\/uldums-gassen-13-lunet-242-uldumstag\/","title":{"rendered":"Uldums Gassen &#8211; 13. Lunet 242 (Uldumstag)"},"content":{"rendered":"\n<p>Kira erwachte v\u00f6llig zerschlagen. Sie war in ihrer gesamten Kleidung eingeschlafen, hatte sich in den Schlaf geweint, und nun waren ihre Augen verquollen, sie hatte Kopfweh und f\u00fchlte sich elendig dreckig. Sie sammelte sich einen Moment und sp\u00e4hte dann zur Uhr. Es war erst sieben. Ehe sie erneut in die schwerm\u00fctigen Gedanken von gestern abend versinken konnte, beschlo\u00df sie, das Bad auszunutzen. Immerhin war es ja auch schon 5 Tage her, seitdem sie sich das letzte Mal komplett gewaschen hatte. Sie nahm sich ein neues Keid aus dem Schrank, zog das alte aus und warf es in den Korb und h\u00fcllte sich dann in ein Handtuch, um \u00fcber die Flure herunter zu huschen. Im Haus war alles still, nur aus der K\u00fcche h\u00f6rte sie ein leises Klappern, also war William vermutlich schon wach. Sie lie\u00df sich warmes Wasser ein, stieg ins Becken und lie\u00df sich eine Weile entspannt treiben. Dann wusch sie sich und ihre Haare, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Danach ging es ihr besser. Sie reinigte das Becken und die Umgebung und ging dann zum Esszimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr zur K\u00fcche stand offen und Abby war damit besch\u00e4ftigt, den Tisch zu decken. Sie l\u00e4chelte freundlich, als sie Kira sah, die ein wenig verlegen in der T\u00fcr stehen geblieben war. &#8222;Guten Morgen! Geht es dir wieder ein bisschen besser?&#8220; Kira nickte stumm. &#8222;War ein bisschen viel gestern f\u00fcr dich, oder?&#8220; Wieder nickte Kira. Abby kam auf sie zu und umarmte sie. &#8222;Mach dir keine Sorgen. Was vergangen ist, ist vergangen. Und f\u00fcr jeden von uns ist es aufregend und ersch\u00fctternd, wenn wir unsere Heimat verlassen und neues lernen.&#8220; &#8222;Danke.&#8220; Kira dr\u00fcckte sich einen Moment an Abby und geno\u00df das weiche, warme Gef\u00fchl ihres K\u00f6rpers neben sich. &#8222;Na komm. Du kannst mit uns fr\u00fchst\u00fccken, vielleicht kommt sogar Mitras gleich noch dazu, dann h\u00e4tten wir mal ein seltenes gro\u00dfes Fr\u00fchst\u00fcck.&#8220; Kira nickte wieder. Auf dem Tisch war bereits alles gedeckt. An ihrem und Mitras Platz lagen die Tabletts, die sie sonst sp\u00e4ter immer gef\u00fcllt vorfanden, diesmal allerdings noch nicht gef\u00fcllt. Tobey und William kamen mit Kaffee und Tee aus der K\u00fcche, und sie setzen sich zum Essen hin. Als Kira gerade beim zweiten Brot war, kam Mitras durch die Glast\u00fcr herein, obwohl es erst kurz vor acht war. Er gr\u00fc\u00dfte alle und setzte sich zu ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitras hatte sich beeilt, um nach den Ereignissen vom gestrigen Abend auch beim Fr\u00fchst\u00fcck zu sein, da er vermutet hatte, dass Kira ihm sonst ausweichen w\u00fcrde, aber er wollte nach ihr sehen. Abby hatte ihn gestern Abend davon abgehalten, zu ihr zu gehen, und auch abgelehnt, selber sie zu tr\u00f6sten. Das muss sie selber mit sich kl\u00e4ren, hatte sie gesagt. Er war ein paar Risiken beim Kanalisieren eingegangen, hatte aber die Balance halten k\u00f6nnen und war so fast eine Stunde fr\u00fcher fertig geworden. Nun sa\u00dfen alle beisammen und er gesellte sich dazu. Kira sah besser aus, als er erwartet h\u00e4tte, gemessen an der Dauer, die er ihr leises Weinen noch geh\u00f6rt hatte. Ihre Haare waren noch ein wenig feucht, also hatte sie wohl ein Bad genommen. Sie wirkte immer noch etwas niedergeschlagen, aber klarer als gestern Abend. Er war sich unischer, ob er das Abby zu verdanken hatte oder ob ihr selbst ein paar Sachen deutlich geworden waren. Mitras selbst hatte gestern Abend noch kurz mit William gesprochen. Dieser kannte sich besser aus und hatte ihm best\u00e4tigt, dass in den Nordprovinzen tats\u00e4chlich, obwohl sie eigentlich von der skirgardischen Kultur gepr\u00e4gt waren, eine offene Abneigung gegen\u00fcber den Skir besonders bei der einfacheren Landbev\u00f6lkerung vorherrschte. Die Siedler, die auf k\u00f6niglichen Gehei\u00df oder aus freien St\u00fccken dorthin nach Burnias siedelten, waren wie vermutet oft aus den Gebieten gekommen, die jahrhunderlang beliebte Beutegebiete der \u00f6stlichen Skir gewesen waren. Insgesamt waren es wohl nur drei Klans, diese \u00fcberfielen das Reich aber regelm\u00e4\u00dfig. Letzendlich hatten einige Adelige ohne Zustimmung des K\u00f6nigshauses begonnen, n\u00f6rdlich des Olfiat Siedlungen &#8222;zur\u00fcckzuerobern&#8220;, wie sie es nannten. Das f\u00fchrte erst zur Besetzung Burnias und in Folge dessen zum Anschluss Schwyras. Der dort lebende Klan war der kleinste der dreien und wurde Ziel eines gewaltigen Vergeltungsschlags des Reiches, da sich das K\u00f6nigshaus dem erfolgreich verlaufenden Krieg angeschlossen hatte und eine Machtdemonstration brauchte, um die eigenm\u00e4chtig agierenden Adeligen innerpolitisch zu schw\u00e4chen. Die Stadt Mynstar wurde komplett ausgel\u00f6scht. Die Reste des Klans, die in und um die reiche Seehandelstadt Libekke lebten, ergaben sich und gliederten sich trotz dieser Tat in den folgenden Jahrzehnten gut in Albion ein, wohl auch, weil Mynstar und Libekke&nbsp;zuvor nur wenig verband. Sie waren wohl eher als Konkurrenten innerhalb des Klans aufgetreten und oft verfehdet. Dass die Libekker Skir, durch h\u00e4ufige Handelsfahrten, aber auch \u00dcberlandhandel, viele Br\u00e4uche aus dem K\u00f6nigreich \u00fcbernommen hatten und auch h\u00e4ufig die Sprache Albions sprachen, tat sein \u00fcbriges bei der Integration. Die verbliebenen Klans schworen nun aber Vergeltung am Reich und Rache an den Verr\u00e4tern und \u00fcberfielen die neuen Provinzen nun immer h\u00e4ufiger und weitaus brutaler als in den Kaperfahrten zuvor. Das Reich marschierte daraufhin in die Gebiete westlich und n\u00f6rdlich von Libekke ein, was die restlichen Klans dazu bewegte, mal wieder einen Hochk\u00f6nig zu w\u00e4hlen und ihren Br\u00fcdern im S\u00fcden beizustehen. Letztendlich gewann Albion und dr\u00e4ngte die Skir bis hinter den Flu\u00df Bliktad zur\u00fcck, auch, weil sie mit der Gr\u00fcndung Niuw-Mynstars ein Zeichen der kuturellen \u00dcberlegenheit und des Frieden setzen konnten. Im Jahr 142 wurde dann auch dort der Frieden ausgehandelt und der gew\u00e4hlte Hochk\u00f6nig schwor alle H\u00e4uptlinge darauf ein, das K\u00f6nigreich nie mehr unprovoziert anzugreifen. Nat\u00fcrlich hatten der Rat und die Generalit\u00e4t die Gelegenheit genutzt, die neu eroberten Gebiete mit ihren treuen Gefolgsleuten zu bev\u00f6lkern, und nach Williams Aussage schickten sie auch einige Magier, Schulmeister und andere gebildete Menschen in die Provinzen, um sicherzustellen, dass in einigen Jahrzehnten sich auch die Tradition der Hexenzirkel und \u00e4hnlichem verlaufen w\u00fcrde, wie die Skir, die aus den Gebieten zumeist nach Norden geflohen waren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitras konnte verstehen, dass die Leute in Burnias schlecht auf Skir zu sprechen waren. Aber der Krieg lag nun schon fast ein Jahrhundert zur\u00fcck und seit dem Frieden gab es keine Angriffe mehr. Laut William war es dort allerdings nach wie vor am schlimmsten, w\u00e4hrend die anderen n\u00f6rdlichen Provinzen eher gem\u00e4\u00dfigt mit Skir umgingen, ja, sogar ihre Kultur teilweise in die eigenen Br\u00e4uche integrierten. Doch in Burnias sa\u00dfen die Erinnerungen an die Vergeltungstaten der Skir nach dem Brand von Mynstar wohl zu tief. Alles, was nach Skir aussah, wurde verachtet oder gleich zerst\u00f6rt. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was das f\u00fcr Kira bedeutet hatte. Laut Abigail konnte Kiras Mutter es kaum erwarten sie endlich und m\u00f6glichst gewinnbringend los zu werden. Soviel Kaltherzigkeit dem eigenen Kind gegen\u00fcber machte ihn w\u00fctend.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Er setzte sich neben sie und wandte sich ihr zu. &#8222;Kira, ich muss gestehen, ich wusste bisher noch nicht viel \u00fcber die n\u00f6rdlichen Provinzen und noch weniger \u00fcber Burnias. Ich finde, Sie sollten sehen, dass Uldum anders ist. Wir pflegen hier einen weltoffenen, toleranten Umgang miteinander. Da Sie heute eh frei haben, schlage ich vor, dass Sie Uldum noch besser kennenlernen und sich selbst ein Bild davon machen. Abigail und Tobey hatten heute eh vor in die Stadt zu fahren und ein paar Besorgungen zu machen. Ich spendiere Ihnen eine Hafenbesichtigung dazu.&#8220; Er schaute zu Tobey. &#8222;Wenn das in Ordnung ist.&#8220; Tobey nickte, und Abby sagte begeistert: &#8222;Eine hervorragende Idee! Das machen wir gerne!&#8220; &#8222;Gut.&#8220; Kira sa\u00df einen Moment still auf ihrem Platz, dann l\u00e4chelte sie ihn etwas bem\u00fcht an. &#8222;Danke, Magister. Ich werde die Gelegenheit nutzen. Ihr habt Recht. Alles ist anders hier.&#8220; Sie schwieg einen Moment und setzte dann leise hinzu, w\u00e4hrend ihre Wangen sich&nbsp;r\u00f6teten: &#8222;Anders, aber viel besser. Ich bin Ihnen allen sehr dankbar.&#8220; Abby grinste. &#8222;Naa, wart ab bis zum Sommerfest. Dann \u00fcberh\u00e4ufen wir dich mit Geschenken und unserer unersch\u00fcttlichen Familienliebe, da wirst du gar nicht wissen, wo dir der Kopf steht.&#8220; Kira wurde nun feuerrot. Sie \u00f6ffnete den Mund, als ob sie etwas entgegnen wollte, schaute dann kurz traurig und schlo\u00df ihn wieder, l\u00e4chelte dann aber und sagte: &#8222;Ich werde mich dann angemessen r\u00e4chen.&#8220; Abigail, Tobey und William brachen in Gel\u00e4chter aus, was die Anspannung am Tisch kl\u00e4rte. Mitras fand, dass Abigail gar nicht so unrecht hatte. Kira war ein liebreizendes Gesch\u00f6pf und nicht auf den Mund gefallen, sie hatte es verdient, gut behandelt zu werden. Und auch wenn er ihr sicher nicht Vater oder Mutter ersetzen konnte, so w\u00fcrde er doch ein guter Mentor sein und daf\u00fcr sorgen, dass es ihr gut gehen w\u00fcrde in den Jahren bei ihm &#8211; und vielleicht auch danach, wenn es passte und sie es wollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Abby und Tobey trafen sich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck mit Kira vor der T\u00fcr und zeigten ihr den Weg zum Kutschenstand. Abby stellte ihr Julius vor, einen etwas \u00e4lteren, sehr gem\u00fctlichen Droschkenfahrer. &#8222;Wenn du jemals alleine eine Kutsche ordern willst und Julius da ist, fahre mit ihm.&#8220;, sch\u00e4rfte sie ihr ein. &#8222;Er ist vertrauensw\u00fcrdig.&#8220; Julius, der ihre Worte h\u00f6rte, knetete verlegen seine M\u00fctze und stotterte: &#8222;Ma&#8230;Ma..Madame, wir bem\u00fchen uns alle, vertrauensw\u00fc..w\u00fc..w\u00fcrdig zu sein.&#8220; Tobey schlug ihm auf die Schulter. &#8222;Aber nicht alle&nbsp;sind es, altes Haus. Komm, heute gibt es eine gute Tour f\u00fcr dich: Der Herr w\u00fcnscht, dass wir seiner Sch\u00fclerin die ganze Stadt zeigen. Mit Hafenrundfahrt. Und die Wartezeit kriegst du auch bezahlt.&#8220; Julius l\u00e4chelte breit. Ihm fehlten etliche Z\u00e4hne, fiel Kira auf. Er sah sonst einigerma\u00dfen gepflegt aus, aber seine Kleidung war oft geflickt und an den H\u00e4nden erkannte sie trotz der Tatsache, dass er erst 30 sein mochte, erste Anzeichen von Gicht. Das Leben auf dem Kutschbock war nicht einfach, das wusste sie auch von denen, die in Burnias die Waren fuhren und bei ihren Eltern oft \u00fcbernachtet hatten, wie es \u00fcblich war. Kaufleute und Fuhrleute halfen einander. Sie stiegen in die Droschke und Abigail begann, wie schon bei ihrer ersten Fahrt in die Stadt, Kira zu erkl\u00e4ren, was zu sehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier an dieser Kreuzung siehst du die Grenze zwischen drei Bezirken der Stadt. Links von uns das Viertel der Aristrokraten. Es zieht sich weit die H\u00fcgel hinauf, aber etwa zwei Stra\u00dfenz\u00fcge von hier beginnt die wirkliche Riege der Adelsh\u00e4user, dort sind auch die Schulen und noch ein ganzes St\u00fcck bergan der neue Palast. Und hinter uns ist das Gebiet der Handwerker, was du letztes Mal ja schon gesehen hast.&#8220; Sie beugte sich vor und wies Julius an, zum Palast zu fahren. &#8222;Hier rechts von uns ist das Viertel der H\u00e4ndler. Mitras Eltern wohnen zum Beispiel dort.&#8220; Der gegen\u00fcberliegende Stra\u00dfenzug unterschied sich kaum von dem Bereich des Aristrokratenviertels, aus dem sie gerade gekommen waren. Teilweise standen die drei- bis viergescho\u00dfigen H\u00e4user eng beieinander, teilweise gab es kleine G\u00e4rten um sie. &#8222;Weiter zum Fluss hin gibt es auch einige richtige Villen der H\u00e4ndler&#8220;, erg\u00e4nzte Tobey. &#8222;Die sind wirklich fast wie Pal\u00e4ste. Man kann&nbsp;heutzutage doch ganz gut Geld machen, besonders, wenn man Manufakturware verkauft, das produziert sich einfach schneller.&#8220; Sie fuhren die Stra\u00dfe hinauf, die beidseitig von nun kahlen B\u00e4umen ges\u00e4umt war. An Seite der H\u00e4ndler wurden die Geb\u00e4ude nach einer Weile etwas h\u00f6her, Mietsh\u00e4user, wie Abby auf Kiras Frage erkl\u00e4rte, dort konnte man sich einmieten, wenn man genug verdiente, aber nicht genug f\u00fcr ein ganzes Haus hatte. Ab einer etwas breiteren Stra\u00dfe zur rechten Seite wichen die Mietsh\u00e4user dann erst einfachen, dann immer pomp\u00f6seren Adelsh\u00e4usern, die hinter der Bahnlinie lagen, die sich an der Stra\u00dfe entlang wand. Auch zur linken Hand waren die Adelsh\u00e4user pomp\u00f6ser, die Mauern h\u00f6her, die G\u00e4rtern gr\u00f6\u00dfer geworden. Sie bogen nach einer ganzen Weile nach rechts ab, \u00fcberquerten die Bahnstrecke und gelangten auf eine breite Stra\u00dfe, eher eine Promenade, die offenbar die Stadtgrenze darstellte und die auf einem gro\u00dfen Platz endete, an dessen westlichem Ende sich offenbar das Palastgel\u00e4nde erhob. Kira konnte nicht umhin, dem Archtiketen Bewunderung zu zollen: Anmutig und doch beeindruckend erhob sich das wei\u00dfe Geb\u00e4ude auf einem l\u00e4nglichen H\u00fcgel \u00fcber die umliegenden H\u00e4user, geschickt hervorgehoben durch die nat\u00fcrliche Umgebung. Hinter dem weit verzeigten Geb\u00e4ude lag eine steile Klippe, die es nach hinten abriegelte und es wie auf einer Leinwand pr\u00e4sentierte. Nach Norden hin konnte sie den Avens erahnen. Abby erz\u00e4hlte ihr, dass die Wand der Klippe magisch verformt worden sei, so dass niemand daran herunterklettern konnte. Vor dem Geb\u00e4ude und auch darum konnte Kira eine weitl\u00e4ufige Parkanlage erkennen, sofern zumindest die umgebende Mauer den Blick freigab. &#8222;Das ist das Wohngeb\u00e4ude der k\u00f6niglichen Familie, gebaut von Phillipos di Leonidas. Manchmal gibt es hier auch Feste f\u00fcr den h\u00f6heren Adel. Aber f\u00fcr offizielle Anl\u00e4sse nutzt das K\u00f6nighaus Leonidas immer noch das alte K\u00f6nigshaus im Stadtkern. Da fahren wir als n\u00e4chstes hin.&#8220; Sie fuhren auf einem anderen Weg durch das Aristrokratenviertel zur\u00fcck, was eine ganze Weile dauerte, so dass Kira ausreichend Gelegenheit hatte, die Pal\u00e4ste und Wohngeb\u00e4ude,die teilweise aufwendig verziert, teilweise aber auch schlicht und elegant waren, zu bewundern. Sie erkannte, dass Mitras, obwohl er ja nicht arm war, ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleines Haus hatte, nur sein Garten war doch gr\u00f6\u00dfer als die der meisten anderen Adelsh\u00e4user. Vielleicht lag es daran, dass er keine Familie hatte und daher kein so gro\u00dfes Haus brauchte?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof vorbei kamen sie in das H\u00e4ndlerviertel, und Kira sah, dass es hier nicht nur die Wohnungen der H\u00e4ndler gab, sondern auch Kontore, mehr verschiedene Mietsh\u00e4user und auch L\u00e4den. Oftmals war es so, wie sie es aus L\u00fchrenburg kannte: Oberhalb von Kontor und Laden lagen die Wohnungen der Familie. Hier allerdings war die Wohnung teilweise mehrgeschossig. Abby erkl\u00e4rte ihr, dass reiche Handelsfamilien sich von den Adeligen abgeschaut hatten, besonders viele Bedienstete zu haben, und dass daher in den oberen Geschossen oft die Zimmer der Dienerschaft lagen. Kira staunte, wie viele Menschen es in Uldum gab. So viele Menschen auf eigentlich so wenig Platz!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kamen an die gro\u00dfe Stra\u00dfe, auf der sie begonnen hatten, und durchquerten das Viertel der Handwerker, das Kira bereits kannte. Hier standen die H\u00e4user etwas enger, oft waren die Werkst\u00e4tten direkt in die Wohnh\u00e4user gebaut, an einigen Stellen waren auch schon Manufakturen zu sehen, zu erkennen an den Schornsteinen, aus den grauer Qualm aufstieg, der sich auf den Fassaden und D\u00e4chern der ganzen Stadt absetzte und Kira schon am ersten Tag das Gef\u00fchl gegeben hatte, die ganze Stadt sei dreckig. Tats\u00e4chlich, stellte sie verbl\u00fcfft fest, fand sie es jetzt gar nicht mehr so schlimm. Sie hatte sich vermutlich an den st\u00e4ndig rauchigen Geruch der Luft gew\u00f6hnt. Tobey erz\u00e4hlte, dass die wirklich&nbsp;reichen Manufakturbesitzer l\u00e4ngst auf der anderen Seite der gro\u00dfen Stra\u00dfe, die einfach nur &#8222;die Chaussee&#8220; genannt wurde, im H\u00e4ndlerviertel wohnten. &#8222;Dort ist die Luft besser.&#8220; Vom Kutschbock erg\u00e4nzte Julius mit einem zahnlosen Grinsen: &#8222;Und, nech, die Konkurrenz sieht man auch nich mehr immer, da muss man sich nich so ansehn, wie die zugrunde geht.&#8220; &#8222;Schaden die Manufakturen den anderen Handwerkern?&#8220;, fragte Kira. Tobey nickte nachdenklich. &#8222;Einige machen ihr Gl\u00fcck damit, und insgesamt ist es nat\u00fcrlich gut, alle k\u00f6nnen sich die Stoffe leisten. Und die Minen im Osten arbeiten auch viel damit, es gibt viel mehr Sicherheit und eine bessere Produktion. Aber die, die Stoffe handweben, naja, die kommen jetzt halt nicht mehr so recht an Geld, und die Minenarbeiter&#8230; du wirst es sehen, wenn wir im Hafenviertel sind.&#8220; Kira nickte. Es gab in den Nordprovinzen kaum solche Manufakturen, in L\u00fchrenburg gab es eine M\u00fchle, die mit Dampf betrieben wurde, und die wurde stets als gro\u00dfe Errungenschaft gefeiert, da nun viel mehr und viel zuverl\u00e4ssiger gemahlen werden konnte, niemand musste mehr warten, es half bei der Versorgung der ganzen Gegend sehr. Aber das, was Tobey sagte, machte&nbsp;schon Sinn. Sie dachte an die Kinder, die sie beim ersten Ausflug gesehen hatte. Uldum war reich, viel reicher als Flate, L\u00fchrenburg oder gar Bispar, und dennoch gab es hungernde Kinder hier &#8211; vermutlich, weil ihre Eltern nicht mehr genug verdienten. Sie \u00fcberquerten wieder die Br\u00fccke, die Kira schon kannte, und Abby zeigte ihr noch einmal kurz den alten Palast, dessen sternf\u00f6rmige, klobige Mauern den Kutschenparkplatz vor der Altstadt begrenzten. &#8222;Die Altstadt kennst du ja schon.&#8220; Kira nickte. Also fuhren sie \u00fcber den Platz und auf der gegen\u00fcberliegenden Seite wieder aus der Altstadt heraus \u00fcber den Corvio, dessen Wasser blau glitzernd unter ihnen l\u00e4ngs flo\u00df, anders als das braune Wasser des Avens, den sie zuerst \u00fcberquert hatten. Hier war das Ufer etwas flacher, und, wie Abigail erkl\u00e4rte, ehemals auch sumpfig gewesen. Man hatte es trocken gelegt, um hinter dem Hafen mit all seinen Kan\u00e4len und Pieren, Lagerhallen, Kontoren und Mietskasernen f\u00fcr die Hafenarbeiter zu bauen. Jetzt war der Sumpf etliche Kilometer weiter vom Flu\u00df weggedr\u00e4ngt worden. Julius lenkte die Kutsche zu einem kleinen Anleger. Dank seiner Vermittlung konnten die drei rasch einen F\u00e4hrschiffer finden, der sie durch den Hafen rudern w\u00fcrde. Kira betrachtete sein kleines Boot mit mulmigem Gef\u00fchl, doch Tobey beruhigte sie. &#8222;Keine Sorge. Der Corvio ist ein lebhafter Fluss, aber der Avens ist ruhig und tr\u00e4ge. Und hier, wo sie zusammentreffen, f\u00e4rbt eindeutig das ruhige Wesen auf den kleinen Jungspund hier ab.&#8220; Kira nickte. Sie konnte schwimmen, sogar ziemlich gut. Etwas anderes blieb einem auch nicht \u00fcbrig, wenn man in einer Gegend voller Moorseen aufwuchs. Dennoch fand sie seit ihrer Erlebnisse in Flate Bootsfahren nicht unbedingt erstrebenswert. Die Aussicht, den Hafen Uldums von der Wasserseite aus zu sehen, machte dieses Unbehagen allerdings auch wieder wett. Der Schiffer, ein aufgeweckter junger Mann, erz\u00e4hlte ihnen einiges, w\u00e4hrend er sie umherruderte. Erst gab es einige kleinere Anleger f\u00fcr die Schiffe, die den Corvio herunter kamen, um kleinere Waren zu bringen, und f\u00fcr private Schiffe. Kira staunte \u00fcber einige kleine Jollen, die dort vor Anker lagen. Eine hatte den Schiffsnamen &#8222;Morgentau&#8220; sogar in Goldbuchstaben am Bug stehen. Kurz vor Zusammenfluss der beiden Fl\u00fcsse gab es dann einige sehr gro\u00dfe Piere, an denen die Schiffe anlegten, die das Eisen und andere Materialien aus den Minen bei Ferros nach Uldum brachten. Kira dachte an Sebastian. Sebastian di Ferrus &#8211; ob seiner Familie die Gegend um Ferros geh\u00f6rte? Oder war das nur Zufall? Falls ja, mussten sie irre reich sein &#8211; Eisen war ja f\u00fcr die ganzen neuen Maschinen in gro\u00dfen Mengen n\u00f6tig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dort, wo die Fl\u00fcsse zusammenflossen, waren beide Ufer gut befestigt. Der Schiffer erkl\u00e4rte, dass sich im Kreuzgebiet manchmal Wassergeister zeigten, wohl angeregt durch den Zusammenfluss der vom Wesen so unterschiedlichen Fl\u00fcsse. Deswegen baute dort niemand nah am Wasser. Nix mit &#8222;ruhigem Wesen&#8220;, dachte Kira, doch sie war Tobey nicht b\u00f6se. Ein St\u00fcck weiter flussabw\u00e4rts lag der richtige Hafen, ein Gewirr aus Kan\u00e4len, Pieren und Schiffen, gr\u00f6\u00dfer als das, was Kira in Flate erlebt hatte. Sie man\u00f6vierten vorsichtig hindurch und der Schiffer lie\u00df sie wie vorher verabredet an einem kleinen Seitensteg aussteigen. Tobey bezahlte ihn, und an der Anzahl seiner Verbeugungen trotz des wackeligen Bootes vermutete Kira, dass es gro\u00dfz\u00fcgig gewesen war.&nbsp;Sie schlenderten die Kaimauer entlang und beobachteten, wie ein gro\u00dfes Handelsschiff mit einer Rigaer Flagge entladen wurde. Es war kleiner, als die, die Kira kannte, doch Tobey erkl\u00e4rte ihr, dass die Schiffe, die auf Fl\u00fcssen fuhren, immer kleiner sein mussten als die, die das Meer unter sich hatten. &#8222;Man hat halt viel schneller mal ne flache Stelle, verstehst du?&#8220; Kira nickte. Bei allem, was Technik betraf, schien Tobey richtig aufzubl\u00fchen, und er erkl\u00e4rte ihr ausf\u00fchrlich alles \u00fcber die Binnenschifffahrt, das er wusste. Und das war tats\u00e4chlich gar nicht so wenig. Kira war bem\u00fcht, sich alles zu merken, aber sie erkannte schnell, dass sie wohl doch besser einen Block und einen Bleistift h\u00e4tte mitbringen sollen. Nach einer Weile erl\u00f6ste Abby sie, indem sie ihren Mann sanft ermahnte, Kira nicht zu sehr in Beschlag zu nehmen, sie solle ja auch noch etwas sehen k\u00f6nnen von der Stadt. Kira sah sich um. Hier im Hafen war Uldum eindeutig dreckiger als am Westufer. Unrat lag in den Ecken, und an einigen Stellen sah sie trotz des helllichten Tages Ratten in den Ecken huschen. Es stank auch, nach einer Mischung aus \u00d6l, Maschinen, Menschen, M\u00fcll und Kohle. Sie liefen durch ein paar enge Gassen zwischen den Kontoren hindurch und gelangten auf einen Platz, an dem Julius samt Droschke auf sie wartete. Abby wies ihn an, sie zum Stadtpark zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fuhren noch durch einige Gassen, dann \u00f6ffnete sich der Blick nach S\u00fcdosten und Kira blickte auf eine etwas abfallende Ebene voller kleiner, zusammengeflickter H\u00e4user. Wobei, H\u00e4user konnte man das eigentlich nicht nennen, eher Behausungen. Tobey nickte her\u00fcber. &#8222;Das ist die unsch\u00f6ne Ecke von Uldum. Geh nie alleine dort hinein.&#8220; &#8222;Warum baut man keine richtigen H\u00e4user?&#8220;, fragte Kira. Abigail schnaubte. &#8222;Dazu m\u00fcsste das K\u00f6nighaus erstmal alle verteiben, Und dann das Land darunter trocken legen. Und dann befestigen. Nein, dass ist den hohen Herren eindeutig zu aufwendig. Und wenn sie es tun w\u00fcrden, dann m\u00fcssten die Bewohner ja auch hinterher Miete zahlen. Aber die, die da wohnen, die k\u00f6nnen keine Miete zahlen.&#8220; &#8222;Die Minenarbeiter, wei\u00dft du?&#8220;, erg\u00e4nzte Tobey. &#8222;Sie haben dank der Maschinen in den Minen oft keine Arbeit mehr. Die di Ferrus bem\u00fchen sich, aber andere Baronien weiter im S\u00fcden, die ebenfalls Erze f\u00f6rdern, haben weniger soziale Programme aufgesetzt, und so str\u00f6men jeden Tag mehr Arbeiter hier her, um sich in den Manufakturen zu verdingen. Dazu kommen noch die ehemaligen Weber, Schmiede und noch alle anderen, die nun eben nicht mehr so gebraucht werden. Es gibt auch genug Arbeit, aber weil es seit einigen Jahren auch wirklich genug Arbeiter sind, fallen die L\u00f6hne. Irgendjemand macht es doch immer f\u00fcr einen Schilling weniger.&#8220; Kira blickte traurig auf die H\u00fctten, die nun hinter einem kleinen H\u00fcgel verschwanden. Sie fuhren durch eine Ansammlung von Mietsh\u00e4usern, die teilweise bis zu sechs Stockwerke hoch waren. Einge sahen gut gepflegt aus, bei anderen hatte man das Gef\u00fchl, sie w\u00fcrden nur dadurch zusammengehalten, dass sie sich an den Nachbarsh\u00e4usern festhielten. Dann realisierte sie, dass sie mit ihrer Vermutung \u00fcber Sebastian Recht gehabt hatte. Di Ferrus. Wieso arbeitet der Sohn eines Barons, der zudem vermutlich auch noch deutlich reicher als Mitras war, in der Bibliothek? Sie w\u00fcrde ihn fragen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber eine weitere Br\u00fccke gelangten sie zur\u00fcck in die Altstadt, nun allerdings an der n\u00f6rdlichen Grenze. Hier lagen die ehemaligen Befestigungsanlagen, eine Mauer mit sternf\u00f6rmigen Zacken, die die Altstadt gegen Angriffe aus dem Norden gesch\u00fctzt hatte. Nun waren die W\u00e4lle zu einem l\u00e4nglichen Park ausgebaut worden. N\u00f6rdlich davon lagen weitere Wohngebiete, erkl\u00e4rte Abby. &#8222;Alles gemischt dort, diese Gebiete wurden erst in den letzten Jahren besiedelt. Eigentlich waren dort nur Bauernh\u00f6fe, aber es liegt ein wenig erh\u00f6ht, und wer Geld hat, baut dort gern &#8211; es ist nicht so weit in die Altstadt, zumindest wenn man nicht zu weit n\u00f6rdlich ist, und man hat einen guten Blick, wenn man einen Bauplatz oben auf einem H\u00fcgel erwischt. Manche Adelige haben sogar zwei Anwesen &#8211; ein Stadthaus im Aristokratenviertel und eine Landvilla im Norden zwischen den verbliebenen Bauernh\u00f6fen. Und, naja, wer nicht ganz so viel Geld hat, aber l\u00e4ngere Wege in Kauf nimmt, kann dort gut zur Miete wohnen. Der Tierpark ist auch da, aber da k\u00f6nnen wir besser im Sommer hinfahren.&#8220; Sie hielten an und Abby besorgte von einigen H\u00e4ndlern Brote, Kuchen, K\u00e4se und Wurst, w\u00e4hrend Tobey in ein nahe gelegendes Teehaus ging und mit einer Kanne voll dampfenden Tee zur\u00fcck kam. Sie wischten eine Bank trocken und setzten sich trotz des kalten Wetters in den Park und a\u00dfen gemeinsam. Abby bestand sogar darauf, dass der Kutscher Julius etwas vom Essen abbekam, aber sie konnte ihn nicht dazu bringen, sich zu ihnen zu setzen. Der St\u00e4ndeunterschied ist zu gro\u00df, realisierte Kira, und dass, obwohl Abigail und Tobey ja eigentlich auch nur Bedienstete waren. Sie geno\u00df es, drau\u00dfen bleiben zu k\u00f6nnen, statt in ein Restaurant zu gehen. Sie hatte oft so gegessen &#8211; nun ja, ohne warmen Tee und mit weniger warmen Decken &#8211; aber es erinnerte sie an lange Streifz\u00fcge durch die Moore, von denen sie Abby und Tobey nun erz\u00e4hlte. &#8222;Kann ich noch in die Bibliothek gehen?&#8220;, fragte sie, als Abby die Essensreste zusammenpackte. Diese nickte. &#8222;Es ist dein freier Tag, hat Mitras gesagt. Aber pass auf und komm nicht so sp\u00e4t nach Hause.&#8220; Kira nickte und versprach, Julius Droschke zu nehmen, sofern sie ihn sp\u00e4ter am Platz vor dem alten Palast sehen w\u00fcrde. Dann verabschiedete sie sich vom Ehepaar und ging zu Fu\u00df durch die Stadtmauer bis hin zur Bibliothek.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kira erwachte v\u00f6llig zerschlagen. Sie war in ihrer gesamten Kleidung eingeschlafen, hatte sich in den Schlaf geweint, und nun waren ihre Augen verquollen, sie hatte Kopfweh und f\u00fchlte sich elendig dreckig. Sie sammelte sich einen Moment und sp\u00e4hte dann zur Uhr. Es war erst sieben. 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