Alte Fehden – 14.Lunet (Ingastag)

Am nächsten Tag erwachte Kira bereits früh, was nicht so verwunderlich war, sie war auch zeitig ins Bett gegangen. Es war noch still im Haus, also griff sie sich ihr Lehrbuch des Tages „Wort und Sinn“ und begann noch im Bett zu lesen. Der Titel hatte ihr nichts gesagt, aber sie stellte schon nach einigen Seiten fest, dass das Thema – Philosophie – sie durchaus interessierte. Albion hatte schon vor vielen hundert Jahren den Staat und die meisten gesellschaftlichen Strukturen von religiösen Anwandlungen befreit, doch es waren viele starke philosophische Schulen geblieben, deren Kenntnis zumindest für den Adel und das höhere Bürgertum selbstverständlich zur Allgemeinbildung gehörte. Im Fernunterricht war es aber kein wichtiger Bestandteil gewesen – nur ihr Sprachenlehrer hatte zeitweilig darauf verwiesen und bemängelt, dass es für die „schöne Kunst von Geist und dem eleganten Ausdruck des Denkbaren in wohlgefälligen Worten“ zu wenig Raum im materialbasierten Unterricht gäbe, denn „nur das Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann den Geist erwecken und die Seele erquicken, wohingegen das geschriebene Wort seiner Seele beraubt und mechanisch zu werden droht“. Schon in der Einleitung hatte Kira das Gefühl, dass ihr alter Lehrer mit dem vorliegenden Werk seine wahre Freude gehabt hätte. Die Sätze klangen elegant und tiefgründig, aber die Gedanken dahinter waren komplex, manchmal auch verborgen. Manche Sätze musste sie mehrfach lesen, einige las sie sich sogar selbst vor, um den Sinn zu verstehen. Obwohl es keine gute Bettlektüre war, genoß sie die Herausforderung. Nach einer Weile stand sie allerdings ganz auf, zog sich erstmal an und setzte sich dann an den Tisch, damit sie nebenbei Notizen machen konnte. Bis sie Mitras gegen acht auf dem Gang hörte, hatte sie bereits eine kleine Tabelle angelegt, in die sie die vier großen  Strömungen zur Frage, was gutes Handeln sei, eintragen wollte und eine Liste mit Namen der Philosophen angelegt, die im Text erwähnt wurden. Sie legte ihr Material beseite und ging in den Flur. Mitras lief vor ihr, und sie grüßte ihn, was er freundlich erwiderte. Gemeinsam gingen sie zum Frühstück, wo Abby sie bat, für eine Anprobe ins Gesindehaus zu kommen.

Kira folgte ihr gleich nach dem Frühstück dorthin, und Abby präsentierte ihr stolz die fertige Robe. „Du kannst sie hier im Haus tragen, wenn Mitras mit dir übt. Sie ist zur Magieausübung gedacht, die silbernen Fäden helfen angeblich bei der Konzentration oder so.“ Kira drehte sich stolz und bewunderte sowohl den feinen Stoff als auch die Tatsache, dass Abigail sowohl den klassischen Schnitt eindeutig getroffen hatte als ihm auch einen frischen, weiblichen Anstrich zu geben. Danach sollte sie das geblümte Korsett anprobieren, und Abby ruckelte ein wenig an den Stäben herum, erwärmte sie, steckte sie wieder in die Taschen und formte sie, so dass sie sich ganz an Kiras Körperbau anpassten. Zum Schluss steckte sie noch den passenden grünen Rock ab, dann war es schon Zeit fürs Mittagessen. Mitras war nicht da, also aß Kira mit Abby, Tobey und William und ging dann nach oben, um weiter zu lernen.

Nach dem Frühstück machte Mitras sich für seinen Besuch bei der Schule fertig. Er wählte eine eher schlichte Robe, die eher für das Labor als für einen öffentlichen Anlass geeignet war, fügte aber ein paar Details wie das königliche Siegel und einem Satz Manschetten, die er von Nathanael geschenkt bekommen hatte, hinzu. Thadeus wurde nicht müde auf seinen Titel herumzureiten, aber sein Kleidungsstil war eher schlicht. Das pompöse lag ihm nicht, in diesem einen Punkt waren sie sich tatsächlich einig. Mitras hatte diese Robe bewusst gewählt, nicht weil ihre Schlichtheit Thadeus imponieren könnte, sondern weil sie schlicht bequem war und er sie sich für diesen Anlass erlauben konnte. 

Er verabschiedete sich noch bei William und verließ das Haus Richtung Droschkenstand. Er hatte Glück,der Kutscher Julius hielt gerade hier und er mietete ihn für die Fahrt zum Schulgebäude. Die Schule war gar nicht so weit weg, aber er hatte nicht die Ruhe die Strecke zu Fuß zu laufen. Die Gilde hatte ihre Gebäude erst vor zehn Jahren bezogen und hatte dabei die Schule von Uldum mit der Zentrale der Gilde zusammen gelegt. Er selbst war noch in der alten Schule unterrichtet worden, aber nun bildete das Gildenhaus mit den Schulgebäuden und den dazu gehörenden Wohnhäusern für die Internatsschüler einen eigenen Kampus am Rande des Aristrokratenviertels und der Stadt. Die Bezeichnung Gildenhaus war dabei sehr bescheiden gewählt, war das Gebäude doch eines der größten der Stadt. Nur einige der wichtigeren Ministerien und der neue Palast waren größer. Selbst das Gildenhaus der Elementarmagier war kleiner, was aber primär daran lag, dass die Gilde der Verwandlung schlicht die Wohlhabenste der Magiergilden war. Frieden war gut für das Geschäft. 

Das Gildenhaus war das Verwaltungszentrum der Gilde. Es beherbergte die Sitzungsräume des Gildenrats, das Büro der Gildenadvokaten und das des Schatzmeisters und das Gildenarchiv mit der großen Bibliothek. Letztere war durch einen kurzen Gang mit der Schulbibliothek verbunden. Sein Freund und Mentor Nathanael hatte es vor ein paar Jahren geschafft und war zum Magus gewählt worden, dem Leiter der Gilde. Leider begann seine Amtszeit erst nachdem sein Vorgänger Thadeus zum Leiter der Uldumer Schule ernannt hatte. Nathanael hätte ihn nie ernannt, so aber war Thadeus noch an dieses wichtige Amt gekommen. Offiziell standen die Leiter der fünf Schulen in der Gilde auf einer Stufe mit anderen Würdenträgern, wie dem Schatzmeister oder dem Gildenrichter. Da die gildeninterne Forschung aber von den Professoren und deren Mitarbeitern an den Schulen durchgeführt wurde, standen die Schulleiter fast auf einer Stufe mit dem stellvertretenden Gildenleiter. Die Schule in Uldum konkurierte dabei immer mit der in Berg darum, die wichtigste der fünf Schulen zu sein.

Die eigentliche Schule bestand aus vier Gebäuden. Zwei davon waren große Hörsäle, dann gab es noch ein Seminargebäude und das Hauptgebäude, in dem unter anderem die Schulbibliothek und die Verwaltung und damit auch Thadeus Büro untergebracht waren. Die Räumlichkeiten des Schulleiters lagen im Erdgeschoß. Eine Sekräterin kündigte ihn an und Mitras trat ein. Genauso wie seine Kleidung, hielt Thadeus auch sein Büro sehr schlicht. Es wurde von einem simplen, großen, aber trotzdem eleganten Schreibtisch dominiert. Vor diesem standen zwei einfache Sessel, während Thadeus in einem etwas größeren saß. An den Wänden standen Regale voller Bücher und Akten. 

„Guten Morgen, Erzmagier di Hedera.“ begrüßte Mitras seinen verhassten Meister förmlich. „Ah, guten Morgen Mitras. Hat sich deine neue Schülerin schon gut eingelebt?“, fragte Thadeus in einem abfälligen Tonfall. Mitras hatte sich vorgenommen Kiras hohen Wissensstand nicht zu erwähnen und die Matheprobleme weiter aufzubauschen. Thadeus hatte vor gehabt ihm ein faules Ei unter zu schieben und Kira dabei komplett unterschätzt. Sollte er ruhig weiter glauben, dass Kira nur ein dummes Mädchen vom Land war, er würde es ihm schon zeigen. Kira hatte Potential und wenn er sie richtig ausbildete, sollte sie die Aufnahme ohne Probleme schaffen und auch einen ser guten Abschluss erreichen. „Sie weist einige Defizite in der Mathematik auf und ist noch recht verschüchtert von der Größe Uldums, aber das wird schon noch“, erwiderte Mitras mit einem leicht resignierenden Tonfall. Der Erzmagier verzog säuerlich das Gesicht, „Nun, vielleicht habe ich dir zuviel zugemutet. Deine Forschungen werden sich ja nun intensivieren müssen, sonst hättest du dich nicht von der Generalität hierher schicken lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob ein derart unerfahrener Magister beiden Aufgaben gewachsen ist und es wäre doch schade, wenn das Händlersmädchen dadurch noch stärker benachteiligt wird, als es eh schon der Fall ist, so ganz ohne professionelle Vorbereitung durch ein erfahrenes Elternhaus. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn du dich ganz auf deine Schülerin konzentrierst und deine Forschung samt Patent an einen erfahreneren Magister abgibst? Wobei …“ Thadeus grinste ihn gemein an. „Selbst wenn du deine Zeit nur auf sie verwendest, wird sie scheitern. Immerhin habe ich für deine Ausbildung auch zwei Jahre gebraucht, zwei verlorene Jahre. Da wirst du es wohl kaum in einem schaffen.“ Mitras ignorierte die Aussage, die Generalität hätte ihn geschickt. Es stimmte, auch wenn er es nicht zugeben wollte. Stattdessen erwiderte er das Grinsen mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Oh, keine Sorge, ich bin sehr wohl im Stande beides zu meiner vollen Zufriedenheit und zum besten meiner Discipula auszufüllen. Im Übrigen, an wen würdet Ihr die Forschung denn weiter geben wollen? Ich musste meine Sicherheitsvorkehrungen schon stark ausbauen. Wollt ihr es gleich eurem Fehlschlag von einem Protegé di Porrum überreichen? Ich hatte erst kürzlich wieder eine spontane ‚Unterredung‘ mit ihm und seinem Bruder und kann nicht befürworten, dass diese beiden auch nur einen Finger an das Elektrum legen.“ Bei den letzten Sätzen spannte sich Thadeus sichtlich an.

Secus war einst, wie Mitras, ein Schüler von Thadeus gewesen. Nur dass er aus einer Magierfamilie stammte und Thadeus ihn deswegen ganz anders behandelte. So hatte er über die Jahre viele Schwächen seines Schülers gedeckt. Erst als bekannt wurde, dass dieser massiven Wissensdiebstahl betrieben hatte um in den Rang eines Magisters aufzusteigen hatte Thadeus ihn eiskalt abserviert, oberflächlich zumindest. Thadeus hatte die Untersuchung nach den ersten Gerüchten selbst übernommen und die Verfehlungen seines Schülers aufgedeckt. Sein geradezu skrupelloses Vorgehen hatte dem alten Magus imponiert und da die Stelle des Schulleiters von Uldum gerade vakant war, hatte er Thadeus auf diesen Posten gehoben. Secus hatte in der Folge Reue gezeigt und es war nicht zum Zerwürfnis zwischen den beiden gekommen, noch nicht. Mitras glaubte, dass das ganze ein abgekartetes Spiel gewesen war. Es passte für Thadeus alles zu sehr. Aber nicht einmal ein Jahr später fiel die weitergeführte Freundschaft zu seinem gefallenen Schüler wieder auf ihn zurück.

Thadeus hatte mit seinen Traditionalisten immer weiter Fuß in der Gilde gefasst und hatte es geschafft mit den Konservativen ein Bündnis zu schließen, um den Zugang zur Schule in Uldum auf Schüler mit klarer magischer Abstammung zu begrenzen. Parallel dazu hielt di Porrum eine öffentliche Rede, die geradezu reißerisch kriegstreibend war. Dies führte dann zum Bruch zwischen den beiden, da Thadeus klarer Kriegsgegner war. Die Rede hatte aber auch viele Konservative, ebenfalls eher Kriegsgegner, aufgeschreckt. Trotz des Bruchs führte Thadeus Verbindung zu Secus dazu, dass das Bündnis wieder gelöst wurde und die Traditionalisten die Abstimmung verloren.

Die Gruppierungen innerhalb der Gilde basierten auf den entsprechenden Parteien des Parlaments. Es fanden sich zwar nicht alle Parteien in den Gilden wieder, aber die größten Gruppierungen hatten in Form der Konservativen und der Progressiven ihre Gegenstücke. Einzig die Traditionalisten waren eine rein magische Gruppierung, die es aber mittlerweile in allen Gilden gab. Sie waren Gestrenge, die davon überzeugt waren, dass sich das magische Potential nur durch Verbindungen unter den bereits magischen Geschlechtern steigern ließ und dass Emporkömmlinge, wie sie Magier wie Mitras oder Kira, die aus nichtmagischen Verhältnissen stammten, nannten, zu vermeiden waren. Viele ihrer weiteren Ansichten deckten sich mit denen der Konservativen. Zusätzlich zog sich noch einmal eine weitere Linie quer durch alle Fraktionen im Parlament wie in den Gildenräten, die die einzelnen Parteien innerlich spaltete. Nämlich die nach der Frage ob Albion, gestützt auf seinem technologischen und magischen Fortschritt, expandieren oder den Frieden aufrecht erhalten sollte. Der derzeitige König Elos di Leonidas hielt sich in diesen Fragen derzeit leider weit zurück, was den einzelnen Gruppen zu viel Raum gab, ihre eigenen Pläne voranzutreiben.

Nach ihrem Streit fanden sich Thadeus und Secus auf unterschiedlichen Seiten dieser Linie wieder. Während Thadeus klarer Pazifist war, hatte sich Secus den Bellizisten angeschlossen und drängte wie sein Freund di Scuti sehr auf eine verstärkte Kriegsvorbereitung. Mitras hatte di Scuti mit seinem Angebot an die Generalität gut in die Hände gespielt, was so ziemlich das Letzte war, was er wollte. Er hatte die Wissenschaftler innerhalb der Generalität unterschätzt und war davon ausgegangen, dass sie das Elektrum als neues Material für die Nahkampfwaffenfertigung nutzen würden. Aber dass sie nun magische Waffen erforschten, hatte ihm deutlich vor Augen geführt, wie naiv er gewesen war. Es war so naheliegend – aber er hatte es nicht sehen wollen, war zu sehr auf das Geld aus gewesen. Es nagte jeden Tag an ihm. Thadeus hatte ihn vorher schon nicht gemocht – aber als Mitras Forschungen und seine Nutzungsmöglichkeiten bekannt geworden waren, hatte er Mitras öffentlich als „enttäuschenden Bellizisten“ betitelt, obwohl er genau wusste, dass dies niemals Mitras Absichten gewesen waren. Vermutlich würde er die Forschung nur deswegen übernehmen, um sie zu verzögern.

„In einem Punkt habt allerdings Ihr recht, Erzmagier“, fuhr Mitras fort, nachdem er den kleinen Thriumph ausgekostet hatte, den Thadeus offensichtlicher Ärger bei ihm ausgelöst hatte. „Ich brauche Unterstützung bei der Erforschung des Materials. Meine private Ausrüstung ist gut, aber der Schule stehen da nun einmal noch ganz andere Mittel zur Verfügung. Ich suche weiterhin nach zivilen Nutzungsmöglichkeiten und würde mich über Unterstützung dafür sehr freuen. Der Abfluss an Material zur Generalität ist jetzt schon zu groß und wird sich nun noch weiter vergrößern, da wäre es vom Vorteil, wenn wir dem König etwas präsentieren können, dass ihn davon überzeugt, alle Mittel auf eben diese zivile Nutzung umzulenken.“, führte Mitras sachlich aus. „Ja, das wäre was.“ Thadeus lächelte auf eine seltsame, gemeine Art. „Zu blöd nur, dass sich das Elektrum nur zu zweierlei Arten verwenden lässt, als Waffe und als Spielkram, oder verfolgt ihr immer noch euren lächerlichen Ansatz und spielt mit Elektrizität herum?“ Thadeus hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die gesamte elektrische Entwicklung für Humbug hielt. Warum echte Kerzen oder gar magische Beleuchtung, wie er sie in seinem Büro einsetzte, durch häßliche Glühbirnen ersetzen? Dass die ärmeren sich Magie einfach nur als Lichtquelle genutzt noch nicht einmal vorstellen konnten und Kerzen teuer waren, daran verschwendete er keinen einzigen Gedanken. Auch für die sonstigen Nutzungsmöglichkeit in Motoren war er viel zu fantasielos.“Wenigstens versuchst du nicht weiter, noch größere Waffen aus dem Zeug zu machen, wie dieser Brandstifter di Scuti. Ich musste mich neulich mit ihm unterhalten. Da ist wenigstens ein bisschen was von meiner großzügigen Erziehung bei dir hängen geblieben.“ Mitras erwiderte möglichst beherrscht: „Erzmagier, ich kenne eure Meinung dazu. Ja, ich weiß, dass ich diese Bedrohung in die Welt gesetzt habe und glaubt mir, das bereue ich jeden Tag aufs Neue. Aber es gibt andere Nutzungsmöglichkeiten, nur muss das Material dafür umfassender erforscht werden, als es mir bisher bewusst war. Ihr wollt di Scuti eins auswischen? Dann unterstützt mich dahingehend. Ich weiß, was Ihr von mir haltet und glaubt mir, meine Meinung über Euch ist kaum besser.“ Thadeus blickte mit von Wut gerötetem Gesicht auf und zischte ihn derart an, dass Spuckefetzen über den Tisch flogen: „Elender Emporkömmling, wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden!“ Mitras trat einen Schritt zurück und antwortete kühl, demonstrativ das Siegel zurechtrückend: „Vielleicht solltet Ihr Euch einmal darauf besinnen, Erzmagier, wen Ihr vor euch habt. Recht meiner eigenen Leistung bin ich Graf Magister Mitras di Venaris, Träger des königlichen Siegels. Ich bitte Sie nun nocheinmal höflichst, die Machtspiele sein zu lassen und mir die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, um die Forschung in die richtige Richtung zu forcieren. Der Magus wird mir in dieser Sache sicher zustimmen und die Generalität sitzt uns beiden im Nacken, nicht wahr?“ Thadeus war tiefrot geworden und die Anspannung ließ seinen Kiefer mahlen. Mühsam beruhigte er sich wieder. „Also gut ‚Lord‘ Mitras. Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich habe einige vertrauensvolle Mitarbeiter, die darauf brennen etwas derartiges in die Finger zu bekommen und die diskret und zuverlässig genug sind, die nötige Sicherheit aufrecht zu erhalten.“, presste er zähneknirschend hervor. „Professor di Camino wird sich damit befassen können.“ fügte er schon sichtlich ruhiger hinzu. „Ich danke Euch. Ich kann binnen zwei Wochen die Hälfte der von der Generalität angeforderten Menge bereitstellen. Die andere Hälfte werde ich bis zur Mitte des nächsten Monats liefern können. Sie erhalten Zugriff auf alle meine Forschungsunterlagen, mit Ausnahme der nötigen Formeln zur Erzeugung der Legierung. Da es sich dabei um ein Geheimpatent handelt und es die Sicherheit des Reiches berührt, sehe ich mich außer Lage es aus der Hand zu geben. Aber das verstehen Sie ja sicherlich.“, erwiderte Mitras kalt, aber in einem höflichen Tonfall. „Gut, dann können Sie gehen.“ Mitras verneigte sich knapp, gerade so, dass es noch angemessen war. „Ich wünsche Euch einen schönen Tag, Erzmagier.“

Das war zu einfach gewesen. Insbesondere nachdem Mitras ihm so deutlich gesagt hatte, was er von ihm hielt. Thadeus war ein rachsüchtiger Mann, aber dass er ausgerechnet di Camino damit betraute, war ein klarer Erfolg für Mitras. Sollte es jedenfalls sein, denn di Camino war sowohl in der mineralogischen Alchemie als auch in der Veränderung von Materie ein Meister. Mitras wusste nicht, wo der Professor politisch stand, aber seine Unterstützung bei der Forschung zu erhalten war wertvoll. Zu wertvoll, Thadeus hatte in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, dass er das Elektrum für zu gefährlich hielt und dass er sich keinen sinnvollen Nutzen außer Kriegsgerät vorstellen konnte. Mitras hatte fest damit gerechnet, dass sein Meister versuchen würde ihn und die Forschung an sich zu bremsen. Warum betraute er jemanden, der wirklich kompetent war? Mitras beschloss seinem Freund und Mentor Nathanael einen Besuch abzustatten. Er konnte sicher etwas Licht ins Dunkel bringen. Rasch verließ er das Schulgebäude und ging schnellen Schrittes zum Gildenhaus hinüber. Er kam jedoch nicht weiter als bis zur Sekretärin des Magus, da dieser außer Haus war. Mitras ersuchte sie, ihn um einen Termin zu bitten und ging den Weg nach Hause zu Fuß.

Nathanael war ein bemerkenswerter Mann. Während sein Vater aus einer der alten Adelsfamilien stammte, war seine Mutter aus dem Süden geflohen. Mitras wusste nicht, was die beiden zusammen gebracht hatte, aber nach Nathanaels Erzählungen war sie eine einmalige Frau gewesen. Ihr verdankte er aber auch sein größtes Hemmnis, seinen dunklen Teint. Die Gesellschaft in Uldum war im Allgemeinen recht weltoffen. Das galt aber nicht für die höheren Kreise. Unter den höheren Adligen, insbesondere in den Reihen der Konservativen, herrschte ein latenter Rassismus gegen die Skir und die Menschen des Südens vor und Nathanael hatte diesen oft genug zu spüren bekommen. Auch Kira würde es vielleicht merken, sollte sie weiter aufsteigen. Nathanael hatte sich davon nicht beirren lassen. Als Leiter der Bibliothek hatte er dann letztendlich den vorletzten Magus dazu gebracht, dass Mitras zu Thadeus Schüler wurde. Allerdings hatte er dabei keine bösen Absichten gehabt, wie er Mitras später einmal erzählte. Er hatte Thadeus auf diesem Wege eigentlich davon überzeugen wollen, dass auch Magier ohne langen Stammbaum ein großes Potential haben können. Als absehbar war, dass dieser Versuch gescheitert war, hatte Nathanael den mittlerweile eingeschulten Mitras unter seine Fittiche genommen. Bis zur Einschulung hatte Thadeus, wenn auch unter permanenten Lammentieren, Mitras Ausbildung konsequent voran getrieben. Ein Scheitern seines Schülers wäre auch klar auf ihn zurück gefallen. Mit der Einschulung war Mitras aber selbst für sein vorankommen verantwortlich gewesen. Jeder anständige Meister hätte trotzdem seine Unterstützung nicht eingestellt, aber Thadeus wollte ihn scheitern sehen.

So hatte er Nathanael kennen gelernt und mit der Zeit waren sie trotz des großen Altersunterschieds gute Freunde geworden. Über seinen Mentor und ihre gemeinsame Geschichte zu sinnieren, lenkte ihn von seinen Sorgen rund um Thadeus Pläne ab, bis er zu Hause war. Er hatte nun noch ein paar Stunden, bis es Zeit für das nächste Lehrgespräch war. Er beschloss sich eine Tasse Tee zu holen, etwas zu entspannen, um auf andere Gedanken zu kommen. 

Forschungsfragen – 13. Lunet 242 (Uldumstag)

Nachdem er das Frühstück beendet hatte, war er schlafen gegangen, doch heute war ihm keine Ruhe vergönnt. Gegen Elf Uhr wurde er von William geweckt. Er hatte Besuch, Magister Grimaldus di Scuti, der Verantwortliche Magier für die Auswertung und Nutzbarmachung des Elektrums der Generalität, war gekommen, um ihn zu sprechen. So etwas geschah normalerweise mit Ankündigung, umgekehrt war es nun auch schon vier Tage her, dass er seinen Brief an die Generalität abgeschickt hatte. Er legte seinen besten Anzug an und dachte auch an das nötige Ornat. Das wichtigste Stück war jedoch das königliche Siegel, dass er dank Nathanaels Wirken tragen durfte. Es gab ihm keine wirkliche Macht, zeichnete ihn aber als Günstling des Königs aus und war ein unsagbar gutes Druckmittel gegenüber allen Beamten, egal welcher Institution. Es wurde für besondere Verdienste gegenüber der Krone verliehen und öffnete so manche Tür. Gleichzeitig war es auch der einzige Orden, der Zivilisten verliehen wurde.

Er traf di Scuti im Saal, wo dieser in einer der Ecken auf einen Sessel saß und gerade eine Tasse Tee, die William serviert hatte, trank. „Ich grüße Sie, Magister di Scuti. Ich nehme an, Sie wollen mit mir über die neueste Entdeckung bezüglich des Elektrums sprechen?“, begrüßte Mitras ihn höflich. „In der Tat, Magister. Ihr Bericht war höchst alamierend und ich hoffe doch sehr, dass Sie bereits an einer Lösung arbeiten?“ erwiderte dieser kühl, den Namen dabei missachtend weglassend. Mitras setzte sich ihm gegenüber hin, gerade als William mit einer Tasse für ihn eintrat. Er ignorierte die versteckte Beleidigung der unvollständigen Anrede, nahm die Tasse entgegen, dankte William und entließ ihn mit einem Nicken. „Tatsächlich ist das Problem deutlich komplexer als gedacht. Eine Versuchsreihe hat gezeigt, dass Zauber, die nur auf einen Bereich oder gar einen Punkt im Material gewirkt werden anfangen zu, nun ja, wandern. Wird die Verzauberung jedoch auf das ganze Objekt gewirkt, so ist der Zauber stabil. Die Formung der Elektrumwaffen ist also nicht betroffen und auch ihre Feuerschwerter sind nicht gefährdet.“ Mitras trank einen Schluck und fuhr fort: „Was die partielle Verzauberung angeht, da kann ich Ihnen bisher nur sagen, dass die Bewegung diskret erfolgt.“ „Mir ist egal, ob sie sich versteckt oder sonstwie unauffällig verhält.“, blaffte di Scuti dazwischen. „Entschuldigen Sie, wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, ich meine mathematisch diskret. Die Bewegung ist sprunghaft direkt, nicht fließend. Der Zauber springt quasi von Punkt zu Punkt. Das Material hat eine innere Kristallstruktur, wie sie bei Metallen so noch nicht beobachtet wurde. Die Struktur ist aber nicht gleichmäßig über den gesamten Objektkörper ausgedehnt. Vielmehr unterteilt sie sich in kleine Bezirke und der jeweilige Zauber springt von Bezirk zu Bezirk. Ich habe allerdings noch nicht herausgefunden, nach welchem Muster dies geschieht.“, erläuterte Mitras in einem leicht belehrenden, herablassenden Tonfall. Di Scruti zischte: „Nun, wie dem auch sei. Derzeit sind Sie der einzige, der an diesem Material Grundlagenforschung betreibt. Da Ihr Patent ja eine weitere Erforschung durch uns ausschließt, hat die Generalität die Schule der Verwandlung ersucht, sich ebenfalls an der Untersuchung zu beteiligen, natürlich unter Wahrung des Patentsgeheimnisses und im Austausch mit Ihnen. Professor di Hedera stimmt natürlich zu. Nur leider hat er zwar über die Gilde streng kontrollierten Zugriff auf ihre Ergebnisse, nicht jedoch auf das Material selbst. Die Generalität fordert Sie hiermit auf, der Schule eine viertel Tonne zur Unterstützung der dortigen Forschung zur Verfügung zu stellen.“ Mitras musste sich beherrschen, sich den Schreck über die große Forderung nicht anmerken zu lassen, doch es schien ihm zu gelingen, denn di Scuti fuhr etwas aggressiver, vermutlich enttäuscht von der mangelnden Reaktion, fort: „Unentgeldlich versteht sich, die Forschung wird ja auch Ihnen zugute kommen. Und natürlich muss diese Lieferung bald erfolgen. Diese neue Entdeckung stellt doch ein beträchtliches Risiko dar. Alternativ könnten Sie natürlich uns auch ein Herstellungspatent erteilen, dann versorgen wir die Schule und Sie erhalten regelmäßige Tantiemen, je erzeugten Kilogramm Material natürlich. Ich denke unter unseren Partnern wird sich jemand finden, der mit dem Patent verantwortungsvoll umgeht und die nötigen Mittel hat, größere Mengen schnell zu erzeugen.“ 

Die Menge entsprach seiner halben Jahresproduktion, jedenfalls aus Sicht der Generalität und Mitras war schlagartig klar, was di Scuti zu erreichen hoffte. Er hatte bisher stets beteuert, dass er unter der Geheimhaltung seiner Methoden nicht mehr liefern könne. Der Vertrag verpflichtete ihn nun also zu genau dieser Menge, aufgeteilt in eine Lieferung von 250 Kilogramm je Halbjahr. Sollte er nun die Schule binnen einiger Wochen beliefern können, war klar, dass er zumindest mittlerweile mehr erzeugen konnte. Die Generalität würde sofort darauf bestehen, dass er mehr erzeugen solle. Alternativ würde er eine Lizenz an die Generalität abtreten müssen, die es dieser gestattete, selbstständig Elektrum zu erschaffen. Und letzteres war definitiv die schlechtere Variante, denn Mitras wusste genau, wer der Partner von di Scuti war. Er und Secus di Porrum waren seit langem beste Freunde und hinzu kam, dass die di Porrums die wichtigsten Waffenlieferanten der Generalität waren. Ihm blieb keine andere Wahl, als die Vergrößerung seiner Produktionskapazitäten einzugestehen. Sollte er nicht liefern können, würde di Scuti das als neuen Hebel benutzen, um das Patent zu annullieren, da ja die Sicherheit des Reiches auf dem Spiel stand. Letztendlich würde das zwar scheitern, aber man würde ihn zwingen, die Lizenz an die Partner der Generalität zu geben und das konnte nur ein bestimmter Verwandlungsmagier mit eigener Waffenfertigung sein: „Wenn Sie die di Porrums meinen, so werde ich Ihnen schon allein um meiner eigenen Sicherheit und der aller Bürger Uldums keine Lizenz gewähren. Sie sollten wissen, dass ihr Freund Secus in der Gilde in Ungnade gefallen ist. Aufgrund seiner Unfähigkeit versteht sich. Die Gildenstatuten und das Gesetz verbieten es, einen einmal anerkannten Titel wieder abzunehmen, aber mehr als Magister wird er nicht mehr werden. Nein, diesem Stümper etwas so wichtiges zu überlassen, wäre eine Beleidigung ihrer Majestät. Der König hat mich nicht mit diesem Siegel belohnt, damit ich das Material nun solchen Diletanten zur Verfügung stelle.“ sagte Mitras und hob das Siegel, das an einer Spange an seiner linken Brust haftete, demonstrativ an. Er fuhr fort, ehe di Scuti ihn unterbrechen konnte: „Nein, ich werde die Schule selbst beliefern. Die Erzeugung einer so großen Menge ist natürlich zeitaufwändig und wird die Forschung für eine Weile zum Erliegen bringen, aber dafür wird das Ganze im Anschluss sicherlich beschleunigt werden. Ich bin sicher, dass mein alter Meister Thadeus nur die sorgfältigsten Forscher mit diesem Auftrag betreuen wird.“ 

Di Scuti war aschfahl geworden und musste sichtlich an sich halten, um ob solcher Beleidigungen nicht aufzuspringen. Sichtlich bemüht und mit knirschenden Zähnen antwortete er dann doch kontrolliert: „Gut, Sie haben das Mengenproblem also behoben? Oder wollen Sie mich nun ob der Menge, die der Generalität zusteht, verprellen? Das wäre Vertragsbruch und hätte entsprechende Konsequenzen.“ „Tatsächlich konnte ich meine Kapazitäten kürzlich vergrößern. Natürlich nur geringfügig. Diese Formel und die Fertigung unterliegen auch der Sicherheit des Reiches wegen strengster Geheimhaltung. Stellt euch vor, was die Teufelsanbeter im Süden damit machen würden. Was, wenn sie statt ihrer magischen Vulkanglaswaffen mit deutlich potenteren und widerstandsfähigeren Elektrumwaffen daherkämen, um ihre alten Länder von den Rasenna Erben zurück zu fordern? Oder wenn die Hexen der Klans das Geheimnis aufdecken. Ihr wisst, wozu sie fähig sind, oder?“ antwortete Mitras mit Nachdruck. „Aber die Versorgung der Schule wird mich über die Vertragserfüllung hinaus voll auslasten, wir können also erst im Sommer neu über die Liefermenge verhandeln. Wegen der Öffnung meiner Forschung werde ich sobald möglich Erzmagier di Hedera kontaktieren.“

Mitras setzte die mittlerweile leere Teetasse wieder ab und sagte: „Wenn das jetzt alles wäre, ich bin derzeit sehr beschäftigt, wie Sie sich ja sicher denken können. Oh, und richten Sie ihren Freund einen Gruß von mir aus. Die Duellregeln verlangen klar einen Ort und eine Zeit, das eine nach Wahl des Fordernden und das andere nach Wahl des Geforderten. Die Straße ist dafür sicher nicht der richtige Ort. Wir wollen uns doch wie zivilisierte Menschen verhalten, nicht wahr?“  Er stand auf und reichte di Scuti die Hand. Diesem blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls aufzustehen und die Geste zu erwidern. Mitras hatte so genug Zeit für einen kleinen Verstärkungszauber. Er ergriff die Hand und packte zu, nicht so stark, dass er seinem Gegenüber die Hand brechen würde, aber der Gesichtsausdruck seines Gegenübers, der weder klein noch schwächlich war, befriedigte ihn doch für dieses unangenehme Gespräch. Die Militärs, zu denen nunmal auch Di Scuti gehörte, blickten oft etwas verächtlich auf die Verwandlungsmagier herab. Waren diese in ihren Augen doch nur Ärzte, deren einziger Nutzen es war, die Kämpfer möglichst schnell wieder kampffähig zu bekommen. Keiner von ihnen erwartete einen kräftigen Händedruck von einem Forscher oder Heiler. Ohne seine Hand los zu lassen fuhr Mitras fort: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag und ich versichere Ihnen noch einmal, dass die Zauber wie das Flammenschwert, das war doch Ihre Idee? … weiter funktionieren werden.“ Er schüttelte ihm noch einmal die Hand und ließ dann los, was seinem Gegenüber ein sichtlich erleichtertes Keuchen entlockte. Der vom Händedruck völlig überrumpelte di Scuti ließ sich von ihm ohne Widerworte zur Tür geleiten und verabschiedete sich immer noch leicht keuchend und sich die Hand haltend.

Kaum war die Tür zu und di Scuti außer Hörweite, fluchte Mitras lautstark. William kam sofort um die Ecke. „Ha, na bist ihn endlich los geworden? Hast ihm da drinnen ja ganz schön den Marsch geblasen.“ „Ja, habe ich, gewonnen hat trotzdem er. Mehr als Ehrenrettung war für mich nicht drin. Er hatte mich von Anfang an im Sack. Ich werde die Menge erhöhen müssen. Das ist zwar kein Problem, aber so ziemlich das Letzte, was ich wollte.“ erwiderte Mitras. “ Ja, aber sollte das nicht auch deine Einkünfte vergrößern? Und die Menge ist dann ja immer noch nicht groß oder?“ fragte William. Mitras antwortete: „Sie werden auf eine Verdoppelung bestehen, was ihnen völlig neue Möglichkeiten in der Forschung bietet. Wenigstens sind bisher nur die Magier der Generalität daran beteiligt und von denen auch nur eine kleine Gruppe um di Scuti. Alles Elementarmagier. Nichts gegen die, aber das sind lausige Wissenschaftler und die, die sich dem Militär angeschlossen haben, sind noch schlechter. Auf dem Feld wissen die sicher zu glänzen, aber wir haben Frieden und da werden sie am wenigsten gebraucht. Desto schneller di Scuti an große Mengen Elektrum kommen kann und desto bessere Waffen er damit bauen kann, desto eher werden er und seine Bundesgenossen auf eine neue Expansion drängen.“ William guckte ein bisschen geknickt und sagte: „Ja, das hört sich wirklich schlecht an. Aber immerhin hast du noch bis Sommer Zeit und wenn Thadeus, der alte Hund, die Forschung nun mit unterstützt, kannst du dir ja sicher sein, dass er den militärischen Nutzen so gering wie nur möglich einstufen wird.“ „Ja, er wird jegliches noch so kleines Risiko ausgraben, um eine weitere Nutzung des Elektrums, egal auf welchem Gebiet zu unterdrücken oder zumindest strickt unter Limitierung setzen – und das schließt leider meine friedlichen Varianten mit ein. Nathanael wird sicher einiges davon einfangen können, aber grundsätzlich wird er mir eher mehr Steine in den Weg rollen, als mich zu unterstützen. Danke jedenfalls für den Tee, magst du mir bitte gleich noch eine zweite Tasse bringen? Ich werde gleich die Nachricht an Thadeus aufsetzen und mich für den Ingastag zur weiteren Besprechung ankündigen.“ William sah ihn mitfühlend an und sagte: „Nur ein Tee oder doch lieber mit Schuss?“ „Tee reicht“, sagte Mitras kurz auflachend, bevor sich seine Miene wieder verfinsterte und er nach oben ging.

Kira fand die Bibliothek leicht wieder. Der große Platz im Händlerviertel war eine gute Orientierungshilfe. Sie grüßte den Bibliothekar an der Ausgabe höflich, gab ihren Mantel an der Gaderobe ab und schlüpfte dann in den großen Saal. Beim letzten Mal hatte sie ja speziell ein Buch gesucht, diesmal nahm sie sich mehr Zeit und schaute sich die beiden Abteilungen mit Sachbüchern genauer an. In der Abteilung zur Magie fand sie einen interessanten Titel: „Von Hexen, Dämonen und der rechten Magie. Ein Streifzug durch internationale Magieanwendungen.“ Sie zog es heraus, ging zum Ende des Saales und entdeckte, dass es dort neben den Tischen auch gemütliche Sitzecken gab. Ein paar andere Frauen und Männer saßen dort schon, einige lasen alleine, andere flüsterten leise, gemeinsam über einen Text gebeugt. Kira schaute sich suchend um, aber der junge di Ferrus war nirgendwo zu sehen, also wählte sie sich einen kleinen, grau-grünen Sessel in einer Ecke des Saales, setzte sich hin und begann zu lesen.

Die Magie wird nicht überall auf die gleiche Weise verstanden und ausgeführt wie in unserem großartigen Reich Albion oder dem kultivierten Riga. In Rhorestadia hat sich eine der unseren ähnliche gildenmagische Tradition gebildet, die im Vergleich aber noch sehr rückständig ist. Darüber hinaus wissen wir von Skir und einigen Angshire sowohl in Rhorestadia als auch in der Republik Reave jenseits des Meeres, dass sie in Zirkeln von Hexen und Druiden die bei ihnen seltener auftretende magische Begabung zu formen wissen und sich dabei an die natürlichen Gesetze von Gäa halten, ohne eine rechte Wissenschaft zu betreiben. Unsere südlichen Nachbarn in Astelia haben sich hingegen seit Jahrhunderten der tiefgründigen Erforschung der Magie gewidmet. Die Magie ist ihnen zugleich auch Religion, und so sind die Voodoopriester in den Dschungeln mächtige Herrscher. Die Gier nach Macht hat hier aber über die Jahrhunderte ihren Preis gefordert: So unterscheiden die Priester nicht mehr zwischen Geistern und den Ausgeburten der Äthersphären, die wir Dämonen nennen, und kommunizieren mit beiden gleichermaßen. Es kommt sogar vor, dass sie den Weisungen der Dämonen Folge leisten und in ihrem Namen Schrecken und Terror selbst unter den eigenen Gefolgsleuten verbreiten. Könnte man dies in Einzelfällen noch verstehen, so erreichten uns mit der Ankunft der Angshire, die vor dem Reiche Zendri fliehen mussten, Geschichten von noch weitaus schrecklicherem Gräuel – anscheinend haben die Krieger dieser Lande eine Methode gefunden, mit den Toten nicht nur zu kommunizieren, sondern sie sogar wieder beleben zu können und zu scheußlichen Kriegswaffen zu formen. Dieses Werk soll nun über alle Formen der Magieanwendung einen so gut als möglichen Überblick geben, begonnen bei der kultivierten Erforschung über die Naturmagie der Hexen und Druiden, den Voodoopriestern des Südens, bis hin zu den Untaten wider der Natur der Zendri. Lesern schwachen Gemütes sei empfohlen, die letzten Kapitel auszulassen, da wir uns auch hier bemüht haben, wie im restlichen Buche, unsere Schilderungen durch allerlei lebhafte Zeichnungen ergänzen zu lassen, die in diesem Falle aber zumindest für zarte Frauenzimmer nicht empfohlen werden. Dem mutigen Herz jedoch möge es als Anregung dienen, den rechten Weg nicht zu verlieren und sich zu wappnen gegen das Böse, das uns stets bedroht.

„Madame Silva?“ Kira drehte den Kopf. Hinter ihr stand der junge Sebastian di Ferrus und lächelte sie erfreut an. Sie erwiderte sein Lächeln. „Baron di Ferrus. Welche Freude, Sie zu sehen!“, antwortete sie leise. Sebastian winkte ab. „Nichts Baron, ich bin nur Bibliothekar mit Leib und Seele. Mein alter Herr ist der Baron von Mutters Gnaden und bleibt es hoffentlich noch lange.“ Er schaute sich das Buch an, in dem sie gelesen hatte und nickte wissend. „Das habe ich auch gelesen. Die Zeichnungen sind reißerisch, aber es ist gut recherchiert. Sie haben einen guten Geschmack.“ Kira spürte, wie sie ein wenig rot wurde. „Danke.“ Einen Moment lang schwiegen sie, dann beugte sich Sebastian vor und fragte sie leise: „Wären Sie vielleicht bereit, mich zu einer Tasse Tee in einem Cafe zu begleiten? Ich habe gleich Pause, und man könnte etwas lauter sprechen.“ Kira spürte, dass ihr Herz einen kleinen Sprung machte. War das eine Art Rendezvous? Doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Der junge Mann war ihr sympathisch, eigentlich war sie ja hauptsächlich seinetwegen in die Bibliothek gekommen, und er hatte Recht, hier konnte man sich nicht gut unterhalten. Der Vorschlag war einfach nur praktisch. Sie stimmte also freundlich lächelnd zu und lies sich von ihm in ein nahe gelegendes Cafe führen.

„Ich freue mich sehr, mehr mit Ihnen reden zu können“, eröffnete Sebastian das Gespräch wieder. „Es kommt nicht jeden Tag vor, dass hübsche junge Magierinnen unsere Bibliothek beehren.“ Kira wurde feuerrot. „Es wird ja wohl einige hübsche Magierinnen an den Akademien geben, oder?“, wehrte sie ab. Sebastian grinste breit. „Aber die kenne ich ja schon!“ Kira musste lachen. „Also sind Sie eigentlich einfach nur neugierig auf die Neuen?“ Sebastian lachte ebenfalls. Er lehnte sich zurück und sagte: „Sie haben mich ertappt. Ich bin ungemein neugierig. Mein alter Herr ist so gnädig, mich in der Bibliothek arbeiten zu lassen. Stellen Sie sich vor, was für eine Klatschtante ich wäre, wenn ich diese ständige Neugierde nicht regelmäßig durch Bücher füttern könnte.“ Kira kicherte. Sie vermutete, dass Sebastian trotzdem eine Klatschtante war. „Haben Sie kein magisches Talent? Dann würden Sie doch auch zur Akademie gehen und müssten dort lernen, oder?“, fragte sie. Sebastian schüttelte den Kopf. „Nein, der Kelch ist an mir vorbei gegangen und hat meinen Bruder und meine kleine Schwester erwischt. Sie ist jetzt 16 und im ersten Schuljahr, und wenn ich sehe, wie viel sie arbeiten muss, bin ich ganz froh, nur Bücher herumzutragen und meinem Vater und meinem zweiten Bruder ab und zu bei den Geschäften zu helfen. So hat man viel mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben.“ Kira betrachtete ihn interessiert. „Ich bin ja neu hier, welche schönen Dinge gibt es denn hier in Uldum?“ „Sie zum Beispiel“, erwiderte der junge Mann galant. „Und natürlich gibt es gute Feiern, viele gute Bücher und die Jagd. Ich reite sehr gerne und kann ganz passabel schießen. Können Sie reiten?“ Kira beschloß, das Kompliment zu ignorieren und nickte. Sein Leben klang unglaublich sorgenfrei und entspannt. Waren alle Kinder adeliger Familien so oder lag das daran, dass seine Familie ja vermutlich ziemlich reich war? „Ja, ich kann reiten. Allerdings habe ich noch nie auf einem Pferd gesessen, dass schneller als ein Zugpferd laufen konnte, insofern könnte es sein, dass meine Künste sich nicht ganz mit Ihren messen können.“ Wieder zeigte Sebastian ein breites, einnehmdes Grinsen. „Wenn sie es mal probieren wollen, lade ich sie auf das Gestüt eines Freundes ein, sobald der Boden aufgetaut ist. Er züchtet ganz edle Rennpferde – schnell, aber von ruhigem Charakter.“ Kira wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Ob Mitras ihr soetwas erlauben würde? Sebastian führte noch einiges zu den Pferden aus und schloss dann: „Wo kommen Sie denn her?“ Kira spielte ein wenig scheu mit einer ihrer Locken. Ob er dachte, sie könnte aus dem Ausland kommen? Aus Skirgrad? Aber nein, dann würde sie ja nicht hier ausgebildet werden. Sie sollte wirklich aufhören, ständig darüber nachzudenken, was andere über ihr Aussehen und die Skir dachten, scholt sie sich selber. Das hatte sie doch gestern eigentlich schon gelernt. „Aus Burnias, aus einem kleinen Dorf names Bispar.“ Sebastian dachte einen Moment nach. „Uhm, Norden, irgendwo in den Mooren?“, fragte er. Sie nickte, etwas verblüfft über seine Kenntnis der Provinz. Andererseits könnte er auch einfach nur gut geraten haben. Der Großteil von Burnias war moorig gewesen, und ihr Großvater hatte noch dabei geholfen, einige der Moore trocken zu legen. Ehe die Bewohner der Provinz selbst vom Ackerbau leben konnten, hatten sie das Torf gestochen und verkauft, das wusste sie aus Erzählungen ihres Vaters über den Großvater. „Und nun sind sie ganz bis nach Uldum gekommen? Wo sind Sie denn untergekommen?“ Kira dachte kurz nach. Ob es schlau war, ihm zu sagen, wer ihr Magister war? Andererseits hatte auch er von seinen Verhältnissen freimütig erzählt, also war sie etwas Ehrlichkeit schuldig. „Magister Mitras di Venaris hat mich aufgenommen. Ich bin seine Discipula.“ „Venaris!“ Sebastian grinste. „Die kenne ich. Also, nicht den Magister so richtig, aber die Familie. Mein alter Herr ist mit dem Herrn Venaris bekannt, ich würde sagen, sogar befreundet. Die beiden handeln oft zusammen und sie treffen sich bei uns öfters zu einer Partie Schach „um der guten alten Tage wegen“, wie mein Vater sagt.“ Er ahmte dabei einen zittrigen Greis nach und schüttelte die Teetasse so sehr, dass ein wenig Tee über seine Hand schwappte und er sie leise fluchend absetzte, um die Hand an seinem Hemd zu trocknen. Kira lachte. Der junge di Ferrus war witzig. Sorglos und wild, weniger steif als sie es von einem Adeligen gedacht hatte. „Ich bin tatsächlich froh, bei ihm zu sein, ja. Er ist nett und fürsorglich und kümmert sich sorgfältig um meine Ausbildung“, sagte sie. Sebastian blickte sie an und verdrehte spielerisch die Augen. „Sagen Sie bloß jetzt nicht auch noch, er sähe gut aus, dann fühle ich mich ja gleich ganz unnütz hier.“ Kira grinste schalkhaft. „Aber er sieht gut aus!“ Sebastian griff sich gespielt ans Herz, was sie anspornte, noch weiter zu reden: „Seine Statur ist so männlich und seine eisblauen Augen funkeln wie die Sterne in einer klaren Nacht und …“ „Schon gut, schon gut!“ Übertrieben ächzend ließ sich Sebastian auf dem Stuhl nach hinten sinken. „Ich sehe, ich habe verloren. Da bin ich nun, ich junger Tor, und bin so einsam wie zuvor.“ Kira schaute ihn lächelnd an. Er war wirklich witzig. Wahrscheinlich war das das längste Gespräch mit einem gleichaltrigen Mann, das sie bisher geführt hatte, ohne sich dabei unwohl oder angegafft zu fühlen, und das, obwohl er ihr tatsächlich Avancen gemacht hatte! Sie hatte allerdings auch das Gefühl, dass Sebastian jede Frau ähnlich mit Komplimenten überhäufen würde. Er war so geübt darin, vermutlich war das einfach seine Art. Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis ihr Blick aus dem Fenster fiel und sie erschrak. „Meine Güte, es ist ja schon fast dunkel! Wie spät ist es denn?“ Sebastian fischte eine aufwendig verzierte Uhr aus der Tasche, die Kiras Vermutung über seinen Reichtum bestätigte und überhaupt nicht zu der schlichten Bibliotheksuniform passte. „Uhm, gleich halb sechs.“ „Ach herrjeh! Ich muss dringend los. Abby hat gesagt, ich solle nicht zu spät heimkommen.“ Sebastian nickte. „Wer auch immer Abby ist, sie hat Recht. Es ist nicht sicher für eine Dame allein zu später Stunde. Würden Sie gestatten, dass ich Sie nach Hause begleite, wenn ich sie nun schon so lange vom Heimgehen abgehalten habe?“ Kira errötete nun doch wieder. „Das ist nicht nötig“, wehrte sie ab. „Ich bestehe darauf. Sie sind neu hier. Später mögen Sie wissen, wie man richtig reagiert, doch für’s erste lassen Sie mich wenigstens eine vertrauenswürdige Droschke auswählen.“ Kira wollte protestieren, doch er hatte sich abgewandt und winkte dem Kellner zu, damit dieser die Rechnung brachte. Sebastian beglich sie, ohne sie Kira zu zeigen. „Lord di Ferrus, wollen Sie mir nicht sagen, wie viel ich Ihnen schulde?“, fragte sie und versuchte, die Rechnung zu erhaschen. Sebastian zog sie ihr elegant weg und steckte sie in die Tasche. „Mylady, Sie schulden mir gar nichts, ich habe sie eingeladen. Beleidigen Sie mich nicht. Und wären Sie so freundlich, meinen Vornamen zu nutzen?“ Er stand auf und bot ihr den Arm an. „Sebastian. Sonst nichts. Wir sind gleich alt und von gleichem Stand, und ich wäre sehr erfreut, wenn Sie sich diese kleine Vetraulichkeit erlauben würden. Ich fand unser Gespräch nämlich äußerst angenehm.“ Kira lief rot an und stand auf, ohne den angebotenen Arm anzunehmen. „Sebastian. Danke, Sebastian“, murmelte sie etwas scheu. „Ich bin Kira.“ Sebastian ließ den Arm sinken und blickte sie mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Faszination und Amüsiertheit an. „Das freut mich, Kira.“ Er begleitete sie zum Droschkenstand, wo Kira rasch Julius Droschke anhand des Pferdes ausmachte. „Sebastian, die Droschke werde ich nehmen. Ich bin schon heute morgen mit ihm gefahren, er wurde mir empfohlen.“ Sebastian nickte. „Dann werde ich Sie der fähigen Empfehlung überlassen. Ich hoffe, wir sehen uns wieder?“ Kira nickte etwas zögerlich. „Ja, das wäre schön. Ich komme bestimmt wieder in die Bibliothek. Mein Buch ist ja nun auch dort geblieben.“ „Ah, ja, die Bücher. Was habe ich für ein Glück, dass die guten Frauen von ihnen angezogen werden.“ Sebastian half ihr in die Kutsche, sprach noch kurz mit Julius, reichte ihm einige Münzen und verabschiedete sich dann mit einer Verbeugung.

Erwartungsgemäß weigerte Julius sich, Geld von ihr zu nehmen, als er sie vor der Haustür absetzte. „Lord di Ferrus hat mich großzügig bezahlt, Mylady.“ Kira dankte in Gedanken Sebastian und dann laut Julius, ehe sie aufs Haus zulief. Ihr war ein wenig mulmig. Es war in der Zwischenzeit dunkel, also bestimmt schon sechs. Hoffentlich war sie nicht zu spät. Abby hat ja keine konkrete Zeit genannt… Als sie das Haus betrat, riss William die Tür der Küche auf, schaute kurz in den Flur und rief dann hinter sich: „Du kannst aufhören, den Teppich kaputt zu laufen, sie ist hier.“ Die Tür des Esszimmers ging auf und Abby kam eilig auf sie zu. „Kira! Den Geistern sei Dank, dir ist nichts passiert! Ich hatte schon Sorge.“ Verlegen schaute Kira zu Boden. „Entschuldigt. Ich habe in der Bibliothek einfach die Zeit vergessen.“ Und außerdem bin ich es nicht gewohnt, dass man mich vermisst, fügte sie in Gedanken hinzu, schob diesen Gedanken aber rasch beseite. Er passte nicht zu diesem wundervollen und aufregenden Tag. William grinste durch die Küchentür. „Hab ich dir doch gesagt!“ „Sie hat keine Kinder, worüber soll sie sonst glucken?“, klang Tobeys Stimme vom Esszimmer her. William grinste noch breiter. „Das ist aber auch dein Job, nicht unserer! Vielleicht solltest du mal was gegen die Kinderlosigkeit tun!“, rief er zum Wohnzimmer hin. Abby holte aus und deutete eine Ohrfeige in seine Richtung an. „William! Untersteh dich! Glaub bloß nicht, ich hätte nicht gern Kinder gehabt.“ William duckte sich und floh lachend Richtung Küche. Kira gluckste leise. Abby, die zum Esszimmer zurück ging, sah tatsächlich etwas traurig aus, aber das ganze Chaos hatte sie auch davon abgelenkt, Kira zu viele Vorwürfe zu machen, und dafür war Kira William und Tobey dankbar.

„Die Bibliothek ist durchaus ein gefährlicher Ort“, sagte Mitras möglichst streng klingend, als er, angelockt von dem kleinen Tumult, die Treppe herunter kam. „Jedenfalls für schwer beschäftigte Menschen.“, fügte er lächelnd hinzu. Auch wenn er es unfair von William fand, Abby mit ihrer Kinderlosigkeit aufzuziehen, hatte das Geplänkel ihn doch amüsiert und seine Stimmung etwas gebessert. „Ich hoffe, Sie haben Ihren Nachmittag dort genießen können. Ich für meinen Teil habe dort schon allzu viele Stunden verbracht und so manches Mal die Zeit vergessen.“ Kira blickte ihn schuldbewusst an. „Keine Sorge, Sie sind spät, aber nicht zu spät. Bis zum Abendessen dauert es noch eine Weile und ich habe auch das Bedürfnis nach etwas Zerstreuung. Hätten Sie Lust auf eine weitere Partie Dame?“ Kira sah ihn kurz verblüfft an, dann nickte sie. „Heute scheint wohl mein Tag der Einladungen zu sein. Ich würde aber gern mich erst frisch machen, wenn das geht.“ Mitras zog eine Augenbraue hoch. „Aha, ist der erste Verehrer bei Ihnen vorstellig geworden?“, fragte er neckend. Kira lief sofort tiefrot an, er hatte also ins Schwarze getroffen. „Nein, ich bin nur auf einen Tee eingeladen worden. Kein Verehrer.“ „Soso.“ Amüsiert und etwas besorgt betrachtete Mitras sie. Es konnte natürlich Zufall sein, aber er musste vorsichtig sein. Immerhin konnten die di Porrums oder andere von ihr erfahren haben und sich bemühen, mithilfe eines galanten Jünglings an sie und somit an seine Geheimnisse zu gelangen. „Ich bin neugierig, wer war denn der spendable Herr?“ Immer noch tiefrot – sogar ihre Ohrenspitzen wurden rot, bemerkte er fasziniert- sagte sie: „Sebastian di Ferrus.“ Er atmete innerlich auf. Sebastian war zwar, nach allem was er gehört hatte, ein kleiner Schwerenöter, aber komplett harmlos und ein guter Junge. Jedenfalls ging von ihm keinerlei Gefahr aus. „Ah, Cornelius jüngster Sohn. Er müsste in Ihrem Alter sein, wenn ich mich recht erinnere. Sein Vater und meiner sind alte Geschäftsfreunde und für mich und seinen Bruder Marcus, den 2. Sohn der Familie, gilt das gleiche. Anständige Menschen sind das, die di Ferrus.“ Kira atmete hörbar erleichtert aus und ließ ihre angespannten Schultern sinken. Ihre Ohren nahmen wieder eine normale Farbe an. Interessant, realisierte Mitras, sie hat sich also Sorgen darüber gemacht, mit wem sie spricht. „Sie haben also einen ersten Freund gefunden, das freut mich. Aber seien sie weiterhin vorsichtig, mit wem sie sich einlassen.“ Kira nickte. „Gut, ich bin im Wintergarten und bereite das Spiel vor, bis gleich.“

Er ging und holte das Spiel aus dem Speisezimmer, wo Abby gerade mit dem Tisch beschäftigt war. Ihre Miene war immer noch leicht säuerlich, Tobey versteckte sich demonstrativ hinter einer Zeitung. Er kürzte durch die Küche ab und ermahnte William, dass er sich diesmal vielleicht doch bei Abigail entschuldigen sollte. Der Spaß war doch etwas zu weit gegangen. Dieser ließ schuldbewusst die Schultern hängen. „Tobey hat angefangen, aber ja, wahrscheinlich hast du recht. Ich warte einen ruhigen Moment ab.“ Mitras ging in den Saal und bog in den Wintergarten ab. Er hatte das Spiel gerade fertig aufgebaut, als Kira gerade auf der anderen Seite den Raum betrat. „Sie kommen genau richtig, ich bin gerade fertig geworden.“ Er blickte auf und sah, dass sie das Kleid gewechselt hatte. Sie trug nun ein burgunderfarbenes Kleid mit goldenen Bordüren, dass zwar ihre Taille nicht betonte, weil es nicht geschnürt war, dafür aber einen Teil der Schultern frei ließ und ihre Oberweite hervorhob. Ihre Haare hatte sie locker nach oben gesteckt. Sie sah wie eine elegante, junge Dame aus, die zu einer entspannten Abendgesellschaft kam, nur der Schmuck fehlte. Wenig war noch von dem schüchternen Mädchen über, die vor etwa einer Woche hier das Haus betreten hatte. Er bewunderte ihre rasche Wandlung. Wie ein nicht geschliffener Stein, der nur das richtige Licht brauchte, um zu funkeln, dachte er. Mit einer flüssigen Armbewegung schob er ihr den Stuhl zurück, und sie setzte sich mit einem eleganten Kopfnicken als Dank. Mitras ließ sich ihr gegenüber auf die Bankreihe sinken und schob ihr das Spielbrett hin, um sie eröffnen zu lassen. Wenn wir sie noch etwas schleifen, dachte er, wird sie ein funkelnder, wundervoller Diamant.

Später am Abend saß Mitras allein in seinen Gemächern und sann mit einem Glas Wein über die letzten Entwicklungen nach. Kiras Erscheinen hatte zwar einiges durcheinander gewirbelt, stellte sich aber als Bereicherung für den Haushalt dar. Das Spiel mit ihr war genau die Ablenkung, die er gebraucht hatte und er bekam langsam das Gefühl, dass sie sich ihm gegenüber öffnete. Er hatte ihr ein bisschen über Sebastians Familie erzählt. Die di Ferrus waren eine der magischen Dynastien Albions und konnten ihre Linie bis ins alte Reich verfolgen. Für albionische Verhältnisse war ihre derzeitige Generation aber doch etwas auffallender. Nicht etwa Cornelius trug urprünglich den Titel des Barons, sondern seine Frau. Er selbst war bürgerlicher Herkunft und kannte wiederum Mitras Vater schon seit Ewigkeiten. Die beiden waren Geschäftspartner und enge Freunde. Die beiden hatten sich damals zu einer Kooperation zusammengeschlossen, um eine neue Edelsteinmine in Ferrus zu erschließen. Dabei hatte Cornelius es hinbekommen, sich unsterblich in die junge Baronin Felicia di Ferrus zu verlieben und noch außergewöhnlicher, sie erwiderte diese Gefühle auch noch. Sie war die letzte der Linie di Ferrus und hatte ihre Eltern schon früh an eine Seuche verloren. Mitras hatte sie immer bewundert. Sie hatte es nicht nur geschafft ihre Baronie zu halten, sie war auch zu einer sehr kompetenten Magierin geworden, eine durchweg starke Frau, die nun ihre Position und ihr Vermögen, dass ihr tüchtiger Mann stetig mehrte, einsetzte, um sich für die Rechte der Frauen im Reich einzusetzen. Mitras hatte diese Ungleichheit nie verstanden. In seinen Augen gab es, mal abgesehen von einigen physiologischen Unterschieden, keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Gerade Magierinnen wie Felicia zeigten doch, dass sie ihren männlichen Kollegen in nichts nachstanden und doch hatten gerade die Traditionalisten wie Thadeus nichts als Verachtung für sie übrig. Unter den Progressiven hingegen genoß sie einen außergewöhnlich guten Ruf. Sie war gut mit Nathanael befreundet und zählte ebenfalls zu Mitras Unterstützern, auch wenn sie als Elementarmagierin wenig Einfluß in der Gilde der Veränderung, Verwandlung und Heilung hatte. Aber genauso wie Nathanael genoß sie die Gunst des Königs und auch in der Generalität hörte man auf sie. War es doch ihr Eisen, dass die Armee bewaffnete.

Mittlerweile hatte sich die Anzahl der di Ferrus auch wieder vergrößert. Vier Kinder hatten die beiden bekommen, der Älteste war älter als Mitras und wie seine Mutter Elementarmagier. Sohn Nummer zwei, Marcus, kam ganz nach dem Vater und würde dessen Handelshaus und die Verwaltung der Baronie übernehmen, wenn ihr Vater sich zur Ruhe setzte. Er war genauso alt wie Mitras und die beiden verstanden sich prächtig. Sebastian und seine junge Schwester Kersten kannte Mitras hingegen kaum trotz der Tatsache, dass sie auch der Schule der Verwandlung angehörte. Wäre sie zwei oder drei Jahre jünger, hätte Nathanael es sicher so gedreht, dass sie seine erste Discipula geworden wäre. Aber so war er noch nicht mal Magister gewesen, als ihr Talent entdeckt worden war. Und mit Kira hatte er es nun auch nicht schechter getroffen.

Als seine Gedanken wieder auf seine Schülerin zurück kamen, beschloß er noch einmal nach ihr zu sehen und ging zum Spiegel. Leicht benebelt vom Wein wischte er den Gedanken beiseite, dass dieser Eingriff in ihre Privatsphäre unangemessen sei. Er wolle ja nur sicher gehen, dass sie nicht wieder bis tief in die Nacht lernte, sagte er sich selbst. Tatsächlich lag sie aber schon im Bett und schlief tief und fest. Ihr Gesicht war zum Spiegel gewandt und völlig entspannt. Eine Woge der Zuneigung stieg in ihm auf, väterlicher Stolz, dachte er sich. Geistesabwesend betrachtete er sie eine Weile und dachte so vor sich hin, dass es ihm gar nicht so recht war, wenn ein Frauenheld wie Sebastian sich an seine Kira heranmachte, sei er auch noch so ein guter Kerl. Sie sah einfach zu hübsch aus… Der Gedanke, jemand könnte ihr zu nahe kommen, sie verletzen, versetzte ihm einen scharfen Stich.

Von diesem kurzen Gefühl hochgeschreckt, sammelte Mitras sich wieder und deaktivierte den Spiegel. Sebastian hatte einen gewissen Ruf weg, aber er war wirklich kein schlechter Mensch. Er wusste das Wort nein richtig aufzufassen und soweit Mitras wusste, gab es bisher nie Beschwerden über ihn. Und was Kira anging, so hatte er ihr im Zuge des Spiels auch erklärt, dass sie vorsichtig mit allzu freundlichen Menschen sein musste, da seine Feinde sicher früher oder später versuchen würden, über sie an ihn heran zu kommen. Sie war nicht dumm und hatte seine Sorgen sofort verstanden. Vielleicht war er auch einfach nur zu empfindlich. Ja, sie war seine erste Schülerin und ja, seine Lage war außergewöhnlich, aber deswegen musste er ja nicht ihre Kontakte einschränken. Er sollte nicht so paranoid sein, dachte er sich.

Uldums Gassen – 13. Lunet 242 (Uldumstag)

Kira erwachte völlig zerschlagen. Sie war in ihrer gesamten Kleidung eingeschlafen, hatte sich in den Schlaf geweint, und nun waren ihre Augen verquollen, sie hatte Kopfweh und fühlte sich elendig dreckig. Sie sammelte sich einen Moment und spähte dann zur Uhr. Es war erst sieben. Ehe sie erneut in die schwermütigen Gedanken von gestern abend versinken konnte, beschloß sie, das Bad auszunutzen. Immerhin war es ja auch schon 5 Tage her, seitdem sie sich das letzte Mal komplett gewaschen hatte. Sie nahm sich ein neues Keid aus dem Schrank, zog das alte aus und warf es in den Korb und hüllte sich dann in ein Handtuch, um über die Flure herunter zu huschen. Im Haus war alles still, nur aus der Küche hörte sie ein leises Klappern, also war William vermutlich schon wach. Sie ließ sich warmes Wasser ein, stieg ins Becken und ließ sich eine Weile entspannt treiben. Dann wusch sie sich und ihre Haare, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Danach ging es ihr besser. Sie reinigte das Becken und die Umgebung und ging dann zum Esszimmer.

Die Tür zur Küche stand offen und Abby war damit beschäftigt, den Tisch zu decken. Sie lächelte freundlich, als sie Kira sah, die ein wenig verlegen in der Tür stehen geblieben war. „Guten Morgen! Geht es dir wieder ein bisschen besser?“ Kira nickte stumm. „War ein bisschen viel gestern für dich, oder?“ Wieder nickte Kira. Abby kam auf sie zu und umarmte sie. „Mach dir keine Sorgen. Was vergangen ist, ist vergangen. Und für jeden von uns ist es aufregend und erschütternd, wenn wir unsere Heimat verlassen und neues lernen.“ „Danke.“ Kira drückte sich einen Moment an Abby und genoß das weiche, warme Gefühl ihres Körpers neben sich. „Na komm. Du kannst mit uns frühstücken, vielleicht kommt sogar Mitras gleich noch dazu, dann hätten wir mal ein seltenes großes Frühstück.“ Kira nickte wieder. Auf dem Tisch war bereits alles gedeckt. An ihrem und Mitras Platz lagen die Tabletts, die sie sonst stäter immer gefüllt vorfanden, diesmal allerdings noch nicht gefüllt. Tobey und William kamen mit Kaffee und Tee aus der Küche, und sie setzen sich zum Essen hin. Als Kira gerade beim zweiten Brot war, kam Mitras durch die Glastür herein, obwohl es erst kurz vor acht war. Er grüßte alle und setzte sich zu ihnen.

Mitras hatte sich beeilt, um nach den Ereignissen vom gestrigen Abend auch beim Frühstück zu sein, da er vermutet hatte, dass Kira ihm sonst ausweichen würde, aber er wollte nach ihr sehen. Abby hatte ihn gestern Abend davon abgehalten, zu ihr zu gehen, und auch abgelehnt, selber sie zu trösten. Das muss sie selber mit sich klären, hatte sie gesagt. Er war ein paar Risiken beim Kanalisieren eingegangen, hatte aber die Balance halten können und war so fast eine Stunde früher fertig geworden. Nun saßen alle beisammen und er gesellte sich dazu. Kira sah besser aus, als er erwartet hätte, gemessen an der Dauer, die er ihr leises Weinen noch gehört hatte. Ihre Haare waren noch ein wenig feucht, also hatte sie wohl ein Bad genommen. Sie wirkte immer noch etwas niedergeschlagen, aber klarer als gestern Abend. Er war sich unischer, ob er das Abby zu verdanken hatte oder ob ihr selbst ein paar Sachen deutlich geworden waren. Mitras selbst hatte gestern Abend noch kurz mit William gesprochen. Dieser kannte sich besser aus und hatte ihm bestätigt, dass in den Nordprovinzen tatsächlich, obwohl sie eigentlich von der skirgardischen Kultur geprägt waren, eine offene Abneigung gegenüber den Skir besonders bei der einfacheren Landbevölkerung vorherrschte. Die Siedler, die auf königlichen Geheiß oder aus freien Stücken dorthin nach Burnias siedelten, waren wie vermutet oft aus den Gebieten gekommen, die jahrhunderlang beliebte Beutegebiete der östlichen Skir gewesen waren. Insgesamt waren es wohl nur drei Klans, diese überfielen das Reich aber regelmäßig. Letzendlich hatten einige Adelige ohne Zustimmung des Königshauses begonnen, nördlich des Olfiat Siedlungen „zurückzuerobern“, wie sie es nannten. Das führte erst zur Besetzung Burnias und in Folge dessen zum Anschluss Schwyras. Der dort lebende Klan war der kleinste der dreien und wurde Ziel eines gewaltigen Vergeltungsschlags des Reiches, da sich das Königshaus dem erfolgreich verlaufenden Krieg angeschlossen hatte und eine Machtdemonstration brauchte, um die eigenmächtig agierenden Adeligen innerpolitisch zu schwächen. Die Stadt Mynstar wurde komplett ausgelöscht. Die Reste des Klans, die in und um die reiche Seehandelstadt Libekke lebten, ergaben sich und gliederten sich trotz dieser Tat in den folgenden Jahrzehnten gut in Albion ein, wohl auch, weil Mynstar und Libekke zuvor nur wenig verband. Sie waren wohl eher als Konkurrenten innerhalb des Klans aufgetreten. So gab es wenig Anlässe zu Blutfehden und ähnlichen Rachezügen, zumal die Skir in Libekke als weniger kriegerisch galten. Die verbliebenen Klans schworen nun aber Vergeltung am Reich und Rache an den Verrätern und überfielen die neuen Provinzen nun immer häufiger und weitaus brutaler als in den Kaperfahrten zuvor. Das Reich marschierte daraufhin in die Gebiete westlich und nördlich von Libekke ein, was die restlichen Klans dazu bewegte, mal wieder einen Hochkönig zu wählen und ihren Brüdern im Süden beizustehen. Letztendlich gewann Albion und drängte die Skir bis hinter den Fluß Bliktad zurück, auch, weil sie mit der Gründung Niuw-Mynstars ein Zeichen der kuturellen Überlgenheit und des Frieden setzen konnten. Im Jahr 142 wurde dann auch dort der Frieden ausgehandelt und der gewählte Hochkönig schwor alle Häuptlinge darauf ein, das Königreich nie mehr unprovoziert anzugreifen. Natürlich hatten der Rat und die Generalität die Gelegenheit genutzt, die neu eroberten Gebiete mit ihren treuen Gefolgsleuten zu bevölkern, und nach Williams Aussage schickten sie auch einige Magier, Schulmeister und andere gebildete Menschen in die Provinzen, um sicherzustellen, dass in einigen Jahrzehnten sich auch die Tradition der Hexenzirkel und ähnlichem verlaufen würde, wie die Skir, die aus den Gebieten zumeist nach Norden geflohen waren.

Mitras konnte verstehen, dass die Leute in Burnias schlecht auf Skir zu sprechen waren. Aber der Krieg lag nun schon fast ein Jahrhundert zurück und seit dem Frieden gab es keine Angriffe mehr. Laut William war es dort allerdings nach wie vor am schlimmsten, während die anderen nördlichen Provinzen eher gemäßigt mit Skir umgingen, ja, sogar ihre Kultur teilweise in die eigenen Bräuche integrierten. Doch in Burnias saßen die Erinnerungen an die Vergeltungstaten der Skir nach dem Brand von Mynstar wohl zu tief. Alles, was nach Skir aussah, wurde verachtet oder gleich zerstört. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was das für Kira bedeutet hatte. Laut Abigail konnte Kiras Mutter es kaum erwarten sie endlich und möglichst gewinnbringend los zu werden. Soviel Kaltherzigkeit dem eigenen Kind gegenüber machte ihn wütend.

Er setzte sich neben sie und wandte sich ihr zu. „Kira, ich muss gestehen, ich wusste bisher noch nicht viel über die nördlichen Provinzen und noch weniger über Burnias. Ich finde, Sie sollten sehen, dass Uldum anders ist. Wir pflegen hier einen weltoffenen, toleranten Umgang miteinander. Da Sie heute eh frei haben, schlage ich vor, dass Sie Uldum noch besser kennenlernen und sich selbst ein Bild davon machen. Abigail und Tobey hatten heute eh vor in die Stadt zu fahren und ein paar Besorgungen zu machen. Ich spendiere Ihnen eine Hafenbesichtigung dazu.“ Er schaute zu Tobey. „Wenn das in Ordnung ist.“ Tobey nickte, und Abby sagte begeistert: „Eine hervorragende Idee! Das machen wir gerne!“ „Gut.“ Kira saß einen Moment still auf ihrem Platz, dann lächelte sie ihn etwas bemüht an. „Danke, Magister. Ich werde die Gelegenheit nutzen. Ihr habt Recht. Alles ist anders hier.“ Sie schwieg einen Moment und setzte dann leise hinzu, während ihre Wangen sich röteten: „Anders, aber viel besser. Ich bin Ihnen allen sehr dankbar.“ Abby grinste. „Naa, wart ab bis zum Sommerfest. Dann überhäufen wir dich mit Geschenken und unserer unerschüttlichen Familienliebe, da wirst du gar nicht wissen, wo dir der Kopf steht.“ Kira wurde nun feuerrot. Sie öffnete den Mund, als ob sie etwas entgegnen wollte, schaute dann kurz traurig und schloß ihn wieder, lächelte dann aber und sagte: „Ich werde mich dann angemessen rächen.“ Abigail, Tobey und William brachen in Gelächter aus, was die Anspannung am Tisch klärte. Mitras fand, dass Abigail gar nicht so unrecht hatte. Kira war ein liebreizendes Geschöpf und nicht auf den Mund gefallen, sie hatte es verdient, gut behandelt zu werden. Und auch wenn er ihr sicher nicht Vater oder Mutter ersetzen konnte, so würde er doch ein guter Mentor sein und dafür sorgen, dass es ihr gut gehen würde in den Jahren bei ihm – und vielleicht auch danach, wenn es passte und sie es wollte.

Abby und Tobey trafen sich nach dem Frühstück mit Kira vor der Tür und zeigten ihr den Weg zum Kutschenstand. Abby stellte ihr Julius vor, einen etwas älteren, sehr gemütlichen Droschkenfahrer. „Wenn du jemals alleine eine Kutsche ordern willst und Julius da ist, fahre mit ihm.“, schärfte sie ihr ein. „Er ist vertrauenswürdig.“ Julius, der ihre Worte hörte, knetete verlegen seine Mütze und stotterte: „Ma…Ma..Madame, wir bemühen uns alle, vertrauenswü..wü..würdig zu sein.“ Tobey schlug ihm auf die Schulter. „Aber nicht alle sind es, altes Haus. Komm, heute gibt es eine gute Tour für dich: Der Herr wünscht, dass wir seiner Schülerin die ganze Stadt zeigen. Mit Hafenrundfahrt. Und die Wartezeit kriegst du auch bezahlt.“ Julius lächelte breit. Ihm fehlten etliche Zähne, fiel Kira auf. Er sah sonst einigermaßen gepflegt aus, aber seine Kleidung war oft geflickt und an den Händen erkannte sie trotz der Tatsache, dass er erst 30 sein mochte, erste Anzeichen von Gicht. Das Leben auf dem Kutschbock war nicht einfach, das wusste sie auch von denen, die in Burnias die Waren fuhren und bei ihren Eltern oft übernachtet hatten, wie es üblich war. Kaufleute und Fuhrleute halfen einander. Sie stiegen in die Droschke und Abigail begann, wie schon bei ihrer ersten Fahrt in die Stadt, Kira zu erklären, was zu sehen war.

„Hier an dieser Kreuzung siehst du die Grenze zwischen drei Bezirken der Stadt. Links von uns das Viertel der Aristrokraten. Es zieht sich weit die Hügel hinauf, aber etwa zwei Straßenzüge von hier beginnt die wirkliche Riege der Adelshäuser, dort sind auch die Schulen und noch ein ganzes Stück bergan der neue Palast. Und hinter uns ist das Gebiet der Handwerker, was du letztes Mal ja schon gesehen hast.“ Sie beugte sich vor und wies Julius an, zum Palast zu fahren. „Hier rechts von uns ist das Viertel der Händler. Mitras Eltern wohnen zum Beispiel dort.“ Der gegenüberliegende Straßenzug unterschied sich kaum von dem Bereich des Aristrokratenviertels, aus dem sie gerade gekommen waren. Teilweise standen die drei- bis viergeschoßigen Häuser eng beieinander, teilweise gab es kleine Gärten um sie. „Weiter zum Fluss hin gibt es auch einige richtige Villen der Händler“, ergänzte Tobey. „Die sind wirklich fast wie Paläste. Man kann heutzutage doch ganz gut Geld machen, besonders, wenn man Manufakturware verkauft, das produziert sich einfach schneller.“ Sie fuhren die Straße hinauf, die beidseitig von nun kahlen Bäumen gesäumt war. An Seite der Händler wurden die Gebäude nach einer Weile etwas höher, Mietshäuser, wie Abby auf Kiras Frage erklärte, dort konnte man sich einmieten, wenn man genug verdiente, aber nicht genug für ein ganzes Haus hatte. Ab einer etwas breiteren Straße zur rechten Seite wichen die Mietshäuser dann erst einfachen, dann immer pompöseren Adelshäusern, die hinter der Bahnlinie lagen, die sich an der Straße entlang wand. Auch zur linken Hand waren die Adelshäuser pompöser, die Mauern höher, die Gärtern größer geworden. Sie bogen nach einer ganzen Weile nach rechts ab, überquerten die Bahnstrecke und gelangten auf eine breite Straße, eher eine Promenade, die offenbar die Stadtgrenze darstellte und die auf einem großen Platz endete, an dessen westlichem Ende sich offenbar das Palastgelände erhob. Kira konnte nicht umhin, dem Archtiketen Bewunderung zu zollen: Anmutig und doch beeindruckend erhob sich das weiße Gebäude auf einem länglichen Hügel über die umliegenden Häuser, geschickt hervorgehoben durch die natürliche Umgebung. Hinter dem weit verzeigten Gebäude lag eine steile Klippe, die es nach hinten abriegelte und es wie auf einer Leinwand präsentierte. Nach Norden hin konnte sie den Avens erahnen. Abby erzählte ihr, dass die Wand der Klippe magisch verformt worden sei, so dass niemand daran herunterklettern konnte. Vor dem Gebäude und auch darum konnte Kira eine weitläufige Parkanlage erkennen, sofern zumindest die umgebende Mauer den Blick freigab. „Das ist das Wohngebäude der königlichen Familie, gebaut von Phillipos di Leonidas. Manchmal gibt es hier auch Feste für den höheren Adel. Aber für offizielle Anlässe nutzt das Könighaus Leonidas immer noch das alte Königshaus im Stadtkern. Da fahren wir als nächstes hin.“ Sie fuhren auf einem anderen Weg durch das Aristrokratenviertel zurück, was eine ganze Weile dauerte, so dass Kira ausreichend Gelegenheit hatte, die Paläste und Wohngebäude, teilweise aufwendig verziert, teilweise aber auch schlicht und elegant waren, zu bewundern. Sie erkannte, dass Mitras, obwohl er ja nicht arm war, ein verhältnismäßig kleines Haus hatte, nur sein Garten war doch größer als die der meisten anderen Adelshäuser. Vielleicht lag es daran, dass er keine Familie hatte und daher kein so großes Haus brauchte?

Am Bahnhof vorbei kamen sie in das Händlerviertel, und Kira sah, dass es hier nicht nur die Wohnungen der Händler gab, sondern auch Kontore, mehr verschiedene Mietshäuser und auch Läden. Oftmals war es so, wie sie es aus Lührenburg kannte: Oberhalb von Kontor und Laden lagen die Wohnungen der Familie. Hier allerdings war die Wohnung teilweise mehrgeschoßig. Abby erklärte ihr, dass reiche Handelsfamilien sich von den Adeligen abgeschaut hatten, besonders viele Bedienstete zu haben, und dass daher in den oberen Geschoßen oft die Zimmer der Dienerschaft lagen. Kira staunte, wie viele Menschen es in Uldum gab. So viele Menschen auf eigentlich so wenig Platz!

Sie kamen an die große Straße, auf der sie begonnen hatten, und durchquerten das Viertel der Handwerker, das Kira bereits kannte. Hier standen die Häuser etwas enger, oft waren die Werkstätten direkt in die Wohnhäuser gebaut, an einigen Stellen waren auch schon Manufakturen zu sehen, zu erkennen an den Schornsteinen, aus den grauer Qualm aufstieg, der sich auf den Fassaden und Dächern der ganzen Stadt absetzte und Kira schon am ersten Tag das Gefühl gegeben hatte, die ganze Stadt sei dreckig. Tatsächlich, stellte sie verblüfft fest, fand sie es jetzt gar nicht mehr so schlimm. Sie hatte sich vermutlich an den ständig rauchigen Geruch der Luft gewöhnt. Tobey erzählte, dass die wirklich reichen Manufakturbesitzer längst auf der anderen Seite der großen Straße, die einfach nur „die Chaussee“ genannt wurde, im Händlerviertel wohnten. „Dort ist die Luft besser.“ Vom Kutschbock ergänzte Julius mit einem zahnlosen Grinsen: „Und, nech, die Konkurrenz sieht man auch nich mehr immer, da muss man sich nich so ansehn, wie die zugrunde geht.“ „Schaden die Manufakturen den anderen Handwerkern?“, fragte Kira. Tobey nickte nachdenklich. „Einige machen ihr Glück damit, und insgesamt ist es natürlich gut, alle können sich die Stoffe leisten. Und die Minen im Osten arbeiten auch viel damit, es gibt viel mehr Sicherheit und eine bessere Produktion. Aber die, die Stoffe handweben, naja, die kommen jetzt halt nicht mehr so recht an Geld, und die Minenarbeiter… du wirst es sehen, wenn wir im Hafenviertel sind.“ Kira nickte. Es gab in den Nordprovinzen kaum solche Manufakturen, in Lührenburg gab es eine Mühle, die mit Dampf betrieben wurde, und die wurde stets als große Errungenschaft gefeiert, da nun viel mehr und viel zuverlässiger gemahlen werden konnte, niemand musste mehr warten, es half bei der Versorgung der ganzen Gegend sehr. Aber das, was Tobey sagte, machte schon Sinn. Sie dachte an die Kinder, die sie beim ersten Ausflug gesehen hatte. Uldum war reich, viel reicher als Flate, Lührenburg oder gar Bispar, und dennoch gab es hungernde Kinder hier – vermutlich, weil ihre Eltern nicht mehr genug verdienten. Sie überquerten wieder die Brücke, die Kira schon kannte, und Abby zeigte ihr noch einmal kurz den alten Palast, dessen sternförmige, klobige Mauern den Kutschenparkplatz vor der Altstadt begrenzten. „Die Altstadt kennst du ja schon.“ Kira nickte. Also fuhren sie über den Platz und auf der gegenüberliegenden Seite wieder aus der Altstadt heraus über den Corvio, dessen Wasser blau glitzernd unter ihnen längs floß, anders als das braune Wasser des Avens, den sie zuerst überquert hatten. Hier war das Ufer etwas flacher, und, wie Abigail erklärte, ehemals auch sumpfig gewesen. Man hatte es trocken gelegt, um hinter dem Hafen mit all seinen Kanälen und Pieren Lagerhallen, Kontore und Mietskasernen für die Hafenarbeiter zu bauen. Jetzt war der Sumpf etliche Kilometer weiter vom Fluß weggedrängt worden. Julius lenkte die Kutsche zu einem kleinen Anleger. Dank seiner Vermittlung konnten die drei rasch einen Fährschiffer finden, der sie durch den Hafen rudern würde. Kira betrachtete sein kleines Boot mit mulmigem Gefühl, doch Tobey beruhigte sie. „Keine Sorge. Der Corvio ist ein lebhafter Fluss, aber der Avens ist ruhig und träge. Und hier, wo sie zusammentreffen, färbt eindeutig das ruhige Wesen auf den kleinen Jungspund hier ab.“ Kira nickte. Sie konnte schwimmen, sogar ziemlich gut. Etwas anderes blieb einem auch nicht übrig, wenn man in einer Gegend voller Moorseen aufwuchs. Dennoch fand sie seit ihrer Erlebnisse in Flate Bootsfahren nicht unbedingt erstrebenswert. Die Aussicht, den Hafen Uldums von der Wasserseite aus zu sehen, machte dieses Unbehagen allerdings auch wieder wett. Der Schiffer, ein aufgeweckter junger Mann, erzählte ihnen einiges, während er sie umherruderte. Erst gab es einige kleinere Anleger für die Schiffe, die den Corvio herunter kamen, um kleinere Waren zu bringen, und für private Schiffe. Kira staunte über einige kleine Jollen, die dort vor Anker lagen. Eine hatte den Schiffsnamen „Morgentau“ sogar in Goldbuchstaben am Bug stehen. Kurz vor Zusammenfluss der beiden Flüsse gab es dann einige sehr große Piere, an denen die Schiffe anlegten, die das Eisen und andere Materialien aus den Minen bei Ferros nach Uldum brachten. Kira dachte an Sebastian. Sebastian di Ferrus – ob seiner Familie die Gegend um Ferros gehörte? Oder war das nur Zufall? Falls ja, mussten sie irre reich sein – Eisen war ja für die ganzen neuen Maschinen in großen Mengen nötig. 

Dort, wo die Flüsse zusammenflossen, waren beide Ufer gut befestigt. Der Schiffer erklärte, dass sich im Kreuzgebiet manchmal Wassergeister zeigten, wohl angeregt durch den Zusammenfluss der vom Wesen so unterschiedlichen Flüsse. Deswegen baute dort niemand nah am Wasser. Nix mit „ruhigem Wesen“, dachte Kira, doch sie war Tobey nicht böse. Ein Stück weiter flussabwärts lag der richtige Hafen, ein Gewirr aus Kanälen, Pieren und Schiffen, größer als das, was Kira in Flate erlebt hatte. Sie manövierten vorsichtig hindurch und der Schiffer ließ sie wie vorher verabredet an einem kleinen Seitensteg aussteigen. Tobey bezahlte ihn, und an der Anzahl seiner Verbeugungen trotz des wackeligen Bootes vermutete Kira, dass es großzügig gewesen war. Sie schlenderten die Kaimauer entlang und beobachteten, wie ein großes Handelsschiff mit einer Rigaer Flagge entladen wurde. Es war kleiner, als die, die Kira kannte, doch Tobey erklärte ihr, dass die Schiffe, die auf Flüssen fuhren, immer kleiner sein mussten als die, die das Meer unter sich hatten. „Man hat halt viel schneller mal ne flache Stelle, verstehst du?“ Kira nickte. Bei allem, was Technik betraf, schien Tobey richtig aufzublühen, und er erklärte ihr ausführlich alles über die Binnenschifffahrt, das er wusste. Und das war tatsächlich gar nicht so wenig. Kira bemühte sich, sich alles zu merken, aber sie erkannte schnell, dass sie wohl doch besser einen Block und einen Bleistift hätte mitbringen sollen. Nach einer Weile erlöste Abby sie, indem sie ihren Mann sanft ermahnte, Kira nicht zu sehr in Beschlag zu nehmen, sie solle ja auch noch etwas sehen können von der Stadt. Kira sah sich um. Hier im Hafen war Uldum eindeutig dreckiger als am Westufer. Unrat lag in den Ecken, und an einigen Stellen sah sie trotz des helllichten Tages Ratten in den Ecken huschen. Es stank auch, nach einer Mischung aus Öl, Maschinen, Menschen, Müll und Kohle. Sie liefen durch ein paar enge Gassen zwischen den Kontoren hindurch und gelangten auf einen Platz, an dem Julius samt Droschke auf sie wartete. Abby wies ihn an, sie zum Stadtpark zu bringen.

Sie fuhren noch durch einige Gassen, dann öffnete sich der Blick nach Südosten und Kira blickte auf eine etwas abfallende Ebene voller kleiner, zusammengeflickter Häuser. Wobei, Häuser konnte man das eigentlich nicht nennen, eher Behausungen. Tobey nickte herüber. „Das ist die unschöne Ecke von Uldum. Geh nie alleine dort hinein.“ „Warum baut man keine richtigen Häuser?“, fragte Kira. Abigail schnaubte. „Dazu müsste das Könighaus erstmal alle verteiben, Und dann das Land darunter trocken legen. Und dann befestigen. Nein, dass ist den hohen Herren eindeutig zu aufwendig. Und wenn sie es tun würden, dann müssten die Bewohner ja auch hinterher Miete zahlen. Aber die, die da wohnen, die können keine Miete zahlen.“ „Die Minenarbeiter, weißt du?“, ergänzte Tobey. „Sie haben dank der Maschinen in den Minen oft keine Arbeit mehr. Die di Ferrus bemühen sich, aber andere Baronien weiter im Süden, die ebenfalls Erze fördern, haben weniger soziale Programme aufgesetzt, und so strömen jeden Tag mehr Arbeiter hier her, um sich in den Manufakturen zu verdingen. Dazu kommen noch die ehemaligen Weber, Schmiede und noch alle anderen, die nun eben nicht mehr so gebraucht werden. Es gibt auch genug Arbeit, aber weil es seit einigen Jahren auch wirklich genug Arbeiter sind, fallen die Löhne. Irgendjemand macht es doch immer für einen Schilling weniger.“ Kira blickte traurig auf die Hütten, die nun hinter einem kleinen Hügel verschwanden. Sie fuhren durch eine Ansammlung von Mietshäusern, die teilweise bis zu sechs Stockwerke hoch waren. Einge sahen gut gepflegt aus, bei anderen hatte man das Gefühl, sie würden nur dadurch zusammengehalten, dass sie sich an den Nachbarshäusern festhielten. Dann realisierte sie, dass sie mit ihrer Vermutung über Sebastian Recht gehabt hatte. Di Ferrus. Wieso arbeitet der Sohn eines Barons, der zudem vermutlich auch noch deutlich reicher als Mitras war, in der Bibliothek? Sie würde ihn fragen müssen.

Über eine weitere Brücke gelangten sie zurück in die Altstadt, nun allerdings an der nördlichen Grenze. Hier lagen die ehemaligen Befestigungsanlagen, eine Mauer mit sternförmigen Zacken, die die Altstadt gegen Angriffe aus dem Norden geschützt hatte. Nun waren die Wälle zu einem länglichen Park ausgebaut worden. Nördlich davon lagen weitere Wohngebiete, erklärte Abby. „Alles gemischt dort, diese Gebiete wurden erst in den letzten Jahren besiedelt. Eigentlich waren dort nur Bauernhöfe, aber es liegt ein wenig erhöht, und er Geld hat, baut dort gern – es ist nicht so weit in die Altstadt, zumindest wenn man nicht zu weit nördlich ist, und man hat einen guten Blick, wenn man einen Bauplatz oben auf einem Hügel erwischt. Manche Adelige haben sogar zwei Anwesen – ein Stadthaus im Aristokratenviertel und eine Landvilla im Norden zwischen den verbliebenen Bauernhöfen. Und, naja, wer nicht ganz so viel Geld hat, aber längere Wege in Kauf nimmt, kann dort gut zur Miete wohnen. Der Tierpark ist auch da, aber da können wir besser im Sommer hinfahren.“ Sie hielten an und Abby besorgte von einigen Händlern Brote, Kuchen, Käse und Wurst, während Tobey in ein nahe gelegendes Teehaus ging und mit einer Kanne voll dampfenden Tee zurück kam. Sie wischten eine Bank trocken und setzten sich trotz des kalten Wetters in den Park und aßen gemeinsam. Abby bestand sogar darauf, dass der Kutscher Julius etwas vom Essen abbekam, aber sie konnte ihn nicht dazu bringen, sich zu ihnen zu setzen. Der Ständeunterschied ist zu groß, realisierte Kira, und dass, obwohl Abigail und Tobey ja eigentlich auch nur Bedienstete waren. Sie genoß es, draußen bleiben zu können, statt in ein Restaurant zu gehen. Sie hatte oft so gegessen – nun ja, ohne warmen Tee und mit weniger warmen Decken – aber es erinnerte sie an lange Streifzüge durch die Moore, von denen sie Abby und Tobey nun erzählte. „Kann ich noch in die Bibliothek gehen?“, fragte sie, als Abby die Essensreste zusammenpackte. Diese nickte. „Es ist dein freier Tag, hat Mitras gesagt. Aber pass auf und komm nicht so spät nach Hause.“ Kira nickte und versprach, Julius Droschke zu nehmen, sofern sie ihn später am Platz vor dem alten Palast sehen würde. Dann verabschiedete sie sich vom Ehepaar und ging zu Fuß durch die Stadtmauer bis hin zur Bibliothek.

Lichtblitze – 11.+12. Lunet 242 (Mirastag/Mafuristag)

 Kira wachte am nächsten Tag wieder gegen sieben Uhr dreißig auf. Offenbar hatte sich ihr Körper an diese etwas spätere Uhrzeit nun gewöhnt. Sie zog ihr Hauskleid aus Bispar an, kuschelte sich in den Sessel und las das Kapitel zu Familienbeziehungen zu Ende, dass sie gestern nicht ganz geschafft hatte. Demnach war die Familie Venaris aber auf jeden Fall sehr ungezwungen. Niggel führte zwar aus, dass Liebe und Wärme die Familie prägen sollten, aber er legte auch dar, dass Respekt und die nötige Distanz wichtige Tugenden seien, da man sein Vertrauen nur wenigen Personen schenken solle, und diese selten in der Familie zu finden seien. Schließlich gäbe es zahlreiche Beispiele, wo selbst die Kinder die Eltern betrogen haben oder umgekehrt. Kira stimmte ihm zu, in ihrer Familie galt das auf jeden Fall, aber die Venaris schienen all diese Regeln auf erfrischende und angenehme Art und Weise ausgesetzt zu haben. Wenn ich mal heirate, möchte ich auch so eine Familie, dachte Kira. Dann allerdings scholt sie sich selber für den Gedanken. Warum sollte sie heiraten wollen? Sie war ja jetzt frei. Und wenn sie doch jemals jemanden würde heiraten müssen, dann müsste es jetzt schon jemand sein wie Magister Mitras – gutaussehend und erfolgreich und fürsorglich und mächtig. Sie grinste. Luftschlösser bauen konnte sie immer schon gut. Vermutlich würde niemand vom Kaliber eines Magisters wie Mitras sie auch nur zur Kenntnis nehmen. Und sie wollte ja auch gar nicht, dass Männer sie besonders zur Kenntnis nahmen. Da kam nur Mist bei raus, sagte ihr die bisherigen Erfahrungen. Beleidigungen, Angriffe und, naja, die Sache mit Johann. Sie schaute auf die Uhr. Bald viertel vor neun. Zeit, zum Frühstück zu gehen.

Mitras saß bereits am Tisch. Er sah wieder müde und abgeschlagen aus. Kira verspürte einen Hauch von Mitleid. Dieser Generator, den er da betrieb, was ziemlich aufwendig, dass er jede zweite Nacht dafür arbeiten musste. Warum machte er es überhaupt nachts? Sie grüßte ihn freundlich und holte sich ihr Essen. „Magister?“ Mitras schaute sie an. „Abby hat mir gesagt, dass Sie sich um den Generator kümmern. Was ist das für ein Generator und warum müssen Sie die Nacht durch an ihm arbeiten?“ „So, hat sie das? Na ja, früher oder später hätte ich Sie sowieso mit meiner Forschung vertraut gemacht. Aber jetzt gibt es nur die Kurzfassung, da ich unbedingt etwas Schlaf nachholen muss. Mein Reichtum basiert auf einem Element, genauer einer Legierung, die ich auf magischen Wege mithilfe einer verloren geglaubten alchemistischen Formel erschaffen konnte. Diese verbindet magische und ferromagnetische Eigenschaften miteinander und bietet so viele neue Möglichkeiten. Eine davon ist es einen Stromgenerator mit Magie zu betreiben. Meine Forschungen drehen sich nun darum, wie ich diesen Prozess vereinfachen kann und vor allem wie ich das ewige Laden optimieren kann. Ich zeige es Ihnen heute Abend etwas ausführlicher, wenn sie möchten.“ Kira nickte. „Ja, sehr gerne!“ „Gut, damit wir alles schaffen sollten Sie dann schon um 17:30 Uhr kommen. Es macht nichts, wenn Sie sich dafür im Politikteil etwas kürzer fassen. Sie haben ja schon in Geschichte bewiesen, dass Sie eine schnelle Auffassungsgabe für sozialwissenschaftliche Themen haben.“ Kira freute sich, allerdings fand sie seine Aussage zum „kürzer fassen“ auch reichlich unnötig. Es war 9 Uhr, bis 17 Uhr blieb ihr genug Zeit, das erste Kapitel des heutigen Buches, „Von Krieg und Staaten“ zu lesen und mit Abby Mathematik zu üben. Sie nickte und begann zu essen. Mitras beendete sein Frühstück, verabschiedete sich und ging nach oben. Kira folgte ihm, nachdem sie das Geschirr weggeräumt hatte, und stand dann einen Moment unschlüssig im Flur herum. So, ihr Magister schlief jetzt? Das heißt, er würde sicher nicht mitbekommen, was sie jetzt tat. Das mit dem Geschirr hatte er auch schon nicht bemerkt, obwohl sie damit angefangen hatte, als er noch in der Tür war. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Aber erst Mathematik. Nicht, dass sie  sich davon wieder ablenken ließ!

Sie setzte sich also an den Schreibtisch und rechnete motiviert die restlichen Aufgaben des Kapitels zum Dreisatz zuende. Nachdem sie nun verstanden hatte, worauf sie achten musste, waren zwar einige Aufgaben immer noch schwer zu verstehen und bei zweien hatte sie wohl auch einen Fehler gemacht – die Ergebnisse machten einfach logisch keinen Sinn – aber sie kam doch deutlich besser voran als zuvor. Nach etwa zwei Stunden waren alle Aufgaben erledigt. Sie packte die Sachen zusammen und sammelte dann ihre Unterwäsche der letzten Tage und das Kleid, dass sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, zusammen in einen Korb, den Abby ihr dafür bereit gestellt hatte. Vorsichtig lugte sie aus der Tür, doch im Flur war alles ruhig. Sie schlich zu Mitras Tür und lauschte. Ja, er schlief auf jeden Fall, wie das leise Schnarchen anzeigte. Sie grinste. Es war natürlich völlig albern, aber sie fand, dass ein paar Geheimnisse zu haben und sich nicht an alles zu halten, was ihr vorgepredigt wurde, ihr bisher im Leben weitaus mehr geholfen hatte als alle anderen Angewohnheiten. Also hatte sie nicht vor, sich das hier nehmen zu lassen, und wenn es nur um etwas kleines wie Wäsche waschen als adelige Dame ging. Sie holte den Wäschekorb und ihre Mathesachen und suchte Abby. Diese war unten im Salon dabei, wieder alles herzurichten und zu putzen, was gestern beim Essen verdreckt worden war. „Abby, kannst du mir zeigen, wie das mit dem Wäschewaschen hier geht?“ Abby schaute sie einen Moment verwundert an. „Aber…“ Dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ach, du wolltest mir ja helfen. Hast du auch Mathe gemacht?“ Kira nickte. „Du musst mir nicht helfen, Kindchen. Mitras hat schon zusätzlich bezahlt heute morgen, er sagte, er wollte dir eh einen Mathelehrer suchen und erstmal sei es gut, wenn ich das mache.“ Kira zog eine Schmolllippe. Dieser dämliche Magister schaffte es echt, ihr selbst ein kleines bisschen Freiheit und Spaß zu verderben! „Aber wenn ich es will? Wir erzählen einfach niemandem davon! Ich hab zuhause immer die Wäsche gemacht.“ Abby blickte sie einen Moment nachdenklich an, dann schmunzelte sie und zuckte mit den Schultern. „Ok, ich schau mit die Aufgaben an und dann zeig dir die Waschküche.“ Rasch breitete Kira ihre Rechnungen aus, und Abby prüfte sie. Mit ihrer Hilfe gelang es Kira, auch die letzten beiden Aufgaben zu verstehen, und sie freute sich, als Abby sie für ihre gute Arbeit lobte. Gemeinsam gingen sie anschließend in den Keller. Kira schaute auf die Wand links von der Treppe, doch selbst im Schein der elektrischen Lampe konnte sie nichts erkennen, was darauf hindeutete, dass diese Wand eine Tür war. Sie folgte Abby nach rechts in den Gang, von dem zwei Türen abgingen. Der hintere der beiden Räume entpuppte sich als Heizungsraum, indem auch ein kleiner Herd zum Erhitzen des Wassers und etliche Bottiche standen, in denen man Wäsche waschen konnte. Unter der Decke waren Schnüre angebracht, an denen bereits einige Wäschestücke hingen, die Abby nun prüfend befühlte. „Du kannst die hier abnehmen und in den Korb da legen, ich hole sie mir später.“ Kira nickte. Abby ging wieder nach oben, und die nächsten beiden Stunden war Kira damit beschäftigt, ihre Wäsche zu waschen, auszuwringen und zum Trocken aufzuhängen. Sie lauschte dabei immer wieder, ob ja niemand die Kellertreppe herunter kam, aber es blieb alles still. Schließlich hing alles gut auf der Leine, und sie ging die Treppe wieder nach oben, lugte vorsichtig durch die Tür und schlüpfte dann thriumphierend in den Flur. Nicht erwischt worden zu sein bei etwas, was man nicht tun durfte, aber niemand schadete, war einfach wundervoll. Das war definitiv das beste Wäschewaschen meines Lebens, grinste in sich hinein. Fröhlich öffnete sie die Küchentür, aus der bereits ein leckerer Duft drang. William war dabei, die Bratenreste des Vortages aufzuwärmen. „Hallo, William!“, strahlte sie ihn an. „Oh, unsere junge Schülerin! Wo kommst du denn her?“ „Ich, hmm… von der Arbeit?“, gab Kira zurück. „Arbeit? Und die macht dir so viel Spaß, dass du mich mit einem so umwerfenden Lächeln beglücken kannst?“ „Äh…“ Kira dachte kurz nach. Auch wenn sie durchaus gerne Streiche spielte und sich nicht immer an Anweisungen und Regeln hielt, log sie doch recht ungern. William schaute sie grinsend an. Er deutete auf ihre Hände. „Hast du dich unserem werten Magister etwa widersetzt und doch deine Wäsche gewaschen?“ Kira spürte, wie sie feuerrot anlief und versteckte rasch ihre Hände, die tatsächlich vom Wasser aufgequollen waren, hinter dem Rücken. „Darf man hier nicht mal einfach so lächeln?“, versuchte sie abzulenken. William lachte schallend. „Kira! Ernsthaft? Hättest du nicht wenigstens einen anständigen Streich spielen können, wenn du dich schon an ihm austoben willst? Warum überhaupt?“ Kira ließ sich von dem Lachen anstecken und gab sich geschlagen. „Ich hab mich geärgert, weil er mich so wegen Mathematik angepflaumt hat. Ist halt n schwieriges Thema in meiner Familie… naja, auf jeden Fall hat Abby vorgeschlagen, ich könne ihr bei der Wäsche helfen, wenn sie mir bei Mathe hilft, und ich fand, das sei ein guter Weg. Bitte sag Mitras nichts, ja?“ Sie blickte ihn mit ihrem Bettelblick an, der bei Adrian stets half. „Ha, meine Güte, schau mich nicht so an. Für wen hälst du mich? Ich habe viel schlimmere Streiche von Mitras gedeckt, ich werde dich bestimmt nicht fürs Wäschewaschen verpetzen!“ Kira setzte sich auf einen Stuhl, der zuvor in der Ecke gestanden hatte, und angelte sich etwas kalten Braten. „Was für Streiche denn?“ William grinste. „Das solltest du mal seine Schwester fragen. Sobald er wusste, wie man gezielt Magie so einsetzt, dass man einen Stoff festkleben lassen kann, hat er es ein paar mal eingesetzt, um sie auf irgendwelchen Stühlen kleben zu lassen. Einmal sogar in der Oper, wo sie ja noch nicht mal schimpfen konnte! Und da war er ja schon älter und reifer und Thadeus hatte ihm schon ganz schön zugesetzt. Rate mal, zu was er die Erde in Christobals Garten verformt hatte!“ Kira zuckte mit den Schultern. „Einer Frau?“ William schüttelte sich vor Lachen. „Einem Penis! Wir haben einen richtig schönen, hüfthohen Penis vor seiner Terrasse geformt, und Mitras hat ihn ungeplanter Weise magisch fest werden lassen.“ Kira lachte, bis ihr die Tränen kamen. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass der ernste, würdevolle Mitras mit William heimlich an einer Penisskulptur aus Erde herumklopfte, und das auch noch im Garten eines Adeligen!

Der Rest des Tages verging wie im Fluge. Sie aß mit William zu Mittag, der sie dabei mit einigen weiteren Geschichten aus Mitras Jugend erheiterte, etwa, wie sie Obst aus Christobals Garten geklaut hatten und letztendlich darin endeten, sich um den Garten zu kümmern, der ohne Gärtner eher vor sich hin verwilderte. Die Sache mit dem Penis war aber auf jeden Fall unangefochtene Spitze, fand Kira, und sie spürte, wie ein großer Teil ihrer Scheu, die sie in Mitras Gegenwart trotz allen Nettigkeiten und trotz aller Wärme verspürt hatte, dahin schmolz. Sie waren sich gar nicht so unähnlich, Mitras und sie, auch wenn Mitras offenbar aus einer viel netteren und viel reicheren Familie stammte. Aber zumindest der jüngere Mitras, den William da beschrieb, hatte eine ähnliche Vorliebe für kleine Streiche gehabt, hatte auch den Ruf gehabt, zu wild zu sein, hatte Grenzen überschritten, ohne dabei böse zu sein. Obwohl Thadeus von William nicht positiv beschrieben worden war, erschien es ihr, als sei der Schulleiter ein sehr weiser Mann, dass er sie genau diesem Hause zugewiesen hatte. Ein Magister, der in den Adel hingeboren worden war, hätte sich vermutlich weniger in Kiras Lage hineinversetzen können, wäre weniger nachsichtig gewesen, und auch, wenn sie sich in einem anderen Haushalt genauso angestrengt hätte – genauso glücklich wie hier wäre sie vermutlich nirgendwo geworden.

Sie stellte den Nachmittag über eine Übersicht über das Königshaus Leonidas zusammen, dass seit 142 die Könige von Albion stellte und etliche Reformen umgesetzt, sowie die Gebiete im Norden und Osten erorbert hatten. Insbesondere hatten sie dem Parlament direkte Verfügungsgewalten entzogen. Nun konnte der König Albion quasi alleine regieren – der Staat gehörte dem Königshaus, und was der König sagte, galt als Gesetz. Nur die Tatsache, dass einige der Distrikte, insbesondere Lingusia und Sybergia, unter der Verwaltung des Parlamentes standen, sicherte diesem ein wenig Macht über die Lehen und die dortige Politik zu. Jeder Distrikt entstandte je nach Größe eine feste Anzahl Personen, die den Distrikt im Parlament vertraten. Das Parlament verwaltete dann den Haushalt des Reiches und die ihm zugewiesenden Lehen. Es setzte sich aus je 10 Vertretern der 4 Gilden, 20 Vertretern der „großen Familien“ und den 100 Vertretern der Distrikte zusammen. Parlamentarier zu werden, war ein hoher Rang und sicherte ein fürstliches Gehalt, aber eigentlich, dachte Kira bei sich, ist das auch nur eine Methode, den Adel beschäftigt zu halten und sich die Geldverwaltung vom Hals zu halten, wenn letztendlich eh der König die Gesetze beschließt, die Richter ernennt und das Militär befehligt. Die Methode war aber recht erfolgreich. Immerhin hatte es seit der Regenschaft der Leonidas kein weiterer Adeliger mehr geschafft, durch spontane Alleingänge einen Krieg zu starten, wie es im Jahr 99 geschehen war, als eine Gruppe Adeligen die Nordkriege auslösten, indem sie begannen, nördlich des Olfiat Siedlungen anzugreifen. Die Ostkriege waren, soweit sie es aus landläufigen Erzählungen wusste, von den Angshire selbst ausgelöst worden. Das Buch wies allerdings darauf hin, dass Timothy di Leonidas, der zur Zeit der Ostkriege regierte, diese „freudig annahm“. Dazu gab es später noch ein Kapitel. Sie war gespannt und markierte sich das Kapitel mit einem Lesezeichen. Dann schaute sie auf die Uhr. Es war 17:20. Gerade noch Zeit, sich etwas frisch zu machen. Pünktlich um 17:30 klopfte sie, gut vorbereitet und noch besser gelaunt, an die Labortür. Mitras öffnete ihr und bat sie herein. Sie schaute ihn an. Er trug wieder die schwarze Hose, das weiße Hemd und die schwarze Weste, wie fast immer, und wirkte deutlich erholter als am Morgen. Sie stellte sich vor, dass dieser elegante, gutaussehende Mann als junger Magier eine Penisskulptur geformt hatte und musste dann sehr darum kämpfen, nicht laut zu lachen. Mühsam unterdrückte sie ihr Grinsen und setzte sich auf den Stuhl vor ihm, bereit für die Erklärungen und Prüfungen des Tages.

Mitras ging, nachdem er ein paar Stunden Schlaf nachgeholt hatte, in sein Labor, um die Geräte, die den Wärmezauber überwacht hatten, zu untersuchen. Mit einigen einfachen Zaubern konnte er die Bewegung des Zaubers auf ein Blatt Papier übertragen und stellte dabei fest, dass der Zauber deutlich schneller erloschen war, als erwartet. Es war schon relativ spät, so dass er keine Zeit hatte, sich das alles genau anzusehen, also begnügte er sich damit, alles zu dokumentieren und die einzelnen Drucke in zeitlicher Abfolge zu ordnen. So konnte er noch kein Muster erkennen, aber das ergab sich ja vielleicht Morgen bei genauerer Analyse.

Gegen viertel nach fünf hatte er soweit alles fertig und verstaute die Mappe mit den Aufzeichnungen erst einmal in seinem Schreibtisch und bereitete sich auf Kira vor. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sie wieder auf die Minute pünktlich war. Er stand kurz auf und bat sie herein. Sie trat ein, begrüßte ihn und blickte ihn kurz, irgendwie vergnügt an, bevor sie wieder etwas ernster wurde, sich setzte und ihre Unterlagen ordnete. Mitras wunderte sich über diesen Anflug von Heiterkeit, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Sie saß vor ihm und unterdrückte offenbar ein Grinsen, was in ihrem Gesicht kleine Grübchen in den Wangen zur Folge hatte. Warum auch immer sie so gut gelaunt war, es sah auf jeden Fall sehr niedlich aus. Mitras räusperte sich, um sich konzentrieren zu können, und fragte: „Heute reden wir also über Politik?“ Kira nickte. „Gut, dann fassen Sie einmal zusammen, was Sie an dem Lehrbuch besonders interessiert hat.“ Sie schilderte ihm, was sie über die Organisation der Distrikte, den Aufstieg des Hauses Leonidas erarbeitet hatte und wie es die Könige der Linie schafften, ihre Macht immer mehr zu festigen. Wie immer war ihr Vortrag sowohl detailreich als auch unterhaltsam, ohne dabei vom Wesentlichen zu sehr abzuschweifen. Er korrigierte ein wenig ihre Vorstellung von den Lehnspflichten eines Adeligen – zwar waren Magier immer zum Kriegsdienst verpflichtet, aber ansonsten gehörte dieser Dienst nicht mehr standardmäßig zu den Plichten eines Lehnsherrens, man konnte sich auch mit Geld oder Waren davon befreien. Und da viele Adelige gar kein Lehen besaßen, war es noch weniger so, dass alle Adeligen im Kriegfalle zur Armee eingezogen wurden. Danach wandten sie sich der Mathematik zu. Wie von ihm vermutet hatte Abigail mit ihr das erste Kapitel durchgearbeitet und die Aufgaben bereits besprochen. Er prüfte, ob sie das Grundprinzip besser verstanden hatte, indem er ihr einige Aufgaben vorlegte, die er sich selbst ausgedacht hatte. Sie brauchte zwar merkbar Zeit zum Rechnen, doch es gelang ihr, alle richtig zu lösen. Er war positiv überrascht. Sie hatte sich binnen zwei Tagen signifikant verbessert. Anscheinend hatte Abigail es geschafft ihren Widerwillen der Mathematik gegenüber zu überwinden. Sie musste wahrscheinlich immer noch einiges aufholen, aber ihre Lösungen und ihre Überlegungen, die sie beim Rechnen verbalisierte, entsprachen nun schon eher dem Niveau, mit dem er gerechnet hatte. „Gut. Sie haben es anscheinend geschafft, ihr Verständnis deutlich zu verbessern. Lernen sie weiter mit Abigail und versuchen Sie sich auch ruhig an den folgenden Kapiteln. Konzentrieren Sie sich aber zunächst auf die anderen Lehrbücher, so wie wir es besprochen haben, und lernen sie Mathematik in kleinen Häppchen.“, lobte er sie sichtlich zufrieden. Sie strahlte ihn an, zunächst offenbar erfreut über sein Lob, dann stahl sich etwas anderes, schalkhaftes in ihre Augen, während sie ihn ansah, und sich biss sich ein wenig auf die Lippen, um ihre Erheiterung zu unterdrücken. Mitras fand es schade, dass sie sich anscheinend der Freude nicht ganz hingeben konnte, aber es erinnerte ihn auch an sich selber. Auch er neigte ja dazu, seine Gefühle nur selten offen zu zeigen und er hatte sich schon des Öfteren selbst dabei erwischt, wie er ein Lächeln aus Freude über ein Lob unterdrückt hatte, um dem Gegenüber nicht zu zeigen, dass es ihm etwas bedeutete. Hoffentlich wird sie mir irgendwann mehr vertrauen als ich meinen Mentoren je vertraut habe, dachte er. Das war defintiv etwas, was er Thadeus zuschreiben konnte – vor seiner Lehre bei ihm war er nicht so misstrauisch gewesen, eher ein wilder, sorgloser Junge. Manchmal vermisste er die alten Tage, an denen er mit William durch die Viertel gezogen war. Er seufzte und lächelte sie dann freundlich an, damit sie nicht dachte, das Seufzen gelte ihr. „Nun denn, ich hatte Ihnen einen Einblick in meine Forschungen versprochen. Kommen Sie mit.“, sagte er, stand auf und ging in den hinteren Teil des Labors. Er nahm das Tuch vom Elektrumzylinder, stellte kurz einige der empfindlicheren Geräte zur Seite und blickte sich zu ihr um. „Sehen Sie sich diesen Zylinder an. Können Sie mir sagen aus welchem Material er besteht?“ Sie kam näher und betrachtete die Probe ausführlich. „Nur zu fassen Sie ihn ruhig an. Es ist nichts gefährliches daran.“ ermutigte er sie. Sie streckte die Hand aus und strich über den unterarmlangen, handtellerbreiten Zylinder. „Ein Metall? Es ist glatt und kühl und die Farbe ist silbrig, also kann es kein Gold sein, aber für Silber ist es auch zu bläulich… und andere Metalle außer Silber, die silbrig sind, kenne ich nicht.“ Er lächelte ein wenig schelmisch und mit Stolz in der Stimme antwortete er ihr: „Nun, es hätte mich auch schwer schockiert, wenn Sie das Metall identifiziert hätten. Was Sie da vor sich haben ist eine recht komplexe Legierung, die ich Elektrum getauft habe. Es besteht zu einem Teil aus Silber, zu einem Teil aus Cadmium und aus einem neuen Stoff, den ich Venarium genannt habe. Ergänzt wird das Ganze dann noch durch einen Teil Titan. Diesen neuen Stoff und die Legierung habe ich vor einigen Jahren bei der Erforschung alter alchemistischer Werke entdeckt. Eigentlich sollte dabei unter Zuhilfenahme von Magie ein Material entstehen, das der Stein der Weisen genannt wird und als Schlüssel die Transmutation unedler Metalle hin zu Gold ermöglichen sollte. Tja, den Stein der Weisen habe ich nicht entdeckt, dafür aber ein Material, dass selbst Stahl in allen Punkten überlegen ist und das anders als Stahl oder einfaches Eisen einen Vorteil bietet. Es reagiert auf Magie.“ Er wandte sich kurz um und ging zu einem der Schränke hinter dem Versuchsaufbau. Er kramte kurz darin herum und zog zwei Schwerter heraus, die er dann Kira zeigte. Das Schwert, dass er in der rechten trug war, ein normales Infanterieschwert aus Stahl, nur, dass es nicht geschliffen war und zahlreiche Scharten aufwies. Das Rechte war ein Rapier. Die Klinge und der Griff wirkten wie aus einem einzigen Stück geformt und es sah sehr scharf aus. Es gab keinerlei Nähte oder sonstige Bearbeitungsspuren. „Was Sie hier sehen, ist ein normales Langschwert aus Stahl und mein erstes Erzeugnis aus dem Elektrum. Ich brauchte damals Geld, um meine Forschungen weiter zu treiben. Also bin ich bei der Generalität vorstellig geworden, nachdem ich ein Patent beantragt hatte. Ich demonstrierte den Nutzen meines neuen Materials, indem ich mit diesem Rapier hier das Langschwert so zugerichtet habe. Die Klinge des Schwertes ist aus bestem mehrfach gefalteten Waffenstahl und ich habe sie mit einem Duzend Schlägen einer deutlich dünneren Klinge fast schon unbrauchbar gemacht. Einer Klinge, die ich mithilfe von Magie binnen eines halben Tages geformt hatte. Ich hatte gehofft, dass mir die Generalität größere Mengen abkauft und ich so meine Forschungen weiter treiben konnte. Waffen waren jedenfalls nie meine direkte Intention. Dummerweise sah man in der Generalität noch viel mehr Potential zum Kriegseinsatz eines solchen Materials, als nur harte Rapiere damit zu erzeugen. Wissen Sie, ich habe Kontakte zum Königshaus und die musste ich damals völlig ausreizen, sonst hätte man mir meine Forschungen damals schon weg genommen. Nun habe ich ein Geheimpatent und einen Lieferauftrag. Das einzig Gute daran ist, dass die Generalität nun nochmal deutlich mehr pro Gramm zahlt als ich erwartet hatte. Und ich muss die Schwerter nicht selber formen. “ Er kicherte zynisch in sich hinein. „Es gibt im Militärhaushalt wahrscheinlich einen eigenen Buchungspunkt mit Namen Mitras di Venaris.“ Er räusperte sich und blickte wieder zu ihr. „Mein eigentliches Ziel ist es einen elektrischen Generator zu entwickeln. Alle ferromagnetischen Stoffe, die wir kennen, und auch Kupfer sind antimagisch. Warum weiß keiner, auch weil es auf dem ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen Kupfer und den Ferromagneten gibt. Das Elektrum ist aber auch ferromagnetisch, obwohl es magisch ist. Nicht nur das, es ist ein äußerst potentes Material, dessen magische Eigenschaften enorm sind. Sie gehen über alles Bekannte hinaus. Wie ich kürzlich feststellen musste sogar noch mehr, als ich mir vorstellen konnte – die Zauber scheinen durch das Material wandern zu können. Ist Ihnen das Prinzip eines elektrischen Generators überhaupt geläufig?“ Kira schüttelte den Kopf. „Es ist eigentlich recht einfach. Wird ein Eisenmagnet durch eine Kupferschlaufe geführt, dann erzeugt das in ihr einen Strom. Viele Windungen sorgen dabei für mehr Strom. Der fließt aber nur, wenn sich der Magnet bewegt. Bisher arbeiten Generatoren entweder mit Verbrennungsöfen durch Dampfantrieb oder durch Wasser- oder Windkraft. Mein Ziel ist es einen Generator zu entwickeln, der einen Elektrummagneten nutzt, der durch Magie bewegt wird. Der Zylinder hier ist so ein Elektrumkern. Er kann leicht magnetisiert werden. Das Problem ist nur, dass er, soweit ich es bisher erforscht habe, diese Größe haben muss, um einigermaßen produktiv Strom zu erzeugen. Der Zauber, den ich derzeit für die Bewegung nutze, erfordert große Mengen an Magie und wirkt dann nur zwei Tage. Ich bin also noch weit von einem praktischen Nutzen entfernt. Und frustrierender Weise sind meine jüngsten Ansätze, die Dauer zu verlängern oder einen alternativen Zauber zu finden, gescheitert.“ Kira schaute ihn nachdenklich an. „Gibt es in der Magie auch eine Art „Energieerhaltungssatz“ wie in der Physik?“ „Ja, zumindest wird das vermutet. Allerdings wissen wir nicht genau, wie magische Energie und physikalische Energie zusammenhängen. Manchmal meditiert man eine ganze Nacht, um einen Block zwei Tage in Bewegung zu halten, und dann kommt ein Telekinetiker und schleudert mal eben einen zwei Tonnen Block nach kurzem Kanalisieren über eine Stadtmauer.“ Kira wirkte nachdenklich. Ihre Miene war völlig ernst geworden. „Man verbindet sich mit der Magie wie mit den Geistern, oder? Vielleicht ist es eine Frage der Tiefe dieser Verbindung…“  Mitras zog kurz eine Augenbraue hoch. Der Gedanke war nicht abwegig, aber es überraschte ihn, dass eine völlig ungelernte und unerfahrene Schülerin ihn äußerte.“Ich habe mich nie sonderlich tief mit der Verbindung der Priester mit der Geisterwelt beschäftigt, aber die astralen Lebewesen und die Magie kommen, soweit wir das heute sagen können, aus derselben Quelle. Woher wissen Sie von den Verbindungen? Wieder ihr Priester?“ Kira nickte. „Wir haben uns manchmal darüber unterhalten. Er hat mir versucht zu erklären, wie es sich anfühlt, zu den Geistern Kontakt aufzunehmen, und wenn es mir sehr schlecht ging, habe ich auch versucht, zu ihnen zu sprechen. Keine Ahnung, ob sie mich erhört haben, aber manchmal gab es schon seltsame Dinge, die dann passiert sind… deswegen habe ich davon geträumt, Priesterin werden zu können, wenn ich die Matura geschafft hätte.“ Mitras sah sie ein bisschen mitleidig an. „Nun, aus diesem Traum wäre nichts geworden. Bei Ihrem ersten Gespräch im Priesterseminar oder wo auch immer Sie für eine Ausbildung hin gegangen wären, hätte man Ihre Begabung erkannt und Sie wären dann auch an einer Magierschule gelandet. Auch die Zeichen und Ereignisse, die Sie beobachtet haben, gehen wohl eher auf das Konto Ihrer eigenen Fähigkeiten, als auf das der Geister.“ Kira schaute zu Boden. „Kann es denn nicht auch sein, dass man magisch begabt ist und dennoch mit den Geistern sprechen kann?“ „Das ist schon möglich, ich glaube, im Bereich der Hellsicht wird es auch manchmal probiert. Aber wer magisch begabt ist, muss geschult werden, sonst können diese Kräfte dem Träger und anderen schaden – und ich vermute, dass wissen Sie sehr genau.“ Kira zuckte zusammen und nickte. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich verurteile Sie nicht für das was da vorgefallen ist. Sie hatten in dem Moment keine Kontrolle über Ihre Kräfte.“ Kira schaute ihn an. Für einen Moment sah er in ihrem unglaublich traurigen Gesicht ein Lächeln aufblitzen, das dort gar nicht hinpasste. Sie setze an, etwas zu sagen, brach dann aber ab und wurde wieder traurig. „Aber ich wollte ihm wehtun. Denken Sie nicht auch, dass mich das zu einem schlechten Menschen macht? Bruder Harras hat gesagt, der Wunsch hätte sich in dem Zauber manifestiert. Ich wollte seinen Arm verdrehen.“ Mitras dachte an Vorgestern, sowohl an die di Porrums, als auch an die Kneipe. „Dass Sie ihm weh tun wollten allein, macht Sie noch nicht zu einem bösen Menschen. Der Grund dafür entscheidet.“ Und Mitras wusste, dass er am Hafen nur knapp am falschen Grund vorbei gekommen war. „Hmhm.“ Kira schien mit den Tränen zu kämpfen. Sie wischte sich über die Augen. „Warum laden Sie den Generator eigentlich nachts?“, wechselte sie das Thema. Mitras ließ die Frage nach dem Grund auf sich beruhen und beantwortete ihre Frage: „Aus zwei Gründen, der Generator ist noch nicht kommerziell einsatzbereit und ich möchte meine Forschung solange möglichst geheim halten, bis ich das ändern kann. Der andere Grund ist wesentlich trivialer, ich muss eine große Menge Magie kanalisieren, was Stunden dauert und in dieser Zeit muss ich ungestört bleiben. Da bietet es sich nunmal an Nachts zu arbeiten, auch wenn das fürchterliche Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden hat.“ Er lächelte müde und gähnte beim letzten Satz theatralisch. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon fast Zeit für das Abendessen war. „Gut, das reicht erst einmal. Wenn Sie noch Fragen zu meiner Forschung haben, nur zu, aber jetzt geht es erstmal zum Abendessen.“ Kira nickte. „Ich bringe meine Sachen weg.“ Mitras sah ihr nach, wie sie aus der Tür verschwand. Was war der Grund gewesen? Warum weinte sie beinahe, aber traute sich nicht, ihn zu nennen? Und was hatte sie in ihren Erinnerungen trotz allem erheitert? Während Mitras noch voller Sorge über seine Schülerin und ihre Vergangenheit nachdachte, verstaute er die Schwerter und deckte den Zylinder wieder ab.

Kira lief in ihr Zimmer. Der Grund. Der Grund entscheidet. Ob Magister Mitras ihr den Grund glauben würde? Dass sie Johann nicht angegriffen hatte, um ihm zu schaden, sondern um sich zu verteidigen? Aber wer glaubte einer jungen Magierin, die eh immer nur dadurch aufgefallen war, dass sie sich nicht an Regeln hielt? Vor allem, wenn der, der die andere Geschichte erzählte, ein Adeliger war und sie nur ein Dorfmädchen? Sie verfluchte sich selbst ein wenig. Sich nicht an Regeln zu halten, hatte ihr Freiheiten ermöglicht, und kleine, glückliche Momente. Diese Selbstzweifel hatte sie schon in den drei Tagen überwunden, die ihre Eltern sie in ihrem Zimmer eingesperrt hatten. Aber wenn… wenn sie doch etwas weniger Streiche gespielt hätte. Etwas weniger oft… anders… gewesen wäre. Ein bisschen weniger. Vielleicht hätte ihre Mutter sich dann angehört, was sie zu sagen hatte? Vielleicht hätte man ihr dann geglaubt? Vielleicht glaubte Mitras ihn dann jetzt? Sie seufzte schwer. Ja, an dieser Stelle war sie schon einige Male gewesen in den drei Tagen Gefangenschaft. Aber wenn sie ehrlich war, hätte ihre Mutter ihr vermutlich nie geglaubt – dazu hatte sie auch vor dem Vorfall schon zu sehr gewollt, Kira wäre gar nicht erst geboren worden. Und wie damals sprach auch jetzt die Erinnerung an die warme Stimme von Bruder Harras zu ihr: Sie hatte stets getan, was richtig war. Warnungen ausgesprochen. Unrecht gerächt. Sie hatte Spaß daran gehabt, andere hinter das Licht zu führen, aber sie war nicht bösartig. Und deswegen hatte sie sich auch nichts vorzuwerfen. Sie war, wie sie war. Und es war nicht ihre Schuld, dass die Dorfbewohner, ja selbst ihre eigenen Eltern, sie nicht als das sehen konnten, was sie war – eine kluge Frau, die ihren eigenen Weg ging. Kira seufzte erneut. Sie vermisste den Trost und die warmen Umarmungen ihres Ersatz-Opas, wie sie ihn manchmal liebevoll genannt hatte. Vielleicht sollte ich ihm auch einen Brief schreiben und ihn fragen, ob ich Mitras sagen sollte, was vorgefallen ist? Irgendwann findet er es ja vermutlich eh heraus. Hoffentlich. Ich will nicht, dass er mich für bösartig hält. Aber ich habe ja nicht mal Harras gesag, was wirklich passiert ist. Er hat auch gar nicht gefragt, fiel ihr auf. Hatte er von sich aus angenommen, sie habe einen guten Grund gehabt? Immerhin hatte er in den drei Tagen immer wieder nach ihr geschaut, mit ihr gesprochen, sie hatte sogar das Gefühl gehabt, noch im Traum mit ihm zu sprechen, allerdings mehr über Pflanzen als über die Verletzungen, die sie Johann zugefügt hatte. Ist Verteidigung ein Grund, jemanden zu verletzen? War es überhaupt richtig gewesen, sich zu verteidigen? Hätte sie nicht einfach nachgeben sollen? Johann hatte ja gesagt, ihr Aussehen wäre schuld gewesen, weil sie sich nicht richtig bewegt und angezogen hatte… war sie selber schuld? Gedankenverloren schaute sie auf ihre Bücher und Materialien in ihrer Hand. Sie musste zum Abendessen. Sie war jetzt hier. Es machte keinen Sinn, sich über die Vergangenheit jetzt den Kopf zu zerbrechen. „Das macht nur unnötig Sorgenfalten!“, klang die Stimme von Adrian in ihrem Kopf. Sie lächelte ein wenig. Langsam legte sie die Bücher weg, lief zum Waschbecken und wusch sich die Tränen vom Gesicht, ehe sie nach unten ging.

Nach dem Abendessen blieben William und Mitras im Esszimmer sitzen und spielten eine Partie Dame. Kira sah interessiert zu, und spielte dann zunächst eine Runde gegen William und anschließend gegen Mitras, verlor aber beide Runden. Es war ihr egal. Sie wollte nicht allein oben im Zimmer sein und war dankbar, mit den beiden Männern zusammensitzen zu können. Nachdem sie drei weitere Spiele beobachtet hatte, gewann sie eines gegen Mitras, der ihr mit einem Lächeln gratulierte, das Kira das Gefühl gab, ihr Herz wüde kurz einen Schlag aussetzen. Meistens sah ihr Mentor ernst und nachdenklich aus, oder müde und abgekämpft, doch wenn er lächelte, schien sogar in seinen eisblauen Augen ein kleines bisschen Sonne zu funkeln. Kira räumte den Spielplatz und beobachtete Mitras, wie er die nächste Runde mit William spielte. Er hatte ein feines Gesicht mit kantigen, aber nicht zu rauen Konturen, fand sie. Um den Mund herum gab es kleine Stoppeln, die ihr bisher nicht aufgefallen waren, vermutlich rasierte er sich täglich. Seine Haare waren braun, teilweise schwarz, etwa einen halben Finger lang und sorgfältig geschnitten. Eine kleine, etwas längere Strähne an der rechten Schläfe schien sich nicht an die allgemeine Ordnung halten zu wollen und rutsche ihm immer wieder in die Stirn, von wo er sie ab und zu mit einer flüchtigen Bewegung wieder nach oben schob. Kira überlegte, wie alt er sein mochte. Er sah gut aus, nicht eine weiße Strähne war zu sehen, also konnte er nicht viel älter als 45 sein. Er sah aber mehr wie 35 aus. Schade, dass er so selten lächelt, dachte sie. Mit diesem Lächeln könnte er bestimmt einige Frauen erobern. Warum war er eigentlich nicht verheiratet? Sie legte den Kopf auf den Tisch und beobachtete ihn von schräg unten, wie er konzentriert das Spielfeld betrachtete. Er war schlau, und ehrgeizig. Dass er den Einsatz des Elektrums als Waffe ablehnte, sprach dafür, dass er einen guten Charakter hatte und vernünftig war. Nur Narren wünschen sich Krieg, hatte ihr Vater stets gesagt, und in diesem Punkt hatte er sicher Recht gehabt. Sie dachte über die Beziehungen zum Könighaus nach. Ob sie auch irgendwann einmal den Palast von innen würde sehen können? Das würde ihr doch nie jemand in Bispar glauben. Veträumt lächelte sie vor sich hin. Die würden sowieso allerhand nicht glauben… Penisskulpturen. Sie grinste in sich hinein. William und Mitras spielten neben ihr, der Raum war warm, ruhig und friedlich. Langsam döste sie ein.

Am nächsten Tag setzte Mitras seine Forschungen fort. Kira war gestern Abend einfach am Esstisch eingeschlafen und ließ sich auch nicht mehr wecken. Mitras konnte ihr das auch nicht verübeln. Er hatte Abigail noch einmal gerufen und sie gebeten, ihm dabei zu helfen, Kira ins Bett zu bringen. Sie hochzubringen, war kein Problem. Er hob sie einfach mit einem Zauber an und brachte sie hoch. Der delikate Teil war es, sie in ihr Nachtzeug zu stecken. Mitras wollte sie nicht einfach in ihren normalen Kleidern schlafen legen. Er hielt sie waagerecht in der Luft und drehte sich um, während Abby sie umzog, damit auf keinen Fall der falsche Eindruck entstand. Obwohl er zugeben musste, dass der Anblick ihre Rückens im Spiegel hübsch gewesen war… Doch dass er so dachte, sollte niemand wissen. Seine Feinde würden Kira sicher gern als Angriffsfläche nutzen – entweder, um seinen Ruf durch den Schmutz zu ziehen oder indem sie ihr direkt Schaden zufügen. Nein, er konnte es sich nicht leisten, eine Frau interessant zu finden. Als Abby fertig war, legte er Kira im Bett ab und seine Haushälterin deckte sie zu. 

Nun war bereits der halbe Tag vergangen. Nachdem er beim letzten Versuch mit Wärme gearbeitet hatte, war heute Veränderungsmagie dran. Telekinese hatte er durch den zerstörten Generator bereits beobachten können und er legte keinen Wert darauf, das zu wiederholen. Um keinen Schaden anzurichten, hatte er sich etwas einfaches ausgesucht. Ertastete man das Material magisch, konnte man kleine, einzelne Zellen im Material entdecken. Das war ihm beim Wandern der Wärme aufgefallen. Nun brachte er ganz bewusst einen Bereich am Mantel zum leuchten. Ein kleiner Lichtpunkt tauchte auf und strahlte weißes Licht ab.

Den restlichen Nachmittag behielt er den Zylinder im Auge, während er Notizen anfertigte und mit seinem Bericht anfing. Nach einer Weile fing das Licht an zu wandern, oder vielmehr zu springen. Innerhalb eines Lidschlages erlosch es an der einen Stelle und tauchte an einer Benachbarten auf. Nach ein paar Sprüngen wechselte es plötzlich die Farbe, statt weiß leuchtete es nun gelb und während der nächsten Stunden sprang es weiter und wechselte immer wieder die Farbe. Zeitweise verschwand es auch ganz, aber ein Magie erkennen Zauber zeigte, dass es nur ins Innere gesprungen war.

Wie immer erschien Kira pünktlich und auch, wenn sie zwischendurch vom Zylinder abgelenkt wurde, war ihr Vortrag zur Physik wieder gut. Jedenfalls, was das allgemeine Verständnis anging. Sie konnte noch nicht mit Variablen rechnen, aber das hatte er schon erwartet. Er konnte ihr aber ansehen, dass sie das sehr belastete. „Machen Sie sich keine Sorgen, den Umgang mit mathematischen Formeln und wie wir damit Sachen in der Physik und auch in der magischen Forschung darstellen, werden Sie schon noch lernen.“, sagte er in einem möglichst aufmunterndem Tonfall. Ihre Rechenergebnisse bei den linearen Aufgaben waren wieder besser geworden und das Lob, dass er ihr dafür gab, baute sie sichtlich wieder auf. Gegen Ende konnte sie dann auch ihre Neugier nicht mehr unterdrücken und fragte nach dem Lichtpunkt. „Ich habe einen Punkt auf der Oberfläche zum Leuchten gebracht und nun wandert der Punkt durch so nicht sichtbare Strukturen im Material.“, antwortete er ihr. „Wenn Sie einen kleineren Zylinder oder eine andere Form verwenden und mehr als nur einen Punkt darauf leuchten lassen könnten Sie Schmuck daraus fertigen.“, schlug sie vor. Er lachte und antwortete: „Ja, das ist keine schlechte Idee. Der Zauber wirkt allerdings nur ein paar Stunden und müsste eigentlich schon längst erloschen sein. Das Elektrum scheint auch nicht geeignet zu sein, dauerhafte Verzauberungen zu halten, leider. Nur Zauber die auf die Form wirken, die funktionieren seltsamerweise fast ohne Begrenzung. Aber alle anderen Verzauberungen verlöschen irgendwann.“ Und wie auf Kommando erlosch das Licht und ließ sich auch im Inneren des Materials nicht mehr erkennen. „Hmm, interessant, Telekinesezauber wirken kürzer als erwartet. Verwandlungsmagie dafür länger. Der Wärmezauber lag ungefähr im Rahmen.“, grübelte Mitras. „Was hat das zu bedeuten, Magister?“ „Das kann ich noch nicht sagen, aber es ist eine interessante Entdeckung. Gut, aber nun geht es erst einmal zum Essen und dann geht es für mich zum Generator.“

Kira folgte ihm zum Essen. Als sie heute morgen aufgewacht war, hatte sie sich zu ihrer Verwunderung im Bett wiedergefunden, sogar in Schlafsachen. William hatte ihr auf ihre Nachfrage, als sie um acht herunter ging, sich Frühstück zu holen, erklärt, was passiert war. Abby hatte unter Kichern hinzugefügt, wie verschämt sich Mitras umgedreht hatte. Kira hatte eine Weile dadürber nachgedacht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte. Es war ziemlich gut, dass Mitras ganz offensichtlich viel Anstand und Manieren hatte, und sich bemühte, ihr nicht zu nahe zu treten. Sehr proffesionell, und es gab ihr auch ein Gefühl von Sicherheit, stellte sie fest. Obwohl Mitras ein attraktiver Mann war, war er ja immer noch ein Mann, und vielleicht hätte sie ihn durch etwas zu lose Bekleidung ebenfalls zu sehr reizen können. Sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Da war aber auch ein Funken Bedauern in ihr. Sie war sich nicht sicher, ob sie Mitras ablehnen würde. Dieser Gedanke hatte sie zunächst ziemlich erschreckt und dann eine Weile vom Lernen abgehalten. Männer waren grob und gefährlich und nach allem, was sie über Sex wusste, war das für Männer eine angenehme und auch recht notwendige Angelegenheit. Bei Frauen hingegen hatte sie etliche Horrorgeschichten gehört – wenn man ehrlich war, eher belauscht – und nur einige gute Varianten. Ihre Mutter selbst hatte nie mit ihr über Sex gesprochen, nur ihr Vater, und der war dabei recht unsicher gewesen. Selbst die Lehrer in der Volksschule waren weniger am stottern gewesen. Kira amüsierte sich in der Erinnerung stets darüber. Sie hatte kein besonders intensives Verhältnis zu ihrem Vater, er war oft weg, und wenn er wiederkam, hörte er stets erst die Geschichten seiner Frau über sein „unmögliches Trollbalg“, ehe er mit ihr selber sprach. Außerdem nutzte er für ihr Verständnis den Stock oder einen Gürtel zu oft als Erziehungsmittel. Kira wusste, dass er sie durchaus manchmal verteidigte, dass auch die Tatsache, dass sie weiter zur Schule hatte gehen dürfen, auf dem Eingreifen des Vaters beruhte, aber herzlich konnte man das Verhältnis wirklich nicht nennen. Er war als Mann eben seinen Söhnen mehr zugetan, zumal diesen ja auch gesellschaftlich mehr Wert zugemessen wurde als einer Tochter, insbesondere einer, die aussah, wie die allgemein verhassten Skir.
Kira betrachtete Mitras, Abby, Tobey und William, wie sie beim Essen saßen und sich unterhielten. Sie hatte sich bereits heute vormittag gefragt, ob ihre Vorstellung, alle Menschen in Albion würden die Skir hassen, vielleicht gar nicht richtig war. Keiner der drei und auch niemand sonst in der Hauptstadt wie die Händler oder Rieke hatte bisher dieselbe Misstrauen oder gar Abneigung gezeigt, dass ihr sonst entgegen schlug. Die Händler hatten ihr Haar ja sogar gelobt! Woran das wohl lag? Als alle mit dem Essen fertig waren, nahm sie ihren Mut zusammen und wandte sie sich an Mitras: „Magister, ich habe eine Frage.“ Mitras schaute sie neugierig an und nickte, auch die anderen wandten sich ihr zu. „In Burnias werden Skir oft angespuckt oder verachtet. Es gibt dort auch wenige mit solchem Aussehen… also, wie ich… zumindest nicht in den Dörfern um Lührenburg, erst in Libekke oder so, habe ich gehört. Hier in Uldum werde ich zwar angesehen, aber es ist weniger verächtlich. Ihr habt nicht mal gezuckt, als ihr meine Haare gesehen habt. Kennt man die Skir hier nicht?“ Eine Weile herrschte verblüfftes Schweigen am Tisch. Dann redeten sowohl Abigail als auch Mitras gleichzeitig. „Warum sollte man die Skir hassen?“, fragte Abby, während Mitras empört sagte: „Jemanden wegen seines Aussehens zu verachten, ist falsch!“ Kira war verblüfft und beschloß, auf Abbys Frage zu antworten: „Na, weil sie uns überfallen und uns das Land wegnehmen, grausam und brutal sind.“ Mitras schaute sie scharf an. „Kira, wenn man ganz ehrlich ist, haben WIR den Skir ihr Land weggenommen, nicht umgekehrt. Das, was Sie da sagen, klingt für mich nach ziemlichen Vorurteilen, die einer Dame eigentlich nicht gut anstehen.“ Kira öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Natürlich wusste sie, dass das in den Nordkriegen eroberte Land den Skir gehört hatte. In Libekke gab es auch noch viele Skirfamilien, aber sie war selbst noch nie dort gewesen. Aber das restliche Land, besonders das, was nun zum Distrikt Burnias gehörte, war vorher kaum besiedelt gewesen. Die Skir waren eben unzivilisierte Jäger, die mit dem fruchtbaren Land wenig anfangen konnten, oder etwa nicht? Sie dachte nach. War das, was sie in der Schule und im Dorf gehört hatte, vielleicht falsch? Zumindest nicht ganz richtig, erkannte sie. Es musste Skir in Burnias gegeben haben, sonst wäre das Gebiet nicht „in den Nordkriegen erobert“ worden. Wo waren die vor 150 Jahren geblieben? Sie hatte sich das nie gefragt. Skir waren die Feinde, und sie sah einfach aus wie der Feind, so war es ihr ganzes Leben gewesen. Sie schaute Mitras an. „Entschuldigt, Magister. Ich wollte nicht unangemessen sein. Es ist nur… ich habe bisher nie erlebt, dass viele Menschen die Skir anders sehen.“ Oder mich, fügte sie in Gedanken hinzu. Eigentlich waren Bruder Harras, ihr Bruder Adrian und ein bisschen ihr Vater die einzigen gewesen, sie sie nicht als Feind betrachtet hatten. Also hatte sie die Skir als Feinde betrachtet, als diejenigen, weswegen sie leiden musste. Sie schaute zu Boden. Etwas in ihr bröckelte. War es falsch gewesen? Die Reaktion von Abby und Mitras zeigte ihr ja deutlich, dass die Sicht auf die Skir als verachtete Feinde hier zumindest nicht üblich war. „Die Gegenden im Norden sind oft von Siedlern aus Berg und der restlichen Ostküste besiedelt worden, die seit Jahrhunderten unter einzelnen Skirangriffen leiden „, sagte William versöhnlich. Mitras nickte und ergänzte: „Lesen Sie mehr darüber, wenn Sie das nächste Mal Geschichte lernen. Ich habe in unserer Hausbibliothek auch einige Werke speziell zu Handel und Krieg mit den Skir, glaube ich. Es wäre verständlich, dass in den nördlichen Provinzen die Skir oft als Feinde dargestellt werden, es ist sogar vielleicht politisch gewollt. Aber die Menschen vergessen zu schnell, dass auf einen Überfall auch immer zehn gute, Reichtum bringende Handelsfahrten kamen, egal ob es um Rhodestaria, Skir oder Astellia geht.“ Geschichte wird von den Siegern geschrieben, fiel Kira die Aussage von Harras wieder ein, und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, diese Aussage ein bisschen zu verstehen. Sie schaute auf ihre Hände, die sie unbewusst im Schoß verkrampft hatte. Hieß das auch, dass all die Beleidigungen, all die Missgunst, die die anderen sie hatten erleben lassen, gar nicht natürlich war, sondern ein Fehler, ein Vorurteil? Sie hatte das Gefühl, etwas in ihrem Inneren würde gleich reißen. Die Skir waren nicht immer böse. Sie war nicht der Feind. Sie war nicht … wirklich nicht schuld? In ihr tobte ein Sturm an Gefühlen, Wut, Verzweiflung, Unglaube, Ärger, Ärger über sich selber… warum hatte sie so einen Gedanken nicht vorher gehabt? Wenn sie nun darüber nachdachte, hatte Bruder Harras sogar öfters Dinge gesagt, die eigentlich dasselbe andeuteten – weder war Kira böse, noch waren es die Skir. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schoßen. Was war sie nur für ein dummes Dorfkind. Scham mischte sich in das Gefühlschaos. Sie schluckte. „Wenn ihr mich entschuldigen würdet…“ Sie stand auf, knickste kurz und ging hinaus, eilte fast in ihr Zimmer und vergrub sich unter den Decken. Dann kamen die Tränen. Erst langsam, dann immer mehr. Sie weinte, weinte über ihre Herkunft, ihr Aussehen, über diese andere Welt hier, die ihr die Fehler der alten Welt so klar vor Augen hielt, weinte über sich und ihre eigene Dummheit, weinte vor Erleichterung, vor Wut, vor Trauer.  Später hörte sie Abby und Mitras auf dem Flur sprechen und vergrub sich noch tiefer in den Kissen, wollte nicht mit ihnen reden oder sich erklären, aber es kam niemand herein, und sie war dankbar dafür.  ​

Familienbande – 10. Lunet 242 (Silenz)

 Kira wachte um halb sieben auf, wie sie feststellen konnte, sobald die Lampe hell genug leuchtete. Draußen war es stockfinster und es trommelte Schneeregen gegen das Fenster. Im Gegensatz zu gestern fühlte sie sich gar nicht erholt, ihre Stimmung passte zum Wetter. Ihr Kopf tat immer noch leicht weh, und sie erinnerte sich an wirre Träume, in denen sie ihren Vater gesehen hatte, der seinen Stock holte, um sie mal wieder für etwas zu betrafen, Johanns Hände, die nach ihr griffen und dazwischen immer wieder Mitras blaue Augen, die sie anblitzten und seine Stimme, die sagte: „Sie werden packen.“ Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und seufzte. Die Angst der Traumfetzen hing noch in ihr, und sie brauchte einen Moment, um Mut zu sammeln, sich diesem Tag zu stellen, ehe sie die Decke beseite schob und sich Wasser holte, um sich zu waschen. Dass es regnete, bedeutet, dass es wohl wieder wärmer geworden war, aber hier drinnen war es dank der Heizsteine wohlig warm wie immer. Sie wusch sich, zog eines ihrer guten alten Kleider ohne bauschigen Rock an und angelte sich das Mathebuch. Von nichts kommt nichts. Und wenn man einen Fehler macht, muss man ihn beheben. Sie seufzte noch einmal. Schade, dass sie viel mehr schlaue Sprüche als Matheformeln kannte. Sie schlug das erste Kapitel auf und begann, die Erklärungen Satz für Satz zu lesen. Was sie verstand, übertrug sie sich ins Heft, was sie nicht verstand (und das waren etliche Sätze), markierte sie mit Bleistift und notierte sich auf einem losen Blatt, was genau sie Abby dazu fragen wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie so den ersten Abschnitt des Buches zum Thema „Regula Detri“, also in neuerer Sprache Dreisatz, durchgearbeitet. Das Buch war anscheinend nicht mehr ganz das neueste. Oder es wurde immer erweitert. Sie blätterte kurz um und sah ihre zweite These bestätigt: Auch die Schriftart wechselte hinten im Buch, ebenso wohl der Sprachgebrauch und die Art, Formeln zu notieren. Sie schaute auf die Uhr. Erst viertel nach acht. Nachdenklich betrachtete sie ihre Notizen und dachte an Adrian, der ihr beigebracht hatte, wie man alleine mit Büchern arbeiten kann, um den Fernunterricht zu schaffen. Ob er manchmal an sie dachte? Sie spürte, wie die Traurigkeit und die Sehnsucht nach seinem Lachen, seinen beschützenden Armen in ihr aufstieg, und einige Tränen kullerten über ihre Wangen. Ob er die Lügen glaubte, die Johann und wohl auch ihre Mutter nun über sie erzählten? Sie würde ihm schreiben müssen… und da sie auf das Frühstück ja noch warten musste, konnte sie ja auch gleich damit beginnen. Immerhin hatte sie sich ja jetzt nicht vor Mathematik gedrückt.

Sie fischte sich ein leeres, sauberes Blatt aus dem Schreibtisch und begann zu schreiben.

Lieber Adrian,
ich vermisse dich sehr. Nie war ich so weit von dir, selbst dann nicht, als du die ganze Küste herunter gereist bist, um Vaters Geschäfte zu lernen. Denn damals habe ich immer gewusst, dass wir uns wieder sehen werden, und dass du mich hochnehmen und herumwirbeln wirst, sobald du den Raum betrittst. Jetzt bin ich mir so unsicher…
Egal was die anderen sagen, bitte glaube mir, ich habe Johann nicht angegriffen oder ihm schaden wollen. Er hat versucht, mich zu bedrängen, und ich bin einfach so wütend geworden, und dann war alles komisch um mich… ich kann es noch gar nicht beschreiben. Auf jeden Fall hat Mutter seitdem nicht mehr mit mir gesprochen, seitdem sie weiß, dass ihr kleines Trollbalg magisch begabt ist. Ich glaube, sie hat jetzt Angst vor mir. Hatte sie das nicht vorher auch schon? Hast du Angst? Ich würde euch nie etwas tun, wirklich nicht!
Man hat mich hier in Uldum einem jungen Magister zugewiesen, der wirklich sehr nett …

Kira hielt inne. War Mitras nett? Bis gestern hatte sie das zumindest gedacht. Und wenn sie ehrlich war, hatte er sie noch nicht mal besonders schlimm beschimpft. Er hatte nur gesagt, dass sie ohne Mathematik an der Akademie nicht würde bestehen können, und das war ja vermutlich nicht mal eine Beschimpfung, sondern die Wahrheit. Und dass sie sich – wie auch in all den Jahren zuhause – vor Mathematik gedrückt hatte, war ja nun eindeutig ihr Fehler gewesen. Als Mentor musste Mitras sie dafür rügen. Er hatte sie nicht mal geschlagen, stellte sie verblüfft fest. Entschlossen schrieb sie weiter.

… ist. Und er wohnt in einem total luxuriösem Haus, es gibt sogar ein Bad mit einer riesigen, kreisrunden Wanne hier, und ich darf es jederzeit benutzen! Stell dir vor, deine kleine Schwester wird vornehm.

Sie hielt wieder inne und kicherte in sich hinein. Vornehm und Kira Silva, das passte wirklich nicht. Draußen auf dem Flur klackte eine Tür. Sie schaute auf die Uhr. Schon fünf vor neun. Mitras ging wohl zum Frühstück, also sollte sie auch gehen. Ihre Laune hatte sich deutlich gebessert. Sie hauchte einen Kuss auf das Papier und versteckte den Brief, nachdem die Tinte trocken genug war, in der untersten Schublade des Schreibtisches. Dann ging sie nach unten.

Mitras saß tatsächlich am Esstisch. Sie grüßte ihn: „Guten Morgen, Magister.“ Er blickte kurz auf und nickte, sagte aber nichts. Seine Haare sahen ein wenig zerstrubbelt aus, und er hatte Ringe unter den Augen. Kira erinnerte sich, dass er wohl Schwierigkeiten mit dem Generator hatte, dass hatte Abby ja gestern gesagt. Wo er wohl gestern gewesen war? Sie öffnete die Küchentür und schaute in die Küche, wo William gerade leise summend Kartoffeln schälte. „Guten Morgen, William!“ „Mylady, wie schön, du bist wach!“ William winkte ihr freundlich zu. „Dein Frühstück steht da schon.“ Kira bedankte sich und nahm das Tablett. Sie versuchte, die Tür hinter sich mit dem Fuß zu schließen, schaffte es aber nicht, und William rief: „Lass, die kann auch offen bleiben.“ Mitras runzelte die Stirn und blickte mit leicht zusammengekniffenen Augen an ihr vorbei in die Küche, aber da er nichts sagte, ließ Kira die Tür einfach halb offen stehen und setze sich auf Tobeys Platz, gegenüber von Mitras. Dieser stocherte mehr in seinem Essen herum, als das er ass. Kira hingegen hatte Hunger, also gab sie sich Mühe, ruhig und anständig zu essen, um Mitras nicht weiter zu verärgern, ass aber mit Appetit das belegte Brot und die Schale mit Obst leer, die William für sie vorbereitet hatte. Zwischendurch linste sie ab und zu zu Mitras, doch dieser schwieg und schien eine dunkle Wolke um sich zu sammeln, die eindeutig sagte, dass man ihn besser nicht ansprach. Verlegen senkte Kira den Kopf wieder zu ihrem Essen. Vermutlich war er immer noch ziemlich enttäuscht von ihr. Zu Recht, piepste eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Du hast dich wirklich zu sehr gehen lassen gestern! Heute nicht, brachte Kira die Stimme zum Schweigen. Heute nicht. Sie räusperte sich. „Magister? Gibt es heute Termine, zu denen Sie mich brauchen?“ Mitras blickte sie einen Moment abwesend an, als nähme er erst jetzt war, nicht allein im Raum zu sein. Dann verdunkelte sich seine Mine noch etwas weiter, sofern das möglich war. „Nein.“ Kira hatte fast das Gefühl, das Wort wäre eine kleine Ohrfeige. Sie schluckte und stand auf, nahm das Tablett und stellte es zurück in die Küche. Dann verbeugte sie sich kurz und höflich vor Mitras und ging zurück in den Flur. Draußen lehnte sie sich einen Moment gegen die Wand und beruhigte ihren Atem wieder. Heute nicht. Heute nicht, sagte sie sich. Er ist nicht nur deinetwegen so wütend, ergänzte sie. Trotzdem verletzte sein abweisendes Verhalten. Nach einer Weile schüttelte sie sich und ging nach oben, um ihre Mathesachen zu holen. Wie sollte sie an Mitras vorbei kommen, um zu Abby ins Gesindehaus zu gehen? Eine Weile grübelte sie, auf der Galerie stehend, über diese Frage nach, als sich die Tür des Esszimmers öffnete und Mitras wortlos an ihr vorbei ins Labor rauschte. Sie seufzte. Ok. Wenigstens löste sich so das Problem, wie sie herüber gehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden, von alleine. Sie holte ihre Materialien und ihren Mantel und stapfte durch den Schneematsch herüber zum Gesindehaus.

Mitras hatte schlecht geschlafen und seine Laune war auf dem Tiefpunkt. Es entsetze ihn immer noch, dass er letzte Nacht kurz davor gewesen war sich mit dem besoffenen Trottel zu prügeln. Er war noch nicht einmal betrunken gewesen. Es war einfach nur die Wut, die ihn geleitet hatte. Er hatte sich prügeln wollen und wahrscheinlich hätte er die gesamte Kneipe zerlegt, wenn Titus die Lage nicht entschärft hätte. Die Scham darüber hatte ihn nun voll im Griff. Selbst wenn Kira bei der Prüfung nächstes Jahr ein Totalausfall gewesen wäre, hätte ihm das nicht so sehr geschadet wie die Entgleisung, in die er da beinahe hineingeschliddert wäre. Den ganzen Morgen brütete er nun schon darüber und konnte sich einfach nicht auf seine Arbeit konzentrieren, obwohl die doch gerade jetzt so wichtig war, dass er sogar das Treffen mit Rieke dafür abgesagt hatte.

Es klopfte an der Tür, doch er ignorierte es. Egal was es war, er wollte sich jetzt nicht damit auseinander setzen, doch da schob sich die Klinke nach unten. Mitras setzte zu Protest an, doch dann stand William bereits vor ihm und unterbrach ihn vor der ersten Silbe mit einer Handbewegung. „Nein, du verkriechst dich jetzt nicht, du hörst jetzt zu. Und dann sagst mir, was das eben sollte! Erst stauchst du Kira über alle Stränge zusammen, dann zerhaust du fast die Kneipe und dann watschst du sie mit deinem kalten Verhalten heute Morgen noch einmal ab! Ich dachte eigentlich, du wolltest es besser machen als Thadeus und jetzt bist du keinen Deut besser – du lässt deine Wut an anderen aus und bist über Tage ungenießbar!“ Williams Triade traf ihn noch härter als die Selbstvorwürfe, die er sich eh schon gemacht hatte. Und da war es wieder, das schlechte Gewissen. In all seinen Problemen hatte er Kira beinahe ausgeblendet. Ihre Leistung hatte ihn geärgert, aber durch Williams Vorwurf wurde ihm erst richtig bewusst, wie sehr er sie angefahren hatte – ja, selbst heute morgen hatte er sie noch ignoriert, obwohl sie sich nichts weiter zu Schulden hatte kommen lassen, als schlecht in Mathematik zu sein. Ja, ihre Aufgabe hatte klar gezeigt, dass sie selbst mit den Grundlagen Probleme hatte, aber war er nicht vorher schon besorgt gewesen, ob es in ihrer Familie nicht doch irgendwelche Probleme gab? Hatte sie nicht in allen anderen Bereichen gezeigt, dass sie überragend gut war? Er selbst hatte ihr ja sogar gesagt, sie solle mal Pausen machen, und dann warf er ihr genau das vor. An dieser Stelle fühlte sich die Reue fast wie körperlicher Schmerz an der Stelle an, an der er am Rücken die Narbe von Thadeus schlimmster Prügelattacke übrig behalten hatte, und er rieb sich mit leicht verzogenem Gesicht den Rücken. „He, willst du mich jetzt auch wohl mit Schweigen strafen, oder was?“ blaffte William und riss ihn so aus seinen Gedanken. „Nein, entschuldige, die letzten zwei Tage haben mir enorm zugesetzt und mich ausgelaugt. Du hast recht, ich war zu hart zu ihr.“ gestand er resignierend ein. „Ha, zu hart ist gut und was war das da gestern abend? Ich habe doch genau gesehen, dass du einen Zauber vorbereitet hast. Ich kenne die Gesten, du warst auf Streit aus!“, fuhr William etwas weniger hitzig fort. „Ja, auch da hast du recht und glaube mir, das nagt nun nur noch stärker an mir. Ich war kurz davor die Beherrschung zu verlieren.“ „Kurz davor? Du warst schon Meilenweit dran vorbei und selbst Titus hat das gemerkt!“, fiel William ihm ins Wort. „Wäre er nicht so geistesgegenwärtig gewesen und hätte die Situation an sich gerissen, hättest du eine Katastrophe vom Zaun gebrochen. Das sind doch nicht nur die Frustrationen von ein paar Tagen? Was ist los mit dir?“ Williams Triade ließ mit jedem Wort mehr Sorge um seinen Freund durchklingen. „Was los ist?“ antwortete Mitras erschöpft. „Meine Erfindung droht mir zu entgleiten. Die di Porrums gehen mich nun schon in aller Öffentlichkeit an, meine Experimente mit dem Generator scheitern schneller, als ich mir neue Lösungen ausdenken kann und di Accipiteris von der Generalität versucht den König dazu zu bewegen, mehr Elektrum von mir zu fordern. Ich habe neulich ihr neuestes Spielzeug gesehen. Ein Schwert aus Elektrum mit einem Feuerzauber versehen. Das Ding schnitt durch Stahl, als wäre es ein warmes Brotmessser, das durch Butter fährt. Das hebt den Schutz, den Eisen oder Stahlrüstungen gegen Magie im Nahkampf geben, komplett auf. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das in der Schlacht bedeutet. Noch können sie es nicht so machen, dass ein Nichtmagischer das Schwert führen kann und außerdem entlädt sich die Magie beim ersten Schlag auf die Eisenrüstung, aber die Hitze bleibt ja da. Verstehst du, sie sammeln Ideen für Waffen, um in den Krieg ziehen zu können. Klar, das mag im ersten Moment die absolute Überlegenheit unserer Truppen garantieren, aber was halten diese Wilden aus dem Süden für geheime Schrecken bereit, die sie sich bisher nicht getraut haben einzusetzen? Und wissen wir, welche zendrischen Schrecken die Angshire mit über das Meer gebracht haben oder noch holen können? Zu viele Stimmen im Rat raunen vom Krieg, der Frieden sei zu lang gewesen. Und ich, geblendet vom Reichtum, habe ihnen nun ein Mittel dafür gegeben. Und wer weiß, was sie sich noch alles ausdenken, wenn ich den Blick auf das Elektrum nicht bald auf eine zivile Nutzung lenke.“ Erst jetzt merkte er wie sehr ihn diese Sorgen auffraßen, aber es tat auch ein wenig gut, es nun endlich alles gesagt zu haben. „Ha, ja, das sind in der Tat kolossale Sorgen, aber was hat das mit Kira zu tun? Ich sag’s dir, vor lauter Frust hast du sie als Blitzableiter benutzt. Hat sie es wirklich verdient als dein Prügelknabe herzuhalten, nur weil sie in Mathe hinterher hinkt?“, entgegnete William. „Nein, das hat sie nicht, ich habe über die Stränge geschlagen“, gab Mitras niedergeschlagen zu. „Hm, gut, und was gedenkst du deswegen zu tun?“ fragte William nun deutlich ruhiger. Sie hatte durchaus eine Entschuldigung für den angeschlagenen Ton und auch für sein Verhalten heute Morgen verdient. Er musste nur an sich halten, dass er sie trotzdem wegen der Mathematik weiter ermahnte. Sie musste ihre Leistung verbessern, sonst würde sie nicht weit kommen. Aber es gab sicher bessere Wege als die alte Thadeusschule aus anschreien, demütigen und Schlägen. „Ich werde mich in unserer Stunde Morgen wegen des Tons bei ihr entschuldigen und dann sehen, wie wir das Matheproblem zusammen lösen können.“, antwortete er. „Ha, und was ist wohl mit heute Abend?“, gab William zurück. Mitras seufzte. „Meine Schwester wird mich wahrscheinlich schneller durchschauen als du gerade. Und sie wird Kira verteidigen wie eine Berglöwin, immerhin fand sie Mathematik auch immer fürchterlich.“ William nickte grinsend. „Oh, bei den Geistern.“ Frustriert vergrub Mitras den Kopf in seinen Händen. „In Ordnung. Ich entschuldige mich beim Mittag bei Kira und lobe ihre Kekse. Dann braucht Rieke nichts von dem Ärger hier mitzubekommen und wird mich nicht auch noch zusammenfalten.“ William nickte, diesmal sichtlich zufrieden mit den Folgen seiner Erziehung. „Das mit den Keksen wird aber schwierig, es sind nur noch wenige da, Tobey hat sich einen ganzen Beutel heute morgen mitgenommen, weil er heute bei gleich drei der Stromkunden irgendwas flicken wollte und erst zum Abendessen wieder da ist.“ Mitras stöhnte. „Würdest du mir dann BITTE, liebster William, ein paar Kekse zurücklegen, damit ich sie wenigsten probieren kann, ehe ich sie lobe?“ William knickste höflich und grinste ihn unverschämt an. „Natürlich, mein Herr.“ Dann wurde er schlagartig wieder ernst und ergänzte: „Wegen der anderen Sorgen, nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen. Wenn die Herrschaften Krieg wollen, gibt es Krieg, das weißt du doch. Und unser Elos – die Geister mögen dem König gnädig sein – hat sich bisher nicht als großer Schlachtenfreund hervorgetan, dafür beschäftigt er sich zu oft mit den schönen Künsten und den schönen Frauen.“ Mitras nickte. Sein Kopf tat weh und er erinnerte sich noch zu gut an sein Entsetzen bei der Vorführung des neuen Schwertes, um sich von Williams beschwichtigenden Worten beruhigen zu lassen. „Und selbst wenn es Krieg geben sollte, „, fuhr William fort, „ist das nicht deine Schuld. Du hast ja keine Waffe gesucht, das haben andere daraus gemacht.“ Mitras seufzte noch einmal. William hatte gut reden, er war ja nicht derjenige, der einmal im Monat in der Schmiede stand und die Zauber wob, die dem alchimistischen Prozess als Katalysator dienten. Manchmal verfluchte er sich selbst dafür, das alte Rezept versehentlich in genau in diese Richtung abgewandelt zu haben. Hätte ihm das Schicksal nicht einen etwas weniger gefährlichen Stoff zuspielen können? William nickte ihm nochmal zu und ging dann aus dem Labor, einen nicht mehr ganz so unklaren, aber dafür deutlich besorgteren und reumütigeren Mitras zurücklassend. Er sann noch eine Weile über Williams letzte Worte nach und betrachtete dabei das Elektrum in seiner Hand. Dann legte er es in den Kreis, der auf dem Boden angebracht war, um den magisch abgeschirmten Bereich zu kennzeichnen. „Das haben andere aus dir gemacht….“, murmelte er. „Was kann man denn wohl noch aus dir machen?“ Er hatte sich bisher bei seinen Untersuchungen auf die Leitfähigkeit konzentriert, weil Elektrizität ihm als der beste Anwendungsbereich erschienen war. Die Generalität hingegen hatte sofort eine Waffe gesehen. Was konnte das Elektrum noch sein? Er beschloß, die üblichen Zauberbereiche der Reihe nach systematisch durchzugehen und zu beobachten, wie das Elektrum jeweils reagierte. Und da Elementarzauber nicht wirklich seine Stärke waren, würde er mit denen anfangen. Er holte sich ein Buch mit passenden Sprüchen und begann mit der Forschung.

Abby begrüßte Kira im Wohnzimmer, wo sie anscheinend an dem neuen Kleid gearbeitet hatte. Sie räumte den Stoff beiseite und Kira zeigte ihr, was sie vorbereitet hatte. Abby las einen Moment und lächelte sie dann freundlich an: „Da warst du aber schon fleißig.“ Kira schaute verlegen zu Boden. „Ich versuch ja, meine Fehler nicht zu oft zu wiederholen.“ Abby nickte. „Gute Einstellung. Aber gräm dich nicht zu sehr,  wenn du Fehler doch wiederholst. Laufen lernt man auch nicht beim ersten Sturz.“ Kira fand, dass man das nicht so Recht vergleichen konnte, doch sie nickte zustimmend. Abby fuhr fort: „Und denk ja nicht, die Tatsache, dass du dich gestern Mal mit Keksen statt lernen beschäftigt hast, wäre ein Fehler. Mitras hat einfach schlechte Laune. Du musst nicht jeden Tag perfekt sein und ständig lernen. Du bist jung, dein Leben sollte auch Spaß machen.“ Kira blickte sie zweifelnd an. Bisher hat mein Leben eigentlich nie Spaß gemacht, wenn ich gerade in einem Haus sein musste, dachte sie. Aber sie verkniff sich die Aussage. Wenn man ehrlich war, war es vielleicht auch etwas übertrieben, denn Lesen und Lernen machte man ja auch drinnen, und das machte ihr Spaß. Wenn es nicht gerade Mathematik sein musste. Abby hatte ihren Gesichtsausdruck entweder nicht bemerkt oder irgnorierte ihn, denn sie zog sich einen Stuhl heran und deutete auf den Platz neben sich. „Dann setz dich mal hin. Wollen doch sehen, ob die alte Abby dir nicht ein wenig helfen kann.“ Kira setzte sich zu ihr, und sie gingen der Reihe nach die Fragen durch. Das Buch stellte die Rechnungen anders dar, als Kira es gelernt hatte, sie nutzen eine Art Tabelle, und Abby erklärte ihr, dass viele Dinge in der Welt gleichmäßig zusammenhingen. Wenn man also eine Größe etwa verdopple, dann verdopple sich die zweite Größe auch. Kira beobachtete, wie sie verschiedene Beispiele vorrechnete. Das ergab gleich vielmehr Sinn. Warum stand das nicht einfach so im Buch drin? Und warum hatte ihr alter Lehrer ihr diese seltsame Kreuzschreibweise erklärt, wenn man auch einfach multiplizieren und divideren konnte? „Hier, jetzt rechne nochmal dein Beispiel von gestern!“, forderte Abby sie auf. „Denk daran: Erst die Tabelle hinschreiben und sortieren, welche Größe auf welche Seite kommen soll. Und in der Mitte Schritte frei lassen.“ Kira rechnete: „Zu 24 Ellen links gehören 2 Silber rechts. Und ich suche den Preis für 14 Ellen, die schreibe ich links hin. Und weil jetzt links eine Lücke ist, schreibe ich da eine eins rein und dann rechne ich durch 24 und mal 14.“ Sie schrieb alles hin und schaute dann Abby fragend an. „Aber wie kann man denn 2 durch 24 rechnen?“ Abby schmunzelte. „Du kannst es in Schilling umrechnen. Oder du schreibst es als Bruch. Sowas wie ein Halbes oder ein Viertel, das kennst du, oder?“ Kira runzelte die Stirn und nickte. Einfache Brüche kannte sie, und dunkel erinnerte sie sich, dass man eigentlich alles in Brüchen schreiben konnte. Aber sie hatte es meistens dann einfach so „in etwa“ ausgerechnet. Sie schrieb an die Kante des Blattes „200 durch 24“ und dachte kurz nach. „Das müssen ungefähr 8 Schilling sein.“ Abby erhob gespielt empört den Finger: „Willst du dich selbst etwa reinlegen? Wenn du 8 Schilling für eine Elle nimmst, dann kaufe ich 24 Ellen für 1 Silber und 92 Schilling, da fehlen dir dann ja 8 Schilling!“ Kira seufzte. „Siehst du, deswegen mag ich Mathe nicht!“ „Ach, Kindchen. Nicht so schnell aufgeben!“ Abby erklärte ihr, dass man den Preis für eine Elle auch kleiner als Schilling sehen könne, und versuchte ihr eine Weile, das Rechnen mit Brüchen schmackhaft zu machen, wobei sie aber eher nicht so viel Erfolg hatte. Sie einigten sich auf 8,33 Schilling für eine Elle und 117 Schilling für 14 Ellen und Kira verstand plötzlich, wieso das exakte Rechnen hilfreich sein konnte: Sie hatte ja nun für die 14 Ellen ein kleines bisschen mehr bekommen, als der faire Preis gewesen wäre. Wenn man das jedes Mal so machte, konnte man bestimmt gute Preistafeln und ähnliches machen, die die Kunden in den Laden lockten, und dann konnte man immer ein bisschen draufschlagen, weniger als ein Schilling eben… und man würde quasi nebenbei reich werden. Sie stellte Abby ihre Beobachtung vor, und diese lachte herzlich, bestätigte ihr aber, dass man so natürlich Geld dazu verdiene. „Nur um damit reich zu werden, musst du sehr, sehr viele Geschäfte machen.“, setzte sie augenzwinkernd hinzu. Kira lachte. Dann wurde sie ernst. „Danke, Abby. Ich habe das Gefühl, wirklich etwas verstanden zu haben. Und ich hatte noch nie so viel Spaß mit Mathematik… Bei uns zuhause gab es eigentlich immer nur Streit, wenn es um Zahlen ging. Egal was.“ Abby schaute sie prüfend an: „Deine Eltern und Geschwister sind doch Händler, oder? War Mathematik da nicht ein häufiges Thema?“ Kira lachte bitter. „Geld. Es ging immer alles um Geld. Das wir zuwenig davon haben, dass jemand anderes zu viel will, dass irgendwas zu viel kostet… besonders, wenn es darum ging, dass ich etwas von diesem Geld brauchte. Weil ich kein Geld verdiene. Weil ich ja nur lese und unnütz bin. Weil ich … naja, aussehe wie eine Skir statt eine von ihnen. Meine Mutter hat, glaube ich, Buch geführt über alle Ausgaben wie Kleider und Schulgeld und so, damit sie später „die richtige Mitgift“ fordern könnte.“ Sie schwieg einen Moment und sah zu Boden, und für diesen langen Moment hing die Stille schwer im Raum, erdrückt von ihren Erinnerungen. „Deswegen hab ich, wenn wir in der Schule Kaufmannsrechnen gemacht haben, eigentlich kaum versucht, mich damit zu beschäftigen. Ich hatte Fernunterricht, weißt du? Da kann man sich ja schon ein bisschen aussuchen, was man wie intensiv lernt. Ich durfte zwei Stunden am Tag bei unserem Priester lernen, damit ich an den halbjährlichen Prüfungen in Lührenburg teilnehmen kann, und nächstes Frühjahr hätte ich meine Matura machen können. Aber Bruder Harras hat nicht geschaut, was ich zu tun habe, das ist ja auch nicht seine Aufgabe gewesen. Adrian, mein Bruder, hat ab und zu versucht, mit mir Mathe zu machen, deswegen hab ich wenigstens vor den Prüfungen immer ein bisschen was gekonnt, aber gemerkt hab ich es mir halt nicht, weil ich immer nur gedacht habe, dass sich alles um Geld dreht… und ich hasse diese Rechnerei.“ Nachdenklich blickte Kira auf das Blatt vor ihr. Bei Mitras spielte Geld irgendwie gar keine Rolle, dachte sie. Seine großzügigen Geschenke… sie blickte zum halb fertigen Kleid, dass Abby beiseite geräumt hatte. Zeit und Geld, sie wurde hier wirklich reich beschenkt. Das war definitiv ein guter Grund, ihre Abneigung gegenüber der Rechenkunst zu überdenken. Abby hatte noch einen Moment geschwiegen. Jetzt sagte sie mit etwas belegter Stimme: „Ich kann verstehen, dass man unter solchen Umständen die Kaufmannsrechnungen nicht mag, aber Mathematik ist ja viel mehr als Kaufmannsrechnungen. Sieh mal hier zum Beispiel…“ Sie zog ein Blatt heran und nahm sich den Holzstab, mit dem sie beim Schneidern Längen abmaß. Dann zeichnete sie mit raschen Strichen ein Muster aus Dreiecken auf das Blatt. „Das sieht hübsch aus, oder?“ Kira staunte. „Ja, alle sind ganz gleich. Wie macht man das?“ Verschwörerisch zwinkerte Abigail ihr zu. „Das, meine Liebe, ist auch Mathematik. Geometrie, um genau zu sein. Sobald du die Übungen zur Regula Detri sicher beherrschst, können wir uns gerne die Geometrie der Dreiecke und Strahlen anschauen. Man braucht sie für Muster und zum Übertragen und Anpassen von Mustern auf Stoff, aber soweit ich weiß auch beim Bauen von Häusern oder Städten.“ „Geometrie und Dreiecke hatten wir auch mal“, erinnerte Kira sich. „Da war ich sogar gar nicht so schlecht in der Prüfung, obwohl Adrian mir vorher nicht geholfen hat.“ Abby sah sie kurz an, als ob sie etwas fragen wollte, doch schüttelte dann kaum merklich den Kopf und forderte sie stattdessen auf, die Übungen bis morgen alleine zu rechnen. „Kann ich dafür hier sitzen bleiben? Es ist gemütlich hier.“ Freundlich schmunzelte die ältere Frau sie an. „Natürlich. Ich nähe derweil weiter.“

Die nächsten zwei Stunden saßen die beiden friedlich zusammen und arbeiteten. Ab und zu fragte Kira etwas zu den Aufgaben, meistens, weil sie die Aufgabenstellung nicht verstand, und Abby stimmte ihr zu, dass die Formulierungen wirklich teilweise sehr umständlich waren. In anderen Momenten unterbrach die Schneiderin dafür Kira, um ihr das Kleid überzulegen und abzustecken, weil es so ja viel praktischer sei als an der Nähpuppe. Sie lachten darüber sehr, als Abby Kira einmal mit der Nadel stach, denn die lebende Nähpuppe entpuppte sich dabei doch nicht als so praktisch und riss beinahe eine Naht wieder auf. Schließlich erinnerte Abigails grummelnder Magen die beiden daran, dass es ja schon Mittagszeit war, und Kira packte ihre Sachen zusammen und sie gingen gemeinsam zurück zum Haus. Auf dem Weg blieb Kira plötzlich stehen. „Was sagen wir Mitras eigentlich, wenn er sieht, dass ich bei euch war? Er soll ja nicht wissen, dass du mir geholfen hast.“ Abby grinste. „Du hast Kleider anprobiert. Ist ja auch nicht gelogen, meine kleine Nähpuppe.“ Kira kicherte. Am Haus angekommen hielt die Haushälterin ihr die Tür zum Esszimmer auf. „Mylady, treten Sie bitte ein.“ Kira guckte verblüfft, sah dann aber Mitras, der bereits am Esstisch saß und zu ihnen herüber blickte. Sie schob die Hand mit den Matheheften etwas tiefer unter den Mantel und nickte Abby höflich zu, ehe sie einen kleinen Knicks vor Mitras machte und an ihm vorbei aus dem Raum gehen wollte. Mitras blickte sie an. „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen? William hat bereits für alle gedeckt.“ Kira, die schon fast aus der Tür war, zuckte zusammen und drehte sich so, dass er die Hefte nicht sehen konnte. „Äh, ja, ich komme gleich, ich wollte nur den Mantel wegbringen“, sagte sie und huschte in den Flur, ehe er sagen konnte, dass das ja die Aufgabe der Bediensteten sei. Rasch brachte sie den Mantel weg und ihre Unterlagen zurück in ihr Zimmer. Er redete wieder mit ihr, stellte sie dabei erleichtert fest. Hoffentlich hat er nichts bemerkt. Abby soll keinen Ärger bekommen. Und außerdem geschieht es ihm ja recht. Er hat ja auch Geheimlabore, da hab ich dann halt eine Geheimlehrerin. Ihr Schalk, der seit der Abreise aus Bispar, eigentlich sogar seit dem Vorfall mit Johann, völlig verstummt war, regte sich leicht. Irgendwann würde sie rausfinden, wie man diese Geheimtür öffnete. Und dann würde sie ihm einen Streich spielen können, besser als alles, was sie in Bispar zustande gebracht hatte, und das würde lustig sein. An dieser Stelle schalteten sich Überlebenswille und Vernunft in ihr inneres Gespräch und erinnerten sie dann, dass er erstens ihr Mentor, zweitens ein ziemlich mächtiger Magier und drittens ein sehr großzügiger Mann war, der es nicht verdient hatte, geärgert zu werden. Und wie seine bisherigen Schimpftiraden gezeigt hatten, war er zudem ein sehr beeindruckender Mann, der sie gehörig zusammenstauchen würde, wenn sie es übertrieb. Sie legte die Streichpläne also lieber erstmal beiseite und betrat stattdessen nur innerlich schmunzelnd das Esszimmer, in dem William bereits einen Eintopf mit Gemüse und Kartoffeln auf den Tisch gestellt hatte.

Mitras saß auf seinem üblichen Platz, und William hatte rechts neben ihm für Kira gedeckt. Da sie aber von Abby wusste, dass Tobey heute unterwegs war, und sie ihre neue Geheimlehrerin nicht allein an ihrer Tischseite sitzen lassen wollte, nahm sie sich ihr Gedeck, schob es über den Tisch und setzte sich ohne ihn anzusehen Mitras gegenüber neben Abby, die ihr den Teller abnahm und vom Eintopf auffüllte.

Das sie sich von ihm wegsetzte, stach Mitras ein wenig ins Herz, zeigte es doch, wie sehr er sie heute Morgen noch zusätzlich gekränkt hatte. Sich entschuldigen zu müssen, kratzte an seinem Stolz, aber sein Verhalten war wirklich unangebracht gewesen. Die Härte gestern Abend und sein ablehnendes Verhalten, das hatte sie nicht verdient, das war nicht er, und diesen Fehler musste er korrigieren, auch wenn es ihm schwer fiel. Er räusperte sich und blickte sie direkt an: „Ich denke, ich muss mich bei Ihnen für die Härte der gestrigen Zurechtweisung und mein Benehmen heute Morgen entschuldigen.“

Kira schaute von ihrem Teller auf. Er musste was? Sie schüttelte den Kopf. „Sie waren nicht hart, Magister. Ich habe nicht gelernt.“ Ihre Gedanken purzelten ein wenig durcheinander, da sie innerlich noch irgendwo zwischen den Überlegungen, wie man hier im Haus ein wenig chaotische Verwirrung wie zuhause stiften konnte und dem Gefühl von Dankbarkeit, sich so sicher zu fühlen, dass sie sich solche Gedanken überhaupt machen konnte, gefangen gewesen war.

Mitras fuhr unbeirrt fort:Ich stehe dank einer ganzen Serie von Fehlschlägen mit meinen neuesten Experimenten sehr unter Druck und habe diesen an Ihnen ausgelassen und das haben Sie nicht verdient. Insbesondere habe ich Sie ja selbst dazu ermutigt Pausen zu machen und dass Sie diese dann so prouktiv genutzt haben, ich denke, dafür stehen wir alle in Ihrer Schuld. Die Kekse waren außerordentlich gut.“ Er hielt inne und schaute sie an. Sie sah verwirrt aus, gar nicht niedergeschlagen. Langsam verarbeitete sein Gehirn ihre Erwiderung. „Aber das stimmt doch gar nicht! Kira, Sie haben mit dem Vortrag über die magischen Pflanzen ein großes Interesse und eine schnelle Auffassungsgabe gezeigt. In diesen Vortrag ist deutlich mehr Arbeit geflossen, als ich es bei so manchen Schüler in meiner Zeit an der Akademie beobachten konnte.“

„Und hart war er bestimmt auch“, kommentierte William von der Seite. „Er ist immer ungenießbar, wenn irgendwas mit dem Elektrum oder dem Generator ist.“ Kira blickte von einem zum anderen. Ja, sie hatte gestern geweint, und für eine Weile hatte sie Mitras auch verflucht. Und heute morgen war auch unangenehm gewesen, aber so ungenießbar, wie William ihn gerade darstellte, war er ja gar nicht gewesen. Er hatte nicht gebrüllt, sie nicht geschlagen, sie nicht als völlig unnütz, nicht als Trollgezücht, Hexenbiest oder ähnliches bezeichnet. Er hatte nur festgestellt, dass sie in Mathe fürchterlich schlecht war und dass das für eine Kaufmannstochter ziemlich ungewöhnlich und, nunja, peinlich war. Aber nachdem sie heute gesehen hatte, wie leicht einige der Aufgaben eigentlich waren, waren Mitras Worte von gestern eigentlich wirklich keine Beleidigung gewesen, sondern eine etwas deutlich vorgebrachte Tatsachenfeststellung. Und eben gerade hatte er sie gelobt, trotz seines Stresses hatte er ihrem Vortrag also doch richtig zugehört. Sie schüttelte wieder den Kopf. „William, deine freundschaftliche Beziehung zu deinem Herrn in Ehren, aber ich denke, was er im privaten zu mir gesagt hat, kann ich selbst am besten beurteilen. Er war zurecht über meine Leistung in Mathematik unzufrieden, und mir wird so ein Fehler nicht wieder unterlaufen.“ Sie schaute Mitras direkt an. „Magister Mitras, vielen Dank für das Lob. Ich möchte wirklich gern die Akademie bestehen, und ich habe bereits begonnen, mich um das Aufarbeiten des Stoffes zu kümmern.“ An dieser Stelle grinste sie ein bisschen und schielte zu Abby hinüber, die ihr Grinsen erwiderte. „Ich bin nicht aus Zucker, und berechtigte Kritik ist zum Lernen notwendig“ zitierte Kira einen alten Spruch von Bruder Harras und realisierte in diesem Moment, wie wahr er eigentlich war. „Alle Mitglieder dieses Hauses geben mir wertvolle Unterstützung und ich werde mich bemühen, dafür ebenfalls beste Leistungen zu zeigen.“ William pfiff anerkennend durch die Zähne. „Ha, verzeiht, Mylady. Aber eine Frage: Sind wir uns wohl eigentlich einig, dass du 17 und nicht 27 bist?“ Kira blickte ihn verwirrt an. Was hatte das mit ihren Leistungen zu tun? „William!“, schalt Abby und strich über Kiras Arm. „Er meint, dass du zu erwachsen sprichst und zu wenig auf Spaß aus bist. Aber mit 17 sind andere Mädchen schon 3 Jahre verheiratet, also finde ich es schon richtig, dass du Kritik ernst nehmen willst. Nur denk daran, was ich dir vorhin gesagt habe: Spaß muss auch sein. Und du musst dich auch nicht unhöflich anranzen lassen, von niemandem“, fügte sie mit einem scharfen Blick zu Mitras hinzu, der bereits mehrfach angesetzt hatte, etwas zu sagen, aber nicht zu Wort gekommen war. Kira nickte und schmunzelte in sich hinein. Sie würde lernen und gut sein, aber ja, sie würde auch Spaß haben. Gerade hatte sie ja auch Spaß an ihrem kleinen Geheimnis vor Mitras. Jemanden ärgern zu können oder etwas zu verbergen war eben lustig, auch wenn das Gegenüber das nicht immer verstand.

Mitras blickte sie ein wenig überrascht an und lächelte dann. Seine vorbereitete Predigt zur Mathematik konnte er sich wohl sparen. Und auch Williams und Abbys Kritik stach nicht mehr so, stellte er verblüfft fest, seitdem sie ihn so energisch in Schutz genommen hatte. Manchmal vergaß er über all die Freundschaft, dass er eigentlich ja der Herr in diesem Haushalt war, und meistens war es ja auch ganz gut, dass er es vergaß. Aber von einer strebsamen und überaus wortgewandten Schülerin verteidigt zu werden, war wirklich auch nicht übel. „Nun, die beiden haben jedenfalls recht, Sie sind deutlich reifer als die meisten Schülerinnen in Ihrem Alter.“ Warum schmunzelte sie eigentlich so, fragte er sich. Und was war da zwischen Abby und ihr? Die beiden hatten doch eindeutig einander zugezwinkert. Wahrscheinlich hatte seine schlaue Haushälterin Kira mit Mathe geholfen, kam ihm in den Sinn, und er kam nicht umhin, sie für ihr verborgenes Eingreifen zu bewundern. Deswegen war Kira den ganzen Morgen im Gesindehaus gewesen! Er notierte sich innerlich, Abigail einen kleinen Zuschlag zum Gehalt in diesem Monat zu geben, immerhin arbeitete sie nicht nur an den Kleidern, sondern gab wohl auch noch Nachhilfe, und das am Silenz. Er schaute Kira an und sagte: „Aber ich muss Sie trotzdem nochmal ermahnen, die Mathematik wird nicht leichter werden und wir sollten zusammen überlegen wie wir Sie darauf vorbereiten. Lineare Verhältnisse sind nur der Anfang und wenn ich richtig vermute, wird Abigail Ihnen nur auf den ersten Metern des Weges helfen können. Ich werde Sie wahrscheinlich nicht im vollen Umfang selbst unterweisen können, deswegen habe ich mir bereits überlegt, einen Lehrer für Sie einzustellen.“

Kira wusste nicht, ob sie schuldbewusst, wütend oder enttäuscht sein sollte. Woher wusste Mitras, dass Abigail ihr geholfen hatte? Sie blickte zu ihr hinüber, doch Abby zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Mühsam rang Kira mit ihrer Beherrschung. Einerseits war die Tatsache, dass er ihr kleines Geheimnis so schnell durchschaut hatte, sicherlich ein Zeichen, wie schlau ihr Mentor war. Sie würde viel von ihm lernen können. Andererseits war es wirklich ärgerlich. Wie sollte sie ihn ärgern können, wenn er alles durchschaute? Wo blieb da der Spaß? Eine kleine Stimme in ihr säuselte leise, dass es ihr recht geschehe, einmal an einen Meister zu geraten, den sie nicht gleich austricksen konnte, denn andere ärgern sei sowieso nicht gut und kein tugendhafter Spaß. Sie nahm einen großen Löffel voll Eintopf und kaute daran herum, um die Stimme zum Schweigen zu bringen und Mitras nicht antworten zu müssen. Dafür wasch ich aber die Wäsche, ohne dass er es merkt, beschloss sie bockig. Das muss ich nur besser planen!

Sie wirkte nun doch etwas eingeschnappt, Mathematik schien ihr wirklich keinen Spaß zu machen, dachte er. Aber gut, ihre restlichen Leistungen lagen weit über dem Durchschnitt. Solange Mathematik ihre einzige Schwäche war, sollten die zehn Monate locker reichen. Außerdem kam es ja letztendlich auf ihre Verwandlungszauber in der Prüfung an, nicht auf die Mathematik.

„Gut, genug von der Ausbildung, ich musste wegen meiner Experimente die geplante Tour absagen, nicht aber das Abendessen. Sie werden meine Schwester also heute Abend doch noch kennenlernen.“ Kira blickte auf, deutliches Interesse im Gesicht. „Dann sollte ich besser eines der neuen Kleider tragen?“  Er dachte kurz nach, Frederieke war eigentlich kein so förmlicher Mensch, aber er war neugierig auf die neuen Kleider. Abbys Stilsicherheit stand außer Frage, aber was hatten die beiden ausgesucht und wie sah es an seiner Schülerin mit den roten Haaren aus? Außerdem, ergänzte die Stimme der Vernunft, wäre es auf jeden Fall eine gute Übung, um Etikette zu lernen. Obwohl Frederieke solche Versuche wahrscheinlich durch ihre Abneigung aller formalen Gegebenheiten schnell zunichte machen würde. „Ja, warum nicht.“ Kira nickte. „Ist Ihre Schwester auch magisch?“, fragte sie. „Nein, ich bin der einzige und soweit ich weiß auch der erste Magier in der Familie Venaris.“ Kira lächelte ihn ein wenig scheu an. „Dann hatte der Schulleiter ja Recht, als er sagte, wir beide hätten etwas gemeinsam.“ Thadeus hatte das wahrscheinlich deutlich abwertender gemeint, als sie es verstanden hatte, aber es stimmte. „Ja, in der Tat.“ antwortete er ihr, lächelnd. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen, dann wurde sie rot im Gesicht und blickte scheu zur Seite. Süß ist sie auf jeden Fall, dachte er kurz und scholt sich sofort für diesen Gedanken. Sie beendeten das Mittagessen in friedlichem Schweigen, das Abby und William nach einer Weile mit einem eigenen Gespräch füllten. Er ging nach einer kurzen Verabschiedung wieder ins Labor zurück, um weitere Zauber durchzugehen.

Kira ging nach dem Mittagessen nach oben und setzte sich in den Sessel am Fenster. In ihr tobten recht widersprüchliche Gefühle. Mitras hatte sie gelobt, für ihre Leistungen insgesamt und für ihren Vortrag zu den Pflanzen. Er hatte also doch zugehört, das machte sie glücklich. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass er sie und Abby gleich durchschaut hatte. Sie bewunderte ihn aber auch dafür. Und dann war da noch dieser Moment gewesen, als er ihr in die Augen geschaut hatte und sie bemerkt hatte, dass seine Augen ganz blau waren, mit kleinen Tupfern von eisgrau darin, und ziemlich gut aussahen, wenn er dabei lächelte, und sie hatte einen Moment lang das Gefühl gehabt, in diesen Augen zu versinken. Sie vergrub ihren Kopf zwischen ihren Händen. Dieses Gefühl von angezogen werden war ihr völlig neu. Er war schlau, und offenbar auch gutherzig und er hatte sich sogar für ein kleines bisschen rauen Tonfall bei ihr entschuldigt, das zeigte auch Größe, aber er war ja ihr Mentor. War es nicht ziemlich unanständig, sich dann von seinen Augen so angezogen zu fühlen? Warum sollte man sich überhaupt von einem Mann angezogen fühlen? Letztendlich waren Männer diejenigen, die die Welt bestimmten, über die Frauen bestimmten und taten, was sie wollten, sich nahmen, was sie wollten… hatte sie nicht geschworen, nie einem Mann gefallen zu wollen? Und jetzt saß sie hier und fragte sich, wie sie wohl von diesen Augen gesehen würde. Sie stöhnte leise und rieb sich die Stirn. Was war nur los mit ihr? Für einen kleinen Moment erlaubte sie sich, sich vorzustellen, er wäre nicht ihr Mentor und sie hätte die Akademie abgeschlossen. Ob er sie wahrnehmen würde? Dann schob sie diese Gedanken rasch von sich. Sie war magisch begabt, kein Mann würde ihr mehr Befehle geben können, sie war frei. Keine Heirat. Keine Familie. Und schon gar nicht angefasst werden. Lernen, Forschen, das war doch das Leben, von dem sie geträumt hatte, und sie würde es bekommen, dank Mitras, William und Abigail. Und irgendwie auch dank Johann, realisierte sie, und ein bisschen von ihrem Hass schmolz dahin. Ohne ihn wäre ich ja auch nicht hier. Und dann müsste ich mich jetzt auch nicht fragen, was ich denn jetzt gleich anziehe. Und das ist ja schon eine ziemlich luxuriöse Frage. Sie stand auf und ging zum Schrank, dabei fiel ihr Blick auf den Niggel, der immer noch auf dem Bett lag. Sie schaute auf die Uhr. Es war ja erst ein Uhr Mittags, und sie hatte noch viel Zeit bis zum Abendessen. In Mitras Haus galten wohl viele Regeln nicht, aber der Niggel enthielt ja auch Kapitel über Familienbanden und -umgang. Wenn sie es richtig einschätzte, würde Rieke, Mitras Schwester, sich in diesen komischen, warmherzigen, ständelosen Haushalt gut einfügen, und dann wären Tipps zum Umgang mit Menschen, die sich wie entfernte Verwandte erwiesen, wohl ganz gut. Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, kuschelte sich ins Bett und nahm das Buch. Die Frage nach der Kleidung war eigentlich ja auch schon durch die Auswahl geklärt: Das Sternenkleid war noch nicht umgenäht, also blieben nur das burgunderfarbene und das grüne mit den Rüschen. Und da das grüne den modernen Schnitt hatte und ihre Taille schön zeigte, würde sie das nehmen. Zufrieden über ihre Entscheidung schlug sie den Niggel auf, suchte sich das Kapitel über Familien und begann zu lesen.

Mitras kam gut voran. Er hatte einen einfachen Wärmezauber auf einen seiner Elektrumzylinder gewirkt, aber eben so, dass nur eine bestimmte Region um ein paar Grad erwärmt wurde. Die Wärme breitete sich zwar langsam im Material aus, aber durch einen einfachen Magie erkennen Zauber konnte er den verzauberten Bereich genau beobachten. Zunächst blieb die Verzauberung an Ort und Stelle, dann aber fing sie an zu wandern. Er ging seine Geräte durch und stellte zufrieden fest, dass der Fluß der Magie sowie die Position des Zaubers genau aufgezeichnet wurden. Er verstand die Magie dahinter nicht genau, Hellsicht war nicht seine Stärke und Geräte wie diese oder auch die Spiegel konnte er beim besten Willen nicht selbst herstellen. Das war zwar etwas frustrierend, aber wenigstens konnte ihm in der Verwandlungsmagie kaum jemand etwas vor machen. Immerhin hatte er es geschafft, einen komplett neuen Stoff zu erschaffen. Es war zwar kein Gold, aber ohne dieses neue Element wäre die Legierung, aus der das Elektrum bestand, nicht möglich gewesen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er fast den ganzen Nachmittag durch gearbeitet hatte. Es war nun 17 Uhr und seine Schwester würde bald ankommen. Er überprüfte noch einmal alles, aber so wie es jetzt aussah, konnte er den Zauber sich selbst überlassen und sich auf die Geräte verlassen. Er ging in seine Gemächer und begann sich umzuziehen. Auch wenn seine Schwester die Förmlichkeiten in Adelskreisen nicht ausstehen konnte, so hatte sie doch eine Schwäche für Mode und schöne Kleider im speziellen. Er würde ihr also den Gefallen tun und sich ein wenig herausputzen. Er legte sich die Einzelteile auf dem Bett zurecht: Beginnend mit einfachen, blank polierten, schwarzen Lederschuhen mit weißen Strümpfen, dazu eine schlichte schwarze Hose aus weichem Seidenstoff. Es kam nicht viel gutes aus den Dschungeln im Süden, aber Seide wollte er nicht wieder missen, auch wenn sie sehr teuer war. Das türkisfarbende Hemd, dass er dazu legte, hatte eine um eine Handbreit nach rechts versetzte Knopfzeile und passte so irgendwie nicht zu Krawatten. So war es aber Mode und Krawatten konnte er eh nicht ausstehen. Der Kragen des Hemdes war steif übergeklappt und ragte nur schmal hoch, mit einem einzelnen Knopf an der Seite. Die Weste, die er dazu tragen wollte, war schwarz mit einem leichten silbrigen Schimmer. Auf der Knopfseite war der Ausschnitt ein wenig verschoben, so dass die Knopfzeile teilweise frei lag. Er hatte schon Leute gesehen, die dazu eine ebenfalls versetzte Fliege trugen, aber das gefiel ihn so gar nicht. Über Hemd und Weste würde er ein leichtes Seidenjackett, ebenfalls Türkis, tragen. Er hätte ja lieber etwas schlichteres gewählt als dieses doch schon sehr grelle Jackett, aber so trug man es gerade nun einmal. Kira hatte, soweit er wusste, bereits drei angepasste Kleider, aber auch wenn er auf die anderen neugierig war, hoffte er, dass sie sich für das grüne entscheiden würde. Er mochte das Kleid und fand, dass es ihr besonders gut stand. Das Läuten der Tür schreckte ihn aus seinen Gedanken heraus. Er war mit dem Ankleiden genau rechtzeitig fertig geworden und ging nun, um seine Schwester zu begrüßen.

Er öffnete seine Zimmertür und fand Kira im Türrahmen ihres Zimmers vor. Sie musste gerade erst herausgetreten sein, wirkte aber sehr unsicher. Er blickte sie an und ließ seine Augen einmal von oben nach unten wandern. Sie hatte ihre Haare teilweise nach hinten geflochten, wodurch ihr schmales Gesicht und die, wie ihm jetzt auffiel, hellgrünen Augen, die von leichten Sommersprossen umgeben waren und die sie dezent geschminkt hatte, besonders zur Geltung kamen. Dazu trug sie Ohrringe, die ähnlich der ihm schon bekannten Kette aus Muscheln geschliffen waren und eines der zwei anderen Kleider. Zu seiner Freude sah es aber dem grünen Kleid, das er schon kannte und mochte, sehr ähnlich. Das Oberteil lag eng an, war aber an der Brust mit Rüschen verziert, die sich auch in den leicht aufgebauschten Ärmeln wiederfanden. Es betonte ihre Oberweite, ohne vulgär zu wirken, fand er. Der Rock folgte der neusten Mode und hob die Taille hervor, indem er nach hinten hin ausladend wurde. „Sie sehen außerordentlich hübsch in dem Kleid aus, kein Grund schüchtern zu sein, kommen Sie. Wir gehen zusammen runter.“ sagte er und lächelte sie aufmunternd an.

Kira spürte, wie ihr die Röte leicht ins Gesicht stieg. Sie versuchte, möglichst freundlich zurück zu lächeln und spürte, wie ihr Herz klopfte. Ihr Magister sah umwerfend gut aus, fand sie, elegant und lebendig, aber auch ein wenig geheimnisvoll. Und sein Lächeln… Dass er ihr Kleid und ihre gesamte Aufmachung gut hieß, floß ihre Kehle herunter wie warme Milch und löste im Bauch ein leichtes Kribbeln aus. Gleichzeitig verspürte sie Erleichterung, immerhin hieß das, dass sie auch diesen ersten Test in Gesellschaftsdingen bestanden hatte. Mitras hielt ihr den Arm hin, und sie hakte sich ein und ließ sich von ihm die Galerie entlang führen.

Unten im Hausflur stand eine hochgewachsene Frau in einem blauen Kleid mit roten Stickereien. Sie hatte braune, glatte Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Als sie den Blick nach oben zur Galerie wandte, konnte Kira zwei Dinge feststellen. Erstens sah ihr Gesicht dem von Mitras erstaunlich ähnlich, wie eine weibliche Version von ihm, und zweitens hatte sie ein strahlendes, ungemein einnehmendes Lächeln. Sie war etwas schmaler als der Magister, aber wenn Kira sich nicht täuschte war sie größer als er, das ließ sich aus der Perspektive von der Treppe herab aber nicht so genau sagen. Das  Kleid, das sie trug, war aus einem feinen, glatten Stoff gewebt, fast so wie die Sachen, die Mitras anhatte, und war ähnlich dem geschnitten, das Kira selbst trug. Auffällig war allerdings der Schmuck, den sie im Haar und an den Ohren trug: Die Ohrringe waren kleine, goldene Bäume, die mit roten, glitzernden Steinen besetzt waren, und im Haar trug sie goldene Klammern, an denen kleine Blüten aus Gold saßen, in deren Mitte ebensolche Steine in größerer Ausführung funkelten. Kira war sich sicher, dass dieser Schmuck mehr wert war, als ihre Eltern in einem ganzen Jahr, vermutlich sogar in mehreren Jahren, verdienen konnten. Und Mitras Schwester trug ihn nicht zu einem Ball, sondern zu einem zwanglosen Familienabendessen!

Mitras strahlte nun richtig, wie Kira mit einem raschen Seitenblick feststellte, und wurde die letzten Treppenstufen schneller, so dass Kira nicht mehr hinterher kam und sich von ihm löste. Er umschlang Frederiekes Taille mit den Armen, wirbelte sie eine halbe Drehung herum und rief: „Rieke!“ „Hallo, lieber Bruder, ich freue mich auch, dich zu sehen.“ sagte sie lachend und etwas atemlos, als er sie wieder absetzte. „Es ist schön dich zu sehen und es tut mir Leid, dass ich den Ausflug absagen musste.“, entschuldigte Mitras sich, und seine Miene wurde rasch wieder ernst. „Meine Experimente liefen schlecht und nun muss ich die Ursache herausfinden und einen Bericht an die Generalität verfassen, bevor sich einer von deren stümperhaften Blitzewerfern noch selbst in die Luft sprengt.“ Kira blieb zögernd auf der Treppe stehen. Mitras drehte sich nun wieder zu ihr herum und sagte: „Und das hier, Frederieke, ist meine neue Schülerin Kira Silva aus Bispar. Zukünftige Magierin der Gilde der Heil-, Verwandlungs- und Veränderungsmagie.“ Kira knickste höflich wie vor einer Gleichrangigen. Sie war sich eigentlich gar nicht sicher, wie sie und Frederieke zueinander standen. Bis vor ihrer Entdeckung als Magierin war Kira zwar vom gleichen Stand wie sie gewesen, nämlich nicht adelig und frei, aber gemessen am Reichtum war Frederieke ihr offenbar haushoch überlegen. Die Tatsache, dass Kira magisch war, adelte sie zwar und erhob sie somit über die nichtadelige Frau, nur hatte sie bisher außer einem fürchterlich schief gelaufenen Zauber nichts bewiesen, also war sie als Discipula der reichen Handelstochter vermutlich gleichgestellt. Frederieke lächelte sie freundlich an und erwiderte den Knicks. „Hat mein Bruder also endlich mal jemanden, der sein Haus nicht nur erwärmt, sondern auch aufhellt! Ich freue mich, Sie treffen zu dürfen!“ Kira wusste nicht recht, was sie mit der Bemerkung anfangen sollte, aber sie spürte Wärme und Herzlichkeit und antwortete daher ehrlich: „Die Freude ist ganz meinerseits.“ Die ältere Frau blickte sie einen Moment prüfend an. „So, und da wir uns jetzt vorgestellt haben, lassen wir die ganze fürchterliche Förmlichkeit doch einfach. Du gehörst jetzt ja quasi zur Familie, also nenn mich Rieke.“ sagte sie dann resolut, öffnete die Arme und zog die verblüffte Kira an sich. Diese stand völlig überrumpelt da und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Hilfesuchend blickte sie zu Mitras, doch der lachte bei ihrem Blick nur. „Tut mir leid, vielleicht hätte ich Sie warnen sollen. Meine Schwester kann diese ganze Förmlichkeit nicht ausstehen und ist auch generell ein sehr herzlicher Mensch.“ Kira nickte. „Ähh… danke?“, sagte sie, zu Frederieke gewandt. „Tut mir leid, ich bin nicht gewohnt, dass Menschen so freundlich zu Fremden sind. Aber ich glaube, Ihre ganze Familie scheint so zu sein. Ich bin auf jeden Fall von den Geistern gesegnet, bei solchen Menschen zu landen.“ Frederieke lachte und zuckte mit den Schultern. „Na, wenn du die Aussage nicht irgendwann nochmal bereust. Mein Bruder hier ist ein ziemlicher Einsiedler, da hilft auch alle Freundlichkeit nicht, da versauert man glatt.“ Sie grinste Mitras herausfordernd an. „Aber jetzt bin ich ja da. Und wenn es zu eintönig wird, bringe ich meine Kinder mit, dann ist es nie langweilig.“ Mitras verdrehte die Augen, er schien nicht so der Freund kleiner Kinder zu sein. Kira hingegen fand die Aussicht, mit Kindern spielen zu können, ziemlich reizvoll, sie mochte Kinder. „Wo essen wir?“, fuhr Frederieke fort. „Ich freue mich schon den ganzen Tag auf Williams Küche.“ „Im Saal“, antwortete Mitras und öffnete die Türen, verbeugte sich möglichst steif und sagte mit einem ironisch versnobten Unterton: „Wenn ich die Damen nun bitten dürfte. Es ist angerichtet.“ Frederieke ignorierte seinen Ton und seine Verbeugung und klatschte freudig in die Hände, um an ihm vorbei in den Saal zu eilen. Kira fragte sich, wie alt sie war. Sie wirkte fast selber noch kindlich in ihrem direkten und aufgedrehten Verhalten, aber sah eher wie Mitte zwanzig aus. Auf jeden Fall war sie ganz anders als alle, die sie sonst kannte. Sie folgte ihr in den Saal, der tatsächlich von Abigail und William vorbereitet worden war. Der Tisch war für sechs Personen gedeckt und auch ein wenig dekoriert mit getrockneten Blumen und einigen Steinen auf einem langen Läufer. Tobey saß bereits an der rechten Seite und wurde von Frederieke freundlich begrüßt. Mitras folgte Kira und deutete ihr mit einer Handbewegung, sie solle sich neben Tobey setzen. Er selbst setzte sich mit Frederieke ihr gegenüber. Abby, die ihnen gefolgt war, nahm von einem Beistelltisch eine Flasche Wein und begann, die Gläser zu füllen. Nicht lang danach trat auch William herein und brachte einen Braten und diverse Beilagen, die die Gesellschaft alsbald auf den Tellern hatte. Kira genoß das Essen. Frederieke plauderte mit William, Abby und Tobey, und ab und zu neckte sie ihren Bruder, der jedoch ihre Spitzen mit würdevollem Schmunzeln versickern ließ. Kira entspannte sich. Sie kannte solche Familienessen zumeist nur als Spießrutenlauf, bei denen erbittert diskutiert wurde, wer in der vergangenen Woche sich am meisten verdient gemacht hatte, und natürlich war sie immer diejenige gewesen, die, obwohl sie im Haus und Garten durchaus viel gearbeitet hatte, als am wenigsten verdienstvoll angesehen wurde, denn Hausarbeit brachte nunmal kein Geld ein. Hier jedoch schien es wirklich um das Zusammensein zu gehen, um das gute Essen, um den Austausch von Informationen. Es war neu, aber Kira wusste, dass sie diese Art von Familienessen ab sofort jeden Silenz vermissen würde.

Als sie beim Nachtisch saßen – geeiste Früchte mit einer hellen, sehr leckeren Soße mit einem Gewürz, das Kira nicht kannte – wandte sich Rieke wieder an Kira. „Du kommst also aus Bispar, ja? Das ist in der Provinz Burnias, oder?“ Kira nickte. „Ja. Ich bin überrascht, woher kennen Sie es?“ Rieke runzelte missbilligend die Stirn. „Du, bitte, ja? Du brauchst mich nicht zu siezen, da komme ich mir wie eine alte, runzelige Frau vor. So viel Spießigkeit steht höchstens meinem Bruder hier. Ja, Bispar – meine Familie ist im Schmuckgeschäft, und ich habe vor einigen Jahren eine Reise durch die Nordprovinzen gemacht, um neue Partner für den Erwerb von Baumgold zu finden. Hat Mitras dir nichts von seiner Familie erzählt?“ Kira schüttelte den Kopf. „Aber das ist ja auch etwas eher privates…“ „Es ist so typisch!“, beschwerte Frederieke sich, ihren Einwand ignorierend. „Also, in Kürze: Unser gemeinsamer Vater handelt mit Schmuck und Edelsteinen, und seitdem unser Land nun schon seit über 72 Jahren keinen Krieg mehr gesehen hat, ist das auch ein recht erträgliches Geschäft. Ich hatte das Glück, in genau diesem Bereich meinen Mann Niclas zu treffen, der ein Künstler und Goldschmied von besonderer Güte ist. Diese Ohrringe zum Beispiel, die hat er mir zur Geburt unserer Tochter geschenkt.“ Sie zog einen ihrer Ohrringe vom Ohr und reichte ihn Kira, die nun sah, dass die kleinen roten Steine Äpfel darstellten. „Es ist wunderschön, und so unglaublich filigran gearbeitet.“, sagte sie, und reichte den Ohrring vorsichtig an Rieke zurück, die über das Lob sichtlich zufrieden war und den Ohrring vorsichtig wieder ansteckte. „Die Blüten im Haar hat er dann gemacht, als unser kleiner Julius kam. Ich trage sie oft, wenn ich zur Familie gehe, weil es für mich Familienschmuck ist. Nicht, dass du denkst, ich müsse hier mit dem ganzen Gold angeben.“ „Du tust es aber trotzdem“, sagte Mitras trocken, woraufhin Frederieke schnaubte und eine Servierette nach ihm warf. „Ich habe wenigstens Kinder und sehe meine Familie täglich. Und was siehst du? Steine und Metall und William! Nicht mal Papa guckt so viel auf irgendwelche Steine wie du!“ „Abby und Tobey sieht er auch manchmal“, wandte William ein, was Frederieke und Abby zum Lachen brachte, selbst Kira musste grinsen und Tobey hustete plötzlich verdächtig. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, wandte sich Frederieke an Kira: „Was machen deine Eltern?“ „Sie handeln auch, allerdings haben wir nur einen kleinen Kontor und einen Laden im Dorf, in dem man alles notwendige zum Leben kaufen kann, Töpfe, Pfannen, Kleidung und auch allerlei Lebensmittel. Mein Vater und meine Brüder reisen auch viel, um Waren aus unserer Gegend in den Süden zu bringen, und meine Mutter führt dann den Laden und die Geschäfte im Dorf.“ „Oh, stammt deine Familie dann noch von den Skir ab, wegen deiner Haare und wenn deine Mutter die Geschäfte daheim regelt?“ Kira wurde rot. „Nein, ich glaub nicht. Meine Haare sind vermutlich einfach nur eine unglückliche Laune der Natur. Außer mir sehen alle normal aus, und meine Großeltern stammen aus Flate. Zumindest die, die ich kenne. Mein Großvater väterlichseits ist aus Pasrino nach Burnias gesiedelt, als das Land gerade neu erschlossen wurde, weil ihm vom neuen Lehnsherren in Lührenburg die Handelslizenz zugesprochen worden ist, aber er starb vor meiner Geburt, und meine Großmutter…“ Kira dachte kurz nach. „Über sie weiß ich eigentlich nichts. Sie starb, als mein Vater noch jung war. Lebte Ih… deine Familie immer schon im Hochland?“ Rieke nickte. „Unser Stammbaum reicht sogar noch ins alte Reich, und alle waren immer Händler. Mario, unserer ältester Bruder, wird den Schmuckkontor übernehmen, so dass „Venaris – Gold und Edelsteine“ nicht aussterben wird. Hast du Geschwister?“ „Ich habe auch zwei Brüder, einen älteren, Adrian, und einen jüngeren, Torge.“ „Oh, dann vermissen die dich jetzt bestimmt, oder?“ Kira schaute nach unten und schwieg einen Moment. „Weiß ich nicht…“, sagte sie dann leise. Sie spürte die Blicke aller am Tisch auf sich ruhen. „Adrian war nicht da, als der Unfall passierte, und Torge und ich… naja… wir sind noch nie so gut miteinander ausgekommen.“ „Das kommt in allen Familien vor“, half Tobey ihr aus der Verlegenheit. „Ich hab auch einen Bruder, den ich wirklich nicht leiden kann.“ Abby lachte. „Du hast aber auch acht Brüder und zwei Schwestern!“ „So viele?“, staunte Kira, dankbar, das Thema wechseln zu können. Tobey schmunzelte. „Na klar! Meine Eltern haben fleißig dazu beigetragen, das große Reich Rorestadia zu vergrößern… dumm nur, dass die Hälfte ihrer Kinder dann nach Albion ausgewandert ist.“ Er nahm sich noch einen Schluck Wein und erzählte dann zu Kiras Begeisterterung eine Geschichte aus seiner Kindheit, bei der sie den zweitjünsten Bruder der großen Familie einmal auf einem Markt vergessen hatten und beinahe ohne ihn wieder nach Hause gefahren wären. „Bei so vielen Kindern, sagte meine Mutter, ist es wie mit einer Schachtel Mehlwürmer – ob einer fehlt, siehst du erst, wenn du sie alle auf die Angelhaken gefädelt hast!“ Alle lachten, aber Kira fiel auf, dass Mitras zwar schmunzelte, aber dabei nicht Tobey, sondern sie anschaute.

Mitras lauschte Tobeys Geschichte nur mit einem halben Ohr. Er kannte sie schon, ebenso wie Abby und William, aber normalerweise hörte man den Geschichten von Tobey auch dann gerne zu, wenn er sie zum dritten Mal erzählte. Tobey war ein begnadeter Erzähler. Doch etwas an Kiras Antwort auf seine Schwester hatte ihn stutzig gemacht. Unfall. Warum bezeichnete sie ihre Magieentdeckung – denn davon hatte sie ja offenbar gesprochen – als Unfall? Seines Wissens nach hatte sie einen Dorfjungen, einen jungen Adeligen aus der Provinz namens Johann di Lohnas, angegriffen und ihm im Gerangel die rechte Hand samt Sehnen und Knochen verbogen. Der Bericht sprach davon, dass sie bereits vorher durch zahlreiche aggressive Handlungen gegenüber den Dorfbewohnern aufgefallen sei, deswegen hatte er bisher nicht weiter hinterfragt, warum sie einen Kameraden angegriffen haben könnte. Doch so wie er sie kennengelernt hatte, konnte er sich dieses Bild von ihr immer schlechter vorstellen. Der Bericht und seine Beobachtungen passten einfach nicht zusammen. Ebensowenig wie die Bezeichnung eines von ihr ausgehenden Angriffes als Unfall. Er beobachtete sie, wie sie mit vom Wein geröteten Wangen da saß und über Tobeys Erzählung kicherte. Sie wirkte einfach nicht aggressiv. Sie hatte geweint, als er sie kritisiert hatte, nicht sich verteidigt, das passte doch nicht zu einer eher aggressiven Person. Des Weiteren hörte er aus ihren doch sehr sporadischen Erzählungen von zu Hause heraus, dass sie wenig Anschluss an das Dorf oder ihre Familie hatte. Warum bezeichnete sie ihre roten Haare als unnormal, ja sogar unglücklich? Er hatte immer gedacht, Skirvorfahren zu haben, sei in den Provinzen völlig normal. Im Osten lebten ja auch viele Menschen, die zuvor zum Reich Roestadia gehörten und Angshire Vorfahren hatten. Konnte es sein, dass die Familie sie ausgeschlossen hatte, vielleicht auch, weil sie anders aussah? Von ihrem Bruder Adrian wohl nicht, ihre Stimmfarbe klang liebevoll, wenn sie vom ihm sprach. Er würde wohl weiter gute Gelegenheiten abwarten müssen, um mehr von ihr zu erfahren, bis er von Titus was hören würde, könnte es noch Wochen dauern. 

Tobey beendete seine Geschichte und gähnte dann. „Meine lieben Herrschaften, Ladys, es freut mich, euch erheitert zu haben, aber ich werde mich verabschieden müssen.“ Rieke schaute auf die Uhr. „Ach, herrjeh, ja. Mitras, kannst du mich noch zum Kutschenstand begleiten? Es ist schon so spät und ich habe Niclas versprochen, nicht zu spät nach Hause zu kommen.“ Mitras nickte. Der Kutschenstand war an der großen Kreuzung, eigentlich musste man nur einmal um das Haus herumgehen, aber im Dunkeln war es definitiv besser, sie nicht alleine gehen zu lassen. Sie lösten die Tafel auf, die Geschwister zogen sich Mäntel an und traten nach draußen in die kalte, leicht verregnete Winternacht. „Sie ist nett, deine neue Schülerin.“, sagte Rieke, als sie um die Ecke bogen. „Ja, das ist sie, aber sie ist auch sehr in sich gekehrt und taut nur langsam auf. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass einige Geheimnisse sie umgeben. Ich habe mir jedenfalls noch keine abschließende Meinung gebildet. Sie weist aber ein großes Potential auf. Das nächste Jahr wird jedenfalls interessant.“ Rieke lächelte. „Geheimnisse, huh? Vielleicht ist sie auch einfach 17, das erste Mal weit weg von zuhause und von deinem ständigen Siezen und deinem Gehabe einfach verschüchtert. Du siehst immer überall Komplotte und Verschwörungen, seitdem du bei Thadeus in die Lehre gegangen bist. Aber entspann dich doch einfach. Das Schicksal hat dir eine schöne Schülerin mit viel Potential ins Haus gespült. Da kannst du dich auch einfach mal freuen.“ „Ja, aber…“, setzte Mitras an. „Shhh!“ Rieke legte ihm einen Finger auf den Mund. „Mach mal kein aber. Genieß einfach, dass du jetzt wieder eine hübsche Frau hast, mit der du deine magischen Tricks und Spielereien diskutieren kannst. Vielleicht fällt ihr ja auch was ein, wie sie dir helfen kann mit deiner ganzen Paranoia.“ Mitras zweifelte, dass Kira ihm bei irgendwas eine Hilfe sein würde, zumindest nicht in diesem ersten Jahr, aber er wusste auch, dass es nutzlos war, Rieke zu widersprechen. Auch nicht darin, dass Magie nicht aus Tricks bestand. Also winkte er ihr eine Kutsche heran, verabschiedete sich und ging dann rasch wieder nach Hause. Das Wetter war wirklich ungemütlich, da wollte man auf keinen Fall länger draußen bleiben.

Kira war bereits nach oben gegangen und Abby war Tobey nach drüben gefolgt. Nur William räumte noch in der Küche auf. Er dankte ihm noch einmal für das wunderbare Essen und  wünschte eine gute Nacht. Oben  in seinen Gemächern machte er sich kurz frisch, zog sich halb aus und ließ sich nur noch in einem Unterhemd und der Hose auf einen Sessel fallen. Vielleicht sollte er auf seine Schwester hören und die ganze Sache etwas entspannter angehen. Kira war ja nun wirklich nicht auf den Kopf gefallen. Aber eines ließ ihn keine Ruhe, was hatte seine Schwester gesagt? Er hatte jetzt eine hübsche Frau im Haus? Er dachte an Claudia, seine erste Partnerin. Sie hatte nie in seinem Haus gelebt. Vielleicht war das auch ein Grund gewesen, warum ihre Beziehung nie recht geklappt hatte, warum sie letztendlich seinen Heiratsantrag so theatralisch abgelehnt hatte. Seitdem war er wirklich ziemlich alleine. Auch seine alten Freunde hatte er schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, fiel ihm auf. Früher hatten sie sich öfters getroffen, als sie noch zur Schule gingen, zum Lernen und für die anderen, körperlichen Annehmlichkeiten, aber die Arbeit am Elektrum und am Generator hatte ihn die Einladungen immer wieder ausschlagen lassen – und irgendwann hatte es wohl keine mehr gegeben. Er seufzte. Seine Schwester hatte Recht, er war zu oft allein. Und jetzt war da Kira. Sicher ihm war schon öfter aufgefallen, dass sie auf eine gewisse Weise schön anzusehen war, aber er hatte noch nie richtig darüber nachgedacht. Nein, du hast es nicht zugelassen, dass du da näher drüber nachdenkst, schoß es ihm durch den Kopf. Unruhig ob dieser Gedanken setzte er sich an seinen Spiegel und ehe er so recht wusste wieso, hatte er die Formel gemurmelt, die nötigen Gesten vollführt, den Spiegel am geheimen Siegel berührt und ließ seine Magie hineinfließen. Eine weitere Bewegung später sah er in Kiras Zimmer. Sie hatte das Kleid ausgezogen und saß in ihrem Unterkleid am Schreibtisch, fast schon außerhalb des Winkels, den er einsehen konnte, und blätterte in einem Buch. Von hier konnte er nicht sehen in welchem, aber es musste wohl eines der Lehrbücher sein. Auf dem Nachttisch entdeckte er ein Buch, dass er noch nicht kannte, sie hatte die Bibliothek also schon genutzt. Warum auch nicht. Ein wenig Zerstreuung war sicher nicht verkehrt. Ich sollte auch mal wieder etwas entspannendes lesen. Während er noch über die Auswahl seiner Bücher nachdachte, stand sie auf und ging quer durch den Raum. Sie ging in die Toilette und kam nach kurzer Zeit mit einem Krug wieder heraus und stellte ihn auf den kleinen Tisch mit der Schale. Sie drehte sich mit dem Rücken zu ihm zum Kleiderschrank und fing an, ihr Untergewand zu öffnen. Mitras registrierte es in Gedanken versunken erst gar nicht, was er da sah, und dann waren ihre Schultern schon entblößt. Das Kleid glitt langsam an ihr herunter und legte ihren Rücken frei. Er staunte ob der makellosen, hellen, jugendlichen Haut und war ganz hingerissen von dem Anblick. Als das Kleid dann aber auf ihre Hüften glitt und sie es vollends nach unten streifen wollte, kam er wieder zur Besinnung und realisierte, was er da gerade tat. Er wischte so schnell über den Spiegel, dass er dabei eines der Duftfläschchen, die daneben standen, herunter riss. Es klirrte zu Boden, brach aber den Geistern sei Dank nicht. Fluchend bückte er sich, hob es wieder auf und starrte dann einen Moment auf sein Spiegelbild, das nun wieder zu sehen war. Eine hübsche Frau. Herrjeh, was hatte Frederieke da nur angerichtet!

Im Waschbecken stand noch ein Rest kaltes Wasser. Er nahm sich etwas davon und spritzte es sich ins Gesicht, um wieder klar zu werden. Immerhin musste er sich auch noch um den Generator kümmern. Dieser Gedanke kühlte ihn noch besser ab als das Wasser. Zähneknirschend machte er sich fertig und begann in seinem Zimmer mit der nötigen Meditation. ​​​​​​

Rückschläge – 9. Lunet 242 (Schengstag)

Als Mitras am nächsten Tag erwachte, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Laden war reibungslos verlaufen und er hatte sich nach dem Frühstück wieder hingelegt um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Kira hatte sich nicht zum Frühstücken zu ihm gesellt, aber er war zu müde gewesen, um sich darüber zu wundern. Der Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor elf Uhr war. Gerade mal zwei Stunden Schlaf waren nicht eben viel. Er blickte sich weiter um und sah dann die Alarmglyphe am Spiegel. Entweder im Labor oder am Generator war irgendetwas schief gelaufen. Er sprang vom Bett und sammelte bereits die nötige Magie, um den Spiegel zu aktivieren. Eine kurze Formel, gefolgt von einer Geste und sein Bild verschwamm. Neben der roten Glyphe erschienen weitere mit Symbolen für die anderen Spiegel, durch die er von hier blicken konnte und er wählte schnell den kleinen Spiegel, der dem Generator gegenüber an der Wand hing. Beruhigt stellte er fest, dass alles in Ordnung war, also das Labor. Er berührte die entsprechende  Rune und sah die beiden Testgeneratoren. Der bereits aktivierte wies eine große Beule an der Oberseite auf und eines der Probegeräte war umgeworfen worden. Auf dem Ampermeter war kein Stromfluss mehr abzulesen. Er deaktivierte den Spiegel und schnappte sich schnell ein paar Sachen zum anziehen. Sobald er fertig war, hastete er zum Keller. Was war nur schief gegangen? Er hatte den Zauber doch genau analysiert. Wieso war es jetzt zu dieser Panne gekommen? 

Im Keller angekommen öffnete er schnell die Geheimtür und eilte ins Labor. Hastig wirkte er magische Sicht, um zu überprüfen ob der Zauber noch wirkte, aber außer von den Messgeräten nahm er keinerlei magische Energie wahr. Das Führungsrohr für das Elektrum war zu den Seiten hin offen und er blickte hinein. Der Zylinder war anscheinend leicht nach oben gekippt, hatte das hintere Lager zerstört und war dann in den oberen Rumpf gekracht. Die am Gehäuse angebrachten Eisenschienen hatten den Zauber dann anscheinend geerdet, so dass nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde. Mitras fluchte: „Verdammt! Was bei allen Geistern der Erde…!“ Das umgefallene Gerät war zum Glück aus Silber und enthielt keine empfindlichen Glasteile. Es war weder verbogen, noch hätte etwas daran zerspringen können. Nachdem er das Gerät wieder aufgerichtet hatte, murmelte er: „Gut, wenigstens sind die Instrumente alle noch intakt. Der Generator lässt sich ersetzen, aber die Geräte kosten ein Vermögen. Gut zu wissen, dass die Eisenbänder geholfen haben. Gut, Mitras, das wird schon. Sammel dich und dann lass uns herausfinden, was hier passiert ist.“ Noch etwas fahrig, sog er tief die Luft ein und sammelte sich. Die nächste Stunde verbrachte er damit, die magischen Sensoren zu analysieren und ihre Ergebnisse auszuwerten. Es war ein mühsamer Prozess, der immer wieder das Wirken von Hellsichtszaubern und anderen Analysezaubern erforderte, die wirklich nicht seine Spezialität waren. Doch langsam eröffnete sich ihm, was passiert war. Anscheinend hatte der Zauber anfangs gut funktioniert, aber dann schien er sich von der Stelle, an der er angeheftet war, zu lösen. Die Wirkung verlagerte sich und plötzlich wurde der Zylinder vom Zauber gegen die Oberseite geschmettert. Dabei war die Wucht so groß, dass die Lagerung, in die der Zylinder eingespannt war, komplett zerrissen wurde. Danach erfolgten noch weitere Schläge, bis der Mantel riss und das Elektrum gegen die magische Erdung stieß.

Kira erwachte erholt. Sie kuschelte sich noch einen Moment in die Decken, dann blinzelte sie sich wach. Draußen war es noch dunkel. Vorsichtig angelte sie nach der Lampe neben ihrem Bett und knipste sie an. Nach einer Weile wurde es so hell im Zimmer, dass sie die Uhr auf dem Schreibtisch lesen konnte. Es war viertel vor sieben. Kein Wunder, dass sie sich so erholt fühlte. Sie lauschte einen Moment, im Haus war es ziemlich still. Sie lächelte in sich hinein. Jetzt gleich mit Mathematik anzufangen, klang gar nicht so verlockend, aber da sie wach war, könnte sie ja in dem Buch von Niggel lesen. Sie knautschte sich das Kissen zurecht, lehnte sich gemütlich an und begann, das erste Kapitel zu lesen. Neben langatmigen Ausführungen zur richtigen Einstellung, etwa dem richtigen Maß an Bescheidenheit oder der Grundeinstellung zu Vertrautheit, gab es eine Einführung in Stände, Ränge, Titel und unterschiedliche Anreden. Ab und zu ließ sie das Buch sinken und übte die Formulierungen oder Gesten, die sie fand. „Sehr wohl, Mylord.“ Es war, so ganz allein und im Schlafanzug im Bett sitzend, manchmal ein bisschen albern, also kicherte sie zeitweise leise in sich hinein. Nach einer längeren Weile, draußen war es schon hell geworden, hörte sie Schritte auf dem Flur näherkommen und dann eine Tür, aber dann wurde es wieder ruhig. Offenbar war Mitras von unten hochgekommen und in sein Zimmer gegangen. Vielleicht war er beim Generator gewesen? Was hatte der dann den Rest der Nacht gemacht? Gestern abend, als sie schlafen ging, war er ja anscheinend in seinem Zimmer gewesen… Kira grübelte, beschloß dann aber, ihn einfach beim abendlichen Bericht zu fragen. Sie schaute auf die Uhr und erschrak. Es war schon neun, sie hatte das Frühstück vergessen! Rasch legte sie sich ein Lesezeichen in das Buch und stand auf. Nach einer kleinen Wäsche zog sie sich an. Ihr Kleid von gestern war noch sauber genug, beschloß sie, und ging dann rasch nach unten. In der Küche stand William und knetete einen Teig. Auf der Arbeitsfläche stand wieder ein Frühstückstablett mit einem Zweig, allerdings war es diesmal ein schön gebogener Zweig eines Stechbusches, mit kleinen roten Früchten daran. „Na, ausgeschlafen?“, lachte er sie an. Kira lief feuerrot an. „Entschuldige, ich habe gelesen und die Zeit vergessen.“ William rollte die Augen, lachte aber weiterhin. „Du bist meine Lady, schon vergessen? Du musst dich für nichts entschuldigen oder rechtfertigen. Mitras hat eben gegessen, aber der war so fertig, der wäre eh keine Gesellschaft für dich gewesen. Ich würde dir ja Gesellschaft leisten, aber wie du siehst, sind meine Hände gerade anderweitig gebunden.“ Er hob die Hände voller Teig hoch. Kira trat neugierig heran und linste in die Schüssel. „Was wird das denn?“ „Kekse!“, verkündete William. „Gehörst du auch zu den Mädchen, die ungemein gerne Kekse ausstechen?“ Kira nickte begeistert. „Na, dann musst du wohl heute nachmittag wieder herkommen und mit mir Kekse ausstechen.“ Kira grinste ihn an und machte einen kleinen Knicks, wie er laut Niggel für gleichrangige Adelige genutzt wurde. „Mein Herr, es wäre mir eine Freude, Ihnen behilflich sein zu dürfen.“ William zog kurz die Augenbrauen hoch und lachte dann. „Oh, hat unsere Lady also vor, den alten William noch zu adeln?“ Kira schüttelte den Kopf. „Aber hat man das erkannt? Ich habe ein Buch über Begrüßungen und andere Regeln ausgeliehen und wollte nur üben… “ William nickte, nun ernst geworden. „Ja, das hat Mitras früher auch mit mir gemacht. Ich musste alles mögliche sein, ich glaube, ich kannte den Niggel nachher besser als er selber.“ Kira blickte ihn erstaunt an. „Ist Magister Mitras nicht von Geburt an adelig gewesen?“ „Nein, seine Familie ist zwar immer schon ganz gut gestellt gewesen, aber die Venaris waren bis zu Mitras eine Händlerfamilie ohne viele magische Sprösslinge. Du hättest seine Mutter sehen müssen, als Lord Christobal mit ihm im Schlepptau ankam und ihr eröffnete, er habe in seinem Garten die Erde magisch verformt.“ William gluckste bei der Erinnerung. „Sie brach mitten in ihrer Entschuldigungsflut ab und fragte ihn: Verzeiht, Mylord, aber was haben Sie gesagt? Magisch? Unser Mitras ist magisch? Und als er ihr es bestätigte, ist sie beinahe vor Aufregung in Ohnmacht gefallen!“ Kira musste unwillkürlich bei seiner Erzählung mitlachen, doch schon rasch obsiegte ihre Neugierde. „Ihr kennt euch schon so lange?“ „Seitdem wir Pferdeäpfel auf Kutschen werfen konnten.“, sagte William sichtlich stolz. „Aber, Lady Kira, ihr solltet nun wirklich essen. Ewig bleibt der Tee auch auf dem Stöfchen im Esszimmer nicht warm.“ Kira zögerte, eigentlich interessierte sie die Vergangenheit ihrer neuen Mitbewohner sehr. Aber William hatte sich schon wieder seinem Teig zugewandt, also ging sie ins Esszimmer und frühstückte. Was Magister Mitras wohl für ein Junge gewesen war? Pferdeäpfel klang irgendwie wild, gar nicht so beherrscht und beherrschend, wie er ihr jetzt vorkam. Es klang fast wie sie selber… Sie grinste bei den Erinnerungen an die zahllosen Streiche, die sie den anderen Dorfbewohnern gespielt hatte, ohne dass diese je wussten, wer es gewesen war. So wie sie den Sturm hatte kommen sehen, konnte sie oft an guten Tagen auch dafür sorgen, dass andere sie gar nicht so gut sahen, indem sie sich dunkle Kleidung aus dem Schrank ihres jüngeren Bruders holte und sich hinter Sträuchern, Bäumen oder Ecken verbarg. Und dann hatte der Schlachter, ein grober Mann, der Kira oft genug anfauchte, schonmal plötzlich einige Pferdeäpfel auf dem Kutschensitz gehabt, gerade, als er wieder mal besonders gut aussehen wollte, um eine Durchreisende zu beeindrucken… oder Bauer Bohnsack, der nie rausgefunden hatte, wer ihm die weißen Puderbomben auf den schwarzen Anzug geworfen hatte und warum… Kira kicherte. Sie hatte gewusst, warum: Immerhin hatte er zuvor Bruder Harras als Nichtsnutz bezeichnet. Ja, das war lustig gewesen. Und verdient dazu. Sie fragte sich bis heute, wie sie aus der Entfernung vom Dach des Hauses ihrer Eltern aus eigentlich genau ihn und nicht seine neben ihm laufende Frau getroffen hatte, aber der Effekt war auf jeden Fall hervorragend. Wie der geschimpft hatte! Gut gelaunt beendete Kira ihr Frühstück und ging nach oben. Mathematik würde sie ja auch nachher machen können, erstmal stand ihr zweites Lieblingsgebiet, Flora und Fauna, an. Sie angelte sich ein neues Heft für Notizen, schlug das erste Kapitel auf und begann zu lesen.

Sowohl Pflanzen als auch Tiere Albions unterschieden sich in verschiedene Gattungen und Arten. Einige Arten wiederum entwickelten, ähnlich wie bei den Menschen, Unterarten, die mit der Magie von Gäa auf unterschiedliche Art interagierten. Sie konnten sie aufnehmen und speichern, beeinflussen oder sogar für bewusste Zauber nutzen. Kira studierte kurz das Inhaltsverzeichnis und entschied sich dann, für den heutigen Abend einen Vortrag zu den Pflanzen vorzubereiten, die magische Energie speichern konnten und somit gerade in der Alchemie von Interesse waren. Das würde Magister Mitras vermutlich auch interessieren, und sie wusste bisher sehr wenig darüber.

Als sie nach etwas mehr als einer Stunde gerade dabei war, eine Übersicht über die verschiedenen Speicherungsvarianten anzulegen, hörte sie plötzlich, wie es draußen heftig rumpelte. Neugierig stand sie auf und öffnete ihre Tür. Auf dem Flur war niemand. Doch dann wurde die Tür von Mitras Schlafgemach aufgestoßen, und Mitras eilte ohne sich umzusehen die Galerie entlang. Er trug eine Hose, war aber barfuß, und sein Hemd steckte er im Laufen in den Hosenbund. Kira folgte ihm. Was war los? Mitras hastete die Treppe herunter und dann in den Keller. Nun war Kira ernsthaft neugierig, auch wenn sie diese Neugierde zumeist nur in schwierige Situationen brachte. Was war im Keller, das so eine Eile auslösen konnte? Sie zögerte kurz. Sie war erst kurz hier, sie sollte nicht spionieren. Doch die Neugierde siegte auch dieses Mal, und so folgte sie ihm vorsichtig. Im Keller war es dunkel, so dass sie eine Weile warten musste, ehe sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann stellte sie fest, dass sie quasi vor einer Mauer stand. Oder, genauer gesagt, die Mauer stand vor ihr, nämlich am Ende der Treppe. Über das Holzgeländer hinweg konnte Kira sehen, dass rechts von ihr ein kleiner, ziemlicher leerer Raum lag, von dem wieder ein Flur abging, wie er auch in den beiden oberen Geschossen lag. Die Mauer vor ihr war, wie sich bei näherer Betrachtung ergab, eigentlich wohl eine Tür, die gerade offen stand. Eine Geheimtür, schoß es ihr durch den Kopf, und sie blieb zögernd auf der Treppe stehen. Sie sollte nicht hier sein. Egal, rief die Stimme in ihrem Kopf. Du solltest auch keine Farbbomben werfen, und das hast du trotzdem gemacht, und auch zu Recht. Sie holte Luft. Ok, dann aber ganz vorsichtig, sagte sie zu sich selber, und begann tief und ruhig durch die Nase zu atmen, wie sie es als Kind so oft getan hatte, wenn sie unentdeckt bleiben wollte. Dann drückte sie sich vorsichtig an der Tür vorbei und lugte in den Raum dahinter. Er glich ein wenig dem Labor oben, nur dass die Mauern hier nicht verputzt waren. Rechts von ihr stand ein einfaches Regal voller Schubladen mit metallenen Teilen und Werkzeugen. Vor ihr war eine Art Ritualkreis in den Boden gemeißelt und weiter links stand ein Schreibtisch an der Wand. Es war der gleiche Tisch, der auch oben im Labor ihrem Magister als Arbeitsplatz diente. An der Wand daneben war ein weiteres großes Regal. Dieses war voller Schubladen, sie konnte in dem schummrigen Licht erkennen, dass aus einigen Büschel von Kräutern herauslugten. Ganz langsam schob sie ihren Kopf weiter in den Raum hinein und lugte vorsichtig um die Ecke. Sie konnte Mitras nach wie vor nirgends entdecken, sah nun aber, dass der Raum noch eine Nebenkammer hatte, die mit einem schweren Netz abgetrennt war. Der Bereich schien besser erleuchtet, zumindest glitzerte das Licht durch den Vorhang, und Kira sah eine Bewegung dahinter. Rasch zog sie den Kopf zurück, auch wenn Mitras sie sicher nicht hatte sehen können. Ihr Herz klopfte. „Verdammt! Was bei allen Geistern der Erde…!“  schallte es aus dem Raum, was sie heftig zusammenzucken ließ. Dann hörte sie etwas rumpeln und klirren. Ob dort etwas kaputt gegangen war? Stand dort der Generator? Vorsichtig schaute Kira noch einmal in dem Raum. Das Licht war ja noch an, also war der Strom noch da. Vielleicht ein anderes Experiment? Aber warum gab es hier ein zweites Labor? Ein geheimes? Was für Praktiken studierte ihr Magister hier? Kira spürte, wie ihr Schauer den Rücken herunter liefen. Mitras war so nett und warmherzig zu ihr gewesen. War das nur Schauspiel? Selbst in Bispar gab es ständig Kämpfe darum, wer als nächstes dieses elendige Kaff regieren durfte, wie musste das erst in der Hauptstadt sein? War Mitras an geheimen Komplotten beteiligt, die er magisch unterstützte? Sie hörte ihn etwas murmeln. Vorsichtig ging sie rückwärts aus der Tür hinaus. Bloß nicht erwischen lassen. Bloß nicht erwischen lassen. Sie hielt den Atem beinahe an, während sie vorsichtig die Treppe wieder nach oben schlich. An der Kellertür schaute sie sich vorsichtig um, doch weder Abigail noch William waren zu sehen. Ob sie überhaupt eingeweiht waren? Ob all die Freundlichkeit nur dazu diente, sie einzulullen? Kira floh geradezu die Treppe hinauf und schloß sogar ihre Zimmertür hinter sich ab, ehe sie sich mit einem Seufzer auf den Schreibtischstuhl plumpsen ließ. Was sollte sie jetzt nur tun?

Die nächste Stunde verbrachte sie grübelnd. Alles, was sie bisher im Haus erlebt hatte, war freundlich gewesen. Sie erinnerte sich, wie liebevoll Abby gewesen, wie offen und angenehm das Abendessen war. Sie erinnerte sich an das entspannte Lachen. Sie dachte an die Geschenke und Mitras ruhige, fast liebevolle Art. Sie dachte an seine bedrohliche Präsenz am Anfang. Hatte er Angst um seine Geheimnisse gehabt? Hatte er sie deswegen nicht da haben wollen? Würde der Erzmagier sie irgendwann beordern und ihr eröffnen, dass er sie trotz ihres geringen Talentes nur deswegen zugelassen hatte, damit sie Mitras beobachten konnte? Sie kannte soetwas, in Bispar pflegte man sich stets selbst zum Essen „einzuladen“, wenn man etwas wissen wollte. Aber Mitras war ihr Mentor, also war sie ihm Loyalität schuldig. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, dem Erzmagier, der sie so abfällig betrachtet hatte, irgendetwas zu schulden, ihm irgendetwas zutragen zu müssen, was Mitras, Abby oder William schaden könnte. Oder Tobey, ergänzte sie noch. Auch wenn sie ihn selten sah, mochte sie ihn dennoch. Langsam ordnete sich ihre Panik. Ich mag alle hier, realisierte sie. Es ist viel besser als zuhause, wo ich ständig befürchtete, im nächsten Moment von Mama oder einer der anderen Dorfweiber angekeift zu werden, oder von Papa wieder den Stock zu spüren zu bekommen, weil ich wieder etwas anders gemacht habe, als er es wollte. Kira atmete tief aus. Es war besser als zuhause, wiederholte sie sich, und erinnerte sich an Abby, die ihr gestern abend erst so warmherzig und wundervoll erschienen war. Jemand wie Abby wird nicht einem schlechten Herrn dienen, sie widerspricht ihm ja sogar, sagte sie sich. Was auch immer Mitras verbarg, es würde nichts allzu böses sein. Sie dachte an Williams Kommentar zum Werfen von Pferdeäpfeln und wie nah sie sich den beiden gefühlt hatte. „Und selbst wenn, ich gehöre jetzt zum Haus, und ich will lieber hier leben als in der Marsch!“, flüsterte sie fast grimmig in sich hinein. Entschlossen zog sie das Notizheft zu sich heran und begann, ihre Übersicht zu den Speicherformen und Pflanzenmagie zu vervollständigen. Da sie beinahe fertig gewesen war, dauerte das nicht allzu lange. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es erst ein Uhr war. Ein bisschen Kekse backen passt noch, entschied sie. Mathematik kann ich später auch machen, und dann schaue ich nochmal in den Niggel. Auch wenn Mitras vielleicht nicht böse ist, ich sollte mich ihm gegenüber standesgemäß verhalten und nicht zu sehr vereinnahmen lassen. Zum Haus zu gehören, heißt ja nicht, dass man alles mitmachen muss, beschloss sie ihre Gedanken so selbstbewusst wie möglich.

William war nicht in der Küche, aber Kira fand ihn im Esszimmer, wo er gerade einige Brote aß. „Na, auch Hunger?“ Kira schüttelte den Kopf. Das Frühstück war noch nicht so lange her, und der Schreck von vorhin hatte sich zwar gelegt, aber richtig Appetit hatte sie auch noch nicht. „Nein, ich wollte fragen, wann du denn Kekse machen willst.“ „Ha, eigentlich gleich, du kommst genau richtig. Der Teig ist noch in der Kühltruhe, du kannst ihn aber schon rausholen und ausrollen, wenn du magst. Mehl und Werkzeug habe ich schon auf die Arbeitsfläche gelegt.“ Kira nickte. „Wo ist denn die Kühltruhe?“ „Du gehst in der Küche nach unten in den Keller, dann ist gleich links an der Wand die Truhe.“ Tatsächlich war es einfach, die große Box zu finden, die mit einem Kältezauber belegt war. Kira öffnete die Tür und fand den Teigklumpen in Wachspapier eingewickelt. Sie holte ihn heraus, schloss die Truhe wieder sorgfältig und ging nach oben. Eine Weile kämpfte sie schon mit dem noch harten Teig, als William hereinkam. Er sagte etwas zu jemandem, der hinter ihm im Essraum stand, aber Kira, die gerade versuchte, eine gleichmäßige Dicke der Teigschicht zu produzieren, achtete nicht darauf. William räumte das Geschirr weg und betrachtete dann das Ergegnis ihrer Mühe. „Ha, das ist wohl nicht das erste Mal, hmm? Sehr gut. Wenn du als Magierin nicht taugst, kann ich dich ja auch Kochgehilfin anstellen.“ Kira wusste nicht, ob sie darüber lachen wollte, also sagte sie einfach gar nichts. William holte Keksausstecher aus einer Schublade und sie stachen und rollten eine Weile friedlich schweigend gemeinsam Kekse aus, die William dann in den Ofen schob. Schon nach einer halben Stunde begann die ganze Küche verführerisch zu duften. William zeigte ihr, wie sie die fertigen Kekse mit Zuckerguß verzieren konnte, den er aus Wasser und fein gemahlenem Zucker fertigte. Kira spürte, wie sie sich weiter entspannte. Vielleicht hat William gar nicht so unrecht, beschloß sie. Wenn ich wirklich zu schlecht als Magierin bin, kann ich Köchin oder doch Gärtnerin werden. Ich könnte sogar hier ausgebildet werden, wenn Mitras es erlaubt. Eigentlich sind beides auch ganz schöne Arbeiten. Und William ist auch nett. Sie nahm einen der Kekse und probierte ihn. Er schmeckte gut, und sie dachte: „Ich glaube wirklich nicht, dass Mitras etwas böses im Keller versteckt. Köche von bösen Menschen können doch unmöglich so gute Kekse backen.“ Rasch stahl sie sich noch einen vom Blech, was William mit einem strafenden Blick und einem Zwinkern quittierte.

Erschöpft ließ Mitras sich in den Bürostuhl an seinem Arbeitstisch sinken. Der Zauber war gewandert. Anstatt, dass er an der Stelle blieb, an der er angeheftet wurde, war er regelrecht durch das Material geflossen. Das deckte sich mit der Eigenschaft, dass magische Energie innerhalb des Elektrumkörpers nicht still stand. Alle Zauber, die er bisher gewirkt hatte, legten sich um den gesammten Zylinder und drangen nicht in das Material ein. Der Rammbockzauber aber legte sich wie eine zupackende Hand um einen Punkt des Materials und drang auch in das Material ein. Er war wie eine Kugel, die teilweise im Zylinder lag, geformt. Das war ein völlig neues Problem, das er so gar nicht erwartet hatte. Ein weiteres Rätsel des Elektrums. Er fertigte schnell einige Notizen an. Es war dringend notwendig, dass er diese neue Erkenntnis niederschrieb und weiter erforschte. Er musste schnellstmöglich eine Abhandlung über diese Entdeckung verfassen und sie der Generalität zukommen lassen, damit sie gewarnt waren und sich auf diesen neuen Umstand einstellen konnten. Andererseits, dachte er, vielleicht ließ sich dieses Verhalten auch noch anders nutzen. Aber beides musste warten. Er war komplett erschöpft und beschloss bis 17 Uhr zu schlafen. Auf dem Weg nach oben ging er noch kurz in die Küche um mit William über den Fehlschlag zu reden. Dort war er jedoch nicht. Die Türen zum Keller und zum Esszimmer standen beide offen. Schon halb auf dem Weg zum Keller, sah er ihn im Esszimmer sitzen, wie er gerade sein Brot zuende aß. „Ha, ich scheine heute sehr anziehend auf euch Magier zu wirken, gerade, wenn ich wohl mal Pause mache.“ rief William ihm zu. Mitras gesellte sich zu ihm: „Wieso, war Kira auch gerade hier, sich ein Mittagessen abholen?“ fragte er. „Ja und nein. Deine Schülerin ist jetzt erstmal meine Schülerin. Ich hatte sie heute Morgen gefragt, ob sie mir beim Kekse machen helfen will, sie hat eine Pause nötig. Jedenfalls ist sie gerade im Keller und holt den Teig. Und was ist mit dir? Möchtest du noch ein Mittagessen?“, fragte er und war schon aufgesprungen und halb in die Küche gelaufen. Erschöpft streckte Mitras den Rücken durch und antwortete: „Nein, ich will mich gleich wieder hinlegen. Ich war bis eben im Keller. Das Experiment mit dem neuen Zauber ist katastrophal fehlgeschlagen. Der eine Testgenerator ist hin und ich werde ihn ersetzen müssen. Schlimmer noch, das Elektrum reagiert schlecht auf Zauber, die nur auf einen Teil des Materials wirken. Ich muss die Ergebnisse sehr bald auswerten und eine Abhandlung dazu anfertigen und insbesondere die Generalität warnen. Ich werde heute Abend vor Kiras Stunde noch eine Nachricht aufsetzen und auch eine an meine Schwester. Ich fürchte, ich muss den Ausflug morgen absagen. Wir müssen uns jedenfalls auf dem Weg heute Abend noch einen vertrauensvollen Boten suchen, bevor wir zu Titus gehen.“ Mitras war ernsthaft niedergeschlagen und frustriert. Das dem Fehlschlag nun auch noch das Treffen mit seiner Schwester zum Opfer fiel, störte ihn am meisten. Er hatte sie schon zu lange nicht mehr gesehen und sich schon sehr auf den morgigen Tag gefreut. „Ha, der Ausflug wird dann wohl nichts, aber du kannst sie ja trotzdem zum Abendessen einladen oder etwa nicht?“, entgegnete William. „Ja, da hast du wohl recht. Ich setze die Schreiben nachher auf, aber jetzt muss ich dringstens noch ein paar Stunden Schlaf nachholen.“ Mitras verließ das Esszimmer, ging in seine Gemächer und legte sich wieder schlafen. Frustriert wälzte er sich noch eine Weile hin und her, da ihm die Sorgen um die Zukunft seines Projekts nicht los ließen.

Als aller Teig verarbeitet war und etwa die Hälfte der Kekse auch verziert war, fiel ihr Mathematik wieder ein. Sie schaute sich suchend um und entdeckte eine Uhr über der Küchentür. Eigentlich war es ein blau verzierter Teller, an dem die Zeiger einer Uhr angebracht waren, und sie musste einen Moment lang überlegen, ehe sie realisierte, dass es schon kurz vor fünf war. „Du meine Güte! Schon fast fünf! Ich muss noch Mathe machen!“ „Na, dann wohl hopp! Du kannst die Pinsel da einfach liegen lassen, ich mache sie später sauber!“, sagte William. Rasch wusch sie sich die Hände und eilte nach oben.

Da die Zeit etwas knapp war, blätterte sie rasch zu den Übungsaufgaben des ersten Kapitels. „Einfache Exempel“ Na, super. Das Wort „einfach“ sollte in Mathebüchern verboten sein, fand sie. „Ein Tuch Gewand hält 24 Ellen, kostet 2 Silber. Wie kommen 14 Ellen?“ Kira schaute die Aufgabe an. Sie erinnerte sich, das in der Volksschule im Dorf schon gehabt zu haben, und natürlich hatte auch ihre Mutter ihr immer wieder eingebläut, dass sie das kaufmännische Rechnen sicher beherschen müsste. Sie zeichnete ein Kreuz auf in ihr Notizbuch. 24 zu 2. Und 14 zum Unbekannten. Was musste man nochmal rechnen? 24 durch 2 und dann mal 14? Sie rechnete. 168 Silber. Sie schaute irritiert auf ihr Blatt. Das war doch weniger Stoff, warum sollte es so viel mehr kosten? Aber man kann ja nicht 24 durch 14 mal zwei rechnen…oder zwei durch 24, das geht noch weniger. Das „einfach“ da oben war definitiv falsch! Sie schaute sich die nächste Aufgabe an. „Item 6 Ellen per 2 Silber 4 Schilling, wie kommen 28 Ellen?“ Hmm, da muss man die Silber erstmal in Schilling umrechnen, also 205 Schilling. Und dann? 6 durch 204 oder 204 durch 6? Musste das Geld nicht immer oben links in die Ecke? Sie schrieb 204 in die obere Ecke des Kreuzes, 6 nach unten und 28 nach rechts oben. Also 204 durch 6 mal 28. Sie rechnete schriftlich 204 durch 6. 34. Hmhm. Und 34 mal 28. Bahh. Ich hasse Mathematik, beschloß sie innerlich. Deswegen wollte ich doch auch nicht Händlerin werden. 952. Also 9 Silber und 52 Schilling. Das macht mehr Sinn, überlegte sie. Siehste, geht doch. Sie schob das Mathematikbuch und das Heft beiseite und schaute auf die Uhr. Nach 20 Minuten, das würde eh nicht für noch eine Aufgabe reichen. Rasch griff sie sich den Niggel und schlug das Kapitel „Magier unter sich“ auf. Sie war jetzt Discipula. Mitras war Magister. Wie hatte sie ihn offiziell zu begrüßen und zu titulieren? Interessiert las sie, dass es sogar eine vertraute Anrede, nämlich Sensei, gab, die man nutzte, wenn man ein gutes Verhältnis zum Mentor hatte. Naja, davon waren sie ja gerade noch ziemlich weit entfernt. Der Begriff stammte wohl aus dem Osten und war von den Angshire mitgebracht worden. Derzeit waren aber wohl eher „Magister“ oder „Meister“ angebracht, aber das letztere war unüblicher und bezog sich mehr auf die Lehre. Dass Mitras sie mit dem Vornamen anredete, erfuhr sie, war eigentlich unüblich. Man pflegte „Discipula“ oder „Schülerin Kira“ zu sagen. Nunja, Mitras redete aber alle im Haus zwanglos an. Sie betrachtete die Anleitungen, wie man durch den Knicks bei der Begrüßung den Grad der Vertrautheit und Ehrerbietung abbilden konnte und entschied sich, eine etwas distanzierte, aber sehr ehrenvolle Variante auszuprobieren. Schwungvoll klappte sie das Buch zu, übte den Knicks einmal vor dem Spiegel, nahm dann ihre Unterlagen und ging zum Labor.

Mitras öffnete auf ihr Klopfen hin. Er sah irgendwie zerknautscht aus, fand Kira. Sie knickste wie geübt. „Magister Mitras, ich melde mich wie besprochen zum Gespräch.“ Mitras zog ein wenig die Augenbraue hoch, reagierte aber nicht auf ihre höfliche Begrüßung, sondern öffnete einfach die Tür und bat sie so wortlos herein. Etwas verschüchtert betrat Kira das Labor und setzte sich auf ihren Stuhl. Sie hatte nicht so viele Notizen wie gestern vorbereitet, aber über Pflanzen konnte sie ja auch so reden. Mitras setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber und betrachtete sie. „Äh, ja, also ich hab heute was zur Flora gelesen, und zwar Pflanzen, die magische Energien speichern können. Das ist Kapitel 3 in „Flora und Fauna Albions“. Ich habe einiges über die verschiedenen Arten von Pflanzen schon bei Bruder Harras gelernt, aber über Magiespeicherung wusste ich noch nicht so viel. Ich dachte mir, das ist vielleicht auch für die Alchemie interessant?“ Sie schaute ihn an, doch sein Gesicht ließ keine Regung erkennen, also fuhr sie fort und stellte ihre Übersicht vor, erklärte dabei auch, wie man die unterschiedlichen Arten bestimmen konnte und welche grundlegenden Möglichkeiten zur Bestimmung von Pflanzenarten es gab. „Die Alchemie ist deutlich älter als die wissenschaftliche Erforschung der Magie, aber ja, ihre Beobachtung ist korrekt. Auch wenn viele alchemistische Erzeugnisse komplett nichtmagisch sind, so haben magische Pflanzen schon früh eine hohe Bedeutung erlangt, auch wenn erst in der modernen Forschung der Grund dafür erkannt wird. Die Alchemie beschränkt sich aber nicht nur auf Pflanzen, sondern auch auf Mineralien und Metalle. Beides wird in der heutigen Forschung in der systematischen Alchemie viel stärker erforscht als die Pflanzen unserer Welt. Sie bereiten allerdings auch deutlich größere Probleme.“, dozierte er etwas monoton und wirkte beim letzten Satz besonders zerknirscht. „Was haben Sie zur Mathematik vorbereitet?“ Kira seufzte, innerlich enttäuscht, dass er sich für die Pflanzenwelt so gar nicht zu interessieren schien, obwohl er doch gestern von dieser Perspektive recht angetan war. „Ähm, nicht so viel. Ich hab das erste Kapitel angefangen, und zwei Übungsaufgaben probiert, aber die erste ist irgendwie komisch…“ Sie reichte Mitras das Heft, der ihre Aufzeichnungen einen Moment lang studierte. „Ihre Kommentare haben ja schon erahnen lassen, dass Mathe Ihre Schwäche ist, aber das hier ist für eine Kaufmannstochter reichlich schlimm, finden Sie nicht? Sie raten ja bloß!“ Kira spürte, wie sie vor Scham rot anlief. „Ist das alles falsch?“, fragte sie leise. „Falsch? Naja, sie können immerhin Silber in Schilling umrechnen.“, spottete Mitras. „Aber sonst? Offenbar hatten Sie Unterricht zum Rechnen im Dreisatz in der Schule, sonst wüssten Sie nicht, dass man dieses Kreuz machen kann, obwohl es doch eher für die etwas schlichteren Charaktere gedacht ist, eine Rechnung so zu notieren. Aber hier ist alles vertauscht, und hier, in der zweiten Aufgabe, da rechnen Sie zwar das richtige, aber das ist wohl eher Zufall, weil die Notation auf jeden Fall Pferdemist ist.“ Er stach dabei mit dem Finger beinahe durch das Blatt, als er auf die Rechnung zeigte. „Sie haben Kekse gebacken, ja? Aber bestimmt nicht das erste Kapitel auch gelesen, sonst wüssten sie, dass man gleiche Einheiten auch auf die gleiche Ebene schreiben muss. Und das ist nur eine simple Kaufmannsrechnung, wie wollen Sie jemals komplexe magische Strukturen nachvollziehen können, wenn Ihnen so etwas simples wie oben und unten schon Probleme bereitet?“ Kira sackte in sich zusammen. Sie spürte, wie ihr die Tränen die Wangen herunter liefen. „Ich kann Mathe einfach nicht… in den Büchern ist das immer so kompliziert erklärt…“, versuchte sie sich zu retten. „Dafür müssten Sie die Bücher ja erstmal sorgfältig lesen, um das beurteilen zu können. Ich glaube, Sie wollen das eher nicht.“ Kira blickte ihn flehend an und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Magister, ich will schon. Aber ich wollte auch machen, was Sie gesagt haben, Pause machen und Pflanzen zur Alchemie anschauen und ich hab ja versucht, es richtig zu machen, aber es ist einfach wie ein Knoten in meinem Kopf!“, protestierte sie unter Tränen. Mitras schnaubte. „Das werden wir ja sehen. Morgen der Ausflug ist abgesagt. Sie können die Zeit ja nutzen, um über ihre Haltung zur Mathematik zu reflektieren. Miras prüfe ich es dann nochmal. Sie sind entlassen, Discipula.“ Er nutzte die offizielle Handbewegung, mit der man einen Angestellten oder Nichtadeligen wegschicken würde, erkannte Kira, und so nahm sie ihre Unterlagen und schlich aus dem Raum zurück in ihr Zimmer. Diese blöde Mathematik. Und Mitras war auch blöd. Erst sagte er, sie sei adelig, und dann behandelte er sie doch wie eine Nichtadelige. Sie warf sich aufs Bett und heulte in die Kissen. Tief in sich drin wusste sie, dass es ihr eigener Fehler war, sich vor Mathematik zu drücken, wie sie es auch schon im Fernunterricht getan hatte, aber jetzt gerade hasste sie einfach alles, was mit Magie und diesem doofen Magister zu tun hatte, und Mathematik ganz besonders.

Mitras saß noch eine Weile in seinem Zimmer und schaute auf die Briefe, die er vorhin verfasst hatte. Erst der zerstörte Generator, dann die Notwendigkeit, den Ausflug abzusagen, und nun kam Kira mit dieser derart schlechten Leistung in Mathematik. Der Tag konnte nicht mehr schlechter werden. Woher kannte sie überhaupt dieses höfische Gebaren? Ein bisschen stach ihn das schlechte Gewissen, dass er Kira zu sehr runter geputzt haben könnte, aber das Gefühl hallte nur still hinter seiner Enttäuschung wegen des Zaubers her. Außerdem waren die Rechnungen auch wirklich schlecht ausgeführt gewesen, und so fleißig wie gestern war sie ja wirklich nicht gewesen. Er konnte sich jetzt nicht weiter mit ihr befassen, zur Not würde er halt einen Mathematiklehrer einstellen müssen. Nun musste er zusehen, dass Titus ihn wegen seiner anderen Probleme auf Stand brachte. Der Magister Secus di Porrum wurde zusehends aufdringlicher. Und er war nicht der einzige, wenn auch der bisher hartnäckigste. Hätte Mitras einen funktionierenden, leicht zu bedienenden magischen Generator präsentieren können, dann hätte ihm dieser Durchbruch genügend Macht, Geld und Einfluss beschert, um sich all diese Neider endlich vom Hals zu halten. Aufzuzeigen, wie groß der zivile Nutzen des Elektrums war, wäre der schnellste Weg, die militärische Nutzung uninteressant werden zu lassen, glaubte er jedenfalls. 

Aber mit jedem Tag hatten die Magier der Generalität und ihre Vertragspartner mehr Zeit neue Wege des Blutvergießens zu finden. Mitras hatte nie gewollt, dass seine Entdeckung zum Motor eines neuen Krieges wurde, aber er wusste auch, dass er Mittel brauchte, um seine Forschung voran zu treiben und der Handel, den er mit dem Königshaus eingegangen war, stellte nun einmal die beste Möglichkeit dar, sowohl die nötigen Mittel zu erhalten als auch seine Unabhängigkeit zu sichern. Zweimal schon war bei ihm eingebrochen worden. Wahrscheinlich beide Male mit dem Ziel seine Unterlagen zur Erzeugung des Elektrums zu stehlen. Aber beide Male konnte er die Täter stellen und nun patroullierte eine königliche Wachmannschaft durch das Viertel. Offiziell, um den Adeligen allgemein mehr Schutz zu bieten, da die Kriminalität generell gestiegen war. Seit das Hafenviertel und die Slums dahinter immer schneller wuchsen, verschlimmerte sich die Lage, die Übergriffe reichten längst auch über die Flüsse hinüber und bis hinauf in die Viertel um die Akademien.

Alldem hoffte Mitras mit seiner Erfindung entgegen wirken zu können. Aber nun gingen ihm die Ideen aus und er merkte, wie sehr ihn das frustrierte. Er griff nach der Glocke und rief mit ihr Abby herbei. „Abby, die Ereignisse des Tages haben mir den Appetit verdorben, ich werde nicht zum Essen kommen und jetzt eine Runde gehen. Ich brauche frische Luft, um den Kopf klar zu bekommen. Sag William bitte, dass ich mich wegen unserer Verabredung heute Abend an der Ecke beim Emporium treffe, er weiß wo genau.“ „Ich werde es ihm ausrichten. Geht es dir denn soweit gut? William hatte schon erzählt, dass wieder etwas schief gelaufen ist.“ fragte sie ihn. „Von gut kann keine Rede sein. Erst scheitert der Versuch und nun muss ich auch für die Generalität eine Warnung ausgeben und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass Kira nicht einmal einen einfachen Dreisatz hinbekommt. Das Mädchen ist gut darin sich Wissen anzueignen, aber nur mit Reden und Lesen können wird sie es an der Akademie nicht schaffen.“ Abby schaute ihn sorgenvoll an. „Ah, deswegen weint sie, ja?“ Bei dieser Aussage stach das schlechte Gewissen nun doch ein bisschen mehr, aber es half doch nichts, dass was sie ihm gezeigt hatte, reichte nicht aus. Thadeus hatte ihn in solchen Situationen noch viel stärker heruntergeputzt, manchmal sogar den Stock genutzt, und hatte es ihm nicht auch geholfen? Sicher, er hasste den alten Sack für seinen Umgang mit ihm, aber so hatte er sich nur umso mehr angestrengt und Leistungen erreicht, die er sonst vielleicht nicht erbracht hätte. Mitras schüttelte sich kurz, als er merkte, wie er den verhassten Magier nun plötzlich selbst verteidigte. Es gab sicher noch bessere Wege, um einen Schüler zu motivieren, und er musste aufpassen nicht genauso zu werden wie sein erster Lehrmeister. Aber das war kein Problem, mit dem er sich jetzt befassen konnte. Seine anderen Sorgen waren jetzt wichtiger. „Das mag sein. Schau ruhig nach ihr.“, antwortete er. „Ich habe gerade wichtigere Probleme.“ sagte er und ging an ihr vorbei zur Treppe. Tatsächlich klang aus Kiras Zimmer gedämpftes Schluchzen, was ihm erneut einen Stich versetzte. Mitras beschleunigte seine Schritte und floh hinaus in den kalten Winterabend.

An Kiras Tür klopfte es leicht. „Kindchen?“ Abby öffnete die Tür, ehe sie antworten konnte. „Ach, Kindchen…“ Abby setzte sich an die Bettkante und strich ihr über den Kopf, was Kira zu einem erneuten Ausbruch von Tränen veranlasste. „I…Ich…ich…k…k…kann das…e..ei…einfach nicht.“, presste sie hervor. „Was, die Mathematik oder Mitras ertragen?“, fragte Abigail mit einem leicht spitzen Unterton. Kira blickte sie einen Moment erstaunt an, und die Verblüffung vertrieb den Heulkrampf. „Mathe.“, sagte sie dann leise. „Ahja. Aber Mitras ertragen ist auch manchmal schwierig, besonders, wenn mal wieder irgendwas am Generator ist, so wie heute. Irgendeins seiner neusten Experimente ist schief gegangen. Nimms ihm nicht übel.“ Kira schwieg und schaute auf ihr Kopfkissen. Ein Experiment, um den Generator anzutreiben? Warum machte Mitras solche Experimente in einem geheimen Labor? Sie schniefte. „Aber… er hat ja auch Recht. Ich kann nicht mal einfache Kaufmannsrechnungen. Und statt mich da richtig ranzusetzen, habe ich Kekse gebacken…“ „Ja, und die schmecken sehr gut.“, bestätigte Abby. „Kira-Schätzchen, du bist kein doofes Mädchen. Und die gute alte Abby ist auch nicht ganz dumm. Morgen haben wir beide frei. Was hältst du davon, wenn wir uns drüben ins Haus setzen und ich dir ein bisschen erkläre?“ „Und was bekommst du dafür?“ Abigail lachte. „Nichts. Vielleicht einen weniger schimpfenden Magister und eine hübschere Lady? Tränen stehen dir nicht.“ Kira schüttelte den Kopf. „Du kannst doch nicht an deinem freien Tag für mich arbeiten, ohne dafür was zu bekommen. Ich… hmm… ich helfe dir dafür bei der Wäsche?“ Abby grinste. „Aber dann müssen wir aufpassen, dass Mitras das nicht bemerkt.“ Jetzt musste auch Kira lächeln. Der Gedanke, ein Geheimnis vor Mitras zu haben, gefiel ihr. „Ok. Ich kann gut schleichen!“ „Fein.“ Abigail hievte sich vom Bett hoch und reichte ihr die Hand. „Und jetzt schleichen wir beide mal zum Abendessen.“ Kira zögerte. „Keine Sorge, der Kuchen ist rausgegangen. Die Mäuse können auf dem Tisch tanzen.“, passte Abby das Sprichwort an. Der Gedanke, Mitras könnte ein Kuchen sein, ließ Kira innerlich grinsen. Sie runzelte die Stirn. „Der Kuchen ist eine Flater Orangentorte, oder?“ Abby blickte sie neugierig an. „Warum? Was ist das für ein Kuchen?“ Kira verzog demonstrativ das Gesicht, während sie vom Bett aufstand. „Ein Kuchen mit Orangenschalen, sieht außen total gut aus, schmeckt aber irre bitter, wenn man nicht genug Zuckersahne drauftut.“ Abigail lachte schallend. „Oh, nein, ich glaube, da ist unser guter Magister mehr eine Ingwertorte… Manchmal scharf auf der Zunge, aber mit süßer Füllung.“ Kira schaute sie gedankenverloren an, dann ging sie zur Wasserschale, die sie am Morgen noch nicht geleert hatte, und wusch sich ihre verheulten Augen aus. „Ist Magister Mitras ein guter Mann?“ Abigail nickte. „Lass dich von seiner Schale nicht täuschen. Er hat ein Herz aus Gold.“ Kira schluckte und nickte dann. Die ältere Frau bestätigte eigentlich das, was sie vorhin schon selbst gedacht hatte, aber es reduzierte ihre Sorgen schon etwas, es nun nochmal zu hören. Wenn sie nur besser in Mathematik mitgemacht hätte…

Sie aßen gemeinsam zu Abend, von dem William sich rasch verabschiedete, weil er wohl mit Mitras verabredet war und ihm Briefe bringen sollte, die Abby ihm gab. Da weder er noch Mitras sie davon abhalten konnte, half Kira beim Abwasch, ging dann aber auch nach oben. Ihr Kopf tat weh, und sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Einen Moment versuchte sie noch, im Niggel zu lesen, doch schon bald legte sie das Buch beseite, machte sich bettfertig und ging schlafen. Morgen würde sie mit Abby Mathematik angehen, und diesmal würde sie sich nicht herausreden, nahm sie sich vor. Dennoch dauerte es eine Weile, ehe sie in einen unruhigen Schlaf glitt. 

​Mitras ging zie​​​​​​llos durchs Viertel. Die Kälte, die ihm dabei ins Gesicht schlug, half ihm, wieder etwas ruhiger zu werden. Er ordnete seine Gedanken und ließ den Tag revue passieren. Der Fehlschlag war katastrophal, ja. Nicht weil er den Generator ersetzen musste, das war zwar ärgerlich, aber kein Beinbruch. Aber der Rammbock war sein letzter Strohhalm gewesen. Er hatte nun alle Ideen ausgeschöpft. Alle seine Recherchen waren entweder ins Leere gelaufen oder führten zu mehr oder minder spektakulären Fehlschlägen. Die Eigenschaften des Elektrums waren zu komplex, um klassische Telekinesezauber darauf zu wirken, zumindest nicht ohne dass irgendetwas Unvorhergesehenes dabei passierte. Allein das Ausbrechen des Zylinders heute Vormittag war schon außergewöhnlich. Zauber änderten nicht einfach ihre Richtung.

​Oder hatte er vielleicht von Beginn an etwas übersehen? Er hatte das Material anfänglich sehr genau studiert, dabei aber noch lang nicht so viele Daten wie jetzt gehabt. Sollte er vielleicht einen Schritt zurück gehen und anhand der neuen Ergebnisse noch einmal mit der elementaren Untersuchung des Elektrums weiter machen? Den einzigartigen Energiefl​​​​​​uss innerhalb des Materials hatte er ja auch nur durch Zufall entdeckt. Welche Geheimnisse könnten sonst noch in der Legierung stecken? Hatte er aus dem Transmutatis wirklich schon alles erfahren oder war seine Übersetzung des antiken Textes vielleicht auch fehlerhaft? Er konnte sich das zwar nicht vorstellen, da alte Schriften immerhin sein stärkstes nichtmagisches Feld waren, gleich neben der Mathematik, aber vielleicht verbargen sich noch Informationen im Subtext, die bei der Übersetzung verzerrt worden waren. Langsam dämmerte ihm, dass er die nächsten Wochen noch einmal sehr viel Zeit mit Grundlagenforschung verbringen müssen würde. Die Warnung konnte ihm Zeit verschaffen. Richtig formuliert konnte sie die Forschung der Generalität vielleicht verlangsamen und im besten Fall bekam er Einsicht in deren Forschung und konnte die Ergebnisse so für sich benutzen. Vielleicht sollte er den Brief an di Acciperitis schicken statt an di Scuti? Dann würde sich der General erst an seinen Forscher wenden müssen und sich absprechen, das könnte ihm etwas mehr Zeit verschaffen.

Seine Laune begann sich gerade wieder zu heben, als hinter ihm eine Stimme ertönte: „Mitras di Venaris, welch eine Überraschung, Ihnen hier zu begegnen.“ Mitras​​​​​ drehte sich zu der Stimme um und sein Gesicht verfinsterte sich. „Di Porrum, was wollt Ihr?“ Secus di Porrum und sein nichtmagischer Bruder Cepus standen vor ihm. Secus war ein sehr erfolgreicher Waffeningenieur und Händler. Als Magier taugte er allerdings nicht viel. Nur mit Thadeus Hilfe war es ihm gelungen, so munkelte man, in den Rang eines Magisters aufzusteigen und seit die Differenzen zwischen den beiden immer größer wurden, hatte Thadeus ihn immer weniger in Schutz genommen. Letztendlich wurde di Porrums Forschung nochmal eingehend durchleuchtet und man entdeckte, dass er etliche seiner vermeintlichen Erkenntnisse wohl eher von anderen kopiert hatte. Thadeus konnte man keine Fehler nachweisen, da er mit der Bewertung nicht direkt betraut war, aber einige Erzmagier wurden dafür gerügt, dass sie anscheinend zu schlampig geprüft hatten. Ein einmal anerkannter Titel konnte nicht mehr aberkannt werden, aber Secus wurde von allen Forschungen der Gilde ausgeschlossen, erhielt also auch keine Unterstützung mehr für eigene Projekte. Des Weiteren wurde ihm der Aufstieg in alle weiteren Ämter und insbesondere der Aufstieg zum Erzmagier auf Lebenszeit verwehrt. Aber trotz all dieser Rückschläge hatte er nach wie vor sein Waffenimperium. Wo anderen Magiern solche Maßnahmen die Existenz zerschossen hätte, landete er relativ weich. Nun versuchte er schon seit einem Jahr einen Anteil der Elektrumproduktion für sein Unternehmen zu bekommen, auch um durch die Entwicklungen, die damit potentiell möglich wären, wieder im Ansehen der Gilde zu steigen. Vermutlich aber auch, weil neue Waffen auch neue Möglichkeiten bedeuteten, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Waffenlieferant und eingeschränkter Magister zu sein, war in Friedenzeiten eben eine noch schlechtere Kombination.

Zuerst hatte er versucht, Mitras für sich einzunehmen und hatte ihn umschwärmt wie eine Motte das Licht. Doch Mitras erinnerte sich noch zu gut an die abfällige Behandlung, die ihm Jahre zuvor noch durch Secus zuteil geworden war, wann immer dieser ihn sah. Er gehörte schon damals zu Thadeus Traditionalisten und betrachtete es als Kränkung des geschätzten Meisters, dass dieser nun noch einen ‚Emporkömling‘ ausbilden musste. Kaum waren seine ersten Versuche gescheitert, wurde er zunehmend aggressiver, bis er sich einmal zu viel öffentlich im Ton vergriff, was dazu führte, dass die Generalität ihn von einigen wichtigen Aufträgen ausschloß. Sicher hatte Nathanael auch damit zu tun. Er war nie weit weg, wenn einer von Mitras Feinden ein Rückschlag ereilte. „Aber bitte, warum so unfreundlich, werter di Venaris. Ich habe ein Angebot für Sie. Ich weiß, dass Ihr nicht alles Elektrum an die Generalität verkauft. Und ich bin mir sicher, dass Ihr durchaus auch noch mehr herstellen könntet, wenn Ihr nur wolltet. Mit der Sicherung des königlichen Patentes mögt Ihr zwar das Geheimnis um die Formel gesichert haben, aber im Gegensatz zu den Schafsköpfen in der Festung glaube ich nicht, dass die Grenzen bei der Produktion so groß sind. Also mein Angebot – und ich rate Ihnen, es anzunehmen – einhundert Goldmünzen je Kilogramm bei einer Lieferung von einhundert Kilogramm je halbes Jahr. Ich weiß, dass das doppelt so viel ist, wie die Generalität euch zahlt. Also seid nicht dumm und schlagt ein. Kommt doch am besten gleich mit um ähh.. alle Formalitäten zu begleichen.“ Das Angebot war viel zu großzügig, um zu Secus zu passen. Mitras sah, wie sich Cepus während der Ansprache seines Bruders unauffällig von rechts genähert hatte. In einem kurzen Moment schimmerte etwas an seinem Hals und Mitras wirkte, ohne dass die beiden es mitbekamen, einen Verstärkungszauber auf seine Augen. Cepus trug ein eisernes Kettenhemd und wahrscheinlich auch Arm- und Beinlinge aus Eisenringen. Das würde ihn zwar nicht vor einem magischen Feuerball oder einem Blitzschlag schützen, aber Verwandlungs- und Beeinflussungsmagie waren bei der Menge Eisen am Körper nahezu wirkungslos. Und sie wussten wahrscheinlich sehr genau, dass Mitras nur unter größerer Mühe Elementarmagie wirken konnte und erst recht nicht im Kampf. Reflexhaft griff er an seine Seite und wunderte sich schon fast, dass er sein Rapier tatsächlich dort vorfand. Er konnte sich nicht errinnern ihn angelegt zu haben, ärgerte sich aber, dass er zusätzlich zu seiner normalen Waffe nicht auch die Armbänder trug. Das Rapier war die ideale Waffe, um Kettenträger damit unschädlich zu machen, und er konnte damit auch hervorragend umgehen. Aber durch einen Gegner wie Cepus gebunden, konnte selbst ein Diletant wie Sepus ihm gefährlich werden, er musste ja nur einen Zauber von der Seite wirken. „Nun, di Venaris, ich warte. Mein Angebot ist ja wohl mehr als großzügig.“, rief dieser ihm nun zu, in dem Versuch, von seinem Bruder abzulenken. Mitras sah, dass dieser nun einen kleinen Dolch in der Rechten hielt. In dem Moment jedoch, als Mitras gerade zu seinem Rapier griff, erklang ein weiterer Ruf: „Was geht hier vor?“ Fünf Gardisten waren gerade aus einer Seitenstraße ins Sichtfeld gebogen, angeführt von einer Mitras vertrauten Gestalt. „Ah, Leutnant Decius, schön, Sie zu sehen. Der werte Secus di Porrum hier hat mir gerade ein weiteres Angebot unterbreitet und wie immer bin ich gerade im Begriff es abzulehnen. Die beiden Herren wären sicher dankbar, wenn Ihr sie dann sicher nach Hause begleitet, ich für meinen Teil wohne ja nicht weit von hier und ich bin sicher, dass Sie und Ihre Männer hier bereits alle auffälligen Gestalten vertrieben haben und ich sicher nach Hause weiter gehen kann.“ sagte er an den Anführer der Truppe gewandt. Mitras war sichtlich erleichtert, dass ausgerechnet Decius den Trupp anführte.

Er war es gewesen, der den zweiten Einbruch mit untersucht hatte. Sie hatten damals schon den Verdacht, dass di Porrum dahinter stecken könnte, aber der Leutnant konnte keine ausreichenden Beweise dafür aufbringen. Die Klingen, die bei dem Einbrecher gefunden wurden, waren neu und aus di Porrums Fertigung. Leider konnte Mitras sich nur mit einem einfachen, aber effizienten Zauber schnell genug zu Wehr setzen, was zur Folge hatte, dass das Herz des Eindringlings recht plötzlich seine Form änderte und damit auch den Dienst einstellte. In der Folge hatte Mitras immer wieder mit dem Wachmann zu tun und fand schnell heraus, dass er eine tiefe Abneigung gegen die di Porrums hegte. Mitras wusste zwar nicht warum, aber das machte Decius zu einem wertvollen Verbündeten.

„Sie haben recht Magister, es wäre wohl das Beste wenn wir die Herren hier nach Hause begleiten. Meinen Sie nicht auch, Magister di Porrum?“, fragte er mit leicht sarkastischer Stimme. „Das wird sicher nicht nötig sein, Leutnant, wir können selbst auf uns acht geben, aber ich danke Ihnen für das Angebot.“, versuchte sich der magische der beiden Brüder heraus zu reden. „Entschuldigt Herr, aber ich fürchte, ich muss darauf bestehen. Seit vorige Woche ein Adeliger von einem betrunkenen Hafenarbeiter angegriffen worden ist, haben wir Weisung jedem Herren, der einer Eskorte bedarf, diese auch zu stellen. Und da heute am Schengstag die Tavernen voll sind, kann es durchaus zu weiteren Zwischenfällen kommen. Ihr werdet also nicht um unsere Gesellschaft herum kommen. Wir wollen ja auch nur euer Bestes, mein Herr.“ Mit diesen Worten nahmen die vier Soldaten die beiden sichtlich nicht begeisterten di Porrums in ihre Mitte, während sich Leutnant Decius noch einmal an Mitras wandte, „Magister di Venaris? Sie sollten jetzt aber auch nach Hause gehen. Ich weiß nicht genau wieso, aber die Stimmung ist in letzter Zeit ziemlich gereizt und dass unsere Generalität den Hafenarbeiter schon nach zwei Tagen aufgeknüpft hat, hat nicht gerade geholfen.“ Mitras nickte. „Danke für die Warnung, Leutnant, ich werde sie beherzigen und danke für euren Dienst an der Stadt, Männer.“ sagte er an die Soldaten gerichtet, wohl wissend, dass dieser Zuspruch ihre Meinung über ihn nur bessern konnte. „Sie sollten Ihn auch begleiten lassen, Leutnant. Sonst kommen Sie ja Ihren Pflichten nicht nach, das wird ein Nachspiel haben!“, drohte Cepus, der den Dolch beim Erscheinen der Wache schnell weggesteckt hatte. Decius ignorierte ihn, doch einer seiner Soldaten antwortete: „Sir, wenn es um Ihre Sicherheit geht, nehmen wir gerne ein Nachspiel auf uns.“ Cepus setzte zu einer Erwiderung an, doch Secus brachte ihn mit einem Stoß und einem Blick zum Schweigen. Mit einem Nicken verabschiedete sich Decius von Mitras und er und seine Männer eskortierten den finster dreinblickenden Secus und seinen Bruder in Richtung ihres Hauses auf der anderen Seite des Hügels, weit weg von hier. Mitras wartete, bis sie außer Sicht waren und wandte sich um. William wartete nun sicher schon und würde sich Sorgen machen. 

Kurze Zeit später erreichte er den Treffpunkt und fand einen sichtlich nervösen William vor. „Ha, hast dir ja ganz schön Zeit gelassen. Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. „Ja, aber auch nur knapp. Ich bin in die di Porrum Brüder gelaufen, wäre beinahe hässlich geworden. Sie haben allen ernstes Anstalten gemacht, mich anzugreifen. Wäre Decius nicht genau in dem Augenblick um die Ecke gekommen, wäre die Lage wohl eskaliert.“ erwiderte Mitras. „Du machst Sachen. Keine zehn Minuten kann man dich allein lassen.“ schimpfte William. „Sicher, dass du nach der ganzen Aufregung noch los willst? Ich kann sonst auch alleine gehen und Titus eine Botschaft von dir überbringen und seine Ergebnisse mitbringen.“ „Nein, es geht schon, alles gut, William.“ antwortete Mitras und schlug sich dann mit der flachen Hand vor den Kopf, „Ach, verdammt die Botschaften! Ich muss doch noch das Schreiben an meine Schwester und die Warnungen an die Generalität versenden.“ „Keine Sorge, schon geschehen. Abby hat gesehen, dass sie noch auf deinem Tisch lagen, und als sie sagte, dass du schon los bist, dachte ich mir schon, dass du sie vergessen haben könntest. Ich habe auf dem Weg hier her einen Botenjungen angetroffen, der gerade auf dem Weg nach Hause war. Ich kenne ihn und weiß, dass er zuverlässig ist. Mach dir also keine Gedanken.“ beruhigte William ihn. Mitras wusste nicht, ob das jetzt gut oder schlecht war – der Brief war ja an di Scuti gegangen, und der Plan, ihn direkt an den General zu schicken… Ach, dieser Tag war einfach verhext. „Gut, dann lass uns aufbrechen, ich will diesen Tag endlich zu Ende bringen.“ Gemeinsam liefen sie durch das Handwerkerviertel zur Kaimauer, an der die kleine Fähre zum Hafenviertel anlegte.

Die Spelunke, in der sie sich mit Titus treffen wollten, hieß „zum tanzenden Einhorn“ und war nicht weit vom Fähranleger entfernt. Eigentlich war es eher eine Taverne, die auf die Kapitäne und deren Offiziere als Kundschaft abzielte, aber heute Abend waren auch sehr viele Hafenarbeiter hier. Mitras und William steuerten vom Eingang direkt auf die Nische zu, in der sie sich immer traffen, und fanden Titus dort schon wartend vor. Sie setzten sich und bestellten schnell zwei Bier. „Guten Abend Herr di Venaris. William?“, grüßte Titus die beiden freundlich. „Grüße von Stefania. Sie lässt ausrichten, dass deine Eltern im Frühjahr wieder nach Uldum kommen werden, sie haben ihr wohl geschrieben.“ William grinste breit. Stefania war seine Schwester, die ebenso wie er in Uldum sesshaft geworden war, doch seine Eltern zogen immer noch übers Land, und so freute er sich, Botschaft von Ihnen zu bekommen. Mitras überlegte, ob sie und Titus nicht doch irgendwann würden heiraten wollen, wenn sie ihre Verbindung schon so offen zugaben, dass Titus Familiengrüße überbringen konnte. „Läuft alles gut bei Ihnen?“, erkundigte Mitras sich. „Mal so, mal so, nech? Aber was unsere Geschäfte anbelangt, ich habe die Informationen, die Sie wollten.“ eröffnete Titus den geschäftlichen Teils des Gesprächs und schob eine kleine braune Mappe zu Mitras herüber. „Gut, danke. Ist irgend etwas Belastendes dabei heraus gekommen? Irgendetwas mit dem ich Secus zumindestens eine Weile in die Enge treiben kann?“ „Leider nein. Ich konnte Geschäftszahlen und einige zwielichtige Kontakte erbeuten und aufdecken, aber nichts, was sich effektiv gegen ihn einsetzen lässt. Der Mann ist sehr gut, wenn es um Schattenaktionen geht. Zu den zwei Einbrüchen lässt sich gar nichts finden, nicht einmal, wo die Männer jeweils herkamen. Die polizeilichen Ermittlungen sind komplett ins Leere gelaufen.“ berichtete Titus. Mitras holte einen kleinen Beutel voller Münzen hervor und schob ihn zu Titus herüber. „Ich danke Ihnen für Ihre Mühen, auch wenn mich die Ergebnisse alles andere als zufrieden stellen, aber ich bin sicher, Sie haben Ihr Bestes gegeben. Fahren Sie bitte weiter fort. Und noch etwas. Ich hätte gerne, dass Secus und Cepus beide einen Schatten bekommen. Ich bin heute zufällig in die beiden gelaufen und sie haben, für meinen Geschmack, viel zu schnell auf Aggressivität gesetzt und versucht mich offen unter Druck zu setzen. Für solche Fälle einen zufälligen Zeugen zu haben, wäre schon nicht schlecht.“ Titus nahm den Beutel an sich und wog ihn kurz mit der Hand ab. „Ich denke, das wird sich machen lassen. Möchten Sie auch noch einen Schatten für ihr Haus? Wird zwar nicht ganz einfach bei der Wohngegend, aber ich finde da schon eine Möglichkeit.“ Mitras dachte kurz nach und entgegnete: „Ja, das wäre wahrscheinlich nicht schlecht.“ Titus lächelte ihn kurz verschmitzt an. „Einige offene Augen haben mir schon erzählt, dass ihr auch eine neue Schülerin habt, die bei euch wohnt.“ Mitras nickte bestätigend. „Kira Silva, ja. Sie kommt aus dem Flachland, bei Lührenburg, aus Bispar. Haben Sie Kontakte so weit in den Norden?“ Titus machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich habe überall Kontakte, wenn ich es will. Sind Sie besorgt, die Kleine könnte eine Spionin sein?“ Mitras wiegte den Kopf, doch William protestierte. „Titus, sieh doch nicht überall gleich dunkle Schatten! Kira ist niedlich und sicher kein Spion, sie ist ein ganz herzensgutes Mädel.“ „Da stimme ich William zu. Nein, ich hege keine tieferen Sorgen, dass sie mir zur Spionage untergeschoben wurde. Aber ein paar Bemerkungen, die sie hat fallen lassen, haben mich ein bisschen beunruhigt. Mich würde der Zustand ihres Elternhauses interessieren, Einkommen, Ruf und so weiter. Vielleicht auch andere Meinungen aus dem Dorf über die Familie und auch über das Mädchen.“ William blickte ihn nachdenklich an. Mitras fuhr fort: „Sie selber ist im Wesen harmlos, und, wie William sagt, vielleicht ganz niedlich, aber sie könnte möglicherweise unter Druck gesetzt werden. Thadeus versucht jetzt schon, sie scheitern zu lassen, indem er ihr nur ein Jahr Vorbereitungszeit gewährt hat. Wer weiß, was er sonst noch aus dem Ärmel zaubert, um mich über sie zu treffen. Je mehr ich vorher weiß, desto besser.“ Titus nickte. „Wird aber dauern. Reist sich nicht so schnell per Pferdekutsche.“ Mitras stimmte ihm zu. „Wo wir allerdings bei Informationen sind, die nicht so schnell passieren… Ich würde gern meine Suche nach alten Werken zur Telekinese etwas erweitern.“ Er griff in seinen Geldbeutel und holte einige zusätzliche Goldstücke heraus, die er Titus hinschob. „Setzen Sie das doch bitte als Bonus mit aus, falls mir jemand ein Buch zu Bewegungszaubern liefern kann, dass unsere Stadtbibliothek nicht vorrätig hat. Es ist mir auch nicht mehr so wichtig, dass es unbedingt in Rasenna geschrieben ist, ich nehme auch andere Sprachen.“ Titus schaute ihn neugierig an und strich das Geld unauffällig vom Tisch. „Laufen die Forschungen nicht so gut?“ Mitras schaute ihn mit unbewegtem Gesicht an. „Wenn ich Ihnen über meine Forschungen Auskunft gebe, will ich aber was von dem Geld zurück.“ Titus lachte. „Versuch war’s wert, nech?“ Mit einem Kopfneigen zollte Mitras ihm Anerkennung. Sie tranken noch eine Weile an ihren Bieren und William fragte Titus zum Familienklatsch aus, der definitiv nicht eines Meisterspiones würdig, aber dennoch recht unterhaltsam war.

„Nun denn, es wird spät und der morgige Tag hält leider noch unerwartete Arbeit für mich parat.“ beendete Mitras das Gespräch und stand auf. „Oha, arbeiten am Silenz. Und ich dachte, ihr Magier habt euch die Titel extra dafür geben lassen, um an dem Tag nicht mehr arbeiten zu müssen.“ witzelte Titus herum. „Aber gut, bei dem ganzen Ärger, den Sie im Moment haben, kann ich das gut verstehen.“ fügte er deutlich ernster hinzu. „Ich wünsche euch beiden einen schönen Abend. Wenn ich wieder etwas habe, lasse ich es Sie wissen.“ Titus verbeugte sich knapp und setzte sich wieder. Mitras nickte ihm zu wünschte ebenfalls einen schönen Abend und verließ die Nische wieder. Kaum war er ein paar Schritte Richtung Tür gegangen, versperrte ein sichtlich angetrunkener Hafenarbeiter ihm den Weg, „Na, wen hab’n wa denn hia. Erscht lassn se uns für nen Dreckslohn in ihrn Fabrikn schuften und nu saufn se uns auch noch den Fusel wech.“  Er hickste und hauchte Mitras ein Schwall übelriechender Luft ins Gesicht, der ihn einen Schritt zurückweichen ließ. Erst die di Porrums und nun das. Die gerade erst zurück gewonnene gute Laune verflüchtigte sich sofort. Innerlich vor aufsteigender Wut kochend, blieb er äußerlich komplett ruhig, während er Magie sammelte. Ein Kraftzauber, nicht zu stark. Nur so weit, dass er diesen Kerl für ein paar Wochen von der Straße prügeln konnte. Leise murmelnd begann er den Zauber zu weben, als sich Titus an ihm vorbeischob und William ihn wieder in den Eingang der Nische zurück zog. „Sag einmal, was denkst du wer du bist, dass du einen meiner Freunde so anherrschst, Bursche!“, brüllte Titus den Hafenarbeiter an. Dieser holte zu einer Gegenanwort aus, wobei er wohl gedachte, die Faust mit zu nutzen. Einer seiner Kumpels hinter ihm rief allerdings: „Tarens! „Als der Angreifer durch den Suff hindurch wahrnahm, wen er da vor sich hatte, schien er schlagartig komplett nüchtern zu werden. „Herr Tarens, isch wusste ja nisch, dass der Schnö- äh der H…Herr Ihr Gascht is.“ stammelte er. „Schafft den Trunkenbold hier raus!“, rief Titus den anderen zu, „Und wenn er wieder nüchtern ist, macht ihm klar, dass er in meinem Bezirk keine Arbeit mehr finden wird, sollte so etwas noch einmal passieren.“ Schnell brachten die anderen ihn raus. Mitras ließ die Magie wieder abfließen und bedankte sich mit finsterer Miene bei Titus. „Danke, ich hätte vielleicht etwas dummes getan ohne Ihr Eingreifen.“ „Nicht der Rede wert, aber vielleicht wäre es besser, wenn wir uns in Zukunft an ruhigeren Orten oder zumindest nicht am Hafen treffen. Hier baut sich in letzter Zeit eine ziemlich unangenehme Spannung auf.“ erwiderte Titus. Mitras nickte. Es gab auch in den Zeitungen vermehrt Berichte über Unruhen in den Slums, und Decius hatte über die Geleitanweisung vorhin sicherlich auch nicht gelogen, er hatte nur Mitras davon ausgenommen. Mitras und William verabschiedeten sich entgültig von Titus, verließen das tanzende Einhorn und machten sich schnell auf den Weg zum Fähranleger. Sie hatten Glück und erwischten die Fähre, kurz bevor diese ablegen wollte. Damit war die Gefahr weiterer Übergriffe erstmal vorüber, hoffte Mitras. Auf der anderen Flussseite angekommen, kamen sie tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle nach Hause. Mitras wollte nur noch ins Bett und diesen verfluchten Tag endlich hinter sich lassen. Er wünschte William eine gute Nacht und ging in seine Gemächer, wo er rasch in einen festen Schlaf sank.

Fortschritt – 8. Lunet 242 (Ingastag)

Am nächsten Morgen schlief Mitras fast bis halb neun. Als er zum Frühstück runterkam, stellte er fest, dass er auch Kira verpasst hatte. Laut Abigail war das Mädchen schon vor einer Stunde unten gewesen, hatte trotz ihrer Einwände beim Frühstück geholfen und war nach dem Essen gleich wieder nach oben verschwunden, um zu lernen. William leistete ihm beim Essen Gesellschaft, während Abigail nach drüben ging, um mit dem Nähen anzufangen. „Die Kleine macht einen eifrigen Eindruck, würde mich nicht wundern, wenn Abby ihre Nase gewaltsam aus den Büchern ziehen müsste, um sie zum Essen und Trinken zu bewegen.“ witzelte er. „Der Eifer wird schon früh genug verfliegen, es ist jetzt alles neu für sie und äußerst aufregend noch dazu. Aber sie wird schon bald merken, dass es noch mindestens einen Monat dauert, bis sie ihren ersten Zauber wirkt und auch danach wird es viel Theorie zu lernen geben. Ich hab an der Akademie einige erlebt, die total ernüchtert aus ihrem ersten Jahr gekommen waren. Ach, verdammt, ich war ja selbst nicht besser. Thadeus hat mir die erste Aufregung jedenfalls schnell ausgetrieben.“, entgegnete Mitras. „Ja, aber du bist nicht Thadeus. Du hast immerhin eine Seele. Wann hatte der dich überhaupt das erste Mal zaubern lassen?“ „Nach einem halben Jahr.“, antwortete Mitras frustriert. „Erst als ich alle Formeln des Grundlagenwerks auswendig rezitieren konnte, hat er mir das Kanalisieren beigebracht und bis ich dann wirklich gezaubert habe, hat es nochmal fast ein Vierteljahr gedauert. Und nein, keine Sorge, ich habe nicht vor so lange zu warten. Kira soll sich jetzt einen Überblick über den Stoff verschaffen und dann werde ich Praxis und Theorie ineinander fließen lassen. Ich weiß aber eben noch nicht, wie ihr Wissensstand ist, den muss ich jetzt erst einmal ausloten.“ William betrachtete ihn eine Weile und sagte dann: „Du schaffst das schon. Immerhin weißt du ja schon, wie man es nicht macht!“ Er lachte und stand auf, um in die Küche zu gehen. „Und im Zweifelsfall werden Abby und ich dir wohl schon zur richtigen Zeit einen Tritt verpassen, damit du die arme Kira nicht zu sehr kaputt machst.“ Mit diesen Worten verschwand er in die Küche. Mitras war Thadeus letzter Schüler gewesen, bevor dieser in den Rang eines Erzmagiers aufstieg. Zwei Jahre war er bei ihm gewesen, nachdem sein Talent mit vierzehn offiziell entdeckt wurde. Kira würde nur ein Jahr haben, darauf hatte Thadeus ausdrücklich bestanden, sie sei ja schon jetzt zu alt für das erste Semester. In Mitras Sicht war das auch wieder nur ein Manöver, um gleichzeitig ihm zu schaden und eine weitere Magierin auszubremsen, die nicht den Familien entsprang. Thadeus gehörte zu der Fraktion unter den Gildenmagiern, die stark auf die Abstammung Wert legten, er selbst war einer langen Linie von Magiern entsprungen und in seiner Weltanschauung sollten nur diese zu wahren Magiern herangezogen werden, die auf eine lange Erblinie zurückblicken konnten. Magier, wie Mitras oder jetzt auch Kira, die die ersten ihrer Linie mit Magiebegabung waren, sollten nicht in den Rang eines Magisters aufsteigen können. Bestenfalls sollten sie als Mätressen für die magischen Häuser dienen, um ihre magische Begabung in Form von Kindern in diese einfließen zu lassen. Bis er Mitras aufnehmen musste, hatte er auch nur Schüler aus alten Häusern akzeptiert, aber der alte Erzmagier Bartolomeus di Nostradus, damals Vorsitzender der Akademie, hatte Druck ausgeübt. Der gute Bartolomeus war trotz seines hohen Alters ein sehr progressiver Mann gewesen und konnte Thadeus und sein elitäres Gehabe nicht ausstehen. Hätte Thadeus Mitras nicht erfolgreich ausgebildet, hätte Bartolomeus seinen Aufstieg wahrscheinlich noch weit über seinen Tod hinaus verhindert. Mitras Abschluss war nicht überragend, aber gut genug. Aber dass er anschließend dann so schnell zum Magister aufgestiegen war, war Thadeus ein steter Dorn im Auge. Seitdem er selber Leiter der Akademie war, versuchte er seine Fraktion der Traditionalisten, wie sie sich selbst nannten, zu stärken, indem er Magister mit gleichen Ansichten gezielt förderte. Aber noch waren die Progressiven, wie zum Beispiel Nathanael di Blanca, in der Überzahl und gerade Nathanael tat alles dafür, dass das auch so blieb. Er war ein überaus potenter Magier, der schon seit vielen Jahren an der Akademie gelehrt hatte, dann zum Leiter der Bibliothek und seit zwei Jahren nun auch zum Magus der Gilde gewählt worden war. Mitras verdankte ihm enorm viel, nach den Jahren bei Thadeus hatte Nathanael in seiner Zeit an der Akademie dafür gesorgt, dass er voran kam und hatte ihn auch gesellschaftlich gefördert. Thadeus hatte seine Ausbildung ab dem Moment torpediert, als sein Versagen nicht mehr direkt auf ihn zurück fallen konnte und Nathanael wiederum hatte ihn vor diesen Attacken beschützt. Mitras zog große Genugtung daraus, dass er das Werk Transmutatis ausgerechnet aus dem Haushalt der di Marantus hatte. Lucrecius Vater war einer der engsten Freunde von Thadeus gewesen –  nun war Mitras durch den Fall dieser verbohrten alten Familie aufgestiegen, welch hervorragende Fügung.

Mitras beendete sein Frühstück und ging William mit dem Tablett hinterher. Dieser war gerade dabei, eine Tasse Tee für ihn aufzusetzen. „Na, geht es erst ins Büro oder gleich nach unten?“ fragte er, während er mit den Kräutern für den Tee hantierte. „Erst nach oben. Ich muss mir die neue Formel noch einmal ansehen. Die andere Versuchsserie ist so sehr schief gelaufen, dass ich da nicht wie gehofft aufsetzen kann.“ entgegnete Mitras. William blickte auf und sagte zu ihm: „Ha, hört sich frustrierend an. Vielleicht solltest du dich wohl erstmal eine Weile auf etwas anderes konzentrieren?“ Mitras seufzte. „Würde ich gerne, aber das Laden des Generators alle zwei Tage ist auf Dauer ziemlich auszehrend. Wenn ich nicht bald eine Lösung dafür finde, ist es aus mit unserem Luxusstrom und wir müssen wieder auf Gas oder schlimmer noch Kohle umrüsten.“ „Nun, das wäre wohl schlimm. Gut. Übertreib es aber nicht.“ William wandte sich wieder dem Tee zu und erst jetzt fiel Mitras auf, dass er zwei Tassen vorbereitet hatte. „Na, dein Tee ist fertig, willst du die andere Tasse wohl selbst zu deiner Schülerin bringen oder soll ich das erledigen?“ fragte William. „Nein, schon gut, ich gehe eh nach oben, da kann ich die Tasse auch gleich mitnehmen und sehen, ob sie gut gestartet ist.“ Er nahm die beiden Tassen und verließ die Küche.

​Er brachte schnell seine Tasse weg und klopfte dann bei Kira an.​​​​​​ Als sie nicht reagierte, klopfte er ein zweites Mal, diesmal energischer. Ein erschrockenes „Ja-a, herein.“ Er öffnete die Tür und fand sie an ihrem Schreibtisch sitzend vor. Das Buch des Tages war bereits im dritten Kapitel aufgeschlagen, daneben lag eines der bereitgestellten Notizbücher, schon beschrieben. „Ich sehe, Sie sind schon fleißig, während ich das Frühstück mal wieder verpasst habe. Nicht dass Sie sich wundern, meine Studien erfordern es, dass ich mir im Moment jede zweite Nacht in Meditation um die Ohren schlagen muss. Deswegen schlafe ich die anderen Nächte umso länger. Ach ja, mit schönen Grüßen von William, er hat uns Tee für die Arbeit gekocht und da ich eh gerade auf dem Weg nach oben war, dachte ich mir, ich sehe kurz nach Ihnen und bringe Ihnen Ihre Tasse vorbei, damit er nicht extra hochkommen muss.“ Er trat ins Zimmer, um ihr die Tasse zu bringen. „Oh, und wenn Sie möchten können Sie gerne etwas länger schlafen und mit mir frühstücken. In der Regel bin ich um halb neun unten. Wenn Sie dann also von neun bis 18 Uhr arbeiten reicht das völlig, nein, eigentlich sollten Sie zwischendrin auch noch eine Stunde Pause einplanen. Also übertreiben Sie es nicht.“, sagte er und stellte ihr die Tasse auf einen freien Platz auf dem Schreibtisch. „Wie Sie wünschen, Magister. Soll ich um 18 Uhr wieder ins Labor kommen?“ fragte sie nach einem Moment des Zögerns. „Ja. Und noch etwas, aufgrund meiner Studien stehe ich Ihnen die nächsten Nachmittage für Fragen nicht zur Verfügung. Ich hoffe, dass unsere abendlichen Sitzungen ausreichen werden.“ „Selbstverständlich, Magister, ich werde Sie nicht stören. Und danke für den Tee.“ „Bedanken Sie sich lieber bei William. Ich bin heute nur der Bote.“ entgegnete er schmunzelnd und verließ ihr Zimmer wieder. Beim Gang über den Flur dachte er kurz über die Notizen nach, die er beim Blick über ihren Schreibtisch überflogen hatte. Sie war anscheinend schon recht weit gekommen, arbeiten konnte sie also und ihr Wissen war deutlich höher, als er es bei einem Mädchen aus der tiefsten Provinz erwartet hätte. Anscheinend hatte sie doch Zugriff auf weitergehende Schulbildung, was nur bedeuten konnte, dass sie Fernunterricht bekommen oder in einem Internat gelebt hatte. Anscheinend waren ihre Eltern doch nicht so arm, sonst wäre sie in ihrem Alter längst als Arbeitskraft gebraucht worden. Bei dem Gedanken daran verfinsterte sich seine Miene. Das hieß dann aber auch, dass sie das Kind absichtlich ohne Mittel losgeschickt hatten. Es war für ihn kein Problem, sie einzukleiden und ihr ein paar Annehmlichkeiten zukommen zu lassen, aber eigentlich sollten die Eltern ihren Teil leisten. Ernährung und Unterbringung war nun Sache der Akademie, aber für alles weitere waren eigentlich die Verwandten zuständig. Die sieben Silber waren auf dem Land sicher eine Menge Geld, hier in der Hauptstadt war das aber fast nichts, es diente eher als Aufstockung dessen, was die Eltern den Kindern üblicherweise eh zusteckten. Auch seine Eltern, die ja nicht adelig waren, hatten ihm immer Geld gegeben, sobald er vorbei kam. In seiner Akademiezeit hatte er ja sogar wieder bei ihnen gewohnt, und sie hatten ihm das Geld der Akademie komplett gegeben, auch das, was sie eigentlich für Kost und Logi bekamen. Sollte Kira sich in den nächsten acht Tagen bewähren, würde er ihr Taschengeld noch einmal überdenken. Aber vielleicht tat er ihren Eltern auch unrecht, bevor er sich entgültig ein Bild machte, brauchte er mehr Informationen. Die Liste der Dinge, die er mit Titus besprechen musste, wurde immer länger. Er konnte es kaum erwarten, dass der Schengstag endlich kam.

In seinen Gemächern angekommen, setze er sich an seinen Schreibtisch und holte seine Unterlagen aus dem Geheimfach unter der dritten Schublade. Der Rammbockzauber gehörte zur Schule der Telekinese und diente früher zum Einreißen klassischer Festungsanlagen. Ein an einer Seite mit Eisen beschlagener Holzstamm wurde mit diesem Zauber an der anderen Seite gepackt und führte einen rhythmischen Schwung aus. Einmal gewirkt, musste der Zauber nicht durch einen Magier aufrecht erhalten werden, erforderte dafür aber eine ziemlich große Ladung. So musste der Rammbock nur an die einzureißende Mauer oder ein Tor geschoben und konnte dann allein gelassen werden. Dies und andere magische Manöver waren maßgeblich für den Aufstieg Albions und besonders für die Siege im Norden und Osten mit verantwortlich.

Sein Ziel war es nun den Zauber so umzugestalten, dass er damit den Elektrumkern in eine gerade Vor- und Zurückbewegung versetzen konnte. Den Vormittag verbrachte er damit, die alten Formeln zu analysieren und den Zauber quasi zu sezieren. Er untersuchte die einzelnen Komponenten der Formel und kam so langsam dahinter, wie der Zauber aufgebaut war. Die schon fast antike Magie war sehr schnörkelbehaftet, stammte sie doch noch aus den Anfängen der systematischen Erforschung der Magie. Viele Komponenten waren unnötig oder sogar komplett ohne magische Funktion. Alte Zauber nutzten oft schmückende Phrasen und ausladende Bewegungen. Reine Wichtigtuerei aus seiner Sicht. 

Der wirkungsvolle Teil des Zaubers bestand letztendlich aus einem Zugzauber und einem Stoßzauber, einem Magiespeicher, der das Konstrukt versorgte und einer Formel, die die Wirkung der Komponenten verband. Er ging ins Labor und analysierte jede Komponente einzeln, bis er ihre Wirkung exakt reproduzieren konnte. Der Zauber zog und stieß das verzauberte Objekt, die Schwungbewegung kam durch die Ketten, an denen der Rammbock normalerweise hing. Der Elektrumzylinder war eh schon gelagert, darum musste er sich also nicht mehr kümmern. Die einzige Modifikation, die er einbringen musste, war, dass der Zylinder rechtzeitig wieder abgebremst wurde. Die Verbindungskomponente ähnelte einer ihm bereits bekannten, so dass er sie erfolgreich anpassen konnte. Eine weitere Probe im Labor zeigte, dass er erfolgreich war. Die nötige Energiemenge war immer noch gewaltig, aber seiner Berechnung zufolge sollte eine Ladung von einer Stunde reichen. Er sah auf seine Taschenuhr. Es war gerade 15 Uhr, er hatte also noch Zeit. 

Er ging ins geheime Testlabor im Keller. Die Generatorattrappe stand schon bereit. William wusste, wie das Gerät vorzubereiten war und hatte ihm diese Arbeit irgendwann am Vormittag abgenommen, so dass beide Generatoren einsatzbereit waren. Er wählte den rechten aus und würde den linken Morgen starten. Er bereitete die magischen Dedektoren vor, errichtete die Schutzfelder und aktivierte die nichtmagischen Schutzvorkehrungen. Dann setzte er sich im Schneidersitz vor den Generator und begann die Energie zu sammeln. Nach einer Stunde war er soweit. Langsam erhob er die Arme und begann den Zauber zu weben. Fünfzehn Verse und diverse, den Magiefluß leitende Bewegungen waren notwendig, um ihn zu formen. Dann wirkte er ihn auf den Elektrumzylinder und stieß ihn mit seiner Hand in den Generator. Der Zauber begann und der Generator erwachte zum Leben. Der Zylinder schwang hin und her und das elektrische Feld baute sich auf. Die Attrappe hatte, im Gegensatz zu einem richtigen Generator, nur eine kleine Kupferspule. Sie reichte gerade aus, einen messbaren Stromfluss über ein paar Glühlampen und einem Ampermeter zu leiten. Ohmnas Amperitus war der Ingenieur, der den elektrischen Strom entdeckt hatte. Ihm zu Ehren wurde die Maßeinheit für die Stromstärke Amper genannt. Mitras konnte auf dem Gerät den erwarteten Ausschlag sehen, der Zylinder bewegte sich also wie vorgesehen.

Zufrieden verließ er das Labor und ging in die Küche. Er hatte nun noch eine knappe Stunde, bis Kira kommen würde und er merkte, wie hungrig er nun war. William bereitete gerade das Abendessen vor. Mitras belegte sich eine Scheibe Brot und unterhielt sich mit seinem Freund über den neuen Zauber und seine Hoffnung, nun endlich eine Lösung gefunden zu haben. Selbst wenn der Zauber nur genauso lang halten sollte, wie die aktuelle Variante, brauchte er nun deutlich weniger Zeit zum Laden. Er nahm für sich und Kira noch etwas zu trinken mit und ging nach oben. Als er gerade an der Labortür ankam, ging Kiras Tür gerade auf und sie trat auf den Flur. „Guten Abend, ich scheine gerade noch rechtzeitig zu sein, um meine eigenen Vorgaben einzuhalten.“ sagte er lächelnd. Er hielt ihr die Tür auf und trat hinter ihr ein.

Kira saß schon eine Weile über der „Einführung in Geografie und Geschichte Albions“. Es war anlässlich des Friedensvertrages von Silias im Jahr 169 erschienen, und, da seitdem keine weiteren Grenzverschiebungen nach Kiras Wissen sattgefunden hatten, ziemlich aktuell, was die Kriege und Grenzen anbelangte. Sie hatte die ersten beiden Kapitel, die hauptsächlich den Gründer Albions, Miras di Tridita, lobten und die Großartigkeit des Reiches hervorhoben, gestern abend bereits überflogen, das meiste davon kannte sie schon. Nun las sie interessiert seit dem Frühstück über das Rasenna-Reich, das große Teile des Kontinents ursprünglich bedeckt hatte, und in der Zeit um 400 a.A. (ante Albion) von der Ost- bis zur Westküste und von den großen Seen bis in die Dschungel des Südens herein reichte. Natürlich gab es damals wesentlich weniger Fortschritt, auch die Magie war eher eine naturverbundene gewesen, die heute noch teilweise von magisch begabten Priestern weiter gepflegt wurde, aber dennoch waren die Errungenschaften der Rasenna bis heute prägend: Sie bauten zahlreiche Straßen, gründeten Städte wie Uldum, dass immer schon als Hauptstadt des Reiches vom großen Hochplateu aus regierte, begründeten eine effektive Verwaltung und schufen Struktur und Ordnung in der Kultur. Auch Theater, Musik und Literatur waren durch sie geprägt. Der Pfad zu Savora, der stets als ein besonderes Kunstwerk bezeichnet wurde, stammte aus der Rasennazeit, erfuhr sie aus einem kleinen Exkurs, und sie las interessiert, wie dort Magie und das Behauen der natürlichen Steine zusammen genutzt worden waren. Die Ausführungen sagten nichts über konkrete Sprüche, führten aber aus, dass die kleinen Türme, die man in regelmäßigen Abständen an den Treppen des Weges fand, durch Magie gesichert seien und deswegen Wind und Wetter seit Jahrhunderten trotzten. Auch die Gleichmäßigkeit der Stufen sei durch Magie geformt worden, in Zwiesprache mit den Geistern der Berge, denen in Savora traditionell noch heute gehuldigt wurde. Kira fand einige Zeichnungen der Treppe und des Tempels von Savora und begann, nachdem sie einige Grunddaten zum Rasennareich in ihr Notizheft übertragen hatte, eine kleine Zeichnung, zu der sie anschließend eine Zusammenfassung zu den Errungenschaften im Rasennareich schreiben wollte. Das erste Klopfen an ihrer Tür überhörte sie fast, doch dann klopfte es nochmal deutlicher, und sie schlug erschrocken die Seite mit der Skizze zu und setzte sich gerade hin. Auf ihre Aufforderung trat Magister Mitras in die Tür. Er hielt einen Tee in der Hand und wirkte beinahe verlegen, als er sich entschuldigte, oft beim Frühstück nicht da zu sein, weil er sich um seine Studien kümmern müsse. Kira, die ihn bisher als dominant, geordnet und mächtig erlebt hatte, überlegte, dass er beinahe niedlich wirkte. Als ob er, der große Magister, sich bei ihr dafür entschuldigen müsste, dass er wichtigen Dingen nachging und lebte, wie er zu leben gedachte. „Eigentlich sollten Sie zwischendrin auch noch eine Stunde Pause einplanen. Also, übertreiben Sie es nicht.“, sagte er und stellte ihr die Tasse auf einen freien Platz auf dem Schreibtisch. Sie schaute auf seine Hände, die ihr groß und dennoch so feingliedrig und edel vorkamen. Wenn er mit ihr frühstücken wollte, würde sie das natürlich machen, obwohl sie innerlich beweifelte, dass sie so lange würde schlafen können. Üblicherweise stand sie gegen 6 Uhr auf und fütterte die Schweine und Hühner. Hier bis sieben schlafen zu können, war ja eigentlich schon ziemlich viel Luxus. Aber wenn er selbst spät aufstand, war es schön ruhig im Haus, das hatte sie bereits heute morgen gemerkt. Sie würde einfach später frühstücken und schon gleich morgens nach dem Aufstehen und Waschen mit dem Lernen anfangen, dann könnte sie vielleicht abends etwas Zeit mit William, Abey oder Tobey verbringen, um mehr über das Leben in Uldum lernen zu können. „Wie Sie wünschen, Magister.“, sagte sie und ergänzte: „Soll ich um 18 Uhr wieder ins Labor kommen?“ Mitras bestätigte ihr die Verabredung und wies darauf hin, dass sie ihn in den nächsten Nachmittagen nicht stören sollte, da seine Studien ihn in Anspruch nehmen würden. Kira grübelte, was das wohl für Studien waren. Das Leben als Magister war wohl keine so leichte Angelegenheit. Sie merkte, dass sie das erstaunte, und scholt sich selbst für ihre Naivität. Hatte sie wirklich gelaubt, mit Magie würde alles ganz leicht laufen und es gäbe keine Probleme mehr? Selbst in den Berichten und Mythen zu Savora, die sie gerade gelesen hatte, wurde erwähnt, wie viele Opfer der Bergpfad gefordert hatte, weil überraschende Winde Priester erfassten und von Klippen wehten, die nicht genug Inbrunst in ihre Gebete legten. Magie, das wurde ihr deutlich bewusst, kostet Energie und Mühe, wie alles im Leben. Manchmal war es sogar leichter, Dinge nicht mit Magie zu betreiben, ganz abgesehen von der Tatsache, dass es viel zu wenig magisch begabte Personen gab, um alles mit Magie zu betreiben. Dass das kleine Dorf Bispar einen magisch begabten Priester gehabt hatte, war eigentlich auch schon ungewöhnlich. In Sibira und Feuersmoor, den Nachbarsorten, hatte es niemanden gegeben, der auch nur im Ansatz magisch begabt war, erinnerte sie sich. Wie in aller Welt hatte sie eigentlich magische Gene bekommen? Der Gedanke faszinierte sie, also bedankte sie sich ein wenig geistesabwesend bei Mitras, der noch etwas kurzes sagte und dann ging. Ihre Mutter und ihr Vater waren nicht magisch, auch ihr Großvater väterlichseits nicht. Ihre Großmutter väterlichseits hatte Kira nicht gekannt. Sie war vor ihrer Geburt gestorben, und Kira fiel auf, dass in der Familie auch kaum über sie gesprochen worden war. Der Großvater hatte sie in der Gegend von Bispar kennen gelernt, und sich deswegen dort niedergelassen, soviel wusste sie. Kiras Mutter stammte aus Flate, und deswegen kannte Kira auch die Küste: Sie war einmal mit Adrian dorthin gereist, um ihre Großeltern zu treffen, die eine kleine Fischerei dort betrieben. Sie erinnerte sich, wie sie aufs Meer gefahren waren und ihr fürchterlich schlecht geworden war, ehe Adrian ihr beigebracht hatte, sich auf den Horizont zu konzentrieren. Das hatte sie getan, und dann hatte sie dort den Sturm kommen sehen. Doch die Fischer hatten sie erst ausgelacht, sie würde sich das einbilden. Kira lächelte grimmig. Nichts hatte sie sich eingebildet, und sie waren knapp wieder heil in den Hafen eingelaufen, ehe ein heftiger Sturm die Stadt erwischt hatte. Großmutter Livia hatte geschimpft, doch die Fischer hatten beschworen, der Sturm sei nicht früher zu erahnen gewesen sein. Letztendlich endete es damit, dass sie wieder die „Komische“ war und den Rest des Aufenthaltes keiner mehr sie mit auf ein Boot nehmen wollte – was Kira nicht störte, dieses Geschaukel war definitiv nicht ihres gewesen. Sie ass den Fisch lieber, wenn er schon aus dem Wasser war, als ihn da heraus zu holen. Aber magisch war in der Familie ihrer Mutter auf jeden Fall auch niemand gewesen. Kira schüttelte den Gedanken an ihre Familie mit einem kleinen Schauder ab. Es konnte ja auch sein, dass sie die Magie gar nicht geerbt hatte, sondern einfach eine wilde Laune der Natur darstellte. Passte ja, sie war ja sowieso komisch, viel zu wild und mit roten Haaren und seltsamen Wahrnehmungen. Ein Trollkind, hatten die anderen sie manchmal getauft, nach einem alten Aberglauben der Skir an magische Wesen tief oben in den Wäldern am Nordkreis, die angeblich kleine Kinder stahlen und zu magischen Mischwesen erzogen, um ihre perversen Gelüste nach Sex mit ihnen befriedigen zu können. Kira schüttelte sich ein zweites Mal. Die Skir waren defintiv barbarisch, ihren Kindern so etwas zu erzählen. Es gab bestimmt keine Trolle. Und sie war auch keiner. Und selbst wenn sie einer wäre, dann definitiv einer ohne irgendwelche sexuellen Gelüste. Mit Ausnahme von Adrian fand sie nämlich die Vorstellung, von irgendeinem Mann auch nur angefasst zu werden, einfach nur beängstigend und abstoßend. Kurz blitzte die Erinnerung an Johanns Hände in ihr auf, doch sie schüttelte den Gedanken ab. Sie war Kira Silva und bald würde sie eine Magierin sein, und dann würde sich niemand mehr trauen, sie wegen roter Haare oder heraufziehenden Stürmen auszulachen oder sie gar anzufassen. Sie schaute auf die Locken, die sich über ihre Schultern ringelten. Je älter sie wurde, desto mehr wechselte das Braun-Rot, mit dem sie geboren war, in einen helleren, rötlichen Ton. Auf Verlangen ihrer Mutter hatte sie sie stets brauner gefärbt, aber eigentlich fand sie die Farbe von Herbstlaub, die sich am Ansatz zeigte, ziemlich hübsch. Sie streckte sich einmal und schlug dann wieder die richtige Seite in ihrem Notizbuch auf, um ihre Zeichnung fortzusetzen. Sie konnte zwar nicht so gut zeichnen wie die Macher des Buches, aber sie hatte mit Bruder Harras schon manchmal geübt, Pflanzen genau zu zeichnen, um sie später bestimmen zu können, also war sie mit dem Ergebnis nach einer kleinen Weile ganz zufrieden. Schade, dass ich keine Buntstifte mitgebracht habe, bedauerte sie. Allerdings war ihre Abreise aus Bispar – sie merkte, dass sie es schon nicht mal mehr als „zuhause“ bezeichnen konnte – auch reichlich überhastet gewesen, und sie hatte mehr über Kleidung als über alles andere nachgedacht. Sie las noch etwas und begann dann an der Zusammenfassung zu schreiben. Mittendrin klopfte es ein zweites Mal und Abigail guckte in den Raum. „Kindchen, willst du nicht vielleicht auch was zu Mittag essen?“ Kira blickte verblüfft hoch. „Äh…“ Abigail lachte und holte hinter ihrem Rücken ein Tablett mit Broten hervor. „Ja, das habe ich mir gedacht. Übernimm dich nicht und denk daran, Pausen zu machen.“ Sie stellte das Tablet auf den Schreibtisch und bewunderte Kiras Zeichnung ausführlich, was diese vor Stolz rot erglühen ließ. „Vielen Dank, Abigail.“ Die Haushälterin lächelte sie gutmütig an. „Alle sagen Abby zu mir, magst du das auch machen?“ Kira verschluckte sich fast am Brot ob des freundlichen Angebots, aber sie hustete kurz und nickte dann eifrig. „Gerne, Abby.“ „Fein.“ Abby ging wieder zur Tür und winkte noch einmal. „Wenn du nachher nach dem Abendessen Zeit hast, kommst du dann einmal mit rüber in unser Haus? Ich will ein wenig abstecken für deine Kleider.“ „Ja, natürlich.“ Kira nickte, und Abigail verschwand wieder. Der Rest des Nachmittags verging ungestört, und Kira schaffte es, alle Kapitel zum Rasenna-Reich zu beenden, was etwa ein Viertel des Buches bedeutete. Sie nahm sich vor, beim nächsten Ingastag den Bereich zur Geografie durchzuarbeiten und legte sich ein Lesezeichen ins Buch, ehe sie ihre Notizen zusammensammelte, sich die Haare richtete und dann gerade noch kurz vor 18 Uhr auf den Flur trat, um zu Mitras ins Labor zu gehen.

Sie setzten sich wieder auf ihre Plätze und er drehte sich zu ihr herum. Sie wirkte weniger nervös, als er erwartet hatte. Sie hatte schon eher einen regelrecht selbstsicheren Zug an sich, den er so an ihr noch nicht erlebt hatte, seit sie bei ihm war. Er warf einen Blick auf ihre Notizen, als sie diese gerade ordnete. Sie waren wohl geordnet und gut strukturiert. Er konnte zwar keine Einzelheiten lesen, dafür war der Blick zu flüchtig, aber der Ersteindruck war gut. Auf einer Seite, die sie hastig wieder verdeckte, war eine Zeichnung zu sehen. Wenn er richtig hingeschaut hatte, war diese wohl schnell, aber dennoch äußerst detailliert angefertigt worden und er fragte sich, wieso sie nicht wollte, dass er sie sah. Aber das konnte er später noch ergründen. Erstmal sollte er anfangen.

„Also gut. Welche Abschnitte des Buches haben Sie sich angesehen?“ fragte er an sie gewandt und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich habe die ersten Kapitel über die Gründung Albions überflogen, aber ich wusste schon, dass Miras di Tritida im Jahre Null Albion wieder begründet hat, hier in Uldum. Zuvor wurde die Hochebene und weite Teile des Kontinents vom Rasenna-Reich beherrscht, dass mit militärischen Erfolgen die Grundlage für unsere Kultur legte, die uns heutzutage ebenso den technischen wie auch den magischen und kulturellen Fortschritt gewährt.“ Sie schaute kurz auf ihre Notizen. „Über das Rasennareich wusste ich noch nicht so viel, deswegen habe ich die Kapitel dazu weiter gelesen. Das Reich wurde wohl im Jahre 1337 ante Albion begründet, denn in diesem Jahr wurde der Legende nach Uldum gegründet. Angeblich haben drei Magier die Hochebene durchschritten auf der Suche nach einem besonderen Ort, an dem sie sich niederlassen konnten, und hier, am Zusammenfluss von Avens und Corvio, trafen sie auf einen Berglöwen, der sich ihnen offenbarte und ihnen Fleisch brachte, als sie hungrig waren. Daher trug das Rasennareich ebenso wie die Stadt Uldum den Berglöwen im Wappen, und Miras hatte dies für Albion übernommen. Die Magier begründeten dann auch die erste der vier magischen Schulen, die es heute noch in Uldum gibt: Die Schule der Elementarmagie. Sie kannten etliche Rituale, die der Art, wie wir heute Magie durchdringen, aber noch fern lagen, aber dennoch ebenso wichtige gedankliche Grundlagen für unsere heutigen Kenntnisse sind. Im Buch wurde ein weiteres Werk, „Frühgeschichte der Magie“, dazu empfohlen.“ Sie linste kurz auf ihre Notizen, um den Namen des genannten Buches zu prüfen. Mitras nickte stumm, hob eine seiner Brauen anerkennend und wartete darauf, dass sie fort fuhr. Bis hierher war ihr Vortrag für eine bloße Zusammenfassung schon sehr detailliert gewesen. Ob sie sich zu sehr in einem einzelnen Aspekt festgebissen hatte?

„Uldum wurde rasch ein wichtiges Zentrum, von dem aus das mit Magie gesegnete Königshaus Handelbeziehungen zu den umliegenden Städten aufbaute. Sie waren für die damalige Zeit ungewöhnlich gut organisiert, und so gelang es ihnen, mit präzisen Angriffen, guten Verhandlungen und einer effizienten Verwaltung, das ganze Hochland zu ihrem Land zu machen. Auch die Küstengebiete zwischen Olfiat und dem Dschungel im Süden gewannen sie rasch dazu. Etwa im Jahre 600 ante Albion begann dann der große Kriegszug, in dem ín vielen Generationen die Ausdehnung des Reiches nach Westen vergrößert wurde, bis es im Zeitraum von 450 bis 300 ante Albion seine größte Ausdehnung erreichte: Im Norden gründeten sie Agrippina am kleinen Fluss Lines und konnten dort über viele Jahrhunderte die Grenze zum Reich der wilden Skir halten, die sie zuvor aus den südwestlichen Gebieten vertrieben hatten, auch ihre damalige Hauptstadt Hrafjor an der Mündung des Haugar fiel dem Reiche nach zwei großen Feldzügen zu. Ebenso reichte es im Norden bis zum Olfiat und zum Fluss Granha, der heutzutage fest in der Hand der Skir ist. Die großen Seen bildeten die restliche Nordgrenze. Im Süden reichte das große Rasenna-Reich über die ganze Wüste bis zum heutigen Ort Sadones an der Westküste unseres Kontinents, den wir Anotal nennen. Die Alzadia aus den dampfenden Dschungeln verhinderten eine weitere Ausdehnung, da sie im Krieg auch Dämonen beschworen, aber im Osten gelang es den Kriegern und Magiern, auch Dschungelgebiete zu erobern, und das, was heute das Königreich Rigar ist, gehörte vollständig zu Rasenna. Ein derart großes Land erforderte eine effektive Verwaltung, und ebenso wie beim Kriegswerk gingen unsere Vorfahren auch hier systematisch, logisch und sinnvoll vor. Sie bauten Straßen, erfanden das Postsystem und öffentliche Kutschen, so dass jeder reisen konnte. Sie gründeten Schulen und brachten auch in entlegende Landstriche die Möglichkeit, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch der Wohlstand und der Reichtum machten auch unzufrieden, und so begannen politische Ränke und Machtspiele das Reich von innen heraus zu bedrohen. 242 ante Albion spaltete sich Rigar von Rasenna ab, es besteht seitdem als eigenes Reich.“ Kira holte Luft und trank einen Schluck aus der bereitstehenden Teetasse.

Mitras ging die Fakten, die sie gerade präsentiert hatte, im Geiste durch und fand keine Ungenauigkeiten oder gar Fehler. Es wirkte so, als wenn sie die Kapitel über die Geschichte Rasennas schon fast vollständig durchgearbeitet hatte. Das konnte sie unmöglich innerhalb eines Tages geschafft haben. Entweder wusste sie vorher schon deutlich mehr, als sie Eingangs eingestanden hatte, was auf ein vermindertes Selbstwertgefühl schließen ließ. Oder sie hatte deutlich mehr Zeit in die Recherche gesteckt, als nur die Zeit vom Frühstück bis jetzt. Doch ehe er diesen Gedanken konkretisieren konnte, legte sie schon wieder los.

„Im Jahre 198 begann dann die Katastrophe, die das Ende des Rasennareiches einläutete: Der Exodus. Aus Dytica, dem Kontinent im Westen, von dessen Existenz die Menschen hier bisher nur wenig wussten, flohen die Angshire vor den schrecklichen Kriegen und Praktiken der Nangai​​​​​​ auf ihren schnellen Schiffen. Sie landeten zunächst im Skirgebiet nördlich von Agrippina, doch ihre Schiffe waren bald zu zahlreich und landeten überall an der nördlichen Westküste, und die Truppen des Reiches konnten sie bald nicht mehr aufhalten, sie eroberten ein Gebiet nach dem anderen. Gleichzeitig stritten sich die Herrscher in Uldum mit denen in Silias und Berg, und statt sich zusammenzuschließen, traten immer mehr Provinzen aus dem Reich aus, bis es schließlich etwa 100 Jahre vor der Gründung von Albion kein Rasenna mehr gab. In diesen hundert Jahren regierten die Fürsten in den kleinen Provinzen eigenmächtig, es einigte sie höchstens einmal eine gelungende Hochzeit. Doch Miras di Tritida sah, dass die Kultur, die so viele Jahrhunderte den Kontinent geprägt hatte, in den Herzen vieler Menschen noch stark war. Er sammelte Erzmagier aller Schulen um sich, führte Gespräche mit den Adeligen und Fürsten in und um Uldum und gründete letztendlich Albion, das nun wieder wächst und gedeiht.“ Kira verstummte, prüfte noch einmal ihre Notizen und blickte ihn dann erwartungsvoll an.

“ Das war sehr ausführlich. Wie lange haben Sie für die Recherche gebraucht und wie sehr konnten Sie dabei auf Vorwissen aufbauen?“ fragte er sie.

Kira überlegte einen Moment. „Also, ich glaube, ich bin um halb sieben aufgestanden und habe dann angefangen, aber ich wusste halt schon ein bisschen was über den Zerfall Rasennas und die Gründung von Albion. Ich wusste gar nicht, wie viel unserer modernen Errungenschaften auf Erfindungen aus den Tagen vor Albion fusste, unser Geschichtslehrer hat das immer als Vorzüge Albions hervorgehoben. Ein bisschen Zeit habe ich verloren, weil ich mich mit der Geschichte um Savora genauer beschäftigt habe. Es wurde ja schon während der Frühzeit von Rasenna angefangen zu bauen, und die große Treppe fand ich faszinierend, von einer Verschmelzung von Magie und Handwerk zu so früher Zeit hatte ich vorher noch nichts gehört. Ich, hmm…“ Sie schaute verlegen auf ihre Blätter, blätterte dann darin und deckte die Zeichnung auf, die er vorhin schon kurz gesehen hatte. „Ich fand, es sieht wirklich schön aus, deswegen habe ich mir die Skizzen im Buch angesehen und eine eigene gemacht, wie ich es mir vorstelle… Naja, also, ich bin jetzt keine große Künstlerin, aber ich mag es, wenn meine Notizen auch in Bildern zeigen, was wichtig und schön ist.“

„Kann ich Ihre Skizze einmal sehen?“ fragte er neugierig. Kira reichte ihm das Heft, die Seite mit dem Bild aufgeschlagen. Es war handwerklich ordentlich. Sie hatte Schattierungen eingesetzt, einzelne Details herausgearbeitet und die Linienführung war auch genau. Man sah ihm allerdings auch an, dass sie keine gelernte Künstlerin war, einige Perspektivlinien waren verschoben, die Bäume ein wenig zu gleichmäßig, um realistisch zu wirken. Mitras musste sich aber eingestehen, dass er eine solche Zeichnung vermutlich nicht besser hinbekommen hätte. Kira rutschte ein wenig unruhig, nun doch nervös geworden, auf ihrem Stuhl hin und her. „Das ist eine wirklich gute Skizze geworden. Ich nehme an, Sie haben schon häufiger Szenen und dergleichen auf Papier festgehalten?“ „Hmm, danke. Ein bisschen, meistens eher Pflanzen. Ich wollte Pflanzenkundige werden, so wie Bruder Harras. Ein bisschen habe ich auch geträumt, die Geister würden mir ihre Gunst schenken, und mir ein bisschen Magie geben, wie bei ihm…“ Sie lachte verlegen. „Ist wohl ein bisschen mehr geworden, nur reichlich spät…“ „Das kann man wohl so sagen.“ antwortete Mitras lachend. „Sie können also Pflanzen malen und auch einige bestimmen? Darauf würde ich gerne ein anderes Mal zurück kommen. Neben der Verwandlungsmagie habe ich auch die Alchemie studiert, bin aber eher mit Mineralien und Erzen bewandert. Bei Pflanzen kann ich noch Unterstützung gebrauchen. Wer weiß, vielleicht ergibt sich da was. Aber das ist jetzt noch Zukunftsmusik. Gut. Sie haben die Geschichte des Reiches Rasenna in kurzer Zeit sehr detailiert herausgearbeitet und kennen sich auch mit der jüngeren Geschichte Albions aus. Wie steht es um die Geografie?“ Kira zuckte mit den Schultern. „Naja, ich weiß, dass wir ein Hochland und ein großes Gebirge haben, und dass es die flache Marsch gibt, weiß ich ja leider aus eigener Erfahrung.“ Mitras stutze kurz bei der so negativen Erwähnung ihrer Heimat, wollte da jetzt aber auch nicht nachbohren. Dafür wäre später noch Zeit, wenn er mehr wusste. Dass man die Provinz nicht mochte, konnte er aber durchaus verstehen. Sie hatte schließlich wenig zu bieten außer, naja, Land. „Einiges konnte man ja auch schon auf den politischen Karten zu den Schlachtzügen sehen. Aber so viel wie in Geschichte weiß ich da nicht, Geschichte war immer mein Lieblingsfach, neben Biologie. Ich wollte diese Kapitel am nächsten Ingastag lesen, nachdem ich die anderen Bücher angelesen habe, wie Sie es angeordnet haben.“, ergänzte Kira. „Sie können natürlich aus Eigeninteresse jederzeit weitere Nachforschungen betreiben, aber sobald ich eine komplette Übersicht über ihren Wissensstand habe, werde ich einen weiteren Lehrplan ausarbeiten. Ich denke mal, dass Sie über Geschichte schon genug wissen, um selbständig zu entscheiden, wo und was Sie vertiefen wollen. Ich werde den Fokus dann verstärkt auf die anderen Gebiete legen.“ Folgsam senkte die junge Frau den Kopf. „Ja Magister. Sind Sie denn für’s Erste zufrieden mit meiner Arbeit?“ Mitras lachte: „Natürlich bin ich das. Sie sollten sich einen groben Überblick verschaffen und was Sie geliefert haben, war ein detaillierter Aufsatz über die letzten 2000 Jahre Geschichte unserer Region. Das ist deutlich mehr, als ich erwartet habe.“  Kira atmete hörbar aus und lief auf ihm bereits bekannte Weise rot an. „Danke.“, hauchte sie. „Machen Sie weiter so, und wir werden hervorragend zusammen arbeiten können. Eine Mahnung habe ich aber noch. Sie sagten, dass sie bereits um halb sieben angefangen haben. Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie, vom Frühstück mal abgesehen, bis eben durchgearbeitet. Ich finde Ihren Enthusiasmus erfrischend, aber Sie stehen erst am Anfang Ihrer Ausbildung und es warten noch etliche harte Abschnitte auf Sie. Übertreiben Sie es nicht mit der Länge Ihrer Arbeit. Mit acht Stunden hätten Sie auch schon eine sehr gute Leistung erreicht und mich beeindruckt. Arbeiten Sie aber jeden Tag so hart, werden Sie irgendwann keine Kraft mehr haben, um weiter zu machen. Ich habe das in der Vergangenheit schon oft genug bei Kommilitonen erlebt. Aber jetzt sollten Sie sich kurz etwas frisch machen, es gibt gleich Abendessen.“ Kira nickte. „Ja, Magister. Bis später.“ Sie knickste leicht und verließ das Labor. Mitras saß noch einen Moment sinnend am Schreibtisch. Das hatte sich Thadeus bestimmt nicht so gedacht, als er ihm Kira zuwiesen hatte. Eine starke Schülerin, fleißig, folgsam. Von den „charakterlichen Fehlern und angrifflustigem Verhalten“, die im ersten Brief erwähnt worden waren und die die Zuweisung an die Akademie in Uldum rechtfertigten, war keine Spur zu sehen. Stattdessen schien sie ihn immer wieder überraschen zu können. Innerlich triumphierte Mitras ein wenig. Sollte der alte Sack doch sehen, um wie viel besser eine Magierin sein konnte, die „von niederer Geburt war“, wie Tadeus es ausdrückte, und von einem „halbgaren Alchemisten“ ausgebildetet werden würde. Kira bot auf jeden Fall das nötige Potential, um schon bei ihrer Aufnahme in die Akademie zu beeindrucken. Er würde sie unterstützen und stärken, dann würde auch er weiter an Ansehen und Macht gewinnen. Wieder sehnte er sich den morgigen Abend herbei, um mit Titus reden zu können. Seine Dienste würden sicher ein wenig Licht in die Mysterien um ihre Familie bringen können. Mitras gähnte kurz und beschloß dann, sich noch einige Minuten hinzulegen, ehe er zum Essen ging. Heute Nacht musste er wieder den Generator laden.

Nachdem Mitras sie entlassen hatte, brachte Kira ihre Unterlagen zurück in ihr Zimmer. Sie wusste, dass Geschichte eine ihrer Stärken war, aber dennoch war seine Anerkennung wirklich wichtig für sie. Das Wort „Zukunftsmusik“ schwirrte in ihrem Kopf, und kurz gab sie sich der Vorstellung hin, ihm tatsächlich von Nutzen sein zu können. Er war ein wundervoller Lehrmeister. Für einen Moment lang ließ sie sich aufs Bett sinken und betete zu allen Geistern der Stadt und zu denen, die ihr noch einfielen, dass sie ihn nie würde enttäuschen müssen. Er war so gütig zu ihr und liebevoll. Kira war überzeugt, dass sie vermutlich den besten Magister der Stadt erwischt hatte. Die anderen, denen sie in der Akademie begegnet war, waren zwar nicht unhöflich gewesen, aber ihnen hatte jedes Gefühl von Wärme gefehlt, dass sie bei Mitras nun so deutlich spürte. Sie dachte an den ersten Tag, an ihre Angst und das Gefühl, er hätte sie nicht im Haus haben wollen. Selbst da, so schien es ihr, war er nie ihr direkt gegenüber abweisend gewesen. Vielleicht war er auch einfach nervös, weil sie seine erste Schülerin war? Der Gedanke ließ Kira kichern. Aber obwohl ihr Mitras nahezu unfehlbar vorkam, war der Gedanke angesichts dessen, wie er heute ihr den Tee gebracht hatte, gar nicht so unrealistisch. Sie grinste in sich hinein. Ein Magister, der statt seines Dienstboten den Tee brachte. Das war so unrealistisch, dass irgendwie alles andere realistisch wurde. Niemand, wirklich niemand, kicherte sie, würde ihr das glauben. Sie spürte, wie mit dem Kichern die Anspannung von ihr abfiel, die sich vor dem Gespräch aufgebaut hatte. Nach einer Weile fing sie sich, rückte ihr Kleid zurecht, ging zum Spiegel und flocht ihre Haare noch einmal sorgfältig neu, um zum Abendessen einigermaßen gut auszusehen. Sie trug ihre eigenen Kleider, während sie lernte, und da sie ja schon einen Moment auf dem Bett gelegen hatte, fehlte ihr die Zeit, nun noch das rote anzuziehen. Aber auf der anderen Seite gab es ja keinen Besuch, und Mitras hatte nichts zu ihrem Kleid gesagt, also ging das wohl auch so. Es ist ja eh ein Familienessen, schoß es ihr durch den Kopf, und die neuen Kleider sind ja doch sehr edel, die würde sie besser tragen, wenn es wirklich Besuch gab.

Sie ging nach unten. William und Tobey saßen bereits am Tisch, Abigail kam gerade durch die Gartentür herein. In ihren Haaren funkelten Wassertropfen, also schneite es wohl schon wieder. Kira grüßte die Anwesenden und setzte sich an ihren Platz. Auch Mitras trat hinter Kira durch die Tür und setzte sich. Seine Haare waren ein wenig zerstrubbelt, was Kira erleichterte – ein Familienessen, auch er war nicht besonders hergerichtet, also passte ihr Kleid. Auf dem Tisch standen heute nur zwei große Schalen, es gab eine Art Eintopf und dazu kleine, aus Teig ausgestochene Sterne, die wohl gekocht waren. Kira betrachtete sie neugierig. „Ha, das hast du noch nie gesehen, was?“, freute sich William. „Nein, tatsächlich nicht.“ Kira drehte das Teigstück auf ihrer Gabel. „Es kommt aus Rigar und heißt Nudel. Man kann den Teig in ganz vielen verschiedenen Formen ausstechen. Er wird dann kurz in Salzwasser gekocht. Praktischerweise kann man es auch nach dem Ausstechen trocknen und dann erst viel später kochen.“ Kira probierte vorsichtig. Das Teigstück, die Nudel, schmeckte kaum nach etwas, aber war trotzdem lecker. Sie füllte sich einige davon auf den Teller und gab dann einige Kellen vom Eintopf darüber, wie sie es bei Mitras und Tobey sah. Gemeinsam mit der Suppe schmeckten die Nudeln sogar ziemlich gut, und sie aß mit Begeisterung. Tobey beendete das Mahl als erster und strich sich wieder über den gut gefüllten Bauch. „Ich sag es ja oft, aber auch immer wieder gern: Einen Gott hast du da angestellt, Magister.“ William grinste breit. „Ha, stets zu Diensten, immer gern, Tobey. Gute Leute brauchen gutes Essen.“ Mitras lachte kurz. „Das geht so aber nicht, William, du machst auch gutes Essen, wenn wir ungute Leute zu Besuch haben.“ Er nahm einen weiteren Löffel, kaute kurz und sagte dann: „Bei guten Leuten und guten Essen: Silenz kommt übrigens Rieke wieder. Sie wünscht sich diese gefüllten Nudeltaschen, die du das letzte Mal gemacht hast.“ William dachte einen Moment lang nach und nickte dann. „Das sollte gehen, aber wir haben keine Tomaten mehr. Ich denke, man kann die Füllung auch mit Pilzen machen…“ Er blickte zur Seite an Mitras vorbei zu Kira. „Hat unsere wunderschöne neue Lady etwas gegen Pilze?“ Kira schüttelte den Kopf und überlegte, wie sie mit seinen Schmeichelein umgehen sollte, beschloss dann aber, sie einfach zu übergehen. Mitras nickte zufrieden. „Dann machen wir das so. Kira, ich vermute, Sie waren noch nie im Hochland, oder?“ Kira schüttelte wieder den Kopf. „Nun, dann werden wir, falls Sie Lust haben und das Wetter sich bessert, am Silenz eine kleine Kutschfahrt mit meiner Schwester unternehmen.“ Kira nickte mit deutlicher Begeisterung. Mehr vom Land zu sehen, wäre bestimmt interessant. Außerdem erlöste es sie von der Frage, was sie an Silenz machen sollte. „Das würde ich gerne machen.“

Auch die anderen waren nun mit Essen fertig. Abigail räumte das Geschirr zusammen und bat Tobey, noch eine Weile im Haus zu bleiben, sie wolle mit Kira Kleider anprobieren. Dieser bot daraufhin William seine Hilfe an, und Abigail holte Kiras Schuhe und einen Überwurfmantel aus dem Flur. „Komm, es ist ein wenig rutschig durch den neuen Schnee, sollte aber so gehen.“ Gemeinsam traten sie in den Garten hinaus. Im Schein der kleinen Lampe, die Abigail trug, sah Kira einen Pfad unter einigen Bäumen hindurch neben zwei länglichen Beeten, der auf eine niedrige Hecke zuführte. Dahinter lagen zwei Gebäude: Ein zweistöckiges Gesindehaus und eine niedriges, dunkles Gebäude ohne Fenster daneben. Abigail führte sie zum Gesindehaus, öffnete die Tür und winkte sie in den schmalen Flur.

Das Haus roch irgendwie vertraut. Kira brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es nach Kaminfeuer roch. Abigail führte sie durch den schmalen Flur, von dem einige Fenster abgingen, in ein kleines, gemütliches Wohnzimmer mit einer Couch und einem Sessel vor einem Kamin, der nun aber aus war, einigen Regalen mit wenigen Büchern und etlichen Körben und Schachteln darin und direkt am Fenster einer Nähmaschine auf einem großen Tisch. Gerade lagen verschiedene Bahnen eines Stoffes auf dem Tisch, dessen Farbe irgendwie zwischen Pflaume und roter Weintraube lag. „Schau, ich habe mit der Magierrobe angefangen, wer weiß, wann du zu irgendeinem offziellen Gildentreffen mit Mitras musst.“ Sie hob den Stoff an und Kira sah, dass es tatsächlich eine recht schlicht geschnittene Robe mit weiten Ärmeln war, wie sie im ganzen Reich von Magiern jeden Geschlechtes getragen wurden. Abigail hatte zwei silberne Bordüren angesteckt, auch die Ärmel waren noch nicht festgenäht, sondern nur gesteckt. Auf ihre Anweisung zog Kira ihr Kleid aus und schlüpfte in die Robe, um dann eine ganze Weile still zu stehen und nur ab und zu zu drehen, während Abigail unten den Saum absteckte. Danach prüfte sie den Sitz der Ärmel und zum Schluss steckte sie mit einem kleinen Zwinkern am Oberkörper einiges ab. „Das muss ja nicht aussehen, als käme es direkt aus der Rasenna-Mode, nicht? Ein bisschen Figur kann man schon reingeben.“ Kira nickte. Sie dachte daran, wie gut das grüne, sehr figurbetonte Kleid ausgesehen hatte. Es hatte auch Mitras gefallen und William hatte es ja wirklich ausführlich gelobt. Die Erinnerung ließ sie grinsen, während sie Abigails Erklärungen zu den Kleidungsvorschriften lauschte: „Wenn du das erste Lehrjahr bestanden hast, kann ich die Bordüren festnähen. Bis dahin lege ich sie beiseite und es bleibt nur hier der silberne Saum am Ausschnitt, der dich als Magierin kennzeichnet. Die Robe muss übrigens nicht violett sein, aber ich fand, der Stoff passt zu deinen Haaren. Hast du gesehen, wie er im Licht den Farbton ein wenig ändert?“ Kira schaute nocheinmal hin. Tatsächlich schien der Stoff im Schatten violetter zu sein, während er im direkten Licht der elektrischen Lampe neben dem Tisch beinahe nur rötlich wirkte. „Ich wette, bei der Herstellung wurde auch Magie eingesetzt.“, plauderte Abigail. „Nimm mal die Arme hoch. Ja, so. Matthes wollte auf jeden Fall viel zu viel Geld dafür, aber er probiert es jedes Mal wieder.“ Sie lachte kurz. „Nicht mit mir, nicht mit der alten Abby! Du kannst die Arme wieder runter nehmen.“ Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. „Das sollte reichen. Jetzt zum nächsten. Ich fand, das grün steht dir wirklich ganz gut, deswegen habe ich einen gemusterten Stoff in weiß und grün ausgesucht, schau.“ Sie holte einen wiesengrünen Stoff hervor, auf dem zahlreiche weiße Blüten abgebildet waren. „Ich dachte mir, daraus könnten wir ein Korsett machen, und dann einen Rock mit grünem Stoff und weißem Tüll und weißen Bändern. Und dann setze ich einige kleine Blüten aus goldenem Stoff darauf. Dann kannst du dazu auch den Hut tragen, den du heute schon hattest, mit den grünen und goldenen Bändern.“ Kira bestaunte den Stoff. „Wie bekommt man so ein Muster darauf?“ „Ich glaube, das wird direkt beim Weben gemacht. Aber es ist sehr aufwendig, deswegen sind solche feinen Muster teurer.“ Kira seufzte. „Das ist so unwirklich, Abby. Eine Woche füttere ich noch in den alten Hosen meines Bruders die Schweine und in der nächsten Woche sitze ich hier mit dir und bekomme Kleider maßgeschneidert. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, ich wache gleich auf, und dann war alles nur der beste Traum, den ich je hatte.“ Abigail schmunzelte. „Siehst du, deswegen Sieze ich dich auch nur, wenn wir nicht im Haus sind. Du wirst dich an deinen neuen Stand gewöhnen, ich bin mir sicher, das gelingt dir. Du hast das gestern schon ganz gut gemacht.“ Kira blickte sie an, wie sie den Stoff wegräumte und ein Maßband hervor holte. Eigentlich hätte sie mich immer Siezen müssen, stimmt, dachte sie. Aber das wäre so komisch gewesen, und so kühl. So war alles warm und willkommen, seitdem ich das Haus betreten habe. Einem plötzlichen Impuls folgend trat sie auf Abigail zu und schloß sie fest in die Arme. „Danke, dass du mich so lieb aufgenommen hast und danke, dass du mich gleich geduzt hast. Ich fühle mich viel weniger einsam, seitdem ich hier bei euch bin.“ Abigail strich ihr über den Rücken und sagte mit ein wenig belegter Stimme. „Kindchen. Kindchen. Alles gut. Natürlich bist du hier willkommen. Glaubst du, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich zuhause ausgezogen bin? Und dabei haben meine Eltern nur drei Straßen weiter gewohnt.“ Interessiert sah Kira sie an, während Abby nun mit einem Maßband ihren Oberkörper vermaß. „Wo kommst du her?“ „Ich bin in Durnum geboren, an der Grenze zu Rigar. Dort habe ich auch meine Ausbildung zur Schneiderin gemacht, und ich kann dir sagen, ich war ziemlich erfolgreich.“, erzählte Abigail stolz. „Meine Eltern stammen aus New-Jos, nördlich von Hjarfor, und als ich meine Großeltern dort nach dem Bau der Eisenbahn einmal besuchte, traf ich Tobey auf einem Dorffest. Es war sofort um uns geschehen!“ Einen Moment lang hielt Abigail sowohl in der Arbeit als auch in der Erzählung inne und lächelte in sich hinein. „Naja, und da er sowieso davon träumte, nach Albion zu kommen, habe ich ihn mitgenommen, und bin mit ihm hierher nach Uldum gezogen.  Erst lief es auch ganz gut, der Ruhm meiner Kleider war mir voraus geeilt…“ Abigail verstummte und notierte sich die Daten, die sie gerade gemessen hatte. „Na, als es dann nicht mehr so gut lief, trafen wir zum Glück Mitras. Er schützt uns, und ich bin wirklich glücklich, hier dienen zu können. Kein anderer Adeliger, egal ob durch Magie geadelt oder von Geburt an, behandelt Bedienstete so wie Mitras. Manchmal denke ich, ihm sind Stände eigentlich ganz egal, er spielt nur mit, weil er es muss…“ Kira schaute sie zweifelnd an. „Er war gestern morgen aber wirklich ziemlich sauer, als ich waschen wollte.“ Abigail grinste sie an. „Das hätte ich dich sowieso nicht machen lassen. Du wirst schnell genug merken, dass dein Leben auch ohne selber waschen zu müssen anstrengend wird. Schau dir unseren Magister an: Alle zwei Tage muss er im Moment den Generator aufladen mit seiner magischen Energie, und ich glaube, er schläft die ganze Nacht davor nicht. Deswegen war er auch so müde, als wir ihn heute morgen gesehen haben.“ „Alle zwei Tage eine ganze Nacht wach? Wie schafft er es, den Rest der Zeit noch so gut auszusehen?“, fragte Kira verblüfft, erinnerte sich aber dann auch daran, dass Mitras ja etwas ähnliches erwähnt hatte. „Das, Kindchen, ist sein Berufsgeheimnis!“, lachte Abigail. „Aber wenn du es schaffst, das aus ihm rauszukriegen, verrate es mir – ich wette, damit lässt sich auch Geld machen beim jungen Partyvolk.“ Sie lachten gemeinsam. Dann nickte Abigail zum Tisch hin und sagte: „Das genügt mir erstmal. Nun sollte ich ein paar Tage nähen können, und dann bitte ich dich wieder hierher. Magst du Tobey Bescheid geben, dass er wieder nach Hause kommen kann, wenn du rüber gehst?“ Kira nickte. „Danke, Abby. Ich freue mich so sehr auf die Kleider, die werden auf jeden Fall toll sein.“ Abigail winkte ab. „Das freut mich, aber die Freude ist ganz meinerseits. Ich fühle mich gleich 10 Jahre jünger, mich wieder durch die ganzen aktuellen Modezeitschriften zu wühlen und Kleider zu planen. Achja, bei jünger fühlen: Mitras wird heute abend wieder beschäftigt sein. Wenn du das Bad nutzen möchtest, wäre heute abend also eine gute Idee.“ „Oh, hmm… danke für den Hinweis. Muss ich da noch irgendwas beachten?“ Ein warmes Bad wäre bestimmt gut, und ein Luxus, den sie definitiv genießen wollte. „Nein, du kannst einfach warmes Wasser einlaufen lassen. Handtücher liegen im kleinen Regal, und oben steht eine Schale mit Badekugeln, die machen das Wasser schön schaumig. Gute Nacht und viel Spaß!“ Kira zog sich wieder an, verabschiedete sich und ging nach draußen. Der Schein von Lunet und Lunar ließ den Schnee im Garten glitzern, die Wolken hatten sich endlich verzogen. Einen Moment lang betrachtete sie das Gebäude, das gegenüber des Gesindehauses stand. Der Backsteinbau hatte nur ein etwas höheres Geschoß, vermutete sie anhand des großen Tores. An einer Ecke gab es einen langen Mast, von dem aus mehrere elektrische Leitungen zum Nachbarhaus und zur Straße führten. Ob Mitras dort den von Abby erwähnten magischen Generator betrieb und den Strom an die Nachbarschaft verkaufte? Sie spürte, wie die kalte Luft sie zum Frösteln brachte, also beendete sie ihre Beobachtungen und eilte aufs Haus zu, dem gerade nur mit dem neuesten Schnee bedeckten Pfad folgend. In Mitras Fenster leuchtete schwaches Licht, und im Esszimmer saßen William und Tobey bei einer Partie Dame. Kira richtete Abigails Botschaft aus und ging dann in ihr Zimmer, um den Schlafanzug und ihre Seife zu holen.

Unten im Bad studierte sie einen Moment die Amaturen, ehe sie verstand, welchen Hahn man für heißes Wasser drehen musste. Dann ließ sie die runde Wanne in der Mitte des Raumes mit warmen Wasser vollaufen. Auf der runden Kante standen verschiedene kleine Karaffen mit Ölen. Kira überlegte, ob sie davon etwas nehmen sollte, entschied sich aber dagegen. Die Öle waren bestimmt teuer gewesen und gehörten Mitras, sie hatte schon genug von ihm bekommen. Allein die Tatsache, dass sie baden durfte, war ja schon ein ziemlicher Luxus. Sie zog sich aus, legte ihr Kleid sogfältig auf einen bereitstehenden  Stuhl und ließ sich mit einem wohligen Seufzer ins Wasser gleiten. Das warme Wasser tat unglaublich gut, stellte sie fest. Es war schon lange her, dass sie in einem Badezuber gesessen hatte. Und diese gemauerte Wanne war nochmal deutlich interessanter, da sie so groß war, dass man sich beinahe lang darin ausstrecken und im Wasser schweben konnte. Sie legte den Kopf auf den Rand und ließ sich treiben. Die Erschöpfung breitete sich langsam in ihr aus, und sie sackte langsam nach unten ins Wasser. Als das Wasser über ihr Gesicht schwappte, wurde sie wieder wach. Sie schüttelte sich, angelte sich die Seife und wusch sich. Dann zog sie den Stöpsel am Boden der Wanne und stieg aus dem kühl gewordenen Wasser. Rasch trocknete sie sich ab, zog den Schlafanzug an, reinigte das Bad ein wenig und ging nach oben in ihr Zimmer. Sie hatte eigentlich noch in dem Buch mit den Gesellschaftsregeln lesen wollen, doch kaum war sie in ihrem Bett, fielen ihr bereits die Augen zu. Also kuschelte sie sich in die Decke, dachte kurz darüber nach, dass Magister Mitras wohl in seinem Büro das Laden des Generators vorbereitete, denn sie hatte einen Lichtstreif unter der Tür hindurchscheinen gesehen. Und dann war sie schon eingeschlafen.

Pläne – 7. Lunet (Uldumstag)

Nachdem Abigail mit Kira aufgebrochen war, legte sich Mitras noch einmal für drei Stunden hin, wie er es nach jeder Generatorladung tat. Etwas erholter wechselte er in seine Laborkleidung. Gestern Vormittag hatte er eine ihm unbekannte Variante eines alten Rammbockzaubers gefunden. Es ging um eine simple Vor- und Zurück-Bewegung, mit der ein großer Holzklotz, der zusätzlich in Schwebe gehalten wurde, gegen ein Tor geschmettert werden sollte. Die Frequenz der Bewegung war perfekt und der Anleitung nach benötigte der Zauber nur wenig Energie, um aufrecht gehalten zu werden. Selbst wenn die Zauberdauer nicht verlängert werden konnte, so hoffte er mit dieser Formel die nötige Energiemenge zu reduzieren.

Er ging in den Keller hinunter und wandte sich dem Regal am Fuß der Treppe zu. Die Geheimtür war sowohl magisch als auch antimagisch durch ein Eisenschloss gesichert. Für die magische Sicherung musste ein bestimmter Stein exakt durch einen wohldosierten magischen Stoß bewegt werden, während das Eisenschloss erst durch den Tritt auf eine bestimmte Fliese am Boden unter dem Schrank entsichert werden musste.

Nachdem er den magischen Teil des Schlosses gelöst hatte, trat er auf die Fliese, woraufhin ein falscher Stein aufsprang und das eigentliche Schloss enttarnte. Mitras liebte dieses kleine, komplizierte Stück Mechanik. Es war eines von mehreren Trickschlössern und Mechaniken, die ein versierter Schlosser eingebaut hatte. Der Mann war ihm von Titus vermittelt worden. Dieser schien für alles einen Experten aus dem Hut zaubern zu können. Er nahm den Schlüssel aus der Kitteltasche, öffnete die Tür und trat in sein zweites geheimes Labor. Er schloss die Tür hinter sich und sah sich zur Sicherheit noch einmal um, eine Bewegung, die ihm schon zur Gewohnheit geworden war, seitdem sein Erfolg die ersten Neider auf den Plan gerufen hatte.

Vom Schnitt her war das Labor eine Kopie des Labors im ersten Stock. In der kurzen Seite des Raumes standen zwei Versuchsgeneratoren. Beide waren Attrappen. Es ging nur darum die Länge des Zaubers zu bestimmen. Dieser Testbereich wurde durch ein magisch verstärktes Netz vom Rest des Raumes getrennt. Das Netz sollte den Testzylinder auffangen, sollte dieser außer Kontrolle geraten. Um beide Versuchsaufbauten waren wieder eine Reihe von magischen Messgeräten aufgebaut. Da es sich um Langzeitversuche handelte, sollten sie lediglich Anomalien aufzeichnen und im schlimmsten Fall Alarm schlagen.

Gegenüber der Versuchsaufbauten stand sein Schreibtisch. Entlang der Wand zwischen Netz und Schreibtisch hatte er einen weiteren Schrank mit Utensilien und Proben. In einen Teil des Schranks war eine Tür in den weiteren Kellerbereich eingebaut. Auch diese Tür war nicht offensichtlich, sondern durch ein kompliziertes nichtmagisches Schloss verborgen. Hinter ihr lag sein wichtigster Besitz, der Zugang zu einer Leylinie. Sie ermöglichte ihm überhaupt mehr als nur eine Handvoll Elektrum herzustellen.

Tatsächlich war der Keller deutlich größer. Unter dem Wintergarten ging ein Tunnel zum Gerätehaus. Dieses und auch das Haus seiner Bediensteten waren vollunterkellert. Ein Großteil des Kellers unter den Gebäuden wurde von der Elektrumschmiede und dem Materiallager eingenommen. Dort stellte er neue Zylinder her, wann immer er einen zum Verkauf oder für die Generatoren benötigte. Der Prozess war aufwendig und dauerte mehrere Wochen, aber der Gewinn aus einem einzelnen Zylinder finanzierte seinen Lebenswandel, seine Bediensteten und seine Experimente, der teuerste Teil seiner Ausgaben, für ein ganzes Jahr. Zur Tarnung hatte er einen Teil des Kellers des Bedienstetenhauses von seinem Labor abgetrennt. Abigail nutze diesen Raum als Vorratskeller und ohne schweres Gerät war es nicht möglich,von dort ins Labor zu kommen.

Die Schmiede war am tiefsten Punkt des Kellers untergebracht, um so dicht an der Linie zu sein wie nur möglich. Leylinien waren keine Seltenheit, aber es war schon Glück, dass hier eine entlang lief, die relativ weit nach oben reichte. Normalerweise verliefen die Linien tief in der Erde und nur an Punkten an denen sich zwei oder gleich mehrere kreutzen, erzeugten sie eine Art Wirbel, der die magischen Ströme an der Oberfläche verstärkte. An einfachen Kreuzungen führte das in der Regel zu einer Häufung magischer Flora und vermehrten Aufkommen von Naturgeistern. Waren es mehr als zwei Linien, waren die Effekte schon deutlicher. An den seltenen Sternen, Orten an denen sich vier Linien deckend kreutzen, war die Magie so stark, dass sogar nichtmagische sie deutlich wahrnehmen konnten. In ganz Albion gab es aber nur einen solchen Ort, das Heiligtum Savora. Der Gipfel war so von Magie durchdrungen, dass die Naturgesetze dort anders zu funktionieren schienen. Direkt im den obersten Bereich gab es sogar Felsbrocken, die ständig über dem Boden schwebten, außerdem wuchsen dort zahlreiche magische Pflanzen. Die Präsenz der Geister war allgegenwärtig. Selbst einem erfahrenen Magier kam dieser Ort absolut surreal vor und selbst ein erfahrener Priester betrat diese Region nur selten. Der Tempel, indem man den Geistern und dem Berg huldigte, lag ein ganzes Stück tiefer, und auch dort konnte man ein verstärktes Magiewirken, besonders für Elementarzauber des Windes, bemerken.

Eine Linie zur Verstärkung zu nutzen lohnte sich normalerweise nicht. Der Magiefluss wurde nur im direkten Umfeld der Bahn verstärkt und da die Linien tief in der Erde lagen, war der Aufwand meist zu groß. Für Mitras aber war er notwendig, da er selbst nur begrenzt zum wirken von Elementarzauber fähig war. Erst die Stärke der Linie ermöglichte es ihm, die Zauber zu wirken, die nötig waren, um das Elektrum aus den Bestandteilen heraus zu erzeugen, zumindest mehr als einige Gramm. Keine Kohle brannte heiß genug und auch sonst wusste er keine andere Quelle. Er war schon kurz davor gewesen die Di Ferrus um Hilfe zu bitten, aber auch wenn er ihnen vertraute, wollte er dieses Risiko nur ungern eingehen. Zu wichtig war die Freundschaft, als dass er sie durch eine solche Abhängigkeit belasten wollte. Er vertraute sich selbst einfach nicht genug. Aber dann fand er dieses Grundstück und spürte eine leichte Schwankung im magischen Fluß. Die Leylinie war auf Karten eingezeichnet, aber anscheinend hatte bisher niemand bemerkt, dass sie hier der Oberfläche sehr nah kam. Mitras verbrauchte damals fast alle seine finanziellen Reserven um das Grundstück zu erwerben und das Anwesen zu bauen, aber nun hatte er einen Ort, wo er das Elektrum allein erzeugen konnte.

Bevor er sich an die neue Variante machen konnte, musste er sich erst einmal um den noch laufenden Versuch kümmern. Bevor Kira eingetroffen war, hatte er bereits einen Versuch gestartet. Dieser nahm die Idee mit dem Rammbockzauber noch nicht auf – vielmehr handelte es sich um den letzten Versuch einer anderen Idee, die er nun seit Wochen erfolglos verfolgte. Er hatte vor zwei Monaten entdeckt, dass das Elektrum Magie auf unterschiedliche Weisen und vor allem in unterschiedlichen Dichten aufnehmen konnte. Normalerweise wurde die kanalisierte Magie im Zuge einer Formel systematisch übertragen, aber vor zwei Monaten war er für einen Moment unkonzentriert gewesen und brachte eine Störung in den Fluss der Magie. Dies führte zu einer Veränderung der Dichte der Magie im Zylinder. In der Folge untersuchte er das Phänomen ausführlich und entdeckte diverse neue Eigenschaften des Elektrums. Während die meisten magischen Artefakte die Energie einfach aufnahmen und dann von ihr gleichmäßig erfüllt waren, konnte die Energie im Elektrum in einen Fluss versetzt werden, was sich positiv auf Telekinesezauber auswirkte. Auch konnte mehr Energie im Zylinder untergebracht werden, solange sie in Bewegung war.

Doch der Strom der Magie führte auch dazu, dass sie ungleichmäßig verbraucht wurde, was dazu führte, dass die Bewegung des Zylinders durch den Telekinesezauber ungleichmäßig wurde. Theoretisch hätte das mehr an Energie die Wirkdauer auf bis zu eine Woche verlängern sollen, aber bisher endeten alle Konfigurationen nach spätestens drei Tagen fatal. Immerhin hatte er herausgefunden, dass sich schon deutlich früher eine Veränderung in der Aura des Zylinders abzeichnete, so dass er nun viel früher, und vor allem vor einem außer Kontrolle Geraten, feststellen konnte, ob alles stimmte.

Und auch dieses Mal gab es wieder Anomalien. Tatsächlich würden sie nun sogar deutlich schneller zum Kontrollverlust führen. Wäre er zwei Stunden später gekommen, hätte es bereits zu spät sein können. Frustriert beendete er den Versuch. Eine weitere Eigenschaft war es, dass sich Elektrum unglaublich leicht erden ließ. Ein einfacher Magie Aufheben Spruch reichte aus, um jede beliebige Ladung zu entfernen, ohne dabei die Eigenschaften des Materials zu beeinflussen. Der einzige Haken an der Sache war, dass der Zauber dazu durch physischen Kontakt übertragen werden musste. Mitras hatte dazu eine einfache Vorrichtung aus Silber eingebaut, die auf Knopfdruck gegen den Zylinder stieß und den Zauber dabei in diesen entlud, was zur Folge hatte, dass die magische Bewegung sofort beendet wurde.

Er überprüfte die magischen Detektoren und wertete sie aus. Tief versunken in die nötigen Hellsichtszauber der Geräte sah er wie sich der Zauber entfaltete und wirkte. Die verräterischen Schwankungen setzten relativ schnell ein. Erst schwach wurden sie schnell deutlicher. Damit war die gesamte Versuchsreihe gescheitert. Es war ihm nicht gelungen, den Fluss der Magie irgendwie auszunutzen. Frustriert löste sich Mitras aus der Magie und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er notierte kurz alles nötige und begann dann den nächsten Versuchsaufbau zu planen. Er merkte jedoch schnell, dass er zu unkonzentriert war. Die nächtliche Meditation und der Rückschlag hatten ihn zu sehr ausgezehrt und so ließ er die Arbeit bald sein.

Er verließ das Labor und begab sich ins Bad, um sich kurz frisch zu machen. Auf dem Weg dorthin machte er einen kurzen Zwischenstopp, um bei William ein Mittagessen zu ordern. Nur ein paar Brote, die er dann in seinem Büro essen konnte. William deutete seine Miene richtig und fragte gar nicht erst nach den neuesten Ergebnissen. Aber nachdem Mitras sich im Bad etwas Zeit gelassen hatte und auch noch einmal die Toilette nutzte, hatte William ihm ein Tablett voller Köstlichkeiten gezaubert. Auf einem Teller waren drei dicke Scheiben stark mit Körnern durchsetztes Vollkornbrot, dass er so gerne aß, mit Butter bestrichen und mit einer kräftigen Fleischwurst belegt. Dazu gab es eine Tasse mit seinem Lieblingstee, dampfend heiß. Abgerundet wurde die Mahlzeit von einer Schale mit Quark und Früchten. Mitras dankte seinen Freund und begab sich mit dem Tablett nach oben in sein Gemach. Er stellte es auf den kleinen Beistelltisch ab und nippte vorsichtig am Tee. Dieser war gerade so weit abgekühlt, dass er die richtige Temperatur hatte. Im Geiste dankte er wieder einmal dem Alchemisten Gregorius Grey, der auf die Idee gekommen war, seinen schwarzen Tee mit dieser Frucht zu behandeln. Schwarzer Tee war schon ein Genuss, aber die allgemein nur noch Gregorius Grey Tee genannte Mischung aus Tee und dem Öl der Bergamotte veredelte dieses Getränk noch weiter.

Mitras ordnete seine Gedanken wieder. Es war fast 15 Uhr und er musste sich noch Gedanken um Kiras Lehrplan machen. Sie hatte eine gewisse Bildung genossen, aber er konnte nicht einschätzen, wie weit sie schon war. Am besten wäre es, sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Er hatte ihr für den Anfang acht Bücher ins Zimmer gestellt, die alle relevanten Bereiche wie Philosophie, Mathematik, Geografie, Geschichte, Politik, Biologie, Physik und die wichtigsten Grundlagenwerke der Magie abdeckten. Eine umfassende Prüfung über alle diese Bereiche zu erstellen, wäre vermutlich sinnvoll gewesen, aber das war doch ziemlich aufwendig. Er überlegte sich, dass sie sich die nächsten acht Tagen in jedes der Werke einlesen solle, erst mal nur das erste Kapitel, um dann Abends einen kurzen Bericht wiederzugeben. Dann könnte er sie in einem Lehrgespräch mit weiteren Fragen konfrontieren und schauen, was sie von sich aus ergänzte. So würde er bald abschätzen können, wie schnell sie das Wissen aufnahm und wie viel sie schon von dem jeweiligen Thema wusste. Danach würde es Zeit werden, mit dem praktischen Teil ihrer Ausbildung zu beginnen. In den „Grundlagen der Erstlingszauber“ waren alle nötigen Anleitungen, um das Kanalisieren zu erlernen. Bei ihrem Potential sollte es ihr nicht schwer fallen, Magie zu schöpfen und zu halten. Nach dem Überblick würde ihre erste Aufgabe dann also sein, die nötigen Kapitel zu lesen und dann unter Anleitung das Gelesene umzusetzen. Nach den Fehlschlägen der letzten Wochen war eine Ablenkung auch für ihn nicht verkehrt. Er merkte langsam, wie sich der Frust über die wiederholten Fehlschläge langsam in sein Gemüt eingruben, und das war nicht gut. Er brauchte Erfolgserlebnisse oder zumindest eine Ablenkung.

Die Zeit während ihrer ersten Unterweisung im Kanalisieren würde er dann nutzen, um anhand der Auswertung der nächsten acht Tage den weiteren Lehrplan zu erarbeiten. Bei diesem Gedanken kam ihm in den Sinn, dass er sie ja nicht die ganze Zeit durcharbeiten lassen könne. Mindestens einen Tag Ruhe in der Woche musste er ihr schon einräumen, sonst würde sie ihm irgendwann einfach umkippen. Er beschloss, dass sie einen komplett freien Tag haben sollte, sinnvollerweise Silenz, und einen Tag an dem sie nach Wahl nur drei Stunden lernen sollte. Welcher Tag das sein würde, wollte er nachher mit ihr diskutieren. Ihm war es relativ egal, er würde Uldumstag vorschlagen, aber sie konnte sich ja die Woche so einteilen, wie es ihr am besten passte. 

​Im Hausflur wurde es unruhig und er blickte zur Uhr auf. Es war kurz nach 17 Uhr, was hieß, dass Abigail und Kira zurück sein mussten. Er stand auf und ging runter, um die beiden zu begrüßen. Auf der vorletzten Treppenstufe blieb er stehen und betrachtete die beiden. Sie hatten diverse Taschen in den Händen, die ihnen gerade von Tobey abgenommen wurden, damit sie ihre Mäntel ablegen konnten. Kira trug nun ein grünes Kleid, dass eng am Oberkörper anlag und so modisch ihre Oberweite ebenso wie ihre schlanke Taille betonte. Es hatte Knöpfe aus Horn und einen bauschigen Rock, der ihr Gesäß hervor hob und Mitras kurz darüber nachdenken ließ, dass sie ja auch ohne Rock dort schöne Rundungen hatte, ehe er diesen Gedanken rasch beiseite schob. Diese aufgebauschten Röcke waren bestimmt genau deshalb in Mode gekommen, um solche Gedanken zu befeuern. Sie sah müde aus, einige ihrer Haare hatten sich aus der Frisur gelöst und hingen ihr ins Gesicht. „Wie ich sehe, habe ich meine Schülerin zu ihrem Einstand mit Geschenken überhäuft!“ witzelte er, was Kira sofort erröten ließ. „Ach, nun hör schon auf, du machst das arme Kindchen ja ganz verlegen.“ scholt ihn Abigail. „Und im Übrigen, dass sind nur die Sachen, die wir direkt mitgenommen haben. Den Rest habe ich liefern lassen. Morgen werden ein paar Ballen Stoffe und noch weiteres Nähzubehör eintreffen.“ Mitras lachte und erwiderte schmunzelnd: „In Ordnung, für meine erste Schülerin nur das Beste, schließlich sind wir ja auch Prominenz.“ Er wandte sich an Kira: „Sie haben bis 18 Uhr, um ihre neuen Schätze zu verstauen und sich kurz von der Stadt zu erholen, dann besprechen wir im Labor ihre weitere Ausbildung, bevor es dann um 19 Uhr Essen gibt.“ Noch immer tiefrot, nickte sie. „Ja, Magister.“ „Gut, dann bis später, ich bin in meinem Zimmer, sollte etwas sein, und sammle Sie dann ein.“ Er machte kehrt, zog sich wieder in sein Zimmer zurück und ließ den Trubel unten hinter sich. Es lohnte sich nicht, nun noch etwas Neues anzufangen und über die Ausbildung hatte er sich erst einmal genügend Gedanken gemacht. Er griff sich also das Buch, das er derzeit las und genoß es sich noch eine Weile darin zu verlieren. Das Werk der Schriftstellerin Maria Godwin faszinierte ihn. Darin beschrieb sie, wie ein Magier versuchte, einen unbelebten Körper mithilfe von Magie zu erwecken und so neues Leben zu erschaffen. Ein entsetzlicher, aber auch faszinierender Gedanke. Über das Lesen vergaß er beinahe die Zeit und stellte fest, dass es schon kurz vor 18 Uhr war, als er aufblickte. Er steckte ein Lesezeichen in das Buch und legte es auf den Nachttisch, um es später weiterzulesen. Dann schritt er aus seinen Gemächern hinaus und klopfte an Kiras Tür.

Sie schien schon gewartet zu haben, da sie fast augenblicklich öffnete. „Gut, kommen Sie mit.“ Er schnippste einmal, um Abigails Glöckchen anzuschlagen, und wartete kurz an der Galerie, bis sie unten erschien. „Abby, wärst du bitte so gut uns zwei Tassen Tee ins Labor zu bringen? Danke.“ Sie nickte und verschwand sofort wieder Richtung Küche. Er öffnete derweil das Labor und bat Kira hinein. „Setzen Sie sich.“ Er wartete kurz, bis sie sich auf den Stuhl an ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, und setze sich dann auf seinen Stuhl. Beides waren neue Drehstühle, wie sie mittlerweile sehr gerne von allen Arten von Kanzleien und sonstigen Verwaltungsinstitutonen verwendet wurden. Mitras empfand diese neumodischen Stühle als sehr praktisch. Man konnte sich auf ihnen vom Tisch wegdrehen, ohne groß hin und her rücken zu müssen. Es war nur eine weitere mechanische Spielerei, aber er war faziniert von allen Arten von Geräten, vom einfachen Drehstuhl bis hin zum komplizierten elektrischen Generator.

Er drehte sich zu ihr hin und wies auf ihren Tisch. „Auch wenn Sie noch nicht viel Zeit hier verbringen werden, das Schreibmaterial ist für Sie. In ihrem Zimmer werden sie in der Schublade ihres Schreibtisches noch mehr finden. Sie sollten sich nun ein paar Notizen anfertigen, während ich Ihnen den Ablauf der nächsten Wochen erkläre.“ Mit überschlagenen Beinen saß er ihr nun gegenüber, während sie sich dem Schreibtisch zuwandte und sich ein Blatt und einen der Stifte nahm. „Ich habe Sie mit einigen Büchern zur allgemeinen Bildung und für die Grundlagen der Magie ausgestattet. Die Bücher gehören von nun an Ihnen.“, fing er an und machte eine kurze Pause, damit sie dieses erneute, eigentlich doch kleine, Geschenk verdauen konnte. Ihre Emotionen – Scham, Freude, Unbehagen – waren erfrischend einfach an ihrer Miene ablesbar. Ihr Unbehagen Geschenken gegenüber ließ seinen Entschluss, ihre familiären Umstände bei Gelegenheit genauer zu beleuchten, festigen. Fürs Erste beließ nun aber dabei, freundlich zu sein und sie zu beobachten. Was auch immer für eine Geschichte dahinter stand, sie selbst schien ohne böse Absichten zu sein, und er würde sich von Angriffen von außen auch nicht treffen lassen. Da hatte er ja schon ganz andere Versuche gesehen, ihm zu schaden. „Ihre erste Aufgabe wird es sein, sich je Tag in eines der Bücher einzulesen. Ich erwarte nicht, dass Sie die Bücher komplett lesen. Erfassen Sie wovon das Buch handelt, lesen Sie erste Absätze, der Ihnen am interessantesten erscheinenden Kapitel und fassen sie bis zum Abend kurz zusammen, worum es geht und ergänzen Sie, wo Sie können, das Behandelte mit ihrem eigenen Wissen. Das wird kein Test, es geht mir vielmehr darum herauszufinden, wo Sie stehen, damit ich weiß, was noch weiter geschult werden muss und wo sie bereits eine gewisse Wissensbasis besitzen.“ endete er und wartete ihre Antwort ab. „Ja, Magister. Mit welchem der Bücher soll ich anfangen?“ entgegnete sie. Er gab ihr die Reihenfolge vor und ergänzte: „Ich erwarte nicht, dass Sie die vollen sechs Wochentage durcharbeiten. Silenz trägt seinen Namen nicht nur so. An diesem Tag steht es Ihnen frei, Ihre Zeit zu nutzen, wie es Ihnen passt. Sollten Sie Schach oder Dame spielen, wird sich William sicher zu einer Partie überreden lassen, er liebt beide Spiele über alles. Sobald Sie ihre erste Aufgabe erledigt haben, werden wir mit magischen Übungen beginnen. Diese werden außer am Silenz jeden Tag stattfinden und circa drei Stunden dauern. An vier Nachmittagen werden sie genauso viele Stunden jeweils mit lernen verbringen. Sie können sich aussuchen, an welchen der fünf Tage Sie mit dem lernen pausieren möchten. Sie werden mit Hilfe der Bücher im Selbststudium lernen und ich werde Sie dann jeden Abend zwischen 18 und 19 Uhr abfragen. Wenn Sie es wünschen, können wir dieses Treffen auch an Ihrem kurzen Tag durchführen, damit Sie einen festen Termin haben, an dem Sie mit mir alle weiteren Fragen erörtern können. Heute ist Uldumstag, Sie haben also mit Ingasttag und Schengstag in dieser Woche noch zwei Tage, an denen Sie arbeiten werden.“ er pausierte kurz und sah sie aufmerksam an. Sie hatte sich während seines ganzen Vortrages fleißig Notizen gemacht. Nun klopfte es an der Tür und er bat Abigail mit dem Tee herein. „Entschuldigt ihr zwei, es hat ein Weilchen gedauert, da William gerade kein heißes Wasser aufgesetzt hatte. Ich habe euch eine Früchtemischung aufgekocht, genau richtig bei dem Wetter draußen.“ Mitras blickte bei diesen Worten um die Ecke zum Fenster hinaus und sah, dass es wieder zu schneien angefangen hatte. Es sah so aus, als wenn es draußen richtig ungemütlich geworden war. „Ja, das sieht in der Tat richtig unbequem aus. Habt ihr es auch drüben warm genug?“ fragte er etwas besorgt. Er hatte zwar auch dort Wärmesteine verteilt, aber da das Haus im Gegensatz zum Hauptgebäude schon stand, als er das Grundstück erwarb, war es nicht annähernd so gut gedämmt. Die alte Villa war abgebrannt, was für seine Pläne sehr vorteilhaft war und es ihm ermöglichte ein sehr modernes und voll unterkellertes Gebäude zu errichten. „Da mach dir mal keine Sorgen drum, wir haben es mit den Steinen schon warm genug und wenn nicht schmeißen wir den Kamin an.“ entgegnete Abigail. „Gut.“ erwiderte er, nicht ganz sicher, ob sie ihn nicht einfach nur beruhigen wollte. Er nahm sich vor, sie bei ihren Schneiderarbeiten die nächsten Tage ‚zufällig‘ einmal zu besuchen, um sich die Stücke anzusehen, und um zu überprüfen, ob es auch wirklich warm genug war. Abigail hatte derweil einen kleinen Beistelltisch mit Rädern aus der Ecke gezogen und das Tablett mit den Tassen darauf abgestellt. Nachdem sie den Tisch zwischen die beiden geschoben hatte, verabschiedete sie sich. Mitras nahm seine Tasse, trank einen tiefen Schluck und fühlte die angenehme Wärme durch seinen Körper fahren. Es war zwar nicht kühl im Haus, aber nach dem Blick nach draußen tat es doch besonders gut. Kira tat es ihm gleich und er setzte wieder an. „Gut, also es ist Ihnen überlassen welchen Tag sie verkürzen. Da wir mit den praktischen Übungen erst nach dem ersten Einlesen anfangen, heißt das, dass Sie nächste Woche einen zusätzlichen Tag frei haben. Sie könnten ja mit Abigail eine weitere Tour durch die Stadt machen. Es wäre nicht schlecht, wenn Sie lernen sich hier in Uldum zurecht zu finden, Abby wird Ihnen sicher gern behilflich sein. Für nächste und übernächste Woche möchte ich, dass Sie Ihren freien, beziehungsweise Ihren kurzen Tag auf den Uldumstag legen. Dann können wir direkt mit der ersten praktischen Übung beginnen und Sie haben danach Zeit sich davon zu erholen. Die erste Übung kann sehr aufwühlend sein.“ warnte er sie. „Gut, fassen wir noch einmal zusammen. Morgen am Ingasttag beginnen Sie mit Geografie und Geschichte, am Schengstag folgt die Biologie magischer Wesen, dann am Silenz haben Sie frei. Am Mirastag nächste Woche folgt dann die Politik und am Mafuristag Physik. Danach wird auch ein Tag Pause nötig sein.“ sagte er leise lachend. „Nächsten Ingastag folgt die Mathematik und darauf am Schengstag dann die Philosophie. Nach ihrem zweiten Silenz beginnen wir dann richtig mit der Magie, erst mit dem Grundlagenwerk und dann mit der Übersicht über die wichtigsten Zauber. Am Uldumstag, Ihrem ersten kurzen Tag, werden wir dann abends den weiteren Lehrplan besprechen.“ Er blickte wieder zu ihr und sah, dass sie ihr Notizblatt um eine passende Tabelle ergänzt hatte. Er ließ sie zu Ende schreiben und trank seinen Tee aus. „Haben Sie zu den nächsten zehn Tagen noch irgendwelche Fragen?“

Kira saß einen Moment lang still da und überlegte. Sie hatte eigentlich eine Menge Fragen, etwa: Was mache ich an den restlichen Stunden des Tages? Wo und wie verbringt man denn als Magieschülerin seine Freizeit in Uldum? Kann ich einfach rausgehen oder muss mich Abigail immer begleiten? Sie fragte: „Muss ich in Mathematik auch Aufgaben rechnen können?“ Mitras schaute sie ein wenig kritisch an. „Selbstverständlich. Was würde das sonst bringen? Rechnen und Konstruieren sind wesentliche Bestandteile.“ Kira seufzte innerlich. Man musste ihr ihre mangelnde Begeisterung wohl angesehen haben, denn Mitras setze an: „Mathematik ist eine Grundfeste der Magie. Durch sie können wir beobachten, manchmal sogar vorhersagen, wie sich die magischen Ströme verhalten werden und dieses Wissen hilft uns, Zauber akurat zu planen, zu optimieren und weiter zu entwickeln. Ohne ausreichende Planung kann ein neuer Zauber die innere Energie des Zaubernden zu schnell oder zu tief entladen, so dass entweder er sich oder der Umgebung schadet. Ohne Mathematik können wir Fehlschläge bei der Planung von Zaubern weniger gut nachvollziehen und erklären.“ Er hielt inne und schaute sie streng an. Kira senkte ein wenig zerknirscht den Kopf. „Mathe ist wichtig, habe ich verstanden. Ich bin nur leider nicht so gut darin.“ „Das wird schon werden. Wir ändern dann den Plan auch gleich etwas: Sie beginnen morgen mit Geschichte und Geografie, aber übermorgen, am Schengstag, teilen Sie den Tag: Ein bisschen Mathematik, ein bisschen Biologie. Und das dann einfach an jedem Arbeitstag, immer ein bisschen Mathematik dazu, dann wird es schon nicht so schlimm. Dafür können sie dann am nächsten Ingas schon Philosophie lesen und am Schengstag bereits mit dem Buch zur Magiekunde anfangen, dann haben Sie mehr Zeit dafür.“, beruhigte Mitras sie. „Magie ist ja vermutlich das, was sie eh am meisten interessiert, oder?“ Kira nickte.“ Haben Sie noch andere Fragen, zum Ablauf oder zur Planung etwa?“ Kira schüttelte den Kopf. Jeden Tag Mathematik klang gar nicht erfreulich, aber vielleicht hatte Mitras Recht, und es war einfacher, als sich einen ganzen Tag quälen zu müssen. Sie beschloss, ihre freie Zeit einfach mit Lesen und dem Wintergarten zu verbringen. Das konnte man wahrscheinlich sogar kombinieren. Und den halben freien Tag könnte sie ja in die Bibliothek gehen. „Mein kurzer Tag ist dann erstmal der Uldumstag. Und Silenz habe ich frei. Kann ich jederzeit rausgehen, oder muss ich eine Begleitung mitnehmen?“ „Sie sind keine Gefangene!“, lachte Mitras. „Aber nehmen sie dieses hier mit.“ Er drehte sich mitsamt Stuhl zum Schreibtisch hinter sich, wühlte kurz in einer der Schubladen und holte ein Siegel wie das hervor, das auch Abigail in der Bibliothek genutzt hatte. „Damit können Sie sich ausweisen, dass Sie zu meinem Haushalt gehören. Sonst könnte das ja jeder Arbeiter aus den Docks mal eben schnell behaupten. Und ich empfehle, für den Anfang Abigail, Tobey oder William zu bitten, Sie zu begleiten. Ich würde ungern nach Ihnen suchen müssen, ach ja und seien Sie zum Abendessen zu Hause.“ „Ja, Magister.“ Kira nahm das Siegel. Mitras stand auf. „Dann wollen wir mal sehen, was William so für uns an Leckereien hat.“ Kira sammelte ihre Blätter und das Siegel zusammen, legte die leeren Blätter und das Schreibzeug auf den Schreibtisch und folgte ihm auf die Galerie. „Ich bringe eben noch die Sachen in meinen Raum.“ Mitras nickte. „Und wenn sie mögen, ziehen Sie sich etwas schlichteres zum Essen an. Mit diesem Rock sitzt es sich doch vermutlich nicht so angenehm.“ Kira lachte. Die neue Kleidung gab ihr schon seit dem Anziehen ein Hochgefühl, sie wollte sie auf keinen Fall mehr ausziehen. Alles hier gab ihr ein Hochgefühl, dieses Haus, die vielen Geschenke – sie war vermutlich die glücklichste Discipula in Uldum, dachte sie, und strahlte Mitras an: „Aber es sieht so schön aus, Magister. Ich fühle mich so edel darin und so hübsch!“ Mitras nickte freundlich. „Es freut mich, dass Ihnen die Sachen gefallen. Es sieht in der Tat sehr viel eleganter aus. Wenn wir Besuch haben, können sie darin sicher das Haus gut repräsentieren.“ Kira fühlte, wie gut ihr die Bestätigung tat. Sie gluckste glücklich in sich hinein, drehte sich um und stolzierte den Gang herunter, um ihre Materialien in ihren Raum zu bringen. Tobey hatte auch die Tasche mit dem Buch, den Fächern, Handschuhen und Hüten und das rote Kleid in ihr Zimmer gebracht. Kira überlegte kurz, ob sie das rote Kleid zum Abendessen anziehen sollte, aber dann merkte sie, dass sie ja bisher den größten Teil des Tages nur Kekse gegessen hatte, also steckte sie nur ihre Haare wieder richtig hoch und ging runter, um sich schneller dem Essen anzuschließen.

Mitras saß bereits am Tisch und unterhielt sich mit Tobey, der ihn wohl über einige geplante Renovierungen am hinteren Haus informierte. Abigail deckte den Tisch und setzte sich dann an ihren Platz. William, der in der Küche gewesen war, kam gerade in den Raum, als Kira sich setzte. Er betrachte sie von oben bis unten, pfiff dann anerkennend durch die Zähne und sagte: „Naa, Mitras, du bist aber schon ein Glückspilz, eine so hübsche junge Dame ausbilden zu dürfen.“ Kira grinste glücklich und wurde rot, aber diesmal störte es sie gar nicht. Mitras lachte und mahnte dann: „Das kann sein, aber kannst du dich dann bitte auch daran erinnern, dass sie eine Dame ist? Iss sie nicht gleich mit den Augen auf.“ William lachte schallend und legte den Arm um Kira, als er an ihr vorbei zu seinem Platz ging. „Ha, aber sie ist doch jetzt MEINE Lady, Mylord. Ich darf meine Herrschaften wohl loben und preisen, wie es mir gefällt, nicht wahr, edler Herr?“ Kira kicherte und auch Tobey und Abigail glucksten leise in sich hinein. Mitras verdrehte die Augen. „Lass die Finger von ihr und setz dich hin!“ Er wandte sich an Kira. „Lassen Sie sich nicht alles von Ihm gefallen. Er vergisst manchmal wirklich, welchen Stand er hat.“ Kira verbiss sich das weitere Kichern und sagte schalkhaft: „Magister Mitras, seid unbesorgt. Ich werde mit meinen Angestellten gütig umgehen.“ Abigail, William und Tobey prusteten nun vor Lachen, und William hob den rechten Daumen als Anerkennung für ihre Antwort. Kira strahlte. Dieser Haushalt war so lustig, und so warm und sie hatte so viele tolle Geschenke bekommen. Es schien ihr, als ob all das Glück, dass sie in den letzten Jahren vermisst hatte, mit einem Schlag auf sie einströmte, und sie hatte das Gefühl, beinahe über dem Stuhl zu schweben. Mitras zog ein wenig belustigt die Augenbrauen hoch und schmunzelte. „Na, dann bin ich ja beruhigt.“ Er wandte sich dem Tisch zu, auf dem auf einer Platte verschiedene kalte Brote und Pasteten standen und ein großer Topf mit einer klaren Suppe. „Dann wünsche ich allen einen guten Appetit.“ William brauchte noch eine Weile, sich vom Lachen zu erholen, und jedes Mal, wenn er noch etwas kicherte, gluckste auch Kira in sich hinein. Sein Lachen war einfach ansteckend, fand sie. Sie ließ sich von Abigail Suppe geben und ass mit großem Appetit, während Abigail neben dem Essen einigen Klatsch aus der Stadt erzählte, den sie wohl von Matthes, dem Händler, erzählt bekommen hatte, insbesondere wohl von der jungen Eismagierin mit den starken Verbrennungen. Mitras meinte abfällig, dass sie vermutlich nur deshalb so entstellt geblieben war, weil man sich nicht zur Heilung an die Verwandlungsakademie gewandt hätte. „Die Elementarmagier sind im Kampf und auf dem Feld bestimmt sehr praktisch, aber sie können nichts anständig reparieren, weder einen Gegenstand noch ein Lebewesen.“ Kira hörte interessiert zu, merkte aber schon nach einer Weile, dass ihre Gedanken zu den Büchern abschweiften, die oben in ihrem Zimmer auf sie warteten. Sie beendete also das Essen recht zügig und bat darum, sich zurückziehen zu dürfen. Mit einem Seitenblick auf Mitras ließ sie den Teller stehen, den sie eigentlich schon wegräumen wollte, und ging nach oben in ihr Zimmer, wo sie das neue Kleid auszog, sorgfältig auf einen Bügel hing und glatt strich und dann in ihrem bequemen Schlafanzug wechselte, den sie von ihrem Bruder Adrian vor einem Jahr geschenkt bekommen hatte. Er bestand aus einer weichen Schafswolle, die zu einem unglaublich flauschigem Stoff gewebt worden war. Eigentlich war das wohl eher für Männer, aber Kira fand es nicht unpraktisch, beim Schlafen eine Hose zu tragen, ein Kleid rutschte ihr immer zu schnell hoch. Adrian hatte ihn auf einer Handelsfahrt, die er mit ihrem Vater gemacht hatte, erworben, und Kira hatte nie herausgefunden, wie es ihm gelungen war, ein so wundervolles und seltenes Kleidungsstück zu bekommen. Er hatte auch allen anderen teure Geschenke von dieser Reise mitgebracht, teilweise sogar noch deutlich mehr als dieser Anzug, aber sie schätzte gerade den Schlafanzug sehr. Sie knipste die Lampe am Bett an, nahm sich das Geschichtsbuch und begann zu lesen. Notizen würde sie hierbei vermutlich nicht brauchen, schließlich waren Geografie und Geschichte ihre Lieblingsthemen in der Schule gewesen. Tatsächlich stellte sie schon auf den ersten Seiten fest, dass ihr Lehrer dieses Werk wohl benutzt hatte, um ihnen Ausschnitte daraus zum Lernen zu senden, denn einige Textpassagen kamen ihr sehr vertraut vor. Dennoch genoß sie es, eine Weile zu lesen, ehe sie das Buch beseite legte, das Licht löschte und sich wohlig seufzend ins Bett kuschelte, um zu schlafen.

Geschenktes Glück – 7. Lunet 242 (Uldumstag)

Kira wachte davon auf, dass es still war. Viel zu still. Sie blinzelte. Draußen war es bereits hell. Kein Vogel sang. Sie lauschte einen Moment verwirrt. Kein Vogel, kein Hundegebell, niemand, der durch die Gegend rief. Sie war nicht zuhause. Nicht zuhause! Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und die Erinnerung an den gestrigen Tag stürmten noch einmal auf sie ein. Die Reise, der Erzmagier, die Prüfung, das Haus, Mitras, Abigail, William, Tobey… ihre Ausbildung. Ach, du meine Güte, ihre Ausbildung. Ruckartig setzte Kira sich auf. Wie spät war es? Sie blickte zur Uhr auf dem Schreibtisch. 8 Uhr 40! Oh, bei den guten Geistern! So spät! Sie sollte dringend aufstehen und mit den Studien anfangen. Magister Mitras hatte deutlich gesagt, dass er sie jeden Abend prüfen würde, also würde sie jeden Tag ausreichend Stoff vorbereiten müssen. Kira war mit Selbststudien und Prüfungen vertraut, sie hätte nach der Dorfschule auf das Gymnasium gehen können, doch Lührenburg war zu Fuß zu weit weg, und eine Droschke oder ein Pferd jeden Tag zu bezahlen, war ihrer Mutter zu teuer gewesen, also hatte sie den Stoff mit der Post geschickt bekommen und durfte jeden Tag zwei Stunden zu Bruder Harras gehen, um dort zu lernen. Sie war nicht die einzige in den umliegenden Dörfern, der Fernunterricht war überall auf dem Land üblich. Viermal im Jahr war sie zu den Prüfungen gefahren, die sie meistens auch ganz gut bestanden hatte – Mathematik ausgenommen, sehr zum Ärger ihres Vaters, der sie als „Schande einer Händlerfamilie“ bezeichnet hatte. Aber Kopfrechnen war einfach langweilig. Und immer ging es um Geld. In Geometrie war sie nicht so schlecht gewesen. Also, naja. Zumindest war sie da nie durchgefallen.

Sie schwang sich aus dem Bett und tapste zur Toilette. Sie würde sich ein Frühstück holen und dann mit dem Buch zu Flora und Fauna beginnen. Und danach das Handbuch der Erstlingszauber. Sie spürte, wie sich Vorfreude darauf in ihr ausbreitete, nicht nur einen Tag, sondern viele Tage lang sorgfältig lesen, herausschreiben, lernen zu können. Sie holte sich mit dem Krug etwas Wasser, wusch sich flüchtig und öffnete dann den Schrank, um sich etwas zum Anziehen herauszusuchen. Unterwäsche war einfach, aber dann stand sie eine lange Weile vor dem Schrank und überlegte. Selbst die Kleidung von Abigail wirkte ein wenig edler als ihre normale Alltagskleidung. Sie seufzte. Der Erzmagier hatte ihr gesagt, dass sie ein Taschengeld von Mitras bekommen würde. Scheinbar würde sie es dazu einsetzen müssen, sich erstmal einige bessere Stoffe zu kaufen. Mit dem elektrischen Licht würde sie auch in den Abendstunden noch nähen können, und so würde sie bestimmt einige Kleider nähen können, die dem Haus mehr entsprachen. Schließlich entschied sie sich für ein schlichtes grünes Wollkleid mit einer weißen Unterbluse und einem weißen Unterrock. Das Essemble saß bequem und würde sie beim Lernen nicht durch unnötige steife Elemente stören. Sie flocht sich rasch die Haare zu einem dicken Zopf, das sparte das langwierige Bürsten, und zog sich die Haussschuhe an. Gerade, als sie so zur Tür ging, klopfte es. „Kindchen?“, klang Abigails Stimme durch die Tür. „Bist du schon wach?“ „Äh, ja.“ Kira öffnete die Tür. Abigail strahlte sie an. „Sogar schon angezogen!“ Kira wurde ein bisschen verlegen. „Ich habe verschlafen, oder?“ Abigail lachte. „Nein, gar nicht, ich sollte dich um 9 wecken, und du bist schon angezogen. Ein frühes Vögelchen bist du, oder?“ „Um neun?“, fragte Kira ungläubig. „Der Magister sagte, du dürftest heute ein wenig länger schlafen, weil dein Tag gestern ja sehr lang war. Normalerweise wecke ich dich um halb acht, William macht uns allen um acht Frühstück. Mitras isst nicht immer mit uns, aber du kannst dich gerne zu uns setzen, wenn du es magst. Alleine essen macht unglücklich!“ Dabei zwinkerte sie ihr freundlich zu. Kira versuchte ein freundliches Lächeln. Abigail war so nett zu ihr, netter als ihre Mutter jemals gewesen war. Es fühlte sich ein wenig komisch an, dass eine fremde Frau so warmherzig zu ihr war. Sie muss sich um mich kümmern, schoss es Kira durch den Kopf. Sie ist die Angestellte. Ob Mitras ihr Anweisungen gegeben hatte? Nein. Mitras war so viel kühler und distanzierter, er würde nicht anweisen, besonders freundlich und liebevoll zu ihr zu sein. Es musste einfach ihre Art sein. Die gute Seele des Hauses, dachte Kira, während sie gemeinsam die Treppe runter zur Küche gingen. An der Küchentür winkte Abigail ihr zu. „Ich hab schon gegessen und muss noch Wäsche waschen, aber du kannst dir ein Tablett dort abholen. Mitras muss auch noch essen, glaube ich.“ Achja, die Wäsche. „Äh, wo kann ich denn meine Wäsche waschen?“, fragte sie, vor der Küchentür stehend. „Sie waschen keine Wäsche!“, erklang aus der Kellertür rechts neben ihr streng Mitras Stimme. Kira qietschte erschrocken auf und fuhr herum. Im Kelleraufgang stand Mitras, in der selben Kleidung wie am Vortag. Er wirkte, als habe er kaum geschlafen, abgekämpft und müde. Gestern Abend schien er schon erschöpft, aber nun wirkte er, als wenn er tagelang nicht geschlafen hätte. Was tat er da unten bloss?

Die Erschöpfung tat allerdings der Strenge und der Missbilligung in seiner Stimme keinen Abbruch. „Magister! Verzeihung, aber…“ „Abigail wäscht Ihre Wäsche. Sie stellt Ihnen einen Korb hin, wie bei mir auch.“ Mitras trat auf sie zu, und Kira wich ein Stück zurück, bis sie gegen die Küchentür stieß. Er griff nach ihrem Kinn und hob es nach oben, so dass sie ihm in die Augen sehen musste. Seine Augen waren hellblau, fast wie Eis, und funkelten sie mit einer Mischung aus Erschöpfung und Wut an. „Sie sind eine junge Lady. Sie sind eine Magierin. Sie werden keine Wäsche waschen, Sie werden nicht putzen, Sie werden nicht dienen. Stehen Sie gerade und sprechen Sie mir nach.“ Er ließ sie los und trat einen Schritt von ihr weg. Kira blickte weiter in seine Augen, sie traute sich nicht, wegzuschauen. „Ich… ich… bin eine Lady?“, sagte sie zaghaft. „Sie sind eine Lady.“, bestätigte Mitras. „Und Sie werden sich auch so benehmen. Ihr Verhalten wird unser Haus repräsentieren. Und jetzt werden Sie Abigail eine Anordnung bezüglich Ihrer Wäsche geben.“ Scheu schaute Kira zur Seite, wo Abigail stand und offenbar schmunzelte, nun aber rasch ein ernstes Gesicht aufsetzte und sie erwartungsvoll anschaute. Kiras Gedanken rasten. Was für eine Anordnung? Die Hinweise zum Korb fielen ihr wieder ein. „Abigail, würdest du bitte einen Korb in mein Zimmer stellen und alle drei Tage meine Wäsche waschen?“, fragte sie und linste dabei zu Mitras. Seine Mundwinkel zuckten, als unterdrücke er ein Lächeln, doch er nickte. „Selbstverständlich, Kindchen.“ Jetzt grinste Mitras wirklich. „Du untergräbst meine Erziehung mit so einer Anrede, Abby!“, beschwerte er sich. „Remus wurde nicht an einem Tag erbaut!“, gab Abigail schlagfertig zurück, ehe sie sich umdrehte und im Flur verschwand. Mitras drehte sich wieder zu Kira um. „Wollen wir?“ Er deutete dabei auf die Tür hinter ihr. „Äh, ja, Magister.“ Sie drehte sich um und öffnete die Küchentür. Die Küche war leer, aber auf der Anrichte standen zwei Tabletts, das eine mit einer langen Rispe von Lavendel auf der abgedeckten Tasse. Mitras ging an ihr vorbei und nahm das Tablett ohne Lavendel. „Kommen Sie, wir können im Esszimmer zusammen frühstücken.“

Mit dem Tablett in der Hand ging er ins Esszimmer herüber. Kira beeilte sich, ihres zu nehmen und ihm zu folgen. Er hatte eigentlich geglaubt, dass sie schon eine gewisse Erfahrung mit Bediensteten haben müsste, waren ihre Eltern doch eigentlich erfolgreiche Händler. Aber anscheinend hatte er deren Stellung überschätzt. Seine eigenen Eltern waren wohlhabend genug, um sich immer Bedienstete leisten zu können. Er konnte sich jedenfalls nicht entsinnen, dass es jemals eine Zeit ohne Hausmädchen und Koch gegeben hatte. Lediglich der Garten fehlte ihnen.

Aber auch sonst machte er sich ein bisschen Sorgen um das Mädchen. Sie war sehr zurückgezogen und wirkte schon sehr eingeschüchtert. Er musste wohl wirklich ein bisschen darauf acht geben, ihr nicht mit zu viel Härte zu begegnen, wie William gesagt hatte. Ob er wohl einen Hauslehrer für Umgangsformen einstellen sollte? Aber er verwarf den Gedanken. Er würde sie schon selbst formen und ihr das nötige Rückgrat vermitteln, um auch hier zu bestehen. Außerdem konnte man nie wissen, wen man sich da ins Haus holte. Einige seiner Feinde warteten sicher nur darauf so einen Fuß in die Tür zu bekommen. Auch wenn er deutlich weniger scheu gewesen war, so war auch er sehr introvertiert und hatte den Umgang mit der höheren Gesellschaft erst von seinem alten Mentor Christobal di Pinzon lernen müssen. So würde er das nun auch bei ihr machen. Und zur Not konnte er Christobal später um Hilfe bitten.

Er stellte sein Tablett ab, wartete, bis sie es ihm gleich getan hatte und setzte sich dann. „Bedenken Sie, durch Ihre neu erwachten Fähigkeiten sind Sie nun in einen neuen Stand aufgestiegen. Gewöhnen Sie sich daran, dass Dienerschaften und generell das ’normale Volk‘ Ihnen bald mit Knicks und Verbeugung entgegen treten wird. Wir Magier bilden einen eigenen Stand parallel zum Adel, also über allen anderen. Lassen Sie sich dies aber nicht zu Kopf steigen! Ich werde nicht tolerieren, dass sie anfangen Ihre Mitmenschen von oben herab zu behandeln. Zu Ihrer Ausbildung wird auch gehören, wie Sie sich wem gegenüber zu verhalten haben. Hier im Haus pflegen wir einen lockeren, familiären Umgang. Aber dennoch sind Sie jetzt eine Dame und sie die Bediensteten. Ihre Aufgabe ist das Lernen und später auch das Assistieren bei meinen Studien und letztendlich das Durchführen eigener Studien. Abigails, Williams und Tobeys Aufgabe ist es, uns dabei alle weltlichen Probleme vom Hals zu halten.“ „J… ja, Magister.“ stotterte sie, völlig überfahren von seiner Standeseinweisung.

Nach dieser ersten Ansprache nahm er erst einmal eine der belegten Brotscheiben auf und begann zu essen. Sie schaute eine Weile nur auf ihr Tablett, brauchte wohl noch einen Moment, um das Gesagte zu verdauen, begann dann aber auch zu essen. Just in diesem Moment kam William herein. „Ha, ihr beide habt euch schon bedient. Ich wusste nicht, was du so magst, also habe ich erstmal von allem ein bisschen gemacht. Leg einfach die Sachen, die du nicht magst auf den rechten Tellerrand und was du vom Rest nicht schaffst, kannst du dann auf der linken Seite ablegen, damit ich es dir für später einpacken kann. Wird ja doch ein ereignisreicher Tag.“ Der letzte Satz ging in ein fröhliches Lachen über und schon war er wieder in der Küche verschwunden. Sie schaute ihm leicht verdutzt hinterher und dann wieder auf ihren Teller, als überlege sie, was sie davon nicht mögen könne. Tatsächlich hatte sie bereits von dem meisten ein wenig probiert, alle Brote waren angeknabbert. Mitras legte das Brot, das er gerade aß wieder ab, blickte zu ihr und sagte: „Achja, mit dem Lernen können Sie Morgen anfangen, zumal ich Ihnen ja noch gar keinen Lehrplan zugeteilt habe.“ Geschweige denn, dass er bereits einen geschrieben hatte, aber da würde er sich später drum kümmern. „Zum Stand eines Magiers gehört auch eine standesgemäße Kleidung. Und Ihre Sachen weisen zwar eine gewisse Stilsicherheit auf, sind aber doch ziemlich gewöhnlich. Abigail war früher eine angesehene Schneiderin und hat schon so manches junges Adelsmädchen eingekleidet und genau das wird sie heute mit Ihnen machen. Sie beide werden gleich in die Innenstadt aufbrechen. Abigail wird Ihnen zum einen die Stadt zeigen und einige wichtige Örtlichkeiten erklären und zum anderen wird sie Ihnen alle Wünsche bezüglich Ihrer Kleidung erfüllen, solang diese nicht zu ausgefallen sind. Das meiste wird sie selbst anfertigen, richten Sie sich also schon einmal darauf ein, Ihre Studien die nächsten Tage regelmäßig für Anproben unterbrechen zu müssen.“ „A..a..aber ich habe doch gar kein Geld. Ich kann mir das alles noch gar nicht leisten.“ stammelte sie äußerst verlegen. Das wiederum irritierte ihn. Ihre Eltern hatten ihr doch sicher Mittel zur Verfügung gestellt, oder etwa nicht? Er musste sich doch noch einmal über sie informieren. Konnte es sein, dass ihr Geschäft so viel schlechter lief, als er erwartet hatte? Sicher, sie lebten in den neuen Nordprovinzen, aber dem Namen nach waren sie aus dem Reich hinzugezogen und keine Skir. Das sollte doch eigentlich heißen, dass die Familie Geld hatte. Aber das Mädchen hatte definitiv Skirzüge. Allein das Haar war eher kastanienrot als braun, vielleicht doch Skirverwandschaft? Das würde die finanzielle Lage erklären. Soweit er wusste, begegneten die Menschen aus den neuen Provinzen, die zum Großteil aus Berg stammten, was früher stark unter Skirpiraten gelitten hatte, den Nordmenschen mit Abscheu. Wenn ihre Mutter oder ihr Vater Skir waren, dann konnte das Geschäft nicht gut laufen. Hieß es dort nicht ‚Kauf nicht bei Skir, wer weiß, wem sie es gestohlen haben!‘ Er würde jedenfalls sein Informantennetzwerk darauf ansetzen müssen. In der Hauptstadt war solcher Rassismus zwar eigentlich kein Problem, aber es war nie verkehrt sich abzusichern. Es würde einige Tage oder Wochen dauern, bis sie die nötigen Informationen hatten, also musste er fürs erste darauf achten, dass er sich nicht im Ton vergriff. Er wollte das Mädchen nicht unnötig beschämen. „Da machen Sie sich mal keine Sorgen drum. Ich werde Ihnen eine volle Garderobe bezahlen und nein, das werde ich nicht von Ihrem Taschengeld abziehen. Betrachten Sie es als Investition in meinen guten Ruf. Ihr Taschengeld dient einzig und allein der Zerstreuung und Erholung. Ich erwarte, dass Sie fleißig lernen und gute Ergebnisse abliefern, nicht, dass Sie zum Eremiten verkommen. Alles was zum Leben notwendig ist, wird von mir gestellt, inklusive Lehrmaterial.“ „Da…danke.“ brachte sie noch hervor und schien völlig in sich zusammen zu sacken. Nach einem kurzen Moment begann sie leise zu schluchzen. „Habe ich etwas falsches gesagt?“, fragte er leicht besorgt und irritiert. „Nein, Magister, es ist nur so, Sie sind so gut zu mir. Allein das, was Sie mir jetzt in Aussicht stellen, ist mehr als ich mir vor einer Woche noch für den Rest meines Lebens erhoffen konnte. Nicht mal mein Bruder, der in viel höherer Gunst bei meinen Eltern steht, hat zur Hochzeit eine ganze neue Ausstattung an Kleidung bekommen – also, und… also auf jeden Fall nicht mit so edlen Stoffen, wie Sie es tragen. Die sind ja magisch gewebt und die Weste ist so kunstvoll bestickt!“, platzte es aus ihr heraus, unterbrochen von einigen Schluchzern und ein bisschen Schniefen. „Und jetzt geben Sie so viel Geld für mich aus und obwohl ich doch sicher allen hier unnötig zur Last falle, sind doch alle so gut zu mir. Das ist alles wie ein viel zu guter Traum…Wahrscheinlich werfen Sie mich eh nächste Woche wieder raus, weil ich was vergesse oder irgendwas doof mache oder weil jemand…“ Sie verstummte, anscheinend überrascht von sich selbst. „Na ja, viel wäre jetzt aus meiner Sicht etwas übertrieben. Kira, ich bin reich, wie Ihnen das Haus vielleicht schon verraten hat. Sie neu einzukleiden, wird in meinen Bilanzen noch nicht einmal auffallen. Umgekehrt würde es aber auf mich zurückfallen, wenn sie zur Akademie oder zu irgendeinem gesellschaftlichen Ereignis gingen und dabei in der Kleidung einer einfachen Kaufmannstocher erscheinen. Ich bin als jüngster Magister seit einigen Jahren berühmt, jeder schaut auf mich und meinen Haushalt, und nicht wenige hoffen, einen kleinen Skandal zu finden, um sich zu profilieren. Es ist also nicht ganz selbstlos, wenn ich Sie nun neu einkleide. Und da ich mir natürlich bewusst bin, dass Sie sich das, was ich mir als standesgemäß vorstelle, nicht leisten können, zahle ich es auch. Andere Lehrmeister würden Ihnen das Geld wahrscheinlich recht drakonisch vom Lehrgeld, das die Gilde vorschreibt, abziehen, aber ich sehe nicht, warum ich das tun sollte. Meine Studienergebnisse haben mich zu einen sehr wohlhabenden Mann gemacht und derartige Kleinlichkeiten habe ich nicht nötig.“ antwortete er ihr. „Und was den Umgang angeht, auch wenn die drei meine Bediensteten sind, so bilden wir hier doch so etwas wie eine kleine Familie und Sie sind nun fürs erste Teil dieser Familie. Ich würde es schwer missbilligen, wenn einer der drei Sie anders behandeln würde, als sie mich behandeln. Aber es gilt auch, dass Sie jetzt das vorletzte Wort und ich das letzte Wort haben. Wenn Sie eine Anweisung erteilen wird dieser Folge geleistet, außer sie widerspricht einer meiner Anweisungen.“ Er wartete, bis sie sich beruhigt hatte und nippte derweil an seinem Tee. William hatte ihn perfekt hinbekommen, genau die richtige Brühdauer, ein Löffel Honig und ein, zwei Tropfen Bergamotteöl, wie er ihn mochte. „Sie bekommen 7 Silbermünzen im Monat als Taschengeld im ersten Lehrjahr. Ich gebe die erste Rate Abigail gleich mit. Und im übrigen werde ich Sie nicht wegen des erstbesten Fehlers rauswerfen. Fehler passieren und gehören zum Lernprozess dazu. So, und jetzt essen sie ordentlich, der Ausflug mit Abigail wird anstrengend genug.“, endete er und griff sich sein angefangenes Brot wieder. Das gerade Gehörte besorgte ihn. Es erschien fast so, als ob die Eltern ihr bewusst keine Mittel zur Verfügung gestellt hatten, so, als wäre sie das schwarze Schaf der Familie. Die Frage war: Wieso? Oder hatte sie Kiras erste Magieerfahrung so erschreckt? Es war schon ein ungwöhnlicher Vorfall gewesen, durch den ihre Fähigkeiten entdeckt worden waren. Zum Glück hatte der Bürgermeister oder irgendjemand anderes mit Weisungsbefugnis richtig gehandelt und die Gilde informiert. Wer weiß, was dem Mädchen sonst passiert wäre. Das Bild der Magie war in den nördlichen Regionen immer noch stark durch das hexendominierte Erbe der Skir geprägt und so wie er gehört hatte, war der Aberglaube immer noch groß, bis hin zu einigen Hexenverfolgungen, die leider nicht immer von der Obrigkeit unterbunden worden waren. Ihre rot-braunen Haare und die grünen Augen ließen sie einer Skir ähnlich sehen, vielleicht war sie selbst sogar angefeindet worden. Konnte es also sein, dass ihre Familie sie verstoßen hatte? Aber nein, so wie es sich eben anhörte, war es etwas anderes. Vielleicht lag es am Aberglauben? Selbst wenn die Eltern ihre Herkunft verbergen konnten, bei Kira würde das seit dem Vorfall nicht mehr gehen. Er musste unbedingt mehr heraus finden, auch um das Mädchen und wichtiger noch sich selbst, zu schützen. Am Schengstag würde er sich wieder mit Titus Tarens, seinem wichtigsten Informanten, treffen. Vorher konnte er nichts weiter tun, als Kira zu beobachten und vorsichtig auf Stichwörter einzugehen. Kiras Verhältnis zu ihrer Familie schien sie sehr zu belasten und er wollte sie deswegen nicht ohne konkreten Anlass zu sehr bedrängen. Also hieß es abwarten. Er beendete sein Frühstück, verabschiedete sich von ihr und wünschte ihr einen schönen Tag.

Abigail holte Kira, die tatsächlich zu Williams Erstaunen fast alles vom Teller aufgegessen hatte, eine halbe Stunde nach dem Frühstück in ihrem Zimmer ab. Die Haushälterin trug nun ein Wollkleid aus einer sehr fein gestrickten Wolle und darüber einen Mantel mit Pelzbesatz und einen dazu passenden Hut. Sie sah so edel aus wie Kiras Mutter an einem Silenz und strahlte dabei mindestens doppelt so viel Vorfreude aus. „Komm, zieh dir rasch deinen Mantel an!“ Sie hielt ihn ihr hin, so dass Kira bequem hineinschlüpfen konnte. „Die Kutsche wartet schon draußen.“ Kira folgte ihr. Die Vorfreude von Abigail färbte ein wenig auf sie ab, auch wenn sie sich gleichzeitig irgendwo zwischen beschämt, schüchtern, neugierig und überfordert fühlte. Sie traten vor das Haus, wo am Tor tatsächlich eine kleine Stadtkutsche wartete. Es schneite schon wieder. Kira holte Luft und versuchte, eine Schneeflocke mit der Zunge zu fangen, wie sie es immer bei Schnee tat. Die Luft war irgendwie… kälter. Schneidener. Das muss am Hochland liegen, schoß es ihr durch den Kopf. Die Luft ist vermutlich trockener, so weit im Landesinneren. Abigail lief zur Kutsche voraus und öffnete ihr die Tür. „Mylady, bitte steigen Sie ein.“ Kira schaute sie ob der neuen Anrede einen Moment verblüfft an, so höflich war sie sonst nur bei der ersten Begrüßung gewesen, doch dann wurde ihr klar, dass der Kutscher natürlich nicht zum Haushalt gehörte, und sie dachte wieder an die Predigt zu ihrem neuen Stand, die Mitras ihr gerade gehalten hatte. Sie nickte Abigail also nur kurz zu und bestieg dann vor ihr die Kutsche, um sich dort möglichst nah an das Fenster zu setzen. Sie war neugierig. Natürlich hatte sie schon einige Teile von Uldum gesehen, als man sie vom Bahnhof zur Akademie geführt hatte, aber das hatte sich auf den Bahnhof, ein paar größere Stadthäuser im Hintergrund und eine prunkvolle Straße mit etlichen Palästen und Parkanlagen beschränkt, die ihr Führer ihr auch nicht weiter erläutert hatte. Den Rest der Zeit hatte sie in der Kutsche gesessen und nichts gesehen. Abigail wechselte einige Sätze mit dem Kutscher und stieg dann zu Kira in die Kutsche, die sich ein wenig ruckelnd in Gang setzte. Die Straße führte weg von den eingezäunten Villen, dann wurde sie ein wenig schmaler und die Bebauung änderte sich: Die Vorgärten und Mauern um die Gebäude verschwanden, nun schmiegte sich Hauswand an Hauswand. Die Häuser waren drei- oder vierstöckig, bei vielen gab es im unteren, etwas höheren Geschoss Werkstätten. Kira sah einen Schmied neben einer Schneiderei, daneben eine kleine Bäckerei, aus der ein verlockender Duft über die Straße zog. Der Kutscher rief laut, um ein paar Kinder zu vertreiben, die vor der Bäckerei spielten – vermutlich auch, um bei Gelegenheit die Kunden um eines der Brötchen anbetteln zu können, dachte Kira, der auffiel, wie schmal und hungrig die kleinen Leiber aussahen. Sie kannte Hunger – der Krieg um die Gebiete nördlich des Olfiat, zu denen auch der Distrikt Burnias gehörte, in dem Bispar lag, war zwar schon seit fast hundert Jahren beigelegt, aber die Winter waren immer noch lang und trotz der guten Marschlande war das fruchtbare Land nicht in jedem Jahr bereit gewesen, für alle genug Korn und Obst zu produzieren. Kiras Eltern waren stets reich genug gewesen, schlimmere Phasen von ihr selbst abzuwenden, aber sie hatte gesehen, dass es anderen nicht immer so gut erging. Die Kinder hier waren nicht völlig am verhungern, aber sie waren arm. Kira spürte, wie ihr eigenes Privileg, ihr Glück, sie überwältigte, und sie dankte allen guten Geistern, die ihr einfielen, für ihre Gabe und die Möglichkeiten, die ihr neuer Lehrmeister ihr bot. Einige der Werkstätten, fiel ihr auf, waren bereits richtige Manufakturen, man konnte Ruß und Dampf aus den Schornsteigen aufsteigen sehen, von den Dampfmaschinen. Einmal musste sie fürchterlich husten, als eine Rußwolke vom Wind über die Straße gedrückt wurde, und auch Abigail fluchte leise, während sie sich bemühte, den Gestank mit ihrem Hut wieder aus der Kutsche zu wedeln. Kira stellte erstaunt fest, dass sie dabei einige Worte einer Sprache benutzte, die sie nicht kannte. Das war nicht Skirdisch, und es klang auch nicht nach Angshire. Ob das Astellianisch war? Woher kannte Abigail die Sprache? Kira selbst kannte Skirdisch natürlich, bis vor 150 Jahren hatte Bispar noch zum nördlichen Reich Skirgard gehört, und auch wenn die Gemeinsprache Rasenna das Skirdische verdrängt hatte, so wurde es doch im gesamten Gebiet noch verwendet – mindestens von den ebenso verhassten wie gefürchteten Resten der Skirbevölkerung, die dort noch lebten. Der größte Teil ihrer Familie, soweit sie ihn zumindest kannte, stammte aus Albion und war erst nach der Erorberung über den Olfiat in die neuen Provinzen gewechselt. Zwar sah sie selber denen, die noch aus Skirzeiten die Region bewohnten, durch ihre roten Haare ähnlich, aber ansonsten hatte sie mit Skir selber nichts zu tun. Zum Glück, wie Kira fand, so auszusehen, war schon schlimm genug. Die Eroberung durch Albion war ihrer Meinung nach eigentlich ein ziemlicher Glücksgriff für die Region – sie war einigen Skirgardern begegnet, und die waren zumeist nicht so kultiviert, sondern eher wild, laut und ungestüm. Allgemein sagte man ihnen nach, sie seien grausame Räuber. Wie Kira selbst am eigenen Leib erfahren hatte, waren die Skir so ziemlich das Lieblingsfeindbild aller Menschen im Norden. Ohne die Herrschaft Albions wäre vermutlich auch etwas wie der Fernbesuch der höheren Schule gar nicht denkbar gewesen, nach allem, was Kira über Skirgard wusste, war das Land nicht so gut organisiert wie Albion, das auf der jahrhunderte alten Tradition des großen Rasenna-Reiches aufbaute, das zuvor beinahe den gesamten Kontinent beherrscht hatte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung an ihre Geschichtsprüfungen zur Geschichte Albions. Auf die glorreichen Nordkriege und welche Vorteile sie den eroberten Provinzen gebracht hatten, hatte ihr Lehrer viel Wert gelegt, und Kira war froh gewesen, dass er dank des Fernunterrichtes sie nicht gesehen hatte, wenn er mal wieder in einer seiner Lehrtexte über die rothaarigen Hexen und die grausamen Schlächter mit den blutroten Bärten herzog. Die Eroberung des Westens des alten Reiches durch die angshirischen Seefahrer aus dem Westen hatten Kira viel mehr interessiert, doch dazu gab es nur wenige Quellen. Bruder Harras hatte dazu gesagt, dass es ja wohl verständlich sei, den Geschichte würden die Sieger schreiben, nicht die Verlierer, und deswegen gäbe es zum Thema der Angshire erst seit neustem in Albion überhaupt Geschichte zu schreiben. Der Gedanke an Bruder Harras ließ Kira ein wenig seufzen, so dass Abigail sie kritisch anschaute und aufhörte, mit dem Hut zu wedeln. „Schau, dort ist der Fluss, der Avens, der unserer ganzen Region den Namen gab. Wir fahren gleich über die Brücke, die dem Zusammenfluss von Avens und Corvio am nächsten ist.“ Sie zeigte nach draußen, wo sich tatsächlich nun der Blick auf eine breite Uferpromenade, auf deren Fahrspur sie links abgebogen waren, und eine fast vier Kutschen breite Brücke öffnete, die in einem hohen Bogen über das grau-gelbe Wasser des breiten Stromes führte. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche. Sie schaute nach rechts, wo von Osten das deutlich blauere Wasser des Corvios heranfloss. Während sie über die Brücke fuhren, beobachtete Kira fasziniert, dass die beiden Gewässer sich gar nicht sofort mischten, sondern, soweit sie es sehen konnte, beinahe nebeneinander her flossen. Allzu rasch passierten sie ein großes Tor in einer Stadtmauer, die den Stadtbereich vor ihnen umgab. „Nun beginnt die Altstadt.“, erklärte Abigail. Die Kutsche fuhr auf einen großen Platz, der an der südlichen Seite von einer sternförmigen Mauer begrenzt war. Zu ihrer Linken, also nördlich, stand eine Reihe von Bäumen, die nun kahl waren und durch ihre auffällige Rinde für Kira leicht als Platanen zu erkennen waren, auch wenn sie solche Bäume noch nie gesehen hatte. Hinter den Bäumen waren die aufwendig verzierten Fassaden von dreigeschossigen Häusern zu erkennen, die zwar an einigen Stellen noch den Schnitt antiker Gebäude aufwiesen, aber eindeutig den modischen Trends der letzten Jahre gefolgt waren und durch aufwendige Restaurierungen mit viel Stuck und Figuren ausgebaut worden waren. Sie bildeten Blöcke, zwischen denen sich verschiedene Straßen und Gassen öffneten – manche schmal, nur für Fußgänger, einige breit genug für eine Kutsche oder sogar zwei. Der Kutscher lenkte das Gefährt zu einem Kutschenparkplatz an der Mauer. Währenddessen öffnete Abigail ihre Börse, zählte einige Silberstücke heraus und reichte sie Kira. „Magister Mitras bat mich, Ihnen Ihr Taschengeld gleich zu geben. Aber für heute stecken Sie es weg, ich habe genug Geld bekommen, um alles zu bezahlen, was Mylady braucht.“ Kira dankte und nahm die Münzen. Sieben Silber war ganz schön viel, fand sie. Sie steckte sie in ihre Börse und versteckte diese sorgältig unterm Mantel. Abigail stand auf, öffnete die Wagentür und reichte Kira die Hand, um ihr beim Aussteigen zu helfen. „Der Kutscher wird hier auf uns warten. Wir werden erstmal zu Peeks gehen, die haben ganz schöne Kleider fürs Haus, auch mal was gemütliches, und Mylady kann eines gleich anbehalten, sie sehen auch gut genug für die Stadt aus.“ Kira nickte und ließ sich von Abigail in eine der Gassen führen. Schon nach einigen Metern blieben sie vor einem Haus mit großen Schaufenstern stehen. An zwei Schaufensterpuppen waren ein rotbraunes und ein gelbes Kleid ausgestellt, das Fenster war zudem geschmackvoll mit Laub und einigen großen Ästen geschmückt. „Ts!“, sagte Abigail, „Sie haben die Winterkollektion noch nicht ausgestellt, mal sehen, vielleicht bekommen wir einige Herbstmodelle günstiger, die stehen Ihrer Haarfarbe besser als das Winter-Blau, das jedes Jahr so überraschend wieder ganz aktuell ist.“ Sie zog die Vokale bei „überraschend“ und „ganz“ überdeutlich in die Länge, und Kira musste trotz des konstanten Gefühles von Überforderung lächeln. In Bispar war man froh, wenn man Sommer- und Winterkleidung hatte, spezielle Kollektionen gab es nicht, auch wenn Kira durchaus in Zeitungen davon gelesen hatte. Dass Abigail den Rummel um spezielle Kollektionen für etwas albern hielt, fand sie erholsam in all den Regeln, Schickschnack und Pomp, die die Hauptstadt wohl prägten. Sie folgte ihrer Füherin in den Laden. Beim Eintreten klingelte eine kleine Glocke, und sie hörten eine weibliche Stimme rufen: „Ich bin gleich da!“ Kira schaute sich um. Auf Kleiderstangen hingen verschiedene Kleider an den Wänden, und in der Mitte des Raumes stand eine Gruppe von lebensgroßen Puppen zusammen, die offenbar schon winterliche Mode trugen: Die Farben war dunkel und bläulich. Kira gefiel eines der Kleider, weil es aus zwei Stoffen bestand: Unter einem fast transparenten, hellblauen Stoff, in den kleine Sterne oder Blüten gestickt waren, lag ein dunkler, etwas schimmernder, fester Stoff. Unter der Brust wurden beide mit einer goldenen Bordüre zusammengehalten, die sich auch an den langen Ärmeln wiederfand und mit einem Muster aus Halbmonden bestickt war. Abigail folgte ihrem Blick und schnalzte leicht mit der Zunge. „Sie haben Geschmack, Mylady. Das ist wirklich ein schönes Kleid, wie eine klare Nacht voller Sterne.“ Kira nickte. „Glauben Sie, es steht mir?“ Abigail lächelte und nickte der Frau mittleren Alters zu, die gerade die Treppe von oben herab in den Laden kam. „Das werden wir sehen. Guten Tag, Frau Peek! Wir suchen eine neue Gaderobe für diese Lady. Können wir mit dem Kleid hier beginnen?“ Frau Peek, offenbar die Ladenbesitzerin, starrte Kira kurz an, nickte dann eifrig und begann sofort, die Schnüre des Kleides zu lösen. „Wir haben dort hinten einen Bereich zum Umziehen, da können Sie den Mantel ablegen und die Kleidung wechseln. Brauchen Sie noch eine Gehilfin zum Umziehen?“ Kira schüttelte den Kopf. Einige der Kleider im Laden waren in der Taille aufwendig geschnürt, aber mit Abigails Hilfe würde sie sie sicher anziehen können. Immerhin müsste sie diese später ja auch alleine anziehen können, dachte sie, und fragte sich, ob sich adelige Mädchen denn je sebst anziehen. Sie ging zum Umkleidebereich und zog Mantel, Schuhe und ihr schlichtes grünes Kleid aus. Als sie ihre Haare aus dem Ausschnitt schob, dachte sie kurz an den Blick der Verkäuferin. Sie hatte auf ihre Haare geschaut. Alle schauten immer erst auf ihre Haare. Vielleicht sollte sie sie mal wieder färben, überlegte sie. Abigail brachte ihr das neue Kleid, und Kira schlüpfte hinein. Es war offenbar ein wenig zu groß und schliff unten auf dem Boden, auch an der Brust musste sie etwas festhalten, damit es nicht rutschte. Abigail trat prüfend einige Schritte zurück und nickte wohlwollend. „Ja, das steht Mylady. Ich muss es nur ein wenig anpassen. Schauen Sie hier!“ Sie zog den Vorhang des Umkleidebereiches ein wenig zur Seite und zeigte auf einen bodentiefen Spiegel, der dort an der Wand stand. Kira machte vorsichtig einige Schritte darauf zu und bewunderte dann im Spiegel, wie die Sterne des Stoffes bei jeder Bewegung leicht über den Stoff dahinter glitten. „Es ist wunderschön!“, hauchte sie. „Na, dann nehmen wir es. Eine schöne Kette dazu und ein passender Hut, dann kann man damit sogar abends Gäste empfangen, auch wenn der Schnitt nicht ganz dem neusten Stil entspricht. Ziehen Sie es aber wieder aus, ich schaue mal nach einigen mit ähnlichem Schnitt, die etwas kleiner sind. Die neumodischen Sachen sind eher unbequem, habe ich gehört.“ Kira tat, wie geheißen, und Abigail brachte nach einem kurzen Austausch mit der Ladenbesitzerin weitere Kleider, die sie nach und nach anprobierte. Sie fanden ein burgunderfarbenes, dass eine ähnliche goldene Bordüre hatte und bereits die richtige Länge und Größe besaß, außerdem zwei grünliche, die eng am Oberkörper geschnürt werden konnten, aber kein Korsett hatten, so dass sie die Bewegungen nicht stark einengten. Die Röcke dazu waren dafür umso weiter, sie bauschten sich geradezu auf, besonders hinten. „Das betont die wundervolle weibliche Figur!“, warb die Verkäuferin. „Ist diesen Sommer erst in Mode gekommen, und wir haben es hier der Bequemlichkeit wegen ohne die Stahlringe umgesetzt, dann kann man auch noch einen Kunden gut bedienen.“ Sie zwinkerte und drehte sich elegant, um ihren eigenen Rock zu zeigen, der ähnlich geschnitten war, allerdings aus einem etwas schlichteren Stoff bestand. Abigail rümpfte ein wenig die Nase. „Mylady kann sicher einige bequeme Sachen gebrauchen, aber sie wird keine Kunden bedienen. Ihr solltet da besser nichts verwechseln.“ Die Verkäuferin zuckte leicht zusammen und schaute kurz zu Kira, die ob der harschen Worte von Agigail rot anlief, aber in Erinnerung an die Standpauke von Mitras schwieg. „Verzeihung, Mylady. Das war natürlich nicht so gemeint.“, entschuldigte sich die Handwerkerin. Kira nickte ihr zu und hoffte innerlich, dabei einigermaßen vornehm auszusehen. Bei einem der beiden grünen Kleider war die Brust mit Rüschen verziert, die andere hatte – sehr elegant, wie Abigail feststellte – eine doppelte Reihe von Knöpfen aus dem Horn von Zirgas, die im Gebirge Sitair westlich von Uldum lebten und als besonders selten galten. Die Verkäuferin betonte außerdem, seit dem Eingriff von Abigail noch deutlich förmlicher, dass die Farbe des Kleides hervorragend mit Kiras Haaren harmoniere, die Farben brächten dieses „seltene, überausschöne Rot“ gut zur Geltung. Kira fragte sich, ob sie das ernst meinte, oder sich über sie lustig machte, doch nichts in ihrer Stimme ließ vermuten, dass sie die Haare nicht tatsächlich schön fände, was Kira verwunderte. Frau Peek empfahl, im Nachbargeschäft Clopenbarg vorbeizusehen, man hätte sich den Stoff damals geteilt und es gäbe deswegen dort passende Fächer und Hüte. Abigail nickte dazu. „Ja, das hatten wir vor. Wir nehmen alle vier.“, entschied sie, nachdem sie scheinbar Kira mit einem Blick um ihre Meinung gefragt hatte. In Wirklichkeit hatte Kira nicht das Gefühl, hier viel zu entscheiden, und sie wusste nicht, wie sie sich zwischen Freude, Unglauben und Scham ob ihres unverschämten Glückes entscheiden sollte. Die Kleider waren wunderschön, fand sie. Die beiden grünen betonten sogar ihre Brust ganz hervorragend. Kira drehte sich mit dem geknöpften Kleid – eigentlich war es ein Dreiteiler aus Rock, Bluse und Jacket – etliche Male vor dem Spiegel und bewunderte den feinen Stoff zwischen ihren Händen und die vorteilhafte Form, in die es Taille und Brust brachte. Sie sah wirklich erwachsen darin aus. Und auf keinen Fall wie jemand aus der hinterletzten Provinz. Eine elegante Dame. Der taillenbetonten Schnitt, erklärte ihr Abigail später, war erst vor wenigen Jahren wieder aufgekommen, zuvor trug man auch in Uldum nur die unter Brust geschnürten und gerade nach unten fallenden Kleider wie das Sternenkleid, die das Augenmerk mehr nach oben auf die im Sommer sogar manchmal freiliegenden Schultern lenkten und die auch in Lührenburg und Bispar zu festlichen Anlässen verbreitet waren. Während Kira sich noch selbst bewunderte, hatte Abigail längst die Modalitäten von Zahlung und Lieferung geklärt und die Handwerkerin verabschiedete sich mit einer deutlich tieferen Verbeugung als bei der Begrüßung von Kira. Das geknöpfte Kleid, so Abigails Entscheidung, behielt Kira gleich an. Tatsächlich war das eine sehr schlaue Entscheidung, denn bei Clopenbargs, die wirklich nur zwei Häuser weiter ihren Verkaufsladen hatten, fanden sie wie angekündigt dazu passende Handschuhe, zwei Fächer, einen Muff und jeweils einen Hut mit passenden Bändern, wobei einer der Hüte und der Muff innen mit zartem, weichen, weißen Fuchsfell gefüttert war, was Kira sehr bedauern ließ, dass sie das dazu passende Kleid mit den Sternen nicht jetzt gleich tragen konnte. In einem kurzen Moment, als der Verkäufer gerade ins Hinterzimmer ging, fragte Kira Abigail zweifelnd, ob denn vier Hüte nicht zu viel seien, doch Abigail wischte ihre Bedenken mit einem geflüsterten „Kindchen, genieß doch einfach! Wir waren ja noch nicht mal beim richtigen Stoffladen.“ beiseite, und setzte ihr dann einen der Hüte auf, der mit goldenen und grünen Bändern unter dem Kinn geknotet wurde.
Dort gingen sie allerdings danach hin. Abigail führte sie durch einige Gassen zu einer uralten Mauer, die sich quer durch die Stadt zog und sogar die etwas höheren Häuser überragte. Die Häuser wichen hier zurück und gaben den Blick frei auf einen hübschen Platz mit einer kleinen Parkwiese zur Rechten und einem aufwendig verzierter Torbogen. „Das ist die alte Stadtmauer. Es gibt drei Tore nach Norden hin. Westlich liegt das Westtor. Dies hier ist das Nordtor, das andere heißt Bibliothekstor, weil die große Bibliothek von Uldum direkt daneben liegt.“, erklärte Abigail. „Eine Bibliothek? Kann dort jeder hinein?“ Abigail schüttelte den Kopf. „Nein, man muss einen Ausweis beantragen. Aber wenn du möchtest, können wir später dorthin gehen und ich bürge für dich. Ich habe ein Siegel von Magister Mitras immer bei mir, das hilft, sich Ärger vom Hals zu halten und wird dir auch leicht eine Berechtigung für einen Ausweis gewähren.“ Sie sprach leise, so dass die familiäre Ansprache nicht auffiel. Kira bewunderte, wie schnell Abigail zwischen der resoluten, aber absolut auf ständische Korrektheit bedachten Bediensteten und der warmherzigen Freundin und Mutter wechseln konnte. Sie folgte ihr die Straße entlang. Die Häuser dieses Teils der Stadt sahen anders aus, auch wenn sie immer noch zu Blöcken zusammengeschlossen waren: Die meisten hatten nun vier Geschosse, die Fassaden waren weniger aufwendig verziert und an einigen Stellen sah man den Gebäuden ihr Alter deutlicher an. Plötzlich öffnete sich die Straße und sie betraten einen großen, rechteckigen Platz, auf dem nun zur Mittagszeit ein reges Treiben herrschte. An einigen Ständen in der Mitte des Platzes konnte man kleine Leckereien und Getränke kaufen, und die Händler hatten Tische und Stühle zu kleinen Sitzgruppen unter großen Schirmen arrangiert. Kutschen standen an verschiedenen Ständen bereit. Kira spürte, dass sie eigentlich schon wieder Hunger hatte, doch Abigail zog sie in einen Kontor an der Kante des Platzes. Anders als in den Läden, in denen sie zuvor waren, handelte es sich hier mehr um eine große Lagerhalle, in der Ballen um Ballen Stoffe, Teppiche und Felle aufgetürmt lagen. Als der dicke Mann, der gerade an einem Tresen im Hintergrund etwas schrieb, die beiden bemerkte, ging ein Strahlen über sein Gesicht. Er wieselte eifrig auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, und rief: „Abigail! Mein Mädchen! Endlich kommst du mal wieder!“ Abigail lachte ihn freundlich an, wehrte aber die angedeutete Umarmung ebenso elegant wie bestimmt ab. „Matthes, natürlich komme ich wieder, was hast du erwartet?“ Sie trat einen Schritt zur Seite, so dass er Kira sehen konnte. „Darf ich dir meine neue Lady, Kira Silva, Discipula von Magister Mitras, vorstellen?“ „Madame, eine Ehre, eine Ehre!“ Der Mann verbeugte sich tiefer und mit mehr Gelenkigkeit, als Kira ihm bei seiner Leibesfülle zugetraut hätte, blinzelte ihr dabei aber auch zutraulich zu. Kira musste unweigerlich lachen, so witzig sah er dabei aus, und so ließ sie es auch zu, dass er ihre Hand ergriff und einen angedeuteten Kuss darauf hauchte. „Wie kann ich euch dienen, Mylady?“, sagte er, eindeutig zu höflich und ihren Stand durch das Pronomen erhöhend. „Ich werde endlich mal wieder nähen können. Wir brauchen also Stoffe – für zwei Abendkleider, einen Mantel, eine Jacke und, naja, vielleicht noch ein oder zwei Alltagskleider. Und natürlich Stoffe für zwei Magierroben, und Silberfaden, wenn du hast.“, sagte Abigail an Kiras Stelle. Kira blickte sie erstaunt an. Bei allen Geistern. Sie rechnete kurz nach. Acht neue Kleider? Plus Mantel und Jacke? Plus Magierroben? Und dann auch noch Accessoires? Das war fast genauso viel, wie die Tochter des Bürgermeisters von Lohwingen, die wirklich viel für Kleider ausgab, als Mitgift in die Ehe mitgebracht hatte! Kira spürte, dass ihre Wangen schon wieder rot wurden. Sie hatte in den letzten zwei Jahren insgesamt zwei neue Kleider bekommen, und dass auch nur, weil Adrian ihrer Mutter eine Weile in den Ohren gelegen hatte, dass seine Lieblingsschwester unmöglich in immer ein und denselbem Kleid zu den Prüfungen in Lührenburg reisen konnte. Kira schmunzelte bei der Erinnerung. Adrian kannte ihre Mutter nur zu gut, was die anderen dachten, war ihr wichtig. Er hatte gewusst, dass sie dieses eine Winterkleid gerne gehabt hätte, also hatte er ihre Mutter zum richtigen Zeitpunkt mit dem Hinweis auf Lührenburg gnädig gestimmt, damit Kira sich genau dieses Kleid aussuchen konnte, obwohl es 25 Silber gekostet hatte. Ein warmes Gefühl von Liebe für ihren älteren Bruder durchflutete Kira. Sobald es ihr möglich war, würde sie ihm einen Brief schreiben, beschloss sie, und am besten auch etwas aus der Hauptstadt beilegen, vielleicht eine von den edlen Fliegen, die sie eben bei Clopenbargs gesehen hatte. Sie hatte allerdings auch das Preisschild gesehen, also würde der Brief wohl noch eine Weile warten müssen, denn 10 Silber waren mehr, als sie in einem Monat als Lehrgeld bekam. Vermutlich war es mehr, als ihr Bruder in einer Woche verdiente. Und sie hatte gedacht, die sieben Silber seien viel! Aber nächsten Monat würde sie genug haben, denn eigentlich musste sie sich ja nichts kaufen, sie bekam ja alles, und bis dahin würde sie auch einiges berichten können. Und wissen, ob es wirklich nicht alles nur ein Traum war. Abigail war, während Kira in Erinnerungen versunken war, schon mit Matthes weiter im Kontor verschwunden und diskutierte nun mit ihm über einer Zeitschrift, in der er ihr wohl einige Modelle von Kleidern zeigte, wie viel von einem violetten, samtigen Stoff, vor dem sie gerade standen, man wohl für die Ärmel brauchen konnte. Kira schlenderte zu ihnen herüber und schaute neugierig auf das Heft. „Ah, Mylady, setzt euch doch dort drüben hin und schaut in die Magazine. Wenn euch etwas gefällt, wird unsere beste Abby es Ihnen bestimmt anfertigen können. Vielleicht findet ihr ja sogar etwas, dass zu eurer prächtigen Haarfarbe passt.“ Mit diesem Worten deutete der Händler auf eine kleine Sitzecke im hinteren Teil des Raumes. „Wirklich, Abby, wenn du noch schneidern würdest, müsstest du sie als Model nehmen. So eine seltene Farbe!“ Kira wurde etwas rot ob des nun zweiten Lobes für ihre von ihr so ungeliebte Haarfarbe und schaute zu Abigail, die Matthes spielerisch in die Seite knuffte, als er Kira als Model anpries, nun aber sie anschaute und  zustimmend nickte. Also ging Kira zur Sitzecke. Hinter ihr pfiff Matthes laut, woraufhin ein etwa 11jähriger Junge in der hinteren Tür auftauchte. „Mat, bring der Dame etwas Tee und Gebäck.“ Der Junge nickte, wendete sich um und kehrte nach eine Weile mit einem Tablett, auf dem eine dampfende Tasse und verschiedene Kekse lagen, zur Sitzecke zurück. Er reichte es ihr mit einer gelenkigen und merkbar geübten Verbeugung, ehe er sich wieder zurückzog. Dankbar nippte Kira am Tee und blätterte in den Magazinen, die auf dem Tischen lagen. Es handelte sich offenbar um Modezeitschriften, in denen verschiedene Modelle von Kleidern beworben wurde. Eines hatte sogar Fotos von echten Modellen statt Zeichnungen. Kira betrachtete die Fotos interessiert. Sie hatte gehört, dass man für diese Bildaufnahme lange still sitzen oder stehen musste. Tatsächlich wirkten die Frauen auch etwas steif auf den Bildern, aber das konnte auch an den aufwendigen, mehrlagigen Ballkleidern mit ausladenen Röcken liegen, die sie trugen. Bei einigen waren auch die Krägen so steif aufgerichtet, bis hin zu großen Bögen im Nacken, dass Kira überlegte, ob sie nicht vielleicht immer so steif stehen bleiben mussten, wie die Bilder es zeigten. Sie sahen auch steif auf den gezeichneten Bildern aus. Ob die Bilder magisch gezeichnet waren? Kira hatte gehört, dass es Magier gab, die Farben auf einem Blatt magisch verändern konnten, so dass sich genau das Bild ergab, dass sie im Kopf hatten. Die Fotografie war wohl ein Versuch, diese teure magische Malerei nachzuahmen. Es gab auch wirklich schöne Kleider. Eine ganze Weile bewunderte sie ein Modell auf einer der Farbzeichnungen mit schwarzem und rotem Stoff, bei dem die Raffungen durch kunstvolle Rosen aus Stoff gehalten wurden. Das Oberteil lag wie das, das sie gerade trug, eng an, ließ aber Schultern und Dekolleté frei. Die Frau auf der Zeichnung hatte auf jeden Fall dadurch eine sehr schmale, deutlich betonte Taille, was Kira gefiel. Es sah edel aus, fand sie. Sie trug auch eine passende Kette und Ohrringe, die wie winzige Rosen aussahen, und das Rosenmotiv fand sich auch auf dem Stoff der Ärmel und, wenn sie das Bild richtig deutete, auf einigen Bahnen des Oberteils wieder. Abigail, die ihre Diskussionen über das erste Kleid wohl abgeschlossen hatte, schaute über Kiras Schulter und räusperte sich. „Gefällt Ihnen das, Mylady?“ „Ja, ich mag Blumen.“, antwortete Kira. „Und diese schmale Taille ist vermutlich ziemlich unbequem, aber sieht wirklich gut aus, oder?“ Abigail dachte einen Moment nach. „Ja, das könnte man mit einem Korsett machen. Ihr Körperbau passt auch dazu, Sie haben genug Hüften und schon von Natur aus eine schmale Taille und schöne Brüste, da wird man sogar ohne viel Hinterstopfen eine gute Silouette formen können.“ Sie rieb sich begeistert die Hände. „Da hinten gab es einen Stoff, der dazu passen könnte. Wartet hier, ihr werdet das Ergebnis mögen.“ Kira nickte. Sie würde alles mögen. Sie liebte es jetzt schon. Und sie würde es mit Stolz tragen, wie eine richtige Prinzessin. Oder eine richtige Magierin, schoß es ihr durch den Kopf. Sie würde auf Bälle gehen können, mit so einem Kleid. Oha. Sie würde die ganzen Regeln für so etwas lernen müssen, wurde ihr bewusst. Wenn schon Einkaufen sie überforderte, dann würde es ein Besuch in den höheren Kreisen der Gesellschaft erst recht. Sie aß die Kekse auf und beobachtete, wie Abigail und Matthes nach und nach durch den Raum wanderten und Matthes dabei Abigails Bestellungen aufnahm. Eigentlich war es ziemlich gemütlich hier, und das Murmeln von Matthes, Abigail und einigen anderen Kunden und einer weiteren  Händlerin, die diese bediente, war eine angenehme Kulisse. Kira spürte, wie die Anspannung des Morgens von ihr abfiel, und sie fast ein wenig dösig wurde, während die Zeit verstrich. Diese Bibliothek, die Abigail erwähnt hatte, interessierte sie. Vermutlich würde es dort ein Buch über die Regeln in Adelshäusern und zum Umgang mit Magiern geben. Nochmal eine Standpauke von Mitras wollte sie auf keinen Fall riskieren. Schon gar nicht, nachdem er ihr gerade so großzügig neue Kleider und anderes bezahlte. Sie legte den Kopf nach hinten in den Sessel und schloss die Augen, ohne jedoch ganz einzuschlafen.

Etliche Zeit später kehrte Abigail munter schwatzend mit Matthes zu ihr zurück. Sie unterhielten sich über die Prüfungen zur Akademie der Elementarmagier, die wohl vor kurzem gewesen war und über die es einen langen Bericht in der Zeitung gegeben hatte, wie Kira aus dem Gespräch vermutete. Anscheinend war ein junges Mädchen dadurch aufgefallen, dass ihr Gesicht trotz offenbar versuchten Heilzaubern von hässlichen Brandnarben gezeichnet war, sie aber dann einen besonders guten Eiszauber gezeigt hatte. „Na, verbrennen tun die sich doch alle mal!“, sagte Matthes leicht abfällig. „Die Magier, die sind ein besonderes Volk. Die schützen uns, ja, und ist ja auch praktisch, aber in der Nähe sein will man bei so einem Elementarzauber ja nun nicht.“ Er senkte die Stimme und blickte kurz zu Kira hin, als wolle er nicht, dass sie ihn verstände: „Und bei anderen auch nicht unbedingt. Wie hälst du das nur immer aus, Abby?“ Kira schaute beschämt zu Boden. Gespräche auch aus einiger Entfernung verstehen zu können, war eine durchaus praktische Sache, aber manchmal wünschte sie sich wirklich, sie würde nicht jedes Mal hinschauen. Magier waren notwendig. Und böse. Die Unsicherheit und Angst, mit der der Händler sie kurz gemustert hatte, kannte Kira. So schauten die Dorfbewohner von Bispar auch den Magier an, der in Lührenburg den Bezirksrat beriet. Und noch viel mehr hatten sie sie so angeschaut, als sie nach dem Unfall mit dem Magier das Dorf verlassen hatte. Abigail zischte etwas, was Kira nicht verstand, da sie nicht hinschaute, und trat dann auf sie zu. „Mylady, wir sind hier fertig. Wünscht ihr noch etwas von der Stadt zu sehen?“, fragte sie freundlich und beugte sich dabei zu ihr. Kira nahm sich innerlich zusammen. Mit der Furcht würde sie sich wohl anfreunden müssen. Es gab auch Menschen wie Abigail, William oder Tobey, rief sie sich in Erinnerung. Sie blickte zu Abigail hinauf: „Die Bibliothek?“ „Achja!“ Abigail schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Ja, natürlich. Da führe ich d… Sie gleich hin. Kommen Sie!“ Sie hielt ihr die Hand hin, und Kira ergriff sie, um aufzustehen, und hakte sich dann beim angebotenen Arm unter, was aufgrund der Tatsache, dass die Haushälterin etwas kleiner und deutlich rundlicher als Kira war, ein wenig seltsam aussehen mochte. Kira jedoch spürte, dass die weiche Wärme, die Abigail ausstrahlte, und die warme Hand, die sie ihr auch auf den Arm legte, ihr Unwohlsein vertrieben. Sie überlegte, was sie wohl einer Haushälterin schenken oder geben dürfte, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Draußen auf dem Platz schien die Sonne schon zwischen den Häuserdächern hervor und tauchte die verschneiten Dächer in glitzeriges, goldenes Licht. Die Gaslaternen waren noch aus, aber das tiefe Sonnenlicht brach sich in den Kristallgläsern und brachte auch sie zum Funkeln. Kira staunte, dass die Stadt, die ihr zuvor so eng und dreckig vorgekommen war, so hübsch aussehen konnte. Abigail führte sie über den Platz. „Das ist sie schon, die berühmte Bibliothek!“ Sie deutete auf ein Gebäude, dass eindeutig aus der Rasenna-Zeit stammte, mit wuchtigen Marmorsäulen vor einer fensterlosen Wand, die die umliegenden Gebäude um mindestens ein Stockwerk überragte. „Der Eingang ist um die Ecke.“ Sie gingen um die Ecke des Gebäudes in eine etwas breitere Gasse, die vom Platz wegführte. Der Eingang der Bibliothek war ebenfalls von Säulen eingefasst, mit einer auffälligen Treppe. An den Wänden sah Kira Reliefs, die offenbar Eroberungen und Kriegszüge des Reiches darstellten. Angesichts der Detailtiefe waren sie vermutlich magisch graviert worden. Abigail führte sie durch das breite Eingangstor und wandte sich dann gleich nach rechts, wo eine Angestellte an einem kleinen Tresen saß. Kira brauchte einen Moment, ihre Augen an das Dunkel zu gewöhnen, doch dann sah sie, dass der kleine Eingangsbereich sich durch einen Gang nach hinten hin zu einem scheinbar riesigen Büchersaal öffnete. Abigail trat an den Tresen heran und grüßte die Frau mit einem höflichen Knicks. „Wir würden gern ein neues Bibliothekskonto für meine Herrin eröffnen lassen.“ Die Bibliothekarin musterte Kira und grüßte sie dann mit einem knappen Nicken. „Das ist möglich. Name?“ „Kira Silva.“, sagte Kira. Die Frau schrieb den Namen in ein Buch. „Wer bürgt für Sie?“ „Magister Mitras di Venaris.“, sagte Abigail und holte dabei aus ihrem Geldbeutel ein kleines Siegel, dass sie vor die Bibliothekarin legte. Die Frau zog kurz die Augenbrauen hoch und schaute nocheinmal genau auf Kira, ehe sie Mitras Namen in eine zweite Spalte eintrug. Sie nahm ein Plättchen aus Holz und schrieb dort ebenfalls Kiras Namen auf. Dann winkte sie Kira mit einer Handbewegung zu sich. „Würden Sie hier bitte unterschreiben?“ Kira nahm die Feder und unterschrieb auf dem Kärtchen im vorgesehenen Feld. „Die Bibliothek ist jeden Tag von 8 bis 22 Uhr geöffnet. Sie können jederzeit zum Lesen kommen. Möchten Sie ein Buch ausleihen, bringen Sie es hier nach vorne, dann wird es auf Ihren Namen eingetragen. Bücher mit einem roten Stern am Einband dürfen nicht ausgeliehen werden. Nach vier Wochen müssen Sie jedes Buch zurück bringen, ansonsten werden Ihnen ein Silber pro Buch und Woche als Strafe berechnet, bis Sie den Kaufpreis des Buches abbezahlt haben.“, rasselte die Frau die Regeln herunter. Kira nickte. „Sie finden dort vorne eine Übersicht, welche Bücher wo stehen. Bitte stellen Sie ein Buch immer an den vorgesehenen Platz zurück. Sie dürfen in der Bibliothek nicht zaubern, nicht rauchen, nicht essen, nicht trinken. Wenn Sie ein Buch wieder abgeben wollen, geben Sie es uns hier am Tresen ab, wir räumen es dann nach einer Zustandsprüfung weg. Sollten Sie ein Buch beschädigen, müssen Sie dafür vollständig aufkommen. Wenn Sie ein bestimmtes Buch suchen, fragen Sie die Fachkräfte, die sich überall in der Bibliothek aufhalten. Sie erkennen sie an unserer Uniform.“ Kira nickte und linste ungeduldig in Richtung der Übersichtstafel. Die Frau blickte sie über die Ränder ihrer Brille streng an, doch dann stahl sich ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Viel Spaß!“, endete sie ihre Rede. „Danke sehr!“ Kira strahlte sie an, nahm das ihr hingereichte Plättchen und ging so rasch, dass es gerade eben noch elegant aussah, zu der Tafel. Abigail winkte ihr zu und rief: „Mylady, wenn Sie erlauben, gehe ich kurz noch auf den Marktplatz. Ich hole Sie gleich wieder hier ab.“ Kira winkte ihr zustimmend zu, schon halb zur Tafel gewandt. Magie für Magische und Nichtmagische – hinten links. Sachbücher Wissenschaft – davor. Sachbücher Kultur – in der Mitte. Der rechte Bereich war in verschiedene literarische Genres aufgeteilt, doch das interessierte Kira gerade nicht so sehr. Sie trat durch den kurzen Gang in die Halle hinein und sah, dass es links und rechts auch noch Treppenaufgänge gab, die allerdings abgesperrt waren. Vermutlich gab es oben Lesesäle und weitere, spezielle Abteilungen, in die man nur mit Einladung gehen konnte. An den Regalen vor ihr waren Schilder anbegracht, die verrieten, dass die Sachbücher zum Thema Kultur in verschiedene Themengebiete aufgeteilt waren, wie Theater, Musik, Literaturtheorie, Philospophie, Lebenskunst, Ehe und Haushalt, und – das war wohl der Bereich, den sie gerade suchte – Etikette. Sie schmunzelte ein wenig über ihre eigene Naivität, gedacht zu haben, es gäbe EIN Buch zu diesem Thema. Tatsächlich gab es wohl einen ganzen Bereich! Sie betrachtete das entsprechende Regal ein wenig hilflos. Welches der Bücher eigenete sich wohl als Einstieg? „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte eine sanfte, männliche Stimme plötzlich leise neben ihr. Kira schrak zusammen. Neben ihr stand ein junger Mann, vermutlich nur wenig älter als sie. Er trug die blau-weiße Uniform der Bibliothek, hatte braune Augen, seine schulterlangen, blonden Haare waren zu einem Zopf zusammengefasst und er trug einen kurzen, sorgfältig gepflegten Bart, der sein hübsches Gesicht angenehm umrahmte. „Äh, ja. Tatsächlich… also… ich suche ein Einstiegswerk über die Regeln der Etikette im Adelsstand und … äh… bei Magiern. Also, was man so beachten und wissen muss…“ Der junge Mann schaute sie neugierig, aber eindeutig freundlich an. „Sie sind eine neue Schülerin, aber bisher nicht adelig?“ Kira nickte und spürte, dass sie schon wieder rot wurde. Innerlich verfluchte sie, dass ihre Gesichtsfarbe ihren Gemütszustand immer so einfach verriet. „Ah, keine Sorge, da gibt es ein ganz hervorragendes Buch seit einigen Jahren, der Autor ist Niggel. Antonius Niggel. Warten Sie…“ Er trat ein wenig auf sie zu, und sie wich zurück, so dass er das Regal absuchen konnte und nach kurzem Suchen ein Buch in einem grünen Einband aus einer Reihe gleich aussehender Bücher zog. „Wir haben davon mehrere Exemplare angeschafft, Sie können es vorne gleich als Langzeitausleihe eintragen lassen und es dann bis zu ihrer Eingangsprüfung behalten.“ Kira lächelte ihn ein wenig scheu an. „Ist das so gefragt?“ „Nein, naja, also, es gibt jedes Jahr vielleicht eine Handvoll Schülerinnen oder Schüler wie Sie. Machen Sie sich keine Sorgen, die Regeln wirken komplex, aber wenn man erstmal drin ist, schwimmt es sich auch in adligen Gewässern wie in normalem Wasser.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich bin in einer Familie mit lauter Magiern aufgewachsen, und glauben Sie mir, die kochen auch nur mit Wasser.“ Kira kicherte. „Ich bin Kira Silva.“, stellte sie sich vor. „Danke für die netten Worte, ich fühle mich schon gleich etwas besser.“ Der junge Mann lächelte sie breit an. „Sebastian di Ferrus, sehr angenehm. Ich freue mich, einer so schönen Dame behilflich sein zu dürfen.“ Kira spürte, wie sich die Röte wieder in ihrem Gesicht ausbreitete. „Danke.“ Sie schaute verlegen den Gang hinab. „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas suchen. Ich bin immer uldums- bis schengtags ab Mittags hier.“ Mit einer kleinen Verbeugung verabschiedete er sich und verschwand zwischen den Regalen. Kira sah ihm einen Moment lang nach. Seine fröhliche, offene Art erinnerte sie an Adrian, und sie überlegte sich, ob sie nicht vielleicht wirklich an einem der drei genannten Tage ihre Studien an einen der Tische, die an der hinteren Seite des Saales standen, verlegen sollte, um ab und zu ein Wort mit ihm wechseln zu können. Ob er magisch begabt war? Aber dann würde er nicht als Bibliothekar arbeiten, oder? Nachdenklich betrachtete Kira das Buch in ihren Händen und ging dann nach vorne, um es sich eintragen zu lassen. Die Bibliothekarin, die ihr den Ausweis gegeben hatte, trug es in ein großes Buch ein und erklärte ihr, dass diese Art von Büchern tatsächlich als Langzeitausleihe möglich seien. Sie müsse nur ein Datum nennen, zu der sie es zurückbringen würde. Kira überlegte. Einmal im Jahr wurden die Akademieanwärter geprüft. Wann würde wohl ihre Prüfung sein? „Wissen Sie, wann die Prüfung der Akademie für Verwandlungsmagie nächstes Jahr sein wird?“ Die Bibliothekarin überlegte. „Hmm, dieses Jahr war es am 5. Laetar, nächstes Jahr wird es auch irgendwann dann sein, aber genau weiß ich es nicht.“ Kira nickte. „Dann bringe ich es zum 30. Samhain zurück.“ Die Frau schrieb das Datum in ihr Buch und auf einen kleinen Zettel, den sie in das Buch legte, ehe sie es Kira zurückgab. „Ja, das passt. Viel Erfolg beim Lernen!“ „Danke!“ Kira wandte sich um und sah Abigail, die gerade durch die Tür wieder herein trat. Gemeinsam gingen sie durch das zweite Tor in die Altstadt und dann zur Kutsche zurück, während um sie herum langsam die Dämmerung einsetzte und die Gaslaternen anfingen zu leuchten. Kira merkte, dass sie müde war, obwohl sie ja eigentlich die meiste Zeit kaum etwas getan hatte, außer sich An- und Auszuziehen und Herumzusitzen. Bei der Kutsche angekommen, mussten sie zunächst einige Pakete und Tüten anrangieren, die von Peeks und Clopenbargs wohl dorthin geliefert worden waren. Kira linste in eine der Tüten und freute sich, als sie den Sternenstoff des Winterkleides entdeckte. Sie setze sich vorsichtig hin und lehnte den Kopf erschöpft an die Wand. „Vorsichtig, Mylady, der Hut!“, mahnte Abigail, die ebenfalls gerade einstieg. „Oh, achja.“ Kira öffnete die Hutbänder. „Kann ich ihn hier drinnen absetzen?“ „Hier in der Kutsche ja, es ist ja schon bald dunkel draußen, da wird kaum jemand schauen. Aber ansonsten schickt es sich nicht, ohne Hut oder zumindest ein kleines Hütchen herauszugehen, wenn man eine Dame von Stand ist. Und das sind Sie ja nun.“ Kira nahm den Hut ab und schaute etwas verlegen zu Boden. „Noch nicht, eigentlich doch erst, wenn ich die Magisterprüfung bestehe, oder?“ „Naa, offiziell schon.“, beantwortete Abigail die Frage. „Aber auch sonst gehören Sie ja ab sofort zum Stand der Magier. Selbst wenn Sie Assistentin bleiben, nachdem Sie die Akademie beendet haben, sind Sie damit einem Adligen gleichgestellt. Also gewöhnen Sie sich daran.“ Sie grinste Kira freundlich an. „Man kann ja eh nichts daran ändern, als was man geboren wird, nicht?“ Kira nickte. Erschöpfung bereitete sich bleiern in ihr aus, und sie legte den Kopf wieder an die Wand und schloß die Augen, während die Kutsche sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Ankommen – 6. Lunet 242, Mafuristag

Magister Mitras öffnete ihr die Tür. „Pünktlich. Gut.“, sagte er knapp, ehe er die Tür ganz öffnete und sie in den Raum dahinter winkte. Kira seufzte innerlich erleichtert. Den ersten Test schien sie bestanden zu haben. Den guten Geistern sei Dank für ihr ganz passables Zeitgefühl und die Uhr in ihrem Zimmer. Sie schaute sich neugierig um. Der Raum hatte die Form eines L mit einem sehr dicken kurzen Balken zu ihrer Linken. Die lange Seite bog bei der Tür, in der sie gerade stand, rechtwinklig ab, und hatte die Länge des gesamten Hauses. Sie drehte sich nach links und trat hinter Mitras in diesen etwas kleineren der beiden Laborbereiche. Hier standen an der Wand zwei Schreibtische. Einer, der weitaus größere der beiden, war überladen mit Papieren und Notizen, zwischen denen einige Mineralien und Steine lagen, ebenso wie Federkiele und Tinte. Der andere war leer bis auf einige Blätter Papier und Schreibmaterial. Mitras war ihrem Blick gefolgt und wies auf den leeren Tisch: „Wenn Sie sich ausreichend eingearbeitet haben, wird dies Ihr Labortisch sein. Fürs Erste dürfen Sie den Raum aber nur in meiner Gegenwart betreten.“ Kira nickte und schaute weiter. Neben den Schreibtischen stand eine Säule, auf der ein roter Stein mit glatten Flächen lag. Kira vermutete, dass es ein besonders großes Mineral war, das vermutlich so gewachsen war, wie es da lag, da es an seinem unteren Ende noch halb von gewöhnlichem Stein bedeckt war. Daneben stand ein hoher Schrank mit diversen kleinen Schubladen, die sauber beschriftet waren. Aus einigen schauten Büschel getrockneter Kräuter oder Flaschenhälse hervor. In der Ecke schräg gegenüber der Tür stand ein Steintisch, der auf der einen Hälfte eine Vertiefung wie eine Schale hatte. Der Boden war getäfelt und nach dem Tisch durch einen kleinen Teppich vom rechten, größeren Bereich des Raumes getrennt, der bis auf ein Fenster an der vorderen Wand hin zur Auffahrt vor dem Gebäude fensterlos war. Hier befanden sich neben einem auf den Boden gemalten Kreis, in dem eine abgedeckte Säule stand, diverse Gerätschaften, die golden und silbern glänzten, einige mit Kuppeln oder kugelförmigen Behältnissen aus Glas. Sie schaute Mitras fragend an, traute sich aber nicht, laut zu fragen. Da auf dem Boden stand vermutlich mehr Gold und Silber, als alle Menschen in Bispar jemals würden zusammentragen können. Sie kam sich in ihrem nachgemachtem Samtrock – echter Samt war zu teuer, selbst für Händler wie Kiras Eltern – ein bisschen schäbig gegen all diesen Reichtum vor. Mitras runzelte ein bisschen die Stirn. „Lektion Eins: Fragen Sie, wenn sie etwas wissen wollen. Sie sind zum Lernen hier, also müssen Sie Fragen stellen.“ Kira fühlte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. „Ja, Magister. Wozu dienen diese Geräte?“ Er nickte, offenbar mit der Frage zufrieden. „Damit werden verschiedene magische Untersuchungen gemacht, etwa um magische Energie zu detektieren oder zu lenken. Sie sind äußerst empfindlich, also fassen Sie sie nicht an, ehe ich Sie nicht eingewiesen habe.“ Seine Schülerin nickte und hob die Hände, um anzuzeigen, dass sie nichts unerlaubt anfassen würde. „Nein, Magister. Ich werde nichts anfassen.“ Sie schaute sich nochmal um. So schnell würde sie vermutlich diesen Raum nicht mehr zu sehen bekommen. „Was ist das für ein Stein?“, fragte sie und deutete auf den roten Stein, der im linken Teil des Raumes auf der Säule stand. Mitras schmunzelte ein bisschen, Kira glaubte, Stolz in seinem Blick zu sehen. „Den dürfen sie einmal anfassen. Aber vorsichtig!“ Kira ging auf den Stein zu und hob die Hand. Ehe sie ihn berühren konnte, merkte sie bereits, dass eine starke, aber nicht unangenehme Wärme von ihm ausging. Vorsichtig fuhr sie in gebührendem Abstand mit der Hand über den Stein. „Er ist heiß.“, sagte sie erstaunt. „Richtig. Das ist eigentlich eine Spielerei, aber sehr praktisch. Ich hab ihn verzaubert, nun gibt er seine Essenz über einen langen Zeitraum als Wärme ab. Etwa einen Winter lang wird er so heizen und uns von der fürchterlichen Kohle im Haus bewahren. Danach zerfällt er.“ Kira dachte einen Moment nach. „In meinem Zimmer steht auch so einer, oder? Nur der ist weiß.“ „Richtig. Man kann beinahe jedes Mineral nehmen, das ohne Kupfer oder Eisen ist. Nur das Ritual zur Aktivierung ist leider ziemlich aufwendig.“ Kira betrachtete die goldenen Apparaturen zu ihrer Rechten und rezitierte nachdenklich den Spruch, den ihr Bruder Harras beigebracht hatte:


„Suchst du Zauber, such nicht Kupfer, nicht Eisen,
denn sie werden die falschen Wege dir weisen.
Suchst du aber Silber oder Gold,
so ist die Gunst der Magie dir hold.“

Mitras schaute sie prüfend von der Seite an. „Sehr gut. In der Tat spielt das Material, dass man nutzen will, eine große Rolle bei Verzauberungen und Ritualen. Woher kennen Sie den Spruch?“ „Unser Dorfpriester…“, murmelte Kira und schaute verlegen zur Seite. Sie hatte ja immer davon geträumt, ein magisches Talent zu haben, nicht heiraten zu müssen, sondern mehr von der Welt sehen zu dürfen, mehr lernen zu können. Deswegen hatte sie alles aufgesogen und auswendig gelernt, was Bruder Harras ihr über die magische Welt erzählt hatte, auch wenn er als Naturpriester natürlich eher den intuitiven Wegen der Magie zugewandt war. Aber vermutlich träumten alle kleinen Mädchen davon, mal große Magierinnen zu werden, oder? Sie hatte Glück gehabt, oder eben Pech, wenn man bedachte, was ihr „Talent“ schon angerichtet hatte, aber im Nachhinein betrachtet kamen ihr ihre Träumereien recht albern vor. Mitras schien sich nicht weiter darum zu kümmern, er ging stattdessen zur Tür des Labors und hielt sie ihr auffordernd auf.

Im Flur blieb er stehen, wartete, bis sie zu ihm herausgetreten war und deutete dann den Gang hinunter. „Zur linken haben wir hier drei Gästezimmer, das hinterste ist ja nun Ihres. Die Treppe rechts führt nach oben, dort sind Williams Zimmer. Rechts die erste Tür führt zu meinen Gemächern und die letzte Tür auf der rechten Seite ist die Bibliothekstür.“ „Darf ich die Bibliothek auch nutzen?“, fragte Kira gespannt. Eine Magierbibliothek, da gab es bestimmt viele tolle Bücher. Mitras dachte kurz nach und musterte sie dabei nachdenklich. „Ja, warum eigentlich nicht? Aber nehmen Sie keine Bücher heraus, alles muss ordentlich bleiben.“ Kira nickte. Der Magier wies mit der Hand die Treppe, an deren Ansatz sie standen, herunter. „Gehen Sie schon mal voraus, ich folge gleich.“ Er schloss die Tür zum Labor ab und folgte ihr dann die Treppe herunter in den großen Vorraum mit den gemusterten Fliesen. Am Ende der Treppe öffnete er die Tür zu seiner Linken und winkte sie in einen großen Salon. Er wirkte auf Kira beinahe länger als das Labor oben, was aber vermutlich daran lag, dass die hintere, von der Straße abgewandte Wand fehlte und durch einige Säulen ersetzt war. Dahinter begann ein heller Wintergarten. Die der Tür gegenüberliegende Wand war fensterlos und mit denselben elektrischen Kerzen ausgestattet, die auch im Flur hingen. Zwischen Ihnen hing ein großes Gemälde von einer Berglandschaft. In der Mitte des Raumes stand eine lange, leicht ovale Tafel, an der etwa 10 Personen sitzen konnten. Im restlichen Raum gab es verteilt einige Sessel und Tische, die zu kleinen Sitzgruppen zusammengestellt waren, und auch wieder Säulen mit verschiedenen Heizsteinen. Mitras führte sie durch den Raum in den Wintergarten. Seine rechte Wand war gemauert, durch die verglaste Front sah Kira auch, dass sich diese Wand in den verschneiten Garten dahinter fortsetzte. Die Glasfront bog sich als Halbrund in den Garten hinein und schloss an der Ecke wieder an die Hauswand an. Der Raum beinhaltete 4 Beete, zwei etwas breitere an den Seiten, ein schmales, dass sich an der gesamten Front hinzog und ein sichelmondförmiges in der Mitte des Raumes, in dessen Rundung eine Bank angebracht war. Davor stand einer kleiner, metallener Tisch und ein bequemer Sessel. Die Beete waren bis auf das, dass an der Wand des Hauses links lag, offenbar den Jahreszeiten gewidmet: An der langen Front sah Kira zarte Pastelltöne und Frühlingsblumen, rechts von ihr hingegen leuchteten Astern und Büsche mit buntem Laub zwischen hohen, auffälligen Gräsern. In der Mitte hingegen gab es sattes Grün und leuchtend bunte Blüten von verschiedenen Orchideen sowie einen großen Oleander, der aber anscheinend gerade nicht blühte. Das Beet an der Hauswand hingegen schien den trockenen Gebieten Gäas gewidmet zu sein: Zwischen kunstvoll drapierten Steinen und Mineralien wuchsen diverse Kakteen und ein kleiner Olivenbaum. Vielleicht auch eine besondere Anspielung an die Hochlandgegenden, die den Kern Albions bildeten, aber oft nur an den Anstiegen der Gebirgsketten ausreichend mit Wasser versorgt waren. Nur eine üppige Bougainvillia setze in dem Beet einen farblichen Akzent. Kira trat vorsichtig auf sie zu und betrachtet die bunten, pinken Blätter aus der Nähe. „Eine lebende Bougainvillia. So etwas habe ich bisher nur in Büchern gesehen. Sie sind schwierig zu bekommen, oder?“ Mitras zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie geschenkt bekommen.“ Kira beugte sich noch etwas näher an den Busch heran. „Wie winzig die echten Blüten sind.“, sagte sie und stupste einen der kleinen weißen Kelche an. Mitras räusperte sich. Er stand bereits wieder im Durchgang zum Salon. „Wollen wir?“ „Oh, äh, ja, klar.“ Rasch folgte Kira ihm, aber nicht ohne den Blick nochmal über den Raum streifen zu lassen. „Darf ich hierher zurückkommen?“ „Meinetwegen.“ Er öffnete eine Tür, die gleich neben den Säulen zurück ins Haus führte. Dahinter lag eine große Küche, in der ein mittelgroßer Mann mit schwarzen Locken gerade Gemüse in einen Topf gab. Er drehte sich kurz zu ihnen um, lies aber dabei den Topf nicht aus den Augen. „Kira, dass ist mein Koch William. William, dass ist meine neue Schülerin Kira Silva.“ Über das Gesicht des Mannes ging ein freundliches Strahlen. „Hallo, willkommen in meinem Reich! Hier gibt es alles, was der Magen begehrt!“ Er machte eine ausladende Handbewegung mit der freien Hand. „Ha! Wir haben jede Feinheit, die die edle Dame begehrt.“, sagte er mit der Stimme eines Markthändlers, der seine Waren anpries. „Hallo.“, sagte Kira verschüchtert. Die Küche war bis auf den Herd eine recht normale Küche, mit verschiedenen Schränken und Arbeitsplatten. Im hinteren Teil des Raumes gab es einen Treppenabgang nach unten, was man an einem Geländer erkennen konnte, an dem diverse Handtücher hingen, und eine Tür in den Nebenraum. Der Herd allerdings war seltsam: statt auf Flammen stand der Topf, in dem es eindeutig brutzelte, auf einer runden Platte aus Metall. Mitras nickte William zu und schaute dann zu Kira. „Es gibt Frühstück und Abendessen. Wenn Sie tagsüber etwas essen wollen, können Sie sich hier oder in der Speisekammer“, er deutete auf den Abgang, „bedienen, aber sprechen Sie sich nach Möglichkeit mit William ab. Nicht, dass plötzlich etwas für eine seiner köstlichen Pasteten fehlt.“ Wieder nickte Kira mechanisch. Sie hatte das Gefühl, eine ewig lange Wanderung gemacht zu haben – was ja eigentlich auch stimmte. Mitras beachtete sie gar nicht weiter und ging schon durch eine Tür zur Linken, die neben der Treppe in den Vorraum des Hauses mündete. „Da geht es zum Keller.“ sagte er mit einer Handbewegung zu einer Tür unter dem Treppenaufgang. Mit einer zweiten Bewegung wies er auf zwei schmalere Türen an der Wand gegenüber: „Und dort sind Toiletten, für Männer und Frauen getrennt.“ Er ging an der Wand, aus der sie gerade getreten waren, entlang in einen Flur, der wohl parallel zum Flur über ihnen lag. Auch hier gab es einen rostroten Teppich und die grauen, leicht strukturierten Tapeten. Auch hier hingen einige Herbst- und Winterbilder an der Wand zu ihrer Rechten. Die linke Wand war mit einem sehr großen Gemälde einer Seeschlacht verziert, mit schweren, eisernen Kriegsschiffen und glühenden Feuern als Kontrast. Das Bild überraschte Kira, es war viel gewaltvoller als alles, was sie bisher im Haus gesehen hatte, außerdem passte das Motiv nicht so recht zu dem friedlichen, sonnendurchschienen Wald, der in Tupftechnik auf dem Bild an der rechten Wand hing. Es muss ein Vermögen gekostet haben, dachte Kira, so groß. Was für eine Schlacht es wohl darstellte? Sie suchte nach Abzeichen und Wappen, die einen Hinweis geben konnten, aber es war draußen bereits völlig dunkel und das Licht der elektrischen Kerzen erhellte den Flur nicht genug. Mitras, der ohne sich umzusehen voraus gegangen war, öffnete nach einigen Metern die einzige Tür links im Flur und schaute sie auffordernd an, ehe er den Raum dahinter betrat. Kira folgte ihm, blieb dann aber verblüfft in der Türöffnung stehen. Vor ihr öffnete sich ein großes Bad. In der Mitte war ein großes, jetzt leeres Becken, umgeben von einer schmalen Bank, auf der eine Seifenschale und ein Schwamm lagen. An der rechten Seite gab es einige Vorhänge, die nun zurückgezogen waren, und normalerweise wohl einen Bereich mit einem kleinen Waschzuber und eine Umkleide verdeckten. An der linken Seite gab es ebensolche Türen wie im Vorraum, vermutlich waren die Toiletten von beiden Seiten betretbar. An der Wand ihr gegenüber war ein Fenster hinter zugezogenen Vorhängen und zwischen ihnen der größte Spiegel, den Kira je gesehen hatte – polierte Metallspiegel mit eingeschlossen, und dieser war sogar aus Glas. Verblüfft betrachtete Kira sich eine Weile selber, der schwarze Rock schwang um ihre Beine und die Haare lösten sich schon langsam wieder aus der Spange. „Sie können jederzeit hier baden, sagen Sie einfach Abigail Bescheid.“, sagte Mitras, was sie zusammenzucken lies. „Ja, aber… werde ich dann nicht Sie stören?“, fragte sie. Er schüttelte den Kopf. „Abigail weiß schon, wann ich das Bad nutzen will, und wird es Ihnen sagen.“ Er kam auf sie zu, und Kira wich in den Flur zurück, so dass er die Tür hinter ihnen schließen konnte. „Am Ende des Ganges ist nur eine Abstellkammer, fragen sie Abigail, wenn sie etwas daraus brauchen. Und hier, “ er öffnete dabei die Tür gegenüber vom Bad, „ist unser Esszimmer.“

Die beiden betraten ein kleines, gemütliches Zimmer, in dem neben einer Kommode an der rechten Wand ein Esstisch für sechs Personen stand, der nun gerade von William und Abigail gedeckt wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite öffneten eine Glastür und ein großes Fenster einen Blick auf den verschneiten, aber nun im Dunklen liegenden Garten. An der linken Wand waren wieder Kerzenlampen angebracht, und zwischen ihnen das Bild einer kleinen Familie in einem sommerlichen Garten, die Mutter saß mit einer kleinen Tochter auf einer Schaukel im Vordergrund, vom Betrachter abgewandt, und im Hintergrund spielte der Vater mit einem Kind, vermutlich seinem Sohn, wenn man dem Kitsch ganz folgen würde. Obwohl es eindeutig eine sehr klischeehafte Szene war, verbreitete das Bild eine Art heitere Gelassenheit, die in den ganzen Raum ausstrahlte. Kira fiel trotz ihrer Müdigkeit auf, dass die Hortensien aus dem Bild sich auf der gegenüberliegenden Kommode wiederfanden, als gemalte Zirate auf den Schubladen und als angedeutete Formen in den Griffen. Nichts in diesem Haus, dachte sie, ist zufällig. Alles ist durchgeplant, aber es ist nicht kalt, sondern wunderschön. Mitras trat an den Tisch, zog einen Stuhl zurück und forderte sie mit einer Geste auf, sich zu setzen, eine Aufforderung, der Kira nur zu gerne nachkam. William brachte gerade aus der Tür an der Seite neben der Kommode, die vermutlich zur Küche führte, eine letzte Schüssel, Abigail saß bereits auf dem Stuhl schräg gegenüber von Kira.

In diesem Moment ging die Tür zum Garten auf und brachte einen eisigen Hauch frische Luft mit sich. Durch die Tür trat ein etwas rundlicher Mann, der etwas kleiner als William, aber größer als Abigail war. Er trug feste Schuhe, die er nun ausklopfte und in eine dafür bereitstehende, viereckige Schale neben der Tür stellte, eine Arbeitshose und eine Arbeitsjacke. „Hmmm, das riecht aber nach Festtag hier!“, rief er, während er die Jacke auszog und an einen Kleiderhaken neben der Kommode hing. Er ging zu Abigail, beugte sich über sie und küsste sie flüchtig auf den Mund, ehe er sich zu Mitras, der sich links neben Kira gesetzt hatte, umdrehte und eine kleine Verbeugung andeutete. Mitras schunzelte ein wenig. „Kira, darf ich dir Tobey vorstellen? Er kümmert sich um alles, was am Haus und Garten getan werden muss, und wie du vielleicht schon vermutest, auch darum, dass unsere gute Abigail nie unzufrieden wird.“ Abigail grinste breit. Tobey verbeugte sich etwas tiefer vor Kira als er es bei Mitras getan hatte. „Ahhh, also ist unser Überraschungsgast endlich angekommen. Vielen Dank, junge Dame, dass ihr hier seid, so gutes Essen gibt es nicht alle Tage.“ Dabei klopfte er an eine der Schüsseln, in denen wohl ein Gulasch war, und zwinkerte ihr vielsagend zu. Trotz ihrer Müdigkeit und Scheu musste Kira kichern. Tobey hatte irgendwie etwas von Bruder Harras, so erdig und witzig. Sie spürte, dass sie ihn mochte. „Ich freue mich sehr, hier sein zu dürfen.“, sagte sie, und lächelte ihn und Abigail an, die ihr Lächeln erwiderten. „Na, dann soll es auch nicht kalt werden, das gute Essen.“, eröffnete William, und begann, sich und Mitras die Teller zu füllen. An der gegenüberliegenden Seite füllte Abigail erst Tobey, dann sich auf und reichte die Kelle an Kira. „Nimm dir, was du magst und wie viel du magst, ja? Nicht, dass du uns hier irgendwann vom Fleisch fällst, so zart, wie du bist.“ Kira nahm den Löffel und lief ein kleines bisschen rot an. So dünn bin ich gar nicht, dachte sie. Allerdings hatte sie tatsächlich schon wieder Hunger, die Sandwiches von vorhin schienen nur kaum die erste Not gestillt zu haben. Also füllte sie sich auf und staunte, was es alles gab: Da war das Gulasch, mit großen Stücken Fleisch darin, Kartoffeln mit Petersilie, Rotkohl mit Äpfeln, kleine Stücke von Blätterteig, gefüllt mit einer Art von Pastete – Kira bewunderte besonders die Lilien, die oben in den Teig gestochen waren und durch die man die Füllung sehen konnte – und Birnen mit Kompott. In einem Korb waren dicke Scheiben Weißbrot und einige, etwas dünnere Scheiben eines Graubrotes mit einer zerklüfteten Kruste. Eine Weile war um den Tisch herum nichts zu hören als das geschäftige Klappern von Geschirr, das Kauen und seliges Seufzen von Tobey, als er sich schließlich in seinem Stuhl zurücklehnte und sich über den nun noch etwas runderen Bauch strich. „William, du bist wirklich ein Gott in der Küche.“ William, der links neben Mitras saß, schmunzelte und erwiderte: „Na, stets zu Diensten, Tobey, stets zu Diensten.“ Alle am Tisch lächelten, als sei das etwas, was die beiden jeden Abend zueinander sagten, eine Art Familienritual. Kira beugte sich etwas tiefer über ihren Teller, um die Tränen zu verbergen, die sich ein wenig in ihre Augenwinkel geschlichen hatten. Sie würde ihre Familie lange nicht mehr wiedersehen. Und auch wenn ihre Eltern sie ja nun schneller loswerden wollten als die Reste aus dem Abtritt, sie vermisste ihre Brüder, insbesondere den ältesten, ein wenig. Adrian war nicht da gewesen, als dieser ganze Unfall passiert war. Was er wohl sagen würde, wenn er es erzählt bekam? Ob er auch glauben würde, was der Johann allen erzählt hatte, dass sie ihn einfach angegriffen habe? Ihr ältester Bruder hatte eigentlich immer für sie eingestanden, und Kira verehrte ihn zutiefst. Sie schaute vorsichtig hoch. Abigail hatte ebenfalls aufgehört zu essen und beugte sich gerade zu Tobey, um seinen Teller einzusammeln. Dieser nutze die Gelegenheit, sie auf den Hinterkopf zu küssen und über ihren Rücken zu streichen. Kira fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Neugierde und Verblüffung. Sie hatte noch nie gesehen, dass Erwachsene ihre Zuneigung derart öffentlich zur Schau stellten. Sie schaute zu Mitras, doch der war völlig in sein Essen vertieft und schien sich an dem Verhalten seiner Bediensteten kein bisschen zu stören. Stattdessen angelte er sich eine weitere Kartoffel aus der Schüssel und wischte damit ziemlich elegant den Rest der Gulaschsoße auf. Wie eine Familie, dachte Kira, nicht wie ein Herr mit Angestellten. Vielleicht eine neue Familie für mich? Es fühlte sich fast wie ein Keim von Hoffnung an, aber sie traute sich nicht, es ganz zu hoffen. Meistens führt Hoffnung eh nur dazu, das man enttäuscht wird. Alles in diesem Haus war seltsam, wundervoll, magisch und so gut… bestimmt würde sie morgen im Heuschuber von Bruder Harras aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

„Wo kommst du denn eigentlich her?“ Kira schreckte aus ihren Gedanken auf und schaute Abigail an, die sich ein Glas Wein eingeschenkt hatte und sie erwartungsvoll anschaute. „Äh… aus Bispar.“ „Bispar?“ Abigail runzelte die Stirn. „Nie gehört…“ „Da hast du nichts verpasst.“, murmelte Kira leise, doch wohl nicht leise genug, denn sie hörte, wie Mitras neben ihr ein kleines, amüsiertes Schnauben von sich gab. „Es liegt bei Lührenburg.“, sagte sie lauter. „Ah, Richtung Küste. Hast du das Meer schonmal gesehen?“, setze Abigail das Gespräch fort. „Ja, einmal.“ Kira schwieg und legte das Besteck sorgfältig auf dem Teller ab, Messer und Gabel nebeneinander, so wie man es macht, wenn man nicht mehr essen mag. Adrian hatte sie einmal dort mit hingenommen. Man musste ihr ansehen, dass die Erinnerung sie gerade nicht besonders glücklich machte, denn Abigail überging ihre einsilbige Antwort und fragte gleich weiter: „Also ist das ein kleines Dorf, ja, Bispar? Und deine Eltern, was machen die?“ „Sie handeln, meistens mit Lebensmitteln oder was man sonst so braucht und auch mit dem Schmuck aus Granit, der in der Gegend gemacht wird, oder sowas….“ Kira zog die Muschelkette, die sie immer trug, aus ihrem Ausschnitt und zeigte sie Abigail und Tobey, die sich beide interessiert nach vorne beugten. „Oh, wie hübsch!“, kommentierte Abigail begeistert. „Das habe ich auch hier schonmal in einem Laden gesehen. Die Muscheln werden von Hand zu solchen Scheiben geschliffen, oder?“ Kira zuckte mit den Schultern. „Ich glaube schon, ich hab nie einen Handwerker dabei gesehen, immer nur, wenn sie fertig waren…“ Sie spürte, wie müde sie war, so sehr müde. Diese andere Welt, dieses Bispar, der Unfall, die Tage in ihrem Zimmer, das wirkte so weit weg nach diesem Tag und den ganzen Eindrücken. Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. „Ich glaube, unser Gast kann dir später noch genug vom platten, so wahnsinnig interessanten Landleben erzählen.“, sagte Mitras und wandte sích mit einem kleinen Lächeln an Kira. „Jetzt sollten Sie besser schlafen gehen.“ Kira nickte. Nun, da sie endlich ganz satt war, stieg die Müdigkeit immer schneller in ihr auf. Sie stand auf, nahm ihren Teller und sammelte ihr Besteck ein. „Lass stehen, Kindchen.“ Abigail griff über den Tisch nach ihrem Arm und drückte ihn leicht wieder herunter. „William und Tobey machen das gleich. Ich bringe dich jetzt erst mal nach oben. Mitras hat Recht, du schläfst uns ja sonst noch halb auf der Treppe ein.“ Kira lies den Teller los. „Aber…“ „Kein Aber.“ Mitras blickte sie an, und Kira hatte fast das Gefühl, ihr Herz würde ihr wieder in die Hose rutschen wie bei ihrer ersten Begegnung, so streng war sein Blick. Abigail stand auf, ging um den Tisch, rückte ihren Stuhl ab und führte sie aus dem Raum, was Kira ohne weiteren Protest über sich ergehen ließ. Erst in der Tür hatte sie sich so weit wieder gesammelt, dass sie ein „Gute Nacht!“ über die Schulter rufen konnte, was von drinnen von den Männern freundlich erwidert wurde. Kira hörte nur Mitras Stimme und stellte erleichtert fest, dass er nicht böse zu sein schien. So schnell das Gefühl der Dominanz und Verärgerung gekommen war, so schnell war es auch wieder aus seiner Haltung und Stimme verschwunden, und Kira seufzte erleichtert, während Abigail sie durch den Flur zur Treppe führte. Oben in ihrem Zimmer angekommen ließ sie sich aufs Bett fallen. „Du musst dich ausziehen, Kindchen, sonst schläfst du schlecht.“, sagte Abigail, als sie den Raum verließ. Kira nickte mit geschlossenen Augen, kämpfte sich dann aber nochmal hoch und begann, sich auszuziehen. Trotz des Winters heizte der Stein am Schreibtisch den Raum gut. Einen Schlafanzug brauche ich wohl nicht, dachte sie, also warf sie ihre Kleidung einfach auf den Boden und kroch rasch unter die dicke, flauschige Decke, die auf ihrem Bett lag. Und ehe sie noch über irgendetwas nachdenken konnte, schlief sie bereits.

„Na, was hältst du von der Kleinen? Wirst du sie ausbilden können?“, fragte William während er den Tisch abräumte. „Sie ist kein totaler Reinfall,“ gab Mitras zu. „Als es hieß, dass meine erste Schülerin ein Mädchen vom Land sein würde, dachte ich, dass mir jemand – vermutlich Thadeus – ein faules Landei unterschieben wollte, um meinen Ruf zu schädigen und vielleicht war das sogar die Absicht. Aber ihre Prüfung hat ein exzellentes Talent aufgezeigt und sie weiß deutlich mehr, als man ihr zutraut. Aber verdammt noch eins, sie ist immer noch ein naives Kind, lässt sich von jeder schönen Blume ablenken.“ „Ha, ein gefundenes Fressen also wohl für die ‚feine Gesellschaft‘. Das Pack wird sie in Stücke reißen, wenn du nicht auf sie aufpasst. So verschüchtert wie sie jetzt noch ist, werden sie wohl wie die Haie über eine blutende Robbe herfallen.“, sagte William mahnend. „Ja, das könnte in der Tat ein Problem werden, nichts bei ihr zu Haus kann sie auf Uldum und den Sumpf aus Intrigen, Lügen und Verrat hier vorbereiten.“ „Ha! Jetzt tu nicht so, als wenn du dieses Spiel nicht selber spielen würdest. Wir beide wissen doch wohl, dass du deinen Reichtum nicht nur deiner Fähigkeit als Magier verdankst.“, warf William ihm zwinkernd an den Kopf. Er war ihm stets treu geblieben, auch als Mitras sich plötzlich mitten in der Gesellschaft wieder fand, über welche die beiden sich früher immer lustig gemacht hatten. Sein alter Kindheitsfreund hatte ihn stets unterstützt, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Ein Sohn aus gutem Hause der Hauptstadt mit einem Bengel aus dem fahrenden Volk. Was dachte sich der Junge nur! Aber Mitras dachte nie auch nur daran, sich von William abzuwenden. Und letztendlich war aus dem schlaksigen Burschen mit zu vielen Locken und zu vielen Flausen im Kopf ein überragender Koch geworden. Es war nur logisch, ihn anzustellen, nur ahnte keiner, dass William noch ganz andere Talente hatte, als den perfekten Rehrücken zuzubereiten. Ohne ihn wäre Mitras niemals in den Besitz des Buches gekommen, dem er all das hier verdankte. Und seinem Freund genügte es weiter kochen zu können und sich immer weiter zu verbessern. Mitras empfing nur selten Gäste, aber alle schwärmten im nachhinein vom Essen, das serviert wurde.

Abigail kam wieder herein, nachdem sie die Schülerin zu Bett gebracht hatte. „Tobey ist bereits drüben, Abby.“, informierte Mitras sie. „Ich werde nun noch ein Bad nehmen, aber das bekomme ich auch alleine hin. Oh, und ich habe eine Bitte an dich. Die Kleine weiß sich zu kleiden, aber das, was sie hat, genügt für die Hauptstadt nicht. Ich möchte, dass du sie morgen mit in die Stadt nimmst und dafür sorgst, dass sie etwas standesgemäßes zum Anziehen bekommt. Sie braucht eine Magierrobe für zeremonielle Anlässe, ein paar Freizeit Garnituren und ein paar Kleider für offizielle Anlässe. Du weißt besser als ich, was sie brauchen wird, sei nicht sparsam.“ „Aber natürlich nicht! Oh, sie wird gar nicht wissen, wie ihr geschieht!“, gluckste die Haushälterin fröhlich. Sie war bei der Aussicht, Kira mit Geschenken zu überhäufen, sichtlich amüsiert. Tobey und sie waren nahezu mittellos gewesen und kurz davor auf der Straße zu landen, als er die beiden als seine Diener aufgenommen hatte und dafür waren sie ihm ebenso wie für die gute Behandlung unendlich dankbar. Ihre nun deutlich bessere Lage verdankten sie aber tatsächlich William. Er war es, der sie ausgewählt und beobachtet hatte. Sie waren gute Menschen mit einer großen Menge Pech, aber ehrlich und anständig und vor allem loyal. Mitras wusste, dass er sich auf die beiden nun genauso verlassen konnte, wie auf William auch. Abigail war ursprünglich eine begabte Schneiderin und Ausstatterin und hatte ein gutes Gespür für Mode. Doch dann geriet sie ins Visier einer Adligen, der es missfallen hatte, dass eine ihrer nichtadeligen Gäste ein schöneres Kleid als sie selbst trug. Und da sie der Dame nichts anhaben konnte, war sie doch bei der Händlerfamilie, deren Tochter Ziel ihres Neides war, hoch verschuldet, zielte sie stattdessen auf die Schneiderin ab. Und in kürzester Zeit war Abigail komplett ruiniert, was Ihrer Leidenschaft für schöne Kleidung jedoch, den Geistern sei Dank, keinen Abbruch getan hatte. Sie hatte ihn nun schon oft stilsicher beraten und er wusste Kira bei ihr in besten Händen. Jedenfalls musste er sich keine Sorgen machen, dass sie aufgrund von schlechter Kleidung negativ auffiel. Auch in Sachen Etikette war Abigail sehr bewandert und er wusste, dass sie dafür sorgen würde, dass das Mädchen alles nötige wissen würde, bevor es ins ‚Haifischbecken‘ ging.

„Ich wünsche dann eine gute Nacht.“ , sagte sie und verließ das Haus. „Gut, William, wie gesagt, ich nehme noch ein Bad, ehe ich mit der Meditation beginne. Heute Nacht werde ich mich um den Generator kümmern müssen, für mich also ein etwas kräftigeres Frühstück, bitte. Ich denke mal, dass ich unseren neusten Zuwachs um Neun hier antreffen werde. Abby soll sie nicht vorher wecken, die nächsten Wochen werden anstrengend genug für sie.“ „Du wirst sie doch wohl hoffentlich nicht genauso schinden wie dieser elendige Thadeus dich, oder?“ Williams Blick wirkte schon fast vorwurfsvoll. „Thadeus ist ein elendiger Menschenschinder, der sich am Leid anderer ergötzt. Also nein, so hart werde ich es ihr nicht machen. Ich werde es ihr aber auch nicht leicht machen, dafür hängt auch zu viel für mich davon ab. Und noch ist unklar, ob sie wirklich charakterlich geeignet ist. Sie hat als erste magische Handlung einem Kameraden die Hände so verdreht, dass ein zweitägiges Ritual nötig war, um ihn halbwegs wieder arbeitsfähig zu machen. Ich will, dass sie wegen meiner Ausbildung zu einer Magierin wird und nicht trotz ihr. Es soll sich ruhig rumsprechen, dass ich ein besserer Lehrmeister bin, als Thadeus es war.“ „Na, wenn du meinst. Im Moment wirkt sie doch wohl sehr eingeschüchtert und überhaupt nicht grausam. Pass also auf, dass du sie nicht zu hart ran nimmst.“ „Ja, William-Papi, ich werde mich bemühen.“ Mitras zwinkerte ihm amüsiert und genervt zugleich zu. „Aber jetzt wartet die Wanne auf mich.“

Mitras stand auf und ging nach oben in sein Zimmer, um sich noch ein paar Sachen zu holen. Er griff sich eine einfache weiche Stoffhose, ein paar Pantoffeln und seinen Morgenmantel. Das würde für den Rückweg nach dem Bad reichen. Als er sich zur Tür herum drehte, blieb sein Blick am Spiegel seines Waschtisches hängen. Dieser war verzaubert und zeigte ihm – und nur ihm – einen Blick aus den anderen Spiegeln des Hauses. Neugierig geworden murmelte er die Formel, um den Spiegel zu aktivieren und zeichnete die entsprechende Rune für Kiras Zimmer auf die Stelle am Rahmen, die dafür vorgesehen war.

Diese Form der Hausüberwachung war sehr ins Geld gegangen, da nur Spiegel mit einem Silberrücken dafür in Frage kamen. Diese noch neuen und teuren Spiegel gaben ein viel besseres Bild, als die mit alten Techniken hergestellten, die zum Beispiel Zinn verwendeten. Zinn blockte zwar die magische Energie nicht so wie Kupfer ab, aber es war deutlich schwerer zu verzaubern als Silber und für einen derart aufwendigen Zauber ungeeignet.

Nun blickte er in ihr Zimmer, wie er es schon bei vielen seiner Gäste zuvor getan hatte. Er wusste auch gar nicht so genau, wieso er das eigentlich tat, aber als der Spiegel in sein Blickfeld geraten war, überkam ihn eine unstillbare Neugier. Vielleicht war es auch ein wenig die Gewöhnung an die paranoide Überwachung, mit der er sich in der letzten Zeit schon erfolgreich gegen einige spionierende Gäste gewehrt hatte. Auch wenn der Raum dunkel war, zeigte der Spiegel ihn immer, als wäre er taghell erleuchtet. Und so konnte er einen guten Blick auf sie werfen, wie sie in ihre Decke eingewickelt in ihrem Bett lag. Sie musste sofort schlafen gegangen sein, nachdem Abigail sie hoch gebracht hatte, denn so lange war das noch nicht her. Er nahm sich die Zeit, sie nun einmal ausführlich zu betrachten. Ihr Gesicht war ihm zugewandt. Mitras betrachtete es eine Weile, so gut es aus der Entfernung des Spiegels ging, und stellte fest, dass es angenehm symmetrisch war. Kleine Strähnen ihres Haares ringelten sich verschmitzt bis an ihren leicht geöffneten Mund. Er hatte fast das Gefühl, das rote Schimmern selbst aus dieser Distanz sehen zu können. Ihr Körper war komplett unter der Decke verschwunden. Er merkte, dass ihn dies störte, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Sie war doch eigentlich viel zu jung für ihn, aber wie er ihr so ins Gesicht sah, merkte er, dass sie doch etwas Faszinierendes an sich hatte.

Er riss sich vom Spiegel los und deaktivierte ihn. Was war nur in ihn gefahren! Auch wenn sie schon deutlich mehr Frau als Kind war, so war sie immer noch seine Schülerin. Sie würde ihn sicherlich auch nicht attraktiv finden. Er durfte sich nicht zu sehr ablenken lassen, nur weil ein Teil von ihm fand, dass sie doch ein sehr schönes Gesicht habe. Er nahm seine Wechselsachen wieder auf, ging schnell runter ins Bad, entkleidete sich, ließ warmes Wasser in das Becken ein und gab ein Schaumbad hinzu. Dann wandte er sich dem Eimer mit der Schöpfkelle zu und kippte ihn sich gleich ganz über den Kopf. Das kalte Wasser half ihm, wieder zu klaren Gedanken zu kommen.

Er ließ sich in die Wanne gleiten und spürte die Wärme in seine Glieder steigen. Seit Wochen nun trat er auf der Stelle. Die ganze Prozedur der Verzauberung ging komplett spurlos an dem Material vorbei. Er konnte die Zylinder praktisch beliebig oft wiederverwenden. An ihm selbst ging das Ganze aber überhaupt nicht spurlos vorbei. So viel Magie zu kanalisieren war ziemlich anstrengend, vom Schlafmangel ganz zu schweigen. Dem üppigen Frühstück würde bald ein kräftiges Mittagessen folgen müssen. Dann konnte er sich wieder seinen Studien widmen und weiter versuchen, die Wirkung des Zaubers zu verlängern oder Wege finden wie das Elektrum mehr Magie aufnehmen konnte. Tagsüber traute er sich nicht, das Laden vorzunehmen – zu lang dauerte die Meditation, bei der er ungestört sein musste und zu groß war seine Sorge, jemand könnte hinter die Geheimnisse des Generators gelangen.

Er experimentierte immer wieder mit unterschiedlichen Zylindergrößen herum, aber das jetzige Format schien das beste Potential zu bieten. Blieb also nur der Zauber. Zwei Tage ließ sich die Bewegung halten, danach wurde sie instabil und der Zylinder begann sich in andere Richtungen als die gewünschte zu bewegen, was den ganzen Generator zerstören konnte. Nun studierte er gängige Werke der Telekinese, um einen Langzeitzauber zu erfinden.

Er ging noch eine Weile seinen Gedanken nach. Kira hatte ihn effektiv einen halben Tag gekostet. Aber die nächsten Wochen würde sie sehr viel Zeit im Selbststudium verbringen. Immerhin musste er ihr das Lesen nicht auch noch erst beibringen. Die Frage war, wie es um ihre mathematischen Kenntnisse stand. Im schlimmsten Fall musste er ihr einen Mathematiklehrer besorgen. Das ewige neu Laden der Zylinder und jetzt noch eine Schülerin. So würde er nie voran kommen. Wenn die Straße wenigstens an eins der Kraftwerke angeschlossen wäre , dann könnte er seinen Generator stehen lassen und nur zu Versuchszwecken betreiben. Aber bisher war das komplette Viertel noch unerschlossen, er hatte nicht den geringsten Schimmer, wieso. Außerdem brachte der Stromverkauf wirklich ein stattliches Sümmchen zusammen, auch wenn das Einkommen vom Verkauf des Elektrums für alle seine Ausgaben durchaus gereicht hätte. Eigentlich müsste er mal einen zweiten Generator für den Schuppen bauen, überlegte er. Zumindest sobald das Problem mit der Zauberdauer gelöst wäre. Im Moment würde er nicht genug Kraft für beide aufbringen können.

Wie dem auch sei, er musste sich nun fertig machen. Er ließ das Wasser ablaufen, stieg aus der Wanne und trocknete sich ab. Als er sich angezogen hatte, ging er nach oben und begann in seinem Schlafzimmer den Meditationszirkel vorzubereiten.