{"id":54,"date":"2024-04-15T00:27:47","date_gmt":"2024-04-15T00:27:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=54"},"modified":"2024-04-15T00:27:47","modified_gmt":"2024-04-15T00:27:47","slug":"die-grenzen-meiner-sprache-14-lunet-ingastag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/04\/15\/die-grenzen-meiner-sprache-14-lunet-ingastag\/","title":{"rendered":"Die Grenzen meiner Sprache &#8211; 14. Lunet (Ingastag)"},"content":{"rendered":"\n<p>Kira hatte den Tag mit der Lekt\u00fcre von &#8222;Wort und Sinn&#8220; verbracht. Sie brannte darauf, mit Magister Mitras zu reden, denn immerhin ging es dabei ja ums Reden. Zum Ersten Mal seit ihrem Eintreffen hatte sie nicht das Gef\u00fchl, am Abend zu einer Pr\u00fcfung zu m\u00fcssen, sondern f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch verabredet zu sein. Vielleicht lag es am Thema des Buches, vielleicht auch am gestrigen Abend. Sie nahm sich daher etwas Zeit, ihre Haare zu flechten und zog sich das burgunderfarbene Kleid an, das schien ihr f\u00fcr eine entspannte Abendkonversation unter gebildeten Menschen am besten. Gebildete Menschen! Als ob sie sich selbst vor einer Woche oder zweien so betitelt h\u00e4tte! Bei dem Gedanken musste sie laut lachen, so dass ihr fast der Muschelohrring wieder herunter fiel, den sie gerade anstecken wollte. Sie hatte sich nicht geirrt. Es war nicht schlimm hier. Es war so viel besser als alles an Moor und Sumpf in Burnias. Es waren ja erst wenige Tage gewesen, aber ihr kam es so vor, als w\u00e4ren es schon Jahre, und sie f\u00fchlte sich bereits so wohl hier&#8230; und sie freute sich, mit Mitras \u00fcber den gerade gelesenen Text sprechen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktich um 18 Uhr stand sie vor der Labort\u00fcr und klopfte. Mitras hatte sie wohl bereits erwartet, er \u00f6ffnete ihr relativ schnell die T\u00fcr und bat sie herein. Sie betrachtete ihn pr\u00fcfend. Er hatte Ringe unter den Augen, wenn man genau hinsah. Sie sp\u00fcrte einen Anflug von Sorge. Bestimmt waren diese Ringe auch am Anfang schon da gewesen, aber sie hatte sie nicht bemerkt, zu beeindruckt war sie von seiner Pr\u00e4senz, seinem Gesamteindruck gewesen, zu \u00e4ngstlich, zu sch\u00fcchtern. Doch jetzt sah sie sie. Was belastete ihn? War der Generator ein solches Problem? Sie setzte sich vor ihn. Diesmal hatte sie ihre Notizen in ihrem Zimmer gelassen. Die Fragen des Textes schwirrten ihr noch genug im&nbsp;Kopf, das brauchte sie nicht ablesen. Mitras setzte sich auf seinen Stuhl und schaute sie auffordernd an. Kira l\u00e4chelte ihn an. L\u00e4cheln half gegen schlechte Laune, und die hatte er offenbar, so schweigsam wie er war. &#8222;Ich habe heute das letzte Buch vor den Magieb\u00fcchern beendet, wie Sie es festgelegt haben. Es geht in &#8218;Wort und Sinn&#8216; um die Philosophie, insbesondere um den Zusammenhang unserer Sprache und unseres Denkens. Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Aufs\u00e4tze. Ich habe mir heute unter anderem den Aufsatz &#8218;Die Grenzen unserer Welt&#8216; von Ludwig Wittsein durchgelesen. Er schreibt, Grenzen, die die Bedeutung eines Wortes exakt festlegen, g\u00e4be es beinahe nie. Sie w\u00fcrden von jeder Person selber gezogen werden. Als Erg\u00e4nzung kann man sagen, dass jeder somit seine Wortbedeutungsgrenzen nach eigener Erfahrung zieht. Daraus schlussfolgert er, dass man an den Abgrenzungen und Wortinterpretationen eines Menschen erkennen kann, wie er die Welt sieht. Jemand, f\u00fcr den ein Spiel etwa mit den Begriffen &#8218;kindlich&#8216; und &#8218;unn\u00fctz&#8216; konnotiert ist, hat vermutlich eine andere Einstellung zum Verh\u00e4ltnis von Erwerbsarbeit und Vergn\u00fcgen als jemand, der das Wort Spiel mit den Begriffen &#8218;Entspannung&#8216; und &#8218;Herausforderung&#8216; in Verbindung bringt.&#8220; Kira hielt inne und wartete, ob Mitras sie korrigieren w\u00fcrde. Sie war stolz, das Wort &#8218;konnotieren&#8216; heute gelernt zu haben und hoffe, es richtig eingesetzt zu haben. Mitras nickte jedoch nur, also fuhr sie fort: &#8222;Wittsein sagt auch, dass die umgekehrte These ebenfalls gelte. Wo die Sprache endete, endete also auch die sichere, erfahrbare Welt eines Menschen und Angst und Ungewissheit tr\u00e4ten an ihre Stelle. Was man nicht ausdr\u00fccken k\u00f6nne, sei nicht erfassbar, nicht beschreibbar und daher auch nicht Teil der Welt, die wir wahrnehmen k\u00f6nnten. Was denkt Ihr dazu? Ich denke, es gibt viel in dieser Welt, was ich nicht beschreiben kann, aber deswegen ist es trotzdem da, oder?&#8220; &#8222;Das haben Sie gut erkannt. Ja, etwas beschreiben zu k\u00f6nnen, macht insbesondere das Abstrakte greifbar. Gerade Magie l\u00e4sst sich ohne magische Sinne kaum erfassen oder gar begreifen. Sie in Worte zu fassen und damit zu beschreiben, \u00e4ndert das. Dabei ist auch das sprachliche Medium entscheidend. In &#8218;Die bewegte Welt&#8216; haben Sie ja schon gesehen, wie die Mathematik zur Beschreibung der physikalischen Welt genutzt wird. Wittsein meint aber mit dem &#8218;Ende einer Welt&#8216; nicht, dass etwas, das nicht beschreibbar ist, nicht existiere. Er sagt nur aus, dass es f\u00fcr die Person, die es nicht in Worte fassen kann, nicht zur pers\u00f6nlichen Welt, quasi zu seinem Weltbild, geh\u00f6re.&#8220; Kira dachte eine Weile nach. &#8222;Jemand, der keine magischen Sinne hat, kann kaum begreifen, wie es sich anf\u00fchlt, Magie zu wirken. Wenn ich es ihm aber beschreibe, bekommt er eine Vorstellung davon und das magische Wirken wird f\u00fcr ihn nicht mehr unerkl\u00e4rlich, sondern Teil seiner Vorstellungswelt?&#8220; Mitras nickte und l\u00e4chelte. &#8222;Der Begriff &#8218;Vorstellungswelt&#8216; ist hier wichtig. Was man denkt, wie die Welt sei, ist nicht immer, wie jemand anderes die Welt sich denkt. Wir stellen uns alle vor, wie etwas ist oder zu sein hat. Etwas, von dem wir nie geh\u00f6rt haben, wof\u00fcr&nbsp;wir keine Worte haben, k\u00f6nnen wir gedanklich aber kaum verarbeiten, es kann nicht Bestandteil unserer Vorstellungen werden.&#8220; Einen Moment schwiegen sie, in Gedanken versunken. Dann sagte Kira: &#8222;Aber was ist mit Tr\u00e4umen? Ich kann ja auch nur in Bildern oder nur in Ger\u00fcchen tr\u00e4umen. Sind das nicht trotzdem Teile meiner Vorstellungswelt?&#8220; Mitras lehnte sich zur\u00fcck und runzelte die Stirn. &#8222;Hmm. Ja, ich denke schon. Wittsein geht auf diese Aspekte nicht ein, oder?&#8220; Kira sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Zumindest nicht in diesem Artikel. Ich habe bisher noch nie solche Texte gelesen oder mir \u00fcber so abstrakte Theorien Gedanken gemacht, aber ich finde es spannend.&#8220; &#8222;Das freut mich. Die Philosophie lehrt uns unter anderem, wie wir die Welt wahrnehmen, was uns dann wiederum dabei hilft neues zu verarbeiten. Dieser Bereich nennt sich deswegen Erkenntnistheorie. Wenn man den Prozess der Wissensaneignung elementar versteht, dann f\u00e4llt das Lernen an sich leichter.&#8220; Mitras wirkte nun viel gel\u00f6ster und entspannter. Er begann verschiedene Aspekte der Erkenntnistheorien zu erl\u00e4utern, und Kira h\u00f6rte ihm gespannt zu. Irgendwann klopfte Abigail an die T\u00fcr und steckte auf Mitras Aufforderung den Kopf hinein. &#8222;Ich soll fragen, ob die Herrschaften mit uns speisen wollen. William meckert, dass er das Essen nicht zu lange warm halten will.&#8220; Mitras und Kira blicken gleichzeitig zur Uhr. Es war bereits halb acht. Kira lief &#8211; mal wieder &#8211; rot an, doch Mitras l\u00e4chelte sie breit an und reichte ihr galant die Hand zum Aufstehen. &#8222;Da haben wir glatt die Zeit verschwatzt. Wir kommen sofort, Abby&#8220;. Er stand auf und half auch Kira, w\u00e4hrend Abby bereits die Treppe wieder herunter ging. &#8222;Kira, ich muss Ihnen allerdings vorher noch etwas gestehen. Mein Tag war nicht besonders erfreulich. Danke, dass Sie ihm einen so angenehmen Ausklang gegeben haben. Ihre Fragen waren klug und angemessen. Auf den Gesellschaften wird man sich bestimmt bald um Sie als Gespr\u00e4chspartnerin rei\u00dfen.&#8220; Kira, die vorher schon rot war, lief noch etwas dunkelroter an. &#8222;Danke.&#8220;, fl\u00fcsterte sie und blickte sch\u00fcchtern zur Seite. Ein solches Lob hatte sie nicht erwartet. War sie wirklich dabei, eine gebildete Frau zu werden? Blo\u00df nicht eingebildetet werden, schalt sie sich innerlich. Aber er hatte Recht gehabt, es war ein tolles Gespr\u00e4ch gewesen. Besser als Mathe. Oh, Mathe. Das h\u00e4tte sie ja eigentlich auch machen sollen. Sie blickte zu Mitras, der hinter ihr die Treppe herunter ging. Er schien nicht daran gedacht zu haben. Schnell drehte sie sich wieder nach vorne und grinste. Erstens, ihr Magister war doch nicht so perfekt durchgeplant, wie er erschien, und zweitens, kein Mathe heute. Perfekter Tag, auf jeden Fall!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Essen ging Kira schon bald auf ihr Zimmer. Sie wollte den Brief an Adrian weiter schreiben. William hatte den Tisch abgedeckt und hatte sich dann verabschiedet, er wolle seine Schwester besuchen. Mitras war in seinen Gem\u00e4chern, er bereitete das Laden des Generators vor. Abigail und Tobey waren das ganze Abendessen hindurch am Sch\u00e4kern gewesen und hatten sich dann schnell verabschiedet. William hatte auf Kiras verbl\u00fcfften Blick schmunzelnd erkl\u00e4rt, dass die beiden sich an diesem Tag vor 24 Jahren kennengelernt h\u00e4tten, und dieses Ereignis stets jedes Jahr wieder feierten. Kira beneidete sie um ihre Ehe, die anscheinend von Liebe und Zuneigung gepr\u00e4gt war, auch wenn sie den lockeren Umgang der beiden manchmal befremdlich fand. Vielleicht auch spannend. Vielleicht sollte sie mal mit Abigail \u00fcber Sex reden? Die Haush\u00e4lterin konnte ihr vermutlich positivere Erfahrungen berichten. Kira verwarf den Gedanken allerdings rasch wieder. Warum sollte sie sich dar\u00fcber Gedanken machen?<br>Sie fischte sich den Brief aus der Schublade und las die letzten Zeilen noch einmal, ehe sie ihn fortsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Stell dir vor, deine kleine Schwester wird vornehm. Heute habe ich sogar ein Lob meines Magisters bekommen, er fand n\u00e4mlich das Gespr\u00e4ch zur Philosophie mit mir interessant. Wahrscheinlich klingt das jetzt schrecklich eingebildet, aber es war tats\u00e4chlich spannend, sich mit ihm zu unterhalten.<br>Wie l\u00e4uft es in Bispar? Gr\u00fc\u00dfe Nathalia von mir. Ich hoffe, es geht euch allen gut und deine Winterreise hat sich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Liebe, Kira<\/p>\n\n\n\n<p>Sie las den Brief noch einmal, nickte dann zufrieden und faltete ihn klein. Morgen war Schengstag. Sp\u00e4testens am Uldumstag wollte sie ja wieder in die Stadt, sie w\u00fcrde nur bis dahin herausfinden m\u00fcssen, wo die Post ihre n\u00e4chste Station hatte und was ein Brief nach Bispar kosten w\u00fcrde. Ein Geschenk w\u00fcrde sie immer noch schicken k\u00f6nnen, wenn sie etwas mehr Geld angespart hatte. Sie g\u00e4hnte. Der Tag war durchaus anstrengend gewesen, merkte sie. Das ganze Sitzen am Schreibtisch war auch ungewohnt. Normalerweise bewegte sie sich ja viel mehr. Sie \u00fcberlegte, dass sie vielleicht ab morgen vor dem Fr\u00fchst\u00fcck eine kleine Runde spazieren gehen sollte. Wenn man sich zu lange nicht bewegte, rostete der K\u00f6rper ein, wusste sie aus der Schule und von Bruder Harras. Regelm\u00e4\u00dfige Bewegung ist wichtig. Au\u00dferdem w\u00fcrde sie dann etwas mehr von der Gegend sehen. Zufrieden mit diesem Plan zog sie sich aus, b\u00fcrstete sich noch einmal vor dem Spiegel die Haare, zog dann ihren Schlafanzug an und ging schlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kira hatte den Tag mit der Lekt\u00fcre von &#8222;Wort und Sinn&#8220; verbracht. Sie brannte darauf, mit Magister Mitras zu reden, denn immerhin ging es dabei ja ums Reden. Zum Ersten Mal seit ihrem Eintreffen hatte sie nicht das Gef\u00fchl, am Abend zu einer Pr\u00fcfung zu m\u00fcssen, sondern f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch verabredet zu sein. 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