{"id":69,"date":"2024-06-02T15:35:45","date_gmt":"2024-06-02T15:35:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=69"},"modified":"2024-05-21T15:36:27","modified_gmt":"2024-05-21T15:36:27","slug":"uldum-im-winter-22-lunet-242-silenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/06\/02\/uldum-im-winter-22-lunet-242-silenz\/","title":{"rendered":"Uldum im Winter &#8211; 22. Lunet 242 (Silenz)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mitras erwachte am n\u00e4chsten Morgen v\u00f6llig erholt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so gut geschlafen hatte und fr\u00fch war es auch noch. Seine Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor acht Uhr war. Gegen 10 Uhr w\u00fcrde seine Schwester vorbei kommen. Sie wollten endlich den vor zwei Wochen abgesagten Ausflug nachholen. Er hatte eine gr\u00f6\u00dfere Kutsche f\u00fcr sie alle gemietet und es sollte in dieser ein St\u00fcck den Corvio hinauf gehen. Dort gab es ein kleines Dorf namens Raa mit einem netten, kleinen Gasthof.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Er machte sich fertig und ging runter. William war gerade dabei, einen Picknickkorb f\u00fcr die kleine Reise vorzubereiten. &#8222;Ha, guten Morgen, da ist ja jemand fr\u00fch. Als ich die Treppe geh\u00f6rt habe, hab ich eher mit Kira gerechnet. Du bist ja schon ewig nicht mehr so fr\u00fch auf den Beinen gewesen.&#8220; &#8222;Ja, so ein bisschen magische Erholung kann schon einiges bewirken.&#8220;, erwiderte Mitras zufrieden. Er nahm sich einen Becher Tee und setzte sich. &#8222;Ein bisschen Erholung? Mitras, ich wei\u00df nicht was du da getan hast, aber du siehst fast f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger aus, also eigentlich schon eher zehn, so verbraucht wie du die letzten Wochen warst.&#8220; &#8222;Ich wei\u00df eigentlich gar nicht so genau, was ich getan habe. Als ich die Menge an Magie in mir hatte, kam mir spontan dieser Zauber wieder in den Sinn. Wir haben ihn in der Heilungsklasse im letzten Semester behandelt. Das war quasi unsere Abschlusspr\u00fcfung in dem Block. Ein unglaublich schwer durchzuf\u00fchrendes Ritual. Bei den Geistern, was haben wir uns damals dar\u00fcber aufgeregt, dass so ein bisschen Erholung so anstrengend erreicht wird, zumal wir ja deutlich einfachere Zauber kannten. Aber unser Lehrer meinte nur, dass wir schon fr\u00fch genug merken w\u00fcrden wof\u00fcr der Zauber gut ist.&#8220; &#8222;Ha, wof\u00fcr er gut ist kann ich dir sagen Junge. Du siehst aus wie 25. Keine einzige Falte ist mehr da. Du spr\u00fchst f\u00f6rmlich vor Energie. Gestern Mittag h\u00e4tte dich noch jeder f\u00fcr einen \u00fcberarbeiteten 40 j\u00e4hrigen gehalten und jetzt siehst du aus wie so ein \u00fcbereifriger J\u00fcngling. Und \u00fcberhaupt, einfach so eingefallen, sonst musst du doch auch f\u00fcr jeden Schnitt und jeden blauen Fleck nochmal in dein kleines B\u00fcchlein schauen.&#8220; &#8222;Ich&#8230; ich wei\u00df es nicht, der Zauber war einfach pl\u00f6tzlich wieder in meinem Ged\u00e4chnis. Ich wusste genau was zu tun ist. Er war halt einfach wieder da. Aber jetzt k\u00f6nnte ich dir nicht einmal mehr die erste Silbe nennen. Ich sollte den Zauber aber wohl doch nochmal nachschlagen und f\u00fcr die Zukunft genauer studieren.&#8220; Mitras merkte, dass William das Ganze nicht geheuer war. Aber im Moment war er einfach viel zu dankbar \u00fcber die Verbesserung seines Zustandes,um sich dar\u00fcber gro\u00dfartig Sorgen zu machen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In diesem Moment \u00f6ffnete sich die T\u00fcr und Kira kam herein. Sie trug ein bequemes Hauskleid, vermutlich noch aus ihrem eigenen Bestand, und ihre Haare standen zerstrubbelt vom Kopf ab. Eine Locke machte einen vorwitzigen Kringel \u00fcber ihre Stirn und erweckte den Eindruck, sie h\u00e4tte ein magisches Symbol dorthin gemalt. Als sie Mitras sah, zuckte sie zusammen und lief rot an. &#8222;Oh, Magister&#8230;\u00e4h&#8230; Mitras!&#8220; &#8222;Guten Morgen. William hatte schon mit dir gerechnet.&#8220; sagte er freundlich l\u00e4chelnd. Er f\u00fchlte sich gro\u00dfartig. &#8222;\u00c4h, ja, guten Morgen.&#8220; Sie griff nach oben, wischte sich die Locke aus der Stirn und k\u00e4mmte dann mit der Hand durch ihre Haare, um sie zu einem Zopf zu greifen und so etwas mehr Ordnung hinein zu bringen. Der Versuch war allerdings wirkungslos, ihre leichten Locken sprangen sofort wieder in ihre wilde Form zur\u00fcck, sobald sie los lies. &#8222;Ich, \u00e4h, ich wollte mir nur kurz mein Fr\u00fchst\u00fcck holen&#8230;&#8220; Sie blickte an sich herunter. Ganz offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass er schon wach war. Er am\u00fcsierte sich innerlich, fragte sich aber auch, warum es f\u00fcr sie einen Unterschied machte, ob er oder William sie sah. &#8222;Setz dich doch zu uns, es ist zwar noch etwas fr\u00fch, aber William bekommt sicher auch auf die Schnelle etwas hingezaubert.&#8220; Er blickte kurz raus und sah, dass die Sonne langsam aufging. Es versprach ein klarer, aber auch kalter Tag zu werden. &#8222;William, haben wir eigentlich noch Kakao da?&#8220; &#8222;Muss ich kurz nachsehen.&#8220;, sagte dieser und verschwand um die Ecke und die Treppe zum Keller hinunter. &#8222;Ich glaube, ich muss mich dann erst frisch machen.&#8220; Ehe er etwas sagen konnte, war Kira bereits wieder zur T\u00fcr hinaus. William kam wieder hoch und sagte: &#8222;Da ist tats\u00e4chlich noch reichlich. Nanu, wo ist Kira denn hin verschwunden?&#8220; &#8222;Tja, sie wollte sich dann doch noch erst frisch machen und ist regelrecht geflohen.&#8220; William sah etwas verdutzt aus. &#8222;Sonst st\u00f6rt sie das doch auch nicht so.&#8220;, wunderte er sich. Und auch Mitras verstand sie nicht so recht. Aber gut, es war ja noch Zeit. &#8222;Nun gut, William, wir brauchen hei\u00dfe Milch. Ich helfe dir eben.&#8220; Mit Magie w\u00fcrde es definitiv schneller gehen, Milch kochen war l\u00e4stig und h\u00e4tte Williams ganze Aufmerksamkeit erfordert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es dauerte tats\u00e4chlich eine Weile, in der er William half, den Tisch ganz zu decken, und auch Abby von drau\u00dfen herein kam, bis Kira wieder auftauchte, diesmal in dem taillienbetonten gr\u00fcnen Kleid mit den Kn\u00f6pfen. Ihre Haare waren nun geb\u00fcrstet und so,wie er es bei ihr kannte, zu einem Zopf geflochten. Sie trug die Ohrringe, die er ihr gestern geschenkt hatte und wenn er sich nicht irrte, hatte sie sich sogar ein ganz wenig geschminkt. Oder waren ihre Wimpern immer so lang und dunkel und er hatte es aufgrund der M\u00fcdigkeit nur bisher nie bemerkt? Sie sah h\u00fcbsch aus, und Mitras war sehr mit sich selbst zufrieden &#8211; er hatte sie tats\u00e4chlich gut ausgestattet, nun sah sie ganz wie eine edle Dame aus, das M\u00e4dchen vom Dorf war kaum noch zu sehen. Nur ihre Bewegungen, ihre Nat\u00fcrlichkeit zeigten noch, dass sie nicht in einem Adelshaus aufgewachsen war. Er fand, dass sie nun eine gute Mischung mit dem besten aus beiden Welten darstellte und war stolz auf den Fortschritt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u200b\u200b\u200b\u200b\u200b\u200b\u200b<\/em>Um halb zehn kam Federieke. Kira hatte einige M\u00fche gehabt, ihre Peinlichkeit, am fr\u00fchen Morgen nur halb angezogen Mitras begegnet zu sein, zu \u00fcberwinden, aber da niemand weiter dar\u00fcber gesprochen hatte, hatten sie ein nettes Fr\u00fchst\u00fcck verbracht. Anschlie\u00dfend hatte Mitras, der ausgesprochen fr\u00f6hlich wirkte, sie noch auf eine Partie Dame in den Wintergarten gebeten. Kira war gespannt, was die Reise heute ergeben w\u00fcrde und geno\u00df das Reden und Spielen mit Mitras. Vielleicht lag es am L\u00e4cheln, vielleicht auch, dass die Ringe unter seinen Augen verschwunden waren, auf jeden Fall wirkte er so viel j\u00fcnger und lebendiger, und sie erwischte sich einige Male dabei, ihn beinahe anzustarren, w\u00e4hrend er in das Spiel vertieft war. Ihr fiel auf, dass er ziemlich lange Wimpern hatte. Bisher hatte sie sich eigentlich immer nur auf seine so unglaublich blauen Augen konzentriert, die sie so faszinierend fand, doch nun betrachtete sie auch sein restliches Gesicht und bemerkte, dass seine Haare langsam l\u00e4nger wurden, die Str\u00e4hne an der Schl\u00e4fe fiel ihm schon fast bis in die Augen, und dass er ein bisschen Stoppeln auf den Wangen hatte, als h\u00e4tte er sich zwei Tage nicht mehr rasiert. Sie widerstand der Versuchung, \u00fcber seine Wangen zu streichen und senkte rasch den Blick, als er aufblickte und sie ansah. Dass sie dabei etwas rot wurde, konnte sie nicht verhindern, aber sie hoffte, er hatte sonst nichts bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kira schien w\u00e4hrend der Partie abgelenkt gewesen zu sein. Jedenfalls hatte er einen leichten Sieg errungen, was ungew\u00f6hnlich war. Eigentlich spielte sie sehr gut. Er hoffte, dass es nicht am Transfer lag, aber sonst machte sie einen gesunden Eindruck. Als seine Schwester eintraf, waren sie gerade wieder in der K\u00fcche und nahmen von William den Proviant in Empfang. Es w\u00fcrde zwar in dem Gasthof ein gutes Mittagessen geben, aber bei solchen Temperaturen schadete es nicht, genug dabei zu haben. Abby hatte Frederieke an der T\u00fcr in Empfang genommen und brachte sie zu ihnen in die K\u00fcche. &#8222;Guten Morgen Frederike, hast du die Kleinen doch zu Hause gelassen?&#8220;, begr\u00fc\u00dfte er sie und umarmte sie schwungvoll. &#8222;Guten Morgen, ja es war dann doch zu kalt. Ein anderes Mal nehme ich sie dann gerne mit. Aber heute bleiben sie bei ihrem Kinderm\u00e4dchen. Aber du siehst irgendwie ver\u00e4ndert aus, so richtig erholt, schon fast wieder jung. Was ist geschehen?&#8220; fragte sie etwas misstrauisch dreinblickend. Mitras lachte: &#8222;Thadeus hat mir einen gro\u00dfen Gefallen getan.&#8220; Frederieke sah ihn verwundert und skeptisch an und Mitras f\u00fcgte erkl\u00e4rend hinzu: &#8222;Er hat mir Kira geschickt. Wir haben festgestellt, dass sie ein, sagen wir, \u00fcberdurchschnittliches magisches Potential hat und es auch nutzen kann. Sie hat mir angeboten mich durch Magietransfer beim Generator&nbsp;zu unterst\u00fctzen. Gestern haben wir das einmal getestet und, was soll ich sagen, es hat wunderbar funktioniert. Mit der Magie konnte ich dann einen recht komplexen Erholungszauber wirken und bin nun wieder wie neu. Solange Thadeus das nicht rausbekommt, ist das also ein echtes Geschenk von ihm &#8211; wenn er w\u00fcsste, was sie kann, w\u00fcrde er bestimmt versuchen, ihr zu schaden.&#8220; Frederieke sah verwundert zu Kira her\u00fcber, die mittlerweile wieder einmal tiefrot angelaufen war, blickte dann wieder ihn an, nur um sich dann auf Kira zu st\u00fcrzen und sie jubelnd in den Arm zu nehmen. &#8222;Ich danke dir, du machst dir ja keine Vorstellungen, wie sehr wir schon alle in Sorge um ihn waren. Aber geht es dir denn auch gut? Ich verstehe das Ganze zwar nicht, aber sag mir bitte, dass du dabei jetzt nicht an seiner Stelle zu Schaden kommst, auch ohne Thadeus.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira war von Frederiekes pl\u00f6tzlichem Ausbruch v\u00f6llig \u00fcberrascht. Langsam war es regelrecht unangenehm, wie sehr alle sie lobten. Dabei hatte sie doch nur ein bisschen geatmet. Als ob atmen ein Problem w\u00e4re. Verlegen schob sie Frederieke von sich. &#8222;Mir geht es gut, das ist nicht schwierig. Ich hab wohl eine Begabung daf\u00fcr. Oder so.&#8220; Sie l\u00e4chelte verlegen, als sie sah, wie Frederieke sich einige Tr\u00e4nen aus den Augen wischte. Ein Teil von ihr war irre stolz, doch der andere Teil fand den ganzen Wirbel um das bisschen helfen peinlich. &#8222;Bisher hatte ich nur eine Begabung, Probleme zu schaffen. Also ist das wohl der Ausgleich, den die Geister mir mitgegeben haben, dass ich meinem&#8230; \u00e4h, Mitras helfen kann.&#8220; Beinahe h\u00e4tte sie &#8222;meinem Freund&#8220; gesagt, aber das klang irgendwie falsch. Mitras hatte ihr zwar das Du und die Freundschaft angeboten, aber die Bezeichnung war so doppeldeutig. Warum gab es eigentlich keine Unterscheidung zwischen einem normalem Freund und einem festen Partner? Frederieke dr\u00fcckte sie noch einmal an sich. &#8222;Ich bin dir so dankbar. Alle in meiner Familie sind dir dankbar. Falls du je etwas brauchst, wir werden dir jederzeit helfen!&#8220; Kira schaute, immer noch verlegen, sie pr\u00fcfend an, doch sie schien wirklich zu meinen, was sie sagte. &#8222;Ich bekomme doch schon alles von Mitras. Und euer Vater hat diese Ohrringe f\u00fcr mich ausgesucht. Eure Familie ist so gut zu mir, da ist es nur nat\u00fcrlich, dass ich auch helfe.&#8220; Frederieke lachte. &#8222;Hmmmm, Mitras, falls du jemals heiraten willst, nimm bitte sie. Hilfreich und bescheiden!&#8220; Kira hatte das Gef\u00fchl, leicht \u00fcberfahren zu werden. Mitras &#8211; sie heiraten? Sie wollte doch gar nicht heiraten! Andererseits, Mitras&#8230;. sie sp\u00fcrte, dass ihr Herz etwas schneller klopfte und ihr das Blut bis in die Ohrenspitzen stieg. &#8222;Aber Frederieke, mach dich nicht l\u00e4cherlich. Ich bin \u00fcber 30 und damit doch schon viel zu alt zum Heiraten. Die Kutsche ist schon vor f\u00fcnf Jahren abgefahren!&#8220;, wehrte Mitras ab. Kira brauchte einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten. Nat\u00fcrlich war ihr klar gewesen, dass Mitras \u00e4lter als sie war, aber \u00fcber 30? Gerade heute sah er eher wie 25 aus. Sie sp\u00fcrte, wie etwas in ihr ein bisschen herabfiel, ganz dunkel wurde. \u00dcber 30&#8230; und sie war gerade erst 18. Mit so einer jungen Frau w\u00fcrde er sich sicher nicht zufrieden geben. Beinahe wirkte es f\u00fcr sie, als sei er, der doch eh schon fast unerreichbar \u00fcber ihr stand, noch etwas mehr in die Ferne ger\u00fcckt. Wahrscheinlich sah er in ihr nur ein junges, unerfahrenes Ding. Sie k\u00f6nnte ja fast seine Tochter sein. Ihr eigener Vater war auch erst letztes Jahr 40 geworden. Frederieke schnaubte. &#8222;Ach, und Nathanael?&#8220; Mitras winkte ab, w\u00e4hrend er zur T\u00fcr ging. &#8222;Das war seine zweite Ehe, das gilt nicht!&#8220;&nbsp;&#8222;Ja, aber da war er schon \u00fcber 60 oder so! Und wir beide waren da noch nicht einmal geboren, Herr Magier!&#8220; Frederieke eilte hinter ihrem Bruder hinterher. Kira folgte ihnen langsam und versuchte, diese neue Information zu verarbeiten. Mitras war \u00fcber 30. Nathanael war vor seiner Geburt schon 60 gewesen? Das hie\u00df, Nathanael war jetzt \u00fcber 90? Er sah h\u00f6chstens wie 55 aus! Magier lebten offenbar deutlich l\u00e4nger und sie blieben l\u00e4nger jung. Sie war so in Gedanken \u00fcber diese Tasache versunken, dass sie in Frederieke hinein lief, die vor der Kutsche stehen geblieben war. &#8222;Oh, Entschuldigung!&#8220; &#8222;Kein Problem.&#8220; Frederieke drehte sich zu ihr um. &#8222;Alles gut?&#8220; &#8222;Ja, alles in Ordnung.&#8220; Kira deutete auf die T\u00fcr der Kutsche, die Mitras ihnen offen hielt, und gemeinsam stiegen sie ein. Die Kutsche war offenbar f\u00fcr Winterfahrten bestens ger\u00fcstet: Es lagen Kissen und weiche Decken auf den Sitzb\u00e4nken, die gro\u00df genug waren, dass vier, vielleicht sogar sechs Personen h\u00e4tten dort sitzen k\u00f6nnen. Die gro\u00dfen Fenster zu beiden Seiten und nach hinten heraus waren verglast, so dass der Wind nicht hinein wehen konnte, und es gab auch Vorh\u00e4nge. Mitras setzte sich mit dem R\u00fccken zur Fahrtrichtung auf die Bank und deutete auf die Bank vor sich. &#8222;Setzt euch am besten dort hin, da kann man gut gucken.&#8220; Neugiergig setzte sich Kira neben Frederieke, Mitras schlo\u00df die T\u00fcr und klopfte dann leicht an die Wand hinter sich, woraufhin der Kutscher die Pferde antrieb. Sie fuhren zur Altstadt, am Palast vorbei und dann wieder \u00fcber eine Br\u00fccke \u00fcber den Corvio. Eine Weile folgte die Stra\u00dfe dem Flu\u00dflauf zwischen den H\u00e4usern, dann bog sie an der Stadtgrenze vor einer etwas steileren Felsklippe wieder zum Flu\u00df hin und \u00fcber eine breite Br\u00fccke wieder auf die n\u00f6rdliche Seite des Flusses, der unter ihnen in einem felsigen Bett pl\u00e4tscherte. Eiszapfen hingen an den \u00c4sten, die hier und da von den Felsen um das Flussbett herum ins Wasser ragten, und an einigen Stellen hatten sich richtige Eisschollen aufgeschoben. Fasziniert sah Kira nach Osten, w\u00e4hrend sie \u00fcber die Br\u00fccke fuhren. Der Corvio hatte dort in die Klippe eine kleine Schlucht gegraben, in der im Schein der Sonne das Eis glitzerte. &#8222;Es ist ungew\u00f6hnlich, dass es diesen Winter so viel Eis gibt.&#8220;, sagte Frederieke. &#8222;Normalerweise ist es w\u00e4rmer, aber dieser Winter hat viele kalte Tage.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>W\u00e4hrend sich Kira und Frederieke angeregt \u00fcber den Winter unterhielten, blickte Mitras gedankenversunken auf die Landschaft. Es war schon eine Weile her, seit er Uldum das letzte Mal verlassen hatte. Nun lag auch der Rand der Stadt hinter ihnen. Er blickte gen S\u00fcden \u00fcber den Flu\u00df aufs tiefer liegende Land. Nach Norden war die Aussicht weit weniger spannend, da die Landschaft recht schnell zum Hochplateau hin aufstieg. Bis zu ihrem Ziel w\u00fcrde sich das aber auch \u00e4ndern. W\u00e4hrend der Avens direkt aus dem Hochland herabfloss, kam der Corvio in einem leichten Schwung aus einem niedrigeren Teil der Hochebene. Aber hier kurz vor Uldum war der H\u00f6henunterschied zwischen Nord- und S\u00fcdufer noch recht gro\u00df. Im Sommer w\u00fcrde er nach S\u00fcden \u00fcber ein Meer aus terrasierten Feldern blicken, die von einzelnen kleinen Waldflecken unterbrochen wurden. Jetzt waren die Terrassen abgeernet und die B\u00fcsche kahl, nur einzelne Nadelgeh\u00f6lze ragten noch gr\u00fcn aus der ansonsten wei\u00dfen Landschaft hervor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Frederieke hatte schon recht. Der Blick in den Spiegel hatte ihm gezeigt, dass er mit dem Zauber nicht blo\u00df die Ersch\u00f6pfung abgesch\u00fcttelt hatte. Alle Altersspuren der letzten zwei, sehr anstrengenden Jahre waren wie weg gewischt. Erst gestern Morgen hatte er noch betr\u00fcbt auf wachsende F\u00e4ltchen in den Augenwinkeln geblickt und nun war sein Gesicht wieder glatt, fast schon jugendlich. Er hatte diesen Zauber nur spontan aus einer Idee heraus gewirkt ohne richtig absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wie&nbsp;er wirken w\u00fcrde. Das letzte Mal hatte er ihn w\u00e4hrend der Ausbildung angewandt und damals erschien ihm der Aufwand viel zu gro\u00df f\u00fcr eine viel zu kleine Wirkung. Aber damals war er auch komplett ausgeruht und fit gewesen. Nun verstand er die Bedeutung dieses Zaubers und seine Tragweite. Und ja, Nathanael hatte schon dreimal l\u00e4nger gelebt, als er selbst. 103 Jahre z\u00e4hlte er nun schon und wirkte doch als w\u00e4re er in seinen 50ern.&nbsp;Nat\u00fcrlich war ihm immer schon bewusst gewesen, dass er als Magier l\u00e4nger leben w\u00fcrde. Etwas traurig beobachtete er Frederieke. Er w\u00fcrde sie vermutlich um etliche Jahre \u00fcberleben. Vielleicht konnte er den Zauber auch auf sie anwenden, vielleicht auch auf seine Eltern, aber er w\u00fcrde weniger effektiv sein, f\u00fcrchtete er. Kiras Energiespende k\u00f6nnte ihm aber auch hier helfen. Er beobachtete Kira, die sich umgedreht hatte und mit Frederieke zusammen auf der Bank kniete, um aus dem r\u00fcckw\u00e4rtigen Fenster schauen zu k\u00f6nnen. Ihre roten Haare hatten sich teilweise aus dem Zopf gel\u00f6st und ringelten sich \u00fcber den blauen Stoff ihres Mantels. Sie leuchteten dadurch deutlich r\u00f6ter, als er es am Anfang wahrgenommen hatte. Oder war es das Licht hier drau\u00dfen? Er sp\u00fcrte tiefe Dankbarkeit und Zuneigung f\u00fcr sie, und f\u00fcr einen Moment hatte er fast das Gef\u00fchl, wieder den Geschmack von Karamell im Mund zu haben. Er leckte sich \u00fcber die Lippen und l\u00e4chelte gl\u00fccklich.&nbsp;Vielleicht war eine Heirat doch eine Option. Aber mit Kira, seiner Sch\u00fclerin? Gab es da nicht diese uralte Geschichte von Nathanaels erster Frau? Und auch wenn es selten vorkam, es bandelten immer mal wieder Magier und Magierinnen mit ihren Discipuli an? Einen Moment lang betrachtete er versonnen ihren R\u00fccken, dann setzte sein Gewissen ein. Was dachte er da eigentlich? Sie war noch so jung und sicher nicht an ihrem Mentor interessiert. Sich ihr aufzudr\u00e4ngen war defintiv das letzte, was er wollte. Disziplin, Mitras, mahnte er sich selbst. Disziplin. Das hat sie verdient, nach ihrer Hilfe nun besonders.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie waren etwa zwei Stunden unterwegs und kamen dann zu einem Gasthof, der auf einem kleinen H\u00fcgel oberhalb des Corvio lag. Am Fu\u00dfe des H\u00fcgels schmiegte sich ein kleines Dorf beidseitig an die H\u00e4nge zum Corvio, und Kira bestaunte die Terrassen, die zahlreich ringsherum auf den H\u00fcgeln angelegt waren. Frederieke versprach ihr, dass sie im Fr\u00fchling nochmal hier heraus fahren w\u00fcrden. Vom Gasthof aus konnte man durch eine Fensterscheibe weit in Richtung S\u00fcden sehen, wo die H\u00fcgellandschaft sich noch ein St\u00fcck weit zog und dann am Horizont weiter abfiel. Kira wusste, dass im S\u00fcden das gro\u00dfe Tal des Avens lag, in dem es immer mehr Wald gab, sogar richtigen Urwald, und das letztendlich den \u00dcbergang zum Nachbarland Rigar darstellte. Eigentlich war es mehr das Ende des Hochlandes als ein einziges Tal, aber alle nannten es &#8222;Tal&#8220;, weil sich das Hochland \u00f6stlich und westlich davon weiter nach S\u00fcden hinzog und es auf der Karte von Anotal eben fast wie ein gr\u00fcner Vorsto\u00df in die braune Hochebene aussah. Im Gasthof a\u00dfen sie zu Mittag und anschlie\u00dfend f\u00fchrte Mitras sie auf einem kleinen, gut begehbaren Pfad durch die winterliche Landschaft, ein kleines St\u00fcck am Corvio entlang und dann in einem Bogen durch ein W\u00e4ldchen. Obwohl es ungewohnt war, so viel zu laufen nach den vier Wochen in der Stadt und davor eingesperrt in ihrem Zimmer, sp\u00fcrte Kira, wie die klare, kalte Luft, das Sonnenlicht, das Raunen des Wassers und der B\u00e4ume um sie herum sie mit Energie und Freude erf\u00fcllten. In einem unbeobachteten Moment &#8211; Mitras und Frederieke waren ein St\u00fcck voraus gegangen &#8211; strich mit der Hand \u00fcber die Rinde eines der alten B\u00e4ume und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Stamm, so wie sie es in Bispar im Moor oft getan hatte. Der Geruch war anders, das Gef\u00fchl war anders, aber etwas darin war doch vertraut. Vorsichtig \u00f6ffnete sie ihre neu erwachten magischen Sinne und atmete die Luft um sich bewusster ein, sp\u00fcrte, wie die Magie klar und rein in sie flo\u00df, st\u00e4rker noch als in Mitras Labor, vertrauter irgendwie und doch fremd, wie diese Landschaft und der Wald. Sie sp\u00fcrte Gl\u00fcck und auch ein wenig Traurigkeit, sie vermisste die heimischen W\u00e4lder. Die Magie hier in diesem W\u00e4ldchen war ebenso wie die Magie in der N\u00e4he des Avens leichter zu greifen, auch klarer, aber sie war nicht so kalt und nicht so schwierig zu halten. Sie umarmte den Baum und lie\u00df die Magie, die sie genommen hatte, langsam wieder abflie\u00dfen, bis sie wieder auf dem nun schon vertrauter gewordenem Grundniveau war. Fast schien es ihr, als w\u00fcrde der Baum sich etwas strecken, doch das war vermutlich nur der Wind, der in diesem Moment aufkam. Mitras rief nach ihr, und sie beeilte sich, den beiden hinterher zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend sie zur\u00fcckfuhren, wurde es drau\u00dfen bereits dunkel. Sie a\u00dfen etwas von Williams Proviantkorb und Frederieke erz\u00e4hlte ihr von ihren Kindern. Einzelne Lichter von D\u00f6rfern funkelten in den H\u00fcgeln und der klare Sternenhimmel zeigte sogar das ganze Sternenband, ehe Lunet und Lunar aufgingen und die Winterlandschaft in ein bl\u00e4ulich-wei\u00dfes Licht tauchten. Sie betrachtete die beiden Monde. Frederieke hatte sich an ihren Bruder angelehnt und war einged\u00f6st und Mitras schwieg schon den gr\u00f6\u00dften Teil des Ausfluges. Er wirkte entspannt und ruhiger, als sie ihn kannte. Kira schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie bei ihrer ersten Begegnung ihn als abweisend und bedrohlich wahrgenommen hatte. Nun wirkte er stark, m\u00e4chtig auf sie, aber \u00fcberhaupt nicht bedrohlich, eher etwas zu sehr anziehend f\u00fcr die Tatsache, dass sie ja eigentlich gerade erst der Gefahr einer Heirat und der Tatsache, sich einem Mann als Ehefrau unterordnen zu m\u00fcssen, entkommen war. Innerlich dankte sie den Geistern erneut f\u00fcr ihr Talent, das ihr offenbar nicht nur die Freiheit geschenkt hatte, sondern sie auch zu einer Hilfe f\u00fcr die Menschen werden lies, die nett zu ihr gewesen waren. Dieser Zauber, den Mitras da angewandt hatte&#8230;. interessiert betrachtete Kira sein halb abgewandtes Gesicht im Mondlicht. Sicherlich war dieser Zauber der Grund, warum Magier l\u00e4nger lebten. Ob er den wohl auch auf Bruder Harras wirken konnte? Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn der Priester noch etwas l\u00e4nger leben k\u00f6nnte. Ohne ihn w\u00e4re das Leben in Bispar f\u00fcr sie wahrscheinlich unertr\u00e4glich gewesen. Sie beschlo\u00df, Mitras zu fragen. Andererseits konnte sie den Zauber in einigen Jahren vermutlich auch selber. Sie hoffte nur, Bruder Harras w\u00fcrde bis dahin nichts passieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie erreichten Uldum gerade passend zum Abendessen, vor dem sich Frederieke allerdings mit einigen innigen Umarmungen verabschiedete &#8211; sie wollte mit ihren Kindern gemeinsam essen. William hatte in der K\u00fcche eine Platte mit belegten Broten und geschnittenem Gem\u00fcse hingelegt samt eines Zettels, dass er seine Schwester besuchen gegangen war. Gemeinsam mit Abby und Tobey a\u00dfen sie zu Abend, dann verabschiedeten auch die beiden sich und gingen her\u00fcber ins Gesindehaus. Mitras sa\u00df einen Moment lang in seinem Stuhl und betrachtete den letzten Schluck Wein, den er noch im Glas hatte. &#8222;Mitras?&#8220; Er blickte auf. &#8222;Soll ich, hmm, meine Magierrobe anziehen f\u00fcr das Laden des Generators?&#8220; Er blickte sie einen Moment lang an, dann nickte er. &#8222;Mach dich ruhig frisch und zieh die Robe an, das ist vermutlich bequemer als das Korsett.&#8220; Erleichtert ging sie nach oben, um sich umzuziehen und traf Mitras danach im Esszimmer wieder an. Auch er hatte sich umgezogen und trug jetzt seine eigene Magierrobe, die sie noch nie an ihm gesehen hatte. Sie war vermutlich ebenfalls von Abby gen\u00e4ht, der Schnitt sa\u00df perfekt. Der Stoff war dunkelblau und mit silbernen Stickereien verziert, die von den S\u00e4umen aus geometrische Muster bildeten, die sie ein wenig an wachsende Kristalle erinnerten. Auf jeden Fall passte diese Robe wirklich gut zu ihm. Sie zogen sich M\u00e4ntel \u00fcber und gingen schweigend durch den mondbeschienen Garten zum Generatorhaus hin\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatte das Geb\u00e4ude bisher noch nie betreten. Mitras schloss eine kleinere T\u00fcr im gro\u00dfen Tor auf und bat sie herein. Im Inneren war das Geb\u00e4ude in mindestens zwei R\u00e4ume aufgeteilt, aus dem Hauptraum, in dem sie sich jetzt befanden, war aber nicht ersichtlich ob es nur einen oder doch mehrere Zimmer im hinteren Teil gab. Jedenfalls f\u00fchrte nur eine T\u00fcr weiter ins Geb\u00e4ude hinein. Der Raum war recht warm, obwohl hier keine Heizsteine standen, und hell erleuchtet. Im hinteren Teil des Raumes standen mehrere fassartige Gebilde in die Kabel hinein und auch wieder hinaus f\u00fchrten und weitere Ger\u00e4te mit gro\u00dfen aufgewickelten Ringen aus Draht, sie vermutete Kupfer, die regelrecht summten. Mitras best\u00e4tigte es ihr auf ihre Nachfrage hin und erkl\u00e4rte, dass man diese Teile Kupferspulen nannte. Der Generator selbst war ein etwa 1,5 Meter hohes Ger\u00e4t, dass ebenfalls aus mehreren Spulen, die&nbsp;um eine&nbsp;lange R\u00f6hre herum gewickelt waren, bestand. Diese R\u00f6hre, erkl\u00e4rte Mitras, sei die F\u00fchrung, in der der Elektrumstab vor und zur\u00fcck bewegt werden musste. Sie konnte von den Seiten hineinschauen und sah das silbrig-blaue Elektrumst\u00fcck. Ein Eisengitter um den ganzen Generator sollte das Elektrum auffangen, falls der Zauber au\u00dfer Kontrolle geriet. Vor dem Generator hatte Mitras einen mit silbernen Linien bestickten dicken Tepich ausgelegt und darauf bereits zwei Sitzkissen drapiert. Sie setzen sich hin und Kira sp\u00fcrte, wie ihr Herz etwas schneller klopfte, als Mitras sie freundlich anl\u00e4chelte und die \u00c4rmel seiner Robe nach oben schob. &#8222;Bereit?&#8220; Sie nickte. Schon gestern war es ihr schwer gefallen, sich auf das Magiesammeln und langsame Loslassen zu konzentrieren &#8211; das Gef\u00fchl seiner H\u00e4nde auf ihrer Haut hatte sie abgelenkt. Heute sah er zudem auch noch zu umwerfend gut aus&#8230; Sie schlo\u00df die Augen. &#8222;Rei\u00df dich zusammen. Du willst helfen. Sei n\u00fctzlich!&#8220;, ermahnte sie sich innerlich selbst, w\u00e4hrend sie ebenfalls ihre \u00c4rmel nach oben schlug. &#8222;Bitte versuch, die Magie nicht so schnell wie gestern zu dir heran zu ziehen. Wir brauchen recht viel davon, und ich muss sie verarbeiten und halten k\u00f6nnen. Selbst wenn ich mich nicht auf das Sammeln selbst konzentrieren muss, erfordert es doch einiges an Zeit, bis ich diese Menge geordnet aufgenommen habe. Wenn du zu schnell Magie heranziehst, wird der Raum um uns leerer und es f\u00e4llt dir schwerer, sie langsam an mich abzugeben. Magie, die gerade frisch wieder abgegeben wurde, kann man selbst nicht direkt wieder aufnehmen.&#8220; Kira nickte erneut, ohne die Augen zu \u00f6ffnen. Er sa\u00df so dicht vor ihr. Sie legte die Arme flach auf ihre \u00fcberkreuzten Knie. &#8222;Du willst das wirklich?&#8220; &#8222;Ja.&#8220; Sie hoffte, ihre Stimme schwankte nicht zu sehr. &#8222;Gut. Ich danke dir.&#8220; Er griff nach ihren H\u00e4nden strich sanft mit den Fingern \u00fcber ihre Handinnenfl\u00e4chen und umfasste dann ihre Handgelenke. Sie zuckte zusammen, als feines Kribbeln ihre Arme hinauflief, und Mitras lie\u00df sofort den Griff um ihre Handgelenke los. Kira griff nach seinen Handgelenken und hielt seine H\u00e4nde an ihren fest. Nach einem kurzen Z\u00f6gern entspannte sich auch Mitras wieder. Kira hatte kurz den Drang, die Augen zu \u00f6ffnen und ihn anzusehen, doch dann lie\u00df sie es, sich selbst zur Konzentration mahnend. Vorsichtig \u00f6ffnete sie ihre magischen Sinne und versuchte wie in den \u00dcbungen ein wenig, ganz wenig der Energie um sich herum erst in sich hinein und dann zu Mitras H\u00e4nden zu geleiten. Am Anfang schwankte der Fluss etwas, doch nach einer kleinen Weile hatte sie den richtigen Atemrythmus gefunden und sp\u00fcrte, wie die Magie stetig und ruhig durch sie hindurch flo\u00df, zu Mitras warmen H\u00e4nden hin. Anders als beim ersten Versuch erschien es ihr diesmal auch nicht schwer, die Magie immer weiter zu sich zu ziehen, es wurde nicht schwerer, wie es im Labor passiert war. Ihr Zeitgef\u00fchl verschwand, sie hatte das Gef\u00fchl, auf dem Kissen mehr zu schweben als zu sitzen, und sie nahm im Magiefluss sogar ein leises Rauschen, ein Gurgeln wie von Wasser wahr, manchmal auch ein Raunen wie Wind. Irgendwann l\u00f6ste Mitras sanft seine H\u00e4nde von ihren Armen. &#8222;Das gen\u00fcgt.&#8220;, fl\u00fcsterte er, als wolle er die Stille und Ruhe um sie nicht st\u00f6ren. Kira l\u00f6ste ihre H\u00e4nde von ihm und lie\u00df sich noch eine Weile in dem Magiefluss um sie treiben, ehe sie langsam die Augen \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u200b\u200b\u200b\u200b\u200bAls er das Gef\u00fchl hatte, nun fast zu viel Magie f\u00fcr das Ritual aufgenommen zu haben, blickte Mitras auf und sah Kira nach wie vor in tiefer Konzentration\u200b vor sich sitzen.&nbsp;Er hatte in der Stille jedes Zeitgef\u00fchl verloren, doch als er zur Uhr, die neben der T\u00fcr hing, hin\u00fcber sah, stellte er verwundert fest, dass erst eine halbe Stunde vergangen war. Sie hatte deutlich kontrollierter die Magie herangezogen als im ersten Versuch, es war ein leichter, stetiger Fluss geworden. Normalerweise ben\u00f6tigte er f\u00fcr diese Menge an Magie mindestens sechs&nbsp;Stunden, in letzter Zeit auch schon viel zu h\u00e4ufig eher sieben. Er merkte auch, dass es ihm viel leichter gefallen war, die Magie von Kira entgegen zu nehmen und zu kanalisieren, als wenn er sie allein gesammelt h\u00e4tte. Der Raum f\u00fchlte sich noch w\u00e4rmer an, als er sowieso schon war, aber auf eine angenehme Weise. Auf seiner Zunge hinterlie\u00df die Magie einen leichten Geschmack nach Karamell und auch in der Nase glaubte er diesen Geruch wahrzunehmen. Er hatte seit den \u00dcbungen in der Schule nie wieder mit einem Partner zusammen gearbeitet&nbsp;und er war sich nicht sicher ob es so generell einfacher war, oder ob es speziell an Kira lag. Ihr enormes Talent half sicher, aber lag es nur daran? Die Emotionen, die er aufgefangen hatte, dr\u00fcckten immer noch eine gewisse Unsicherheit aus, aber da war auch eine gro\u00dfe Zufriedenheit und noch etwas positives, das er aber nicht recht greifen konnte, da gerade diese Emotion immer wieder durch die Verunsicherung \u00fcberdeckt worden war.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8222;Das gen\u00fcgt.&#8220; sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken. Er unterbrach den Magieflu\u00df, was ihm diesmal deutlich leichter fiel, und sp\u00fcrte wie sie ihre H\u00e4nde von seinen Armen nahm. Kurz machte sich ein Gef\u00fchl des Bedauerns in ihm breit, dann konzentrierte er sich aber wieder voll auf die Magie. Sie f\u00fchlte sich vitalisierend an, aber als er den ersten Zauber des Rituals begann, merkte er, dass sie sich nicht so recht in Form bringen lie\u00df. Er musste mehr Nachdruck in die Gesten legen und die Silben der Spr\u00fcche klarer formulieren. Das hatte er das letzte Mal in der Ausbildung getan. Spruch und Gesten galten eigentlich nur als Unterst\u00fctzung. Die eigentliche Arbeit leistete der Zaubernde mit seinem Geist. Die Worte zu sprechen war lediglich ein Anker, der die Formgebung erleichterte. Gerade einfache Zauber wirkte Mitras mittlerweile komplett gesten- und spruchfrei. Aber nun musste er sich auf einen Zauber, der ihm selbst in seinem angeschlagenen Zustand vor zwei Tagen noch leicht von der Hand gegangen war, stark konzentrieren. So leicht die Magie in den Heilzauber geflossen war, so st\u00f6rrisch f\u00fchlte sie sich jetzt an. Aber letztendlich gelang es ihm den Zauber vollends zu wirken. Die Bewegungen des Elektrums wurden wieder st\u00e4rker und er sah an den Anzeigen, dass der Stromflu\u00df wieder zunahm. Es hatte funktioniert. Trotz der gro\u00dfen Anstrengung f\u00fchlte er sich nicht ersch\u00f6pft, ihm stand zwar der Schwei\u00df auf der Stirn, im Ganzen war die Erfahrung aber eher belebend als auslaugend gewesen. Mitras hatte keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, aber wenn dass der Preis f\u00fcr diese Erleichterung war, so nahm er den gr\u00f6\u00dferen Aufwand beim Zaubern gern in Kauf. Dennoch sollte er bei n\u00e4chster Gelegenheit mal mit Nathanael sprechen, ob es normal war, dass sich die aufgenommene Magie einmal so leicht und einmal so schwer formen lie\u00df. Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass es in seiner Ausbildung, in den \u00dcbungen auch so gewesen war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira beobachtete, wie Mitras die Zauber wob. Er bewegte sich sehr akurat, die Spr\u00fcche wirkten fast wie ein Gesang, mit dem er seine Bewegungen begleitete, wenn auch kein besonders harmonischer oder sch\u00f6ner. Er wirkte sehr konzentriert. Fasziniert beobachtete sie, wie das St\u00fcck Elektrum erst langsam, dann immer schneller begann, sich in der R\u00f6hre auf und ab zu bewegen. Sie f\u00fchlte sich zufrieden, aber auch tr\u00e4ge und m\u00fcde nach dem langen Tag. Das Kissen unter ihr war weich und kuschelig, und Mitras Stimme wirkte beruhigend. Sie schlo\u00df die Augen und lie\u00df sich davon treiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nachdem er fertig war, brauchte er einen Moment, um sich zu sammeln. &#8222;Danke Kira. Das war eine gro\u00dfe Hilfe.&#8220;, sagte er, doch erhielt keine Reaktion. Er drehte sich zu ihr um und stellte fest, dass sie eingeschlafen war. Zur Sicherheit ergriff er ihr Handgelenk, doch ihr Puls war ruhig und regelm\u00e4\u00dfig. Es war auch ein langer Tag gewesen. Der Raum war regelrecht magieleer, auf der anderen Seite f\u00fchlte er sich aber auch so fit wie schon lange nicht mehr. Statt sie also wieder mit Magie anzuheben, hob er sie einfach direkt auf. M\u00f6glichst vorsichtig ergriff er sie und stand auf. Die T\u00fcr mit Magie zu \u00f6ffnen, war kein Problem, schon direkt hinter der T\u00fcr war die Umgebung schon wieder gut ges\u00e4ttigt, was seltsam war, wo der Raum doch fast komplett entleert war. Er verzichtete aber weiter auf Magieanwendung und brachte&nbsp;sie schnell r\u00fcber und in ihr Zimmer. Nachdem er sie auf dem Bett abgelegt hatte, zog er ihr noch die Schuhe aus. Ihr die Robe abzunehmen, sah er dann doch als zu aufdringlich an, zumal er nicht wusste, wie viel sie darunter noch trug. Das Gewand war bequem genug um auch mal darin zu schlafen und gleichzeitig war es pflegeleicht genug, das zu \u00fcberstehen. Er deckte sie zu und betrachtete ihr Gesicht. Kam es ihm nur so vor oder waren ihre Haare heller geworden? Er meinte sich zu erinnern, dass ihre M\u00e4hne doch eigentlich ein kastanienbraun mit rotem Schimmer war. Nun schimmerte sie tiefrot, fast wie die Farbe kleiner Eichh\u00f6rnchen. Die Farbe stand ihr jedenfalls besser und w\u00fcrde wunderbar zu ihren gr\u00fcnen Augen passen. Aber vielleicht bildete er sich das alles auch nur in der Nachwirkung ihrer Magie ein. Er w\u00fcrde da Morgen noch einmal drauf achten. Nun aber verlie\u00df er das Zimmer, er hatte schon viel zu lang so starrend an ihrem Bett gestanden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitras erwachte am n\u00e4chsten Morgen v\u00f6llig erholt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so gut geschlafen hatte und fr\u00fch war es auch noch. Seine Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor acht Uhr war. Gegen 10 Uhr w\u00fcrde seine Schwester vorbei kommen. 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