Curriculum nach di Pinzon – 29. Lunar 242 (Mirastag)

Nach der Meditationsstunde fühlte er selbst sich wieder ruhiger und auch Kira schien es gut getan zu haben. Sie aß noch mit ihnen zu Mittag, machte sich mit Abbys Hilfe fertig und brach dann mental wie optisch gut gerüstet auf. Mitras wollte sich in der Zwischenzeit ihrer weiteren Ausbildung widmen. Er hatte Kira seit der erfolgreichen Telekinetik-Übung weitesgehend freie Hand gelassen und sie hatte sein Vertrauen nicht missbraucht, sondern sich weiter fleißig in alle Gebiete hineingearbeitet, und vergrößerte so ihr magisches wie normales Allgemeinwissen stetig. Primär ging es ihm darum den Überblick über ihren Fortschritt zu behalten, zumal sie die abendlichen Treffen, hauptsächlich wegen seiner Arbeit, häufiger als ihm lieb war ausfallen lassen hatten. An den Abenden, an denen sie zusammen geladen hatten, waren sie vorher teilweise gar nicht mehr zusammen gekommen. Aber tägliche Abfragen waren bei Kira auch gar nicht nötig. Wenn er jeden zweiten Abend sich mit ihr zusammen setzte und ein oder zweimal die Woche mit ihr Magie übte, dann sollte das reichen. Das Wichtigste waren die Meditationsübungen. Er notierte sich alles und begann einen weiteren Lehrplan für die nächsten zwei Monate zu erstellen, danach würde er weiter sehen. Vielleicht schafften sie es bis dahin auch, Kiras Trauma durch die Meditation soweit in den Griff zu bekommen, dass sie sich wieder an Verwandlungsmagie heran wagen konnte.

Julius setzte Kira ein wenig vor der Mittagsstunde, zu der sie bei Herzog di Pinzon sein sollte, ab, und so hatte sie die Gelegenheit, diesmal den Park vor dem Gebäude etwas genauer zu betrachten, während sie den Weg hinauf schlenderte. Natürlich war es jetzt Winter, aber selbst jetzt konnte man erahnen, dass dies eine wundervolle Anlage mit vielen verschiedenen Obstbäumen und anderen Bepflanzungen war. Die Spur eines Ampas zog sich quer durch den Hauch frischen Schnees, der am Vormittag gefallen war, und Kira erinnerte sich an Adrian, der ihr einen Ampa von der Jagd mitgebracht hatte, sie aber erst hatte abbeißen lassen, nachdem sie ihm alle Multiplikationsreihen aufgesagt hatte. Sie seufzte ein wenig, dann straffte sie sich und richtete sich auf. Wie bei den Prüfungen in Lührenburg war sie allein, und sie würde es auch allein bestehen. Mitras hatte ihr gesagt, dass er sie zur vierten Nachmittagsstunde abholen würde. Das war lang, aber sie versuchte, sich nicht zu ängstigen – das war vor einer Prüfung eh nicht hilfreich.

Wieder empfing sie der Butler, David, wenn sie sich recht erinnerte. Ihre Gesellschafterin vom letzten Mal, Susanna, war nicht zu sehen, aber das war auch nicht so schlimm. Kira hatte das Gefühl gehabt, sich eher mit einer Puppe zu unterhalten, da die junge Angestellte offenbar von Christobal einen Plan bekommen hatte und von diesem auch gar nicht abgewichen war. Fragen zu ihrer Herkunft oder ihrer Familie war sie höflich ausgewichen, stattdessen hatte sie ihr auf dem Klavier vorgespielt. Kira hatte nicht gewusst, was sie sich wünschen sollte an Stücken, aber darauf war Susanna wohl vorbereitet gewesen. Sie konnte gut spielen, aber Kira machte sich nicht viel aus Musik, also hatte sie ebenso höflich zugehört und sich die Gemälde angeschaut.

Herzog di Pinzon empfing sie in einem Raum, in den locker zweimal das Studierzimmer von Bruder Harras gepasst hätte. Er war mit dunklen Teppichen ausgelegt und an den Wänden standen unzählige Bücher. Ein seltsames Gebilde aus Metall und ein Globus standen in der Nähe eines großen Schreibtisches, hinter dem Christobal saß und schrieb, als David sie herein führte. „Ah, Lady Silva! Willkommen!“ Kira knickste angemessen, worauf der Herzog eine leichte Verbeugung andeutete – von hochrangigem Adeligen zu niederer Adeligen – und sie zu einem Stuhl vor dem Tisch führte. „Gut. Ich weiß nicht, ob Mitras es Ihnen gesagt hat, aber ich pflege keine Frauenzimmer zu unterrichten. Meistens bleibt ihr Verstand sowieso für die klaren, abstrakten Formen der Mathematik verschlossen. Vernunft, Lady Silva, ist eine Gabe der Geister, aber sie ist eben nicht gleichmäßig verteilt.“ Eingeschüchtert schaute Kira auf den Stapel Papier, der vor ihr auf dem Tisch lag. Was sollte sie dazu sagen? Er hatte nicht Unrecht, nur der Teil mit den Frauen klang unfair. „Ihr habt vermutlich Recht, Herzog di Pinzon. Deswegen ist es auch eine große Ehre für mich, hier sein zu dürfen.“, sagte sie unterwürfig. Immerhin war er ein Proffessor der Mathematik, also waren aus seiner Sicht wahrscheinlich ziemlich viele Menschen dumm, sie eingeschlossen. Pinzon schaute sie einen Moment an und schmunzelte dann leicht. „Das ist angenehm zu hören.“ Er deutete auf die Papiere. „Ich habe ein paar kleinere Aufgaben vorbereitet. Sie nehmen sich jetzt bitte ganz in Ruhe eine Aufgabe nach der anderen vor und versuchen sie so gut sie können zu lösen. Keine Sorge, ich gehe davon aus, dass Sie nicht alles lösen können, sonst bräuchten Sie meine Hilfe nicht mehr.“ Kira nickte stumm. Sie fühlte sich ziemlich erdrückt, der Raum und sein Auftreten raubten ihr das kleine bisschen Zuversicht, mit dem sie aus der Meditationsstunde gekommen war. Allerdings kannte sie dieses Gefühl zu gut – von ihrer Mutter, ihrem Vater, den Lehrern in Lührenburg. Dass ein Mädchen, dass aussieht wie eine Skir und reiten kann wie ein Junge auch noch lernen darf, war eben meistens nicht auf Gegenliebe gestoßen, und ihr Vater hatte es ihr zwar ermöglicht, aber er war auch immer streng gewesen. Besonders in Mathematik war sie schlimmere Beschimpfungen gewöhnt als die Aussagen des Herzogs, die er sogar noch in einem sachlichen, fast herzlichen Ton vorbrachte. Also griff sie zögerlich nach dem ersten Papier und dem Stift, der daneben lag und begann zu lesen.

Auf jedem Blatt war oben in kleiner, gut lesbarer Schrift eine Aufgabe geschrieben. Erleichtert stellte Kira fest, dass sie die erste sogleich mit den Mitteln, die Abby ihr beigebracht hatte, lösen konnte, und so begann sie erst langsam, dann immer zuversichtlicher, zu schreiben. Nicht alle Aufgaben kamen ihr so vertraut vor, aber Christobal saß ruhig in einem Sessel und las, als ob Kira gar nicht da wäre, und so grübelte sie eine Weile über jede Aufgabe, ehe sie sie beiseite legte und die nächste anfing, wenn ihr nichts einfiel. Ein paar Mal kamen ihr später Gedanken, als sie gerade über etwas anderes nachdachte, und nach einer ganzen Weile begann das Knobeln sogar Spaß zu machen. Die Aufgaben waren nicht wie das, was sie aus dem üblichen Mathematikunterricht kannte, es waren fast kleine Geschichten, quasi Rätsel, bei denen man rechnen oder zeichnen musste, um sie zu lösen. Irgendwann stand Pinzon auf und stellte sich neben sie, um ihr über die Schulter zu schauen. Sie schrieb ihre Überlegung zu Ende auf und schaute ihn dann an. „Ich denke, das genügt. Es ist schon bald drei, wir wollen uns ja auch noch unterhalten. Möchten Sie einen Tee?“ Kira blickte erschrocken zum Fenster und stellte fest, dass draußen heftiges Schneegestöber herrschte, was beinahe den Eindruck von Dämmerung erweckte. „Schon fast drei? Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist…“ Christobal lächelte sie freundlich an. „Das habe ich gemerkt. Sie waren ganz versunken, das gefällt mir. Dann schauen wir uns das doch mal an.“ Er griff nach den Blättern, setzte sich auf die andere Seite des Tisches und begann, Blatt für Blatt sorgfältig zu lesen. Manchmal runzelte er die Stirn, manchmal nickte er zustimmend, und ab und zu schnaubte er belustigt oder ablehnend. Kira saß auf ihrem Stuhl und hatte das Gefühl, dass ihr wirklich sehr übel war, so nervös war sie. Ob es gereicht hatte? Über die Rätsel hatte sie beinahe vergessen, dass dies hier ja eine Prüfung ihrer Tauglichkeit als Schülerin war. Als er beinahe durch war, betrachtete er ein Blatt besonders lang, dann legte er es vor sich auf den Tisch. Kira sah, dass es bei dieser Aufgabe darum ging, die Fläche eines runden Blumenbeetes zu bestimmen. Sie hatte keine Ahnung, wie man die Fläche eines Kreises bestimmte, also hatte sie versucht, den Kreis mit Rechtecken zu füllen – die einzige Form, von der sie nach der Lektüre des Mathematikbuches wusste, wie man den Flächeninhalt berechnete. Di Pinzon stach mit dem Finger beinahe auf eine der kleine Skizzen, die sie sich am Rand gemacht hatte. „Was haben Sie sich hierbei gedacht?“ Kira schaute auf die Skizze. „Oh, ähm, naja, ich dachte, wenn man den Kreis da so mit eckigen Dingen füllt, wie ich das gemacht habe, bleiben ja immer so, naja, Tortenstückchen oder so, über. Man hat immer zu wenig, man müsste was dazu tun. Und ich hab halt überlegt, dass ich einige Rechtecke da rechts zu groß mache und die anderen zu klein, dann müsste es ja in der Mitte etwas besser stimmen.“ Sie blickte nervös zu di Pinzon. Sie hatte diesen Gedanken nicht weiter verfolgt, weil es schon mühsam gewesen war, nur die sechs Rechtecke zu zeichnen und zu berechnen, besonders, weil sie ja kleiner als das echte Blumenbeet zeichnen musste. Ob sie es doch hätte machen sollen und sich hätte mehr Zeit nehmen sollen? Vielleicht fand der Herzog sie nun zu wenig sorgfältig? Doch dieser schlug mit der flachen Hand auf das Blatt, so dass Kira vor Schreck zusammen zuckte, und rief: „David!“ Der Butler stand sofort in der Tür. „Einen Cider bitte! Ich muss mit meiner ersten Schülerin anstoßen!“ Er war aufgesprungen und um dem Tisch herum gelaufen. Nun stand er vor Kira und blickte sie begeistert an. „Lady Silva, ich nehme zurück, was ich über die Vernunft der Frauenzimmer gesagt habe. Sie haben tatsächlich etwas davon! Das ist eine hervorragende Idee, tatsächlich machte man es früher genau so, ehe man die exaktere Formel für die Kreisberechnung fand. Sie haben ganz eindeutig keine Ausbildung in Mathematik bekommen, ihre Art, Dinge aufzuschreiben ist grauenhaft, aber sie haben Kreativität und Vernunft, damit werden wir arbeiten. Aber wagen Sie es bloß nicht, irgendwem davon zu erzählen! Herzog di Pinzon unterrichtet keine Frauen – nur diese eine Magierin, dass das klar ist.“ Er klopfte ihr auf die Schulter und Kira hatte das Gefühl, ein riesiger Stein falle mit herunter. Sie wurde rot und kämpfte gleichzeitig sehr damit, nicht vor Erleichterung loszuheulen. Sie hatte bestanden! Und das sogar mit einer Aufgabe, die sie gar nicht richtig gelöst hatte! Die Vorstellung, die der Herzog von Mathematik hatte, war defintiv seltsam, aber nicht schlecht – sie würde vielleicht sogar bei dieser Mathematik Spaß haben. Und sie hatte ihn überzeugt. Sie konnte es gar nicht glauben. Pinzon redete noch weiter, doch sie verstand ihn nicht, so sehr rasten ihre Gedanken und Emotionen durcheinander. Irgendwann drückte ihr der Butler mit einer leichten Verbeugung ein Glas in die Hand und di Pinzon prostete ihr zu, also trank sie das Glas in einem Zug aus und spürte, wie ihr der Alkohol in den Kopf stieg. Christobal war wie ausgewechselt. Er redete in einem fort, nahm ein Blatt nach dem anderen und schimpfte über ihre Art, die „schöne Mathematik“ aufzuschreiben, korrigierte Rechenfehler und erklärte ihr, wie man die Rätsel lösen konnte. Kira bemühte sich, so gut es ging, alle seine Hinweise zu behalten – bestimmt würde er sie beim nächsten Mal danach fragen – aber sie spürte, wie schwer es ihr fiel.

​Mitras err​​​​eichte das Anwesen kurz vor vier und war nun doch sehr besorgt. Christobals Ansprüche waren hoch und zu allem Überfluss auch noch speziell. Reine Kaufmannsmathematik würde ihn nur langweilen, egal wie gut Kira diese Aufgaben nun lösen konnte. Kira würde am Boden zerstört sein, wenn di Pinzon sie ablehnen sollte. Er hoffte inständig, dass er ihr nicht zu viel zugemutet hatte. Mit steigenden Sorgen dachte er daran, wie sie nach dem Misserfolg beim ersten Zauber reagiert hatte. Aber auf der anderen Seite hatte er einfach nicht die Zeit ihr selbst Mathematik Unterricht zu geben und er musste sich eingestehen, dass er in dem Bereich auch kein guter Lehrer wäre. Mathe war ihm immer leicht gefallen und ihm fehlte das Verständnis für die Probleme einer weniger guten Schülerin. Di Pinzon war ein strenger, aber auch verständnisvoller Lehrer. Er würde sicher auch niemandem zumuten, bei Mitras lernen zu müssen, oder?

Seine Sorgen schwebten wie eine zusätzliche Gewitterwolke über seinem Kopf, als wenn das Schneegestöber, dass seit zwei Stunden immer schlimmer wurde, nicht schon schlimm genug wäre. Mühsam stapfte er die Treppe hinauf und wunderte sich, dass noch keiner die Tür öffnete. Erst als Mitras schon davor stand und den eigentlich nur als Dekoration angebrachten Türklopfer ergreifen wollte, fing die Tür an sich zu öffnen. Hinter der Tür stand ein ihm unbekannter Page und fragte kleinlaut: „Herr Graf Magister di Venaris?“ „Ja, der bin ich.“ antwortete Mitras förmlich und geduldig. „Ah gut, treten Sie ein. Der Herzog erwartet sie bereits.“ Mitras folgte ihm ins Haus und wunderte sich, dass es nicht David war, der ihn empfangen hatte. Als er gerade an der Treppe angekommen war, eilte dieser mit einer Flasche in der Hand an ihm vorbei die Treppe hinauf. Noch im laufen rief er ihm zu: „Ah gut, Herr di Venaris, sie werden bereits erwartet. Ich kündige Sie an.“ Kurz hielt er inne, dann winkte er einem der Pagen zu, der an der Tür zum Studierzimmer stand, und befahl: „Ein Glas für den Grafen noch!“ Aus dem Studierzimmer drang Christbals Stimme in einem Mitras wohlbekannten Ton: Er dozierte. Über Mathematik. Und er war ganz offenbar guter Laune. Mitras war erfreut, aber auch alamiert. Kira hatte es offenbar irgendwie geschafft ihn zu beeindrucken, was schon einmal ein gutes Zeichen war. Andererseits, sie war seine Discipula, dass sie es schaffte, den Herzog zu beeindrucken, war ja gar nicht so überraschend. Mitras spürte, wie stolz er auf sie war. Aber er musste sich nun auch beeilen und dazwischen gehen. Christobal würde sonst erst aufhören, wenn sie völlig überfordert zusammenbrach. Er trat in den Raum, als David ihn angekündigt hatte. Kira saß auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch, den Kopf hochrot und ein halbvolles Glas Cidre in der Hand. Sie starrte auf das Blatt vor sich und wirkte wie eine Mischung aus völlig fertig und sehr glücklich. Als Mitras eintrat, blickte sie auf und ein Strahlen ging über ihr Gesicht. „Mitras, ich kann ein bisschen Mathe!“ Sie sprang auf und lief auf ihn zu, die Arme ausgebreitet. Ohne lang nachzudenken, öffnete er die Arme und sie hüpfte, nein sprang ihm beinahe hinein, drückte sich an ihn und quietschte: „Ich kann ein bisschen Mathe und ich kann einen Kreis berechnen und ich kann bleiben, bin ich gut?“ Mitras war sichtlich verwirrt, aber auch erfreut. „Ja, bist du.“ An Christobal gewandt ergäntzte er:“ Wie ich sehe konnte sie dich überraschen. So ausgelassen habe ich dich seit deinem letzten Lieblingsschüler Baltasar nicht mehr erlebt.“ Christobal lachte. „Sie hat keine Ahnung, aber sie hat eine Intervallschachtelung gefunden. Und die Idee von Ober- und Untersummen ausgenutzt. Keine Ahnung, aber du hattest Recht, sie ist vernünftig und fleißig. Da kann was draus werden. Und sie sieht dabei besser aus als Baltasar.“ Erst jetzt realisierte er Christobals vielsagenden Blick und realisierte, dass er Kira immer noch im Arm hielt und zu allem Überfluss hatte er ihr die ganze Zeit über die Schulter gestreichelt. Sie wirkte wie die pure Glückseligkeit und schmiegte sich in seinen Arm. Vermutlich hatte sie ihm das mit dem Eichhörnchen verziehen oder es über die Prüfung vergessen. „Komm Mitras, nimm dir ein Glas und lass uns noch einmal gemeinsam darauf anstoßen!“ forderte ihn der Herzog auf.

Drei Gläser später verabschiedete Mitras sich letztendlich von seinem alten Mentor und führte Kira zu Julius Kutsche, den er draußen hatte warten lassen. Kira war eindeutig angetrunken. Sie hatte sich zwar gut halten können, als sie drinnen tranken, doch draußen auf der Treppe war sie beinahe ausgerutscht, was Mitras dazu veranlasst hatte, sie doch wieder in den Arm zu nehmen und zu stützen. Beim Einsteigen in die Kutsche kicherte sie und als er ebenfalls saß, schob sie sich an ihn heran und unter seinen Arm, um sich an ihn zu lehnen. Erleichtert über den guten Ausgang dieses Wagnis legte er den Arm ganz um sie und zog sie zu sich. Ihr warmer Körper neben ihm fühlte sich gut an. Beinahe zu gut, realisierte er, als Julius vor ihrem Haus hielt und Mitras Kira nur unwillig von sich schob. „Komm, wir sind da.“ Sie antwortete nicht. Sanft hob er ihren Kopf hoch, doch sie sackte gegen ihn. Sie war eingeschlafen! Schmunzelnd umfasste Mitras sie und hob sie mit etwas magischer Unterstützung hoch. Das war wohl doch etwas zu viel für sein kleines Eichhörnchen!

Das Rauschen des Windes – 29. Lunet (Silenz)

Kira erschien wieder nicht zum Frühstück und so langsam machte sich Mitras etwas Sorgen um sie. Abby grummelte und packte ihr ein Tablett zusammen, wobei sie anmerkte, dass “die junge Lady das ja eh wieder stehen lassen würde”. Hatte es sie so sehr getroffen wieder an diese Nacht erinnert zu werden? Wahrscheinlich ja, er konnte es ihr auch nicht verdenken. Was ihr da zugestoßen war, war einfach entsetzlich. Aber alles was er jetzt tun konnte, war sie schonend wieder aufzubauen. Er sammelte ein paar Bücher zusammen und suchte sorgfältig ein paar einfache Lehrzauber der Telekinese-Schule zusammen. Seine große Zusammenfassung zur Telekinese fand er trotz einer längeren Suche nicht wieder, vielleicht hatte er sie im Labor im Keller liegen lassen? Es ging aber auch gut ohne, in vielen seiner Spruchbände fanden sich Kapitel zur Telekinese, und er suchte sich passende Erstzauber heraus. Nichts davon war fordernd und er schämte sich schon fast, seiner Schülerin bei ihrem Potential derart leichte Kost zu servieren. Aber sie brauchte ein Erfolgserlebnis, und das schnell. Morgen würde sie mit dem Lernen sicher wieder anfangen können. Wenn nicht, musste er sich wohl doch mehr mit ihr beschäftigen, um sie zu trösten. Er fühlte sich plötzlich sehr schuldig dafür, dass er die letzten Tage so dermaßen anderweitig beschäftigt war. In Gedanken versunken verpasste er das Mittagessen. Erst als er zur Uhr sah und feststellte, dass es schon fast 15 Uhr war, stellte er fest, dass er schon den halben Tag damit verbracht hatte, Lehrmaterial für Kira zu sammeln und aufzubereiten. Da sie sonst sehr selbstständig arbeitete, war es ihm noch gar nicht aufgefallen wie viel Mühe so eine Lehrvorbereitung machte. Die Vermutung, die Lehrer an der Akademie hätten ein viel leichteres Leben als ein freischaffender Magier, verpuffte angesichts dieser Feststellung ziemlich schnell. So kam man ja kaum zum Forschen!

Nachdem er alles zu seiner Zufriedenheit zusammen getragen und ins Labor gebracht hatte, ging er zu ihrem Zimmer und klopfte sachte an und wartete einen Moment. Erst verzögert kam eine Antwort: “Ja?” Mitras trat ein und sah sich um. Kira saß an ihrem Schreibtisch. Ihr Anblick erschreckte ihn. Sie war sehr blass und sah übermüdet aus. Eigentlich hatte er gehofft, dass die drei Tage ihr Erholung bringen sollten, aber so wie sie aussah hatte es sie noch härter getroffen, als er nach Abbys Kommentar befürchtet hatte. Im schlimmsten Fall war sie gar nicht in der Lage nun zu lernen. Vielleicht sollte er ihr auch gleich die ganze nächste Woche frei geben. “Hallo Kira, eigentlich wollte ich mit dir unser Vorgehen mit dem Telekinesezauber besprechen, aber wir können das auch auf Morgen verschieben.” Sie blickte sofort erschrocken auf und sagte hastig: “Nein, nein ist schon gut. Ähh, sollen wir ins Labor gehen?” Mitras blickte sie besorgt an, “Also gut, wenn du meinst, dass du wieder bereit bist, dann lass uns rüber gehen. Ich habe schon ein bisschen was vorbereitet.” Er drehte sich schon um, als sie noch ein paar Notizen zusammenlegte. Im Losgehen sah er noch, wie sie ein Lesezeichen in das Buch auf ihrem Schreibtisch legte und es schloss. Er ging den Flur hinunter und dachte über das Buch nach. Es kam ihn bekannt vor, aber sein Blick darauf war zu kurz gewesen um es genau zu erkennen. Aber gut, er konnte sie nachher noch danach fragen. Er setzte sich an seinen Arbeitsplatz und wartete, bis Kira auch saß. “Ich muss gestehen, mir ist ein Missgeschick geschehen, ich scheine das wichtigtste Buch verlegt zu haben. Das Grundlagenwerk der Telekinese. Darin sind die Grundlagen und einige gute Einstiegszauber erklärt. Insbesondere die Anleitung eines Levitationszaubers ist für den Einstieg besonders verständlich erklärt. Aber gut, ich habe noch eine andere Spruchsammlung, in welcher der Zauber auch sehr gut erklärt wird. Der Zauber lässt einen einfachen Gegenstand auf einer vom Zaubernden vorgegebenen Höhe schweben.” Er blickte sie prüfend an. Sie krampfte ihre Hände nahezu um ihre Notizen. Hatte sie Angst? Wovor? Mit leiser, monotoner Stimme griff sie seinen Vortrag auf und ergänzte: “Der Zauber heißt Levitation oder auch Schweben. Der Zaubernde soll eine kleine Menge des Fluidums sammeln, die Arme leicht angewinkelt am Körper halten, während die Hände mit den Handflächen zueinander weisen und die Finger dabei gespreitzt halten.” Fast schon mechanisch ratterte sie die einzelnen Schritte des Zaubers herunter. Fluidum war ein alter Begriff für die magische Energie, der nur noch in wenigen Lehrbüchern benutzt wurde. In Lehrbüchern wie dem Grundlagenwerk der Telekinese. Sie endete und sackte ein bisschen in sich zusammen. “Aha, du hast das vermisste Buch also schon gefunden.” sagte er trocken, was er aber sofort bereute, als sie zusammenzuckte, als ob er gerade zum Schlag ansetzen würde. “Ich.. es tut mir leid… ich wollte nicht…” Erste Tränen rannen über ihre blassen Wangen. “Ich wollte nur vorbereitet sein. Wirklich! Ich hätte es wieder hingestellt.” Er hatte den Eindruck, dass ihre ganze Statur irgendwie dünner war als sonst. Hatte sie die gesamte Zeit gelernt? Sie sah schrecklich blass aus. “Kira, alles ist gut, also nein, nichts ist gut. Du siehst furchtbar aus. Du solltest dich erholen und nicht krampfhaft überarbeiten.” Sie schluchzte auf. “T-T-Tuhut mir leid…!” Sie sackte weiter in sich zusammen und ließ dabei ihre Notizen los, so dass sie zu Boden segelten und vor ihr einen Haufen an akuraten Zeichnungen zu Bewegungsmustern, Zusammenhängen zwischen Zaubern und Sprüchen ausbreiteten. Sogar einige der ihr verhassten mathematischen Formeln konnte er sehen. Es musste unglaublich viel Zeit gekostet haben, all das vorzubereiten – mehr Zeit, als ihr die letzten drei Tage eigentlich zur Verfügung gestanden hatte. Mitras vermutete, dass sie nicht nur tagsüber sich nicht erholt hatte, sondern auch nachts weiter gearbeitet hatte, statt zu schlafen. Warum bei allen Geistern verausgabte sie sich so? Er hatte doch klar gesagt, dass sie sich erholen sollte. Eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit stieg in ihm auf, während er beobachtete, wie sie die Hände auf ihren Knien verkrampfte in dem Versuch, Kontrolle über das Weinen und ihre Stimme zu erlangen. “I-i-ich will nur nicht…” Sie heulte leise auf. “Ich will nicht versagen. Ich w-w-will ni-hicht nach Bispar müssen…” Er schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, und spürte, wie ihre Worte ihm beinahe selbst weh taten. Warum dachte sie, er würde sie zurück schicken? Nach all dem, was sie ihm erzählt hatte, würde er sie garantiert nicht dorthin zurück lassen. Mitleid und Zuneigung ersetzten seine Wut. Arme Kira. Einem Impuls folgend stand er auf, ging zu ihr hin, schob einige der Blätter behutsam zur Seite, um sich vor sie knien zu können, und legte ihr behutsam die Hände auf die Schultern. Er achtete sehr genau darauf, nicht zu viel Druck auszuüben. “Kira, keiner wird dich nach Bispar zurück schicken. Erst recht nicht drei Tage, nachdem du mir erzählt hast, was dir dort zugestoßen ist….”

Kira hatte das Gefühl, in Watte eingepackt zu sein. Die Tränen liefen über ihre Wangen, aber sie fühlte sich so unglaublich leer. Sie hatte schon wieder einen Fehler gemacht. Das Buch. Sie hätte fragen müssen. Jetzt hatte er es bestimmt gesucht. Der Gedanke, dass ihre Mutter mit ihrem Vorwurf, ihre Hexentochter sei zu nichts nütze, Recht haben könnte, stach irgendwo tief in ihrer Magengrube. Nicht mal lernen konnte sie richtig. Mitras Hände auf ihren Schultern wurden ihr bewusst. Seine Stimme klang warm, gar nicht so wütend, wie sie es erwartet hätte. Er war so warm. Sie hatte das Gefühl, dass die Wärme seiner Hände das einzige war, was sie gerade vor der Eiseskälte in ihr retten konnte.

Mitras merkte, dass sie auf keine seiner Worte reagierte. Sie wirkte entrückt. “Kira, hörst du mich überhaupt?” Sie reagierte nicht und schluchzte weiter vor sich hin. Etwas verzweifelt nahm er sie ganz in den Arm. Einen Moment lang dachte er darüber nach, ob das überhaupt richtig war, bei ihren Vorerfahrungen, doch der Gedanke verschwand sofort wieder, als sie ihre Hände um seine Arme krampfte und sich an ihm festhielt. Er musste sie jetzt erst einmal stabilisieren. Was würde helfen? Er wirkte einen leichten Vitalisierungszauber. Normalerweise diente er zur Stabilisierung von Kranken, aber Mitras hoffte, dass er ihr so auch helfen konnte, also legte seine Hände auf ihren Rücken und ließ die Magie in sie hinein fließen.

Er umarmte sie, und Kira hatte das Gefühl, sich an ihm festhalten zu müssen, ihn festhalten zu müssen. Seine Hände lagen auf ihrem Rücken und sie spürte, wie die Wärme sich von ihnen ausbreitete, sie erfasste und erfüllte. Langsam verdrängte sie das Gefühl der Starre, und sie merkte, dass sie ihre Hände um seine Arme geklammert hatte, gegen ihn gelehnt war, ihn riechen konnte. Sie spürte seine Hände auf ihrem Rücken, jetzt nicht mehr so warm, aber haltend. Sie wurde gehalten. Zum ersten Mal seit dem der Tonklumpen explodiert war, hatte sie das Gefühl, nicht mehr aus Eis zu sein. Ein wenig spürte sie, wie peinlich ihr das Ganze war, aber gleichzeitig merkte sie auch, dass sie ihn nicht loslassen wollte. Sie seufzte und ließ den Kopf ganz gegen seine Brust sinken, lehnte sich in seine Umarmung. Nur ein kleinen Moment lang noch gehalten werden…

Mitras merkte, wie sie sich entspannte. “Bist du wieder bei mir?” Sie nickte schwach. “Gut, also noch mal. Keiner wird dich nach Bispar zurück schicken.” “Und wenn ich nicht zaubern kann?”, murmelte sie fast unverständlich in seine Robe. “Selbst dann nicht. Nur ein absoluter Unmensch, wie Thadeus zum Beispiel, würde dir so etwas antun.” Sie drehte den Kopf leicht und blickte ihn von unten an. Ihm fiel auf, dass ihre Augen ein sehr helles Grün hatten, heller, als er es von der ersten Begegnung in Erinnerung hatte. “Jeder außer dir würde das tun. Du bist einfach so gut…” Sie verstummte und ihr Gesicht färbte sich ein bisschen rot, was allerdings angesichts ihrer Blässe nur dazu führte, dass sie wieder etwas weniger totenbleich aussah. Er lachte leise auf. “Glaube mir, so schlecht sind die meisten Menschen nicht. Also gut, was ich eigentlich von dir wollte war, dass du dich von dem großen Schrecken erholst. Ich hatte gehofft, dass du nach ein paar Tagen Ruhe neu starten kannst.” Sie richtete sich etwas auf und sagte eifrig: “Ich kann starten! Wirklich. Ich habe gelernt. Ich kann schon drei Zauber auswendig mit allen Bewegungen: Schweben, Puffern und Gleiten.” Mitras ließ sie behutsam los. Seine Hände strichen über ihre Arme und als sie seine Hände berührte, hatte er kurz den Eindruck, sie würde mit den Fingern zucken, als wollte sie ihn festhalten, doch dann war der Moment vorbei und er schalt sich innerlich dafür, in einer solch kritischen Situation darüber nachzudenken, wie es war, von ihr festgehalten zu werden. Er stand auf und machte einige vorsichtige Schritte, um nicht auf ihre Notizen zu treten, ehe er sich wieder auf seinen Stuhl setzte. Sie hatte zarte, weiche Hände. Er schüttelte kurz den Kopf, um den Gedanken los zu werden, und sagte: “Ja, ich glaube dir, dass du gelernt hast, aber wir können nicht einfach loszaubern, während du hier fast vor Schwäche vom Stuhl fällst.”

Kira spürte eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung. Erleichtert, weil er so wunderbar war. Weil die Wärme seiner Umarmung in ihr floß wie Magie. Wahrscheinlich war es Magie, realisierte sie. Enttäuscht, weil sie eigentlich gehofft hatte, endlich beweisen zu können, dass sie nicht untauglich war. Und weil er sie losgelassen hatte. Verlegen schaute sie zu Boden. “Aber… du hast mich gestärkt. Ich… kann ich es nicht wenigstens probieren? Ich will… ich will einfach keine unfähige Schülerin sein…” Sie verstummte. Was sollte sie sagen? In den ganzen letzten Tagen hatte sie immer nur daran gedacht, dass sie die Zauber können musste. Und dass Abigail aufhören sollte, sie mit anderen Dingen zu stören. Dass Essen und Schlaf ja aber eigentlich notwendig waren, um genug Kraft zu haben, einen Zauber auszuführen, hatte sie verdrängt. Wie dumm sie war. Die Wärme in ihrem Rücken erinnerte sie daran, dass er sie nicht wegschicken wollte. Sie schaute ihn an. Er trug seine Arbeitsrobe, eine schlichte Version seiner Magierrobe, die er im Labor bevorzugte und saß zurückgelehnt in seinem Stuhl und musterte sie sorgenvoll. Wahrscheinlich fragte er sich, was er mit diesem Unglückshaufen von Schülerin jetzt anfangen sollte. Ein bisschen spürte sie einen Hauch von etwas anderem in seinem Blick, etwas, das sie nicht einordnen konnte. Sie versuchte, sich aufzurichten. Nicht schwach sein. Ihr Magen grummelte ein bisschen, aber Hunger war ihr vertraut genug, um ihn einfach ignorieren zu können. “Ich fühle mich wirklich gar nicht so schlecht. Du hast etwas gezaubert, oder?”

Sie würde jetzt nicht klein bei geben, was ihm ein bisschen imponierte. “Also gut, wir werden es jetzt probieren. Wenn du es schaffst, machst du drei Tage Pause um wieder zu Kräften zu kommen und dann legen wir wieder richtig los, wenn es aber nicht klappt, wird die ganze nächste Woche nicht gearbeitet!” Kira sah ihn an und lächelte beinahe, auch wenn es etwas gequält aussah. “Ich schaff das.”

Sie musste das schaffen. Sie durfte nicht wieder versagen. Sie durfte ihn nicht enttäuschen. Und außerdem – was genau sollte sie drei Tage, schlimmer, eine ganze Woche machen, wenn sie nicht lernen sollte? Haushalt und Schweine füttern standen vermutlich auch nicht auf der Liste der Dinge, die Mitras mit “nicht Arbeiten” meinte. Der Gedanke ließ fast eine Spur Belustigung in ihr aufkeimen, wurde jedoch schnell von der aufsteigenden Nervösität überdeckt. Sie würde zaubern. Jetzt. Sich nicht ablenken lassen, egal wie es schmeckte. Sie stand auf und begann, ihre Notizen wieder einzusammeln. “Was soll ich denn probieren?” Mitras schaute sie von der Seite an und lächelte, was ihr Herz kurz aussetzen ließ. „Naja, das Schweben, denke ich mal.“ Er ging zu seinem Schreibtisch, zog eine Schublade auf und nahm drei Holzkugeln heraus. „Mit diesen hier hat Nathanael mit mir geübt.“ Seine Miene verfinsterte sich kurz. „Das wäre eigentlich Thadeus Aufgabe gewesen… Aber egal.“ Er legte zwei der Kugeln auf der Kante des steinernen Beckens ab und ging mit der dritten in den Zirkel, indem sie auch das letzte Mal mit den Magieübungen begonnen hatten. „Komm her. Erst nochmal das konzentrierte Sammeln. Und wenn du ruhig und gleichmäßig im Fluss bist, kannst du den Zauber wirken.“ Er legte den Ball in die Mitte des Zirkels und begann, die Geräte, die er auch beim letzten Mal genutzt hatte, anzustellen. Kira stand auf und setzte sich ein kleines Stück von der Kugel entfernt in den Kreis. Sie hatte beinahe das Gefühl, ihr würde das Herz gleich vor Aufregung aus der Brust springen, aber sie konzentrierte sich und begann mit dem Kanalisieren. Ausatmen, Einatmen. Sie ließ die Magie abfließen und atmete sie wieder ein, bis sie das Gefühl hatte, ihr Atmen wäre fast wie das Rauschen der Wellen am Strand. Einmal veränderte sich die Struktur der Magie um sie – vielleicht hatte Mitras einen Zauber gewirkt. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, der Raum würde kurz nach Schokolade oder Nougat riechen. Ob das seine Magie war? Sie konzentrierte sich weiter auf das Atmen. Ruhig werden. Da ist die Kugel. Die Kugel schwebt gleich. Sie hob die Hand, schaute auf die Kugel, holte Luft – und ließ die Magie in ihre Handbewegung gleiten. Ihr Mund füllte sich mit einem Geschmack von Salz und gleichzeitig dem süßen Karamell das Kanalisierens. Entfernt hatte sie das Gefühl, das Rauschen des Windes in den Blättern zu hören, wie im Sommer im Wald. Sie blickte weiter auf die Kugel. Die Kugel schwebte. Die Kugel schwebte! Überrascht quietschte sie auf, woraufhin die Kugel zu Boden fiel. Hinter ihr gab es ein kurzes, dumpfes Geräusch, wie ein Echo des Geräusches, dass die Kugel machte, als sie vom Boden des Zirkels abprallte und dann einen kleinen Kreis rollte. „Sie ist geflogen! Mitras, hast du gesehen? Sie ist geflogen!“ Mitras stand schräg hinter ihr ihr, neben dem steinernen Becken, und hielt eine der anderen Kugeln in der Hand, die er betrachtete. „In der Tat.“, sagte er, mehr zu sich und der Kugel, als zu ihr gewandt. „Die Kugel ist abgehoben. Es hat also bestens geklappt. Und sobald du dich über die drei Tage hinweg erholt hast, wirst du auch noch eine ganze Menge weiterer Zauber erlernen und beherrschen.“ Kira spürte, wie die Erleichterung durch sie hindurch brach wie eine Welle durch eine Sandburg. Es hatte geklappt, sie war eine Magierin. Sie würde wirklich bleiben können. Sie ließ sich nach hinten auf den Boden fallen. Die Anspannung der letzten Tage wurde ihr bewusst. Ehe sie wusste warum, spürte sie, wie die Tränen wieder in ihr aufstiegen, und sie rollte sich zusammen und weinte, diesmal vor Glück, oder vor Erschöpfung, das konnte sie nicht so genau sagen.

Mitras betrachtete die Kugel in seiner Hand, sie hatte er noch fangen können, die dritte war irgendwo unter einen der Schränke gerollt. Er war erleichtert und besorgt zugleich. Erleichtert, dass das Trauma nur die Verwandlungsmagie betraf und sie nun einen für sie so wichtigen Erfolg erzielt hatte. Aber auch besorgt. Sie hatte den Magiefluß die letzten Male eigentlich schon gut unter Kontrolle gehabt, trotzdem waren nun die beiden anderen Kugeln mit abgehoben und das, obwohl sie in einer völlig anderen Richtung gelegen hatten. Und eigentlich auch außerhalb der Reichweite, die Schweben am Anfang hatte – normalerweise wirkte man diesen Zauber zu Beginn nur im Sichtfeld und dort auch nur etwa einen Meter. Bei diesem Zauber konnte durch ein zuviel an Magie nicht viel schief gehen, aber andere Zauber waren da durchaus gefährlicher. Brachten viele andere Lehrlinge kaum genug Potential auf, um Zauber anderer Schulen am Anfang überhaupt zu wirken, so musste er bei ihr zusehen, wie er sie gebremst bekam. Ihr Potential war wirklich unheimlich. 

Während er noch seinen Gedanken nachhing, rollte sie sich plötzlich förmlich in sich zusammen und begann wieder zu schluchzen. Besorgt war er schon fast auf und zu ihr hingesprungen, bis ihm ihre Aura auffiel. Er hatte die Zauber zur magischen Sicht noch nicht wieder beendet und sah nun wie sie immer noch stark schimmerte, aber nicht mehr in ängstlichen, verstörten Farben, sondern in grünlichen Tönen die Freude, die aber auch unendliche Erschöpfung ausdrückten. Behutsam ging er neben ihr auf die Knie und legte ihr eine Hand auf die bebende Schulter. „Alles wird gut, Kira, aber jetzt ist es definitv das Wichtigste, dass du wieder zu Kräften kommst. Es gibt ja auch gleich Abendessen. Morgen solltest du dir Ruhe gönnen und am Mafuristag vielleicht mal wieder in die Stadt fahren. Am Abend des Uldumstags, nach dem Abendessen können wir uns dann bei einem Gläschen zusammensetzen und besprechen wie es weiter geht. Ich denke mal, dass wir fürs erste bei Telekinesezaubern bleiben.“ Unter seinen Worten und seiner Berührung hatte sie sich wieder beruhigt. Er hatte keine Ahnung, ob sie alles verstanden hatte, was er gesagt hatte, aber nun richtete sie sich wieder auf und sagte: „Ist gut.“ Sie hielt einen Moment inne, ihr Gesicht nah an seinem und er hatte das Gefühl, als würden ihre hellgrünen Augen ihn heranziehen. Dann breitete sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht aus und sie umarmte ihn heftig. „Danke! Ich… ich bin dir so dankbar! Du bist der beste Mentor, den ich mir vorstellen kann!“ Er erwiderte die Umarmung vorsichtig. „Danke. Gut, ich würde mal sagen du machst dich jetzt erst einmal ein bisschen frisch und ich räume hier auf und dann hole ich dich gleich in deinem Zimmer für das Abendessen ab.“ Kira nickte, stand auf und hüpfte ein kleines Stück in die Luft. Ihr Grinsen war immer noch da und wärmte beinahe den Raum, so ansteckend und glücklich sah es auf. Er verspürte deutlichen Stolz und musste schmunzeln, während er ihr nach sah, wie sie leicht tänzelnd den Raum verließ. Ihr Hintern war durchaus fraulich, aber ihre Freude hatte den Charme eines Kindes. Seine Zuneigung für sie stieg auf jeden Fall an, und er merkte, dass er auch stolz war.

Dann verdunkelte sich seine Miene. Warum bedeutete es so viel für sie? Warum hatte sie drei Nächte lang gelernt, statt zu schlafen? Was war da in ihrer Vergangenheit, dass sie so antrieb? Die Angst vor Bispar konnte nicht nur an diesem Dorfadeligen liegen. Wenn Stefania da war, würde er sie um Hilfe bitten. Die Hellsichtschule konnte soetwas, in die Vergangenheit und an entfernte Orte blicken. Er hoffte, dass Stefania ihr Handwerk wirklich so gut beherrschte, wie William und Titus angedeutet hatten. Er musste herausfinden, was Kira innerlich so zerriss – anderenfalls wäre es sowohl für sie als auch für ihn gefährlich. Eine emotional instabile und so potente Magierin könnte ihm das Dach vom Kopf abheben lassen, und zwar im genauen Wortsinne. Grübelnd hob er die Kugeln auf und räumte die Notizen zusammen. Er legte alles sorgfältig auf den bisher leeren Schreibtisch, den er für sie vorgesehen hatte. Dann nutzte er einen Telekinesezauber, um den dritten Ball wieder unter dem Schrank hervorzuholen, und letztendlich beendete er alle Überwachungszauber und deckte die Geräte wieder zu. Mit William würde er auch noch reden müssen, fiel ihm ein. Warum hatte er gelogen?

Verzweiflung – 26. – 28. Lunet

Am nächsten Tag war Mitras früh auf den Beinen. Der Gedanke daran, was Kira für eine rücksichtslose Rabenmutter hatte, ließ ihn nicht los. Das eigene Kind wegen der Haarfarbe zu verstoßen war schon schlimm genug, es aber in solch einer Situation nicht zu unterstützen, war unverzeilch. Es wäre besser für sie, wenn er sie niemals zu fassen bekommen würde. Und was diesen Johann anging, da konnte er sich nur mit Mühe beherrschen nicht gleich in den nächsten Zug zu steigen um in den Norden zu fahren und ihn ob seiner Vergehen Kira – und sicher auch vielen anderen Mädchen gegenüber – zu einem Duell zu fordern. Da dieser Bastard aus einer Adelsfamilie, sicher irgendeiner der dortigen Barone, stammte, wäre es bei dem bloßen Verdacht sein gutes Recht gewesen. Und das Duell wäre lang gewesen. Kaum einer konnte Mitras mit dem Rapier das Wasser reichen und so ein Landpöbel würde sicher nicht in der Lage sein gegen ihn anzukommen. Und William, dem er von dem Vorfall berichtet hatte, wäre sicherlich ebenfalls mit von der Partie. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre auch direkt in den nächsten Zug gestiegen, aber Mitras hatte ihn zurückgehalten und ihm auch den Schwur abgenommen, die Geschichte für sich zu behalten. Es war letztendlich Kiras Entscheidung, wer davon wusste. Fast kam Mitras sich schon etwas schäbig dabei vor, es überhaupt an William weitergetragen zu haben, aber er hatte sich in seiner Wut darüber erst spät Gedanken gemacht. Früher oder später würde er sie in den Norden begleiten und ihr zu ihrer Rache verhelfen. Wobei ein richtiger Prozess mit einem Schuldspruch am Ende ihr wahrscheinlich mehr helfen würde.

Mitras riss sich aus diesen finsteren Gedanken. Im Moment würde er Kira am besten helfen, wenn er ihr erst einmal ein bisschen Ruhe gönnen und ihr dann mit den Telekinesezaubern ein Erfolgserlebnis verschaffen würde. Sollte das aber auch scheitern würde sie dringend Hilfe brauchen. Mitras war zwar ein brauchbarer Heiler, auch wenn ihn die Heilkunst nicht wirklich interessierte, aber seelische Leiden vermochte er nicht zu heilen. Es gab einige Magier der Hellsichtschule, die sich auch aufs heilen verstanden, aber Hellsicht- und Verwandlungsbegabungen vertrugen sich nicht gut, so dass diese Magier äußerst selten waren. Ein Priester würde ihr wohl eher helfen können. Mitras sollte sich wohl schon einmal umhören, welche von ihnen sich auf derartige Leiden verstanden. Aber gut, Kira hatte jetzt erstmal Ruhe und er viel zu viel zu tun. Um die Schule beliefern zu können, hatte er seine gesamten Vorräte verbraucht und alles was er bisher nachproduziert hatte, war ebenfalls zur Schule gegangen. Er hatte noch einen Monat, um die Ladung für die Generalität fertig zu bekommen, aber dank Kiras Hilfe konnte er nun auch wieder deutlich mehr produzieren. Und den Generator würde er die nächsten zwei Abende auch allein geladen bekommen. Er hatte vor dem Regenerationszauber auch schon andere Vitalisierungszauber versucht, aber nie mit der Menge an Energie, die Kira ihm gegeben hatte. Dazu wäre für ihn allein ein mindestens zweistündiges Ritual nötig und das hätte er nicht mehr durchgehalten. Nun aber strotzte er wieder vor Energie. Das Elektrum würde er schnell fertig bekommen und genug Überschuss produzieren, um seine Forschungen schnell wieder aufnehmen zu können.

Kira kam nicht zum Frühstück, aber das war schon in Ordnung. Nach dem Schrecken gestern musste sie sich ja ein bisschen ausschlafen. Er bat Abigail darum ihr später etwas hoch zu bringen und ging in den Keller um mit der Fertigung zu beginnen. Heute würde er seine Reste verarbeiten und dann Morgen, am Schengstag, neue Vorräte einkaufen. Ihm fiel ein, dass er und William sich dann am Abend auch wieder mit Titus treffen wollten. Er war gespannt darauf zu erfahren, was dieser herausgefunden hatte. Es war Zeit gegen die di Porrums vorzugehen, zu lange schon war diese Bedrohung aus seinem Fokus gerückt.

Die zwei Tage vergingen wie im Flug. Es tat ihm ein bisschen leid, dass er keine Zeit hatte noch einmal nach Kira zu sehen, aber das würde er morgen am Silenz nachholen. Heute hatte er sie noch gar nicht gesehen, aber er hatte das Haus auch schon früh verlassen und war zum Abendessen bei seinen Eltern geblieben. Nun musste er sich schon ein bisschen beeilen, um William noch rechtzeitig zu erreichen. Nach der unerfreulichen Szene mit dem Dockarbeiter hatte Titus sie zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte ganz klar vermeiden, dass die Leute aus dem Hafenviertel ihn noch einmal mit einem Adligen​​​​​​ sahen. Er lebte in zwei Welten und gehörte doch zu keiner so richtig dazu. Aber gerade diese Außenseiterrolle ermöglichte es ihm, seine teils schon sehr zwielichtigen Geschäfte zu tätigen. Titus folgte dabei allerdings einem gewissen Kodex und würde nie die Schädigung von Unschuldigen in Kauf nehmen. Er hatte sich vielmehr darauf spezialisiert, denen zu ihrem Recht zu verhelfen, die dies selbst nicht konnten und die Aufträge von Mitras und einigen anderen Wohlhabenden sorgten dafür, dass er sich das auch leisten konnte, ohne sofort mit dem Gesetz aneinander zu geraten. In der Folge war er bei den Ärmeren recht beliebt und wurde von den Reichen als nützlich erachtet, jedenfalls von denen, die seinen eigenen Moralvorstellungen genügten.

Titus wohnte in der Neustadt in einem der dortigen Händlerhäuser. Mitras hatte keine Ahnung, wie er es geschafft hatte an das Haus zu kommen, da die dort ansässigen Händlerfamilien diese alten Häuser als Statussymbol erachteten. Sie lebten innerhalb der alten Mauern, auch wenn es nur die zweite, neuere Mauer im Norden war und sie die erste Stadtmauer vom alten Palast trennte. Ähnlich wie die alten Adelshäuser, waren auch diese alten Händlerfamilien ein Anachronismus. Sie existierten ob des alten Reichtums und wurden nach und nach von den großen Händlern, wie zum Beispiel seinem Vater, verdrängt. 

Mitras erreichte das Haus zur gleichen Zeit wie William. „Na, da komm ich ja genau richtig. Wie war es bei deinen Eltern?“ „Gut, danke der Nachfrage und ist zu Hause alles in Ordnung?“ „Kira ist wieder nicht zum Abendessen herunter gekommen, ich mach mir Sorgen um sie.“ „Nun, wir wissen jetzt, dass sie schlimmes durch gemacht hat. Und der Zauberversuch hat sie genau in diese Situation wieder rein geworfen. Gib ihr etwas Zeit, sie soll sich erstmal davon erholen und braucht sicher Zeit für sich. Abby hat ja ein Auge auf sie.“ „Ha, na ja, …“ William wurde von Zuruf unterbrochen. „He, ihr beiden, wollt ihr hier nur vor meinem Haus rumlungern oder kommt ihr auch rein?“ Während Mitras noch mit William diskutiert hatte, war Titus aus dem Haus gekommen. Anscheinend hatte er sie gehört, wie sie so auf der Straße standen. „Guten Abend Titus. Entschuldige, William und ich hatten noch kurz etwas aus dem Haushalt zu klären. Ich bin schon den ganzen Tag unterwegs. Aber gut, wir sollten wirklich reinkommen.“ Titus lachte kurz auf, bis er die Mienen der beiden Männer im Lichtschein sah. „Gab es Probleme?“ Mitras sah ihn mit einem gezwungenen Lächeln an und antwortete: „Keine aktuellen. Nein, bei uns zu Hause ist alles gut. Aber ich brauche eventuell deine Hilfe in einer weiteren Angelegenheit.“ „Nun gut, aber kommt erstmal rein. Bei einem kleinen Schluck, lässt sich das alles leichter klären. Und meine Herren, den Schluck werden wir auch brauchen.“, fügte Titus mit einem Unheil verkündenden Unterton hinzu und geleitete sie hinein.

„Kindchen, du musst etwas essen.“ Abby schob sich durch die Tür ins Zimmer und blickte Kira vorwurfsvoll an. Kira schreckte hoch und warf eines der Bücher von der Tischkante. Verdammt. Sie war eingeschlafen. Schon wieder. Ihr rechter Arm tat weh, weil die Tischkante ungünstig gedrückt hatte. Sie blickte Abby an, die mit einer Mischung aus Sorge und Wut vor ihr stand, schon das dritte Mal am heutigen Tag. „Ja, Abby, ich werd was essen. Vielleicht eine Scheibe Brot?“ „Pff!“ Abby kam zum Tisch und schob noch zwei weitere Bücher zu Seite, was ein drittes abstürzen lies. Kira fing es eben in der Luft und fauchte:“ Pass doch auf! Das gehört Magister Mitras!“ Abby lies sich davon allerdings nicht beeindrucken. Sie setzte, nein, knallte, einen Teller auf den Tisch, auf dem belegte Brote und etwas Obst lagen. „Nicht eine. Du hast noch gar nichts gegessen seit gestern abend. Drei!“ Seufzend griff Kira nach einer Brotscheibe und linste dabei schon wieder auf den Zauber, den sie sich gerade versuchte einzuprägen. Lockere Hand. Wellenförmige… Abby wedelete mit der Hand vor ihrem Gesicht. „Kira? Nordgeist an Kira?“ Verärgert blickte Kira auf. „Was?“ Abby stemmte die Arme in die Seiten. „Du musst auch mal schlafen, Kindchen. Du hast schon Ringe unter den Augen. Das Buch ist morgen auch noch da.“ „Ja, aber wer weiß, ob ich es noch bin.“ Kira spürte, wie die Verzweiflung wieder in ihr hochstieg. Mitras hatte sie nicht weggeschickt, aber wenn sie nochmal versagte, würde er das sicherlich. Abby murmelte etwas, das sie nicht verstand. Sie schob den Teller mit den Broten etwas zur Seite, hob das heruntergefallende Buch auf und legte es auf den Tisch, ehe sie ging. Heute morgen hatten sie bereits eine ähnliche Diskusssion geführt, als Abby sie das erste Mal schlafend am Tisch gefunden hatte. Abby schien überhaupt nicht zu verstehen, wie ernst die Lage gerade war. Sie war hier, um zaubern zu lernen. Wenn sie nicht zaubern konnte, weil sie sich nicht davon lösen konnte, wie die Hände ihren Rock hochschoben und wie die Schreie von Johann hinter ihr her grellten, dann wäre sie nutzlos. Dann müsste sie nach Hause zurück. Und da wartete wahrscheinlich Johanns Vater nur darauf, ihr endgültig den Hals umzudrehen, so wie sie seinem Sohn den Arm verdreht hatte. Immerhin war er der Baron von Hagen. Sie musste zaubern können. Sie legte das Brot beseite, nahm sich das Buch und begann, wieder die Bewegungen des Schwebezaubers zu üben, an dem sie gesessen hatte, ehe sie eingedöst war.

Titus führte sie in ein kleines Wohnzimmer. Kaum, dass sie den Raum betreten hatten, sprang eine Frau auf mit schwarzen Haaren, die schon mit silbernen Fäden durchzogen waren, vom Sofa auf und fiel William um den Hals. „William! Es ist so lange her, schön dich endlich mal wieder zu sehen.“ Sie ließ ihn wieder los, ging etwas auf Abstand und fügte leicht vorwurfsvoll hinzu, „Du kannst dich ruhig mal öfter sehen lassen. Das letzte Mal ist ja schon ewig her“. Nun erst erkannte Mitras Stefania, Williams Schwester. „Ha, äh, ja, aber die Arbeit. Ich hab ja kaum Zeit für irgendwas.“ stammelte ihr Bruder verlegen. Mitras wunderte sich, war William nicht erst letztens weg gewesen, um sie zu besuchen? Er würde ihn später zur Rede stellen, jetzt war aber nicht der richtige Zeitpunkt für eine Szene. Mitras selbst war Stefania in den letzten Jahren nur ein paar Mal begegnet, als Kind aber deutlich häufiger. Sie war gut zehn Jahre älter als William und hatte ihn eine Zeit lang allein groß gezogen, als die beiden bei Verwandten in Albion untergekommen waren. Mitras wusste nicht mehr, warum sie ihre Eltern damals verlassen mussten, aber was der Grund auch war, so hatte er wenigstens die Chance gehabt William kennen zu lernen. Warum er sie aber nun mied, sollte er wohl besser bald mal herausfinden, jedenfalls wollte er nun nicht als Sündenbock herhalten und sagte: „Aber William, du weißt doch, ein Wort und du hast einen Tag frei.“ „Äh ja aber…“ „Nichts aber, wir klären das später in Ruhe. Werte Stefania, sollte ich dir in irgendeiner Weise deinen Bruder vorenthalten haben, so tut es mir leid.“ „So die Herren mögt ihr nun bitte Platz nehmen?“ Titus saß bereits am Tisch und blickte etwas finster drein. Schlagartig wurde Mitras ernst, was auch immer vorgefallen war, es musste sich um etwas größeres handeln, um den immer fröhlich wirkenden Titus so auf die Laune zu schlagen. Mitras setzte sich ihm gegenüber und eröfnete das Gespräch: „Sie sehen nicht glücklich aus, also muss etwas schief gelaufen sein, oder Sie haben andere wahrhaft schlechte Nachrichten.“ „Ich habe gar keine Nachrichten. Jeglicher Versuch die Manufaktur oder einen anderen Geschäftsbereich der di Porrums zu infiltrieren ist gescheitert. Ich habe sogar einen Mann verloren, einen sehr guten und einen Freund.“ „Das tut mir leid zu hören, wirklich. Hatte er Familie?“ „Hatte er.“ Presste Titus zwischen den Zähnen hervor. Mitras griff sofort in seine Tasche und sammelte ein paar Münzen zusammen. Er schob zehn Goldmünzen über den Tisch, ein kleines Vermögen. „Ich möchte dass die Witwe dieses Geld bekommt, richtet ihr mein aufrichtiges Beileid aus und sagt ihr, dass Geld keine Wunden heilen kann, ich aber auf keinen Fall will, dass aus meinem Auftrag heraus auch noch ihre Existenz und die Zukunft ihrer Kinder zerstört wird.“ Titus entspannte sich wieder ein bisschen. „Eine noble Geste Lord di Venaris, wir hätten uns auch so um die Familie gekümmert, aber ich weiß das hier sehr wohl zu schätzen.“ „Der Verlust ihres Freundes tut mir leid Titus, aber warum auf einmal diese Probleme? Es war schon immer schwer etwas aus den Geschäften der di Porrums zu erfahren, aber Sie konnten bisher doch immer zumindest Boten bestechen oder auch mal einen Buchhalter aushorchen. Was hat sich geändert?“ „Ich fürchte, es ist den di Porrums gelungen, mehr magische Unterstützung zu erlangen. Ein Vertrauter geht davon aus, dass sie einen guten Hellsichtmagier beschäftigen oder zumindest mit ihm zusammen arbeiten. Es wird sich dabei wohl mindestens um einen Magister handeln.“ Mitras fluchte ausgiebig. Wenn dieser Magier ihre Verteidigung schon so verstärkte, wie sehr konnte er sie dann im Angriff unterstützen. Er musste sich dahingehend unbedingt mit Nathanael beraten. Er selbst kannte keine Hellsichtmagier näher. Schon die Spiegel ohne größere Nachfragen zu bekommen war ein schwieriges und teures Unterfangen gewesen. „Nun das ist ein Problem, aber sagt Titus, Sie kennen nicht zufällig einen Hellsichtmagier, der mich bei der Verteidigung gegen diese neue Bedrohung unterstützen kann oder?“ „Nun, ich müsste erst Rücksprache mit meiner Quelle halten und ich bin mir auch noch nicht sicher, ob ich das will. Dieser Auftrag ist deutlich gefährlicher, als ich dachte.“ „Das verstehe ich. Mir geht es auch ausschließlich um die Defensive. Die di Porrums werden diesen Magier sicher auch offensiv einsetzen und ich brauche Schutz. Ich bin bereit sehr großzügig und diskret zu sein.“ „Das glaube ich Ihnen, ich werde es vorschlagen und dann sehen wie die Reaktion ausfällt.“ Mitras merkte, dass Titus alles versuchte, um ja keine Hinweise auf seinen Kontakt durchsickern zu lassen. Wer es auch war, die Person musste ihm wichtig sein. „Gut, ziehen sie ihre Leute so weit wie nötig zurück. Ich brauche weiter jede nur erdenkliche Information, aber sie sollen kein unnötiges Risiko eingehen. Ich verdopple den vereinbarten Preis, um das Risiko auszugleichen.“ Titus sah ihn erstaunt an und blickte kurz zu Stefania. Anscheinend war er so viel Entgegenkommen von seinen adeligen Kunden nicht gewohnt.

Mitras lehnte sich zurück. Die neue Bedrohung war besorgniserregend. Aber deswegen war er heute nicht hier. Er musste mehr über diesen Bastard Johann herausfinden. Kira hatte nur gesagt, dass er adelig war, aber nicht zu welchem Haus er gehörte. Offensichtlich war er nicht magisch, sonst hätte er sich wehren können. Aber das hieß nicht, dass es in seiner Familie keine Magier gab. Und selbst wenn sie zu den nichtmagischen Adelslinien zählte, war nicht klar wie groß ihr Einfluss war. Es konnte sehr wohl sein, dass Johann oder sein Vater in diesem Moment ihre Rache an Kira planten. Außerdem war dieser Johann ganz offensichtlich ein Schwein. Kira war sicher nicht sein erstes Opfer und wohl auch nicht sein letztes, auch wenn ihn die Verletzung wohl erstmal zur Ruhe bringen sollte. Aber darauf konnte und wollte Mitras sich nicht verlassen. Er wollte diesem Mistkerl das Handwerk legen. Aber dazu musste er erst mehr über diesen neuen Feind wissen.

„Gut, das Ganze ist eine besorgniserregende Entwicklung, aber heute bin ich eigentlich gar nicht wegen der di Porrums hier. Ich habe einen neuen Auftrag, weniger gefährlich, dafür mit mehr Reiseaufwand verbunden oder eben Hellsicht, wenn Ihr Kontakt dazu bereit ist. Es geht um meine Schülerin. Ihr ist Schreckliches wiederfahren und darüber muss ich mehr wissen, da es sowohl für mich, aber insbesondere für sie eine Gefahr darstellen könnte. Bei dem was ich nun wiedergebe, bitte ich alle Anwesenden um absolute Diskretion.“ Alle nickten. Mitras fuhr fort: „Das Erwachen von Magiern geschieht nicht immer ruhig und bei Kira war es besonders turbulent. Öffentlich heißt es, dass sie betrunken einen jungen Herren angegriffen hat. Tatsächlich hat sie sich aber gewehrt. Sie ist nur knapp und nur dank ihrer Fähigkeiten einer Vergewaltigung entgangen.“ William knurrte wütend: „Und ich bin immer noch der Meinung, dass wir keine Zeit verlieren sollten und sofort selbst nach Norden fahren sollten um den Kerl aufzuknöpfen!“ Stefania griff seinen Arm und drückte ihn. „Lass ihn ausreden.“ Mitras atmete langsam aus und fuhr fort: „Der Grund, warum ich diesen Johann noch nicht habe herschleifen lassen, um ihn vor Gericht zu stellen ist der, dass er adelig ist und ich nicht weiß, wie adelig. Kira konnte mir nur berichten, dass er von höherer Geburt ist und das kann alles heißen, vom Neffen eines Herzogs bis zum Bastard eines verarmten Barons. Ich muss also wissen um wen es sich handelt und wie ich an ihn heran kommen kann.“ Mitras hofte, dass, wenn er diesen Johann zur Strecke bringen würde, es Kiras Blockade lösen könnte. Das wollte er Titus gegenüber aber nicht unbedingt erwähnen. Informationen waren schließlich Geld wert. „Also Titus, ich habe nur den Namen Johann. Er ist adelig und aus der Gegend um Bispar. Er ist ungefähr 17 Jahre alt und hat gerade eine umfassende magische Behandlung seiner schwer verletzten Arme bekommen. Ich muss wissen, um wen genau es sich handelt und wie seine Verbindungen aussehen. Offiziell ist Kira der Aggressor in dieser Geschichte und nur die Entdeckung ihrer Fähigkeiten hat sie vor einem Schauprozess und einem Schuldspruch gerettet. Ich will, dass ihr Ruf wieder hergestellt wird und dass dieser elende Bastard nie wieder einer Frau leid zufügt.“ „Ihr wollt also einen Adeligen dingfest machen, der sich gern an kleinen Mädchen vergreift? Das gefällt mir. Betrachtet die Sache als erledigt, ich bringe Ihnen alle nötigen Informationen, um ihn anzuzeigen und fertig zu machen. Die Anhebung des Solds in der anderen Sache ist mehr als genug, das hier ist als Bonus mit drin. Als Zeichen, dass wir ihre Großzügigkeit zu schätzen wissen. Und weil mir die Sache zusagt.“ Stefania beugte sich lächelnd vor. „Ja, das habe ich mir gedacht. Mitras, ich kenne dich schon lange, und es zeigt sich mal wieder, dass du dein Herz immer noch am richtigen Fleck hast. Bring Kira hier zu mir, oder etwas, dass sie aus Bispar mitgebracht hat und dass ihr wichtig ist, dann werden wir rasch mehr wissen.“ Mitras blickte sie verblüfft an. „Zu dir?“ Titus schien leicht verzweifelt zu sein und schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. William grinste. „Mitras, da sie es selbst sagt, darf ich dir meine Schwester Stefania vorstellen? Hellsichtmagierin der Inuk, vom Rang einer Erzmagierin, wir ihr in der Gildenmagie sagen würdet.“ Mitras hatte das Gefühl, ihm würde kurz der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Stefania war Titus Quelle! Kein Wunder, dass er sie so schützte. Er räusperte sich. „Oh.“ Und nachdem er sich gesammelt hatte, fügte er hinzu: „Das ist mir eine Ehre, Stefania. Ihr hütet eure Geheimnisse gut.“ Stefania lächelte. Plötzlich verstand Mitras, warum er bei ihr immer das Gefühl gehabt hatte, keine Aura sehen zu können, obwohl selbst nichtmagische normalerweise eine Gefühlsaura hatten. Sie hatte sie vermutlich verborgen. Die Inuk, das fahrende Volk, hatten eigene Pfade und Wege, ihre magischen Kinder auszubilden, und Hellsicht kam bei Ihnen tatsächlich öfter vor als die anderen Magiearten. Das erklärte auch, warum William oft nur gesagt hatte, seine Schwester sei „weg“ und er „allein zu Hause“. Vermutlich war sie zu einem Lehrmeister oder einer Lehrmeisterin gereist. „Du brauchst jetzt nicht förmlich zu werden, Mitras. Ich hab dir sogar mal den Po abgewischt, auch wenn du dich daran vermutlich nicht mehr erinnern kannst.“ Das konnte er in der Tat nicht und war auch dankbar dafür. „In Ordnung. Gut, ja, etwas von Kira oder sie selbst sollte ich wohl herbringen können. Oder du besuchst uns am Mafuristag oder so und lässt dich von deinem Bruder bekochen.“ William wollte protestieren, wurde jedoch von Stefania unterbrochen. „Eine hervorragende Idee, kleiner Bruder, nicht wahr? Dann kannst du mir auch sagen, warum erst dein Arbeitgeber ein Geschäft mit uns haben muss, damit du wieder auftauchst.“ William schien nicht geneigt zu sein, auf diese Frage eine Antwort geben zu wollen. „Du bist doch die Magierin.“ grummelte er. „William!“ Ihr Lachen war ansteckend und freundlich. „Ich schaue nicht in deinen Kopf, selbst wenn ich es könnte.“ Sie blickte wieder zu Mitras. „Also ist es abgemacht. Ich komme herum, sobald es passt.“ Mitras nickte. Er spürte, wie die Gespräche ihn ermüdeten. Messerangriffe, Vergewaltigungen und verletzte Frauen gab es in diesem Land eindeutig zu viele. Eine Weile sprachen die vier noch über einige Tagesthemen der Hauptstadt und über die Pläne der Generalität, mit dem Elektrum einen neuen Eroberungszug starten zu können, und Mitras spürte, wie mutlos er dabei wurde. Schließlich verabschiedete er sich und ging stumm mit William nach Hause. Dieser schien seinen Gedanken ebenso nachzuhängen, und so verabschiedeten sie sich kurz, als sie im Haus waren, und Mitras ging rasch schlafen. Morgen würde er mit Kira reden, ihr ein paar Bücher zur Telekinese empfehlen und schauen, was er sich von ihr wohl für den Hellsichtzauber leihen konnte. Und dann würde er zumindest gegen einen dieser deprimierenden Zustände etwas tun können. Auch mit William würde er bald reden müssen. Was war vorgefallen, dass er Treffen mit seiner Schwester vortäuschte sie selbst aber mied. Er würde sicher Gründe dafür haben, aber Mitras spürte ein leichtes Stechen bei dem Gedanken, dass sein ältester Freund Geheimnisse vor ihm hatte und ihn und seine Schwester sogar anlog. Konnte er ihm wirklich noch trauen?

Der Geschmack von Angst – 25. Lunet 242 (Uldumstag)

Am nächsten Morgen konnte Kira beim Frühstück beinahe nichts essen, so aufgeregt war sie. Sie hatte gestern gemeinsam mit Mitras erneut den Generator geladen, und wieder waren sie nach etwa einer dreiviertel Stunde mit dem gesamten Prozedere durch gewesen. Auch diesmal hatte sich das Sammeln der Magie beinahe wie zeitlos angefühlt, und Kira hatte sogar das Gefühl gehabt, das leise Waldrauschen, dass sie während des Kanalisierens gehört hatte, hätte noch beim Schlafen gehen in ihren Ohren geklungen. Vermutlich war das auch der einzige Grund gewesen, warum sie überhaupt hatte einschlafen können.

Mitras sah sie schmunzelnd an, als sie nervös im Zirkel vor ihm stand und die Hände knetete. „Gut, Kira, wir beginnen erstmal mit Übungen zum Kanalisieren. Nervös sein ist normal, aber keine Sorge, bei deinem Potential wird dir das Zaubern nicht schwer fallen.“ Er schien nicht ganz von seinen Worten überzeugt zu sein, aber Kira spürte dennoch wie sie sich etwas entspannte. „Hast du dir eine Form überlegt?“, fragte ihr Mentor, während er seine Geräte justierte und aktivierte. „Ähm, ja, also, ich dachte ein Krug vielleicht? Einen einfachen, ohne Henkel? So wie das Glas an meinem Nachttisch?“ Eigentlich hatte sie sich bis heute morgen überhaupt nicht mit sich selbst einigen können und der Vorschlag war eher aus der Verzweiflung entstanden, irgendwas zu brauchen, doch zu ihrer Erleichterung nickte Mitras. „Gut. Dann setz dich. Wir wollen eine kleine Menge Magie. Zieh sie dir heran und halte sie.“ Kira setze sich, konzentrierte und sammelte die Engergie. Der erste Atemzug war zu angespannt, und sie spürte selbst, dass die Menge wohl gereicht hätte, einen komplett neuen Verjüngungszauber zu wirken. „Eine KLEINE Menge.“, mahnte Mitras. Kira spürte, wie ihre Unsicherheit stieg und ihre Wangen rot wurden. „Entschuldige.“, murmelte sie und ließ die Magie aus sich fließen. Konzentriert schaffte sie es nach zwei weiteren Versuchen, die von Mitras gewünschte Menge in sich zu halten. Er ließ sie die Magie halten und wahrnehmen, dann lösen und wieder neu diesselbe Menge heranziehen. Die Magie floß durch sie hindurch und hinterließ einen Geschmack von Karamellbonbons auf ihrer Zunge. Nach einer halben Stunde und etlichen Wiederholungen hatte sie das Gefühl, den Waldboden ihres Lieblingsortes im Moor riechen zu können und wurde endlich auch ruhiger.

„Gut. Dann konzentriere dich jetzt auf den Ton vor dir.“ Mitras, der seitlich neben ihr saß, deutete auf den Tonklumpen vor ihnen. „Lass die Magie in den Ton fließen. Lenke den Fluß mit deinen Händen. Denke daran, wie es aussehen soll. Und wenn du sprichst, lass die Magie los.“ Kira nickte. Die Aufregung stieg wieder sprunghaft an. Sie zog die Magie in sich, hob die Hände, sah den Klumpen Ton an… ein Krug… sie spürte die Magie in ihren Armen…der Geschmack auf der Zunge wurde beißender…plötzlich überrollte sie ein Gefühl von Ekel. Die Magie fühlte sich an wie Hände. Auf ihren Armen. An ihrer Brust. Hände, die sie nicht wollte. Scharfer Geruch von etwas Verbranntem erfüllte ihre Nase. Etwas knallte und sie drehte sich würgend zur Seite, hatte das Gefühl, ihr Innerstes würde nach außen gekehrt werden, während sie wieder in der Scheune stand, wieder ihm ausgeliefert war…

„Gut. Dann konzentriere dich jetzt auf den Ton vor dir.“ Mitras gab ihr noch eine Reihe weiterer Anweisungen, während er sich voll auf seine magischen Sinne konzentrierte. Er sah den Energiefluss. Sie hatte nun die richtige Dosierung gefunden und er sah an ihrer Aura, dass sie zwar aufgeregt war, sonst aber alles stimmte. Sie hatte die Menge gut unter Kontrolle und begann mit dem Zauber. Die Magie begann, in ihre Arme und Hände zu fließen. Sofort spürte Mitras, dass etwas nicht stimmte. Schlagartig veränderte sich ihre Aura, nackte Panik, die schnell von ihr Besitz ergriff. Um den Zauber noch zu unterbrechen war es schon zu spät, mit einem schmatzenden Knall explodierte der Tonklumpen und verteilte sich über das Labor. Wie durch ein Wunder wurde keines der Geräte umgeworfen, aber im Probenregal zersplitterte irgendwas. Im gleichen Moment durchfuhr ihn ein dumpfer Schmerz, ein Klumpen hatte ihn am Bauch getroffen und ihm die Luft aus den Lungen getrieben. Halb benommen ließ er sich in Kiras Richtung fallen, um die Magie, die sie gerade wieder sammelte, abzulenken. Merkbar benebelt wirkte er rasch einen defensiven Zauber, einen Schild, der das gröbste abfangen sollte. Er bekam Kiras Handgelenk zu fassen und zog recht grob die Magie aus ihr heraus, was sie mit einem schrillen Schrei und einem erneuten Sammeln weiterer Magie quittierte. Anhand ihrer Aura sah er klar, dass sie ihn angreifen würde, sie wirkte komplett von Sinnen. Mühsam um Atem ringend rief er: „Kira, ich bin es.. Mitras!“ Sie griff mit der zweiten Hand nach seinem Arm, versuchte, ihn wegzudrücken und kreischte: „Nein! Ich will das nicht!“ Er ließ los. „Kira! Kira! Es ist alles in Ordnung! Was willst du nicht?“

„Kira!“ Jemand rief ihren Namen. Jemand, der ein Freund war. Sie blickte auf. Mitras saß vor ihr. Mitras. Ihr Mentor. Sie blinzelte. An seiner Wange war eine Schramme und er hielt sich die Magengrube. „Oh, Geister!“ Hatte sie ihn verletzt? Schon wieder jemanden verletzt? Sie griff nach der Hand, mit der er sich neben ihr auf dem Boden aufstützte. „Mitras. Magister. Oh…“ Sie spürte, wie die Übelkeit nochmal wie eine Welle über sie rollte und krümmte sich zusammen. Er griff nach oben und hielt sie an den Schultern fest. „Was ist passiert?“ Sie keuchte, rang um Luft und Worte. Dann ließ sie sich gegen ihn sinken. Mitras. Sein Geruch hüllte sie ein, vertrieb den Geruch nach verbanntem Karamell, der ihre Übelkeit verstärkt hatte. Sie war in Sicherheit. Er hatte gefragt, was passiert war. Er war der erste, der sie wirklich gefragt hatte. Ein Freund. Mit leiser Stimme begann sie zu erzählen.

„Es war der Geburtstag von unserem Bürgermeister. Alle waren eingeladen, sogar ich. Und alle sind gekommen, auch aus den Nachbarsdörfen und auch die Adeligen aus Lührenburg und Hagen und so, die immer kommen, wenn es Met gibt und gutes Fleisch. Weiß jeder. Ich hab’s nicht gewusst. Ich hatte mein Winterkleid an, das ist mit Pelz besetzt, und unsere Festhalle ist warm. Ich hab Met getrunken, mit mir reden wollte eh niemand so richtig, Adrian war nicht da und Bruder Harras muss auf solchen Festen immer mit allen reden. Und mir war so warm…“ Sie verstummte kurz und schaute auf Mitras Hand, die ihre hielt, ehe sie stockend weiter sprach: „Ich… ich bin nach draußen gegangen, zur Scheune. Es war so warm… Ich hab… ich hab… mein Kleid aufgeknöpft. Ich wollte nur abkühlen. Ich hab nachgedacht, ob ich nach Hause gehen soll. Und als ich zur Tür gegangen bin, stand einer von den Adeligen da. Johann. Ich wusste seinen Namen, weil die anderen Mädchen über ihn gesprochen haben. Ich hab mein Kleid zugehalten und wollte an ihm vorbei…“ Sie stockte wieder. Sie hätte sich wegdrehen sollen, sich erst wieder richtig anziehen sollen. Mitras Hand umfasste ihre fest. Sie schaute auf seine Finger, warm und beschützend über ihre Hand gelegt. „Er hat mich gegriffen. Mich festgehalten. Und gesagt, ich solle mal zeigen, was ich da habe. Ich wollte nicht. Aber…“ Sie blickte Mitras schräg von unten an, ängstlich. Würde er verstehen, warum sie sich nicht einfach losgerissen hatte? „Du bist in Sicherheit, dir kann hier nichts passieren.“ Er löste den Griff um ihre Schulter etwas, wich aber nicht zurück. „Er ist adelig. Und ich nicht. Er…“ Sie schluckte und flüsterte die nächsten Worte. „Er hat meine Hand beiseite geschoben und meine Brust angefasst. Ich hab versucht mich zu drehen, weg, aber er war stark, und hat um mich gefasst. Es hat wehgetan. Und er… er hat gesagt, wenn ich stillhalte, wird es mir gefallen… aber es hat mir nicht gefallen. Und dann… dann… er hat… mit der Hand meinen Rock gegriffen, hier…“ Sie deutete mit der Hand an, wie Johann ihr den Rock fast bis zum Schritt hochgezogen hatte. „Und ich hab so Panik bekommen. Ich wollte nicht. Ich hab noch nie mit einem Mann geschlafen. Ich wollte nicht. Und irgendwie war da plötzlich ein Knacken und Knistern wie Feuer und es hat irre nach verbranntem Karamell gerochen so wie jetzt und ich wollte seine Hand wegziehen und dann hat er geschrien und losgelassen und ich bin gerannt, einfach nur gerannt und er hat geschrien, bis ich beim Waldrand war konnte ich ihn hören. Ich hab noch nie jemanden so schreien hören, das war fürchterlich.“ Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. Sie hatte nicht geweint seit der Nacht, in der sie sich an ihre Eiche gelehnt und geweint hatte, bis sie keine Tränen mehr in sich hatte. Jetzt schien es, als sei der Damm erneut gebrochen und sie schluchzte und schniefte und krallte sich dabei an Mitras Robe und Oberkörper fest. Seine Hand strich über ihren Rücken. Sie hatte das Gefühl, er wäre wütend, aber als sie nach einem kleinen Moment nach oben sah, war sein Gesicht so unbewegt wie immer. „Als ich später nach Hause gekommen bin, war niemand da. Ich bin in mein Zimmer gegangen. Am nächsten Morgen war es von außen abgeschlossen, und Bruder Harras war da, er hat vor der Tür gewartet, dass ich aufwache. Er hat mir gesagt, dass ich starke Magie gewirkt habe, böse, doch eine Hexe, aber ich bin keine Hexe und dass ich jetzt zur Gilde gehen werde. Ich hab Johann den Arm verdreht, die Kochen und die Muskeln, und niemand weiß, ob die Gildenmagier das wieder hinbekommen, aber sie versuchen es. Und er hat sich entschuldigt, dass er nicht aufgepasst hat, aber es war ja gar nicht seine Schuld…Meine Mutter war dagegen, dass ich weggeschickt werde, ich glaube, sie wollte mich lieber verbrennen oder so… auf jeden Fall hat sie das zu ihm gesagt. Gebrüllt. Und er hat ihr zugesprochen. Naja. Nachher hat sie ja Gold von dem Magier bekommen, der mich abgeholt hat, und dann war es ihr egal oder so. Und der Magier hat auch gesagt, die Heilung sei geglückt, aber das ich ziemlich gefährlich sei, zu unkontrolliert…“ Mitras hielt sie fest, und obwohl seine Umarmung etwas schützendes, tröstendes hatte, spürte sie auch deutlich, dass er wütend war. Kira sackte noch ein Stück mehr in sich zusammen.  „Es tut mir leid. Ich hab den Zauber nicht hinbekommen. Ich hab es wieder nicht kontrolliert.“ Bestimmt würde er sie zurückschicken. Sie wollte nicht zurück.

Sie wäre beinahe vergewaltigt worden und ihre Mutter dachte allen Ernstes nur daran, sie als Hexe verbrennen zu lassen! Innerlich tobte es in Mitras. Wäre auch nur eine der beiden Personen, Johann oder ihre Mutter hier, er wüsste nicht, was er ihnen antäte. Für die beiden war es sehr gut, außer Reichweite zu sein. Er versuchte sich zu beruhigen, das war jetzt nicht wichtig und konnte warten. Er musste sich wieder unter Kontrolle bekommen und sich um Kira kümmern. Sie hatte Schreckliches erlebt und der Zauber hatte sie komplett auf diese Ereignisse zurück geworfen. Kein Wunder, dass er so aus dem Ruder gelaufen war. „Kira, alles ist gut. Hier bei uns bist du sicher. Keiner wird dir etwas zu leide tun, solange ich es zu verhindern weiß. Mach dir über den Zauber keine Gedanken. Es ist nicht deine Schuld, dass er schief gelaufen ist. Magie wird stark von Emotionen beeinflusst und nach den Erlebnissen konnte das nichts werden. Du hast dem Mistkerl nichts angetan, jedenfalls nichts was er nicht auch absolut verdient hätte. Du hast ihn nicht angegriffen, du hast dich verteidigt. Und das mit Recht. Dieser Bastard sollte nun eigentlich in einem Kerker schmoren, ohne, dass ihn jemand wieder heilt.“ Mitras war außer sich. Einen Moment lang überlegte er, ob es nicht völlig unpassend war, dass er – ein ja doch eigentlich auch fremder Mann – sie anfasste. Auf der anderen Seite schien sie sich geradezu an ihm festzuhalten. Er ließ dennoch die Hand sinken, mit der er eben noch ohne darüber nachzudenken ihren Rücken gestreichelt hatte. Sie schniefte erneut. „Aber wenn ich nicht zaubern kann, kann ich doch auch nicht bleiben…“ „Da mach dir mal keine Sorgen drum. Du hast so ein großes Potential. Und jede Magieform fühlt sich anders an. Verwandlungsmagie ist jetzt negativ für dich behaftet. Das nennt man ein Trauma, daran müssen wir arbeiten, aber wenn du es überwinden kannst, dann kannst du auch Verwandlungsmagie anwenden. Erst einmal machst du jetzt ein paar Tage Pause. Du bist ja komplett fertig, und das ist ja auch verständlich. Danach werden wir es erst einmal mit Telekinese versuchen. Aber bis Miras wirst du dir erstmal frei nehmen und dann liest du dich ein bisschen in die Schule der Bewegung ein und wir besprechen am Abend, wie wir in der Woche weiter vorgehen.“

Er schickte sie nicht weg. Sie spürte unglaubliche Erleichterung. Sie bekam eine zweite Chance. Telekinese. Diesmal würde sie sich besser kontrollieren, nicht die Erinnerungen überhand nehmen lassen. Sie versuchte, ihn zaghaft anzulächeln. Die Schramme an seiner Wange war gar keine Schramme, sondern eine Spur vom Ton. Er hatte Ton auf der Robe und sie hatte sie nass geheult. Verlegen schaute sie sich um. Der Ton war überall im Raum. Aus dem Reagienzenregal rieselte feiner Staub aus einem zerbrochenen Glas zu Boden. „Oh, bei den Geistern.“ Verzweifelt blickte sie das Chaos an. Die Übelkeit ließ langsam nach. „Keine Sorge, das bekomme ich schnell wieder sauber.“ Mitras war ihrem Blick gefolgt. „Aber, sollte ich das nicht machen?“ Sie wischte mit der Hand über eine Tonspur auf dem Boden vor ihr, doch das vergrößerte den Fleck nur. Mitras griff ihre Hand. „Du ruhst dich jetzt aus und machst gar nichts mehr.“ Kira spürte deutlich seine Wut, auch wenn er sich bemühte, sie nicht zu offen zu zeigen. Betroffen ließ sie die Schultern sinken. Was nutzt alles Potential, wenn man es nicht nutzen kann. Was für eine schreckliche Schülerin sie nur war – ein fürchterliches Chaos hatte sie da angerichtet. Kein Wunder, dass er wütend auf sie war. Und trotz alledem bemühte er sich noch, freundlich zu bleiben und sie zu schonen. Es tat ihr fast körperlich weh, nicht selbst ihre Verfehlungen wieder wegzuputzen, aber sie stand gehorsam auf, verabschiedete sich leise und ging in ihr Zimmer. Dort zog sie die Robe aus, ihren Schlafanzug an und ließ sich aufs Bett sinken. Die Tränen waren wieder versiegt, doch sie fühlte sich völlig leer und verzweifelt. Nach einer Weile sammelte sie sich, holte sich das Buch zur Einführung in die Magie und begann, das Kapitel zur Telekinese zu lesen. Am Mirastag durfte es nicht noch einmal schief gehen!

Zur Forschung gerüstet – 24. Lunet 242 (Mafuristag)

Als Kira am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte sie als erstes, dass sie ihre Robe noch trug und als zweites, dass ihre Schuhe ausgezogen waren. Sie schloß daraus, dass Mitras sie ohne Abbys Hilfe ins Bett gebracht hatte. Diesmal zog sie sich sorgfältiger an, ehe sie nach unten ins Bad ging, sich gründlich wusch und die Haare bürstete. Es war schon eine Weile her, dass sie sie mit der Schale von Walnuss braun gefärbt hatte, wie sie es üblicherweise tat. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, um ihre Haare, diesen „Schandfleck der Familie“ etwas besser überdecken zu können. Nachdenklich ringelte sie eine Locke über die Finger, während sie sich im Spiegel betrachtete. Die Haare waren heller geworden, doch anders als sonst konnte man keinen deutlichen Ansatz erkennen. Stattdessen hatte sie das Gefühl, sie würden nun nicht nur röter aussehen, sondern auch ihre Locken würden mehr werden. Es war schwieriger, sie geordnet in den Zopf zu bekommen. Das war ihr schon gestern aufgefallen, aber sie hatte es auf das flüchtige Kämmen geschoben. Eigentlich gefielen ihr die roten Haare so gar nicht so schlecht. Dann sah sie halt aus wie eine Skir. Na und? Sie beschloß, sich keine neue Farbe zu besorgen. Ihre Mutter hatte sie eh nicht gewollt, und Mitras hatte ebenso wie die anderen im Haus deutlich gezeigt, dass ihnen die Haarfarbe egal war. Dann würde sie eben noch etwas mehr auffallen. Dafür konnte sie ja ofenbar auch einen Generator mitladen. Sie spürte, wie ein neues Gefühl in ihr aufstieg: Stolz. Zufrieden ging sie zum Frühstück. Die nächsten beiden Tage würde sie alles zu den ersten Verwandlungszaubern lernen. Ein wenig aufgeregt war sie schon. In zwei Tagen würde sie richtig zaubern. Sie würde ihren ersten, eigenen, geplanten, richtigen Zauber ausführen. Selbst auf die Theorie in den nächsten beiden Tagen freute sie sich schon!

Mitras erwachte am Mafuristag komplett erholt und früher als sonst. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal zwei Nächte in Folge durchgeschlafen hatte. Kira schien auch keine negativen Folgen davon getragen zu haben. Im Gegenteil wirkte sie am Mirastag doch deutlich munterer und aufgeschlossener als sonst. Mit den Haaren hatte er sich nicht geirrt, auch im Tageslicht schienen sie nun deutlich heller zu sein. Kira schien es aber nicht bemerkt zu haben, zumindest äußerte sie sich nicht dazu.

Heute hatte er wieder einmal einen Termin an der Schule, diesmal direkt bei di Camino. Er hatte den Professor bisher noch nicht direkt kennen gelernt. Das Elektrum der ersten Ladung war von einem Assistenten in Empfang genommen worden. Er hatte nun angekündigt den Rest zu liefern und di Camino hatte ihn zu einem Gespräch eingeladen, um ihre Forschung zu synchronisieren, wie er sich ausgedrückt hatte. Mitras war noch immer skeptisch, der Professor genoß zwar einen guten Ruf, zählte auch nicht zu Thadeus direkten Gefolgsleuten und hatte auch sonst nichts mit den Traditionalisten am Hut, aber irgendwas musste sich Thadeus ja dabei gedacht haben, den Auftrag an ihn zu geben.

Gegen Mittag kam er mit der Ladung an der Schule an. Das Gebäude in dem sich auch die Labore der Professoren befanden, enthielt eine größere Lagerhalle. Mitras beaufsichtigte gerade zwei Gehilfen, wie sie das Elektrum in ein speziell gesichertes Lager brachten, als di Camino dazutrat. „Magister di Venaris, ich grüße Sie. Danke, dass Sie gekommen sind.“ „Guten Tag Professor.“, erwiderte Mitras die Begrüßung. Nachdem die Lieferung sicher verstaut war, lud ihn di Camino zu sich ins Büro ein. Der Professor leitete ihn dorthin und bot ihm Tee an. Der Raum verfügte neben einem Schreibtisch mit mehreren Plätzen davor, auch über eine kleine gemütliche Sitzecke, in die sie sich nun setzten. Di Camino begann erst mit ein bisschen Smalltalk über die Schule, er schien ein recht begeisterter Lehrer zu sein, aber auch die Wissenschaft hatte es ihm sehr angetan. Mitras blieb höflich und ließ es über sich ergehen, dass der Professor ihm diverse Eskapaden seiner Schüler auftischte. „Aber nun gut, Sie sind ja nicht wegen meiner Studenten hier, nicht wahr, Magister?“, wechselte di Camino endlich das Thema. „Ihr Elektrum ist faszinierend. Aber sagen Sie, ist es möglich auch eine Probe des Venariums zu erhalten? Ich habe versucht es aus der Legierung zu extrahieren, aber das scheint nicht möglich zu sein.“ Mitras lachte: „Nein, das ist es nicht, da habe ich mir bereits selbst die Zähne dran ausgebissen, was auch in einer meiner Arbeiten ausführlich beschrieben steht. Das Venarium bindet in flüssiger Form das Silber auch weit über dessen Siedepunkt hinaus an sich und ich habe keine Ahnung, wieso. Aber wenn Sie dieses Geheimis lüften können, nur zu. Was aber ihre Frage angeht, so muss ich Sie leider enttäuschen. Das Venarium werde ich nicht herausgeben. Es ist auch gar nicht so spannend. Mal abgesehen von seiner enormen Fähigkeit Magie aufzunehmen ist es als Material zu porös, um irgendwie sinnvoll genutzt zu werden. Nein, erst in der Legierung entfaltet es sein volles Potential. Und darum geht es in unserer Zusammenarbeit ja auch. Über die Bezirke habe ich Ihnen ja alles geschrieben, was ich bisher herausfinden konnte. Wie sieht es mit ihren Ansätzen aus? Hat der Dekan Ihnen irgendwas spezielles aufgetragen?“ Di Camino wirkte einen Moment enttäuscht, sammelte sich aber schnell wieder. „Nun, er wünscht die Generalität zu unterstützen. Da dort ja bereits an Waffen geforscht wird, dachte ich mir, dass sich das Material ja sicher auch für die Defensive eignet. Wissen Sie, meiner Familie gehören mehrere Gestüte und wir sind seit jeher stolz auf unsere Schlachtrößer. Beinahe wäre das meiner Familie auch zum Verhängnis geworden. Wie Sie sich denken können, sind meine Familienmitglieder auch alle begnadete Reiter. Mein Großvater hatte vor dem letzten großen Krieg fünf Brüder. Alle Sechs waren Teil eines Reiterregiments, drei von ihnen Magier. Sie wurden nicht gegen die Skir eingesetzt. Zu der Zeit hat Rhodestaria noch einmal versucht das Ergebnis der Westkriege ein bisschen zu korrigieren. Es gab eine Schlacht, nach der sie einsehen mussten, dass selbst ein abgelenktes Albion zu mächtig ist. Der Preis dafür war aber hoch. Von den 50 Reitern des Regimensts sind, mein Großvater eingeschlossen, nur sieben Mann zurück gekehrt. Ihre Aufgabe war es einen Zirkel feindlicher Magier auszuschalten. Meinem Großvater zufolge wurden sie von einer Infantrieeinheit abgefangen. Sie schafften es nicht diese Linie zu durchbrechen und die Magier metzelten ohne Unterschied alle nieder. Es waren wohl so eine Art Telekinese-Magier, Sie wissen ja, deren Schulen ticken ein wenig anders. Jedenfalls haben sie einfach kleine Steinkugeln auf die Kämpfenden geworfen und diese dann beschleunigt. Es muss grauenhaft gewesen sein. Der Zirkel konnte erst später in der Schlacht durch einen Doppelangriff ausgelöscht werden. Die Magier wurden durch eine weitere Attacke abgelenkt und dann alle auf einen Streich von einem Elemtarmagier gesprengt. Bei allen Geistern, ich möchte nie Zeuge eines solchen Gefechts werden, aber wenn es nochmal soweit kommt, dann soll unsere Kavallarie nie wieder so nieder gemäht werden. Das Elektrum bietet Möglichkeiten, Schutzzauber darauf zu legen. Und wenn wir das Springen steuern könnten, dann könnte man noch deutlich mächtigere punktuelle Zauber darauf legen und diese dann immer dahin lenken wo die Gefahr am größten ist. Außerdem ist das Material auch schon so sehr widerstandsfähig. Sehen Sie.“, di Camino reichte Mitras eine dünne Elektrumplatte von vielleicht einem halben Zentimeter Dicke und zehn mal zehn Zentimetern Fläche. Erst bei näherer Betrachtung sah Mitras eine kleine Beule auf der einen Seite. Auf der gegenüberliegenden Fläche war davon nichts mehr zu merken. „Ein befreundeter Magier der Schule der Bewegung hat mir einen Gefallen getan und einige Proben einen Nachmittag lang auf unterschiedlichste Art beschoßen. Dieser leichte Schaden ist alles was dabei herauskam. Ich könnte Ihnen jetzt eine gleichgroße Eisenplatte zeigen, die als Vergleichsziel gedient hat, wenn denn genug von ihr übrig wäre um noch was zu zeigen, dass über Metallspäne hinausginge.“, fuhr der Proffesor fort. Mitras wog die Platte in seinen Händen. Das Elektrum war ein recht dichtes Material, wobei sich seine Festigkeit teilweise auf eine magische Komponente zurückführen ließ. Mitras hatte schon oft beobachtet, dass das Elektrum, wenn keine Magie zur Formung im Einsatz war, sich regelrecht weigerte verformt zu werden. Es zu schmieden war sinnlos, aber ein Zauber, der eigentlich nur für weichen Ton gedacht war, konnte es die Gestalt ändern lassen, wenn man denn keine Gegenmaßnahmen ergriff. Diese Platte war klein, hatte aber trotzdem schon einiges an Gewicht. Mitras wollte sich gar nicht ausmalen, wie schwer eine ganze Rüstung aus solchen Platten wäre, geschweige denn eine vollständige Kavallarieausführung. Aber das Ergebnis erschreckte ihn trotzdem, auch wenn die Platte deutlich dünner wäre, hätte sie wahrscheinlich eine ähnliche Schutzwirkung. Eine gebrochene Rippe, wo der Einschlag eigentlich den halben Oberkörper wegreißen sollte, machte einen gewalltigen Unterschied. So gerüstete Soldaten, egal ob zu Pferde oder zu Fuß, wären kaum noch aufzuhalten. Allerdings verspürte Mitras auch eine gewisse Erleichterung. Es war ihm völlig unklar, warum Thadeus die Generalität unterstützen wollte, da dieser sich sonst trotz aller seiner konservativen und ständegebundenen Absichten meist sehr gegen kriegerische Handlungen aussprach. Egal, ob die Idee, an der defensiven Verwendung zu forschen nun von di Camino oder Thadeus selbst kam, sie war auf jeden Fall die bessere Wahl, als gute Wissenschaftler eine weitere offensive Waffenidee entwickeln zu lassen. Eine bessere Rüstung erfunden zu haben war vermutlich auch für niemanden ein Grund, einen neuen Krieg vom Zaun zu brechen, und die Geschichte der Schlacht, aus der zu wenig heimkehrten, kannte Mitras, er hatte nur nicht gewusst, dass di Caminos Familie darin so tief verstrickt war. Vielleicht war es einfach nur ein Weg, die Generalität zufrieden zu stellen und etwas Ruhm der Schule zukommen zu lassen? Mitras mochte es zwar nicht recht glauben, aber scheinbar tat sich hier eine echte Unterstützung auf statt eines erneuten Schlachtfeldes.

Die Tatsache, dass sich das Elektrum schon mit einfachsten Zaubern formen ließ, hatte Mitras bisher verschwiegen. Der Generalität hatte er Zauber aus dem Steinmetzbereich empfohlen. Diese waren kompliziert und hatten nur eine beschränkte Detailschärfe. Man konnte damit problemlos Gebäude formen, aber eine Skulptur konnte damit bestenfalls vorbereitet werden. Mittlerweile konnten sie damit Schwerter formen, die dann wiederum mit Schärfezaubern quasi magisch geschliffen wurden. Aber es war nicht möglich derart leichte Platten herzustellen wie di Camino sie im Sinn hatte. Der Proffessor war allerdings keiner der Stümper, die sich bei der Generalität Wissenschaftler nannten. Er würde wahrscheinlich selbst darauf kommen, wie sich das Material so formen ließ und Mitras fiel nichts ein um ihn davon abzubringen. Eigentlich könnte er es ihm genausogut sagen, dann konnte di Camino auch nicht den Ruhm für sich alleine beanspruchen, überlegte er, wurde aber mit einer überraschenden Frage unterbrochen: „Sagen Sie Magister, wie kommen Sie eigentlich mit ihrem Generator voran? Ich hörte, dass es Ihnen gelungen ist schon einen ganzen Block zu versorgen. Man sollte meinen dem Dekan würde dies mehr zusagen, als die Projekte der Generalität zu unterstützen.“ „Erzmagier di Hedera schätzt die Moderne nicht sonderlich. In seinen Augen ist es nichts als eine Spielerei mit Strom Licht in ein Haus zu bringen. Das könne man ja mit Magie viel besser erreichen.“ Di Camino lachte, „Ja das hört sich ganz nach ihm an. Aber das beantwortet die Frage nicht.“, sagte dieser freundlich. „Der Generator funktioniert gut, das Elektrum birgt aber ein Problem. Es saugt den Bewegungszauber regelrecht auf. Bisher wirkt er maximal zwei Tage und das Aufbringen einer neuen Verzauberung ist aufwändig und magiehungrig. Bei meinen Versuchen, das zu beheben bin ich dann letztendlich auf die Bezirke gestoßen.“ „Oh, das hört sich aber nicht so gut an. Wenn ich das richtig verstehe, werden Ihre Fortschritte also von der Erforschung dieser Bezirke blockiert?“ „Ja, das stimmt und sollten Sie irgendwelche neuen Erkenntnisse sammeln wäre ich auch sehr dankbar, wenn Sie diese mit mir teilen. Ich verrate Ihnen im Gegenzug auch ein kleines Geheimnis.“ Der Professor spitzte beinahe sichtbar die Ohren und sagte eifrig: „Natürlich werde ich Ihnen alles mitteilen, was ich zu diesem Thema finde.“ „Gut, danke. Es ist so, dass das Elektrum deutlich einfacher zu formen ist, als die Generalität annimmt. Aufgrund der hohen Widerstandsfähigkeit gehen sie nur mit Zaubern zu Werke, wie sie von Edelsteinschleifern und Steinmetzen eingesetzt werden. Tatsächlich reagiert es aber auch sehr gut auf deutlich feinere Zauber. Zusätzlich lässt es sich auch durch einfache Zauber, zum Beispiel so einen um Sandskulpturen in Form zu halten, stabilisieren. Sie sehen also, es ist eigentlich ganz leicht, es wie Wachs zu formen und dann die Form dauerhaft zu fixieren.“ Di Camino ergriff seine Hand und schüttelte sie aufgeregt. „Hervoragend! Di Venaris, hervorragend! Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen! Natürlich! Es nimmt ja Magie an!“ „Ich habe mir überlegt, dass auch dieses Verhalten mit den Bezirken zu tun haben könnte.“ Mitras war sich dessen nicht mal sicher, aber wenn di Camino in diese Richtung forschte, würde vermutlich etwas hilfreiches für den Generator dabei abfallen. Der Professor nickte eifrig. „Ich werde danach schauen und es bedenken. Leider muss ich nächste Woche auf die alljährliche Rundreise, Sie wissen schon, einmal Albion abgrasen, alle Sehenswürdigkeiten und so mit den neuen Schülern.“ Mitras nickte. Diese Reise war üblich im ersten Schuljahr. „In drei Wochen bin ich wieder da. Ich melde mich bei Ihnen, falls ich etwas entdecke.“

Mitras verließ das Haus am Mafuristag schon bald nach dem Frühstück mit einer großen Kiste. Kira wusste, dass er einem Professor der Schule Elektrum bringen wollte. Sie vergrub sich gerade weiter in eines der Bücher aus Mitras Bibliothek über Heilmagie, eines der größten und ältesten Anwendungsgebiete der Verwandlungsmagie, und aß etwas von den Broten, die Abby ihr hingestellt hatte. Die Grundkapitel zur Verwandlungsmagie und zum Zauberwirken im Allgemeinen hatte sie bereits gestern abgeschlossen. Vielleicht war sie dadurch etwas spät ins Bett gekommen, aber so hatte sie nun Zeit, endlich einmal die Bibliothek zu genießen und sich in einige Teilgebiete, die sie interessierten, weiter einzulesen. Morgen sollte sie einen einfachen Zauber wirken, der einen Tonklumpen verformen konnte. Sie war nervös und überlegte schon seit gestern Mittag, welche Form sie sich denn wählen sollte. Man solle die Form gut kennen, hatte im Buch gestanden. Vielleicht eine Muschel wie ihre Kette? Die hatte sie oft in der Hand. Oder einen Ball? War das nicht zu einfach?
Unten an der  Haustür klingelte es. Kira ignorierte es, Abby würde öffnen, vermutlich war das nur eine Lieferung. Gerade, als sie die Seite umblätterte, klopfte es allerdings an die Tür der Bibliothek und Abby steckte den Kopf herein. „Kindchen? Ah, da bist du ja. Du hast Besuch.“ „Besuch?“ Kira blickte sie fragend an. Sie kannte doch niemanden in Uldum, wer würde sie besuchen? Sebastian vielleicht? Sie blickte an sich herunter. Sie trug das burgunderfarbene Kleid, ihr Hauskleid von früher war gerade in der Wäsche und das war mit das bequemste, was ihre Gaderobe noch gerade bot, aber es war durchaus repräsentabel, das war gut. „Dea Venaris. Sie ist Mitras Mutter.“ „Seine Mutter?“ Kira fiel fast das Buch aus der Hand. „Warum möchte sie zu mir? Will sie nicht eher zu Mitras?“ Abby schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Sie hat gleich nach dir gefragt. Ich habe sie in den Salon gesetzt. Soll ich etwas bringen?“ Kira überlegte fieberhaft. Was wäre in so einem Fall angemessen? Wie sollte sie sich diesem Besuch gegenüber verhalten? „Etwas Tee vielleicht?“ Abby nickte und ging voraus. Kira folgte ihr. Zögerlich öffnete sie die Tür zum Salon und spähte hinein. Vor dem Gemälde der Berglandschaft stand eine ältere Frau mit silbrigen Haaren in einem geschmackvollen Kleid der neusten Mode in Braun- und Rottönen. Sie drehte sich um, als Kira zur Tür hineintrat, und auf den ersten Blick war klar, dass sie wirklich die Mutter von Frederieke und Mitras sein musste. Die Ähnlichkeiten waren einfach nicht zu übersehen, das gleiche freundliche Lächeln und die gleiche Lebendigkeit strahlten von ihr aus. Auch die blauen Augen schien Mitras von ihr geerbt zu haben. Sie kam einige eilige Schritte auf Kira zu, schien sich dann selbst zu bremsen und knickste kurz höflich, wie es für eine nicht adelige Person vor jemandem aus dem Adel üblich gewesen wäre. „Kira, nehme ich an? Ich bin Dea Venaris, Mitras Mutter. Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überfalle ganz ohne Ankündigung, aber ich muss mich unbedingt bei ihnen bedanken.“ „Bedanken?“ Kira blickte sie verwirrt an. Dea Venaris lächelte, ergriff ihre Hände und zog sie zu ihrer Brust. „Sie haben meiner Familie einen so unglaublichen Gefallen getan, als sie Mitras geholfen haben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welche Sorgen ich mir um ihn gemacht habe. Und stellen Sie sich vor, wie sich mein Mutterherz gefreut hat, als Frederieke heute zu uns kam und berichtete, dass er dank Ihrer Hilfe ganz verjüngt aussehe!“ Kira spürte, wie sie rot anlief. Verlegen drehte sie den Kopf weg. „Frau Venaris, ich bin nur eine Discipula. Ich habe nichts getan, außer meinem Magister zur Hand zu gehen. Den Zauber zur Verjüngung hat er ganz alleine ausgeführt.“ Dea grinste breit und machte eine ausladene Handbewegung, als würde sie ihre Einwände beiseite wischen. „Ah, nein nein, Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr! Frederieke hat gesagt, dass selbst Mitras Ihre Hilfe lobend erwähnt hat, und glauben Sie mir, er lobt sonst nicht so großzügig.“ Sie seufzte. „An der Stelle ist meine Erziehung leider völlig in die Binsen gegangen, dieser arrogante Kerl vergisst manchmal sogar, sich angemessen zu bedanken. Ts, das hat dieser Mistkerl Thadeus ihm beigebracht. Egal. Auf jeden Fall brauchen Sie gar nicht zu leugnen, dass Sie ihm geholfen haben – ohne Sie hätte er sicher noch diesselben Ringe unter den Augen.“ Kira lächelte verlegen. Abby, die gerade mit dem Tee hereinkam, rettete sie vor der Notwendigkeit, eine Antwort geben zu müssen, und sie setzten sich an einen der Tische, die zum Wintergarten hin standen. Dea musterte sie prüfend. „Frederieke hat auch sonst nicht übertrieben. Ich bin froh, dass mein Sohn eine so hübsche und höfliche Gehilfin bekommen hat. Ich hoffe, es geht Ihnen gut hier?“ Kira nickte. „Es ist wundervoll.“ Sie hielt inne. „Und, ähm, danke für das Kompliment.“ Dea lachte freundlich. „Gerne. Sie kommen aus dem Norden, oder? Haben Sie schon Freunde hier? Gibt Mitras Ihnen genug Taschengeld? Die Stadt kann ja recht teuer sein.“ Kira nickte wieder. „Ich fühle mich wohl hier, danke, und alle sind sehr nett. Und Mitras zahlt mir Taschengeld, ja.“ Dea schmunzelte. „Lassen Sie mich raten, 6 Silber pro Monat?“ „Sieben.“ „Ts.“ Lebhaft schüttelte Dea den Kopf. „Das ist nicht viel, wenn man neu in der Stadt ist. Erlauben Sie mir, ihnen eine kleine Summe zu schenken, als Willkommensgeschenk und als Dankeschön für das wundervolle Geschenk, dass Sie mir gemacht haben?“ Kira hatte das Gefühl, dass sie eigentlich kein Geschenk verdient hatte – insbesondere angesichts der Tatsache, wie großzügig Mitras sie schon mit Kleidern überhäuft hatte – aber so, wie seine Mutter es darstellte, wäre es vermutlich sehr unhöflich gewesen, abzulehnen. „Ich habe doch schon die Ohrringe bekommen“, versuchte sie einen kleinen Protest. „Ach, die waren doch nur Anschauungsstücke, und davon kann man sich keinen Kuchen und keinen Kutschausflug kaufen. Nein, schauen Sie…“ Dea griff in eine Seitentasche ihres Kleides und zog eine kleine Börse hervor, aus der sie ein Goldstück nahm. „Damit können Sie sich ein paar nette Nachmittage mit ihren Freunden machen. Oder in die Therme gehen. Auf jeden Fall können Sie sich damit etwas Entspannung gönnen, und das sollten Sie.“ Kira blickte ungläubig auf das Goldstück. Dann hob sie abwehrend die Hände. „Das ist viel zu viel!“ Dea lächelte. „Das kann ja in der Provinz viel sein, aber sie werden feststellen, hier ist es gar nicht so viel.“ Sie legte das Geld auf den Tisch. „Sie können es hier liegen lassen oder annehmen, ich werde es nicht wieder einstecken. Und wenn Sie jemals Hilfe brauchen, ob im Umgang mit meinem Sohn oder bei etwas anderem, kommen sie jederzeit zu uns.“ Etwas erschlagen nickte Kira. Es war auf jeden Fall klar, woher Frederieke all ihre Energie und Fröhlichkeit hatte, die hatte sie offenbar von der Mutter geerbt. Zögerlich nahm sie das Goldstück. „Vielen Dank! Es wäre aber wirklich nicht…“ „Shh!“, unterbrach die ältere Frau sie. „Doch, das war nötig, für mein Gewissen. Und nun werde ich Sie wieder in Ruhe lassen. Kommen Sie jederzeit zu uns, wenn Sie mögen.“ Sie reichte ihr eine Karte mit dem Namen der Familie und einer Adresse, und Kira, die immer noch ungläubig auf das Gold in ihrer Hand starrte, nahm sie geistenabwesend entgegen und verabschiedete Dea Venaris mehr schlecht als recht. Danach saß sie einen langen Moment im Salon und drehte das Goldstück in der Hand. Als der Magister sie aus Bispar abgeholt hatte, hatte sie ihn gefragt, ob Johann geheilt werden konnte. Er hatte ihr kühl und abweisend zu verstehen gegeben, dass das durchaus der Fall sei, man aber den Heilungsmagier aus der Gildenkasse bezahlt habe. Sobald es ihr möglich sei, hätte sie dieses Geld zurückzuzahlen, 5 Gold. Kira hatte gedacht, dass das eine unglaubliche Summe Geld sei, aber da Bruder Harras ihr im Gespräch vorher gesagt hatte, dass sie nun eine reiche Magierin werden könnte, hatte sie sich nicht allzuviele Gedanken darüber gemacht. Sie war einfach nur erleichtert gewesen, keinen langfristigen, irreparablen Schaden angerichtet zu haben. Und nun hielt sie bereits ein fünftel dieser Summe in der Hand. Bruder Harras hatte nicht übertrieben. Oder lag es einfach an der Familie Venaris? Sie dachte an den Abend mit Mitras vor dem Generator. Das Gefühl der Magie war berauschend schön gewesen. Seine Hände auf ihren Armen waren schön gewesen. War nicht allein das eine Belohnung genug? Still schickte sie in Gedanken ein kleines Gebet an die Geister von Wald, Wasser, Erde und Luft, um sich für all das Glück, das ihr hier wiederfuhr, zu bedanken. Die Pflanzen um sie herum schienen ihr wohlwollend zuzumurmeln, und etwas klarer und ruhiger stand sie schließlich auf, nahm das Gold und ging zurück nach oben, um das Geld zu verstauen und weiter zu lernen. Nur noch einen Tag… es dauerte nicht lange, und sie war wieder so nervös und aufgeregt wie zuvor.

Uldum im Winter – 22. Lunet 242 (Silenz)

Mitras erwachte am nächsten Morgen völlig erholt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so gut geschlafen hatte und früh war es auch noch. Seine Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor acht Uhr war. Gegen 10 Uhr würde seine Schwester vorbei kommen. Sie wollten endlich den vor zwei Wochen abgesagten Ausflug nachholen. Er hatte eine größere Kutsche für sie alle gemietet und es sollte in dieser ein Stück den Corvio hinauf gehen. Dort gab es ein kleines Dorf namens Raa mit einem netten, kleinen Gasthof. 

Er machte sich fertig und ging runter. William war gerade dabei, einen Picknickkorb für die kleine Reise vorzubereiten. „Ha, guten Morgen, da ist ja jemand früh. Als ich die Treppe gehört habe, hab ich eher mit Kira gerechnet. Du bist ja schon ewig nicht mehr so früh auf den Beinen gewesen.“ „Ja, so ein bisschen magische Erholung kann schon einiges bewirken.“, erwiderte Mitras zufrieden. Er nahm sich einen Becher Tee und setzte sich. „Ein bisschen Erholung? Mitras, ich weiß nicht was du da getan hast, aber du siehst fast fünf Jahre jünger aus, also eigentlich schon eher zehn, so verbraucht wie du die letzten Wochen warst.“ „Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was ich getan habe. Als ich die Menge an Magie in mir hatte, kam mir spontan dieser Zauber wieder in den Sinn. Wir haben ihn in der Heilungsklasse im letzten Semester behandelt. Das war quasi unsere Abschlussprüfung in dem Block. Ein unglaublich schwer durchzuführendes Ritual. Bei den Geistern, was haben wir uns damals darüber aufgeregt, dass so ein bisschen Erholung so anstrengend erreicht wird, zumal wir ja deutlich einfachere Zauber kannten. Aber unser Lehrer meinte nur, dass wir schon früh genug merken würden wofür der Zauber gut ist.“ „Ha, wofür er gut ist kann ich dir sagen Junge. Du siehst aus wie 25. Keine einzige Falte ist mehr da. Du sprühst förmlich vor Energie. Gestern Mittag hätte dich noch jeder für einen überarbeiteten 40 jährigen gehalten und jetzt siehst du aus wie so ein übereifriger Jüngling. Und überhaupt, einfach so eingefallen, sonst musst du doch auch für jeden Schnitt und jeden blauen Fleck nochmal in dein kleines Büchlein schauen.“ „Ich… ich weiß es nicht, der Zauber war einfach plötzlich wieder in meinem Gedächnis. Ich wusste genau was zu tun ist. Er war halt einfach wieder da. Aber jetzt könnte ich dir nicht einmal mehr die erste Silbe nennen. Ich sollte den Zauber aber wohl doch nochmal nachschlagen und für die Zukunft genauer studieren.“ Mitras merkte, dass William das Ganze nicht geheuer war. Aber im Moment war er einfach viel zu dankbar über die Verbesserung seines Zustandes,um sich darüber großartig Sorgen zu machen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Kira kam herein. Sie trug ein bequemes Hauskleid, vermutlich noch aus ihrem eigenen Bestand, und ihre Haare standen zerstrubbelt vom Kopf ab. Eine Locke machte einen vorwitzigen Kringel über ihre Stirn und erweckte den Eindruck, sie hätte ein magisches Symbol dorthin gemalt. Als sie Mitras sah, zuckte sie zusammen und lief rot an. „Oh, Magister…äh… Mitras!“ „Guten Morgen. William hatte schon mit dir gerechnet.“ sagte er freundlich lächelnd. Er fühlte sich großartig. „Äh, ja, guten Morgen.“ Sie griff nach oben, wischte sich die Locke aus der Stirn und kämmte dann mit der Hand durch ihre Haare, um sie zu einem Zopf zu greifen und so etwas mehr Ordnung hinein zu bringen. Der Versuch war allerdings wirkungslos, ihre leichten Locken sprangen sofort wieder in ihre wilde Form zurück, sobald sie los lies. „Ich, äh, ich wollte mir nur kurz mein Frühstück holen…“ Sie blickte an sich herunter. Ganz offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, dass er schon wach war. Er amüsierte sich innerlich, fragte sich aber auch, warum es für sie einen Unterschied machte, ob er oder William sie sah. „Setz dich doch zu uns, es ist zwar noch etwas früh, aber William bekommt sicher auch auf die Schnelle etwas hingezaubert.“ Er blickte kurz raus und sah, dass die Sonne langsam aufging. Es versprach ein klarer, aber auch kalter Tag zu werden. „William, haben wir eigentlich noch Kakao da?“ „Muss ich kurz nachsehen.“, sagte dieser und verschwand um die Ecke und die Treppe zum Keller hinunter. „Ich glaube, ich muss mich dann erst frisch machen.“ Ehe er etwas sagen konnte, war Kira bereits wieder zur Tür hinaus. William kam wieder hoch und sagte: „Da ist tatsächlich noch reichlich. Nanu, wo ist Kira denn hin verschwunden?“ „Tja, sie wollte sich dann doch noch erst frisch machen und ist regelrecht geflohen.“ William sah etwas verdutzt aus. „Sonst stört sie das doch auch nicht so.“, wunderte er sich. Und auch Mitras verstand sie nicht so recht. Aber gut, es war ja noch Zeit. „Nun gut, William, wir brauchen heiße Milch. Ich helfe dir eben.“ Mit Magie würde es definitiv schneller gehen, Milch kochen war lästig und hätte Williams ganze Aufmerksamkeit erfordert.

Es dauerte tatsächlich eine Weile, in der er William half, den Tisch ganz zu decken, und auch Abby von draußen herein kam, bis Kira wieder auftauchte, diesmal in dem taillienbetonten grünen Kleid mit den Knöpfen. Ihre Haare waren nun gebürstet und so,wie er es bei ihr kannte, zu einem Zopf geflochten. Sie trug die Ohrringe, die er ihr gestern geschenkt hatte und wenn er sich nicht irrte, hatte sie sich sogar ein ganz wenig geschminkt. Oder waren ihre Wimpern immer so lang und dunkel und er hatte es aufgrund der Müdigkeit nur bisher nie bemerkt? Sie sah hübsch aus, und Mitras war sehr mit sich selbst zufrieden – er hatte sie tatsächlich gut ausgestattet, nun sah sie ganz wie eine edle Dame aus, das Mädchen vom Dorf war kaum noch zu sehen. Nur ihre Bewegungen, ihre Natürlichkeit zeigten noch, dass sie nicht in einem Adelshaus aufgewachsen war. Er fand, dass sie nun eine gute Mischung mit dem besten aus beiden Welten darstellte und war stolz auf den Fortschritt.

​​​​​​​Um halb zehn kam Federieke. Kira hatte einige Mühe gehabt, ihre Peinlichkeit, am frühen Morgen nur halb angezogen Mitras begegnet zu sein, zu überwinden, aber da niemand weiter darüber gesprochen hatte, hatten sie ein nettes Frühstück verbracht. Anschließend hatte Mitras, der ausgesprochen fröhlich wirkte, sie noch auf eine Partie Dame in den Wintergarten gebeten. Kira war gespannt, was die Reise heute ergeben würde und genoß das Reden und Spielen mit Mitras. Vielleicht lag es am Lächeln, vielleicht auch, dass die Ringe unter seinen Augen verschwunden waren, auf jeden Fall wirkte er so viel jünger und lebendiger, und sie erwischte sich einige Male dabei, ihn beinahe anzustarren, während er in das Spiel vertieft war. Ihr fiel auf, dass er ziemlich lange Wimpern hatte. Bisher hatte sie sich eigentlich immer nur auf seine so unglaublich blauen Augen konzentriert, die sie so faszinierend fand, doch nun betrachtete sie auch sein restliches Gesicht und bemerkte, dass seine Haare langsam länger wurden, die Strähne an der Schläfe fiel ihm schon fast bis in die Augen, und dass er ein bisschen Stoppeln auf den Wangen hatte, als hätte er sich zwei Tage nicht mehr rasiert. Sie widerstand der Versuchung, über seine Wangen zu streichen und senkte rasch den Blick, als er aufblickte und sie ansah. Dass sie dabei etwas rot wurde, konnte sie nicht verhindern, aber sie hoffte, er hatte sonst nichts bemerkt.

Kira schien während der Partie abgelenkt gewesen zu sein. Jedenfalls hatte er einen leichten Sieg errungen, was ungewöhnlich war. Eigentlich spielte sie sehr gut. Er hoffte, dass es nicht am Transfer lag, aber sonst machte sie einen gesunden Eindruck. Als seine Schwester eintraf, waren sie gerade wieder in der Küche und nahmen von William den Proviant in Empfang. Es würde zwar in dem Gasthof ein gutes Mittagessen geben, aber bei solchen Temperaturen schadete es nicht, genug dabei zu haben. Abby hatte Frederieke an der Tür in Empfang genommen und brachte sie zu ihnen in die Küche. „Guten Morgen Frederike, hast du die Kleinen doch zu Hause gelassen?“, begrüßte er sie und umarmte sie schwungvoll. „Guten Morgen, ja es war dann doch zu kalt. Ein anderes Mal nehme ich sie dann gerne mit. Aber heute bleiben sie bei ihrem Kindermädchen. Aber du siehst irgendwie verändert aus, so richtig erholt, schon fast wieder jung. Was ist geschehen?“ fragte sie etwas misstrauisch dreinblickend. Mitras lachte: „Thadeus hat mir einen großen Gefallen getan.“ Frederieke sah ihn verwundert und skeptisch an und Mitras fügte erklärend hinzu: „Er hat mir Kira geschickt. Wir haben festgestellt, dass sie ein, sagen wir, überdurchschnittliches magisches Potential hat. Sie hat mir angeboten mich durch Magietransfer beim Generator zu unterstützen. Gestern haben wir das einmal getest und was soll ich sagen, es hat wunderbar funktioniert. Mit der Magie konnte ich dann einen recht komplexen Erholungszauber wirken und bin nun wieder wie neu.“ Frederieke sah verwundert zu Kira herüber, die mittlerweile wieder einmal tiefrot angelaufen war, blickte dann wieder ihn an, nur um sich dann auf Kira zu stürzen und sie jubelnd in den Arm zu nehmen. „Ich danke dir, du machst dir ja keine Vorstellungen, wie sehr wir schon alle in Sorge um ihn waren. Aber geht es dir denn auch gut? Ich verstehe das Ganze zwar nicht, aber sag mir bitte, dass du dabei jetzt nicht an seiner Stelle zu Schaden kommst.“

Kira war von Frederiekes plötzlichem Ausbruch völlig überrascht. Langsam war es regelrecht unangenehm, wie sehr alle sie lobten. Dabei hatte sie doch nur ein bisschen geatmet. Als ob atmen ein Problem wäre. Verlegen schon sie Frederieke von sich. „Mir geht es gut, das ist nicht schwierig. Ich hab wohl eine Begabung dafür. Oder so.“ Sie lächelte verlegen, als sie sah, wie Frederieke sich einige Tränen aus den Augen wischte. Ein Teil von ihr war irre stolz, doch der andere Teil fand den ganzen Wirbel um das bisschen helfen peinlich. „Bisher hatte ich nur eine Begabung, Probleme zu schaffen. Also ist das wohl der Ausgleich, den die Geister mir mitgegeben haben, dass ich meinem… äh, Mitras helfen kann.“ Beinahe hätte sie „meinem Freund“ gesagt, aber das klang irgendwie falsch. Mitras hatte ihr zwar das Du und die Freundschaft angeboten, aber die Bezeichnung war so doppeldeutig. Warum gab es eigentlich keine Unterscheidung zwischen einem normalem Freund und einem festen Partner? Frederieke drückte sie noch einmal an sich. „Ich bin dir so dankbar. Alle in meiner Familie sind dir dankbar. Falls du je etwas brauchst, wir werden dir jederzeit helfen!“ Kira schaute, immer noch verlegen, sie prüfend an, doch sie schien wirklich zu meinen, was sie sagte. „Ich bekomme doch schon alles von Mitras. Und euer Vater hat diese Ohrringe für mich ausgesucht. Eure Familie ist so gut zu mir, da ist es nur natürlich, dass ich auch helfe.“ Frederieke lachte. „Hmmmm, Mitras, falls du jemals heiraten willst, nimm bitte sie. Hilfreich und bescheiden!“ Kira hatte das Gefühl, leicht überfahren zu werden. Mitras – sie heiraten? Sie wollte doch gar nicht heiraten! Andererseits, Mitras…. sie spürte, dass ihr Herz etwas schneller klopfte und ihr das Blut bis in die Ohrenspitzen stieg. „Aber Frederieke, mach dich nicht lächerlich. Ich bin über 30 und damit doch schon viel zu alt zum Heiraten. Die Kutsche ist schon vor fünf Jahren abgefahren!“, wehrte Mitras ab. Kira brauchte einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten. Natürlich war ihr klar gewesen, dass Mitras älter als sie war, aber über 30? Gerade heute sah er eher wie 25 aus. Sie spürte, wie etwas in ihr ein bisschen herabfiel, ganz dunkel wurde. Über 30… und sie war erst 17. Mit so einer jungen Frau würde er sich sicher nicht zufrieden geben. Beinahe wirkte es für sie, als sei er, der doch eh schon fast unerreichbar über ihr stand, noch etwas mehr in die Ferne gerückt. Wahrscheinlich sah er in ihr nur ein junges, unerfahrenes Ding. Sie könnte ja fast seine Tochter sein. Ihr eigener Vater war auch erst letztes Jahr 40 geworden. Frederieke schnaubte. „Ach, und Nathanael?“ Mitras winkte ab, während er zur Tür ging. „Das war seine zweite Ehe, das gilt nicht!“ „Ja, aber da war er schon über 60 oder so! Und wir beide waren da noch nicht einmal geboren, Herr Magier!“ Frederieke eilte hinter ihrem Bruder hinterher. Kira folgte ihnen langsam und versuchte, diese neue Information zu verarbeiten. Mitras war über 30. Nathanael war vor seiner Geburt schon 60 gewesen? Das hieß, Nathanael war jetzt über 90? Er sah höchstens wie 55 aus! Magier lebten offenbar deutlich länger und sie blieben länger jung. Sie war so in Gedanken über diese Tasache versunken, dass sie in Frederieke hinein lief, die vor der Kutsche stehen geblieben war. „Oh, Entschuldigung!“ „Kein Problem.“ Frederieke drehte sich zu ihr um. „Alles gut?“ „Ja, alles in Ordnung.“ Kira deutete auf die Tür der Kutsche, die Mitras ihnen offen hielt, und gemeinsam stiegen sie ein. Die Kutsche war offenbar für Winterfahrten bestens gerüstet: Es lagen Kissen und weiche Decken auf den Sitzbänken, die groß genug waren, dass vier, vielleicht sogar sechs Personen hätten dort sitzen können. Die großen Fenster zu beiden Seiten und nach hinten heraus waren verglast, so dass der Wind nicht hinein wehen konnte, und es gab auch Vorhänge. Mitras setzte sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf die Bank und deutete auf die Bank vor sich. „Setzt euch am besten dort hin, da kann man gut gucken.“ Neugiergig setzte sich Kira neben Frederieke, Mitras schloß die Tür und klopfte dann leicht an die Wand hinter sich, woraufhin der Kutscher die Pferde antrieb. Sie fuhren zur Altstadt, am Palast vorbei und dann wieder über eine Brücke über den Corvio. Eine Weile folgte die Straße dem Flußlauf zwischen den Häusern, dann bog sie an der Stadtgrenze vor einer etwas steileren Felsklippe wieder zum Fluß hin und über eine breite Brücke wieder auf die nördliche Seite des Flusses, der unter ihnen in einem felsigen Bett plätscherte. Eiszapfen hingen an den Ästen, die hier und da von den Felsen um das Flussbett herum ins Wasser ragten, und an einigen Stellen hatten sich richtige Eisschollen aufgeschoben. Fasziniert sah Kira nach Osten, während sie über die Brücke fuhren. Der Corvio hatte dort in die Klippe eine kleine Schlucht gegraben, in der im Schein der Sonne das Eis glitzerte. „Es ist ungewöhnlich, dass es diesen Winter so viel Eis gibt.“, sagte Frederieke. „Normalerweise ist es wärmer, aber dieser Winter hat viele kalte Tage.“

Während sich Kira und Frederieke angeregt über den Winter unterhielten, blickte Mitras gedankenversunken auf die Landschaft. Es war schon eine Weile her, seit er Uldum das letzte Mal verlassen hatte. Nun lag auch der Rand der Stadt hinter ihnen. Er blickte gen Süden über den Fluß aufs tiefer liegende Land. Nach Norden war die Aussicht weit weniger spannend, da die Landschaft recht schnell zum Hochplateau hin aufstieg. Bis zu ihrem Ziel würde sich das aber auch ändern. Während der Avens direkt aus dem Hochland herabfloss, kam der Corvio in einem leichten Schwung aus einem niedrigeren Teil der Hochebene. Aber hier kurz vor Uldum war der Höhenunterschied zwischen Nord- und Südufer noch recht groß. Im Sommer würde er nach Süden über ein Meer aus terrasierten Feldern blicken, die von einzelnen kleinen Waldflecken unterbrochen wurden. Jetzt waren die Terrassen abgeernet und die Büsche kahl, nur einzelne Nadelgehölze ragten noch grün aus der ansonsten weißen Landschaft hervor.

Frederieke hatte schon recht. Der Blick in den Spiegel hatte ihm gezeigt, dass er mit dem Zauber nicht bloß die Erschöpfung abgeschüttelt hatte. Alle Altersspuren der letzten zwei, sehr anstrengenden Jahre waren wie weg gewischt. Erst gestern Morgen hatte er noch betrübt auf wachsende Fältchen in den Augenwinkeln geblickt und nun war sein Gesicht wieder glatt, fast schon jugendlich. Er hatte diesen Zauber nur spontan aus einer Idee heraus gewirkt ohne richtig abschätzen zu können, wie er wirken würde. Das letzte Mal hatte er ihn während der Ausbildung angewandt und damals erschien ihm der Aufwand viel zu groß für eine viel zu kleine Wirkung. Aber damals war er auch komplett ausgeruht und fit gewesen. Nun verstand er die Bedeutung dieses Zaubers und seine Tragweite. Und ja, Nathanael hatte schon dreimal länger gelebt, als er selbst. 103 Jahre zählte er nun schon und wirkte doch als wäre er in seinen 60ern. Natürlich war ihm immer schon bewusst gewesen, dass er als Magier länger leben würde. Etwas traurig beobachtete er Frederieke. Er würde sie vermutlich um etliche Jahre überleben. Vielleicht konnte er den Zauber auch auf sie anwenden, vielleicht auch auf seine Eltern, aber er würde weniger effektiv sein, fürchtete er. Kiras Energiespende könnte ihm aber auch hier helfen. Er beobachtete Kira, die sich umgedreht hatte und mit Frederieke zusammen auf der Bank kniete, um aus dem rückwärtigen Fenster schauen zu können. Ihre roten Haare hatten sich teilweise aus dem Zopf gelöst und ringelten sich über den blauen Stoff ihres Mantels. Sie leuchteten dadurch deutlich röter, als er es am Anfang wahrgenommen hatte. Oder war es das Licht hier draußen? Er spürte tiefe Dankbarkeit und Zuneigung für sie, und für einen Moment hatte er fast das Gefühl, wieder den Geschmack von Karamell im Mund zu haben. Er leckte sich über die Lippen und lächelte glücklich. Vielleicht war eine Heirat doch eine Option. Aber mit Kira, seiner Schülerin? Gab es da nicht diese uralte Geschichte von Nathanaels erster Frau? Und auch wenn es selten vorkam, es bandelten immer mal wieder Magier und Magierinnen mit ihren Discipuli an? Einen Moment lang betrachtete er versonnen ihren Rücken, dann setzte sein Gewissen ein. Was dachte er da eigentlich? Sie war noch so jung und sicher nicht an ihrem Mentor interessiert. Sich ihr aufzudrängen war defintiv das letzte, was er wollte. Disziplin, Mitras, mahnte er sich selbst. Disziplin. Das hat sie verdient, nach ihrer Hilfe nun besonders.

Sie waren etwa zwei Stunden unterwegs und kamen dann zu einem Gasthof, der auf einem kleinen Hügel oberhalb des Corvio lag. Am Fuße des Hügels schmiegte sich ein kleines Dorf beidseitig an die Hänge zum Corvio, und Kira bestaunte die Terrassen, die zahlreich ringsherum auf den Hügeln angelegt waren. Frederieke versprach ihr, dass sie im Frühling nochmal hier heraus fahren würden. Vom Gasthof aus konnte man durch eine Fensterscheibe weit in Richtung Süden sehen, wo die Hügellandschaft sich noch ein Stück weit zog und dann am Horizont weiter abfiel. Kira wusste, dass im Süden das große Tal des Avens lag, in dem es immer mehr Wald gab, sogar richtigen Urwald, und das letztendlich den Übergang zum Nachbarland Rigar darstellte. Eigentlich war es mehr das Ende des Hochlandes als ein einziges Tal, aber alle nannten es „Tal“, weil sich das Hochland östlich und westlich davon weiter nach Süden hinzog und es auf der Karte von Anotal eben fast wie ein grüner Vorstoß in die braune Hochebene aussah. Im Gasthof aßen sie zu Mittag und anschließend führte Mitras sie auf einem kleinen, gut begehbaren Pfad durch die winterliche Landschaft, ein kleines Stück am Corvio entlang und dann in einem Bogen durch ein Wäldchen. Obwohl es ungewohnt war, so viel zu laufen nach den vier Wochen in der Stadt spürte Kira, wie die klare, kalte Luft, das Sonnenlicht und das Raunen des Wassers und der Bäume um sie sie mit Energie und Freude erfüllten. In einem unbeobachteten Moment – Mitras und Frederieke waren ein Stück voraus gegangen – strich mit der Hand über die Rinde eines der alten Bäume und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Stamm, so wie sie es in Bispar im Moor oft getan hatte. Der Geruch war anders, das Gefühl war anders, aber etwas darin war doch vertraut. Vorsichtig öffnete sie ihre neu erwachten magischen Sinne und atmete die Luft um sich bewusster ein, spürte, wie die Magie klar und rein in sie floß, stärker noch als in Mitras Labor, vertrauter irgendwie und doch fremd, wie diese Landschaft und der Wald. Sie spürte Glück und auch ein wenig Traurigkeit, sie vermisste die heimischen Wälder. Die Magie hier in diesem Wäldchen war ebenso wie die Magie in der Nähe des Avens leichter zu greifen, auch klarer, aber sie war nicht so kalt und nicht so schwierig zu halten. Sie umarmte den Baum und ließ die Magie, die sie genommen hatte, langsam wieder abfließen, bis sie wieder auf dem nun schon vertrauter gewordenem Grundniveau war. Fast schien es ihr, als würde der Baum sich etwas strecken, doch das war vermutlich nur der Wind, der in diesem Moment aufkam. Mitras rief nach ihr, und sie beeilte sich, den beiden hinterher zu kommen.

Während sie zurückfuhren, wurde es draußen bereits dunkel. Sie aßen etwas von Williams Proviantkorb und Frederieke erzählte ihr von ihren Kindern. Einzelne Lichter von Dörfern funkelten in den Hügeln und der klare Sternenhimmel zeigte sogar das ganze Sternenband, ehe Lunet und Lunar aufgingen und die Winterlandschaft in ein bläulich-weißes Licht tauchten. Sie betrachtete die beiden Monde. Frederieke hatte sich an ihren Bruder angelehnt und war eingedöst und Mitras schwieg schon den größten Teil des Ausfluges. Er wirkte entspannt und ruhiger, als sie ihn kannte. Kira schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie bei ihrer ersten Begegnung ihn als abweisend und bedrohlich wahrgenommen hatte. Nun wirkte er stark, mächtig auf sie, aber überhaupt nicht bedrohlich, eher etwas zu sehr anziehend für die Tatsache, dass sie ja eigentlich gerade erst der Gefahr einer Heirat und der Tatsache, sich einem Mann als Ehefrau unterordnen zu müssen, entkommen war. Innerlich dankte sie den Geistern erneut für ihr Talent, das ihr offenbar nicht nur die Freiheit geschenkt hatte, sondern sie auch zu einer Hilfe für die Menschen werden lies, die nett zu ihr gewesen waren. Dieser Zauber, den Mitras da angewandt hatte…. interessiert betrachtete Kira sein halb abgewandtes Gesicht im Mondlicht. Sicherlich war dieser Zauber der Grund, warum Magier länger lebten. Ob er den wohl auch auf Bruder Harras wirken konnte? Es wäre schön, wenn der Priester noch etwas länger leben könnte. Ohne ihn wäre das Leben in Bispar für sie wahrscheinlich unerträglich gewesen. Sie beschloß, Mitras zu fragen. Andererseits konnte sie den Zauber in einigen Jahren vermutlich auch selber. Sie hoffte nur, Bruder Harras würde bis dahin nichts passieren.

Sie erreichten Uldum gerade passend zum Abendessen, vor dem sich Frederieke allerdings mit einigen innigen Umarmungen verabschiedete – sie wollte mit ihren Kindern gemeinsam essen. William hatte in der Küche eine Platte mit belegten Broten und geschnittenem Gemüse hingelegt samt eines Zettels, dass er seine Schwester besuchen gegangen war. Gemeinsam mit Abby und Tobey aßen sie zu Abend, dann verabschiedeten auch die beiden sich und gingen herüber ins Gesindehaus. Mitras saß einen Moment lang in seinem Stuhl und betrachtete den letzten Schluck Wein, den er noch im Glas hatte. „Mitras?“ Er blickte auf. „Soll ich, hmm, meine Magierrobe anziehen für das Laden des Generators?“ Er blickte sie einen Moment lang an, dann nickte er. „Mach dich ruhig frisch und zieh die Robe an, das ist vermutlich bequemer als das Korsett.“ Erleichtert ging sie nach oben, um sich umzuziehen und traf Mitras danach im Esszimmer wieder an. Auch er hatte sich umgezogen und trug jetzt seine eigene Magierrobe, die sie noch nie an ihm gesehen hatte. Sie war vermutlich ebenfalls von Abby genäht, der Schnitt saß perfekt. Der Stoff war dunkelblau und mit silbernen Stickereien verziert, die von den Säumen aus geometrische Muster bildeten, die sie ein wenig an wachsende Kristalle erinnerten. Auf jeden Fall passte diese Robe wirklich gut zu ihm. Sie zogen sich Mäntel über und gingen schweigend durch den mondbeschienen Garten zum Generatorhaus hinüber.

Sie hatte das Gebäude bisher noch nie betreten. Mitras schloss eine kleinere Tür im großen Tor auf und bat sie herein. Im Inneren war das Gebäude in mindestens zwei Räume aufgeteilt, aus dem Hauptraum, in dem sie sich jetzt befanden, war aber nicht ersichtlich ob es nur einen oder doch mehrere Zimmer im hinteren Teil gab. Jedenfalls führte nur eine Tür weiter ins Gebäude hinein. Der Raum war recht warm, obwohl hier keine Heizsteine standen, und hell erleuchtet. Im hinteren Teil des Raumes standen mehrere fassartige Gebilde in die Kabel hinein und auch wieder hinaus führten und weitere Geräte mit großen aufgewickelten Ringen aus Draht, sie vermutete Kupfer, die regelrecht summten. Mitras bestätigte es ihr auf ihre Nachfrage hin und erklärte, dass man diese Teile Kupferspulen nannte. Der Generator selbst war ein etwa 1,5 Meter hohes Gerät, dass ebenfalls aus mehreren Spulen, die um eine lange Röhre herum gewickelt waren, bestand. Diese Röhre, erklärte Mitras, sei die Führung, in der der Elektrumstab vor und zurück bewegt werden musste. Sie konnte von den Seiten hineinschauen und sah das silbrig-blaue Elektrumstück. Ein Eisengitter um den ganzen Generator sollte das Elektrum auffangen, falls der Zauber außer Kontrolle geriet. Vor dem Generator hatte Mitras einen mit silbernen Linien bestickten dicken Tepich ausgelegt und darauf bereits zwei Sitzkissen drapiert. Sie setzen sich hin und Kira spürte, wie ihr Herz etwas schneller klopfte, als Mitras sie freundlich anlächelte und die Ärmel seiner Robe nach oben schob. „Bereit?“ Sie nickte. Schon gestern war es ihr schwer gefallen, sich auf das Magiesammeln und langsame Loslassen zu konzentrieren – das Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut hatte sie abgelenkt. Heute sah er zudem auch noch zu umwerfend gut aus… Sie schloß die Augen. „Reiß dich zusammen. Du willst helfen. Sei nützlich!“, ermahnte sie sich innerlich selbst, während sie ebenfalls ihre Ärmel nach oben schlug. „Bitte versuch, die Magie nicht so schnell wie gestern zu dir heran zu ziehen. Wir brauchen recht viel davon, und ich muss sie verarbeiten und halten können. Selbst wenn ich mich nicht auf das Sammeln selbst konzentrieren muss, erfordert es doch einiges an Zeit, bis ich diese Menge geordnet aufgenommen habe. Wenn du zu schnell Magie heranziehst, wird der Raum um uns leerer und es fällt dir schwerer, sie langsam an mich abzugeben. Magie, die gerade frisch wieder abgegeben wurde, kann man selbst nicht direkt wieder aufnehmen.“ Kira nickte erneut, ohne die Augen zu öffnen. Er saß so dicht vor ihr. Sie legte die Arme flach auf ihre überkreuzten Knie. „Du willst das wirklich?“ „Ja.“ Sie hoffte, ihre Stimme schwankte nicht zu sehr. „Gut. Ich danke dir.“ Er griff nach ihren Händen strich sanft mit den Fingern über ihre Handinnenflächen und umfasste dann ihre Handgelenke. Sie zuckte zusammen, als feines Kribbeln ihre Arme hinauflief, und Mitras ließ sofort den Griff um ihre Handgelenke los. Kira griff nach seinen Handgelenken und hielt seine Hände an ihren fest. Nach einem kurzen Zögern entspannte sich auch Mitras wieder. Kira hatte kurz den Drang, die Augen zu öffnen und ihn anzusehen, doch dann ließ sie es, sich selbst zur Konzentration mahnend. Vorsichtig öffnete sie ihre magischen Sinne und versuchte wie in den Übungen ein wenig, ganz wenig der Energie um sich herum erst in sich hinein und dann zu Mitras Händen zu geleiten. Am Anfang schwankte der Fluss etwas, doch nach einer kleinen Weile hatte sie den richtigen Atemrythmus gefunden und spürte, wie die Magie stetig und ruhig durch sie hindurch floß, zu Mitras warmen Händen hin. Anders als beim ersten Versuch erschien es ihr diesmal auch nicht schwer, die Magie immer weiter zu sich zu ziehen, es wurde nicht schwerer, wie es im Labor passiert war. Ihr Zeitgefühl verschwand, sie hatte das Gefühl, auf dem Kissen mehr zu schweben als zu sitzen, und sie nahm im Magiefluss sogar ein leises Rauschen, ein Gurgeln wie von Wasser wahr, manchmal auch ein Raunen wie Wind. Irgendwann löste Mitras sanft seine Hände von ihren Armen. „Das genügt.“, flüsterte er, als wolle er die Stille und Ruhe um sie nicht stören. Kira löste ihre Hände von ihm und ließ sich noch eine Weile in dem Magiefluss um sie treiben, ehe sie langsam die Augen öffnete.

​​​​​Als er das Gefühl hatte, nun fast zu viel Magie für das Ritual aufgenommen zu haben, blickte Mitras auf und sah Kira nach wie vor in tiefer Konzentration​ vor sich sitzen. Er hatte in der Stille jedes Zeitgefühl verloren, doch als er zur Uhr, die neben der Tür hing, hinüber sah, stellte er verwundert fest, dass erst eine halbe Stunde vergangen war. Sie hatte deutlich kontrollierter die Magie herangezogen als im ersten Versuch, es war ein leichter, stetiger Fluss geworden. Normalerweise benötigte er für diese Menge an Magie mindestens sechs Stunden, in letzter Zeit auch schon viel zu häufig eher sieben. Er merkte auch, dass es ihm viel leichter gefallen war, die Magie von Kira entgegen zu nehmen und zu kanalisieren, als wenn er sie allein gesammelt hätte. Der Raum fühlte sich noch wärmer an, als er sowieso schon war, aber auf eine angenehme Weise. Auf seiner Zunge hinterließ die Magie einen leichten Geschmack nach Karamell und auch in der Nase glaubte er diesen Geruch wahrzunehmen. Er hatte seit den Übungen in der Schule nie wieder mit einem Partner zusammen gearbeitet und er war sich nicht sicher ob es so generell einfacher war, oder ob es speziell an Kira lag. Ihr enormes Talent half sicher, aber lag es nur daran? Die Emotionen, die er aufgefangen hatte, drückten immer noch eine gewisse Unsicherheit aus, aber da war auch eine große Zufriedenheit und noch etwas positives, das er aber nicht recht greifen konnte, da gerade diese Emotion immer wieder durch die Verunsicherung überdeckt worden war. 

„Das genügt.“ sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken. Er unterbrach den Magiefluß, was ihm diesmal deutlich leichter fiel, und spürte wie sie ihre Hände von seinen Armen nahm. Kurz machte sich ein Gefühl des Bedauerns in ihm breit, dann konzentrierte er sich aber wieder voll auf die Magie. Sie fühlte sich vitalisierend an, aber als er den ersten Zauber des Rituals begann, merkte er, dass sie sich nicht so recht in Form bringen ließ. Er musste mehr Nachdruck in die Gesten legen und die Silben der Sprüche klar formulieren. Das hatte er das letzte Mal in der Ausbildung getan. Spruch und Gesten galten eigentlich nur als Unterstützung. Die eigentliche Arbeit leistete der Zaubernde mit seinem Geist. Die Worte zu sprechen war lediglich ein Anker, der die Formgebung erleichterte. Gerade einfache Zauber wirkte Mitras mittlerweile komplett gesten- und spruchfrei. Aber nun musste er sich auf einen Zauber, der ihm selbst in seinem angeschlagenen Zustand vor zwei Tagen noch leicht von der Hand gegangen war, stark konzentrieren. So leicht die Magie in den Heilzauber geflossen war, so störrisch fühlte sie sich jetzt an. Aber letztendlich gelang es ihm den Zauber vollends zu wirken. Die Bewegungen des Elektrums wurden wieder stärker und er sah an den Anzeigen, dass der Stromfluß wieder zunahm. Es hatte funktioniert. Trotz der großen Anstrengung fühlte er sich nicht erschöpft, ihm stand zwar der Schweiß auf der Stirn, im Ganzen war die Erfahrung aber eher belebend als auslaugend gewesen. Mitras hatte keine Erklärung dafür, aber wenn dass der Preis für diese Erleichterung war, so nahm er den größeren Aufwand beim Zaubern gern in Kauf. Dennoch sollte er bei nächster Gelegenheit mal mit Nathanael sprechen, ob es normal war, dass sich die aufgenommene Magie einmal so leicht und einmal so schwer formen ließ. Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass es in seiner Ausbildung, in den Übungen auch so gewesen war.

Kira beobachtete, wie Mitras die Zauber wob. Er bewegte sich sehr akurat, die Sprüche wirkten fast wie ein Gesang, mit dem er seine Bewegungen begleitete, wenn auch kein besonders harmonischer oder schöner. Er wirkte sehr konzentriert. Fasziniert beobachtete sie, wie das Stück Elektrum erst langsam, dann immer schneller begann, sich in der Röhre auf und ab zu bewegen. Sie fühlte sich zufrieden, aber auch träge und müde nach dem langen Tag. Das Kissen unter ihr war weich und kuschelig, und Mitras Stimme wirkte beruhigend. Sie schloß die Augen und ließ sich davon treiben.

Nachdem er fertig war, brauchte er einen Moment, um sich zu sammeln. „Danke Kira. Das war eine große Hilfe.“, sagte er, doch erhielt keine Reaktion. Er drehte sich zu ihr um und stellte fest, dass sie eingeschlafen war. Zur Sicherheit ergriff er ihr Handgelenk, doch ihr Puls war ruhig und regelmäßig. Es war auch ein langer Tag gewesen. Der Raum war regelrecht magieleer, auf der anderen Seite fühlte er sich aber auch so fit wie schon lange nicht mehr. Statt sie also wieder mit Magie anzuheben, hob er sie einfach direkt auf. Möglichst vorsichtig ergriff er sie und stand auf. Die Tür mit Magie zu öffnen, war kein Problem, schon direkt hinter der Tür war die Umgebung schon wieder gut gesättigt, was seltsam war, wo der Raum doch fast komplett entleert war. Er verzichtete aber weiter auf Magieanwendung und brachte sie schnell rüber und in ihr Zimmer. Nachdem er sie auf dem Bett abgelegt hatte, zog er ihr noch die Schuhe aus. Ihr die Robe abzunehmen, sah er dann doch als zu aufdringlich an, zumal er nicht wusste, wie viel sie darunter noch trug. Das Gewand war bequem genug um auch mal darin zu schlafen und gleichzeitig war es pflegeleicht genug, das zu überstehen. Er deckte sie zu und betrachtete ihr Gesicht. Kam es ihm nur so vor oder waren ihre Haare heller geworden? Er meinte sich zu erinnern, dass ihre Mähne doch eigentlich ein kastanienbraun mit rotem Schimmer war. Nun schimmerte sie tiefrot, fast wie die Farbe kleiner Eichhörnchen. Die Farbe stand ihr jedenfalls besser und würde wunderbar zu ihren grünen Augen passen. Aber vielleicht bildete er sich das alles auch nur in der Nachwirkung ihrer Magie ein. Er würde da Morgen noch einmal drauf achten. Nun aber verließ er das Zimmer, er hatte schon viel zu lang so starrend an ihrem Bett gestanden.

Helfende Hand – 20. und 21. Lunet 242 (Ingas und Schengstag)

Am nächsten Nachmittag erbat sich Kira, in die Stadt gehen zu dürfen. Eigentlich hatte sie sich gestern schon mit Sebastian treffen wollen, aber über das Kanalisieren völlig vergessen, dass sie sich vorgenommen hatte, jeden Uldumstag in die Bibliothek zu gehen. Mitras, der ein wenig abwesend wirkte, nickte ihren Wunsch ohne Nachfragen ab, und so lief sie nach dem Mittagessen zur Kutschenstation. Julius zu finden, war nicht schwierig, und er brachte sie erst zum Postamt, wo sie einen ganzen Silberling für den Brief bezahlen musste, und dann zur Altstadt. Die ganze Zeit spürte sie, wie die Magie um sie herum floß und sie sie ein- und ausatmete. Wie neugeboren. Näher am Fluss stellte sie fest, war die Magie anders, stärker, aber auch kälter, leichter zu greifen, aber auch schneidener, schwieriger zu halten, und sie gab sich Mühe, nicht zu viel zu atmen, während sie über die Brücke fuhren. Sie befürchtete, die Magie könnte ihr wieder entgleiten.
Sebastian entdeckte sie zwar rasch, als sie in die Bibliothek kam, aber er war in ein Gespräch mit einer hübschen blonden Frau vertieft und schien sie nicht zu bemerken, also suchte sie sich aus der Abteilung der Bücher über Magie einige interessante Titel heraus, zog sich an einen Tisch in der Nähe zurück und begann zu lesen. Zunächst griff sie sich das Buch über die unterschiedlichen Magiearten, das sie schon beim letzten Mal gelesen hatte. „Von Hexen, Dämonen und der rechten Magie. Ein Streifzug durch internationale Magieanwendungen.“ Diesmal schlug sie gezielt das Kapitel zu den Skirhexen auf. Der Autor des Buches hatte Burnias offenbar besucht, denn auf der ersten Seite fand sie ein Bild, dass sie im Original schon in Lührenburg gesehen hatte: Eine schreckliche rothaarige Hexe mit angespitzten Zähnen, umgeben von allerlei wilden Tieren, die aus dem Dunkel des Waldes hinter ihr herauszubrechen drohten. Skirhexen, las sie, seien äußerst selten, äußerlich auch meist von gewöhnlichen Skirfrauen nicht zu unterscheiden. Der Text war merkbar um Sachlichkeit bemüht, hob auch hervor, dass Skirhexen eher nicht wie auf dem Bild dargestellt seien, aber Kira merkte dennoch, dass auch hier die üblichen Schuldzuweisungen mitschwangen: Im Krieg seien Skirhexen eine mächtige Bedrohung, da ihr Magiewirken so eng mit der umgebenden Natur verwoben sei, dass es beinahe unmöglich sei, die Zauber zu analysieren und zu brechen. Sie seien wild, unberechenbar, von „natürlicher Grausamkeit“ – was auch immer an Grausamkeit natürlich war – und gerade für männliche Soldaten und Offiziere gefährlich, da sie nicht davor zurückscheuten, auch ihren eigenen Körper einzusetzen, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Ihre Verführungszauber seien so subtil, dass selbst starke Magier ihnen schon erlegen seien. Kira legte das Buch beiseite. Vor einem Monat noch hätte sie vermutlich alles geglaubt, was darin stand, aber jetzt kam es ihr wie reichlich Blödsinn vor. Nur ein Mann konnte behaupten, dass die Sexualität einer Frau „von nicht zu unterschätzender Gefahr“ sei. Vermutlich hatte irgendein Feldherr in den Nordkriegen seinen Schwanz nicht bei sich behalten können und es hinterher auf die „bösen Hexen“ geschoben. Keine Frau, egal ob Skir oder nicht, würde vermutlich gerne und mit Freude mit dem Feind ins Bett steigen – so toll konnte Sex einfach nicht sein. Sie schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Sie seufzte. Vielleicht gab es noch andere, bessere Bücher zu den Skirhexen? Suchend ging sie die Gänge ab.

„Lady Silva!“ Sebastian tauchte plötzlich hinter ihr auf. „Wie schön, Sie zu sehen.“ Kira lächelte ihn an. „Es tut mir leid, ich wollte, schon früher kommen, aber ich wurde aufgehalten…“ Sebastian schüttelte den Kopf. Sein Zopf war irgendwie aufgelöst und einzelne Haarsträhnen flogen herum, was Kira an Adrian erinnerte, wenn er von einem Tag im Wald wieder herein kam. „Sie müssen sich doch nicht rechtfertigen. Suchen Sie etwas bestimmtes?“ Kira nickte. „Ein anständiges Buch über Skirhexen. Nicht eins, in dem es um Kriegstaten und sexuelle Übergriffe geht, sondern eins, in dem, naja, halt was richtiges drinsteht, über die echten Hintergründe und die Magie der Hexen.“ Sebastian blickte sie nachdenklich an. „Hmmm. Es gibt ein paar Werke zu den verschiedenen Magieformen, aber eigentlich weiß man über die Skirhexen nicht viel. Ich glaube, das wollen die auch gar nicht. Ich zumindest kenne kein Buch oder keinen Autor, der wirklich mal mit Skirhexen gesprochen und sie erforscht hat.“ Kira seufzte. „Naja, dann nicht.“ „Es gibt aber ein paar Werke über Naturmagie und hmm, urtümliche Magie, zum Beispiel um mit Geistern in Kontakt zu treten oder um den Magiefluss in Ritualen gemeinsam zu lenken. Ich glaube, sowas, also gemeinsame Rituale, machen die Hexen auch.“ Kira blickte in nachdenklich an. „Gemeinsam?“ „Ja, ich weiß nicht, halt irgendwie einen Zauber gemeinsam ausführen. Das macht vielleicht etwas von ihrer Stärke aus. Sonst macht es ja keinen Sinn, warum sollten einige Menschen stärkere Magie haben als andere?“ Kira nickte. Das klang sinnvoll. „Klingt gut. Kann ich mir das ausleihen?“ Sebastian nickte, und gemeinsam suchten sie das Buch heraus. Sie räumte die anderen Werke wieder weg und ging nach vorne, um es auf ihren Namen auszuleihen. Sebastian, der erst noch jemand anderem helfen musste, folgte ihr nach einer kleinen Weile, und gemeinsam gingen sie über die Straße in das Café, das sie schon letztes Mal besucht hatten. Vor der Tür hielt Sebastian inne. „Kira, es ist mir egal, was Sie darüber denken, aber die Cafés hier in der Innenstadt sind teuer und ich weiß, dass Ihnen als Discipula ohne adeligen Hintergrund vermutlich nicht viel Geld zur Verfügung steht. Ich genieße die Zeit mit Ihnen, auch wenn ich keine anderen Absichten habe, verstehen Sie mich nicht falsch. Dennoch bestehe ich darauf, Sie jetzt und auch in Zukunft einladen zu dürfen. Sonst gehen wir woanders hin.“ Kira verblüffte die Ernsthaftigkeit, mit der er sie dabei ansah. Keine anderen Absichten? Hatte er ihr gerade durch die Blume gesagt, dass er kein romantisches Interesse an ihr hatte und sie sich keine Hoffnung machen sollte? Verunsichert sah sie ihn an. Er wirkte nicht gönnerhaft oder arrogant, das, was er gesagt hatte, entsprach einfach der Wahrheit und sein Blick wirkte aufrichtig und ehrlich. Sie errötete und nickte. „In Ordnung. Aber sobald es geht werde ich Sie dafür zu uns einladen und sie bekochen. Als Ausgleich. Für einen Freund.“ Sebastian nickte und wirkte erleichtert. „Danke. Ich will nicht mit meinem Geld angeben, verstehen Sie, aber ich will es auch nicht ungenutzt lassen.“ Sie lächelte. „Das macht Sie ungemein sympathisch, das wissen Sie, oder?“ Sebastian lachte, nun wieder der lockere Adelige, der er immer war. „Jaja, ich weiß. Meine Schwester findet auch, ich sei fürchterlich. Immer von Frauen umgeben und so. Sie weiß einfach nicht, wie man das Leben genießt!“ Sie setzten sich in eine Nische und bestellten zwei Getränke. „Wieso findet Ihre Schwester das schlecht?“, fragte Kira. Sebastian grinste. Er erzählte ihr ausschweifend von Kersten, seiner kleinen Schwester, und dass sie eine fürchterliche Streberin sei, immer gut in allem, die Jüngste und Beste, ganz wie die Mutter, Baroness Felicia di Ferrus. Obwohl er über sie und seine Mutter und deren stets auf Arbeit und Magie fokussiertes Verhalten scheinbar ganz verzweifelte, erkannte Kira die tiefe Bewunderung und Zuneigung, die er gleichzeitig ausdrückte. „Ihre Familie scheint ein echter Glücksgriff zu sein.“, sagte sie, als Sebastian fertig war. Er grinste. „Ja, naja, der Teil mit meiner Mutter und meinem Vater schon. Aber wir haben natürlich auch schwarze Schafe, die hat ja jede Familie.“ Kira nickte. War sie das schwarze Schaf der Familie oder war der Rest ihrer Familie einfach schwarz und sie das weiße Schaf? Vermutlich das rote Schaf, ergänzte eine Stimme in ihrem Kopf. „Mein Onkel zum Beispiel, der jüngere Bruder meines Vaters, der hat irgendwie wohl einen zuviel bekommen als mein Vater geheiratet hat, er dachte wohl, er könne jetzt auch ganz groß ins Geschäft einsteigen. Ständig taucht er bei uns auf und versucht meinem alten Herrn, oder neuerdings auch Marcus, meinem Bruder, zu erzählen, an wen und zu welchem Preis wir verkaufen sollen, was unsere Minen hergeben.“ „Oh, aber bringt er dann nicht einfach neue Kunden?“ Sebastian machte eine wegwerfende Handbewegung. „Marcus ist der Meinung, dass er lieber einige Goldmünzen weniger Gewinn macht, als unser Eisen für die Waffenproduktion herzugeben. Muss er auch gar nicht, die neuen Manufakturen brauchen so viel Eisen und außerdem, irgendwann hat man ja auch genug Geld, nicht? Ich finde es ziemlich anständig von Marcus. Außer meinem Onkel, der mit seinen zwielichtigen Freunden ständig das große Geld wittert, will niemand einen Krieg. Sie haben schon Recht, ich bin ein stolzer di Ferrus, meine Familie ist anständig adelig. Was ist mir ihrer Familie?“

Kira blickte verlegen zur Seite. „Hmm, ich bin weder adelig noch habe ich bisher eine anständige Familie gehabt. Und über die Familie di Venaris wissen Sie vermutlich mehr als ich.“ Sebastian blickte sie einen Moment von der Seite an. „Naja, soooo viel jetzt auch wieder nicht. Ihr Magister ist ein recht verschlossenes Kerlchen. Alle wissen, dass er diesen unglaublichen neuen Stoff erfunden hat, Elektrum, und es zu einem guten Sümmchen an die Generalität verkauft. Aber Marcus macht immer noch Geschäfte mit ihm, also glaube ich nicht, dass er zu sehr auf Krieg oder andere schädliche Dinge damit aus ist. Ich vertraue Marcus, und er vertraut wohl Mitras di Venaris.“ Kira dachte an den geheimen Keller. Hoffentlich irrte Sebastian sich nicht. „Außerdem macht er ja wohl Strom damit. Und das ist schon ziemlich überwältigend, Strom aus Magie. Wenn es das überall gäbe, das würde richtig was bringen, alle könnten nachts zuhause richtiges Licht haben und man bräuchte nicht so viel Kohle.“ „Kommt die Kohle nicht auch aus dem Gebiet der di Ferrus?“ Sebastian schüttelte den Kopf. Er erzählte ihr, dass der Abbau von Eisen und Silber hauptsächlich in der Baronie Ferrus stattfand, es aber auch wesentlich einfacher sei, die in Adern vorkommenden Metalle aus dem Berg zu holen als die Kohle, die in breiten Schichten etwa im Vorgebirge von Berg vorkam, abzubauen. Die Erdgeister, die sich in Ferrus mit Geschenken und einigen Gesprächen mit den Priestern zufrieden gaben, waren in Kohlebergwerken wohl wesentlich wilder und es gab viel öfter Probleme. „Als ob sie nicht wollen, dass wir die Kohle holen. Aber niemand weiß warum.“ Sebastian lachte. „Vielleicht mögen die Geister insgesamt auch lieber saubere Luft.“ Kira stimmte ihm zu. Warum auch nicht. Sie hatte schon öfter das Gefühl gehabt, dass die Geister in den Wäldern um Bispar darum bemüht waren, alles in Harmonie und Gleichgewicht zu halten, Bruder Harras hatte ihr auch davon erzählt. Er war zwar kein starker Priester, bisher hatte nie ein Geist zu ihm gesprochen, aber sie konnten wohl seinen Gesang verstehen und er hatte ihre Handlungen beobachten können, ja, sie sogar manchmal selbst schon gesehen. Seinen Beschreibungen nach waren es intelligente Wesen mit eigenen Zielen, warum nicht also auch saubere Luft?

Sie kehrte entspannt zum Abendessen zurück. Die ständige Anspannung über das Ein- und Ausatmen der Magie war über die Gespräche mit Sebastian verschwunden. Nach dem Abendessen ging Mitras wie jeden Ingastag zum Meditieren auf sein Zimmer, er musste den Generator laden. Kira entschuldigte sich bei Abby, Tobey und William, die eine Runde Poker spielen wollten, da sie das Spiel nicht kannte, und zog sich mit dem Buch aus der Bibliothek in ihr Zimmer zurück. „Magie im Bunde – von Transfer bis Ritual“, klang ja eigentlich ganz spannend. Sie merkte allerdings nach den ersten Seiten, dass Sebastian bei der Buchauswahl ganz klar keine Rücksicht auf ihren Lernstand genommen hatte. Etliche Sachen waren verkürzt beschrieben und es gab viele Fachbegriffe für Bewegungen, Geräte oder Handlungen. Sie nahm sich das Einführungsbuch und schlug einige davon nach, aber schon nach einer Weile beschloß sie, dass das zu mühsam sei. Sie wollte die Zauber ja nicht gleich lernen, sondern erstmal wissen, was es überhaupt an Zauber gab. Schon im zweiten Kapitel stieß sie dann auf etwas interessantes: Magietransfer. Damit war es wohl möglich, Magie von einer Person auf eine andere zu übertragen. Unbewusst rieb sie sich ihre Hand. Ja, das war passiert bei ihrem ersten Kanalisieren. Mitras hatte ihre Magie, die sie gesammelt hatte, aufgenommen. Hmm. Wenn man das langsam machte, war es wohl geeignet, einer Person zu ermöglichen rasch mehr nutzbare Magie anzusammeln als sie es alleine konnte. Die Geschwindigkeit, mit der man Magie aufnehmen konnte, hing, so lernte sie, vom eigenen Grundpotential zur Magieaufnahme, vom Training und davon ab, wie lange man diese halten wollte. Es machte Sinn: Mit großen Händen konnte man mehr Wasser aus einem See schöpfen. Aber auch jemand mit kleinen Händen konnte sehr schnell eine großere Menge Wasser hochreißen – wenn man es gleich weiter warf. Kira dachte an Mitras, wie müde er an manchen Morgenden nach dem Laden des Generators aussah. Er hatte ihre Magie aufnehmen können. Vielleicht konnte sie seine Freundlichkeit und seine Unterstützung so zurückgeben? Sie schaute in das Buch. Die Grafik zum Übergaberitual sah … naja… intim aus. Zwei Männer saßen einerander mit nacktem Oberkörper gegenüber, die Köpfe aneinander gelegt und Unterarme aufeinander gelegt. Der Gedanke, so mit Mitras zu sitzen, ließ Kira das Blut ins Gesicht schießen. Sie studierte den Text zu der Grafik. „Das Übergaberitual ist eine Geste, die nur unter Freunden oder Vertrauten ausgeführt wird. Insbesondere der gebende Magier lässt dabei zu, dass ein Teil seiner inneren Energie auf den Partner übergeht. Die natürliche Intimität, die diesem Vorgang anhaftet, kann durch eine entsprechende Umgebung und Körperberührungen unterstützt werden, wenn es den Zaubernden angenehm ist. Eine erzwungende Übergabe ist zwar möglich, aber so verwerflich wie etwa eine Vergewaltigung, denn man dringt dabei in den privaten Bereich der anderen Person ein. Magie entrissen zu bekommen kann ausgesprochen schmerzhaft sein, daher sollte das Übergaberitual nur zwischen einander vertrauten Personen geschehen.“ Also, „kann unterstützen“. Das hieß ja, sie würde sich nicht unbedingt ausziehen müssen. Seine Hände auf ihren Unterarmen fand sie jetzt nicht so schlimm. Eigentlich fand sie den Gedanken sogar ganz gut, gestand sie sich nach ein wenig Zögern ein. Sie legte das Buch beiseite und grübelte eine Weile darüber, ob – und vor allem wie – sie Mitras vorschlagen konnte, ihm helfen zu dürfen. Aber ohne Ausziehen!

Mitras erwachte am nächsten Nachmittag recht unerholt. Es wurde langsam wirklich mühselig den Generator zu laden. Schon zu lange hatte er seine Kraftreserven zu konstant ausgebeutet. Er spürte in letzter Zeit, wie es ihm schwerer fiel, Magie zu wirken. Das Elektrum herzustellen und den Generator zu laden, war auf Dauer zu viel. Er zog sich an und ging nach unten um eine Kleinigkeit zu essen. Das Mittagessen war zwar schon durch, aber William hatte für ihn etwas aufgehoben. Auch wenn es gut war, aß Mitras recht lustlos, was William sofort auffiel. „Na, wo drückt der Schuh?“ Die Frage ließ Mitras aufblicken. Er brauchte einen Moment, ehe er antwortete: „Ich spüre so langsam wie mir die Zeit abläuft. Das ständige Laden und jetzt die Extraportion Elektrum zehren an meiner Fähigkeit Magie zu sammeln. Verdammt, ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine richtige Pause hatte.“ „Sieht man dir auch langsam recht deutlich an, mein Bester.“, sagte William trocken, so direkt, wie er immer war. „Bald siehst du fast genauso alt aus, wie du bist.“ Mitras lachte müde auf. „Ja, mach du nur deine Späßchen. Aber im Ernst, lange halte ich das nicht mehr aus.“ „Dann lass den Generator doch. Wir brauchen das Geld nicht. Wärme bekommen wir von deinen Steinen und für Licht gibt es dann halt wieder Kerzen, oder dir fällt auch dafür was Geniales ein. Hauptsache ist, du verausgabst dich nicht vollends. Denn dann hat Thadeus auch gewonnen.“ Mitras blickte resigniert drein und erwiderte: „Vielleicht hast du recht, aber noch bin ich nicht bereit aufzugeben und ich kann den Nachbarn ja auch nicht von heute auf Morgen den Strom abdrehen.“ „Ha, wohl wahr. Aber lass dir mit der Entscheidung nicht zu lange Zeit.“

Nachdem Mitras sein verspätetes Mittagessen beendet hatte, ging er wieder nach oben. Er wollte noch ein paar Sachen in der Bibliothek nachlesen, in der Hoffnung neue Ideen zur Erforschung und vor allem Nutzbarmachung der Bezirke zu finden. Oben angekommen stand Kira vor ihm auf dem Flur. Sie trug ihre Magierrobe und wirkte ein bisschen so, als sei sie gerade bei etwas ertappt worden, oder täuschte er sich da? Sie blickte ihn recht schüchtern an, was seine zerstreuten Gedanken sofort abdriften ließ. Verdammt, sah sie schon immer so süß aus? Er schüttelte sich innerlich und rief sich zur Ordnung. Disziplin. Das konnte doch nicht so schwer sein. An sie gewandt fragte er: „Hallo Kira, kann ich dir helfen?“ „Ähm, nein Magis.. Mitras. Aber es ist so, ich habe das Gespräch mit William eben versehentlich mit angehört. Und …“ Sie suchte anscheinend nach Worten, um sich zu entschuldigen. Also doch ertappt, dachte er, auch wenn nichts schlimmes dabei war. Die Tür hatte ja offen gestanden und selbst wenn sie zu gewesen wäre, hätte sie jederzeit reinkommen können. So schüchtern sie auch immer noch gelegentlich war, konnte er sich nicht vorstellen, warum ihr das jetzt so schwer fiel. Oder machte sie sich gar Sorgen um ihre Zukunft? Es wäre auch für sie nicht gut, wenn ihr Mentor plötzlich vor Erschöpfung zusammenbrechen würde.

„Mitras, vielleicht kann ich dir helfen. Ich .. ich habe ein Buch über Magieübertragungen bei Ritualen in der Bibliothek gefunden. Nach den Beschreibungen dort sollte es möglich sein, dass ich dir Magie übertrage, oder du sie zumindest von mir nimmst. Bitte lass es uns versuchen, ich möchte dir, nach allem was du für mich getan hast, auch helfen.“ Mitras sah sie verdutzt an. Damit hatte er nun nicht gerechnet. Magietransfer war nicht ganz ohne und konnte für einen der beiden oder gar beide sogar recht schmerzhaft werden. Er hatte zwar beim Kanalisieren schon selbst darüber nachgedacht, aber er hätte es niemals gewagt, sie danach zu fragen. Wusste sie worauf sie sich da einließ? So verlockend es auch war, bisher hatte er es als zu übergriffig abgetan. Und nun kam sie mit diesem Vorschlag zu ihm. Wäre er nicht so angeschlagen gewesen, hätte er direkt abgelehnt, so aber fragte er sie: „Bist du dir sicher, dass du das willst? Bist du dir im Klaren darüber, was das für ein Vorgang ist? Was du mir da anbietest?“ Sie blickte auf den Boden und er sah wie sie wieder einmal errötete. Ihm wurde bewusst, dass er auch das unglaublich niedlich fand. „Ähm, ich denke schon. Ich will mich aber nicht … äh… also nicht… ich denke, das geht auch mit einem Kleid an, oder?“ Mitras lachte plötzlich ob dieses Gedankens auf. „Natürlich, es ist zwar Körperkontakt nötig, aber es reicht völlig, wenn man sich an den Händen oder besser an den Unterarmen festhält. Wie kommst du auf die Idee, dass man sich ausziehen sollte?“ Der Gedanke, sie ausgezogen vor sich sitzen zu haben, stolperte kurz durch seinen Kopf, gepaart mit den Bildern aus dem Spiegel, doch er schob ihn rasch von sich. „Weil in dem Buch ein Bild war.“ Sie blickte ihn direkt an, mit stark geröteten Wangen, und hielt ihm die Handflächen hin. „Du bist doch so müde. Lass mich dir helfen.“ Er blickte sie an. Die Müdigkeit lag bleiernd in ihm. „Gut, du hast recht, ich brauche wirklich dringend Hilfe und ich gestehe, ich habe auch schon darüber nachgedacht dich zu fragen. Mir erschien das aber doch als zu viel.“ „Du hast gesagt, ich sei stark. Und ich… äh… ich helfe dir gern.“ „Ja, deine Stärke ist mehr als ausreichend, das stimmt. Aber so ein Transfer ist keine einfache Sache. Mit der Magie werden auch Emotionen und Eindrücke übertragen. Ich würde zwar nicht direkt deine Gedanken lesen, aber auch so bietet es mir vielleicht mehr Einblicke, als du willst. Normalerweise wird den Schülern und Schülerinnen in der Akademie erst beigebracht, wie sie ihre Emotionen kontrollieren und sich vor einem Transfer in einen ruhigen, neutralen Zustand versetzen. Doch das würde Monate dauern, dich darauf vorzubereiten.“ Kira lächelte ihn scheu an. „Es ist ok. Ich vertraue dir.“ Mitras spürte, wie ihre Worte warm in ihm nachhallten, doch er war zu müde, sie richtig zu erfassen. Er nahm ihre Hand und führte sie ins Labor. Die Kissen lagen noch da, und er setzte sich hin und wies sie mit einer Geste an, sich vor sich ihn zu setzen. Er hatte den Zauber im letzten Semester der Schule gelernt und ein paar Mal mit seinem Übungspartner durchgeführt. Nur, dass er damals überhaupt nicht so müde gewesen war. In seiner Erinnerung war es eher wie eine angenehme Umarmung gewesen, die Magie auszutauschen. Aber der Magieschlag beim Kanalisieren ließ ihn vermuten, dass diese sanfte Umarmung vielleicht genau das war, was er gerade brauchte. Er erklärte: „Gut, die Übertragung ist eigentlich ganz einfach, für den Gebenden jedenfalls, aber ich bin darin bereits geübt und weiß was als Nehmender zu tun ist.“ Eigentlich hatte er es seit seiner Schulzeit nicht mehr gemacht, aber das würde er ihr jetzt bestimmt nicht sagen. Außerdem hatte er ihre Magie beim Kanalisieren auch gut aufgenommen. „Alles, was du tun musst, ist deine Magie zu sammeln und dich mir öffnen. Du darfst keinen Widerstand leisten, wenn du spürst, wie ich mir die Magie nehme.“ Kira nickte. Sie schloß die Augen und atmete einige Male ruhig ein und aus.

Mitras ergriff ihre Arme und umschloß sie sanft mit seinen Händen. Ihre Haut war glatt und weich. Sie fühlte sich sehr angenehm an. Erschrocken schob er den Gedanken beiseite. Hier ging es nur darum zu sehen, ob es auch wirklich klappte von ihr Magie zu empfangen, ohne ihr zu schaden. „Gut, ich werde jetzt anfangen. Sammle Magie, halte sie wie in der Übung und lass sie abfließen, sobald du einen Sog spürst.“ Sie nickte und atmete erneut ein. Er spürte, wie sich die Magie um sie verdichtete. Es war schon eine Weile her, dass er selbst dazu in der Lage war, einen derartigen Sog zu erzeugen. Hoffentlich fand er zu alter Stärke zurück und hoffentlich konnte er ihr bei ihrer weiteren Entwicklung helfen. Das Potential, dass sie nun schon besaß, war beängstigend. Er begann, die Magie in sich aufzunehmen. Es war einfacher als erwartet. Es fühlte sich nicht so an, als würde er etwas von ihr nehmen, wie bei den Übungen in der Schule, sondern vielmehr, als würde sie es ihm bereitwillig geben. Nach einem kleinen Moment war es fast so, als würde sie es über ihn schütten, und er hatte etwas Mühe, mit dem Aufnehmen nachzukommen. Schon nach wenigen Minuten hatte er bereits eine große Menge aufgenommen, auch spürte er, dass er nun eher Ziehen musste und es kein Überschütten mehr war. Er verringerte, so gut es ging, die Zufuhr, da er merkte, dass er die Magie selbst sonst bald nicht mehr ganz stabil halten können würde. „Kira, du kannst aufhören zu sammeln, ich habe bereits genug. Konzentriere dich darauf, den Rest zu halten und lasse ihn dann langsam los.“ Der Fluss wurde unruhig, aber stoppte nicht ganz. Sie öffnete die Augen, schaute ihn an, und er hatte das Gefühl, sich einen Moment lang in ihren Augen zu verlieren. Der Geruch von Karamell mischte sich mit dem Geruch von Tannennadeln. Die Magie flimmerte um ihn. Er blickte auf ihre verschränkten Unterarme und glaubte beinahe, dort kleine, gold schimmerne Fäden zu sehen, die ihre Arme umwoben. Es war einfach zu viel Magie. Seine Finger kribbelten. Das war mehr Magie, als er ohne längere Meditation sammeln konnte. Sie erfüllte ihn. Etwas musste er zaubern, sonst würde er sie verlieren… Er löste sich langsam von ihr. Es tat beinahe weh, ihren Arm loszulassen. Er sank zurück. Noch hielt er die überschüssige Magie, statt sie wieder abzugeben. Beinahe befürchtete er, sie würde ihm wieder entgleiten. Deutlich spürte er, dass es nicht seine Magie war. Er war so müde… gab es da nicht einen Zauber? Freila, ajusta… Er murmelte die Worte, ehe er noch ganz darüber nachgedacht hatte. Etwas heilendes, etwas stärkendes… Eigentlich war es für ihn anstrengend für diese Art von Heilzauber Magie zu sammeln, obwohl es ja Verwandlungsmagie war. Aber er fühlte sich wie ein überlaufender Waldsee. Die Magie wollte geformt werden. Er merkte, wie leicht er ihm von der Hand ging, obwohl er den Zauber nur einmal im Unterricht an der Akademie angewandt hatte. Binnen kürzester Zeit fühlte er sich wieder frisch und erholt. Er realisierte auch, dass sich die ihm fremde Magie dem Zauber leichter anpasste. Er würde nicht die späteren Nachwirkungen fürchten müssen, die er sonst bei derart komplexer Heilungsmagie hatte. Seine Begabung tendierte klar zu unbelebter Materie, anderen fiel das Heilen deutlich leichter. Kiras schimmernde, karamellige Form der Magie hingegen schien sich diesem Zauber direkt entgegen zu bringen.

Erst jetzt wurde ihm der Wirbel an Emotionen bewusst, der mit der Magie auf ihn übergegangen war. Es war eine zu difuse Mischung aus Aufregung, Sorge, Angst, Zuneigung und Freundlichkeit, um etwas konkretes daraus zu greifen. Der Geschmack von Karamell lag deutlich auf seiner Zunge und er widerstand knapp der Versuchung, sich die Lippen abzulecken. Ihn überkam das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken. Ohne groß darüber nachzudenken, tat er es auch. Kira, die schwer atmend vor ihm gesessen hatte, keuchte erschrocken auf und machte eine instinktive Schutzbewegung, was ihn dazu veranlasste, sie ebenso schnell wieder loszulassen. „Verzeih!“ „Schon gut. Äh. Hat es geklappt?“ Sie wischte sich mit der erhobenen Hand verlegen die Haare aus dem verschwitzten Gesicht.“Ja, besser als erwartet. Ich konnte mein Defizit ausgleichen und konnte einen Erhohlungszauber mit dem Rest wirken. Ich fühle mich, als wenn ich eine Woche Ruhe gehabt hätte.“ Er war nun deutlich wacher, dachte klarer und war sich seiner Umgebung so bewusst wie schon lange nicht mehr. Auch wenn es nur ein kurzer Moment gewesen war, nahm er nun wahr, wie gut sie sich angefühlt hatte und dass er noch mehr wollte. Entsetzt von sich selbst drängte er den Gedanken zurück und stand auf. Er ging ein paar Schritte auf und ab, um wieder klar denken zu können. Sie hatte ihm ja klar zu verstehen gegeben, dass er zu weit gegangen war. Und dann war da noch diese Angst gewesen. Er konnte sie nicht recht zuordnen, aber konnte es sein, dass sie genau so etwas befürchtet hatte? „Ich danke dir, Kira, das allein hat schon sehr geholfen und entschuldige bitte noch einmal meine Überschwänglichkeit. Die Euphorie ist mit mir durchgegangen.“ Sie lächelte ihn von unten herauf an. Stolz und Erschöpfung schwangen in ihrer Stimme mit, als sie sagte: „Ich freue mich, dass es geklappt hat. Du hattest recht, es war auch nicht schwer. Ich konnte nur irgendwie nicht aufhören, obwohl es immer weniger Magie um mich wurde. Ich hoffe, es hat sich nicht allzu komisch für dich angefühlt. Soll ich dann morgen abend nach dem Essen einfach zu dir kommen oder muss man beim Generator-Laden noch etwas spezielles beachten?“ „Das mit dem Aufhören habe ich gemerkt, aber das können wir üben. Du möchtest mir also trotzdem weiter helfen?“ Mitras war deutlich überrascht, aber auch innerlich erleichtert. „Es gibt nichts spezielles zu beachten. Die Zauber wirke ich, das Sammeln der Magie war dabei allerdings immer das größte Hindernis. Alleine kann ich für derart komplexe Zauber die Magie nur sehr langsam aufnehmen. Mit deiner Hilfe sollte es aber deutlich schneller gehen. Ich würde sagen, dass wir es zur Sicherheit aber direkt beim Generator machen. Ich bereite gleich alles vor, damit wir dort Morgen abend nicht frieren.“ Kira grinste. Sie stand auf, dabei wurde ihr Lächeln immer breiter. „Ich freue mich.“ Sie hielt inne, dann hüpfte sie ein kleines Stück in die Luft und strahlte ihn an. Mit quietschender Stimme wiederholte sie: „Ich freue mich, ich freue mich. Ich kann helfen!“ Sie tanzte an ihm vorbei und hüpfte leise singend den Flur hinab zu ihrem Zimmer. Ihre plötzliche Freude überraschte ihn doch sehr, aber sie so glücklich zu sehen löste ein wohlig warmes Gefühl in seinem Inneren aus. Mit neuer Kraft folgte er ihr und ging in die Bibliothek um die anstehende Arbeit zu erledigen. Ihre Zimmertür stand offen und sie saß summend an ihrem Schreibtisch, eifrig in ein Notizbuch schreibend. Er schmunzelte, schloß ihre Tür und ging dann zu seinen Büchern. Es kostete ihn Mühe, dizipliniert zu bleiben, aber seine neu gewonnene Energie und ihre Freude waren es definitv wert. Ihm fiel der Schmuck seines Vaters ein. Den hat sie sich jetzt wirklich verdient, dachte er  und beschloß, ihn ihr nach dem Abendessen zu geben.

Kira spürte, wie die Aufregung und Freude langsam abebbte, während sie alles neu Gelernte in ihr privates Notizbuch schrieb. Wie schon in den Zeiten des Fernunterrichtes hatte sie begonnen, nicht nur Notizhefte für die einzelnen Fächer anzulegen, sondern auch ein etwas persönliches Heft zu führen, in dem sie ihre eigenen Gedanken und Reflexionen zu dem, was sie erfuhr, niederschrieb. Das Schreiben half ihr, es besser im Gedächtnis zu bewahren und ihre eigenen Gedanken zu sortieren. Immer wieder strich sie sich über die Arme, dort, wo Mitras sie festgehalten hatte. Seine Hände waren weich, warm, und so angenehm gewesen… sie seufzte glücklich. Schade, dass sie sich so erschreckt hatte, als er sie umarmt hatte. Aber es war ja auch nicht so angebracht eigentlich. Sie fand es ziemlich niedlich, dass er sich offenbar von seiner Freude miteißen ließ, erst beim Kanalisieren und nun wieder. Dummerweise hatte sie einfach zu sehr daran gedacht, wie Johann sie in der Scheune ebenso plötzlich umarmt hatte. Gerade war sie viel zu glücklich und auch etwas zu erschöpft, um wütend zu sein, aber es war auf jeden Fall klar, dass außer Mitras sie nie von irgendeinem Mann in den Arm genommen werden wollte. Naja. Bruder Harras und Adrian gingen vermutlich auch. Sie ließ sich aufs Bett fallen und lag eine ganze Weile träumend da, dachte an die Wälder und das Gefühl von Sonnenwärme auf ihrer Haut, so sonnenwarm wie Mitras Hände.

Als es an der Tür klopfte, wäre sie beinahe vom Bett gefallen, so sehr zuckte sie zusammen. Irgendwie war sie wohl eingedöst, dieses Sammeln der Magie war zum Ende hin doch recht anstrengend geworden. „Ja?“ „Kindchen, kommst du zum Essen?“ Abby stand vor der Tür. Rasch stand sie auf und folgte ihr. Mitras saß am Tisch und unterhielt sich lebhaft mit William und Tobey, als sie hinter Abby herein trat. Sie hatte den Eindruck, er sei nun plötzlich deutlich jünger. Seine Augen blitzen, sogar seine Haare hatten den Anschein der ersten silbrigen Strähnen verloren und standen mit neuer Energie ein wenig vom Kopf ab. Seine Bewegungen waren nicht mehr so erschöpft. Er sah ziemlich gut aus, sogar noch mehr als sonst, korrigierte ihre Stimme im Kopf und sie scholt sich sofort selbst für so einen Gedanken. Das war doch nicht die wilde Kira, so für einen Mann zu schwärmen! „Ha, da ist ja unsere Heldin. So gut hat Mitras schon seit Monaten nicht mehr ausgesehen. Schön, dass du ihn so aufbauen konntest, scheinst ja gut was drauf zu haben.“, begrüßte William sie. Mitras sah sie etwas entschuldigend an: „Mir blieb nichts anderes übrig, als den anderen von deiner Hilfe zu erzählen. Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr verausgabt? Ich danke dir jedenfalls. Und wie es der Zufall so will habe ich, dank meines Vaters, die passende Belohnung bereits parat. Aber erst essen wir.“ Kira wurde rot. „Hier zu sein ist eine Belohnung.“ Sie setzte sich und nahm sich vom Eintopf. Was er wohl für sie hatte? Nach den ersten Bissen grinste sie. Es schmeckte gut, und Komplimente machen konnte sie auch. „Eigentlich reichen sogar Williams Kochkünste als Belohnung.“ William lachte. „So eine Schmeichlerin, Mylady. Nein, nein, ich kann zwar kochen, aber unseren alten Herrn hier wiederbeleben kann auch mein Eintopf nicht, dafür brauchte es wohl ein junges Ding wie dich.“ Tobey prustete und Abby zischte: „William!“ Auch Mitras schaute ihn entrüstet an. Kira war verwirrt. Hatte William etwas falsches gesagt? Er hob verteidigend die Hände und sagte: „Nur Spaß, nur Spaß!“, was Mitras und Abby mit einem Kopfschütteln quittierten, aber sich dann wieder dem Essen zuwandten. „Ich helfe gerne.“, sagte sie, und hoffte, dass das bescheiden genug klang. Arrogant oder eingebildet zu wirken hatte man ihr ja den größten Teils ihres Lebens genug nachgesagt, sie wollte auf keinen Fall, dass Mitras oder die anderen so über sie dachten. Aber sie war auch wirklich stolz, dass sie hatte helfen können!

Nachdem das Essen abgeräumt worden war, holte Mitras eine kleine Schatulle aus einem Regal hervor. Er schob sie zu ihr hin mit den Worten: „Mit besten Grüßen von meinem Vater und mit größtem Dank von mir. Ich hoffe, sie gefallen dir.“ Kira betrachtete die Schatulle und hob zögerlich die Hand. Das sah aus wie eine Schmuckschatulle. Außer ihr Bruder hatte ihr noch nie jemand Schmuck geschenkt. Vorsichtig öffnete sie die Schachtel. Darin lag ein Paar Ohrringe. Sie bestanden aus kleinen grünen Steinen, die zu Kugeln geschliffen waren. Um die Kugeln rankte sich feiner Silberdraht, der kleine Blüten und Blätter formte. Es sah unglaublich schön aus. Und wertvoll. Ehrfürchtig hielt sie sich die Hand vor den Mund, um nicht loszuquietschen, und starrte die Ohrringe einen langen Moment an. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schoßen und blinzelte, um sie zu vertreiben. Bloß nicht wieder heulen, jetzt guckten sie bestimmt alle an. Vorsichtig hob sie einen der Ohrringe heraus und betrachtete ihn von nahem. Dann blickte sie Mitras an. „Danke.“, sagte sie mit etwas belegter Stimme, und räusperte sich. „Wieso von deinem Vater?“ „Weil Frederike von dir geschwärmt hat. Keine Sorge, er ist Juwelenhändler und bekommt solche Stücke quasi als Ansichtsware. Er hat dafür keinen Kupfer auf den Tisch gelegt, wertvoll sind sie aber trotzdem. Er war der Meinung, dass sie dir stehen sollten, also werden sie wohl passend sein. Mein Vater irrt in solchen Dingen nie.“ Mitras lachte, „Wäre auch nicht gut für ihn, zu seinen Kundinnen gehören sogar die Töchter des Königs und dessen Frau.“ Kira steckte sich die Ohrringe an. „Sieht das gut aus?“ Sie hielt sich die Haare zurück und strahlte die anderen an. „Hervorragend!“ „Wunderbar!“ „Mylady, zu edel!“ Abby, William und Tobey lobten sie überschwänglich. Mitras betrachtete sie still, aber auch er lächelte. Aufgeregt stand Kira auf und eilte in das gegenüberliegende Badezimmer, um die Ohrringe zu bewundern. Sie sahen wirklich gut aus. Begeistert betrachtete sie sich eine Weile selbst im Spiegel. „Ich sehe gar nicht mehr so dünn an den Wangen aus.“, fiel ihr auf. Offenbar machte sich Williams Essen bemerkbar. Sie beschloß, etwas mehr darauf zu achten, nicht zu viel zu essen. Bis jetzt war es aber eher eine Verbesserung, sie fand, sie sah nun nicht mehr so hager und kantig aus, ein bisschen fraulicher eher. Erwachsener. Eine erwachsene Magierin, die von ihrem Mentor diese wundervollen Ohringe bekommen hatte, weil sie ihm geholfen hatte. Sie war nützlich gewesen. Vermutlich das erste Mal in ihrem Leben, dass sie das wirklich war. Stolz ging sie in den Esssaal zurück, wo der Abend mit allen gemeinsam fröhlich ausklang.

Schimmern – 19. Lunet 242 (Uldumstag)

Die Zeit bis zum nächsten Uldumstag, an dem Mitras mit ihr das erste Mal  das Kanalisieren üben wollte, schien Kira endlos lang und doch verging sie wie im Fluge. Sie las über Atemtechniken, Meditation und den Magiefluss, ging mit Abby auf den Wochenmarkt und probierte die neuen Kleider an, die Abby fertiggestellt hatte. Sie badete, zeichnete und las. Die ganze Zeit schwebte die Aussage von Mitras in ihrem Kopf. Du bist stark. Stark. So stark wie er. Nicht zu schwach. Stark. Es brauchte eine lange Weile, ehe sie es akzeptieren konnte. Deswegen hatte man sie nach Uldum geholt, weil der Zauber, den sie ausgeführt hatte an Johann, komplex gewesen war und stark, und weil man befürchtete, sie sei schlecht zu kontrollieren. Mitras hatte ihr erzählt, dass er mit dem Leiter der Schule auf keinem guten Fuß stand, und dass dieser ihm wohl keinen Gefallen hatte tun wollen. „Aber du bist der größte Gefallen, den Thadeus mir je gemacht hat.“ Sie spürte den ganzen Mafuristag, wie dieser Satz in ihr prickelte. Als der Uldumstag kam, war sie aufgeregt, aber auch so glücklich und selbsbewusst wie schon lange nicht mehr. Sie hatte das Gefühl, wenn sie nicht aufpasste, würde sie vermutlich bald schweben, sobald Mitras in ihrer Nähe war. Selbst Abby war es schon aufgefallen, sie hatte sie über Nathanael ausgefragt und Kira hatte ihr stolz erzählt, dass Mitras sie als Freundin betitelt hatte. Nun stand sie vor der Tür des Labors und spürte, wie ihr Herz klopfte, während sie die Hand hob, um anzuklopfen. Jetzt würde es wirklich losgehen.

Mitras gähnte und wirkte einen Zauber, der die Müdigkeit auf der Stelle vertrieb. In drei Stunden würde sie umso stärker wiederkehren, aber Kira sollte ihren freien Nachmittag nutzen können und er hatte die letzten zwei Tage gut genutzt und konnte es sich leisten, den Nachmittag mit Schlafen zu verbringen. Mittlerweile hatte er Zauber aller Schulen auf das Elektrum gewirkt und einige Erkenntnisse gewonnen. Ob ihn irgendwas davon mit dem Generator weiter helfen könnte, wusste er noch nicht, aber seine Zuversicht war wieder geweckt. Er machte Fortschritte und lernte Neues, allein das sorgte schon für bessere Laune, als er sie irgendwann in den letzten zwei Monaten mal hatte.

Es klopfte und er rief sie herein. „Guten Morgen Kira, bereit?“ „Guten Morgen, ja… Mitras.“ Er sah ihr an, dass sie nervös war. Sie trug wieder die Magierrobe. Der Schnitt dieser Roben mochte dem modebewussten Menschen der heutigen Zeit altmodisch erscheinen, aber sie waren bequem und engten die Beweglichkeit des Trägers nicht ein. Er wies auf ihren Stuhl und sagte: „Setz dich erstmal. Die Theorie kennst du ja schon sehr gut, aber es selbst zu erleben ist schon etwas anderes. Du hattest am Silenz ja schon die Vermutung geäußert, dass du schonmal kanalisiert hast. Darüber würde ich gern zuerst reden. Wie kommst du auf die Vermutung?“ Kira überlegte einen Moment. „Die Atemtechniken kannte ich schon, also das bewusste Einatmen. Ich…ähm… ich hab gerne Streiche gespielt, wenn die anderen mich mal wieder nicht beachtet haben. Und dann habe ich so eingeatmet wie in den Büchern beschrieben und mir gewünscht, man würde mich nicht sehen. Und tatsächlich hat man mich irgendwie nicht richtig gesehen, glaube ich.“ Mitras unterdrückte innere Neugierde und ein Schmunzeln. Streiche gespielt, so so. Er antwortete: „Da kommen mehrere Zauber in Frage. In der Verwandlungsschule gibt es Zauber, die den Körper durchsichtig oder sogar komplett unsichtbar machen können, aber auch in der Hellsichtsschule gibt es Möglichkeiten, den Geist zu beeinflussen. Man ist dann zwar nicht unsichtbar, aber für die Verzauberten nicht mehr wahrnehmbar, glaube ich. Aber in dem Bereich kenne ich mich nicht wirklich gut aus.“ Beides waren außerdem reichlich komplexe und potente Zauber. Wenn sie das intuitiv gewirkt hatte… Er spürte, dass er selber ein wenig nervös wurde. Kurz überlegte er, ob sie nicht lieber in sein Schlafzimmer und den dortigen Zirkel gehen sollten, dort gab es weniger wertvolle Gegenstände, die kaputt gehen konnten. Doch er verwarf den Gedanken rasch wieder. Sie in sein Schlafzimmer mitzunehmen war definitv unangebracht, selbst jetzt, da sie sich als befreundet sahen. Außerdem konnte er mit den Geräten hier den Zauberfluß besser überwachen und für den Fall, dass es nötig war, aufzeichnen. „Hast du denn schon andere Zauber gewirkt oder das Gefühl gehabt, etwas ungewöhnliches sei passiert?“ Kira blickte ihn einen Moment an, dann lachte sie bitter auf. „Oft, ja. Ich habe mal einen Sturm auf dem Meer vorhergesehen, ehe er kam. Und einmal ist ein Schneeball von mir um eine Ecke geflogen. Äh… vielleicht auch mal ein Pferdeapfel, aber da weiß ich nicht so genau, was passiert ist. Und die Hunde konnte ich immer gut beruhigen, aber das ist keine Magie, oder? Und…hmmm… Oh, der Tee meiner Mutter. Ich war sauer und hab mir gewünscht, es wäre Essig. Und dann hat sie ihn ausgespuckt und ist rausgerannt. Vielleicht war es wirklich Essig geworden?“  Das war eine ganze Flut unterschiedlichster Zauber und das scheinbar über einen langen Zeitraum verteilt. Er wusste nicht, ob es Magie gab, mit der man Tiere so beeinflussen könnte, aber da die Hellsicht auch auf den Geist wirkte, konnte das durchaus möglich sein. Wieso hatte das nie einer gemeldet? Es war doch schon länger offensichtlich, dass sie eine Begabung hatte. Spätestens der Dorfpriester Bruder Harras hätte das doch erkennen müssen. Oder hatte er es bewusst zurück gehalten? Das wäre eine gefährliche Entscheidung gewesen, die Mitras beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Er nahm sich vor, Kiras Leben in Bispar doch besser zu durchleuchten. „Das sind eine Menge Vorfälle. Hat denn nie jemand den Verdacht geäußert, dass du eine Magierin sein könntest? Alleine schon zu deinem Schutz hätte das gemeldet werden müssen.“, fragte er sie besorgt. Kira zuckte mit den Schultern. „Naja, sie haben mich ja als Hexe bezeichnet, aber ich dachte nicht, dass das stimmen könnte. Bruder Harras hat gesagt, dass machen sie nur, um mich zu ärgern, und dass alle übertreiben. Und, hmm, ich hab halt viele Dinge niemandem erzählt, weil… naja… Skirhexen sind halt böse… und ich bin nicht böse… wollte ich zumindest nicht sein. Nur manchmal, da hat es mir eben so gereicht mit dem ganzen Ärgern und so… und dann sind halt so Sachen passiert.“ Sie senkte beschämt den Kopf. „Ich hab aber niemandem je wirklich wehgetan…außer Johann…“, flüsterte sie. „Die Hexen sind auch nicht unbedingt böse. Die Menschen in deiner Heimat haben sie nur wegen des Krieges aus der schlimmstmöglichen Perspektive erlebt. Und nach allem, was ich gehört habe, sind die Hexen tatsächlich äußerst beeindruckend. Hoffen wir, dass es nicht so bald, oder besser nie wieder, einen Krieg gegen die Skir geben wird. Was dich angeht, du scheinst, wohl auch dank der Vorurteile, viel zu lang nicht entdeckt worden zu sein. Aber gut, jetzt gilt es erstmal dein Bewusstsein für die Magie zu schärfen. Bisher hast du den Vorgang des Kanalisierens nicht wahrgenommen, das werden wir ändern. Ich muss noch ein paar Vorbereitungen zur Sicherheit treffen. Keine Sorge, dass ist alles Routine. Du kannst dich schon in die Mitte des Zirkels setzen, da auf das Kissen, wenn du magst.“ Kira setzte sich im Schneidersitz auf das Kissen, während er die Geräte justierte, mit Magie versorgte und die richtigen Zauber wirkte, um den Magiefluss beobachten zu können. Zusätzlich wirkte er auch einige Zauber auf sich selbst, um den Magiefluss besser und ihre Aura überhaupt sehen zu können. Und letztendlich wirkte er, auch wenn das definitiv nicht zur Routine gehörte, ein Schutzschild im Halbkreis über den Zirkel. Danach merkte er, dass das ganz schön viele Zauber waren – den, der ihn gerade noch wach hielt, eingeschlossen. Viel mehr würde er heute nicht mehr zaubern können, wenn er nicht gerade über eine neue magische Flusslinie in seinem Keller stolperte. Was natürlich nicht passieren würde, magische Flüsse tauchten ja nicht einfach so auf. Was natürlich nicht passieren würde, magische Flüsse tauchten ja nicht einfach so auf, die in seiner Schmiede war schon ein Glücksgriff, und um Magie damit aufladen zu können, hätte sie noch deutlich dichter an der Oberfläche sein müssen. Er seufzte ein wenig erschöpft und wandte sich dann Kira zu, um ihre Aura zu betrachten.

Sie schimmerte. Alle Auren hatten ein spezielles, persönliches Element ihres Trägers. Einge glommen, andere schimmerten, glitzerten, funkelten… an der Art des Leuchtens, so einzigartig wie ein Fingerabdruck, konnte man Magier wiedererkennen. Nathanael hatte mal gesagt, Mitras Aura würde glimmen. Kira schimmerte. Es war ein erstaunliches sanftes Schimmern gemessen an der Tatsache, wie lebhaft sie ihm sonst erschien, aber es war auch kraftvoll, angenehm. Es erinnerte ihn an Sonnenschein auf den Flügeln eines Schmetterlings und in dem Moment, als dieser Gedanke in seinem Kopf Form annahm, fand er ihn schon kitschig. Vielleicht eher Sonne im Pelz eines Eichhörnchens, korrigierte er sich. Die Aura leuchtete, passend zu ihren Haaren, rötlich. Das machte Sinn, die Farbe gab Hinweise auf den Gemütszustand des Trägers, und rot wies auf Aufregung hin, Stress oder Angst, manchmal auch Wut. Stellenweise hatte er den Eindruck, das Rot würde einen Rosa weichen, was auf Scham hindeutete, oder Schuldgefühle, das passte zum Gespräch eben. Einen Moment lang stand er einfach da und betrachtete sie, wie sie schimmerte, wie sie war, versuchte sich einzuprägen, was er wahrnahm. So würde er sie wiedererkennen können, falls das nötig war. Ihre Aura war schön, und hell. Die Helligkeit zeigte ihm das Maß an magischer Energie an, die sie gerade hielt. Er hatte damit gerechnet, dass sie ein starkes Grundpotential hatte, das hatte ja schon ihre Sondierung gezeigt. Tatsächlich war sie in etwa so hell, wie er selbst es gewesen wäre, wenn er gerade ganz entspannt war.

Als er mit allem fertig war, kniete er sich hinter sie. „So, atme ganz ruhig und gleichmäßig. Leg deine Arme entspannt auf die Knie, Hände nach oben offen, du bist offen für deine Umgebung. Genau so.“ Kira führte seine Anweisungen gewissenhaft aus. Sie hatte vermutlich geübt, die Anleitungen standen ja im Buch. „Mach die Augen zu. Um dich herum ist Magie. Du kannst sie fühlen. Du kannst sie in dich einatmen. Hole tief Luft und zieh ein bisschen davon in dich hinein, in deinen Bauch.“ Kira atmete ein und Mitras drehte instinktiv den Kopf weg, als ihre Aura plötzlich grell aufleuchtete. „Oh.“ Er blinzelte und schaute wieder hin. Sie hielt die Magie. Mit einem Atemzug hatte sie mehr Energie aufgenommen, als ein ungeübter Magier üblicherweise überhaupt greifen konnte, und statt sie gleich wieder in die Umgebung abzuleiten, hielt sie sie einfach. Er linste auf eines seiner Geräte. Sie hielt etwa doppelt so viel Energie wie ihr Grundlevel. Die Menge hätte genügt, um ein Drittel der Energiemenge für das Ritual zum Laden des Generators zu liefern. Ehe er sich darüber zu sehr wundern konnte, sah er allerdings, wie das Leuchten in ihr zu flackern begann und sich an ihren Fingerspitzen kleine, leuchtende Punkte bildeten, ein klarer Hinweis darauf, dass sie dabei war, die Magie unkontrolliert zu verlieren. „Gut Kira, jetzt stell dir vor, dass du sie ganz langsam wieder entlässt, während du langsam ausatmest. Lass die Luft langsam raus.“ Kira entließ die Luft aus ihren Lungen mit einem heftigen Keuchen. Offenbar hatte sie die Luft angehalten. Die Magie schlug einen Bogen zwischen ihren Händen und sprang dann in die Luft, prallte aber am Schutzschild ab. Einzelne Funken davon stoben um Kira herum und erwischten Mitras, der sie geübt in sich aufnahm. Es fühlte sich an wie erfrischende Spitzer Wasser, da er selbst ja gerade relativ magieleer war. Er räusperte sich. „Ja, ausatmen ist schon nicht schlecht, etwas langsamer wäre aber besser.“ Kira holte tief Luft, und zog dabei wieder etwas Magie in sich hinein, allerdings nicht mehr so viel wie am Anfang. „Tut mir leid.“ Mitras beugte sich neben ihr vor, so dass sie ihn sehen konnte, und lächelte sie an. „Keine Sorge. Denk an das Weiteratmen und versuche, etwas weniger Magie einzuziehen und sie langsam wieder loszulassen.“ Kira setzte sich wieder gerade hin, schloß die Augen, atmete einen Moment ruhig und holte dann wieder Luft, etwas weniger heftig als beim ersten Mal. „Ja, gut!“ Ihr Magielevel war wieder deutlich angestiegen, aber diesmal nur etwa um die Hälfte ihres Grundpotentials. „Und jetzt langsam abgeben. Stell dir vor, du atmest eine Wolke von Magie aus.“ Sie atmete aus, und für einen Moment konnte er die Magie tatsächlich als kleine Wolke vor ihrem Gesicht sehen, ehe sie sich wieder verflüchtigte. Er lobte sie, ließ sie einen Moment ausruhen und dann die Übung wiederholen. Als er sicher war, dass sie die Übung beherrschte, stand er auf und holte vom Schreibtisch etwas Wasser. „Sehr gut. Trink etwas, eine kleine Pause tut dir gut.“ Sie nahm das Glas und lächelte ihn dabei glücklich an. Ihre Aura war nun nur noch wenig rot, stattdessen schimmerte sie grünlich, was auf Freude hinwies. „Gut, weiter geht es. Ich möchte jetzt, dass du wieder Magie aufnimmst, sie dann aber hältst, ohne dabei die Luft anzuhalten. Halte die Magie fest, nicht aber die Luft.“ Sie setzte das Glas neben sich ab, wartete, bis er wieder hinter ihr kniete, und holte Luft. Das Grundlevel stieg moderat an, so wie sie es gerade geübt hatten. Dann zitterte es. Mitras lächelte. Es zittert immer am Anfang, dachte er. Aber, was ihm damals nicht gelungen war, gelang nun ihr: Sie atmete weiter und hielt die Magie in sich. Etwas wackelig, ein wenig verlor sie bei jedem Ausatmen, aber sie hielt sie. „Sehr gut!“ Er griff ihre rechte Hand und drückte sie als Bestätigung. Das schien sie allerdings zu überraschen, sie drehte den Kopf zu ihm und verlor die Kontrolle über die Magie. Mitras hatte das Gefühl, einen elektrischen Schlag zu bekommen, als diese schlagartig von ihr zu ihm strömte. Er nahm sie auf, konzentrierte sich einen Moment und lies dann das, was nun über seinem Grundpotential lag, abfließen. Kira keuchte und verzog kurz in einem schmerzhaften Zucken das Gesicht. „Oh, ich hab sie verloren!“ Mitras schalt sich innerlich selber. Er hatte sich zu sehr von der Begeisterung für ihren Erfolg mitreißen lassen und sie durch die Berührung abgelenkt. „Entschuldige, das war mein Fehler. Ich habe dich gestört.“ Er ließ ihre Hand wieder los. Die Magie in ihm fühlte sich gut an. Wenn man Magie so wirkte, dass das eigene Grundpotential unterschritten wurde, fühlte es sich immer etwas hungrig an. Er hätte natürlich ebenso wie sie einfach Magie schöpfen können, aber da jede Umgebung zunächst ein begrenztes Maß an Magie enthielt und diese abseits der Flusslinien nur langsam nachfloß, hatte er den Raum für die Übung so gut gefüllt wie möglich halten wollen. Nathanael hatte ihm beigebracht, dass manche Discipuli am Anfang nur schwer Zugang zur Magie finden würden und es daher half, in einer Umgebung mit hohem Magiepotential zu trainieren. Nun, die Schwierigkeit würde man bei Kira ganz offenbar ausschließen können. Er ließ sie die Übung wiederholen, bis sie etwa die Hälfte ihres Grundlevels für einige Minuten halten konnte. Die Leichtigkeit, mit der sie sich Magie heranzog, verblüffte ihn, und er war auch etwas neidisch. Während er sie beobachtete, fragte er sich, ob diese Magieübertragung nicht auch ihm helfen konnte. Sie konnte die Magie rascher greifen als er selber. Was, wenn sie ihm die Magie dann etwas langsamer überleiten konnte? Es würde die Zeit, die er brauchte, bis er das Ritual für den Generator ausführen konnte, vermutlich verkürzen… Doch die Übergabe von Magie war ein recht intimes Ritual. Selbst mit einer freundschaftlichen Beziehung zwischen ihnen wäre es unangemessen gewesen, sie darum zu bitten. „So. Für heute genügt das. Ich vermute, dir brummt bald der Kopf. Und falls dir ein bisschen schlecht werden sollte später, das ist auch eine typische Nachwirkung des ersten Kanalisierens, also mach dir keine Sorgen. Das geht schnell wieder weg.“

Kira ließ sich seufzend auf das Kissen sinken. Mitras hatte Recht. Ihr brummte der Kopf. Aber sie hatte auch das Gefühl, schweben zu können. Besonders in den Momenten, in denen sie die Magie hielt. Tatsächlich war es ihr sehr leicht gefallen, den Fluss der Magie um sich zu fühlen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn wahrscheinlich schon immer gespürt, sie hatte nur nicht gewusst, was das war. Jetzt hatte es einen Namen. Sie konnte es begreifen. Sie schmunzelte, als sie an den Philosophie-Artikel dachte. Sie streckte die Beine und Arme aus und lag einen Moment still auf dem Rücken in der Mitte des Zirkels. Ihre rechte Hand pochte immer noch ein wenig, da, wo Mitras sie berührt hatte. Sie hatte richtig gemerkt, wie die Magie zu ihm herüber gesprungen war, wie ein Blitz zwischen zwei Wolken. Hmmm. Das war dann wohl das erste Mal, dass es zwischen mir und einem Mann gefunkt hat, dachte sie und kicherte.

Mitras war aufgestanden, um die Geräte zu deaktivieren. Er beobachtete Kira, die sich längs auf dem etwas zu kleinen Kissen ausstreckte. Ihr Kopf hing nach hinten durch und ihre Haare bildeten ein rotschimmerndes Netz um ihr Gesicht, sie floßen geradezu über den dunklen Boden. Sie hatte die Augen geschlossen und er kam nicht umhin, wieder einmal zu bewundern, wie lang ihre Wimpern waren. Eher unterbewusst rieb er sich die Hand, an der der Magieschlag ihn getroffen hatte. Frederieke hatte schon Recht gehabt. Eine schöne Frau. Er dachte kurz an Claudia. Kira war allerdings auch wirklich sehr begabt, im Gegensatz zu ihr. Geradzu gefährlich begabt. Er deaktivierte den letzten Flussmesser und ließ dabei seinen Blick über ihren Körper streifen, der sich unter der Robe abzeichnete. Für einen Moment blitzte in seinem Kopf der Gedanke auf, wie sie wohl ohne Robe aussehen würde, so dahingestreckt… doch dann wischte er den Gedanken rasch wieder beiseite. Kira räkelte sich etwas und kicherte dann. Sie schlug die Augen auf und sah ihn an. Mitras senkte den Blick, er fühlte sich, als hätte sie ihn bei etwas unanständigem ertappt.

Mitras wich ihrem Blick aus. Ob er sich dafür schämte, dass er sie abgelenkt hatte? Seine Hand musste vermutlich auch weh tun. Eigentlich hatte sie die Geste ziemlich gut gefunden. Vertraut. Er hatte sich mit ihr begeistern wollen. Sie hatte ihre erste Magieübung gut gemeistert! Glücklich stand sie auf, streckte sich und fragte: „Gehen wir gemeinsam zum Essen?“ Mitras, der eben noch mit dem Gerät beschäftigt war, nickte. „Gerne, meine begabte Discipula. Du warst ganz hervorragend heute, darf ich dich dafür zum Essen einladen?“ Kira guckte ihn einen Moment irritiert an, sah dann sein Augenzwinkern und lachte. „Mylord, danke. Ich nehme die Ehre gerne an, mich zu einem Essen einladen zu lassen, das mir sowieso zusteht.“ Sie hob den Arm und nach kurzem Zögern reichte Mitras ihr seinen, damit sie sich unterhaken konnte. Gemeinsam gingen sie zum Esszimmer, wo Abby bereits den Tisch deckte.

Als Kira später im Bett lag und über den Tag nachachte, hatte sie das Gefühl, vor Aufregung kaum schlafen zu können. Die Magie schien immer noch durch ihren Körper zu pulsieren. Den Nachmittag über hatte sie mit Abby und dem Zuschnitt eines neuen Korsetts verbracht, weil Mitras schlafen gegangen war. Die ganze Zeit hatte sie das Gefühl gehabt, in ihr und um sie sei die Magie. Wahrscheinlich war sie immer dort gewesen, aber nun wusste sie, wie sie sich anfühlte, was das war, was da um sie war. Sie hatte ein paar mal, obwohl sie es nicht tun sollte, die Magie in sich gesammelt und wieder ausgeatmet, einmal hatte sie dabei versehentlich Abbys Papiere vom Tisch gepustet, aber sonst war alles gut gegangen und es hatte sich so gut, so richtig angefühlt. Als ob sie bisher nie ganz geamtet hatte und nun die Magie ein- und ausatmete und es einfach richtig war. Wenn auch ein bisschen schmerzhaft manchmal. Besonders ihre Hand prickelte beinahe, wenn sie an die ersten Übungen dachte. Sie dachte an Mitras. Seine Nähe hinter ihr. Seine Berührung. Sie war nicht unangenehm gewesen. Mitras war ein Mann, aber er kam ihr nicht abstoßend vor. Seine Berührung war schön. Sie schalt sich innerlich selber: Er war ihr Mentor und viel älter als sie. Über so jemanden konnte man doch keine romantischen Gedanken entwickeln! Aber er sah so gut aus, welches Mädchen würde nicht so über ihn denken? Oh bei den Geistern! Wenn er bei ihr in der Scheune gewesen wäre und nicht Johann… dann hätte sie ihre erste Nacht vielleicht schon hinter sich… der Gedanke ließ sie knallrot anlaufen. Das waren einfach unglaubliche Entwicklungen, die gerade passierten. Sie war aus Bispar raus. Sie war eine Magierin, sie atmete Magie. Vielleicht war sie doch eine Art Skirhexe, aber eine gute. Und sie war – es dauerte eine Weile, ehe sie es sich eingestand – von ihrem Mentor fasziniert. Von einem Mann. Einem richtigen Mann. Einem fürsorglichen, gutaussehenden, vermutlich reichen und mächtigen Mann. Sie verstand plötzlich, warum Sybille, eine ihrer Freundinnen aus der Lührenburger Schule, sogar bereit gewesen war, die Schule für ihren Verlobten abzubrechen. Sie hätte vermutlich auch alles gemacht, was Mitras gerade von ihr wollte. Er war ein guter Mann, und er würde sie beschützen… vielleicht wäre Sex mit ihm gar nicht so schlimm… Sie dachte an seine Hand auf ihrer Haut und ließ dabei ihre Hand zwischen ihre Beine gleiten. Versunken in die Fantasie dauerte es nicht lange, bis sie keuchend zum Orgasmus kam und anschließend in einer Mischung aus Scham und Erschöpfung die Decke wieder über sich zog und sich einkuschelte. Wenigstens war sie jetzt etwas entspannter und konnte einschlafen…

Mitras war gerade noch rechtzeitig zum Abendessen wieder erwacht und aß nur wenig. Er war immer noch sehr ermattet. Der Zauber war eigentlich für Extremsituationen gedacht und seine körperlichen Folgen waren zwar nicht lange zu spüren, sofern man ihn nur einmal anwendete, kosteten in der Regel aber einen Tag. Nun hatte er sich in die Bibliothek zurück gezogen und sinnierte bei einem Glas Rum über die Übung. Er hob das Glas an und betrachtete die wie eine Kerze geformte Lampe durch die bräunliche Flüssigkeit. Es war ein überaus hochwertiger Rum mit leichter Vanillenote, dezent, nicht zu süß und dennoch mild. Die Reflexionen des Lichts erinnerten an das Schimmern in Kiras Aura, auch wenn die Farbe anders war. Er schwenkte das Glas leicht und versetzte den Rum in eine leichte Bewegung, was das Schimmern verstärkte. Kiras Potential war gewaltig und das ohne jegliches Training. Allein ihr Grundniveau übertraf das seine schon fast. Noch vor ihrem Schulantritt könnte sie ihn vielleicht sogar überbieten. Er lachte kurz bei diesem Gedanken. Hätte Thadeus gewusst, wie hoch ihre Fähigkeit jetzt schon ausgebildet war, er hätte sie nie zu ihm geschickt. Aber die Prüfung zeigte nur die Tendenz für eine Schule an, nicht die Stärke des Schülers. Man konnte aus dem Ergebnis zwar grob darauf schließen, wie groß das Potential war, aber das war weit entfernt von einem klaren, gut ablesbaren Ergebnis. Wie dem auch sei, Mitras nahm sich vor wieder regelmäßiger zu meditieren und die Übungen zur Verstärkung seines Potentials wieder aufzunehmen. Dank des Generators hatte er sie viel zu lange schleifen lassen. Er konnte nicht abschätzen, ob er Kira so lange voraus bleiben konnte. Würde sich ihr Potential mit der gleichen Rate wie bei allen Studenten vergrößern, dann würde sie trotzdem schon sehr bald über ein höheres Potential als er verfügen. Aber letztendlich war das auch nicht alles. Zauberei erforderte Disziplin, Wissen, jahrelange Übung und auch eine gewisse Fingerfertigkeit. Aber seine Erwartungshaltung an sie war noch einmal gestiegen. Mit der richtigen Anleitung könnte sie Großes vollbringen. Er würde Nathanael wohl früher oder später um Unterstützung bitten müssen. Thadeus hingegen würde er so lange wie möglich im Dunkeln lassen.

Er trank den letzten Schluck Rum und beobachtete im Augenwinkel, wie das Schimmern verschwand. Dieses Schimmern… er hatte schonmal eine Magierin gekannt, deren Aura ein Schimmern gewesen war. Claudia. Letztendlich verdankte er ihr seinen Aufstieg ebenso wie William, hatte sie ihn doch auf diesen Ball geschleppt. Er lächelte ein wenig wehmütig. Sie hatte geschimmert und sie war auch eine angenehme Bettgenossin gewesen. Warum hatte sie seinen Antrag damals abgelehnt? Sie hatte ihn doch eigentlich heiraten wollen, hatte immer davon gesprochen, während er in seine Arbeit vertieft war. Was auch immer passiert war, seitdem mied sie ihn. Er stellte das Glas ab und ging durch die Zwischentür in sein Zimmer. Nachdem sie sich zurückgezogen hatte, war er bei keiner Frau mehr gewesen. Sie interessierten ihn einfach nicht so sehr, und die Arbeit… Er betrachtete den Spiegel. Sie schimmerte. Und genau wie Claudia war sie auch körperlich wirklich ansehnlich. Ihre roten Haare faszinierten ihn immer wieder. Er dachte an den nackten Rücken, den er das letzte Mal im Spiegel gesehen hatte und war versucht, erneut im Spiegel nach ihr zu sehen. Aber war es nicht zu aufdringlich? Nachdenklich rieb er sich die Hand, mit der er ihre Magie aufgefangen hatte. Das Gefühl wogte noch leicht in ihm nach. Jede Magie, wenn sie von einem Lebewesen aufgenommen worden war, hatte einen eigenen Geschmack, ein eigenes Gefühl. Magie zu geben und zu nehmen galt als ein recht intimes Ritual, es wurde auch erst in den höheren Semestern gelehrt. Kiras Magie hinterließ einen sanften Geschmack von Karamell in seinem Mund. Er setzte sich vor den Spiegel und aktivierte die Runen. Schimmerndes Karamell. Er hatte fast das Gefühl, ganz sanft gezogen zu werden. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, es nicht wieder zu machen, doch nun blickte er in ihr Zimmer und konnte die Augen nicht davon lösen.

Sie lag auf dem Bett und trug einen ungewöhnlichen Schlafanzug. Er hatte von solcher Bekleidung schonmal gehört, aber es überraschte ihn, Hosen zum Schlafen gehen bei einer Frau zu sehen. Der Stoff war weit und verbarg die Formen ihres Körpers, wofür der vernünftige Teil von ihm dankbar war. Sie schien noch nicht ganz zu schlafen, wälzte sich unruhig hin und her, ab und zu hob sie die Hand, als würde sie gestikulieren und mit sich selbst reden. Es sah niedlich aus und auch, wenn es defintiv unangebracht gewesen wäre, so wünschte er sich doch, zu wissen, worüber sie mit sich selbst sprach. Vermutlich war sie noch aufgeregt von der heutigen Übung, das war verständlich. Nach einer Weile wurde sie ruhiger und er betrachtete ihr Gesicht, das von roten Haaren umflossen war und nun zum Spiegel gedreht war. Sie lächelte sanft. Er lies den Blick über ihren Körper gleiten. Ihre Hand lag zwischen ihren Beinen, die sie jetzt etwas öffnete. Er spürte, wie ihm Hitze schlagartig in den Kopf und zwischen die Beine fuhr, während er beobachtete, wie sie den Rücken durchdrückte. Er wollte wegschauen, konnte aber nicht. Sie hatte den Mund leicht offen, ihre Finger rieben zwischen ihren Beinen und ihr Körper bebte und zuckte. Keuchend ließ Mitras seine Hand auf seine Hose sinken und spürte, wie sein Glied hart gegen den Stoff drückte. Er schüttelte den Kopf, um die Augen von dem verlockenden Bild im Spiegel lösen zu können, doch es gelang ihm nicht, sein Blick fand wieder dorthin zurück. Beinahe meinte er, ihr Keuchen zu hören, als sie sich aufbäumte und dann entspannt aufs Bett sank. Mitras atmte heftig, doch es gelang ihm, seine eigene Erregung unter Kontrolle zu halten. Diese Schülerin würde vielleicht wirklich eine Ablenkung sein, vielleicht sogar eine gefährliche, auch wenn sich Thadeus das so bestimmt nicht gedacht hatte. Mitras fluchte innerlich über seine mangelnde Selbstbeherrschung. Diese Bilder würde er nicht mehr vergessen können. Die lange Zeit der Abstinenz wurde ihm fast schmerzhaft bewusst, während er den Spiegel deaktivierte und seine Hose zurecht rückte. Vielleicht sollte er doch einmal ins Bordell gehen? Er wies den Gedanken rasch wieder von sich. Er würde sich einfach besser beherrschen müssen. So schwer konnte etwas Disziplin ja nicht sein. Das letzte, was er wollte, war Kira zu bedrängen oder ihr Schaden zuzufügen, das hatte sie nicht verdient. Und auch wenn sie offenbar wie alle Mädchen ihres Alters sexuell aktiv war, hatte das sicher nichts mit einem so viel älteren Mann wie ihm zu tun. Mit einer Mischung aus Bedauern und anhaltender Erregung begann er, sich zum Schlafen gehen fertig zu machen.

Von Magie und Metallen – 15. Lunet – 18. Lunet (Mafuristag)

Tatsächlich wachte sie am nächsten Morgen früh genug auf, um eine kleine Runde durch das Viertel zu gehen, das gerade in der Dämmerung erwachte. Es war kalt, und laufen konnte sie hier nicht, das wäre undamenhaft gewesen. Einen kleinen Moment lang vermisste sie die Moore und Wälder um Bispar, durch die sie jederzeit hatte streifen können, wenn es ihr zuhause mal wieder zu viel wurde. Dann empfing sie die Wärme des Hauses wieder und der Geruch nach frisch gebrühtem Tee. Sie frühstückte mit Abigail. Tobey war wohl schon fertig, da er früh los wollte, um einen Schaden an einer Leitung zu flicken, die der Schnee verursacht hatte. William sah aus, als hätte er die Nacht über kaum geschlafen und roch nach Alkohol. Er stellte ihnen das Frühstück hin und entschuldigte sich danach. Abigail riet ihm spitz, sich an seinen eigenen sauren Gurken zu bedienen, die seien sehr zu empfehlen, doch er grummelte nur etwas von „Kann ja keiner ahnen, dass…“ und ging dann aus dem Zimmer. Kira überlegte, ob sie ihn später fragen wollte, was keiner ahnen könne, überlegte sich dann aber, dass das indiskret sei. Es ging sie ja nichts an, wie die Angestellten des Hauses ihre Freizeit verbrachten. Also zog sie sich wie an den anderen Tagen auch zum Lernen und Lesen zurück. Jetzt wurde es ja richtig spannend: Sie sollte die Bücher zur Magieeinführung lesen, insbesondere die Anleitungen zum Kanalisieren von Magie. Mitras hatte dafür auch die Prüfungsgespräche bis zum Mafuristag gestrichen.

Durch das Buch aus der Bibliothek wusste sie ja bereits, dass es unterschiedliche Arten von Magie gab, und dass es auch unterschiedliche Formen gab, diese zu wirken. Nun lernte sie, dass Magie sowohl spontan in einen Zauber umgesetzt werden konnte als auch über einen längeren Zeitraum in Ritualen oder Zeremonien eingesetzt werden konnte. Die sprachliche Unterscheidung, auf die sie aufgrund des gestrigen Gespräches besonders achtete, war „einen Zauber mittels Magie wirken“ oder „Magie in ein Ritual verweben“. Der Begriff „Magie“ beschrieb hierbei eigentlich nur die zur Verfügung stehende Energie, die entweder spontan oder langsam eingesetzt werden konnte, um Veränderungen in der Welt hervorzurufen. Das Buch verglich es mit dem spontanen Werfen eines Steines und dem langsamen Heraushauen einer Figur aus demselben Stein. In beiden Fällen war die Welt hinterher anders als vorher. Das Wirken eines spontanen Zaubers konnte ebensoviel Energie benötigen wie ein Ritual, der Unterschied war jedoch, dass auch ungeübte Magier (und Magierinnen, wie sie innerlich ergänzte,) schnell viel Energie für einen spontanen Zauber in sich sammeln konnten. Die Magie jedoch in sich aufzunehmen und dort zu halten, um sie etwa langsam in einem Ritual einsetzen zu können, erforderte Übung. Emotionen, erfuhr sie, konnten die Magieaufnahme und auch die Abgabe in einen Zauber beeinflussen. Das war allerdings keine völlig neue Information. Harras hatte sie besucht, als ihre Eltern sie weggesperrt hatten und hatte sich bemüht, ihr zu erklären, was passiert war. Aber, das realisierte sie jetzt, da er selber nicht magisch begabt war, hatte er nur theoretisches Wissen wiedergegeben. Die Beschreibungen waren nicht Teil seiner eigenen Erfahrungswelt gewesen, nicht seine Welt, sondern nur eine fremde, die er versucht hatte, ihr zu erklären. Das Buch war aber von jemandem geschrieben worden, der wirklich erlebt hatte, wie es sich anfühlte, wenn man die Magie aus der Welt um sich in sich hinein zog und sammelte, und Kira merkte, dass sie sich in den Beschreibungen wieder fand. Dieses Sammeln, das ruhige Atmen, das kannte sie, auch das Gefühl, dass er beschrieb. Hatte sie inutiv Magie gesammelt und gewirkt, wenn sie sich verstecken wollte? Sie würde Mitras das später fragen.
Magie trat überall auf Gäa auf, soweit es bis jetzt bekannt war. An einigen Orten trat der Fluss der Magie deutlicher hervor, wie es auch Orte gab, an denen stets Windstömungen gab. Diese Orte folgten nach aktuellen Erkenntnis keinem besondern Muster – Magie war etwas natürliches und wie Wind und Wachstum, wie Berge und Flüsse folgte die Energie zwar einigen Grundregeln, war gleichzeitig aber auch chaotisch und konnte manchmal bizarre, sogar gefährliche Auswirkungen auf die physikalische Welt haben. Magiebegabte Wesen – also Pflanzen, Tiere oder Menschen – konnten Magie spüren. Sie trugen auch eigene Magie in sich. Durch Meditation und Übung konnte man das Grundlevel der eigenen Magie anheben, so dass man in der Lage war, komplexere Rituale ohne große Vorbereitung zu weben oder stärkere Zauber zu wirken. Das magische Grundlevel einiger Geister war so hoch, dass sie komplexe Zauber wie etwa das Sichtbarwerden auf einer auch für nichtmagische Menschen sichtbaren Ebene dauerhaft wirken konnten. Auf der anderen Seite gab es Pflanzen, die gerade mal etwas magische Essenz in sich anreichern konnten, um so besser Dürre oder Kälte auszuhalten und auch unter extremen Bedingungen zu überleben.

Da er erst recht spät mit den Laderitual angefangen hatte, verpasste Mitras die anderen beim Frühstück und ließ dieses auch recht kurz ausfallen, um schnell schlafen gehen zu können. Er hatte die Produktion für die nächste Lieferung schon fast abgeschlossen und hatte alles da um den Rest auch herzustellen. Aber dann wären seine Vorräte bis auf die Forschungsmaterialien komplett aufgebraucht und so viel Zeit hatte er nicht mehr bis zur nächsten Charge für die Generalität. Er musste also schnell für Nachschub sorgen. Da Morgen Silenz war, wollte er die nötigen Besorgungen für die Elektrumproduktion heute noch erledigen. Das nötige Silber bekam er in der Regel von den di Ferrus. Hier in der Stadt wurde das Geschäft von Marcus, dem zweiten der di Ferrus Söhne geleitet. Cornelius, seine Frau und der Älteste waren nur selten in Uldum, während ihre drei anderen Kinder alle auf ihre Art hier lebten. Die Jüngste war in der Schule der Verwandlung, während Sebastian einfach das Leben genoß und Marcus letztendlich das Kontor der Ferosianischen Bergbaugilde leitete. Silber war das wichtigste Exportgut der Stadt Feros, Hauptsitz der Baronie Ferrus. Den Namen hatte sie aber von den reichen Eisenminen, die die Baronie durchzogen, aber Silber und Eisen waren nicht die einzigen Metalle, welche dort abgebaut werden konnten. Mitras verstand sich sehr gut mit Marcus und dank der Freundschaft ihrer Väter bekam er immer einen großzügigen Rabatt.

Er kam am frühen Nachmittag beim Kontor, das in der Altstadt lag, an. Marcus begrüßte ihn freundlich: „Mitras, schön dich zu sehen. Wie geht es dir? Ich habe gehört, du hast jetzt eine Schülerin?“ „Guten Tag Marcus, ja da hast du richtig gehört. Sie scheint eine recht große Bücherliebhaberin zu sein, da war es nur eine Frage der Zeit, bis sie über deinen Bruder stolpert.“, erwiderte Mitras lachend. „Und, Herr Lehrer, wie ist es so eine Schülerin zu haben? Ich habe mir sagen lassen, dass deine Schülerin eine wahre Schönheit mit feuerrotem Haar ist, oder neigt Sebastian wieder zur Übertreibung?“ Mitras zögerte kurz. „Sie hat rote Haare, und ja, sie sieht recht gut aus, aber ich vermute, Sebastian hat dennoch übertrieben. Aber Lehrer bin ich deswegen noch nicht. Ich bin nur ihr Mentor.“, verbesserte Mitras ihn. „Aber bis sie schulreif ist, liegt es ja doch an dir sie auszubilden.“ „Ja, das stimmt allerdings. Doch bisher läuft das ganz gut. Deswegen bin ich allerdings nicht hier. Ich habe eine neue Entdeckung bezüglich des Elektrums gemacht und bin nun gezwungen die Schule in die Erforschung mit einzubeziehen. Dafür geht meine nächste Lieferung drauf und ich muss eine neue Ladung herstellen und benötige nun 100 Kg Silber.“ „Wie immer eine stattliche Menge, aber tatsächlich habe ich gerade genug vorrätig und kann dich sofort beliefern.“ erwiderte Marcus, holte sein Schreibmaterial heraus und setzte die Bestellung auf. „Am Mirastag wird die Lieferung Morgens da sein.“ „Gut, danke. Richte deiner Familie schöne Grüße aus.“ „Du gehst schon? Schade ich hatte auf ein bisschen mehr Zeit gehofft, man sieht dich ja kaum noch.“ „Es tut mir leid Markus, aber die Generalität erhöht den Druck und die Forschungen laufen nicht gut, aber ich werde versuchen mir sobald wie möglich mal wieder etwas Zeit für eine Partie Schach mit dir freizuschaufeln. Jetzt muss ich aber erstmal zu meinen Eltern weiter.“ „Na gut, dann lasse ich dich ziehen. Aber ich nehme dich beim Wort. Ich bekomme meine Revanche für das letzte Mal und zwar bald!“ Mitras verabschiedete sich und verließ den Kontor. Als nächstes musste er noch seinen Vater aufsuchen.

Die Familie Venaris lebte im Händlerviertel ein paar Straßen von Mitras entfernt. Er war die beste Quelle für die weiteren Zutaten und bot durch die Familienbande zusätzlichen Schutz für Mitras. Das Handelshaus Venaris bestand nur aus einem kleinen Verkaufsraum im Erdgeschoß des Wohnsitzes. Sein Vater protzte nicht gern öffentlich und so sah das Haus von außen recht schlicht aus. Einzig die Größe ließ erahnen, dass der hier lebende Händler sehr erfolgreich war. An einer Kreuzung gelegen gab es drei Eingänge. Zur einen Seite führte eine Treppe zur Haustür des Wohnbereiches. In der anderen Straße lag der Eingang zum Verkaufsraum und daneben, recht unscheinbar war ein Dienstboten- und Lieferanteneingang. Anstatt in den Verkaufsraum zu gehen, öffnete Mitras die kleine Tür an der Seite des Gebäudes und ging die Treppe hinauf.

Wie erwartet war seine Mutter gerade in der Küche und blickte erst überrascht und dann erfreut auf, als er herein kam. „Mitras, mein Junge, eine schöne Überraschung. Aber warum schleichst du dich denn schon wieder von hinten herein?“ „Hallo Mutter, wenn ich die Vordertür nehmen würde, wäre es ja keine Überraschung mehr.“ entgegnete er schlemisch. Sie lächelte, wischte sich die Hände ab und umarmte ihn. Dann schob sie ihn von sich und betrachtete ihn prüfend. „Junge, du siehst nicht gut aus. Was sind das für Ringe unter deinen Augen?“, fragte sie besorgt. Mitras lächelte gequält. „Spuren meiner Forschung. Ich muss leider im Moment sehr häufig auch Nachts arbeiten, aber das wird sicher bald vorbei sein.“ , antwortete er beschwichtigend „Und ja dann werde ich mich erst einmal ausruhen. Aber noch ist es nicht soweit.“ Sie sah ihn skeptisch an, sagte aber nur: „Na gut, wenn du es sagst. Aber achte trotzdem mehr auf dich. Dein Vater ist gerade zum Tee heraufgekommen, setz dich doch bitte zu uns, du bist schon viel zu lange nicht mehr da gewesen.“ „Gerne, Mutter. Wie könnte ich diese Bitte abschlagen?“ erwiderte er und ließ sich von ihr in den Salon führen, in dem sein Vater schon saß. „Mitras, schön dich zu sehen!“, begrüßte sein Vater ihn, während er aufstand und ihn in die Arme schloß. „Tilde, sei so gut und bring noch ein weiteres Gedeck.“, wandte sich seine Mutter an das Dienstmädchen, dass seinem Vater gerade Tee eingeschenkt hatte. „Natürlich.“, erwiderte sie, nickte Mitras kurz freundlich zu und deckte für ihn. „Also mein Sohn, was verschafft uns die Ehre deines Besuchs. Rieke meinte, du seist im Moment furchtbar beschäftigt.“, fragte sein Vater. „Ich verbinde mal wieder das Schöne mit dem Nützlichen. Ich habe eine neue Entdeckung gemacht, die mehr als genug neue Probleme aufwirft und wohl auch für die Generalität gefährlich sein könnte. Deswegen haben sie mich jetzt genötigt mit der Schule zusammen zu arbeiten. So sehr ich das auch hasse, aber ich bin da jetzt von Thadeus abhängig. Aber seltsamerweise hat er den Auftrag an einen der fähigeren Professoren gegeben. Und das macht mir nur noch mehr Sorgen. Aber ich will euch damit nicht die Stimmung verderben. Sobald möglich treffe ich mich mit Nathanael und kläre die Probleme mit ihm. Aber ich muss neues Elektrum herstellen, um auch die Generalität beliefern zu können und brauche dafür die Rohstoffe. Vater, kannst du mir 25 Kg Blauerz, 75 Kg Cadmium und 50 Kg Titan besorgen?“ Sein Vater blickte ihn nachdenklich an, „Das Blauerz ist kein Problem, fällt ja genug von an und da weiß ja eh keiner außer dir was mit anzufangen. Das Cadmium müsste ich im Lager haben, ich weiß ja, dass du es brauchst. Aber an Titan ist seit dem Unglück in Berg nur schwer heran zu kommen. Das wird also eine Weile dauern.“ Mitras fragte besorgt nach, „Es gab ein Unglück in der Titanmine? Ich hoffe doch, dass niemand zu Schaden gekommen ist?“ „Zum Glück nicht, was schon ein kleines Wunder ist. Ein Priester meinte, dass sie wohl einen Berggeist erzürnt hätten. Dieser habe dann wohl einen wichtigen Stollen einstürzen lassen, als gerade keiner drin war. Also wenn das wirklich ein Erdgeist war, dann tatsächlich wohl ein gnädiger. So gut lassen sie Minenarbeiter sonst nicht wegkommen. Na ja, jedenfalls muss die Mine nun untersucht und wohl auch exorziert werden. Aber ich werde sehen, was ich tun kann. 50 Kg werde ich wohl noch zusammen gekratzt bekommen.“ „Danke Vater, lass es mich wissen wenn es extra kostet. Geld ist kein Problem.“ „Ist gut. Und nun lass uns zu erfreulicheren Themen kommen. Die Kleine, die du bei dir aufgenommen hast, macht sich gut?“ Auf Kira gebracht, schmunzelte Mitras kurz. „Ja, Kira heißt sie und macht sich gut. Ich nehme mal an Rieke hat euch schon ein wenig über sie erzählt? Sie hatte einige Startprobleme und ist komplett eingeschüchtert. Aber sie ist sehr fleißig und hat eine gute Auffassungsgabe. Wenn ihr das nächste Mal vorbei kommt, stelle ich sie euch richtig vor.“ Sein Vater lächelte und griff hinter sich in eine Kommode, aus der er eine flache Schachtel herausholte. „Ja, Rieke hat von ihr erzählt, wie hübsch sie sei und eine angenehme Gesellschaft. Und dass es dir ganz gut täte, mal eine Frau um sich zu haben. Ich sag ja, Junge, ohne Frau ist das nur ein halbes Leben.“ „Vater!“ , empörte Mitras sich. „Sie ist doch erst 17!“ Seine Eltern lachten, besonders seine Mutter. „Ich war auch erst 17, als ich deinen Vater kennen gelernt habe.“ „Ja, aber Papa war da auch erst 21.“ Sein Vater schmunzelte immer noch. Er schob ihm die Schachtel hin. „Das stimmt. Aber egal, ob sie nun eine hübsche Frau oder einfach nur deine Schülerin ist, du solltest ihr ein Einstellungsgeschenk machen.“ „Ich habe…“, begann Mitras und brach dann ab. In der Schachtel lag verschiedener Schmuck. Sein Vater bekam so etwas öfter von den Schmieden, die mit ihm Geschäfte machen wollten. Vermutlich hatte er hierfür nicht mal bezahlt. Das, was ihn allerdings hatte stocken lassen, war ein Kettenanhänger aus grünem Achat. Er hatte blaue und weiße Schlieren, vermutlich war der Stein mit Farbmagie behandelt, und in Silberdraht gefasst, der zu kleinen Blütenranken mit winzigen Silberblättern gerformt war. Er würde perfekt zu Kira und ihren Haaren passen. Mitras griff in die Schachtel und hob ihn heraus. „Ich habe ihr eigentlich schon ein paar Kleider zum Einstieg geschenkt, und ich glaube, sie mag es nicht, zu sehr überhäuft zu werden.“ Was eine leichte Untertreibung angesichts ihrer Heulattacke vom letzten Mal war. „Der hier ist allerdings wirklich passend.“ Neben der Kette lagen noch ein paar Ohrringe dort aus einem etwas einfacheren grünen Stein, die mit ähnlichem Silberdraht gefasst waren. Er nahm auch diese heraus. „Wenn du meinst, dass es angemessen ist, nehme ich diese drei Stücke mit und schenke sie ihr bei einer passenden Gelegenheit.“ Sein Vater nickte zufrieden. „Mach das. Und finde mal raus, wann sie Geburtstag hat. Als deine Schülerin gehört sie ja jetzt zur Familie, da können wir ja was bei Niclas in Auftrag geben.“ Mitras versprach es, auch wenn es sich fragte, wie Kira mit solch wertvollen Geschenken wohl umgehen würde. Sie kam aus einer anderen Welt als er, wurde ihm wieder bewusst. Er blieb noch eine Weile zu Tee und Kuchen und verabschiedete sich in den frühen Abendstunden. Jetzt musste er nur noch warten bis alles Material da war. Die Verzögerung der Titanbeschaffung war ärgerlich, aber das wichtigste jetzt war das Blauerz. Eigentlich ein Abfallprodukt war es dieses Element, das sich zum Venarium transmutieren ließ. Und das musste er eh als erstes erledigen.

Auf dem Weg nach Hause fühlte er sich mit einem Mal beobachtet und blickte sich schnell um, konnte aber niemanden entdecken, der sich irgendwie auffällig verhielt. Auch eine kurze magische Untersuchung seiner Umgebung brachte nichts zu Tage. Was es auch war, es war verschwunden. Vielleicht durch seine Bewegung alamiert. Mitras beschleunigte und legte den restlichen Weg so schnell es ging zurück. Er entspannte sich erst wieder, als er die Haustür hinter sich schloß.

Kira verbrachte den Schengstag und auch den Vormittag des Silenz damit, all das neue Wissen aufzunehmen und machte anschließend die Atemübungen, die das gezielte Kanalisieren, also das Anheben des eigenen Grundlevels zur Vorbereitung eines Zaubers, vorbereiten sollten. Sie war hinterher sehr entspannt und hatte das Gefühl, sich angenehm treiben lassen zu können, also verwarf sie den Plan, weiter im Niggel zu lesen, und setzte sich stattdessen an den Schreibtisch, um zu zeichnen. Malen und Zeichnen waren immer schon ein lieber Zeitvertreib für sie gewesen, sie fand die Zeit, die man alleine in das Bild und damit auch seine eigenen Vorstellungen versinken konnte, ungemein angenehm. Sie zeichnete die Ansicht des Moores nördlich des Hauses ihrer Eltern. Die Szenerie hatte sie schon so oft gemalt oder gezeichnet, dass sie sie ohne langes Überlegen aufs Blatt bringen konnte, und sie mochte es, sich darin zu vertiefen, die Schattierungen des Waldes und die leicht schimmernde, nasse Oberfläche des Moores auszugestalten. Sie hörte das leise Kratzen des Stiftes auf dem Papier, ab und zu Stimmen und Türen- oder Geschirrgeklapper im Haus, ein paar Mal lief jemand über den Flur, und sie spürte, dass alles gerade ganz friedlich war. Selbst die Sonne schenkte ihr einen guten Silenz und schien durch das Fenster auf ihr Blatt.

Mitras hatte den Silenz im Labor verbracht und war damit beschäftigt die einzelnen Zellen des Elektrums weiter zu untersuchen. Gegen Nachmittag hörte er dann die Türglocke und trat neugierig aus dem Labor heraus. Er erwartete niemanden und war überrascht, als Abigail die Tür öffnete und der Magus höchstselbst davor stand. „Euer Lordschaft tretet ein, wir hatten Sie gar nicht erwartet.“, sagte Abby etwas verdaddert. Eilig kam Mitras die Treppe herunter und umarmte seinen Freund wenig standesgemäß: „Nathanael, was für eine schöne Überraschung. Ich hatte noch nichts wieder von dir gehört und dachte schon meine Nachricht wäre nicht angekommen.“ Dieser lachte auf und erwiderte: „Mitras, schön dich zu sehen, aber so überschwänglich, du musst wirklich verzweifelt sein. Entschuldige, dass ich mich nicht angekündigt habe. Ich bin erst heute wieder nach Uldum zurück gekehrt und habe die Notiz über deinen Besuch eben im Büro gesehen. Was muss ich hören, es ist der Generalität gelungen dir einen Teil deiner Forschung zu nehmen?“ „Komm erstmal richtig rein, wir bereden alles wichtige oben und ja, es ist einiges passiert.“ Er wandte sich zu seiner Haushälterin um: „Abigail, könntest du WIlliam bitten uns Tee und ein paar Häppchen zu machen?“ „Ja gewiss doch, Sir.“, sagte sie, um Fassung darüber ringend, dass Mitras mit seinem Magus und damit mit einem Herzog so nonchalant umging. Mitras war sich dessen sehr wohl bewusst, aber da weder er noch Nathanael groß wert auf Förmlichkeiten legten und sie unter sich waren, gab er sich, zur Freude seines Mentors, ungezwungen. Er geleitete ihn nach oben in sein Arbeitszimmer.

Diesen Raum hatte er tatsächlich schon länger nicht mehr genutzt. Er enthielt seine private Bibliothek, die fast die Hälfte des Zimmers einnahm. Die hohen Schränke bildeten drei Reihen, zwei an den Wänden und eines in der Mitte. In beiden so entstehenden Nieschen stand jeweils ein bequemer Lesesessel mit einem Beistelltisch. In der vorderen Hälfte befand sich zur Rechten der Tür sein Arbeitstisch. Ein großer Schreibtisch aus Eiche mit mehreren Schubladen und einem Regal voller Dokumente und Büchern darüber. Zur linken befand sich die Tür zu seinem Schlafzimmer und zwischen der Tür zum Flur und der anderen waren in der Ecke drei bequeme Sessel mit einem kleinen Tisch in der Mitte angeordnet. Mitras ließ seinen Gast auf einen dieser Sessel Platz nehmen und setzte sich auf seinen bevorzugten Platz.

„Also, mein Junge, dann erzähl doch mal.“ , begann Nathanel das Gespräch. Mitras fasste die Ereignisse der letzten Zeit zusammen, erwähnte die Rückschläge bei der Forschung bis hin zur Zerstörung des Testgenerators, die Entdeckung der Bezirke im Elektrum und wie sie es beeinflussten und was das für die weitere Nutzung des Elektrums bedeutete. Er schilderte seine Gespräche mit di Scuti und Thadeus, sowie sein unerfreuliches Zusammentreffen mit di Porrum. Zwischendrin wurde er von William unterbrochen, der das Tablett mit Tee, Gebäck und einigen Schnittchen hoch gebracht hatte und nun Nathanael höflich fragte, ob der Magus zum Abendessen bleiben würde. Dieser verneinte, er würde das Haus kurz vorher wegen einer anderen Verabredung wieder verlassen müssen und dankte William. Mitras beendete nun seinen Bericht mit der Ansage von Thadeus, dass di Camino mit der Forschung an der Schule betraut war. Nathanael hatte aufmerksam und kommentarlos zugehört und sagte nun: „So so, di Camino also. Eine seltsame Wahl aus Thadeus Sicht.“ „Ja, das habe ich auch schon gedacht. Di Camino ist genau der Spezialist, den ich zur Unterstützung brauche. Ich stelle Morgen alle Unterlagen für ihn zusammen. Am Mafuristag werde ich die Sachen zusammen mit einer ersten Lieferung Elektrum zu ihm bringen. 250kg soll die Schule insgesamt bekommen, wie die Generalität. 50kg habe ich fertig und für den Rest ist bereits alles bereit. Die Frage ist, was heckt Thadeus aus und wie können wir dem begegnen?“ Nathanael blickte nachdenklich über die Bücherregale und nippte am Tee. „Das ist eine gute Frage. Er plant zweifellos etwas, sonst hätte er dir niemals so gute Unterstützung zu kommen lassen. Aber was bezweckt er? Di Camino ist sehr gewissenhaft, aber auch bescheiden und er gehört nicht zu den Traditionalisten.  Allerdings wird er auch klar die Anweisungen seines Schulleiters befolgen, wie immer diese auch aussehen. Du solltest sehr genau darauf achten, was er für Ergebnisse erzielt und in welche Richtung Thadeus ihn lenkt. Aber ich fürchte im Moment bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten und vorsichtig zu sein. Die di Porrums sind da schon eine ganz andere Nummer. So viel Dreistigkeit hätte ich ihm nicht zugetraut, dir am Abend einfach so aufzulauern.“ „Sie haben mich eher zufällig entdeckt, aber ja, dass sie bereit waren die Situation so eskalieren zu lassen, hat mich auch erschreckt. Ganz zufällig war es aber nicht, Cepus war in Eisen gerüstet. Sie hatten also etwas vor und ich habe sie wohl zu früh aufgeschreckt.“ Nathanael blickte ihn besorgt an, „Erwartest du einen weiteren Einbruch?“ „Jetzt erstmal nicht mehr. Leutnant Decius patrouliert das Viertel regelmäßig und das wissen die beiden nun auch. Ich habe einige Kontakte damit beauftragt Möglichkeiten zu finden, die di Porrums zu belangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei Secus alles mit rechten Dingen zugeht.“ Nathanael blickte besorgt zum Fenster hinaus. „Ich werde zusätzlich eigene Nachforschungen anstellen. Hoffen wir mal, dass wir etwas finden, um ihnen endlich das Handwerk zu legen. Aber ganz einfach wird das nicht, auch wenn er sich als Magier disqualifiziert hat, er hat immer noch seinen Titel, das Land und vor allem das Geld. Er besitzt nach wie vor größeren Einfluss bei den Traditionalisten als Thadeus lieb sein kann und seine kriegstreiberischen Bemühungen werden auch von zu vielen eher mit Wohlwollen gesehen.“ „Ja, das habe ich auch schon gehört. Die Gruppierungen, die gegen den einen oder anderen Nachbarn einen Militärschlag fordern raufen sich so langsam zusammen. Noch würden sie sich eher selbst die Köpfe darüber einschlagen ob die Skir eine zu große Bedrohung seien und deswegen angegriffen werden müssten, oder ob die Praktiken im Dschungel nicht ein Grund seien, oder ob man das Land des alten Reiches von den Angshire wieder zurück erobern sollte. Aber ich fürchte es reicht ein einziger Grund, um sie zur Zusammenarbeit gegen eines ihrer Ziele zu bringen. Eine neue Waffe wäre da genau das Richtige. Verdammt, ich dachte ich liefere ihnen eine magische Alternative zu Stahl und nicht das Werkzeug, um einen neuen Krieg zu führen.“ Nathanael sah ihn leicht vorwurfsvoll an und sagte: „Ich habe dich gewarnt, mein Junge. Aber ich verstehe dich, ohne das Geld der Generalität hättest du all das hier nicht aufbauen können. Und in der Tat, ich bin neugierig was du noch für Wunder vollbringst. Strom aus Magie erzeugen ist jedenfalls schon ein gewaltiger Sprung. Ist dir eigentlich bewusst, was es bedeutet, wenn es dir wirklich gelingt deinen Generator produktiv zu bekommen?“ „Na ja, dann habe ich endlich etwas womit ich es rechtfertigen kann den Vertrag mit der Generalität aufzulösen, da der Nutzen im zivilen ja doch überwiegt.“ sagte Mitras etwas bescheiden. Nathanael lachte. „Ja, und wenn du das hinbekommst, wirst du ganz nebenbei der wichtigste Mann im Reich, weil du dann die Elektrizität kontrollierst. Ist dir eigentlich die Tragweite bewusst?“ Mitras errötete, soweit hatte er nie gedacht. Es war ihm seit der Entdeckung eigentlich nur darum gegangen, diese hässlichen Kohleschlote loszuwerden, die die Stadt immer mehr mit einer russigen Glocke bedeckten. Aber als er jetzt so darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass Nathanael recht hatte. Er würde nicht nur die Kohle verdrängen, was ihm sicher noch einen ganzen Haufen mehr Feinde einbrachte. Nein, der Stromverkauf, selbst wenn er den Preis sehr niedrig ansetzte, könnte ihn tatsächlich zu einem der reichsten Männer Albions machen. Vielleicht würde er ja auch einfach die Generatoren verkaufen und nicht gleich den gesamten Strombedarf Albions selbst decken, doch selbst das wäre ein Marktmonopol. Ihm schwindelte bei diesem Gedanken, aber es gab nun kein Zurück mehr. Der Weg war eingeschlagen und ihm blieb nun nichts anderes mehr übrig, wollte er das Elektrum nicht an die Kriegstreiber in der Generalität verlieren.

„Nein das hast du noch nicht bedacht, das sehe ich. Aber gut noch ist es nicht soweit und ich weiß, dass du diese Macht nicht missbrauchen wirst. Du bist der Richtige dafür und wir werden es gemeinsam hinbekommen. Wenn du denn das Wunder vollbringst und die Generatoren effizient betreiben kannst. Ich sehe ja, wie sehr es dich aufreibt. Im Moment würde ich dir jedenfalls eher glauben, dass du Anfang 40 und nicht Anfang 30 bist.“ Nathanael blickte ihn zugleich aufmunternd und traurig an. „Aber gut, kommen wir zu erfreulicheren Dingen. Ich möchte doch mal sehen, wen Thadeus dir da geschickt hat. Sie muss ja ein ganz schöner Härtefall sein, dass Thadeus sie so überstürzt zu dir geschickt hat.“ Mitras lachte kurz auf und sagte, „Ja, das muss er wohl gedacht haben. Aber dabei hat er sich gewaltig verschätzt. Thadeus hat ihr nur ein Jahr gegeben, sicherlich, weil er sie scheitern sehen will. Er hält sie für unwürdig, wie alle, die nicht von adeliger Geburt sind, denke ich, und für unfähig, sich der Gesellschaft anzupassen vielleicht auch. Aber er hat nicht genau genug hingesehen. Statt mir ein dummes Dorfmädchen mit Wutproblemen zu schicken, hat er mir einen ungeschliffenen Diamanten vor die Tür gelegt. Sie hat ihre Probleme, ist aufs Tiefste eingeschüchtert und ich weiß auch noch nicht, was genau bei ihrer Entdeckung passiert ist. Ich bin mir aber sicher, dass es sich nicht um einen gewollten oder ungewollten Angriff handelte. Aber im Großen und Ganzen ist sie eine attraktive, eloquente und gebildete junge Frau. Sie wird sich gut machen. Aber am besten machst du dir selbst einmal ein Bild. So wie ich meine Haushälterin kenne, hat sie das arme Ding schon ganz wahnsinnig gemacht, ich stelle sie dir also besser vor, bevor sie so nervös ist, dass sie bei deinem Anblick gleich umkippt.“ Mitras schnippte kurz mit dem Finger, um Abigail zu rufen und sie trat kaum einen Moment später schon ein, was Mitras Verdacht bestätigte. „Abigail, wärst du so gut Kira zu rufen. Ich möchte sie dem Magus vorstellen.“ „Jawohl mein Herr, ich werde sie sofort holen.“, sagte sie und verschwand sofort wieder.

Gegen Nachmittag kam eine reichlich aufgewühlte Abigail zu Kira. Sie trug die Magierrobe, die sie für Kira genäht hatte. „Kindchen, wir müssen deine Robe fertig machen!“, sagte sie, und Kira hatte das Gefühl, ein aufgeschrecktes Huhn würde in ihren friedlichen Silenz einfallen. Sie legte ihre Zeichensachen beiseite und stand gehorsam auf. „Warum bist du so aufgeregt darüber?“ Abigail öffnete bereits ihr Kleid am Rücken. „Der Magus ist da!“ „Der… wer?“, fragte Kira. „Der Magus Nathaneal di Blanca. Der Leiter der Gilde der Verwandlungs- und Heilmagie. Dein Herzog!“ Kira steckte den Kopf durch die ihr hingehaltene Robe. „Mein Herzog?“ Ihr fiel auf, dass sie zu wenig über die Gilde und ihren Aufbau wusste. Abigail schien das auch aufzufallen. „Herrjeh, wie haben dir gar nichts darüber gesagt, ich Dummerchen. Und Mitras, wie unverantwortlich. Natürlich weißt du nichts über die Gilde, oder?“ Sie kniete sich vor Kira und steckte den Saum gerade. Sie hatte ihn zwar schon beim letzten Mal angepasst, aber nun waren die Ärmel angenäht und es brauchte noch ein wenig Korrektur. „Ohne Mitglied einer Gilde zu sein, darf man in Albion keine Magie gewerblich nutzen, wie du vermutlich weißt. Es gibt vier große Gilden – Verwandlung, Hellsicht Telekinese und Elementar. Und die Gilde der Heil- Verwandlungs- und Veränderungssmagie ist nun deine Gilde, weil sie dich aufgenommen hat. Sie besteht aus den Discipuli, den Schülern der Schule, den Absolventen – Assistenten und freien Magiern – den Magistern und den Erzmagiern. Magister werden geadelt, sie erhalten den Rang eines Barons. Erzmagier wird man wie Magister durch Prüfungen und Forschungserfolge, und dann ist man ein Graf. Oder eine Gräfin. Und dann kann man einen besonderen Posten bekommen, wenn man besonders gut ist. Äh, Bibliotheksleiter oder Schulleiter zum Beispiel. Autsch.“ Abigail war während ihres Redeflusses dazu übergegangen, den Saum mit feinen, flinken Stichen festzunähen, während sie vor Kira am Boden saß. Es wäre vermutlich wesentlich einfacher gewesen, wenn Kira die Robe wieder ausgezogen hätte, aber sie wollte die aufgeregte Abigail lieber nicht unterbrechen. „Und wenn man ganz gut ist, wählt der Rat aller Erzmagier einen zum Magus. Leiter der Gilde. Und im Rang wie ein Herzog, dem die anderen wie einem Lehnsherren untergeordnet sind, nur ohne Zehnt. Und halt nur für 10 Jahre. Stell dir vor, er befehligt alle Erzmagier der Verwandlungsgilde. Ein Schnipsen, und man ist vermutlich eine Pflanze oder…“ Kira musste lachen. „Abby, ich glaube, du übertreibst.“ Abigail richtete sich mit hochrotem Kopf auf und stemmte empört die Arme in die Seite. „Ja, aber…“ Kira schüttelte den Kopf. „Habt ihr mir nicht gesagt, man solle keine Vorurteile haben? Wenn er von der Gilde gewählt wurde, wird er doch ein guter Mann sein, oder?“ Abby atmete aus. Sie nickte, ließ sich wieder zu Boden sinken und beendete die Naht. „Sei trotzdem höflich. Und vorsichtig. Herzog di Blanca hat Mitras stets beschützt, ich glaube, die beiden verbindet etwas, das ist gut für uns. Mitras hat ihn gerade sogar umarmt.“ Der Schrecken über diese völlig standesverletztende Handlung stand deutlich in Abigails Gesicht. Kira schüttelte sich innerlich vor Lachen, während sie sich äußerlich ruhig gab. Sie hätte nicht gedacht, dass Abigail, die stets so ständelos wirkte, sich über etwas derartiges so aufregen würde. Vermutlich war ihr gar nicht bewusst, dass ihr mütterlich-befehlendes Verhalten, dass sie gegenüber allen im Haus zeigte, gegenüber Mitras genauso standesverletztend war. Nachdem sie sich innerlich darüber genug amüsiert hatte, merkte sie allerdings, dass sie auch nervös war. Der Magus der Gilde… würde er sie testen? Ob er von ihren Testergebnissen wusste? Was, wenn Mitras zu freundlich gewesen war? Warum kam der Magus am Silenz vorbei, und das noch ohne Ankündigung? Ob etwas passiert war? Würde man sie heimschicken? Angst schürte ihre Kehle zusammen. Dann richtete sie sich auf. Sie hatte sich geschworen, sich zu bemühen. Nicht kampflos gehen. Sie hatte sich noch nie kampflos ergeben. Diesmal auch nicht. Als Abigail sie freigab, schaute sie sich im Spiegel an. Etwas Bleistiftspuren waren auf ihren Wangen, die Haare vom An- und Ausziehen zerwuschelt. Abby nickte ihr zu, offenbar angetan von ihrem Plan, sich frisch zu machen, und ging auf den Flur. „Ich warte draußen. Bestimmt ruft Mitras mich gleich.“ Kira wusch sich und flocht die Haare. So fielen sie auch nicht gleich so auf, fand sie. Dann stand sie einen Moment ratlos im Zimmer. Ehe sie sich allerdings zu viele Gedanken machen konnte, öffnete Abigail die Tür und winkte ihr aufgeregt zu. Kira holte tief Luft und trat auf den Gang hinaus.

Abigail öffnete die Tür zur Bibliothek, knickste zu den beiden sitzenden Männern hin und ließ Kira an sich vorbei treten. Dann schloß sie sanft die Tür hinter sich. Kira blickte sich um. Sie hatte den Raum noch nie betreten. Er war voller Bücher. Wirklich viele Bücher. Einen Moment lang lenkte es sie von Mitras und dem anderen Mann ab, die links von ihr saßen und sich nun erhoben. Doch dann besann sie sich auf ihre Manieren – und den Niggel – und verbeugte sich angemessen tief vor den beiden. Als sie aufschaute, hielt sie verdutzt inne. Der ältere Mann neben Mitras verblüffte sie. Er hatte weiße Haare, doch seine Haut war dunkel. Nicht ein bisschen sonnendunkel, richtig dunkel. Sie musste sich zusammenreißen, ihn nicht anzustarren. Wieso war seine Haut so dunkel? Sein weißer, sorgfältig gepflegter Bart bildete einen deutlichen Kontrast dazu. Er trug eine schlichte Magierrobe, die allerdings aus Seide zu sein schien und mit zahlreichen silbern glänzenden Symbolen bestickt war, einige kannte Kira von den Fliesen des Vorraumes. Er lächelte sie freundlich an und sagte mit tiefer, warmer Stimme: „Kira Silva. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Kira knickste noch einmal und spürte, dass sie rot wurde. „Die Freude ist ganz meinerseits, Herzog di Blanca“, erwiderte sie die formelle Grußformel korrekt. Mitras zog eine Augenbraue hoch, offenbar überrascht davon, dass sie die eigentlich nur Adeligen gebräuchliche Grußformel kannte, und Kira dankte heimlich Sebastian und dem Niggel für die stillen Lehrstunden. Herzog di Blance machte eine einladende Handbewegung. „Mögen Sie sich zu uns setzen? Mitras hat mir schon einiges Gutes von Ihnen berichtet, da bin ich natürlich gespannt, was für einen Zuwachs unsere Gilde bekommen hat.“ Kira spürte, wie die Röte bis zu den Haaren stieg. Was hatte Mitras wohl über sie gesagt? Sie bedankte sich höflich und setzte sich auf den freien Sessel. Auch Mitras und Nathanael setzten sich wieder. „Hat man sie hier gut aufgenommen?“, erkundigte sich der Magus. Kira nickte heftig. „Absolut. Ich hätte es nicht besser treffen können. Magister Mitras ist großzügig und aufmerksam. Ich werde mich bemühen, viel zu lernen, um seinem Haus keine Schande zu machen.“ Nathanael schmunzelte. „Das werden Sie nicht, keine Sorge. Probleme macht unser guter Magister hier sich meistens schon alleine.“ Kira schaute verlegen zwischen ihm und Mitras hin und her. Sie wollte dem Herzog nicht widersprechen, aber sie wollte auch nicht auf ihrem Magister sitzen lassen, dass er Probleme schaffen würde. Mitras schmunzelte allerdings, also schien er die Aussage nicht als Beleidigung zu verstehen. „Bisher habe ich nicht feststellen können, dass er in irgendetwas Probleme erzeugen könnte, Herzog di Blanca, da muss ich Sie leider enttäuschen“, sagte sie dennoch. Nathanael lehnte sich im Sessel nach hinten und begann, laut zu lachen. „Mitras! Ich glaube, du hattest Unrecht!“ Er wischte sich eine Lachträne beiseite. „Deine Haushälterin ist weniger schlimm, als du befürchtest hast. Sie hat es zumindest nicht geschafft, deine Discipula zu nervös zu machen.“ Mitras lachte ebenfalls. Irgendetwas schienen die beiden vorher schon besprochen zu haben. Kira wusste nicht, ob sie lachen sollte und wenn ja, worüber. Hilflos blickte sie Mitras an. „Ich habe schon damit gerechnet, dass Abigail sofort in Ihr Zimmer eilen und über Sie herfallen wird, um Sie herauszuputzen. Und ich bin davon ausgegangen, dass sie Sie dabei über die Wichtigkeit unseres Besuchers aufklären wird. Sie neigt dazu, bei so etwas zu sehr zu dramatisieren. Tatsächlich sind Nathanael und ich alte Freunde und kennen uns schon, seit ich noch ein einfacher Schüler und er ein einfacher Erzmagier und Bibliothekar waren.“ Kira überlegte kurz. Nach allem, was sie bisher wusste, war niemand ein „einfacher Erzmagier“. Nathanael lachte über diese Darstellung. Die Freundschaft zwischen den beiden war also vermutlich der wahre Teil der Aussage. Sie lächelte Nathanael nochmals an. „Ich freue mich, dass mein Magister einen so sympathischen und geduldigen Freund wie Sie hat, Herzog. Ich denke, gute Freunde brauchen alle im Leben.“ Nathanael wurde ernst und nickte. „Das ist auch von Ihnen weise ausgedrückt. Haben Sie denn auch schon Freunde hier in Uldum gefunden?“ Kira schaute wieder etwas verlegen zu Mitras. „Kann man einen Mentor als Freund bezeichnen?“ „In guten Fällen kann man das, ja“, nickte Nathanael. „Dann würde ich sagen, ich habe bereits fünf Menschen gefunden, die ich gerne als Freunde hätte. Aber ich bin ja noch nicht mal einen Monat hier. So schnell gedeiht Freundschaft nicht.“ Schmunzelnd fügte Mitras hinzu: „Sie hat den Jüngsten der di Ferrus Söhne kennen gelernt.“ Nathanael nickte, „Ah, Bastian, oder nein, Sebastian heißt er, oder? Ich muss gestehen, ich kenne ihn nicht so gut wie seine Mutter oder seine jüngere Schwester. Eine zukünftige Mitschülerin von Ihnen. Aber einen di Ferrus als Freund zu haben ist nie verkehrt.“ Kira entspannte ihre Schultern etwas. Sie hatte befürchtet, Mitras würde ihr Ansinnen, ihn als Freund zu bezeichnen, als unangemessen ablehnen, doch weder ihn noch den Magus schien ihr Vorstoß gestört zu haben. Dass auch der Gildenmagus den nichtmagischen Sebastian als eine gute Bekanntschaft bezeichnete, beruhigte sie weiter. Sie lies den Blick etwas durch den Raum schweifen. Rechts von ihr gab es ein Regal mit Büchern, die uralt aussahen. Hatte Mitras nicht gesagt, sie dürfe hier jederzeit rein? Sie bedauerte, den Raum jetzt erst entdeckt zu haben. Nathanael war wohl ihrem Blick gefolgt, denn er fragte sie: „Mögen Sie Bücher?“ Kira wandte sich ihm wieder zu und überlegte kurz, ehe sie antwortete: „Bücher sind die Freunde, die einem auch dann bleiben, wenn alle anderen gehen. Und sie sind die Freunde, die uns nicht aufhalten, sondern beflügeln. Ja, ich glaube, ich mag Bücher sogar sehr. Sie sind lange schon meine Freunde geworden.“ Der Magus beobachtete sie einen Augenblick ernst, dann nickte er. „Ja, das sind sie.“ Er reichte ihr seine Hand. „Würden Sie erlauben, dass ich sie einmal berühre? Nur eine kleine magische Analyse, wenn Sie erlauben.“ Kira reichte ihm ihre Hand. „Selbstverständlich, Magus.“ Einen Moment lang saß er still, die Augen geschlossen. Sie spürte, wie ein Kribbeln ihren Arm herauf wanderte. Schließlich wandte er sich an Mitras. „Du hattest Recht. Wie ein ungeschliffener Diamant. Sei bitte vorsichtig beim Üben. Ich muss jetzt leider wirklich los.“ Er wandte sich wieder zu Kira. „Lady Silva, es war mir eine Ehre. Ich freue mich, Ihnen später wieder zu begegnen.“ Kira stand auf und knickste zur Verabschiedung. Die Aussage, dass Mitras beim Üben vorsichtig sein solle, verwirrte sie. Beim Üben der Zauber? Hielt auch der Magus sie für gefährlich? Aber er war so nett gewesen… Ein wenig verloren stand sie neben dem Sessel und schaute Mitras und Nathanael nach, die zur Tür gingen. Vielleicht hatte der Magus gehört, was in Bispar passiert war. Hatte sie den Test bestanden? Oder würde sie gehen müssen?

Mitras verabschiedete Nathanael und kehrte in die Bibliothek zurück. Ihm ging nicht aus dem Kopf was Kira gesagt hatte. Er sei ihr Freund. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr ihn das freute. Er hatte ihr ein guter Mentor sein wollen, besser auf jeden Fall als Thadeus es für ihn gewesen war. Aber das, das übertraf seine Erwartung dann doch bei weitem. Ihr ein Freund sein zu dürfen, erfüllte ihn mit Freude und Stolz, etwas, was er die letzten Wochen zu selten gespürt hatte. Er würde sich bemühen, diesem Vertrauensbeweis würdig zu sein. Kira stand noch immer gedankenverloren da, wo er sie zurück gelassen hatte, was ihm sofort einen Stich versetzte. Was hatte sie so bedrückt zurück gelassen? Nathanael war sichtlich von ihr angetan. Hatte sie etwas falsch verstanden, oder hätte er sie nicht so stehen lassen dürfen? Waren die Förmlichkeiten zu viel für sie gewesen? Ihm fiel auf, dass sein Umgang mit ihr immer noch so förmlich war, wo er doch gerade selbst mit seinem Magus vor ihr wild rumgescherzt und jegliche Förmlichkeit vergessen hatte. Es war höchste Zeit die Förmlichkeit über Bord zu werfen. Schließlich war die unter Freunden doch nun wirklich nicht angebracht. Und so wandte er sich ihr zu und sprach sie an, „Soso, Sie hätten Ihren Mentor gern als Freund?“ Sie zuckte ein wenig zusammen und lief feuerrot an. Mitras fuhr fort, „Dann sollten wir in Zukunft vielleicht auf diese Förmlichkeit verzichten. Ich finde ja, dass so etwas nur unnötig zwischen Freunden, egal welchen Stand sie auch haben mögen, steht. Also, Kira, ich möchte dir hiermit das ‚du‘ anbieten, nenn mich gerne in Zukunft, wenn wir unter Freunden sind, Mitras. Die Förmlichkeit können wir uns für die Momente aufbewahren in denen die Gesellschaft sie uns aufnötigt.“ Kira starrte ihn einen Moment an. „Wirklich?“ Mitras schmunzelte. „Wirklich. Wenn du willst.“ Nach einem weiteren Moment, in  dem sie sich merkbar sammelte, nickte sie plötzlich und heftig. „Äh, ja, ja, natürlich. Ich wäre gerne Ihr… äh, deine Freundin. Äh…“ Sie lief schon wieder rot an und er beobachtete fasziniert, dass sich auch die Ohrenspitzen diesmal wieder mit verfärbten. Sie seufzte. „Und ich hatte schon befürchtet, Sie.. äh, du würdest mich jetzt gleich hinauswerfen oder so, weil ich den Magus vielleicht enttäuscht habe.“ Mitras lachte und erwiderte „Enttäuscht? Wohl eher das Gegenteil. Er ist sehr angetan von dir und wird dir sicherlich jede Unterstützung zukommen lassen, die du brauchst.“ Kira blickte ihn einen Moment lang ungläubig an. „Aber… warum sollen… sollst du dann vorsichtig sein?“ Mitras blickte sie an. Das hatte sie also verletzt. Für einen Moment lang erinnerte sie ihn an ein kleines, rotes Eichhörnchen, so leicht verletzlich und dennoch so wild. „Kira, dein magisches Potential ist ungewöhnlich groß. In etwa so groß wie mein jetziges, das ich durch jahrelanges Training aufgebaut habe, und damit wahscheinlich auch größer als das der meisten in der Gilde. Und du bist jetzt noch komplett untrainiert, es besteht also die große Möglichkeit, dass es noch deutlich größer wird. Ich soll vorsichtig sein, weil die Magie, die du sammeln kannst, nicht gerade leicht zu händeln ist. Aber da kümmern wir uns ab kommenden Uldumstag drum. Erst einmal möchte ich, dass du dir die letzten beiden Bücher ansiehst. Im Handbuch gibt es ein ganzes Kapitel nur zum Thema Kanalisation der Magie. Wir werden dann damit beginnen, dass du lernst den Magiefluß zu lenken und wie du Magie sammelst und hältst. Wenn du das beherrschst, fangen wir mit den eigendlichen Zaubern an.Kira ließ sich auf den Sessel fallen. „Ich… ich bin also gefährlich, weil ich zu stark bin?“ Mitras seufzte. Hörte sie immer nur die negativen Dinge über sich aus einer Aussage heraus? „Du bist stark. Nicht zu stark. Ich freue mich darauf, mit dir zu arbeiten. Und jetzt sollten wir essen gehen, was denkst du?“ Kira nickte, stand aber nicht auf. Er reichte ihr die Hand, und sie ließ sich von ihm hochziehen und folgte ihm letztendlich aus der Bibliothek. Erst unten im Flur hatte sie sich wieder gesammelt. „Ich hab das Buch zum Kanalisieren schon gelesen. Also, angefangen. Magister, kann es sein, dass ich auch unbewusst schon Magie kanalisiert habe?“ Mitras blieb stehen und drehte sich zu ihr um. „Das kann sein. Ich wäre Ihnen – dir aber sehr dankbar, wenn du es nicht ohne mich in den nächsten Tagen ausprobierst.“ Kira nickte. „In Ordnung. Nur Theorie.“ Mitras lächelte und öffnete ihr die Tür zum Esszimmer. „Dass du die gefahrlos und schnell lernen kannst, wissen wir ja bereits.“

Die Grenzen meiner Sprache – 14. Lunet (Ingastag)

Kira hatte den Tag mit der Lektüre von „Wort und Sinn“ verbracht. Sie brannte darauf, mit Magister Mitras zu reden, denn immerhin ging es dabei ja ums Reden. Zum Ersten Mal seit ihrem Eintreffen hatte sie nicht das Gefühl, am Abend zu einer Prüfung zu müssen, sondern für ein Gespräch verabredet zu sein. Vielleicht lag es am Thema des Buches, vielleicht auch am gestrigen Abend. Sie nahm sich daher etwas Zeit, ihre Haare zu flechten und zog sich das burgunderfarbene Kleid an, das schien ihr für eine entspannte Abendkonversation unter gebildeten Menschen am besten. Gebildete Menschen! Als ob sie sich selbst vor einer Woche oder zweien so betitelt hätte! Bei dem Gedanken musste sie laut lachen, so dass ihr fast der Muschelohrring wieder herunter fiel, den sie gerade anstecken wollte. Sie hatte sich nicht geirrt. Es war nicht schlimm hier. Es war so viel besser als alles an Moor und Sumpf in Burnias. Es waren ja erst wenige Tage gewesen, aber ihr kam es so vor als wären es schon Jahre gewesen, und sie fühlte sich bereits so wohl hier… und sie freute sich, mit Mitras über den gerade gelesenen Text sprechen zu können.

Pünktich um 18 Uhr stand sie vor der Labortür und klopfte. Mitras hatte sie wohl bereits erwartet, er öffnete ihr relativ schnell die Tür und bat sie herein. Sie betrachtete ihn prüfend. Er hatte Ringe unter den Augen, wenn man genau hinsah. Sie spürte einen Anflug von Sorge. Bestimmt waren diese Ringe auch am Anfang schon da gewesen, aber sie hatte sie nicht bemerkt, zu beeindruckt war sie von seiner Präsenz, seinem Gesamteindruck gewesen, zu ängstlich, zu schüchtern. Doch jetzt sah sie sie. Was belastete ihn? War der Generator ein solches Problem? Sie setzte sich vor ihn. Diesmal hatte sie ihre Notizen in ihrem Zimmer gelassen. Die Fragen des Textes schwirrten ihr noch genug im Kopf, das brauchte sie nicht ablesen. Mitras setzte sich auf seinen Stuhl und schaute sie auffordernd an. Kira lächelte ihn an. Lächeln half gegen schlechte Laune, und die hatte er offenbar, so schweigsam wie er war. „Ich habe heute das letzte Buch vor den Magiebüchern beendet, wie Sie es festgelegt haben. Es geht in ‚Wort und Sinn‘ um die Philosophie, insbesondere um den Zusammenhang unserer Sprache und unseres Denkens. Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Aufsätze. Ich habe mir heute den Aufsatz ‚Die Grenzen unserer Welt‘ von Ludwig Wittsein durchgelesen. Er schreibt, Grenzen, die die Bedeutung eines Wortes exakt festlegen, gäbe es beinahe nie. Sie würde von jeder Person selber gezogen werden. Als Ergänzung kann man sagen, dass jeder somit seine Wortbedeutungsgrenzen nach eigener Erfahrung zieht. Daraus schlussfolgert er, dass man an den Abgrenzungen und Wortinterpretationen eines Menschen erkennen kann, wie er die Welt sieht. Jemand, für den ein Spiel etwa mit den Begriffen ‚kindlich‘ und ‚unnütz‘ konnotiert ist, hat vermutlich eine andere Einstellung zum Verhältnis von Erwerbsarbeit und Vergnügen als jemand, der das Wort Spiel mit den Begriffen ‚Entspannung‘ und ‚Herausforderung‘ in Verbindung bringt.“ Kira hielt inne und wartete, ob Mitras sie korrigieren würde. Sie war stolz, das Wort ‚konnotieren‘ heute gelernt zu haben und hoffe, es richtig eingesetzt zu haben. Mitras nickte jedoch nur, also fuhr sie fort: „Wittsein sagt auch, dass die umgekehrte These ebenfalls gelte. Wo die Sprache endete, endete also auch die sichere, erfahrbare Welt eines Menschen und Angst und Ungewissheit träten an ihre Stelle. Was man nicht ausdrücken könne, sei nicht erfassbar, nicht beschreibbar und daher auch nicht Teil der Welt, die wir wahrnehmen könnten. Was denkt ihr dazu? Ich denke, es gibt viel in dieser Welt, was ich nicht beschreiben kann, aber deswegen ist es trotzdem da, oder?“ „Das haben Sie gut erkannt. Ja, etwas beschreiben zu können, macht insbesondere das Abstrakte greifbar. Gerade Magie lässt sich ohne magische Sinne kaum erfassen oder gar begreifen. Sie in Worte zu fassen und damit zu beschreiben, ändert das. Dabei ist auch das sprachliche Medium entscheidend. In ‚Die bewegte Welt‘ haben Sie ja schon gesehen, wie die Mathematik zur Beschreibung der physikalischen Welt genutzt wird. Wittsein meint aber mit dem ‚Ende einer Welt‘ nicht, dass etwas, das nicht beschreibbar ist, nicht existiere. Er sagt nur aus, dass es für die Person, die es nicht in Worte fassen kann, nicht zur persönlichen Welt, quasi zu seinem Weltbild, gehöre.“ Kira dachte eine Weile nach. „Jemand, der keine magischen Sinne hat, kann kaum begreifen, wie es sich anfühlt, Magie zu wirken. Wenn ich es ihm aber beschreibe, bekommt er eine Vorstellung davon und das magische Wirken wird für ihn nicht mehr unerklärlich, sondern Teil seiner Vorstellungswelt?“ Mitras nickte und lächelte. „Der Begriff ‚Vorstellungswelt‘ ist hier wichtig. Was man denkt, wie die Welt sei, ist nicht immer, wie jemand anderes die Welt sich denkt. Wir stellen uns alle vor, wie etwas ist oder zu sein hat. Etwas, von dem wir nie gehört haben, wofür wir keine Worte haben, können wir gedanklich aber kaum verarbeiten, es kann nicht Bestandteil unserer Vorstellungen werden.“ Einen Moment schwiegen sie, in Gedanken versunken. Dann sagte Kira: „Aber was ist mit Träumen? Ich kann ja auch nur in Bildern oder nur in Gerüchen träumen. Sind das nicht trotzdem Teile meiner Vorstellungswelt?“ Mitras lehnte sich zurück und runzelte die Stirn. „Hmm. Ja, ich denke schon. Wittsein geht auf diese Aspekte nicht ein, oder?“ Kira schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht in diesem Artikel. Ich habe bisher noch nie solche Texte gelesen oder mir über so abstrakte Theorien Gedanken gemacht, aber ich finde es spannend.“ „Das freut mich. Die Philosophie lehrt uns unter anderem, wie wir die Welt wahrnehmen, was uns dann wiederum dabei hilft neues zu verarbeiten. Dieser Bereich nennt sich deswegen Erkenntnistheorie. Wenn man den Prozess der Wissensaneignung elementar versteht, dann fällt das Lernen an sich leichter.“ Mitras wirkte nun viel gelöster und entspannter. Er begann verschiedene Aspekte der Erkenntnistheorien zu erläutern, und Kira hörte ihm gespannt zu. Irgendwann klopfte Abigail an die Tür und steckte auf Mitras Aufforderung den Kopf hinein. „Ich soll fragen, ob die Herrschaften mit uns speisen wollen. William meckert, dass er das Essen nicht zu lange warm halten will.“ Mitras und Kira blicken gleichzeitig zur Uhr. Es war bereits halb acht. Kira lief – mal wieder – rot an, doch Mitras lächelte sie breit an und reichte ihr galant die Hand zum Aufstehen. „Da haben wir glatt die Zeit verschwatzt. Wir kommen sofort, Abby“. Er stand auf und half auch Kira, während Abby bereits die Treppe wieder herunter ging. „Kira, ich muss Ihnen allerdings vorher noch etwas gestehen. Mein Tag war nicht besonders erfreulich. Danke, dass Sie ihm einen so angenehmen Ausklang gegeben haben. Ihre Fragen waren klug und angemessen. Auf den Gesellschaften wird man sich bestimmt bald um Sie als Gesprächspartnerin reißen.“ Kira, die vorher schon rot war, lief noch etwas dunkelroter an. „Danke.“, flüsterte sie und blickte schüchtern zur Seite. Ein solches Lob hatte sie nicht erwartet. War sie wirklich dabei, eine gebildete Frau zu werden? Bloß nicht eingebildetet werden, schalt sie sich innerlich. Aber er hatte Recht gehabt, es war ein tolles Gespräch gewesen. Besser als Mathe. Oh, Mathe. Das hätte sie ja eigentlich auch machen sollen. Sie blickte zu Mitras, der hinter ihr die Treppe herunter ging. Er schien nicht daran gedacht zu haben. Schnell drehte sie sich wieder nach vorne und grinste. Erstens, ihr Magister war doch nicht so perfekt durchgeplant, wie er erschien, und zweitens, kein Mathe heute. Perfekter Tag, auf jeden Fall!

Nach dem Essen ging Kira schon bald auf ihr Zimmer. Sie wollte den Brief an Adrian weiter schreiben. William hatte den Tisch abgedeckt und hatte sich dann verabschiedet, er wolle seine Schwester besuchen. Mitras war in seinen Gemächern, er bereitete das Laden des Generators vor. Abigail und Tobey waren das ganze Abendessen hindurch am Schäkern gewesen und hatten sich dann schnell verabschiedet. William hatte auf Kiras verblüfften Blick schmunzelnd erklärt, dass die beiden sich an diesem Tag vor 24 Jahren kennengelernt hätten, und dieses Ereignis stets jedes Jahr wieder feierten. Kira beneidete sie um ihre Ehe, die anscheinend von Liebe und Zuneigung geprägt war, auch wenn sie den lockeren Umgang der beiden manchmal befremdlich fand. Vielleicht auch spannend. Vielleicht sollte sie mal mit Abigail über Sex reden? Die Haushälterin konnte ihr vermutlich positivere Erfahrungen berichten. Kira verwarf den Gedanken allerdings rasch wieder. Warum sollte sie sich darüber Gedanken machen?
Sie fischte sich den Brief aus der Schublade und las die letzten Zeilen noch einmal, ehe sie ihn fortsetzte.

Stell dir vor, deine kleine Schwester wird vornehm. Heute habe ich sogar ein Lob meines Magisters bekommen, er fand nämlich das Gespräch zur Philosophie mit mir interessant. Wahrscheinlich klingt das jetzt schrecklich eingebildet, aber es war tatsächlich spannend, sich mit ihm zu unterhalten.
Wie läuft es in Bispar? Grüße Nathalia von mir. Ich hoffe, es geht euch allen gut und deine Winterreise hat sich gelohnt.

In Liebe, Kira

Sie las den Brief noch einmal, nickte dann zufrieden und faltete ihn klein. Morgen war Schengstag. Spätestens am Uldumstag wollte sie ja wieder in Stadt, sie würde nur bis dahin herausfinden müssen, wo die Post ihre nächste Station hatte und was ein Brief nach Bispar kosten würde. Ein Geschenk würde sie immer noch schicken können, wenn sie etwas mehr Geld angespart hatte. Sie gähnte. Der Tag war durchaus anstrengend gewesen, merkte sie. Das ganze Sitzen am Schreibtisch war auch ungewohnt. Normalerweise bewegte sie sich ja viel mehr. Sie überlegte, dass sie vielleicht ab morgen vor dem Frühstück eine kleine Runde spazieren gehen sollte. Wenn man sich zu lange nicht bewegte, rostete der Körper ein, wusste sie aus der Schule und von Bruder Harras. Regelmäßige Bewegung ist wichtig. Außerdem würde sie dann etwas mehr von der Gegend sehen. Zufrieden mit diesem Plan zog sie sich aus, bürstete sich noch einmal vor dem Spiegel die Haare, zog dann ihren Schlafanzug an und ging schlafen.