{"id":86,"date":"2024-08-18T14:23:20","date_gmt":"2024-08-18T14:23:20","guid":{"rendered":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/?p=86"},"modified":"2024-08-12T14:24:01","modified_gmt":"2024-08-12T14:24:01","slug":"das-gute-in-allem-1-lunar-242-uldumstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/2024\/08\/18\/das-gute-in-allem-1-lunar-242-uldumstag\/","title":{"rendered":"Das Gute in allem &#8211; 1. Lunar 242 (Uldumstag)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Man kann sie verbrennen, so wie fr\u00fcher!&#8220; &#8222;Lauretta, sie ist deine Tochter!&#8220; Kira w\u00e4lzte sich unruhig hin und her. Sie war in ihrem Bett, oder in ihrem Zimmer? Die Umgebung wurde klarer. Ihr Zimmer. In Bispar. Die Nacht nach dem Unfall. Ihr war kalt, und als sie nach unten sah, sah sie, dass sie keinen Rock und keine Hose trug, stattdessen waren ihre Beine mit blutigen Handabdr\u00fccken verschmiert. &#8222;Tochter! Hexenbiest!&#8220; Deutlich sp\u00fcrte sie die Angst und ihre Verzweiflung, auswegslos, eingesperrt. &#8222;Hexe!&#8220; gellte es in ihren Ohren, immer wieder, die Stimme ihrer Mutter, die Stimmen der Dorfbewohner, dann die Stimme von Torge, dann Adrian, dann&#8230; warm, nah in ihrem Ohr: &#8222;Hexe? Kira?&#8220; Die Stimme von Mitras. Sie drehte sich um. Stand pl\u00f6tzlich auf einer Wiese. Neben ihr Mitras, nicht ganz dort, eher ein Geist, wie aus dunklen, glitzernden Wolken geformt. Wind wehte durch ihre Haare. Mitras legte seine Arme um sie, und sie hatte das Gef\u00fchl, dass er alle Angst fortwischte, von ihrer Haut wischte, nur glitzernde Spuren blieben dort, wo er sie ber\u00fchrt hatte, und sie trug ihre Magierrobe, schwebte \u00fcber der Wiese. &#8222;Hexe. Meine kleine Hexe&#8230;&#8220;, fl\u00fcsterte er in ihr Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie schlug die Augen auf. Einen Moment lang musste sie sich orientieren. Uldum. Ihr Zimmer in Mitras Haus. Sie war in Sicherheit. Eine freie Magierin. Die Erinnerung an sein Fl\u00fcstern in ihrem Ohr schickte ein heftiges Kribbeln durch sie hindurch. Wie sch\u00f6n es w\u00e4re, wenn er sie wirklich so halten w\u00fcrde&#8230; Sie seufzte. War sie verliebt? War sie wirklich in ihren Mentor verliebt? Und wenn ja, war das nicht einfach nur eine Schw\u00e4rmerei, weil er sie aus dieser Misere befreit hatte, wie in ihrem Traum? Sie lag im Bett und gr\u00fcbelte. Doch je l\u00e4nger sie dar\u00fcber nachdachte, desto mehr Gr\u00fcnde fielen ihr ein, warum sie ihn so wahnsinnig anziehend fand &#8211; und das vermutlich auch, wenn er einfach nur in Bispar zu Besuch gekommen w\u00e4re. Verzweifelt grub sie sich in die Decke ein. Da war sie nun eine freie Magierin, musste endlich nicht heiraten, sich nicht mit M\u00e4nnern besch\u00e4ftigen, und dann traf sie einen, den einen Mann, den sie wirklich spannend fand. Von dem sie sich nicht angeekelt f\u00fchle. Von dem sie sich sogar anfassen lassen wollte! Bei den Geistern. So durcheinander. Endlich frei, und dann nicht mehr frei sein wollen, sondern frei sein m\u00fcssen. Mitras war so viel \u00e4lter, so m\u00e4chtig, mit einer kleinen Dorfhexe w\u00fcrde er vermutlich einfach nichts&nbsp;anfangen k\u00f6nnen. Wenn sie Gl\u00fcck hatte, w\u00fcrde er sie wie Frederike behandeln, wie eine j\u00fcngere Schwester&#8230; sehns\u00fcchtig und zwischen Verzweiflung und dem Gl\u00fccksgef\u00fchl des Gefl\u00fcsters im Traum hin und her gerissen, lag sie eine ganze Weile noch wach, ehe sie ein traumloser Schlaf endlich erl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nach dem Abendessen, zu dem Kira knapp p\u00fcnktlich kam, weil sie wieder in der Bibliothek gewesen war, bat Mitras Kira zu einer Partie Dame in den Wintergarten. Mittlerweile war sie richtig gut geworden und er geno\u00df die Partien mit ihr. William war nicht so begeistert. Er spielte nur noch aus H\u00f6flichkeit mit ihr, da sie ihn fast immer vernichtend schlug. Sie setzten sich auf ihre \u00fcblichen Pl\u00e4tze. &#8222;Du er\u00f6ffnest, oh, und ein Tipp, du solltest William zumindest gelegentlich gewinnen lassen. Er ist nicht der beste Verlierer.&#8220; &#8222;Oh, ist gut.&#8220; Sie wurde schon wieder rot, stellte er am\u00fcsiert fest. Sie begann das Spiel und bot ihm einen fordernden Schlagabtausch. Wie immer waren sie beide in der ersten Partie komplett still und konzentriert. Keiner wollte den anderen gewinnen lassen. Letztendlich triumphierte er aber wieder. &#8222;Gut gespielt. So langsam muss ich mich richtig anstrengen. Aber noch bist du zu gut durchschaubar. Vielleicht solltest du Sebastian mal auf ein paar Runden einladen.&#8220; merkte er zwinkernd an und r\u00e4umte das Brett ab um neu aufzubauen. Ihr Gesicht erreichte in der Zwischenzeit einen neuen Rotton. Anfangs hatte ihn diese Angewohnheit von ihr irritiert, aber mittlerweile war es f\u00fcr ihn fast schon so etwas wie ein Spiel sie so zu necken, dass sie wieder einmal rot anlief. Er achtete aber streng darauf, es nicht zu \u00fcbertreiben und blieb stets bei harmlosen Scherzen. &#8222;\u00c4hm, ja das k\u00f6nnte ich vielleicht machen.&#8220; Mitras lachte. &#8222;Ich sagte es ja schon einmal, er ist kein schlechter Kerl und Freunde unter den di Ferrus zu haben ist nie verkehrt. Einer seiner \u00e4lteren Br\u00fcder, Marcus, z\u00e4hlt zu meinen besten Freunden. Ein wahrhaft guter Kerl, auf den immer Verlass ist, und die Baronin wird dich sicher auch sofort ins Herz schlie\u00dfen.&#8220; f\u00fcgte er schelmisch hinzu. Sie schaute zu Boden und machte eine wischende Bewegung mit der Hand. &#8222;Erinnere mich doch nicht daran, dass er ein Baronssohn ist. Ist schon schlimm genug, dass er jedes Mal den Tee bezahlt, obwohl ich jetzt ja auch ein wenig Geld habe.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Er er\u00f6ffnete die zweite Partie und versuchte sie ein bisschen \u00fcber Sebastian auszufragen. Sie schien sich wirklich langsam mit ihm anzufreunden. Mitras deutete dies als gutes Zeichen. Freunde waren wichtig, sie gaben einem Sicherheit und das brauchte sie jetzt. Kira lie\u00df sich von seinen Sondierungen nicht ansatzweise so gut ablenken, wie er sich selbst durch seine Gedanken und gewann das zweite Spiel. &#8222;Mitras, das war zu leicht, was lenkt dich ab?&#8220; Mitras war \u00fcberrascht \u00fcber diese offene Frage, sonst freute sie sich still in sich hinein. Der gelungene Zauber schien ihrem Selbstwertgef\u00fchl endlich ein bisschen dringend ben\u00f6tigten Aufwind gegeben zu haben. &#8222;Um ehrlich zu sein, habe ich \u00fcber deine Kette nachgedacht.&#8220; Er holte sie aus einer Tasche seiner Robe heraus und reichte sie ihr. &#8222;Danke, dass ich sie ausleihen durfte. Ich muss gestehen, ich habe mir Sorgen um dich gemacht und einen sehr vertrauensvollen Magier, der sich auf Hellsicht versteht, um Hilfe gebeten. Es tut mir leid, dass ich dich derart ausgesp\u00e4ht habe, aber du hast es ja selbst gesehen, starke Emotionen k\u00f6nnen deine F\u00e4higkeiten zu Zaubern stark beeintr\u00e4chtigen. Ich konnte durch das, was mir die Kette gezeigt hat, verstehen, wie \u00fcbel dir in Bispar mitgespielt wurde. Es tut mir leid das so zu sagen, aber deine Mutter ist eine schreckliche Person. Ich hoffe, die Kette ist nicht von ihr?&#8220; Sie nahm die Kette von ihm entgegen und er konnte f\u00f6rmlich sp\u00fcren, wie sich ihre Laune eintr\u00fcbte. &#8222;Nein, die Kette ist von Adrian, meinem \u00e4lteren Bruder. Er hat sie mir von einer Reise mitgebracht.&#8220; Sie sa\u00df still da und schaute auf die Kette. Mitras verfluchte sich innerlich ein wenig selbst, ihr die Laune derart getr\u00fcbt zu haben. &#8222;Kira, es ist in Ordnung deiner Familie b\u00f6se zu sein<\/em>, <em>allein was deine Mutter in der kurzen Episode von sich gegeben hat&#8230; So etwas sagt keine Mutter \u00fcber ihr Kind, sie haben dich definitiv nicht verdient. Dich und dein Talent.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte ihr nachspioniert. Kira wusste nicht genau, was sie f\u00fchlen sollte. In ihr tobte ein Sturm. Eben noch war sie entspannt und gl\u00fccklich gewesen, hatte seine Anwesenheit geno\u00dfen. Jetzt f\u00fchlte sie sich verraten, hintergangen. Und gleichzeitig irgendwie sentimental, gl\u00fccklich &#8211; weil er sich Sorgen gemacht hatte. Aus Sorge um sie hatte er versucht, mehr \u00fcber sie herauszufinden. H\u00e4tte er nicht einfach fragen k\u00f6nnen? Sie krallte die Hand um ihre Kette. Sorge? Die Stimmen in ihrem Kopf klangen fast h\u00f6hnisch. Sorge um dich? Wahrscheinlich eher Sorge um sich selbst. Und was ma\u00df er sich eigentlich an, \u00fcber ihre Familie zu urteilen? Er wusste doch nichts, egal, was der Zauber ihm gezeigt hatte. Nichts dar\u00fcber, wie viele Verwandten von Lauretta Silva bereits in den letzten Jahrhunderten unter den Schwertern der Skir gestorben waren. Nichts dar\u00fcber, wie schwierig es war, auf dem Dorf genug zu verdienen, um ein M\u00e4dchen auf die weiterf\u00fchrende Schule zu schicken statt sie zu verheiraten. Nichts dar\u00fcber, wie ihr Vater sich daf\u00fcr eingesetzt hatte, dass sie von klein auf&nbsp;an bei Bruder Harras hatte lernen d\u00fcrfen. Nichts davon, wie Adrian sie besch\u00fctzt hatte &#8211; und wie viele Gesch\u00e4fte dadurch vielleicht nicht zustande gekommen waren, dass er sich f\u00fcr seine kleine Schwester mehr als f\u00fcr den Profit interessiert hatte. Nichts dar\u00fcber, wie sehr ihre Mutter darunter gelitten hatte, wenn die anderen im Dorf ihr unterstellten, mit einem Skir geschlafen zu haben statt mit ihrem Mann, weil ihre Tochter so anders aussah. Nichts dar\u00fcber, wie sie Torge mit dem Kopf in den Wasserbottich getaucht hatte, weil sie so w\u00fctend auf ihre Mutter gewesen war. Nichts \u00fcber die endlosen Streitgespr\u00e4che mit ihren Eltern, die verzweifelt waren, weil niemand ihre Tochter w\u00fcrde heiraten wollen &#8211; und jemanden weiteres, der f\u00fcr das familiengesch\u00e4ft untauglich war, nur durchf\u00fcttern war schwierig in einem Land wie Burnias. Nichts. Er wusste nichts. Sie war wild, nicht gehorsam, zu neugierig, seltsam, und sie sah aus wie eine Skir. Nat\u00fcrlich hatte ihre Mutter Schwierigkeiten mit ihr gehabt! Und auch, wenn sie sie daf\u00fcr hasste, was sie gesagt hatte &#8211; ein Teil von ihr wusste, dass auch ihre Mutter kein grunds\u00e4tzlich schlechter Mensch war. Oder ihr Vater. Nur &#8211; in den Worten von Bruder Harras &#8211; beschr\u00e4nkter in ihrer Sicht. Wie Mitras gerade. Der sah nur die Oberfl\u00e4che. Sie schaute hoch. Er sa\u00df vor ihr, und seine eisblauen Augen brachten ihr Herz diesmal nicht zum flattern. Sie wirkten einfach nur kalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wer mich verdient hat, kann ich selbst entscheiden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ihre Gef\u00fchle schlugen schlagartig um. Mitras konnte nicht sagen wieso, aber er sp\u00fcrte, dass er sie mit seinen Worten gekr\u00e4nkt hatte. Auf ihre Mutter schien sie hingegen nicht w\u00fctend zu sein, trotz allem was ihr diese Frau angetan hatte. &#8222;Das stimmt, Kira.&#8220; Er wusste nicht was er dazu sagen sollte. W\u00e4re er an ihrer Stelle, so w\u00fcrde sein Zorn auf diese&nbsp;Frau f\u00fcr den Rest seines Lebens anhalten.&nbsp;Sie betrachtete ihn einen Moment und das Schweigen hing \u00fcber ihnen, fast greifbar wie eine Wolke.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war ratlos. Und w\u00fctend. Kira konnte nicht sagen wieso, aber sie konnte sp\u00fcren, was er f\u00fchlte. Er verstand es nicht. In seiner perfekten Welt gab es sowas nicht &#8211; Hunger, Dorftratsch, Adelige, die dich straflos t\u00f6ten k\u00f6nnten. Sie dachte an Sebastian, der ihr gerade heute Nachmittag erz\u00e4hlt hatte, wie f\u00fcrchterlich das Leben als Adeliger sein konnte, vor allem, wenn man es nicht schaffte, mal aus dem goldenen Palast hinauszuschauen. Weil man nur versteht, wof\u00fcr man Worte hat, und nur Worte hat f\u00fcr das, was man verstehen kann, hatte sie selbst erg\u00e4nzt und Vergn\u00fcgen daran gefunden, ihr Wissen aus den Lehrstunden bei Mitras anbringen zu k\u00f6nnen. Sie schaute ihn wieder an. Er wirkte fast ein wenig nerv\u00f6s, aber offenbar kam es ihm nicht in den Sinn, dass es sie gest\u00f6rt haben konnte, dass er die Kette einfach genommen hatte, um sie auszuspionieren. Denn, das realisierte sie dank Sebastians Erz\u00e4hlungen, er war zwar ohne Dorftratsch aufgewachsen, aber in einer Welt, in der Intrigen auch mit magischen Mitteln ausgefochten wurden und in der Spionage genauso normal waren wie f\u00fcr sie die Tatsache, dass Ingali nat\u00fcrlich allen im Dorf von Kiras Ausrutscher im Moor erz\u00e4hlt h\u00e4tte, wenn sie nicht von dem seltsamen Nebelstreif abgelenkt gewesen w\u00e4re. Sie holte Luft. Freie Magierin und seine Freundin, sagte sie sich. Er hat es verdient, etwas mehr zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8222;Mitras. Ich bin w\u00fctend, weil du meine Kette einfach genommen hast, um so einen Zauber zu wirken, statt mir vorher zu sagen, wof\u00fcr du sie haben willst. Ich finde es nicht richtig, so im Leben anderer herumzuschauen, schon gar nicht mit Magie und ohne es abzusprechen. Man kann dr\u00fcber reden, aber was jemand nicht sagen will, sollte geheim bleiben, findest du nicht?&#8220; &#8222;Das habe ich nur zu deinem Schutz getan, aber&#8230;&#8220; Mitras biss die Z\u00e4hne zusammen. Im Grunde genommen, hatte er sie in dem Moment wie ein kleines Kind behandelt. Er f\u00fchlte sich mies. Da wollte er sie st\u00e4rken und behandelte sie selbst nicht wie eine geachtete Erwachsene. Einen Moment lang rang er mit sich selber, dann sagte er: &#8222;Es tut mir leid. Ja, ich h\u00e4tte mit dir reden sollen. Aber Kira, verstehe bitte auch meine Beweggr\u00fcnde. Durch Johanns Tat, und wahrscheinlich auch durch das Verhalten deiner Mutter, hast du ein Trauma erlitten. F\u00fcr einen Magier ist das viel gef\u00e4hrlicher als jede andere Verletzung. Es kann dazu f\u00fchren, dass dir die Magie entgleitet und du dir und anderen Schaden zuf\u00fcgst. Ich musste mehr dar\u00fcber wissen, um dir helfen zu k\u00f6nnen.&#8220; Kira sah ihn einen Moment an, und Mitras hoffte inst\u00e4ndig, dass es die richtigen Worte gewesen waren. Dann verzog sich die gef\u00fchlte Wolke \u00fcber ihnen etwas, als sie ihn sanft anl\u00e4chelte. &#8222;Danke, dass du mir helfen willst.&#8220; Sie \u00fcberlegte einen Moment, dann beugte sie sich etwas vor und sagte leise und mit einem Schmunzeln: &#8222;Aber man hilft Menschen am besten, wenn man sie vorher fragt, welche Hilfe sie brauchen, Meister.&#8220;<\/em> <em>Mitras hatte das Gef\u00fchl, sie h\u00e4tte ihm einen wohlgezielten Tritt in die Magengrube verpasst. Meister. Das war ein Titel f\u00fcr einen vertrauten Lehrer oder Mentor, wie f\u00fcr einen Lehrmeister in einer Ausbildung. Aber gerade belehrte sie ihn &#8211; und das auch noch zu Recht! Er kam sich dumm vor. Sein kleines Eichh\u00f6rnchen da vor ihm war kein kleines, niedliches Eichh\u00f6rnchen, wurde ihm bewusst &#8211; sie war eine erwachsene Frau, schlau, wortgewandt und offenbar auch g\u00fctiger als er selbst. Er senkte den Kopf. &#8222;Verzeih.&#8220; Einen Moment war es wieder still, dann griff sie seine Hand. &#8222;Mitras, ich verzeihe sogar meiner Mutter eine Menge. Warum sollte ich meinem Freund und Mentor nicht verzeihen, dass er sich um mich sorgt?&#8220; Er blickte auf, und ihr L\u00e4cheln bohrte sich in sein Herz &#8211; so verletzt und so stark zugleich wirkte sie, und er sp\u00fcrte, dass er sie am liebsten an sich gezogen h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira sp\u00fcrte, wie seine Verzweiflung und Nerv\u00f6sit\u00e4t abnahm. Seltsamerweise sp\u00fcrte sie sich selbst durch ihre eigenen Worte ebenso gest\u00e4rkt. Beinahe hatte sie das Gef\u00fchl, die Hand von Bruder Harras auf ihrer Schulter zu sp\u00fcren, sein wohlwollendes Brummen zu h\u00f6ren, wenn sie etwas gut gemacht hatte. Verstehe. H\u00f6re zu, verstehe. Verstehe, und verzeihe. Seine Worte machten jetzt beinahe noch mehr Sinn als zuvor. Sie l\u00e4chelte. Das Gute sehen, das Schlechte verzeihen &#8211; das war defintiv etwas, das ihr schon in Bispar geholfen hatte. Das &#8211; und ihr Hang zu Streichen. Beinahe h\u00e4tte sie gelacht, doch das h\u00e4tte nicht zu Mitras ernstem Gesichtsausdruck gepasst. &#8222;Die Kette, Mitras, die ist von meinem Bruder Adrian. Der ist auch Teil meiner Familie. Und es verletzte mich, dass du sagtest, er h\u00e4tte mich nicht verdient &#8211; denn er ist ein guter Mensch. Und ich mag ihn sehr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Da hast du recht. Deinen Bruder habe ich unrecht getan. Du solltest wissen, was ich gesehen habe, war seine R\u00fcckkehr. Er ist sehr um dich besorgt. Du solltest dich bei ihm melden und ihm erz\u00e4hlen, was dir widerfahren ist. Am besten, bevor er eines Tages hier hereinplatzt und versucht, dich aus den H\u00e4nden des b\u00f6sen Magiers zu befreien.&#8220; Kira lachte. &#8222;Das habe ich doch schon! Du hast mir Taschengeld gegeben. Wobei&#8230;&#8220; Sie hielt inne. &#8222;Seitdem deine Mutter mir das Geld gegeben hat, war ich gar nicht mehr in der Stadt bei diesem Laden mit den Fliegen. Ich wollte ihm eigentlich eine kaufen. Mitras, kann man ein Paket magisch so versiegeln, dass nur eine bestimmte Person es \u00f6ffnen kann? Ich will nicht, dass Torge die Fliege sieht. Der hat mir auch nie was mitgebracht, wenn er einkaufen war.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mitras \u00fcberlegte. Es gab viele Zauber, die daf\u00fcr geeignet waren, G\u00fcter sicher zu verschicken. &#8222;Die Kette ist von ihm, sagtest du? Dann sollte es kein Problem sein. Der personenbezogene Teil ist das Schwerste daran, aber das Versiegeln ist einfach.&#8220; Erst jetzt wurde ihm bewusst, was Kira da noch gesagt hatte. &#8222;Warum hat meine Mutter dir denn Geld gegeben? Sie kennt dich doch noch gar nicht richtig? Also versteh mich nicht falsch, sie wird ihre Gr\u00fcnde haben und damit geh\u00f6rt das Geld dir, ich verstehe nur nicht wieso?&#8220; Kira wurde rot. &#8222;\u00c4h. Naja, sie wollte sich bedanken, weil ich dir die Energie f\u00fcr diesen Verj\u00fcngungszauber gegeben habe&#8230; Aber ich werd nicht alles ausgeben, versprochen! Ich leg auch was zur\u00fcck, um meine Schulden bei der Gildenkasse zu bezahlen!&#8220; &#8222;Was f\u00fcr Schulden?!&#8220; Sie schaute ihn verbl\u00fcfft an. &#8222;Naja, die wegen Johanns Heilung. Die hat die Gildenkasse doch vorgestreckt.&#8220; Daran hatte er gar nicht gedacht. Ihn selbst hatte das ja auch nie betroffen, denn die Regel, dass die Gildenkassen Sch\u00e4den beglich, galt ja nur f\u00fcr magisch begabte Kinder, die bei der Entdeckung mehr machten, als etwas Erde zu formen und sich zudem die Behebung des magischen Schadens nicht direkt leisten konnte. Dennoch konnte er das so nicht stehen lassen. Er wollte ihr wenigstens diesen Druck nehmen. Au\u00dferdem war der Bastard ja wohl eigentlich selbst an seinen Verletzungen schuld, daf\u00fcr sollte sie auf keinen Fall noch aufkommen m\u00fcssen. &#8222;Tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht. Ich werde mich schnellstm\u00f6glich darum k\u00fcmmern. Betrachte die Schulden als erledigt, von so etwas sollst du dich nicht ablenken lassen.&#8220; Kira sprang auf und machte eine abwehrende Handbewegung, wobei sie das Spiel vom Tisch stie\u00df. &#8222;Magister, nein! So meinte ich das nicht! Ich komme f\u00fcr meine Schulden selbst auf.&#8220; Sie unterbrach seinen Protest mit einer weiteren Handbewegung. &#8222;Mitras! Du hast doch eben grad gesagt, dass es dir leid tut, einfach ungefragt zu helfen&#8230;&#8220;&nbsp;&#8222;Gut, dann betrachte es als mehr als gerechtfertigte Bezahlung f\u00fcr die Unterst\u00fctzung bei meinem Regenerationszauber. Ich verdanke dir eine Rundumerneuerung. Da ist es ja wohl das Mindeste.&#8220; Kira sah ihn an, er sp\u00fcrte eine Mischung aus Verzweiflung und Staunen. &#8222;\u00c4h, f\u00fcnf Gold? Du hast nicht alle Speere am St\u00e4nder, oder? F\u00fcnf Gold f\u00fcr einmal Luftholen?&#8220; Mitras l\u00e4chelte kurz leicht geh\u00e4ssig: &#8222;Du hast recht, f\u00fcr eine derartige magische Anstrengung w\u00e4ren zehn Gold angemessener.&#8220;<\/em> <em>Sie schnappte nach Luft. &#8222;Zehn? Mitras, h\u00f6r auf! Ich helf dir wirklich gerne, ich mach das doch nicht, um reich zu werden, sondern weil du &#8230; ich &#8230; &#8220; Sie brach ab und wurde rot bis zu den Ohrenspitzen. &#8222;Wer redet hier denn von reich werden. Dir bleiben f\u00fcnf Gold. Das ist ja fast nichts.&#8220; Kurz f\u00fchlte er sich ein wenig schuldig so zu protzen. Aber er geno\u00df auch ihr Gesicht. Und sie musste lernen mit gr\u00f6\u00dferen Mengen Geld umzugehen, rechtfertigte er sich vor sich selbst. Bei ihrem Potential w\u00fcrde sie sehr schnell, sehr viel Geld verdienen, wenn sie denn w\u00fcsste was sie f\u00fcr ihre Dienste verlangen k\u00f6nnte. Und dabei war er noch bescheiden geblieben. Die Regeneration lie\u00df sich auch auf andere anwenden, war dabei aber nicht ansatzweise so erfolgreich. Nichtmagier konnten ihr Leben um gut zehn Jahre verl\u00e4ngern, und legten daf\u00fcr in zahlreichen Sitzungen jeweils bis zu hundert Gold auf den Tisch. &#8222;Fast nichts? Mitras, da kann man sich eine Kuh f\u00fcr kaufen!&#8220;&nbsp;Mitras lachte laut los. Sie mochte vielleicht eine g\u00fctige, erwachsene Frau sein, aber sie war trotzdem eindeutig ein Dorfkind. &#8222;Ja Kira, das stimmt wohl, aber ich kann mir auch einfach eine Herde mit einhundert K\u00fchen kaufen und merke das noch nicht einmal. Zugegeben, das Elektrum hat daf\u00fcr gesorgt, dass ich selbst f\u00fcr einen Magier sehr reich bin, aber dass wirst du auch sehr bald nach deiner Ausbildung sein.&#8220;<\/em> <em>Sie sah ihn an und zog eine Schnute. &#8222;Siehst du, und dewegen will ich meine Schulden selbst zur\u00fcckzahlen. Weil ich es irgendwann kann.&#8220; Sie schaute ihn von der Seite an, merkte wohl, dass er sich davon nicht abspeisen lassen w\u00fcrde. &#8222;In Ordnung. Ein Handel? 5 Silber f\u00fcr jeden Abend, den ich dir beim Laden helfe. Und ein Gold f\u00fcr den Regenerationszauber. Du wirst ja nicht mehr geben wollen als deine Mutter.&#8220; Immer noch lachend sch\u00fcttelte Mitras den Kopf. &#8222;Nein. 5 Silber f\u00fcr jedes Laden ist in Ordnung, aber du bekommst 5 Gold f\u00fcr den Regenerationszauber UND ich begleiche bei n\u00e4chster Gelegenheit deine Schulden bei der Gilde. Anderenfalls musst du damit rechnen, dass du wie William ein Konto bei der Bank bekommst und dort jeden Monat heimlich mehr als 10 Gold landen.&#8220; Sie schaute ihn an. Sch\u00fcttelte den Kopf. L\u00e4chelte. Biss sich auf die Lippe. Rang mit sich, ganz offensichtlich. Er l\u00e4chelte sie an, ganz der arrogante, reiche Magier, als der er sich gerade f\u00fchlte. Es f\u00fchlte sich gut an. Auch wenn seine letzte Hilfe sie verletzt hatte, er w\u00fcrde ihr helfen &#8211; und zumindest mit Geld konnte er ja ganz gut helfen. Es sollte ihr gut gehen. Letzendlich seufzte sie und sagte: &#8222;In Ordnung.&#8220; Leise f\u00fcgte sie hinzu: &#8222;Und danke.&#8220; Er l\u00e4chelte und hauchte einen Kuss auf ihre Hand. &#8222;Danke dir, sch\u00f6ne Frau.&#8220; Innerlich am\u00fcsiert \u00fcber ihre erneute tiefrote Gesichtsf\u00e4rbung baute er das Spiel wieder auf und begann eine dritte Runde, die er letztendlich auch gewann, weil nun sie ganz offensichtlich von ihren Gedanken abgelenkt war.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der dritten Runde beendete Mitras ihren gemeinsamen Abend, und Kira war ihm durchaus dankbar daf\u00fcr. Ihre Gedanken fuhren Karussell. Sie zog sich beinahe wie eine Maschine aus, ganz automatisch, und ging ins Bett, w\u00e4hrend sie versuchte, das Chaos an Gedanken und Gef\u00fchlen in sich zu ordnen. Erstens, Mitras war so unglaublich reich, dass es einfach unbegreiflich war. Er h\u00e4tte wahrscheinlich Bispar aufkaufen k\u00f6nnen. Wobei man den Kauf von hundert K\u00fchen vielleicht nicht im Geldbeutel, aber ganz sicher im Arbeitsaufwand merken w\u00fcrde. Stadtschn\u00f6sel. Zweitens, offenbar machte es ihm nichts aus, seinen Reichtum freigiebig zu verschenken. An dieser Stelle sp\u00fcrte sie, wie ihr Schw\u00e4rmen f\u00fcr ihn sich deutlich vertiefte und sie seufzte schwer. Denn, drittens, behandelte er sie zwar \u00e4u\u00dferst galant &#8211; dieser Handkuss! &#8211; aber auch eher wie ein Kind, dass man zu seinem Gl\u00fcck zwingen muss. Sie sollte ihm b\u00f6se sein, weil er sie nicht ernst nahm, weil er offenbar dachte, alles entscheiden zu k\u00f6nnen, in ihr Leben einzugreifen, alles anschauen zu k\u00f6nnen, zu urteilen&#8230; aber sie konnte ihm nicht b\u00f6se sein. Er machte sich Sorgen um sie. Er versuchte, sie zu sch\u00fctzen. Sie dr\u00fcckte sich tief in die Kissen und l\u00e4chelte selig. In seiner Gegenwart war sie sicher. Er war so ein guter Mann, freigiebig, liebevoll, besch\u00fctzend&#8230; und sie war seine Sch\u00fclerin. Nat\u00fcrlich behandelte er sie wie ein Kind &#8211; aus seiner Sicht musste sie ja wie eine unreife Pflaume wirken. Tr\u00e4umend legte sie die Hand gegen ihre Wange und w\u00fcnschte sich, er w\u00fcrde sie dort k\u00fcssen. Wenigstens hatte er ihre Hand gek\u00fcsst, und es hatte sich gar nicht schlecht angef\u00fchlt. Sieh das Gute darin, sagte Bruder Harras Stimme in ihrem Kopf, und sie l\u00e4chelte und schlo\u00df die Augen, dachte an Mitras L\u00e4cheln und das sanfte Gef\u00fchl ihrer Hand in seiner, an das Gef\u00fchl, besch\u00fctzt zu werden, und ehe sie sich versah, schlief sie bereits.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Man kann sie verbrennen, so wie fr\u00fcher!&#8220; &#8222;Lauretta, sie ist deine Tochter!&#8220; Kira w\u00e4lzte sich unruhig hin und her. Sie war in ihrem Bett, oder in ihrem Zimmer? Die Umgebung wurde klarer. Ihr Zimmer. In Bispar. Die Nacht nach dem Unfall. Ihr war kalt, und als sie nach unten sah, sah sie, dass sie keinen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-86","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=86"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions\/87"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=86"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=86"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kingdom-of-albion.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=86"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}